Content

1. Einleitung in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 1 - 4

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1. Einleitung Auch noch 75 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches gerät das nationalsozialistische Regime immer wieder in den Blick diverser Forschungen. Es verwundert daher nicht, dass es zum Nationalsozialismus bereits eine Fülle von Informationen und geschichtlicher Aufbereitung gibt. Die Stadtverwaltung und ihre Bediensteten wurden im Geflecht des nationalsozialistischen Staates jedoch vergleichsweise wenig thematisiert. Für die Städte Münster1 und München2 werden seit einiger Zeit groß angelegte Studien durchgeführt, die die jeweiligen Stadtverwaltungen während des Nationalsozialismus thematisieren. Hier knüpft die vorliegende Arbeit an und es wird speziell die Stadtverwaltung der kreisfreien Großstadt Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen betrachtet, der Fokus liegt vor allem auf den ehemaligen Beschäftigten. Es soll aufgezeigt werden wie der Nationalsozialismus Einfluss auf die Aufgaben sowie den Arbeitsalltag der Mülheimer Stadtverwaltung hatte und inwieweit die politischen Umstände 1 Vgl. Westfälische-Wilhelms-Universität Münster, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte II (2018). Die Stadtverwaltung Münster in der NS-Zeit. URL: 2019. 2 Vgl. Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften (2019). Die Münchner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. URL: 2019. in das Arbeitsleben einzelner Bediensteter hineingewirkt und die Entscheidungen der Beschäftigten beeinflusst haben.3 Zu diesem Zweck wurden hauptsächlich archivierte Personal akten ausgewertet, aber auch alte Ratsangelegenheiten, Zeitungsartikel, Akten aus der allgemeinen Sachbearbeitung sowie damalige Niederschriften und Verfügungen herangezogen, die im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr öffentlich zugänglich sind. Zur Ergänzung der gesammelten Informationen wurde außerdem ein Zeitzeuge interviewt, der seit 1940 bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr beschäftigt war (s. Anhang, Kapitel 8). Der aktuelle Forschungsstand sieht wie folgt aus: Die bisherigen Arbeiten bezüglich der Stadt Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus gelten den Themen des Widerstands, des Zwangsarbeiter systems und den Opfern des Regimes. In den 1980er Jahren wurde von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Anti faschisten in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung die Wanderausstellung „Widerstand und Verfolgung in Mülheim 1933 bis 1945“ installiert, die auch heute noch besucht wird, vor allem von Schulklassen.4 Zudem hat die Stadtverwaltung in den 1990er Jahren drei historische Untersuchungen zu ihrer Stadtgeschichte im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben, die die Themen Zeitzeugenberichte, Zwangsarbeit und das jüdische Leben in Mülheim an der Ruhr reflektieren.5 Auch die Mülheimer Stolperstein-Initiative hat bereits viele Schicksale nationalsozialistischer Opfer aufgearbeitet, hauptsächlich von ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, welche die größte Opfergruppe des Nationalsozialismus darstellen. Es wur- 3 Im Folgenden wird allein aus Gründen der leichteren Lesbarkeit gelegentlich lediglich die männliche Sprachform benutzt. Die Personenbezeichnungen können jedoch für beide Geschlechter gelten. 4 Vgl. VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr 1933 bis 1945. URL: 2019. 5 Vgl. Kaufhold, B. (2006). Glauben unter dem Nationalsozialismus. 1. Auflage. Essen: Klartext, Vorwort. (künftig zitiert: Kaufhold, 2006). 2 Einleitung den in Mülheim an der Ruhr jedoch auch Stolpersteine für andere Gruppen von verfolgten Personen verlegt, beispielsweise für Zeuginnen und Zeugen Jehovas oder Opfer der Euthanasie, die sich gegen Menschen mit Behinderung richtete.6 Um die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus nun gesondert zu betrachten, gliedert sich die vorliegende Arbeit in fünf inhaltliche Kapitel. Es erfolgt zuerst ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung der Stadt Mülheim an der Ruhr in der Zeit des Nationalsozialismus (Kapitel 2). Danach werden die dienstlichen Werdegänge der Mülheimer Oberbürgermeister der Jahre 1933 bis 1945 betrachtet und verglichen, da das Amt des Oberbürgermeisters als Spitze der Stadtverwaltung von besonderem Interesse ist (Kapitel 3). Im Anschluss werden die Aufgabengebiete sowie Veränderungen der Aufgaben und betreffende Gesetzesänderungen von einzelnen, ausgewählten Ämtern der Stadtverwaltung näher beleuchtet. Es handelt sich um die Feuerwehr (Kapitel 4), das Schulamt (Kapitel 5) und die Stadtkasse (Kapitel 6). Die Betrachtung der einzelnen Ämter wird jeweils um eine detaillierte Dienstbiografie einer Person ergänzt, die früher dort beschäftigt war. Die Arbeit schließt mit einem Fazit (Kapitel 7) ab, in dem die Ergebnisse in Hinblick auf das Forschungsinteresse zusammengefasst werden. 6 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr (2019). Das Projekt „Stolpersteine“ in Mülheim an der Ruhr. URL: 2019. 3 Einleitung

Chapter Preview

References

Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.