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4. Feuerwehr in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 33 - 46

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-33

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
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33 4. Feuerwehr Die Feuerwehr gewann im Dritten Reich stark an Bedeutung, vor allem hinsichtlich des Luftschutzes und der Brandbekämpfung bei Luftangriffen.132 Auch der paramilitärische Charakter der Feuerwehr war von Interesse für die nationalsozialistische Propaganda.133 Bereits 1933 wurde die Feuerwehr in „Feuerlöschpolizei“134 umbenannt und 1938 in „Feuerschutzpolizei“.135 Gleichzeitig wurden neue gesetzliche Richtlinien des nationalsozialistischen Staates wirksam, welche die Feuerwehr der Ordnungspolizei untergliederte. Somit wurden die Feuerwehrangehörigen in Hinblick auf den nahenden Krieg zu Einheiten der Hilfspolizei unter staatlicher Leitung. Die kommunale Selbstverwaltung im Feuerlöschwesen konnte ab 1938 nur noch geringfügig im Rahmen der nationalsozialistischen Gesetze ausgeübt werden, die Gemeinden blieben jedoch Träger aller finanziellen Lasten.136 132 Vgl. Präambel des Reichsgesetzes über das Feuerlöschwesen vom 23. November 1938. 133 Vgl. Blazek, M. (2009). Unter dem Hakenkreuz: Die deutschen Feuerwehren 1933– 1945. 1. Auflage. Stuttgart: ibidem, S. 15. (künftig zitiert: Blazek, 2009). 134 Zur vereinfachten Lesbarkeit wird im Folgenden trotz der Namensänderungen hauptsächlich von „Feuerwehr“ gesprochen. 135 Vgl. Böhme, H.-J. (1984). 60 Jahre Berufsfeuerwehr Mülheim a. d. Ruhr 1924– 1984. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: A–Z Druck + Verlag, S. 29. (künftig zitiert: Böhme, 1984). 136 Vgl. ebd., S. 48f. Ende 1939 wurde schließlich noch der Entgiftungsdienst unter der Bezeichnung „Feuerlösch- und Entgiftungsdienst“ an die Feuerwehr angegliedert.137 4.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Die städtische Feuerwehr Mülheim an der Ruhr hatte seit ihrer Gründung 1924 unter der Leitung des Branddirektors Paul Sorge gestanden, der nach langjähriger Berufserfahrung 1933 pensioniert worden war. Seine Nachfolge trat Alfred Freter an,138 auf dessen dienstliche Biografie im Folgenden noch detailliert eingegangen wird. Es galt eine enge Unterstützung und Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und der Feuerwehr.139 4.1.1 Vorkriegszeit Die Mülheimer Feuerwehr bestand bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus 25 Feuerwehrmännern, deren Anzahl im Folgejahr um zehn Personen erhöht wurde.140 1939 wurde die Truppenstärke schließlich kriegsbedingt auf insgesamt 240 Beschäftigte aufgestockt.141 Hierbei handelte es sich um Mitglieder der Berufsfeuerwehr, der freiwilligen Feuerwehr und Zivilpersonen, die zu langfristigen Notdiensten verpflichtet wurden. So konnten beispielsweise städtische 137 Vgl. Böhme, 1984, S. 29. 138 Vgl. ebd., S. 13. 139 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 6, Bl. 6, Ausschnitt aus der Nationalzeitung vom 31. Juli 1934. 140 Vgl. Böhme, 1984, S. 48. 141 Vgl. ebd., S. 29. 34 Feuerwehr Lehrer142 oder HJ-Mitglieder zum Feuerwehrdienst herangezogen werden. Die HJ-Jungen wurden z. B. als Beobachter auf dem Rathausturm positioniert, um die Feuerwehr frühzeitig über Luftangriffe zu informieren, sodass die Einsatzkräfte bombardierte Gebäude und Straßenzüge schneller für die Löscharbeiten lokalisieren konnten.143 In Mülheim an der Ruhr wurden mindestens 38 HJ-Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren mit Einsätzen für die Feuerwehr betraut.144 Die Feuerwehr rückte bei landwirtschaftlichen Bränden,145 Industrie-,146 Wohnungs-147 und KFZ-Bränden148 sowie zur Beaufsichtigung ungefährlicher Brände149 oder dem Auspumpen von Kellern aus.150 Die Wartung und Instandsetzung von Wasserrohren und -leitungen oblag ihr ebenfalls.151 Außerdem war die Feuerwehr für die Erfassung der vernichteten Gegenstände und Bauten sowie für die Feststellung der Geschädigten zuständig.152 Ferner erließ sie Auflagen zur Brandverhütung, z. B. den Abriss gefährdeter Bauwerke oder Regelungen zu 142 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 4. November 1940, unpaginiert. 143 Vgl. Interview mit Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 4. 144 Vgl. Wiedeking, E. (2004). Kriegsalltag einer Stadt. Mülheim an der Ruhr 1939 bis 1945. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 2004, S. 247. (künftig zitiert: Wiedeking, 2004). 145 Vgl. StAMH 1201/3/4, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 11. Juli 1941, unpaginiert. 146 Vgl. ebd., Brandbericht vom 27. August 1941, unpaginiert. 147 Vgl. ebd., Brandbericht vom 22. Dezember 1941, unpaginiert. 148 Vgl. ebd., Brandbericht vom 16. Januar 1941, unpaginiert. 149 Vgl. ebd., Brandbericht vom 19. August 1942, unpaginiert. 150 Vgl. ebd., Brandbericht vom 29. Juli 1943, unpaginiert. 151 Vgl. ebd., Brandbericht vom 2. Juli 1943, unpaginiert. 152 Vgl. ebd., Brandbericht vom 22. Dezember 1941, unpaginiert. 35 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr feuersicheren Bauarten.153 Zu den Aufgaben der Feuerwehr gehörten darüber hinaus Sicherheitsbegehungen in Gebäuden.154 In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ereignete sich ein Tiefpunkt der Feuerwehrgeschichte, als die städtische Feuerwehr unter Aufsicht ihres Leiters Alfred Freter die Mülheimer Synagoge in Brand setzte. Die Feuerwehr sorgte in dieser Nacht lediglich dafür, dass sich die Flammen nicht auf weitere Gebäude ausbreiteten.155 Die Brandstiftung fand statt, obwohl das Gebäude damals schon von der jüdischen Gemeinde an die städtische Sparkasse verkauft worden war und sich damit im Besitz der Stadt befand. 4.1.2 Während des Krieges (1939–1945) Mit Kriegsbeginn häuften sich neben den bereits beschriebenen Tätigkeiten zur Brandbekämpfung und -verhütung neue Aufgaben wie die Löscharbeiten nach Bombenabwürfen,156 das Aufspüren nicht detonierter Bomben157 oder die Bergung von Toten. Teilweise unterstützen auch Wehrmachtssoldaten diese Arbeiten.158 Der erste Luftangriff auf Mülheim an der Ruhr mit anschließendem Großeinsatz der Feuerwehr erfolgte am 13. Mai 1940. Ab Ende 1940 153 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 1. Mai 1942, unpaginiert. 154 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt Mülheim an der Ruhr (1949). 25 Jahre Städtische Berufsfeuerwehr: Bericht über die Entwicklung und den Stand des Feuerlösch-, Rettungs- und Krankentransportwesens in Mülheim a. d. Ruhr. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: Selbstverlag, S. 44. (künftig zitiert: Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949). 155 Vgl. Kaufhold, B. (2004). Juden in Mülheim an der Ruhr. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 130ff. 156 Vgl. StAMH 1201/3/4, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 13. Juni 1941, unpaginiert. 157 Vgl. ebd., Brandbericht vom 25. Mai 1941, unpaginiert. 158 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 1. Juli 1943, unpaginiert. 36 Feuerwehr erfolgten die ersten Flächenangriffe, deren entstandenen Schäden und Brände die Mülheimer Feuerwehrkräfte beseitigten. Ab 1942 häuften sich die Bombardements und erreichten ab 1943 ihre Höchstzahl.159 Es musste oft schichtweise gelöscht werden.160 Zeitweise wurde die Mülheimer Feuerwehr auch von Nachbarstädten angefordert. So halfen Mülheimer Kräfte bei oft mehrtätigen Einsätzen in Essen,161 Aachen, Bielefeld, Düsseldorf, Kassel, Köln, Krefeld, Münster,162 Wuppertal, Dortmund163 und Oberhausen. Sie übernahmen sogar zeitweise die komplette Bereitschaft der Feuerwache in der Nachbarstadt Oberhausen, wenn die dortigen Feuerwehrkräfte schon gänzlich im Einsatz waren.164 Ab 1943 wurde die Belastung der Feuerwehrangehörigen als besonders hoch eingestuft, da die Männer durch tagelange Einsätze und überörtliche Hilfen ausgezehrt waren. Es kam zu 12-stündigen Einsätzen unter härtesten Bedingungen, während die Nahrungsversorgung teilweise mangelhaft war.165 Zudem mussten die Männer manche Stadtgebiete mit schwerer Ausrüstung zu Fuß durchqueren, da die Straßen durch Bombeneinschläge nicht mehr befahrbar waren.166 Zur Entlastung der Feuerwehr wurde deshalb beschlossen, dass im gesamten Mülheimer Stadtgebiet 32 dezentrale Löschstellen zur Selbsthilfe durch 159 Vgl. Böhme, 1984, S. 24. 160 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 18. September 1942, unpaginiert. 161 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 26. Juli 1943, unpaginiert. 162 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 24. 163 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 28. Mai 1943, unpaginiert. 164 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 18. September 1942, unpaginiert. 165 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Erfahrungsbericht vom 27. Juli 1943, unpaginiert. 166 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 25. Juni 1943, unpaginiert. 37 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr die Bürgerinnen und Bürger installiert werden sollten.167 Außerdem gab es sogenannte Selbstschutzkräfte innerhalb der Bevölkerung, die mit Löscharbeiten vertraut gemacht wurden und versuchten sollten eigenständig Brände zu bekämpfen.168 Der folgenreichste Angriff auf Mülheim an der Ruhr ereignete sich am 23. Juni 1943. Auch Gebäude der Hauptwache im Stadtkern sowie Fahrzeuge und Inventar der Feuerwehr selbst wurden an diesem Datum durch Bomben in Brand gesetzt.169 Zur Brandbekämpfung reichten die Kapazitäten der Mülheimer Feuerwehr nicht aus, sodass andere Feuerlöscheinheiten aus Breslau, Bochum, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen, Hilden, Köln, Oberhausen, Wuppertal und dem Münsterland mit insgesamt 1.496 zusätzlichen Feuerwehrkräften aushelfen mussten.170 Um den Dienst aufrecht zu erhalten, wurden Behelfsmaßnahmen eingeleitet und eine Nebenwache im Stadtteil Speldorf eingerichtet.171 Von 1944 bis zum Kriegsende erfolgten Massenangriffe, teilweise gerieten ganze Stadtteile Mülheims in Brand.172 1945 waren ständige örtliche und überörtliche Einsätze an der Tagesordnung, bis die Mülheimer Feuerwehr am 11. April 1945 in die Städte Arnsberg und Wülfrath abkommandiert wurde.173 Wenige Tage vor dem Einmarsch alliierter Truppen war vom Oberbefehlshaber der Ordnungspolizei angeordnet worden, dass sich die Feuer- und Luftschutzpolizei mit sämtlichen Fahrzeugen, Geräten und Materialien aus Mülheim an der 167 Vgl. Nierhaus, H.-W. (2007). Die Stadt Mülheim an der Ruhr und der Zweite Weltkrieg 1939–1945. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 122. (künftig zitiert: Nierhaus, 2007). 168 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 22. Juli 1942, unpaginiert. 169 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 4. Juli 1943, unpaginiert. 170 Vgl. ebd., Einsätze auswärtiger Einheiten, unpaginiert. 171 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 21f. 172 Vgl. Böhme, 1984, S. 24. 173 Vgl. ebd., S. 29. 38 Feuerwehr Ruhr zurückziehen sollte. Lediglich zwei Feuerwehrmänner verblieben in der Stadt, um Kranke und Verletzte behelfsmäßig mit Pferdefuhrwerken zu transportieren.174 Die Mülheimer Feuerwehr kehrte erst nach Kriegsende auf Befehl der alliierten Militärregierung in die Stadt zurück.175 In den Kriegsjahren hatte für Mülheim an der Ruhr rückblickend über 5.500 Mal Luftgefahr, Luftwarnung und Fliegeralarm bestanden. Auf das Stadtgebiet waren in ca. 160 Angriffen etwa 300.000 Bomben abgeworfen worden, hauptsächlich Stabbrandbomben.176 Bei den Lösch- und Rettungseinsätzen hatten sich auch Feuerwehrangehörige verletzt177 und mussten teilweise sogar ihr Leben lassen.178 4.2 Brandingenieur Alfred Freter Alfred Freter wurde am 1. Juli 1909 in Bromberg geboren. Er besuchte die Volks-, Gewerbe- und Eisenbahnfachschule, welche er mit der Prüfung für die Laufbahn als technischer Beamter der Eisenbahn abschloss. Freter trat 1931 in die NSDAP ein und wurde im gleichen Jahr SS-Mitglied.179 Seine Ehefrau Roseliese und er hatten drei Kinder.180 1933 sollte er nach Pensionierung des Branddirektors Paul Sorge die Leitung der städtischen Feuerwehr Mülheim an der Ruhr übernehmen. Freter besaß damals keinerlei Erfahrung im Feuerlöschwesen und sollte der Leitungsposition entsprechend ausgebildet werden. Seine persönlichen Eigenschaften als langjähriger Führer eines SS-Sturms wurden 174 Vgl. Böhme, 1984, S. 59. 175 Vgl. ebd., S. 29. 176 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 28. 177 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 28. Juni 1943, unpaginiert. 178 Vgl. ebd., Sonderbefehl vom 1. Juli 1943, unpaginiert. 179 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 100f. 180 Vgl. ebd., Bl. 100, 111 und 139. 39 Brandingenieur Alfred Freter für seine Eignung besonders hervorgehoben und die Stadtverwaltung plante die Kosten für seine Ausbildung zu tragen.181 Da die Ausbildung nicht in Mülheim an der Ruhr stattfinden konnte, wurden 1933 andere Städte zwecks Durchführung angefragt182 und Freter konnte schließlich bei der Berliner Feuerwehr ausgebildet werden. Aufgrund seiner mangelnden Erfahrung äußerten sich die anderen zuvor angefragten Städte kritisch bis ablehnend gegenüber der externen Ausbildung.183 Ungeachtet dessen wurde Freter am 31. August 1933 in den Dienst der Stadtverwaltung aufgenommen und direkt am nächsten Tag auf Kosten Mülheims zur Ausbildung nach Berlin geschickt.184 Er schloss seine Berliner Lehrzeit im Juli 1934 nach weniger als einem Jahr mit dem Titel des Brandingenieurs ab. Trotz Kritik aus Berlin an Freters Fähigkeiten und der kurzen Ausbildungsdauer wurde ihm die Leitung der Mülheimer Berufsfeuerwehr auf expliziten Wunsch der Mülheimer Stadtspitze übertragen.185 Er wurde zusätzlich Kreisfeuerwehrführer von Mülheim an der Ruhr186 und der Nachbarstadt Oberhausen.187 Für seine außerordentlichen Verdienste um das Feuerlöschwesen wurde Freter 1936 das Rheinische Feuerwehr Verdienstkreuz verliehen.188 1937 wurde ihm zudem im Auftrag des SS-Reichsführers Heinrich Himmler erlaubt Sig-Runen an seiner Uniform zu tragen.189 Die doppelten Sig-Runen galten damals als ehrenvolles Abzeichen der 181 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 6. 182 Vgl. ebd., Bl. 6–10. 183 Vgl. ebd., Bl. 7 und 10. 184 Vgl. ebd., Bl. 54. 185 Vgl. ebd., Bl. 54–65. 186 Vgl. ebd., Bl. 82. 187 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 6, S. 35–38. 188 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 84. 189 Vgl. ebd., Bl. 86. 40 Feuerwehr SS und sind heute noch, neben dem Hakenkreuz, eines der bekanntesten Symbole des Nationalsozialismus.190 Freter leistete 1938 seinen Wehrdienst ab191 und schloss einen Lehrgang des Heeres als Unterführeranwärter ab. Die Stadt beurlaubte ihn zwecks dessen,192 ebenso wurde er mehrfach für verschiedene Tätigkeiten wie SS-Tagungen vom Dienst befreit.193 Ebenfalls im Jahr 1938 wurde Freter zum SS-Standortführer für Mülheim an der Ruhr ernannt und im Folgejahr zum SS-Sturmbannführer befördert.194 Wie bereits erwähnt, wurde die Mülheimer Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 durch die Feuerwehr entzündet. Freter selbst hatte mit seinen Untergebenen vorab Benzin um das Gebäude verteilt.195 Er gab damals an, dass er ausschließlich im Interesse der Bevölkerung gehandelt habe und erklärte, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, dass sich die Synagoge bereits im Besitz der städtischen Sparkasse befand. Er stellte die Zerstörung als bedeutungsvollen, öffentlichen Akt der Ablehnung des Judentums dar.196 Zusätzlich bezeichnete er den damaligen Einsatz der Feuerwehrkräfte als „feuertechnisches Kunststück“,197 da die Mülheimer Feuerwehr den Synagogenbrand insofern unter Kontrolle halten konnte, dass ein Übergreifen der Flammen auf umliegende Gebäude verhindert wurde.198 190 Vgl. Braun, S., Geilser, A. & Gerster, M. (Hrsg.) (2016). Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer, S. 327f. 191 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 1. 192 Vgl. ebd., Bl. 87ff. 193 Vgl. ebd., Bl. 5. 194 Vgl. ebd., Bl. 90f. 195 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 196 Vgl. StAMH 1344/8, Brief Alfred Freter an SS-Standarte 25 vom 12. November 1938 nach dem Synagogenbrand, unpaginiert. 197 StAMH 1210/33 (2), Personalakte Alfred Freter, Abschnitt Verwaltungsstreitverfahren Freter, Ausschnitt Ruhr-Nachrichten vom 4. Februar 1959, Bl. 1. 198 Vgl. ebd., Ausschnitt Ruhr-Nachrichten vom 4. Februar 1959, Bl. 1. 41 Brandingenieur Alfred Freter Ab 1940 durfte Freter die Dienstbezeichnung Major und Kommandeur der Feuerschutzpolizei tragen199 und ihm wurden die bronzene Dienstauszeichnung der NSDAP200 sowie das Luftschutz-Ehrenzeichen verliehen. In der Folgezeit wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz erster und zweiter Klasse mit Schwertern,201 dem SA-Braunschweig- Abzeichen, dem SA-Wehrzeichen, dem Totenkopfring des Reichsführers der SS und dem Altkämpferwinkel ausgezeichnet.202 Gerade die letztgenannten Auszeichnungen und Ehrungen verdeutlichen nochmals Freters frühe Zugehörigkeit zur NSDAP und seine Position innerhalb der Partei. 1942 benötigte die Mülheimer Feuerwehr neue Ausrüstung, die zum damaligen Zeitpunkt innerhalb Deutschlands nicht verfügbar war. Auf Druck der örtlichen NSDAP beauftragte die Stadtverwaltung Freter in die besetzten Niederlande zu reisen und dort das benötigte Equipment zu erwerben. Der Kauf wurde in den Niederlanden unter dem Begriff sonstige Besatzungskosten zu Lasten des besetzten Staates verbucht.203 Im Jahr 1943 gehörte Freter höchstwahrscheinlich selbst zu den Mülheimern, deren Unterkunft ausgebombt war.204 Im selben Jahr fuhr er im Dienst eine Passantin an. Seine Schuld und die Tatfolgen wurden nur als gering eingestuft, sodass das Verfahren eingestellt wurde.205 1944 fuhr er im Dienst eine weitere Fußgängerin an, diesmal tödlich, und wurde zu neun Monaten Gefängnishaft verurteilt. Der damalige SS-Reichsführer setzte die Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung jedoch zugunsten eines 14-tägigen verschärften Stubenarrests aus.206 199 Vgl. Böhme, 1984, S. 48. 200 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 92. 201 Vgl. ebd., Bl. 97–99. 202 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 203 Vgl. Nierhaus, 2007, S. 122. 204 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 109. 205 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 5, S. 2–5. 206 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 137. 42 Feuerwehr Zum Kriegsende verließ Freter seine Dienststelle vor Ankunft der US-Amerikaner und sein Aufenthaltsort war der Stadtverwaltung unbekannt.207 Statt Freter selbst wurde seine Entlassungsverfügung 1948 seiner Ehefrau ausgehändigt, da sein Aufenthaltsort der Stadtverwaltung weiterhin unbekannt war. Die Entlassung erfolgte aufgrund seiner früheren nationalsozialistischen Tätigkeiten. Ansprüche auf Ruhegehalt oder Hinterbliebenenfürsorge gingen verloren, ebenso durfte Freter seine ehemalige Dienstbezeichnung nicht mehr tragen, auch nicht mit dem Verweis „außer Dienst“. Freters Frau wollte seine Entlassung jedoch nicht anerkennen.208 Über seinen Aufenthaltsort hatte die Stadtverwaltung vorerst weiterhin keine Informationen.209 Er kehrte im April 1956 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.210 Nachträglich wurde bekannt, dass Freter 1945 zuerst in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten und im gleichen Jahr wieder entlassen worden war. Er meldete sich danach nicht wie vorgesehen 1945 bei seiner Dienstbehörde Mülheim an der Ruhr zurück, sondern floh zu seiner evakuierten Familie nach Thüringen. Dort leitete er die Werksfeuerwehr eines Privatunternehmens, bis er 1947 verhaftet wurde. Durch ein sowjetisches Militärgericht wurde er schließlich zur Zwangsarbeit verurteilt, die er bis 1956 verbüßte. Der frühere Fahrer Freters, ein ehemaliger Brandmeister der Mülheimer Feuerwehr, gab in der Nachkriegszeit an, dass Freter früher häufig im Dienst getrunken hätte und seine Kenntnisse für die Feuerwehr unzureichend gewesen seien. Besonders kritisierte er Freters mangelhafte Ausbildung. In Löscheinsätzen habe er häufig „unsinnige, sich widersprechende oder unzweckmäßige Befehle“211 gegeben. Die übrigen Feuerwehrmänner hätten oft im eigenen Ermessen und gemäß 207 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 128. 208 Vgl. ebd., Bl. 128ff. 209 Vgl. ebd., Bl. 133. 210 Vgl. ebd., Bl. 140. 211 Vgl. ebd., Bl. 135–138. 43 Brandingenieur Alfred Freter langjähriger Erfahrung gehandelt, statt Freters Befehle auszuführen. Freter hatte während der NS-Jahre ausschließlich sehr positive dienstliche Beurteilungen erhalten, diese hätten jedoch ausschließlich auf seinem hohen SS-Rang beruht, der die Leute eingeschüchtert hätte. Auf ein Entnazifizierungsverfahren wurde wegen Freters eindeutiger Vergangenheit verzichtet. Seine frühe Parteizugehörigkeit, seine Tätigkeiten für die NSDAP und seine vielen Auszeichnungen innerhalb der Bewegung sprachen für sich. Freters Ernennungen und Beförderungen bei der Stadtverwaltung wurden aufgrund seiner persönlichen Verbindung zum Nationalsozialismus nachträglich als gegenstandslos betrachtet, wogegen er Klage erhob. Das Gericht stellte fest, dass Freter zum Zeitpunkt seiner Einstellung arbeitslos und SS-Sturmbannführer war. Es hatte kein Bezug zur Feuerwehr bestanden und Freter war trotz dessen mit dem Ziel bei der Stadtverwaltung eingestellt worden, ihn zum Leiter der Feuerwehr zu machen. Für eine Einstellung aus politischen Gründen sprach auch, dass er ungewöhnlicher Weise auf Kosten der Stadt extern in Berlin ausgebildet worden war. Die Ausbildung selbst war darüber hinaus in einem viel zu kurzen Zeitraum erfolgt, woran auch schon die Berliner Feuerwehr Kritik geübt hatte. Außerdem warf die Pensionierung von Freters Vorgänger Paul Sorge in der Nachkriegszeit Fragen auf. Sorge hatte seine Pensionierung 1933 nicht freiwillig, sondern lediglich auf ausdrücklichen Wunsch des Oberbürgermeisters beantragt. Nach Kriegsende stellte er einen Antrag auf Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts und sein Dienstende aus dem Jahr 1933 wurde nachträglich als politisch forciert eingestuft. Das Gericht urteilte, dass es der Stadtverwaltung im Dritten Reich in diesem Fall weniger um die Beschäftigung fähiger Kräfte, sondern um die Belohnung alteingesessener Parteimitglieder212 und die Steigerung des „nationalsozialistischen Einfluss innerhalb des Beamten- 212 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 44 Feuerwehr körpers“213 gegangen war. Gleiches galt für Freters Beförderungen. Er besaß weder die Eignung für den gehobenen Dienst noch hatte er die Wartezeiten für ein Beamtenverhältnis auf Lebenszeit vollendet, was den beamtenrechtlichen Vorschriften widersprach. Der Synagogenbrand von 1938 wurde ihm zusätzlich als vorsätzliche Brandstiftung und schweres Dienstvergehen angelastet, da gerade das Verhüten und Bekämpfen von Bränden die Pflicht eines Feuerwehrmannes ist. Auch als Beamter durfte er keine dienstlichen Handlungen ausführen, die offensichtlich im Widerspruch zum Strafgesetz standen.214 Zuletzt beantragte Freter eine Entschädigung als Kriegsgefangener, die ihm nicht zuerkannt wurde. Seine Rechtsbehelfe und die Klage bezüglich der Entschädigung als Kriegsgefangener wurden auf mehreren gerichtlichen Instanzen abgelehnt. Bis zum Jahr 1963 wurden alle Verfahren ruhend gestellt und es wurde eine Einigung getroffen, sodass Freter keine finanziellen Ansprüche mehr gegenüber der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr erhob und die Prozesskosten übernahm. Daraufhin sah die Stadt ihrerseits von der Fortführung des Gerichtsverfahrens gegen Freter ab.215 In seinem weiteren Leben war Freter außerhalb des öffentlichen Dienstes als Leiter und Brandingenieur der Werksfeuerwehr einer Duisburger Firma tätig.216 Der Fall Freter hatte in der Nachkriegszeit großes öffentliches Interesse erregt.217 213 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 214 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 215 Vgl. StAMH 1210/33 (2), Personalakte Alfred Freter, Aktenvermerk vom 5. Juni 1961, Mitteilung Rechtsamt vom 30. März 1962, Mitteilung Personalamt vom 6. April 1962 und Mitteilung Rechtsamt vom 15. Januar 1963. 216 Vgl. ebd., Bl. 141. 217 Vgl. ebd., Abschnitt Verwaltungsstreitverfahren Freter, Bl. 1, Ausschnitt Neue Ruhr Zeitung vom 23. Januar 1959. 45 Brandingenieur Alfred Freter Alles in allem kann Freter definitiv als Nationalsozialist eingestuft werden, der innerhalb der Stadtverwaltung aufgrund seines politischen Werdegangs Karriere machen konnte und die dort erworbenen Fähigkeiten auch noch nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst beruflich nutzen konnte. 46 Feuerwehr

Chapter Preview

References

Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.