Content

5. Schulamt in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 47 - 62

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-47

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
47 5. Schulamt Die kommunalen Schulämter und Schulen nahmen eine Sonderstellung im Dritten Reich ein: Durch den Schulbesuch konnten Kinder und Jugendliche stark indoktriniert werden, wodurch das nationalsozialistische Gedankengut noch zusätzlich in die Elternhäuser gelangen konnte. Zudem sind sowohl das Schulamt als auch einzelne Mülheimer Schulen als Arbeitsstätte der Verwaltungsmitarbeiter und Lehrkräfte von Interesse. Im Schulbereich ist die Überordnung des Regierungspräsidiums und der Provinzialregierung gegenüber dem städtischen Schulamt besonders zu berücksichtigen.218 Eine ähnliche Kompetenzverteilung ist auch heute noch im Schulwesen verankert, da einige Aufgaben bei den örtlichen Gemeinden liegen, während für andere Thematiken das jeweils übergeordnete Bundesland zuständig ist. 218 Vgl. Romeyk, H. (1988). Kleine Verwaltungsgeschichte Nordrhein-Westfalens. 1. Auflage. Siegburg: Respublica, S. 149. 5.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es in Mülheim an der Ruhr Volksschulen, ergänzt durch höhere Lehranstalten sowie Mittelschulen und Berufsschulen.219 Die Volksschulen bestanden aus insgesamt acht Jahrgängen, von denen die unteren vier Klassen die Primarstufe bildeten.220 5.1.1 Schulgebäude und deren Nutzung Die Gestaltung und Nutzung der Mülheimer Schulgebäude wandelte sich im Laufe des Dritten Reichs. Die Schulen trugen in der Regel Hakenkreuzflaggen221 und es wurden z. B. Bilder von Adolf Hitler aufgehangen.222 Außerdem wurden aus den Schulen Gemälde und sonstige Kunstwerke entfernt, die nicht mehr dem Kunstbegriff der Nationalsozialisten entsprachen.223 Schulgebäude und deren Inventar konnten zweckentfremdet werden, z. B. Schränke für Krankenhäuser.224 Der HJ mussten Schulräume225 und der Luftschutzpolizei gleich ganze Schulgebäude zur Verfügung gestellt werden.226 Zudem wurden Unterrichtsräume tageweise zur 219 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Oberbürgermeister vom 2. März 1938, unpaginiert. 220 Vgl. ebd., Schnellbrief Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 12. April 1939, unpaginiert. 221 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 21. Juni 1933, unpaginiert. 222 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 9. August 1933, unpaginiert. 223 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 83. 224 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 1. 225 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Oberbürgermeister vom 21. April 1934, unpaginiert. 226 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 12. 48 Schulamt Ausgabe von Lebensmittelkarten benutzt.227 Während des Krieges wurden auch ausgebombte, obdachlose Familien gegen eine Nutzungsentschädigung in Klassenräumen einquartiert.228 Darüber hinaus wurden in Mülheimer Schulen Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter untergebracht, beispielsweise aus Polen229 und der Ukraine.230 Kriegsvorbereitende Maßnahmen gewannen auch in den Mülheimer Schulen immer mehr an Bedeutung, so wurden Verdunkelungseinrichtungen installiert231 und Vorträge zum Luftschutz abgehalten.232 Durch die späteren Luftangriffe während des Krieges wurden viele Mülheimer Schulgebäude beschädigt, sodass es gerade in den letzten Kriegsjahren immer schwieriger wurde geeigneten Schulraum zu finden.233 Dieses Problem erübrigte sich jedoch teilweise durch die Abwesenheit von Schülerinnen und Schülern durch die Kinderlandverschickung. 5.1.2 Kinderlandverschickung In den Kriegsjahren sollten Schulkinder aus Ballungsräumen in ländlichen Gebieten in Sicherheit gebracht werden. Diese Kinderlandverschickung war freiwillig und bei den Mülheimer Eltern eher unbeliebt. Aus organisatorischen Gründen bevorzugte das Schulamt die Evakuierung ganzer Schulklassen samt Lehrpersonal. Auch die bereits 227 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Abschrift Schreiben Oberbürgermeister an Schulamt vom 20. Januar 1940, unpaginiert. 228 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 4. 229 Vgl. ebd., Bl. 1. 230 Vgl. ebd., Bl. 15. 231 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom März 1935, unpaginiert. 232 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 5. Juli 1933, unpaginiert. 233 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 24 und 28. 49 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr erwähnte anderweitige Nutzung der Schulgebäude spielte dabei eine wichtige Rolle.234 Im Oktober 1943 waren alle höheren Schulen Mülheims verlegt und nur noch die Berufsschule war voll in Betrieb. Lediglich die Luftwaffenhelfer der höheren Jungenschulen sollten im Stadtgebiet verbleiben. Die Volksschulen waren komplett geschlossen, allerdings nahmen nicht alle Schülerinnen und Schüler an der Kinderlandverschickung teil.235 Es befanden sich beispielsweise Schüler der Mittelschule und der Gymnasien in verschiedenen Orten im heutigen Tschechien236 und weitere Kinder und Jugendliche im heutigen Österreich. Neben den Lehrerinnen und Lehrern konnten zudem ältere HJ-Mitglieder jüngere Klassen begleiten.237 5.1.3 Schulbücher und Schulbüchereien Bereits ab 1933 erfolgten Überarbeitungen der Schullektüren und Säuberungen der Schulbüchereien. Zukünftig sollte die Schulliteratur nationalsozialistisch ausgerichtet sein.238 Bücher jüdischer Autoren und Autorinnen sowie Bücher religiöser239 oder marxistisch-kommunistischer Weltanschauung wurden verboten und beschlagnahmt.240 234 Vgl. Werntgen, W. (2002). Schule im Zweiten Weltkrieg. Umfeld u. Praxis der Sammeloberschulen im Regierungsbezirk Düsseldorf. 1. Auflage. Köln: Hundt, S. 30ff. (künftig zitiert: Werntgen, 2002). 235 Vgl. ebd., S. 35. 236 Vgl. Auberg, H. W. (1993). Kinderlandverschickung vor 50 Jahren. Mülheimer Jungen finden Zuflucht in Böhmen und Mähren. In Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). (66/1993), S. 591. 237 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 6.2. 238 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 72. 239 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 7. Juni 1940, unpaginiert. 240 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 86. 50 Schulamt Für die Schulbüchereien wurde künftig Literatur „aus dem Gebiet der Rasse, Geschichte, Vorgeschichte und nationalsozialistischen Bewegung“241 empfohlen.242 Zudem gab es neue, nationalsozialistische Geschichtsbücher für den Unterricht243 und Schriften der Heeresfürsorgestelle wurden in Schulen eingesetzt, um die Kinder und Jugendlichen für das Soldatenleben zu begeistern.244 Auch den Lehrerinnen und Lehrern wurde vorgeschrieben bestimmte Schriften wie Hitlers „Mein Kampf “245 oder „Deutsches Bildungswesen“ zu lesen, die die Schulen für ihre Beschäftigten bestellen sollten.246 5.1.4 Unterricht, Schülerinnen und Schüler Die Stoffverteilungspläne wurden auf den Krieg ausgerichtet. Die Schülerinnen und Schüler sollten über Ziele, Erfolge und Kriegsgegner informiert werden.247 Schon in der Primarstufe wurden Unterrichtseinheiten wie „Wir spielen SA“248 oder „Warum ich gern zur Reichswehr will“ behandelt249 und für ältere Jugendliche stand z. B. die rassistische Schrift „Was muss der Nationalsozialist von der Vererbung wissen?“ auf dem Lehrplan.250 241 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 77. 242 Vgl. ebd., Bl. 76f. 243 Vgl. ebd., Bl. 87. 244 Vgl. ebd., Bl. 78. 245 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 9. August 1933, unpaginiert. 246 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister vom 15. September 1934, unpaginiert. 247 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Regierungspräsident Düsseldorf vom 21. November 1939, unpaginiert. 248 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 108. 249 Vgl. ebd., Bl. 78ff. 250 Vgl. ebd., Schreiben Mülheimer NSDAP vom 8. Dezember 1937, unpaginiert. 51 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Wichtige nationalsozialistische Reden wurden gemeinsam im Radio gehört251 und Feierstunden für gefallene nationalsozialistische Helden in den Schulen abgehalten.252 Samstags wurde unter anderem nationalpolitischer Unterricht in der Schule erteilt. Die Mitglieder der HJ und des BDM waren für diese Zeit jedoch für ihre Zusammenkünfte vom Unterricht befreit.253 Diese nationalsozialistischen Jugendorganisationen sollten die Heranwachsenden im Sinne des Nationalsozialismus erziehen und sie an militärisches Vorgehen und den Einsatz für den Staat gewöhnen. Die Mitgliedschaft war ab 1936 verpflichtend.254 An den Tagen, an denen die Schüler zur HJ gingen, durften ihnen die Lehrerinnen und Lehrer schon ab 1933 keine Hausaufgaben mehr aufgeben. Der Unterricht fiel gelegentlich auch zugunsten der Teilnahme an nationalsozialistischen Umzügen aus und am Geburtstag von Adolf Hitler gab es in der Regel schulfrei,255 damit die Heranwachsenden an den diesbezüglichen Paraden der Wehrmacht teilnehmen konnten.256 Außerdem wurden die Schülerinnen und Schüler zu verschiedenen außerschulischen Aktionen herangezogen, so sammelten sie Gemüseschalen,257 Altmetall, veraltete und ausländische Münzen258 und wurden zur Kartoffelkäferabwehr eingesetzt.259 Einzelne Mülheimer Schulen schlossen schon 1933 nichtarische und ausländische Schülerinnen und Schüler gänzlich vom Unter- 251 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 16. März 1934, unpaginiert. 252 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 16. Oktober 1934, unpaginiert. 253 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 3. Juni 1936, unpaginiert. 254 Vgl. Blazek, 2009, S. 12. 255 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom April 1937, unpaginiert. 256 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom April 1937, unpaginiert. 257 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom März 1937, unpaginiert. 258 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Polizeipräsident Oberhausen vom 2. November 1937, unpaginiert. 259 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister vom September 1939, unpaginiert. 52 Schulamt richtsbesuch aus, jedoch damals ohne rechtliche Grundlage, wie die übergeordneten Instanzen bemängelten.260 Ab Februar 1936 begann schließlich der reguläre Ausschluss von ausländischen und jüdischen Mitschülerinnen und Mitschülern von Unterrichtsveranstaltungen.261 Wenn von vornherein keine betroffenen Kinder in der jeweiligen Klasse waren, ist dieser Ausschluss den anderen Schülerinnen und Schülern selbst teilweise gar nicht bekannt gewesen.262 Ab 1937 war es deutschen Kindern zudem verboten ausländische Schulen zu besuchen.263 Außerdem fragte das Schulamt die einzelnen Schulen bezüglich Körperbehinderungen und der Zugehörigkeit der Kinder und Jugendlichen zu religiösen Vereinigungen ab.264 Die Abfrage geschah vermutlich zu Verfolgungszwecken. Aber auch aus anderen Gründen konnten Schülerinnen und Schüler Opfer nationalsozialistischer Denunzierungen werden: So wurde der Mülheimer Schüler Artur F.265 von 1939 bis 1940 inhaftiert, da er verbotenerweise ausländische Radiosender gehört hatte.266 Zudem existierte in Mülheim an der Ruhr mit Genehmigung des Schulamtes bis 1939 ein privater polnischer Sprachunterricht für Kinder. Die außerschulischen Kurse wurden jedoch mit der Deportation des Kursleiters Joseph Manikowski im Rahmen einer Aktion gegen die polnische Minderheit abgesetzt.267 260 Vgl. StAMH 1200/3127, jüdische Schüler, Bl. 14. 261 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 16. April 1936, unpaginiert. 262 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 6.3. 263 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 25. Mai 1937, unpaginiert. 264 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom November 1935, unpaginiert. 265 Der Name wurde zwecks Wahrung von Persönlichkeitsrechten anonymisiert. 266 Vgl. Doetsch et al., 1987, S. 360. 267 Vgl. StAMH 1200/2859, polnische Schüler, Bl. 101ff. 53 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Zu Kriegsbeginn fanden Lehrplankürzungen statt, da Lehrermangel vorherrschte.268 Außerdem entfiel der Unterricht teilweise wegen Kriegsbedrohung und Fliegerschäden.269 Die Schülerinnen und Schüler, die nicht an der Kinderlandverschickung teilnahmen, wurden zudem häufig zu Aufräumarbeiten in Luftschutzkellern und Schulgebäuden herangezogen statt unterrichtet zu werden.270 Die im Stadtgebiet verbliebene ältere Schuljugend wurde zusätzlich wegen kriegsbedingtem Arbeitermangel in der Landwirtschaft eingesetzt,271 insofern es der Schulbetrieb erlaubte.272 Der Unterricht litt273 und auch Prüfungen mussten häufig durch die herrschenden Kriegszustände verschoben werden.274 Soldatenkinder, die eigentlich nicht das Klassenziel erreicht hatten, durften unter Ermessen der Lehrkräfte trotz schlechter Leistungen in die nächsthöhere Klasse versetzt werden, um den Familien und abwesenden Vätern für ihren Wehrmachtseinsatz entgegen zu kommen.275 Das Abitur wurde während des Krieges häufig nur noch als sogenanntes verkürztes Not-Abitur abgelegt.276 268 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 11. Januar 1937, unpaginiert. 269 Vgl. StAMH 1200/3073, einzelne Schriftstücke Kreisschulrat 1942–1945, Schreiben Regierungspräsident Düsseldorf vom 7. November 1944 und Schreiben Kreisschulrat vom 18. November 1944, unpaginiert. 270 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 26. September 1939, unpaginiert. 271 Vgl. ebd., Verordnung zum Einsatz der älteren Schuljugend vom 22. November 1939, unpaginiert. 272 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 20. November 1939, unpaginiert. 273 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Oberbürgermeister vom 17. Dezember 1934, unpaginiert. 274 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 14. Februar 1940, unpaginiert. 275 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 12. März 1940, unpaginiert. 276 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 2. 54 Schulamt 5.1.5 Lehrerinnen und Lehrer 1933 wurde im Rahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die arische Abstammung der Mülheimer Lehrerinnen und Lehrer sowie ihre Zugehörigkeit zu Vereinigungen, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, abgefragt. Auch die arische Abstammung des Ehepartners war nachzuweisen. Falschangaben führten zur Entlassung aus dem Schuldienst. Außerdem wurden die Religionsgemeinschaft und eventuelle Austritte aus dieser von allen Lehrkräften erfasst.277 Jede Schule musste eine Lehrkraft als Propagandawart beauftragen, die Mitglied der NSDAP war. Diese Lehrkraft sollte Propagandaarbeit leisten und die Festigung der nationalsozialistischen Werte an der jeweiligen Schule überwachen.278 Das Lehrerkollegium sollte sich darüber hinaus mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vertraut machen, indem beispielsweise in den Lehrerkonferenzen die Beschäftigten reihum Referate zu einzelnen Abschnitten aus Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf “ halten sollten.279 Lehrerfortbildungen drehten sich im Dritten Reich thematisch häufig um Vererbungslehre, Familienkunde, Bevölkerungspolitik sowie Rassenkunde und -hygiene.280 Die Lehrerinnen und Lehrer konnten zu außerschulischen Aktionen herangezogen werden, z. B. der Kohlenbevorratungsaktion des städtischen Wirtschaftsamtes,281 der städtischen Feuerwehr, der Ver- 277 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 6. November 1934, unpaginiert. 278 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 14. August 1933, unpaginiert. 279 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 25. Oktober 1933, unpaginiert. 280 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom Juli 1934, unpaginiert. 281 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 15. April 1940, unpaginiert. 55 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr teilung von Lebensmittelkarten,282 der Teilnahme an Viehzählungen283 oder Personenstandsaufnahmen.284 Die Lehrkräfte konnten sich außerdem für Empfänge285 und Parteitage der NSDAP beurlauben lassen.286 Sämtliche Parteieintritte und -austritte der Lehrkräfte waren durch die Schulleiterinnen und -leiter an die Stadtverwaltung zu melden und ab 1936 mussten alle Lehrerinnen und Lehrer Mitglied in der NSDAP und dem Nationalsozialistischen Lehrerbund sein.287 Von 1939 bis zum Kriegsende gab es einen starken Lehrermangel, bedingt durch die Einberufung vieler Lehrkräfte zur Wehrmacht und durch erhöhte Krankenzahlen bei den verbliebenen Lehrerinnen und Lehrern.288 5.2 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Elfriede Loewenthal wurde am 9. Januar 1895 in Mülheim an der Ruhr geboren. Sie und ihre Familie waren jüdisch. Ihre theoretische Ausbildung zur Lehrerin schloss Loewenthal 1915 am Oberlyzeum in Oberhausen ab.289 Ab dem 16. April 1915 war sie als Klassenlehrerin bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr 282 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 10. Oktober 1939, unpaginiert. 283 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 23. November 1936, unpaginiert. 284 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Oberbürgermeister vom 14. September 1939, unpaginiert. 285 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 24. März 1936, unpaginiert. 286 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister und Kreisschulrat vom 14. September 1934, unpaginiert. 287 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 13. Mai 1936, unpaginiert. 288 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 11. November 1939, unpaginiert. 289 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 11f. 56 Schulamt beschäftigt,290 die Anstellung erfolgte jedoch erst nur kriegsbedingt und daher voraussichtlich nur vertretungsweise bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.291 Seit ihrem Dienstantritt unterrichtete Loewenthal an der evangelischen Volksschule an der Mellinghofer Straße,292 der heutigen Realschule an der Mellinghofer Straße.293 Ihre Vereidigung erfolgte wenige Wochen nach der Einstellung.294 1918 erlangte Loewenthal durch die bis dato gesammelte Praxiserfahrung die abschließende Befähigung zur Anstellung als Lehrerin.295 Die amtsärztliche Untersuchung seitens der Stadtverwaltung bestand sie frei von nachweisbaren Krankheiten und körperlich geeignet für den Lehrberuf.296 Das Abschlusszeugnis zur Lehrbefähigung wurde ihr vom damaligen Schuldirektor der Mellinghofer Schule ausgehändigt. Sie sollte durch die Stadtverwaltung in einer freien Stelle im Schulverband Mülheim an der Ruhr beschäftigt werden297 und ihre endgültige Anstellung als Lehrerin bei der Stadt Mülheim an der Ruhr erfolgte am 1. April 1918.298 Allgemein konnte Jüdinnen und Juden bei vorliegenden Qualifikationen eine Anstellung nicht verwehrt werden, ihre jüdische Religion durfte sie jedoch nicht in der Ausübung ihrer Amtspflichten einschränken. So galt beispielsweise, dass auf den jüdischen Feiertag 290 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Personalbogen, unpaginiert. 291 Vgl. ebd., Abschrift Schreiben des Kreisschulinspektors vom 22. März 1915, unpaginiert. 292 Vgl. ebd., Bl. 11. 293 Vgl. AG Stolpersteine der Realschule Mellinghofer Str. (2014). Die „Stolpersteine“ zum Gedenken an Juliane, Johanna und Elfriede Loewenthal. URL: 2019, S. 1. (künftig zitiert: AG Stolpersteine, 2014). 294 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 3. 295 Vgl. ebd., Bl. 19. 296 Vgl. ebd., Bl. 24. 297 Vgl. ebd., Bl. 19. 298 Vgl. ebd., Bl. 26. 57 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Sabbat keine besondere Rücksicht genommen werden konnte. Ein weiteres Hindernis bei der Anstellung von jüdischen Lehrpersonen war die konfessionelle Ausrichtung der meisten Schulen. So sollten in katholischen, evangelischen und jüdischen Schulen möglichst nur Lehrerinnen und Lehrer der entsprechenden Religionszugehörigkeit beschäftigt werden.299 Die Heranwachsenden sollten im Idealfall nur von Lehrpersonen unterrichtet werden, die derselben Konfession wie sie angehörten.300 Trotz dieser restriktiven Regelungen war es der jüdischen Lehrerin Loewenthal gelungen eine Festanstellung an der evangelischen Mellinghofer Schule zu erhalten. In einem Schreiben der evangelischen Altstadtgemeinde Mülheims an die Stadtverwaltung von 1922 nahm der Vorstand der Gemeinde daran Anstoß, dass Loewenthal als jüdische Lehrkraft an der evangelischen Mellinghofer Schule unterrichtete. Die Gemeinde zeigte sich um die evangelische Ausrichtung der Schule besorgt, die durch die jüdische Lehrerin gefährdet sei. Die Stadt wurde gebeten „diesen Missstand umgehend zu beseitigen“,301 Loewenthal also nicht länger an der Mellinghofer Schule zu beschäftigen. Hierauf antwortete die Schulbehörde der Stadt Mülheim an der Ruhr, dass Loewenthal bereits seit 1915 an dieser Schule beschäftigt sei und es in diesen sieben Jahren keine Einsprüche, Klagen oder sonstigen Schwierigkeiten gegeben habe. Zudem war Loewenthal fest angestellt, daher sei eine Entlassung unmöglich. Die Mülheimer Schulbehörde sah durch Loewenthal als einzige jüdische Lehrperson außerdem keine Gefährdung der evangelischen Ausrichtung der Mellinghofer Schule.302 Das Mülheimer Schulamt verteidigte also damals seine jüdische Bedienstete und Loewenthals folgende Berufsjahre verliefen nach diesem Zwischenfall 299 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 36f und Gesetz über die Verhältnisse der Juden. 300 Vgl. ebd., Bl. 38 und § 33 Volksschulunterhaltungsgesetz. 301 Ebd., Bl. 39. 302 Vgl. ebd., Bl. 39. 58 Schulamt ohne besondere Vorkommnisse.303 Ihr berufliches und privates Leben sollte sich jedoch ab 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten drastisch ändern. Durch den Schulrat wurde Loewenthal ab dem 21. April 1933 vom Dienst beurlaubt. Der damalige Schuldirektor erhielt eine Abschrift der Beurlaubung und der Mellinghofer Schule sollte schnellstmöglich ein Hilfslehrer anstelle von Loewenthal zugewiesen werden. Der Mülheimer Schulrat informierte den übergeordneten Regierungspräsidenten über Loewenthals Beurlaubung, die erfolgt war „um unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden.“304 Der Regierungspräsident erklärte sich mit der Beurlaubung einverstanden, da Loewenthal Jüdin war. Die Neubesetzung für die nun vakante Stelle lag in der Verantwortung des Mülheimer Schulamtes.305 Am Freitag, dem 19. Mai 1933, wurde Loewenthal kurzfristig benachrichtigt, dass sie ab Montag, dem 22. Mai 1933, vorerst eine krankheitsweise Vertretung eines anderen Lehrers an der jüdischen Schule in Dinslaken wahrnehmen sollte. Künftig sollte sie nach Möglichkeit an der jüdischen Schule in Essen unterrichten. Details standen zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht fest,306 sodass ihre berufliche Zukunft ungewiss war. In einem Verzeichnis der städtischen Beamtinnen und Beamten Mülheims von Juni 1933 wurde Loewenthal bereits nicht mehr erwähnt.307 Ab Juli 1933 wurde sie endgültig als Lehrerin in den Schulverband der Nachbarstadt Essen versetzt, wo sie an der jüdischen Schule beschäftigt war. In der Mülheimer Schulbehörde wurde daraufhin veranlasst, die 303 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 40–48. 304 Vgl. ebd., Bl. 49f. 305 Vgl. ebd., Bl. 52. 306 Vgl. ebd., Bl. 51. 307 Vgl. StAMH 1200/1010, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Bl. 24–30. 59 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Dienstbezüge endgültig einzustellen und eine evangelische Bewerberin für Loewenthals ehemalige Stelle zu finden.308 Ab April 1934 wurde Loewenthal an der jüdischen Duisburger Volksschule als Lehrkraft eingesetzt. Der Unterricht in der Nachbarstadt fand unter erschwerten Umständen statt und Loewenthal war temporär als einzige Lehrkraft für die jüdischen Kinder und Jugendlichen zuständig. Mit Kriegsbeginn 1939 kamen noch zusätzlich zehn jüdische Schülerinnen bzw. Schüler aus Mülheim an der Ruhr in den Duis burger Klassenverband, die ebenfalls von Loewenthal unterrichtet wurden. Die jüdische Schule in Duisburg wurde jedoch Ende Juni 1942 endgültig geschlossen,309 so wie auch alle anderen noch verbliebenen jüdischen Lehranstalten spätestens ab Juli 1942 ihren Betrieb einstellen mussten.310 Loewenthal war bis dahin unter verschiedenen Adressen wohnhaft gewesen.311 Ihre letzte frei gewählte Anschrift war die Bahnstr. 44 in Mülheim an der Ruhr, bevor sie gemeinsam mit anderen Juden in ein sogenanntes Judenhaus in der Delle 29 umziehen musste. Sie hatte zuvor mit ihrer Mutter Juliane Loewenthal und ihrer Schwester Johanna Loewenthal zusammengelebt. Die Schwester wurde bereits im April 1942 ins Ghetto Izbica deportiert und schließlich im Vernichtungslager Sobibor ermordet.312 Elfriede Loewenthals Deportation aus Mülheim an der Ruhr erfolgte am 21. Juli 1942, nur kurze Zeit nach Schließung ihrer letzten Berufsstätte. Ausgehend vom Sammelpunkt Düsseldorf wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Transport in das Ghetto Theresienstadt gebracht, 308 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 53. 309 Vgl. AG Stolpersteine, 2014, S. 1. 310 Vgl. Huber, C. (2009). Jüdische Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Deutschland. Eine vergleichende Studie für die Städte Düsseldorf und Essen. Unveröffentlichte Dissertation, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, S. 81. 311 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 51. 312 Vgl. AG Stolpersteine, 2014, S. 1. 60 Schulamt wo die Mutter am 16. Januar 1943 verstarb.313 Der Sammeltransport von Düsseldorf nach Theresienstadt war vermutlich gemeinsam mit 963 anderen Personen erfolgt. Von dort wurde Elfriede Loewenthal, vermutlich in einem Transport gemeinsam mit 2.502 weiteren Menschen,314 am 15. Mai 1944 ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie kam an einem ungeklärten Datum im Lager Auschwitz um und wurde nach Kriegsende für tot erklärt.315 Den drei genannten Frauen der Familie Loewenthal wird heute mit Stolpersteinen in der Bahnstr. 44 gedacht, ihrem letzten frei gewählten Wohnsitz. Elfriede Loewenthal wird zusätzlich mit einem Stolperstein an der Mellinghofer Str. 56 gedacht, wo sie als Lehrerin an der Mellinghofer Schule tätig war.316 Abschließend ist festzustellen, dass Loewenthal ausschließlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft den Dienst bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr niederlegen musste und sie und ihre Familienangehörigen innerhalb des NS-Regimes diskriminiert, verfolgt und schlussendlich sogar ermordet wurden. 313 Vgl. Bundesarchiv. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Namensverzeichnis. URL: 2019. (künftig zitiert: Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019). 314 Vgl. Bundesarchiv. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Deportationschronologie. URL: 2019. 315 Vgl. Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019. 316 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr. Übersicht der in Mülheim an der Ruhr verlegten Stolpersteine, Liste A. URL: 2019, S. 4. (künftig zitiert: Übersicht verlegter Stolpersteine, Liste A, URL: 2019). 61 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal

Chapter Preview

References

Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.