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3. Oberbürgermeister in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 13 - 32

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
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13 3. Oberbürgermeister Der Oberbürgermeister bzw. die Oberbürgermeisterin repräsentiert auch heutzutage die jeweilige Gemeinde und leitet die Ratsangelegenheiten. Sie oder er hat somit eines der wichtigsten Ämter jeder Stadtverwaltung inne. Die Stadt Mülheim an der Ruhr hatte in den Jahren 1933 bis 1945 drei verschiedene Oberbürgermeister, deren Lebens läufe im Folgenden betrachtet werden. Durch Änderungen im Kommunalrecht wurden 1933 die Rechte und Befugnisse der Gemeindeoberhäupter gemäß dem Führerprinzip umstrukturiert, sodass die wichtigsten Entscheidungen fortan in den Kompetenzbereich des Oberbürgermeisters fielen. Die Gauleitung vertrat in der Regel übergeordnet und die Kreisleitung lokal die Interessen der NSDAP und wirkte neben dem Oberbürgermeister in wichtigen Personalangelegenheiten mit, auch bezüglich der Gemeinderäte. Die einzelnen Ratsmitglieder hatten vorher eine Beschlusskörperschaft gebildet, durch welche sie die Bürgerinnen und Bürger vertraten. Diese Befugnisse waren allerdings abgeschafft worden und die Räte hatten ab 1933 lediglich noch eine beratende Funktion für den Oberbürgermeister,42 der stark an Macht und Einfluss gewonnen hatte. 42 Vgl. Mann & Püttner, S. 125. 3.1 Alfred Schmidt (Oberbürgermeister bis 1933) Alfred Schmidt war zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Mülheims Stadtoberhaupt. Er wurde am 13. November 1880 in Karlsruhe geboren.43 Schmidt studierte Rechtswissenschaften und war bei den Verwaltungen Essen,44 Preußen und Berlin beschäftigt, wo er bis zum Steuerdirektor aufstieg.45 Er war mit seiner Frau Herta verheiratet und wurde im Laufe seines Lebens Vater von fünf Kindern.46 3.1.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung Ab 1913 wurde Schmidt zum Beigeordneten der Stadt Mülheim an der Ruhr gewählt.47 1928 wurde er dann zu einem der Mülheimer Bürgermeister ernannt48 und bemühte sich im gleichen Jahr um die vakante Stelle des Mülheimer Oberbürgermeisters, nachdem der vorherige Oberbürgermeister Paul Lembke den Posten aus Altersgründen verlassen hatte.49 Er wurde zuerst vorläufig als Lembkes Nachfolger berufen50 und schließlich 1930 endgültig zum Oberbürgermeister gewählt.51 Seine Amtsperiode sollte eigentlich zwölf Jahre andauern.52 1933 übernahmen jedoch die Nationalsozialisten die Macht, was sich nicht 43 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Auszug aus dem Strafregister vom 7. Juni 1920, unpaginiert. 44 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 186. 45 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 12. 46 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 186. 47 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 15. 48 Vgl. ebd., Bl. 166. 49 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 184f. 50 Vgl. ebd., Bl. 258. 51 Vgl. ebd., Bl. 191. 52 Vgl. ebd., Bl. 201. 14 Oberbürgermeister nur auf der Staatsebene bemerkbar machte, sondern sich auch auf die kommunale Ebene vieler Städte und Gemeinden auswirkte. So war die Ernennung von nationalsozialistisch gesinnten Staatskommissaren 1933 in vielen Gemeinden üblich. Ebenso geschah es auch in Mülheim an der Ruhr. Ab dem 31. März 1933 wurde das NSDAP-Mitglied Wilhelm Maerz, der eigentlich bei der Reichsbahn beschäftigt war, als Kommissar zur Unterstützung und Vertretung des Mülheimer Oberbürgermeisters Schmidt bestellt.53 Die dienstliche Biografie von Maerz selbst wird in einem der nachfolgenden Abschnitte gesondert betrachtet (Kapitel 3.2). Im April 1933 wurde gegen Oberbürgermeister Schmidt eine anonyme Strafanzeige gestellt, da er angeblich in der Vergangenheit städtische Gelder auf falsche Konten überweisen lies. Zudem wurde ihm vorgeworfen, dass er diese Geldflüsse vor dem Rechnungsprüfungsamt verborgen und Unregelmäßigkeiten bei den Finanzangelegenheiten anderer hochrangiger Bediensteter der Stadt nicht pflichtgemäß verfolgt hätte.54 Schmidt wurde daraufhin auf eigenen Antrag ab dem 1. April 1933 als Oberbürgermeister beurlaubt.55 Es war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme üblich, dass Korruptionsvorwürfe gegen Oberbürgermeister, Kommunalpolitiker und hochrangige Verwaltungsmitarbeiter erfolgten, um diese aus dem Dienst zu drängen oder sie offiziell aus dem Dienst entfernen zu können. Die frei gewordenen Positionen wurden häufig mit fachfremden SS-, SA- und NSDAP-Mitgliedern besetzt, die oft nicht die Qualifikationen aufweisen konnten, die dem jeweiligen Tätigkeitsprofil entsprachen.56 Im Juli 1933 wurde der beurlaubte Schmidt jedoch von allen zuvor genannten Vorwürfen freigesprochen und das Verfahren wurde ein- 53 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 1. 54 Vgl. StAMH 1210/16 (5), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 1f. 55 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 29. 56 Vgl. Mann & Püttner, S. 120. 15 Alfred Schmidt gestellt.57 Seine Dienstaufwandsentschädigungen erhielt er trotzdem schon ab dem 1. Juli 1933 nicht mehr. Die offizielle Beurlaubung vom Dienst als Oberbürgermeister erfolgte am 7. Juli 1933.58 Mit Schreiben vom 10. Juli 1933 wurde Schmidt schließlich eröffnet, dass er gemäß § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zur Vereinfachung der Verwaltung in den Ruhestand versetzt werden sollte, auch wenn keine Dienstunfähigkeit vorlag. Zwar wurde Schmidt eine Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt, der Rechtsweg war für ihn allerdings ausgeschlossen. Diese Handhabe zum Ausschluss von Personen aus Kommunalverwaltungen wurde bereits im Kapitel 2.2 kurz thematisiert. In Übereinstimmung mit der Kreisleitung der NSDAP unterzeichnete der Staatskommissar Maerz die endgültige Pensionierung von Schmidt, welche damals mit dienstlichem Interesse der Stadtverwaltung begründet wurde. Schmidt sollte ab dem 1. Januar 1934 unter Zahlung eines Ruhegehaltes in den Ruhestand übertreten und ihm und seiner Familie wurde zugestanden die bisherige Dienstwohnung künftig als Mietwohnung zu behalten.59 Staatskommissar Maerz wurde schließlich zum Nachfolger von Schmidt als Oberbürgermeister.60 3.1.2 Werdegang nach der Pensionierung Schmidt hatte sich unter anderem 1934 mit der Schrift „Blut und Boden im Recht des deutschen Volkes“ wissenschaftlich betätigt, welche gänzlich den nationalsozialistischen Gütekriterien des Rasse- und Siedlungs- 57 Vgl. StAMH 1210/16 (5), Personalakte Alfred Schmidt, Schreiben Regierungpräsident Düsseldorf vom 28. Juli 1933 und Verfügung Oberstaatsanwaltschaft vom 11. August 1933, unpaginiert. 58 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 228f. 59 Vgl. ebd., Bl. 232 und 246f. 60 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 34. 16 Oberbürgermeister amtes entsprach.61 Außerdem verzog er 1936 mit seiner Familie nach Bayern.62 Im gleichen Jahr kontaktierte die Kreisleitung der NSDAP die Stadtspitze, um zu erwirken, dass der pensionierte Oberbürgermeister Schmidt wieder bei der Stadtverwaltung beschäftigt wird. Er sei 1933 nicht aus politischen Gründen entlassen worden und sei voraussichtlich in der Lage in einer anderen Position, als der des Oberbürgermeisters, wertvolle Arbeit für die Stadt Mülheim an der Ruhr zu erbringen. Hauptziel war es damals Schmidts hohes Ruhegehalt einzusparen,63 indem er z. B. im Schul- oder Kulturdienst der Stadt weiter beschäftigt würde.64 Bis 1938 hatte sich jedoch noch keine Wiederverwendung für Schmidt ergeben und er nahm privat eine geringfügige Nebenbeschäftigung an, wahrscheinlich beim Wehrmeldeamt in Bad Reichenhall. Das dortige Gehalt war so niedrig, dass seine städtische Pension nicht gekürzt wurde.65 1939 wurde Schmidt schließlich zur Wehrmacht eingezogen und aufgrund des dortigen Lohns wurde sein städtisches Ruhegehalt gekürzt.66 Er schied 1943 jedoch wieder aus dem aktiven Wehrdienst aus und wurde erneut beim Wehrmeldeamt in Bad Reichenhall beschäftigt. Seine dortige Bezahlung führte diesmal zur weiteren Kürzung des Mülheimer Ruhegehalts.67 1945 meldete Schmidt schließlich, dass seine zivile Tätigkeit beim Wehrmeldeamt Anfang Mai 1945 erloschen war, vermutlich wegen des nahenden Kriegsendes. Seine Pension seitens der Stadt wurde ab diesem Zeitpunkt wieder in vollem Umfang ausgezahlt. Außerdem erreichte Schmidt 1945 das Alter, in dem er bei der Stadt regulär pensioniert worden wäre, wenn er nicht schon 1934 verfrüht in den Ruhestand gedrängt worden wäre. 61 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 258. 62 Vgl. ebd., Bl. 347. 63 Vgl. ebd., Bl. 253. 64 Vgl. ebd., Bl. 254f. 65 Vgl. ebd., Bl. 267. 66 Vgl. ebd., Bl. 270f. 67 Vgl. ebd., Bl. 295. 17 Alfred Schmidt 1946 wurde Schmidts Pension schließlich eingestellt, da ihm vorgeworfen wurde, erheblich mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisiert zu haben.68 Daraufhin bat Schmidt das Mülheimer Personalamt um Übersendung eines Fragebogens zur Entnazifizierung.69 Da ihm im weiteren Verlauf seine Pension wieder ausgezahlt wurde, schien seine Entnazifizierung erfolgreich verlaufen zu sein. 1952 stellte Schmidt einen Antrag auf Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes.70 Er wurde daraufhin seitens der Stadtverwaltung darauf aufmerksam gemacht, dass er bereits den höchstmöglichen Pensionssatz bezog und sich durch den Antrag auf Wiedergutmachung für ihn keine weiteren finanziellen Vorteile ergeben würden. Damit versprach eine eventuelle Wiedergutmachung keine Erfolgsaussichten71 und Schmidt nahm den Antrag wieder zurück.72 Er verstarb 1956 in Bayern, wo er zuletzt mit seiner Familie wohnhaft gewesen war,73 und seine Witwe bezog bis zu ihrem Tod 1963 Versorgungsbezüge von der Mülheimer Stadtverwaltung.74 Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schmidts Karriere bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendet wurde, obwohl er sich nicht explizit entgegen der nationalsozialistischen Weltanschauung positioniert hatte und nicht aufgrund von rassistischen oder religiösen Motiven verfolgt wurde. 68 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 297ff. 69 Vgl. ebd., Schreiben Schmidt an Personalamt vom 20. September 1946, unpaginiert. 70 Vgl. ebd., Bl. 320. 71 Vgl. ebd., Bl. 322f. 72 Vgl. ebd., Bl. 325. 73 Vgl. ebd., Bl. 345. 74 Vgl. ebd., Verfügung vom 6. November 1963, unpaginiert. 18 Oberbürgermeister 3.2 Wilhelm Maerz (Oberbürgermeister 1933–1936) Wilhelm Maerz wurde am 29. Oktober 1893 in Düsseldorf geboren.75 Im Ersten Weltkrieg hatte er über vier Jahre gekämpft.76 Seit 1921 war er mit seiner Frau Maria verheiratet und sie waren Eltern eines Sohnes. Er war seit 1924 Reichsbahninspektor und trat 1930 in die NSDAP ein, die er ab 1931 politisch durch Wahlwerbung als Reichsredner öffentlichkeitswirksam vertrat.77 Er hatte einen Ruf als „bewährter, langjähriger Kämpfer der nationalen Bewegung“, der nicht nur „jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintritt, sondern der darüber hinaus wie bisher an führender Stelle nach jeder Richtung hin die Ziele des nationalen Staates unterstützt und fördert“.78 3.2.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung Maerz wurde ab dem 31. März 1933 zum Staatskommissar zur Unterstützung und Vertretung des Oberbürgermeisters Schmidt bestellt.79 Nach Schmidts Ausscheiden aus der Stadtverwaltung wurde Maerz im September kommissarisch in das Amt des Oberbürgermeisters eingewiesen und übernahm ab Oktober regulär den Posten als Oberbürgermeister Mülheims.80 75 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 2f. 76 Vgl. ebd., Abschrift Übersicht Ruhegehalt Reichsbahn vom 2. Februar 1935, unpaginiert. 77 Vgl. ebd., Auszug aus dem Strafregister vom 10. November 1934, unpaginiert. 78 Vgl. ebd., Bl. 40. 79 Vgl. ebd., Bl. 1. 80 Vgl. ebd., Abschrift Schreiben Preussischer Minister des Innern vom 19. Dezember 1934, unpaginiert. 19 Wilhelm Maerz Somit war Maerz vom 31. März 1933 bis zum 3. Oktober 1933 erst als Staatskommissar und dann als kommissarischer Oberbürgermeister im Dienst der Stadt Mülheim an der Ruhr beschäftigt. Seine Betätigung als Oberbürgermeister schloss sich nahtlos daran an.81 Die Ernennung von nationalsozialistisch gesinnten Kommissaren war 1933 in vielen deutschen Gemeinden üblich. Die Kommissare waren häufig ehrenamtlich tätig, eine Vergütung war jedoch nicht ausgeschlossen. So erhielt Maerz zuerst nur den Ersatz seiner Auslagen sowie eine Dienstaufwandsentschädigung, ab September als kommissarischer Oberbürgermeister ein Diensteinkommen inklusive der Dienstaufwandsentschädigung und ab Oktober 1933 schließlich das reguläre Gehalt eines Oberbürgermeisters. Zusätzlich wurden wie üblich Wohnungsgeld, der örtliche Sonderzuschlag, Kinderbeihilfe und eine Dienstaufwandsentschädigung gezahlt sowie eine Dienstwohnung für ihn und seine Familie bereitgestellt.82 Maerz wurde solange unter Fortzahlung seiner Bezüge von der Reichsbahn beurlaubt, bis er ein geregeltes Diensteinkommen als Oberbürgermeister erzielte.83 Auch danach wurde er noch für ein weiteres Jahr für seine neue Tätigkeit beurlaubt, diesmal jedoch von vornherein unter Wegfall der Dienstbezüge seitens der Reichsbahn. Nach Ablauf des zweiten Zeitraums erfolgte keine weitere Beurlaubung mehr durch die Reichsbahn.84 Maerz und seine Familie hatten zuvor in der Nachbarstadt Essen gewohnt und die Umzugskosten in die Mülheimer Dienstwohnung wurden von der Stadtverwaltung übernommen.85 Ende 1933 legte Maerz schließlich seinen Beamteneid ab.86 Er wurde allerdings schon 81 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Schreiben Personalamt vom 23. April 1964, unpaginiert. 82 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5f. 83 Vgl. ebd., Bl. 29. 84 Vgl. ebd., Bl. 47. 85 Vgl. ebd., Bl. 65. 86 Vgl. ebd., Bl. 60. 20 Oberbürgermeister im August 1934 erneut vereidigt, diesmal auf Adolf Hitler. Der neue Beamteneid lautete wie folgt: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“87 3.2.2 Ausscheiden aus dem städtischen Dienst Bis Mitte der 1930er Jahre hatte Maerz sich privat verschuldet, wie unter  anderem dem Kreisamtsleiter der NSDAP und der übergeordneten Aufsichtsbehörde in Düsseldorf bekannt geworden war.88 Maerz hatte sich darüber hinaus als überfordert mit der Leitungsposition der Stadt und Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr erwiesen, da er vollkommen unqualifiziert und ohne Verwaltungspraxis war. Hierdurch ergaben sich für die Stadt ernsthafte finanzielle Probleme und die Verschuldung war bis 1936 weiter angestiegen. Außerdem hatte sein öffentliches Ansehen großen Schaden genommen und es beschwerten sich vermehrt Bürger über Maerz.89 Maerz trat unter diesem Druck von seinem Amt zurück und leitete am 26. Mai 1936 seine letzte Ratssitzung als Oberbürgermeister. Ihm wurde öffentlich noch einmal von der Kreisleitung der NSDAP für seine schwierige Arbeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gedankt.90 Maerz sagte zu, auf Gehalts- und Ruhegeldansprüche gegenüber der Stadt Mülheim an der Ruhr zu verzichten, insofern er wieder in 87 StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 68. 88 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Verfügung Oberbürgermeister vom 3. November 1936, unpaginiert. 89 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr (2019). Mülheims Stadtoberhäupter. Wilhelm Maerz. URL: 2019. 90 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 72, Ausschnitt Rheinisch-Westfälische Zeitung vom 27. Juni 1936. 21 Wilhelm Maerz den Dienst der Reichsbahn zurückkehren könnte. Zusätzlich wurde ihm seitens der Stadt eine Abfindung von 1.500 Reichsmark in Aussicht gestellt.91 Diese Summe kritisierte Maerz allerdings als zu gering, sodass der Betrag nach intensiven Verhandlungen schlussendlich auf 3.600 Reichsmark angehoben wurde.92 Eigentlich sollte Maerz zum September 1936 aus der Stadtverwaltung ausscheiden. Seine anschließende Weiterbeschäftigung bei der Reichsbahn sollte in Kürze erfolgen, ein genauer Zeitpunkt stand damals allerdings noch nicht fest und die vereinbarte Abfindungssumme sollte in der Zwischenzeit seine Versorgung und die seiner Familie sicherstellen.93 Die Stadt musste Maerz jedoch noch bis November weiterbeschäftigen und ihm überplanmäßig weiterhin Gehalt auszahlen, da sich erst zu diesem Zeitpunkt klärte, dass Maerz seinen Dienst bei der Reichsbahn tatsächlich wieder antreten konnte, allerdings erst zum 1. Januar 1937. Eine nochmals verlängerte Weiterbeschäftigung bei der Stadt bis Januar galt aus kommunalpolitischer Sicht als unmöglich, da die Stelle des Oberbürgermeisters dringend neu zu besetzen war.94 So schied Maerz am 2. November 1936 schließlich aus seinem Dienstverhältnis als Oberbürgermeister der Stadt Mülheim an der Ruhr aus. Aufgrund der bereits erwähnten Abfindung machte er keine weiteren finanziellen Ansprüche für die Übergangszeit bis Januar gegenüber der Stadtverwaltung geltend95 und räumte seine Dienstwohnung.96 Seine Wiedereinstellung bei der Reichsbahn erfolgte im mittleren Dienst,97 was eine eindeutige Schlechterstellung verglichen zu seiner vorherigen Tätigkeit als Oberbürgermeister darstellte. Deswegen 91 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 80. 92 Vgl. ebd., Bl. 90ff. 93 Vgl. ebd., Bl. 84. 94 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 86. 95 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 85. 96 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 86. 97 Vgl. ebd., Verfügung Oberbürgermeister vom 3. November 1936, unpaginiert. 22 Oberbürgermeister wurde Maerz zusätzlich eine interne Ausbildung bei der Reichsbahn angeboten, um ihm künftig wieder Zugang zu höheren Positionen ermöglichen zu können. Daran geknüpft wurde ihm für die Zukunft die Stellung eines Oberinspektors bei der Reichsbahn in Aussicht gestellt.98 Über seinen weiteren Werdegang ist wenig bekannt. Maerz starb vermutlich im Februar 1945 in Dresden.99 Abschließend ist festzustellen, dass Maerz aufgrund seiner Parteizugehörigkeit trotz fehlender Qualifizierung in den Dienst der Stadt gelangt ist. Diesen musste er schließlich wegen seines Fehlverhaltens und der fehlenden Ausbildung nach mehreren Jahren wieder niederlegen. 3.3 Edwin Hasenjaeger (Oberbürgermeister ab 1936) Edwin Renatus Hasenjaeger wurde am 27. Oktober 1888 in Cammin in Pommern geboren. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften und schloss das Studium, unterbrochen von seinem vierjährigen Einsatz im Ersten Weltkrieg, mit der zweiten juristischen Staatsprüfung ab. Er und seine Ehefrau Gertrude hatten drei Kinder. Seit 1925 war Hasenjaeger zum Oberbürgermeister der Stadt Stolp in Pommern gewählt gewesen. Dort hatte er sich jedoch nach der Macht- übernahme der Nationalsozialisten politisch unliebsam gemacht, indem er beispielsweise die lokale Polizei beauftragt hatte jüdische Geschäfte vor Maßnahmen durch Anhänger des Nationalsozialismus zu schützen. Daher wurde er mit Hilfe des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ab Mai 1933 als Oberbürgermeister zwangsbeurlaubt und schließlich in den Ruhestand versetzt. Mit Hilfe des- 98 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 87. 99 Vgl. ebd., Anfrage Oberfeldarzt Dr. Deussen vom 16. April 1964, unpaginiert. 23 Edwin Hasenjaeger selben Gesetzes wurde damals in Mülheim an der Ruhr, wie bereits in Abschnitt 3.1.1 erwähnt, etwa zeitgleich Oberbürgermeister Schmidt aus dem Amt gedrängt. Auf Veranlassung des preußischen Innenministers100 wurde Hasenjaeger trotz seiner vorherigen Entlassung aus dem Amt der Stadt Stolp ab August 1933 zum kommissarischen Oberbürgermeister der Stadt Rheydt in Nordrhein-Westfalen berufen.101 Rheydt hatte zuvor zu Gladbach gehört, die Gemeinde wurde jedoch 1933 kreisfrei und damit eigenständig, sodass die Stelle des Oberbürgermeisters unbesetzt war. Für Rheydt wurde ein Fachmann mit Erfahrung gesucht, der die maroden städtischen Finanzen wieder in Stand setzen konnte. Während seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister in Stolp hatte Hasenjaeger dort schon für die Sanierung des städtischen Haushalts gesorgt und sollte dies nun auch in Rheydt bewerkstelligen.102 Hasenjaeger wurde demnach aufgrund seiner Expertise im Finanzwesen zum Oberbürgermeister Rheydts berufen, obwohl er zuvor in Stolp aus genau diesem Amt entfernt wurde und immer noch nicht der NSDAP beigetreten war,103 wie es viele seiner Zeitgenossen taten. Nach der kommissarischen Amtsausübung in Rheydt erfolgte Hasenjaegers reguläre Ernennung zum Oberbürgermeister am 30. Dezember 1933.104 100 Vgl. StAMH 1615/1, Entnazifizierung Edwin Hasenjaeger, Lebenslauf, unpaginiert. 101 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 1. 102 Vgl. Roepstorff, J. (2004). Edwin Hasenjaeger. Portrait eines Oberbürgermeisters in schwierigen Zeiten. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 2004. Mülheim an der Ruhr: Thierbach, S. 270f. (künftig zitiert: Roepstorff, 2004). 103 Vgl. ebd., S. 269. 104 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 8. 24 Oberbürgermeister 3.3.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung In Mülheim an der Ruhr hatte sich in der Zwischenzeit der Oberbürgermeister Maerz als ungeeignet erwiesen. Er hatte sich private Fehltritte erlaubt und war bei der Bevölkerung unbeliebt. Zusätzlich hatte er die per se schon missliche Finanzlage der Stadt nicht verbessern können, sondern sie hatte sich eher noch verschlimmert. Daher sollte Maerz als Oberbürgermeister ausgewechselt werden, im Idealfall durch einen erfahrenen Spezialisten für Finanzen. Nach einer Unterredung mit dem Regierungspräsidenten wurde Hasenjaeger somit als Oberbürgermeister Mülheims bestellt, während in Rheydt einer der bisherigen Bürgermeister die Nachfolge Hasenjaegers als Oberbürgermeister antrat. In Übereinkunft mit der Mülheimer NSDAP-Kreisleitung wurde Hasenjaeger ab dem 1. Juni 1936 Mülheims Oberbürgermeister,105 wenn auch vorerst nur kommissarisch.106 Mülheim an der Ruhr war bei Hasenjaegers Amtsübernahme stark verschuldet und es galt die Zustände innerhalb der Stadtverwaltung wieder zu normalisieren, die unter seinem Vorgänger Maerz geherrscht hatten.107 Die Reise- und Umzugskosten von Rheydt nach Mülheim an der Ruhr trug die Stadt für Hasenjaeger und seine Familie, wie auch schon bei seinem Vorgänger Maerz.108 Außerdem wurde die Mülheimer Dienstwohnung entsprechend den Vorstellungen der Familie Hasenjaeger renoviert.109 105 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 69. 106 Vgl. ebd., Bl. 71. 107 Vgl. Ortmanns, 1992, S. 40. 108 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 26ff. 109 Vgl. ebd., Bl. 49. 25 Edwin Hasenjaeger Am 3. Dezember 1936 wurde Hasenjaeger schließlich durch den preußischen Innenminister endgültig zum Mülheimer Oberbürgermeister ernannt.110 Hasenjaeger wurde noch im Jahr seines Amtsantrittes von der NSDAP-Kreisleitung gebeten, den 1933 verfrüht pensionierten Oberbürgermeister Schmidt wieder bei der Stadtverwaltung zu beschäftigen, damit die Stadt Schmidts Pensionszahlungen nicht weitertragen musste.111 Dies gelang jedoch nicht, wie bereits im Kapitel 3.1 erläutert wurde. Wie schon in Stolp und Rheydt gelang Hasenjaeger eine enorme Verbesserung der Finanzlage für Mülheim an der Ruhr.112 Innerhalb der Verwaltung genoss Hasenjaeger einen guten Ruf als sympathisch,113 gerecht und fachlich hoch versiert, auch wenn er teils als kleinlich galt. Ungeachtet dessen stellte die Mülheimer NSDAP Hasenjaeger 1937 vor die Wahl in die Partei einzutreten oder sein Amt als Oberbürgermeister niederzulegen. Er trat der NSDAP bei114 und nahm auch an öffentlichen nationalsozialistischen Veranstaltungen teil, z. B. als Ehrengast einer militärischen Parade, die anlässlich des 50. Geburtstags von Adolf Hitler stattfand.115 Außerdem verlieh der nationalsozialistische Staat Hasenjaeger 1941 das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ohne Schwerter, im Folgejahr erhielt er das Ehrenzeichen für deutsche Volkspflege und 1943 wurde er schließlich noch mit dem Kriegsverdienstkreuz erster Klasse ohne Schwerter ausgezeichnet und zum Oberstführer des Deutschen Roten Kreuzes befördert.116 Doch trotz seines Parteieintritts widersetzte sich Hasenjaeger der nationalsozialistischen Diktatur. Obwohl ihm heftiger Widerstand entgegenschlug, kaufte er beispielsweise für das städtische Museum 110 Vgl. StAMH 1615/1, Entnazifizierung Edwin Hasenjaeger, Lebenslauf, unpaginiert. 111 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 253. 112 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 113 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 12. 114 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 115 Vgl. Wickrath, 1986, S. 144f. 116 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 77ff. 26 Oberbürgermeister Werke des verfolgten Mülheimer Künstlers Otto Pankok, dessen Kunst die Nationalsozialisten als entartet eingestuft hatten. Nach Kriegsende bezeugte zudem Ernst Tommes, ehemaliger SPD-Beigeordneter Mülheims und Verfolgter des NS-Staates, dass Hasenjaeger versucht habe Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr vor politischer Verfolgung durch die NSDAP zu schützen. Außerdem sei Hasenjaeger bemüht gewesen die Übervorteilung von Parteianhängern der NSDAP auszubremsen. Dank ihm sei es in der Behörde Mülheim an der Ruhr weniger schlimm zugegangen als in vielen anderen öffentlichen Einrichtungen. Hasenjaegers besonnenes Verhalten als Stadtoberhaupt in den letzten Kriegsjahren sei besonders herauszustellen. So bewerkstelligte Hasenjaeger die Versorgung der Mülheimer Bevölkerung während des Krieges außerordentlich gut, indem er es schaffte den Verkehr, die Gas-, Wasser- und Stromversorgung und die Handlungsfähigkeit der Stadtverwaltung weitestgehend aufrechtzuerhalten.117 Außerdem schützte er die Infrastruktur, indem er sich z. B. den Anweisungen übergeordneter Instanzen widersetzte. Durch die Bombardierung der Möhnetalsperre 1943 wurde eine Flut auf der Ruhr ausgelöst. Hasenjaeger setzte statt der vorgesehenen Räumung der Stadt jedoch lieber schützende Sicherheitsmaßnahmen an, sodass Mülheim an der Ruhr die Überflutung im Vergleich zu umliegenden Regionen mit nur geringen menschlichen und wirtschaftlichen Schäden überstand.118 Gegen Kriegsende missachtete er zusätzlich Befehle zur Räumung Mülheims und der Sprengung Mülheimer Brücken, wie der heute noch genutzten Schloßbrücke. Die Verweigerung solcher Anordnungen und militärischer Befehle konnte Hasenjaeger als Oberbürgermeister persönlich in Gefahr bringen. 117 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 118 Vgl. Kaufhold, B. (2011). Leben am Fluss. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 227f. 27 Edwin Hasenjaeger Mitunter aufgrund seines oft wohlüberlegten Handelns befand sich die Stadt Mülheim an der Ruhr gegen Kriegsende sowohl von der Infrastruktur als auch der Handlungsfähigkeit der Stadtverwaltung in einem besseren Zustand als viele übrige Städte des Ruhrgebiets.119 3.3.2 Nachkriegszeit Am 11. April 1945 erreichten amerikanische Truppen Mülheim an der Ruhr und bereits am Folgetag inhaftierte die amerikanische Militärregierung Hasenjaeger.120 Über die Ruhrzeitung, die damals die Militärregierung herausgab, wurden die Bürgerinnen und Bürger informiert, dass Hasenjaeger als Oberbürgermeister abgesetzt worden war.121 Im September 1945 wurde Hasenjaeger aus der Haft entlassen, während sein Entnazifizierungsverfahren noch lief.122 Im Oktober wurde er vorläufig wieder mit dem Amt des Mülheimer Oberbürgermeisters betraut und übernahm die laufenden Geschäfte am 11. Oktober 1945.123 Hasenjaegers Inhaftierung und Entnazifizierung galt als übliche Routinemaßnahme und er wurde als unbelastete Person aus der Haft entlassen. Dass die alliierte Militärregierung Hasenjaeger als Oberbürgermeister wiedereinsetzte, galt jedoch als sehr ungewöhnlich, da er bereits unter den Nationalsozialisten das Amt des Oberbürgermeisters ausgeübt hatte.124 Auch Hasenjaeger selbst stellte nach seiner Weiterbeschäftigung in Einzelfällen Beschäftigte wieder ein, die während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen und später entnazifiziert worden waren.125 119 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 120 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 80. 121 Vgl. ebd., Bl. 81, Ausschnitt Ruhrzeitung vom 26. Mai 1945. 122 Vgl. ebd., Bl. 83. 123 Vgl. ebd., Bl. 86f. 124 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 125 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Fragen 2 und 12. 28 Oberbürgermeister An seiner Wiedereinsetzung als Oberbürgermeister nahmen jedoch viele Abgeordnete der SPD und KPD Anstoß, die im Rahmen des Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Sie erbaten die Entlassung Hasenjaegers.126 Durch die anhaltenden politischen Angriffe befand sich Hasenjaeger zunehmend in einem schlechten Gesundheitszustand und konnte seinen Amtspflichten nicht mehr vollumfänglich nachkommen, sodass er im April 1946 selbst seine Entlassung einreichte.127 Er wurde ab Mai 1946 beurlaubt128 und trat zum 1. Juni 1946 in den Ruhestand über.129 Hasenjaeger verstarb am 5. Juni 1972 in Mülheim an der Ruhr.130 Zu seinem Tod ehrte ihn die Stadt Mülheim an der Ruhr mit einem Trauerkranz und dankte ihm für seine Tätigkeit, vor allem während der herausfordernden Kriegszeit. Seine Ehefrau bezog bis zu ihrem Tod 1982 Hinterbliebenenbezüge seitens der Stadt Mülheim an der Ruhr.131 Eine abschließende Einordnung des Oberbürgermeisters Hasenjaeger ist aufgrund seines ungewöhnlichen Werdegangs schwierig. Er war selbst in Stolp durch die Nationalsozialisten abgesetzt worden, später wegen seiner Finanzexpertise in zwei anderen Städten wieder zum Oberbürgermeister berufen worden und wurde schließlich zum Eintritt in die NSDAP gedrängt. Trotz dieser tendenziell ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus wurde Hasenjaeger seine Tätigkeit als Oberbürgermeister während des nationalsozialistischen Regimes in der Nachkriegszeit zum Verhängnis und er musste seine politische Karriere beenden. 126 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 127 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 94. 128 Vgl. ebd., Bl. 97. 129 Vgl. ebd., Bl. 106. 130 Vgl. ebd., Bl. 197. 131 Vgl. ebd., Bl. 121f. 29 Edwin Hasenjaeger 3.4 Fazit zum Amt des Oberbürgermeisters Bereits bei den drei betrachteten Oberbürgermeistern zeichnet sich ab, dass Menschen mit verschiedensten beruflichen Werdegängen, sozialen Hintergründen und unterschiedlicher Herkunft für die Stadt Mülheim an der Ruhr tätig waren. So entsprachen die Oberbürgermeister Schmidt und Hasenjaeger dem klassischen Typus eines Oberbürgermeisters mit juristischer Vorbildung und langjähriger beruflicher bzw. politischer Erfahrung. Schmidt wurde, wie viele weitere Oberbürgermeister, während oder nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt. Hasenjaeger erlitt etwa zeitgleich dasselbe Schicksal in Stolp, wo er damals Oberbürgermeister war. Während für Schmidt bei der Stadtverwaltung keine neue Betätigung gefunden wurde und er erst nach mehreren Jahren eine neue Beschäftigung außerhalb der Kommunalverwaltung fand, wurde Hasenjaeger als ausgewiesener Finanzexperte nach kurzer Zeit der Posten als Oberbürgermeister der Stadt Rheydt zugewiesen. Währenddessen wurde in Mülheim an der Ruhr Maerz Oberbürgermeister. Er wurde aufgrund seiner NSDAP- Zugehörigkeit Stadtoberhaupt und sollte sich als unqualifiziert und persönlich ungeeignet erweisen. Nachdem Maerz wieder aus dem Amt komplimentiert worden war, sollte nun Hasenjaeger als neuer Oberbürgermeister die schlechte finanzielle Lage in Mülheim an der Ruhr sanieren, obwohl er zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Mitglied der NSDAP war. Nachdem sich die finanzielle Situation etwas beruhigt hatte, wurde er schlussendlich vor die Wahl gestellt das Amt niederzulegen oder der NSDAP beizutreten. Unter diesem Druck trat er der Partei bei, schien sich aber auch in der Folgezeit teilweise dem Nationalsozialismus entgegenzustellen. Nach Kriegsende und seiner erfolgreichen Entnazifizierung 30 Oberbürgermeister rundete Hasenjaegers ungewöhnliche Karriere ab, dass die Alliierten ihn wieder als Oberbürgermeister einsetzten. Nichtsdestotrotz verließ Hasenjaeger die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr wenige Monate später aufgrund von Anfeindungen politischer Gegner, die zu Zeiten des Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schmidts Karriere als Oberbürgermeister und in der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr durch die nationalsozialistische Machtübernahme zum Erliegen gekommen ist. Der Reichsbahninspektor Maerz konnte hingegen erst durch seine NSDAP-Mitgliedschaft in die Kommunalspitze Mülheims wechseln und zum Oberbürgermeister aufsteigen, obwohl er keinerlei Vorbildung und Kenntnisse in diesem Bereich aufweisen konnte. Im Gegensatz dazu stellt Oberbürgermeister Hasenjaeger einen Sonderfall dar, da seine Karriere in Stolp zuerst durch den Nationalsozialismus beendet worden war und er trotzdem danach unter der Herrschaft der Nationalsozialisten aufgrund seines Finanzgeschicks in gleich zwei weiteren Städten als neuer Oberbürgermeister eingesetzt wurde. In Mülheim an der Ruhr ersetzte der parteifremde Hasenjaeger sogar den NSDAP- Angehörigen Maerz. Überdies ist fraglich, ob Hasenjaeger ohne den Einfluss des Nationalsozialismus überhaupt seine Heimat Stolp verlassen und sich in den entfernten Städten Rheydt und Mülheim an der Ruhr um die Stelle des Oberbürgermeisters bemüht hätte. Im Rahmen dieser Einordnung muss jedoch auch berücksichtigt werden, dass ein Oberbürgermeister immer abhängig von der politischen Lage und auf die effiziente Arbeit der Stadtverwaltung angewiesen ist. Ob und wie sich diese Arbeit zu Zeiten des Nationalsozialismus in einzelnen städtischen Ämtern gewandelt hat, wird in den nächsten Kapiteln beleuchtet. 31 Fazit zum Amt des Oberbürgermeisters

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References

Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.