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6. Forschungsvorhaben: Rekonstruktive Forschungslogik in:

Florian Hubert

Recht als Sprachspiel, page 31 - 42

Das Völkerrecht und die Implikationen von Normkontestation durch die Annexion der Krim

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4486-5, ISBN online: 978-3-8288-7519-7, https://doi.org/10.5771/9783828875197-31

Tectum, Baden-Baden
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31 6. Forschungsvorhaben: Rekonstruktive Forschungslogik Die bisherigen Ausführungen legen ein methodisches Vorgehen nahe, dass den Gebrauch einer Souveränitätsnorm im Kontext der Krimannexion rekonstruiert. Die Frage nach möglichen Implikationen eines solchen normkontestierenden Handelns wird mithin durch die Rekonstruktion beantwortet, wie konkret eine Souveränitätsnorm gebraucht wird und welche Kontinuitäts- und Wandelungselemente sich aufzeigen lassen. Die Arbeit verzichtet demnach explizit auf abgeschlossene striktkausale Kriterien, unter welchen Bedingungen eine bestimmte Implikation erwartet wird, die in einem hier zugrundeliegenden Normverständnis weder epistemologisch überzeugend sind, noch benötigt werden ‚to cope‘ mit der zugrundeliegenden Problemstellung. Weil ‚der Gebrauch‘ methodisch konkretisiert werden muss, wird nachfolgend auf die Methodologie der Grounded Theory in einer vom Pragmatismus geprägten Variante zurückgegriffen. Danach werden völkerrechtliche Überzeugungen rekonstruiert, also das, was im Wittgenstein‘schen Sinne als das implizierte Wissen (knowing how) verstanden wird, eine Souveränitätsnorm so und nicht anders blind zu gebrauchen. Dabei ist erneut zu betonen, dass der Fall nicht darauf reduziert werden kann, dass sich einzelne Akteure per se für oder gegen ‚die Souveränitätsnorm‘ aussprechen, sondern unterschiedlichste Überzeugungen dessen zugrunde liegen, was diese ist: Das lässt sich besonders pointiert an einer Sequenz aufzeigen, die aus einem Beitrag Russlands markiert wurde, C263 (Russia): „We do not dispute the principle of the territorial integrity of States. It is indeed very important”. Was also sind die grundlegenden Gebrauchsformen bzw. Überzeugungen von Souveränität im Peircen Sinne? Welche Implikationen ergeben sich aus diesem, eine Souveränitätsnorm erst belebenden, Gebrauch im Kontext der Krim? Ich nutze die Methodologie der Grounded Theory um (völkerrechtliche) „beliefs“24 in Reaktion auf die Krimannexion bzw. die unterschiedlichen Aspekte des Gebrauchs zu rekonstruieren. Die Methodologie der Grounded Theory ist für das Forschungsvorhaben aus zwei Gründen besonders geeignet. Erstens, weil sie erlaubt, vielfältige Datenquellen systematisch sinnstiftend zu analysieren und Handlungsüberzeugungen zu rekonstruieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Zweitens, und nicht marginal, weil die Methodologie den wissenschafts- 24 Siehe dazu den nachfolgenden Abschnitt. 32 theoretischen und epistemischen Prämissen des Pragmatismus (zu denen auch Wittgenstein zweifelsohne zu zählen ist) besonders Rechnung trägt. 6.1 Epistemologischer und ontologischer Analyserahmen Die wesentlich durch die amerikanischen Soziologen Anselm Strauss, Barney Glaser und später Juliet Corbin entwickelte Grounded Theory zielt auf die in Daten begründete Genese theoretischer Annahmen. Dabei wird auf ein mehrstufiges Kodierverfahren zurückgegriffen, das nicht darauf hinzielt, bestehendes theoretisches Wissen auf einen Fall zu übertragen, sondern abduktiv eigenständige Erklärungen zu entwickeln, die sich aus der Rekonstruktion empirischen Datenmaterials erst ergeben. Seit den ersten Entwicklungen in den 1960er Jahren ist die Grounded Theory dabei mindestens in drei Richtungen weiter ausformuliert worden, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Hier wird weitestgehend der Methodologie von Strauss und Corbin gefolgt, deren Variante maßgeblich beeinflusst ist durch die wissenschaftstheoretischen Prämissen des amerikanischen Pragmatismus. Grundgedanke ist es, textförmig protokollierte Spuren menschlicher Handlung zu rekonstruieren. Dafür wird auf die handlungstheoretischen Prämissen Charles Peirce aufgebaut, der sagt: „belief is a rule for action“ (Peirce 1997: 33). „Beliefs“ sind hier nicht als (normative) persönlich-individuelle Motive zu verstehen, sondern als bewusste oder unbewusste Handlungsregeln, die Gründe für ein Handeln bereitstellen: Das „knowig how“ im Sinne Wittgensteins (Kratochwil 2014: 50)25. Diese, so der zentrale Gedanke der Grounded Theory-Methode, können durch ein interpretatives Kodierverfahren rekonstruiert werden. Epistemologisch zentral ist die Überlegung der Sprach- und Interpretationsabhängigkeit jeglicher und immer erst durch Sprache vermittelter menschlicher Wahrnehmung. Sowohl den klassischen Pragmatisten um Mead, Peirce und Dewey, als auch der nach Strauss und Corbin entwickelten Grounded Theory26, ist die Kritik an einem positivistischen Wahrheitsverständnis und einer nomologisch-deduktiven Forschungsagenda gemeinsam. Sie stellen die Prämisse in Frage, die ‚Realität dort draußen‘ müsse in einem Forschungsprozess gleichermaßen bloß 25 Die Unterscheidung ist insbesondere für die IB-Normenforschung zentral, wo „Überzeugung“ als Begriff vor allem im Kontext einer an Habermas orientierten Forschung gebraucht wird. Etwa Deitelhoff 2006: „Überzeugung in der Politik“. 26 Zum Verhältnis von Peirce und Dewey zu Strauss und Corbin, vgl. besonders auch Strübing 2014: 41ff. 33 abgeschöpft werden, um zu objektiven Aussagen über die Welt zu gelangen. Vielmehr wird der Blick dafür geschärft, dass Sprache kein Mittel ist, um die vermeintlich objektiv wahrnehmbare Welt neutral beschreibend abzubilden, sondern Sprache selbst geradezu erst konstituiert, was ist (Kratochwil 2007: 10). Wenn wir die Welt(politik) in einem bestimmten Vokabular beschreiben, ist das immanent und immerzu eine interpretative Leistung. Davon ausgehend spiegelt sich pragmatistisches Denken in der Grounded Theory27 vor allem in der Reflektion der Wissenschaftspraxis wider und lässt sich von der Annahme anleiten, „dass die Welt der Menschen von intersubjektiv geteilten Begriffen, Regeln und Ideen bestimmt wird, die als Folge gemeinsamen Handelns entstehen, bestätigt, verworfen und modifiziert werden.“ (Roos/Franke 2017: 10; vgl. ÜG: §§96-99). Wissenschaft selbst ist eine Praxis, die Wissen nicht einfach ‚findet‘ und deswegen keine objektiven Abbildungen der Welt in Theorien darstellen kann. Das greift aus einer pragmatistischen Sicht deswegen eindeutig zu kurz – und hier wird die zweite Prämisse pragmatistischen Denkens deutlich – weil sich das zu untersuchende Soziale selbst fortwährend und permanent entwickelt. Überzeugungssysteme (oder mit Peirce: beliefs) verändern sich permanent und dürfen mithin nicht als sozialwissenschaftliche ‚Fakten‘ behandelt werden. Wenn also die Normenforschung beispielsweise plausibel einen Aushandlungsprozess nachzeichnen kann, der die Geltung einer Norm nahelegt und Erklärungskraft entfaltet, wäre es ein Missverständnis, „[to mistake] human laws for laws of nature” (Kratochwil 2018: 172). Ein Vertragsschluss wie auch die Praktik dessen, wie der Vertrag zu verwenden ist, ist weder Anfang noch Ende, sondern ein Ausschnitt verschiedener Interaktionsprozesse, die immerzu Kontinuitäten und Wandel unterliegen. Nimmt man diese Annahmen ernst, muss sich auf eine ständige Veränderung der sozialen Welt eingestellt werden und im Falle des Zweifels (Peirce 1997; Dewey 1981: 227) das ‚Wissen‘ der Wissenschaft überarbeitend und datenbasiert neu erworben werden. Das hat zur Folge, dass ein wissenschaftliches Ideal, sich durch den Forschungsprozess der ‚objektiven Wahrheit‘ immer weiter ein Stück zu nähern, deswegen fehlleitend ist, weil auch wissenschaftliche Erkenntnisse immer sprachabhängig und zudem immer nur temporäre und zwingend unvollständige Weltbeschreibungen sind (Strübing 2004: 47). Ziel kann es deswegen nicht sein, im Popper‘schen Sinne 27 Nachfolgend nehme ich zu Strauss/Corbin Beziehung, wenn ich von „der Grounded Theory“ spreche. 34 endgültige und absolute Wahr- oder Falschaussagen (Veri- und Falsifizierung) zu generieren, die in abstrakten Generalisierungen und als Großtheorien möglichst kontextunabhängig erklären, was in der Welt vor sich geht. Forschung, so die wohl grundlegendste Prämisse der Grounded Theory, dürfe und könne sich gar nicht darauf reduzieren, in einem hypothesentestenden Rahmen, theoretische Annahmen verschiedener Großtheorien gegen vermeintlich objektiv wahrnehmbare Phänomene in der Empirie zu testen und einem Fall gleichermaßen nur noch ‚überzustülpen‘ und zu subsumieren. Das gilt sowohl für Theorien, die zur Erklärung eines eigenen Falls unter der Annahme von Erklärungskraft ‚ausgewählt‘ werden, als auch für eigens rein theoretisch entwickelte Theorieansätze, die dann empirisch ‚nur noch‘ bestätigt werden sollen. Vielmehr ist das übergeordnete Anliegen der Grounded Theory hypothesengenerierend etwas bislang Unbekanntes und Unerwartetes zu Tage zu fördern (Strauss 1994), das interpretativ aus den Daten selbst rekonstruiert wird und auf diese stetigen Veränderungen kreativ reagiert. Damit verweist die Grounded Theory auf ein Vokabular, das wissenschaftstheoretische Begriffe wie „Hypothesen“ nicht ausschließlich in einem positivistischen Sprachspiel verwenden muss, um für den Forschungsprozess nützlich zu sein: Soweit auch für eine aus ‚den Daten‘ gewonnenen Hypothese der Grundsatz der Fallibilität und der Vorbehalt des Irrtums im Sinne Rortys (1994) gilt, ist das Bilden von Hypothesen elementarer Bestandteil sozialwissenschaftlicher Forschung. Aus beiden epistemologischen Kriterien (vgl. Jasper 2014: 36), der generellen Sprachabhängigkeit wissenschaftlicher (und alltäglicher) Erkenntnis und der daraus folgenden Akzeptanz einer Unentscheidbarkeit von Wahrheitsansprüchen über die Welt, folgt, eine rekonstruktive Forschungslogik einzuschlagen, die sich der Trennung der drei wissenschaftlichen Schlussverfahren Induktion, Deduktion und Abduktion bewusst entzieht und stattdessen wechselseitig berücksichtigt und nutzt (Strauss 1994: 33). Der Forschende soll eine „in Daten begründete“ (grounded) eigenständige Erklärung entwickeln, die gerade darauf gerichtet ist, permanente Veränderungen mit Offenheit zu begegnen und damit ‚neues‘ in der Welt zu erkennen und mit neuem Vokabular beschreiben zu können. Damit ist keinesfalls ein regelloses Interpretieren ‚in privatim‘ und losgelöst von Kriterien der Wissenschaftsgemeinschaft gemeint, sondern es wird zu Charles Peirce‘ (1965: 186) Idee der Abduktion referiert. Peirce stellt fest, während „Induction consists in starting from a theory, deducion from it predictions of phenomena, and 35 observing those phenomena in order to see how nearly they agree with the theory“ (Peirce 1965: 404), sei es beiden Vorgängen nur sehr begrenzt möglich, kreativ neue Hypothesen zu formulieren (Ebd.: 90). Peirce schlägt deswegen Abduktion vor, als das Formulieren neuer, vorsichtiger Hypothesen, die einen Zweifel über Fälle auflösen können, die nicht bereits durch bestehende Hypothesen befriedigt sind:28 „Abduction merely suggests that something may be. Its only justification is that from its suggestion deduction can draw a prediction which can be tested by induction, and that, if we are ever to learn anything or understand phenomena at all, it must be by abduction that this is to be brought about.“ (Ebd.: 106). Auch für die so kreativ gewonnen Hypothesen gilt aber der Grundsatz der Fallibilität, die sich am Maßstab der Plausibilität und des Bewährens messen lassen muss. Damit kommt es der Grounded Theory wesentlich darauf an, solche „abduktiven Schlüsse“ des Forschenden in einer weiteren Auseinandersetzung mit dem empirischen Material systematisch zu festigen und sukzessiv weiterzuentwickeln. Strauss schlägt dafür ein dreidimensionales Kodierverfahren vor: offenes, axiales und selektives Kodieren. Dabei handelt es sich wesentlich um ein verschieden gelagertes Interpretationsverfahren, das erste Ideen anhand eines permanenten Vergleichs mit weiteren Daten in Beziehung setzt und dadurch stetig ausbaut. Dabei muss der Forscher seine eigenen Überzeugungen und Erfahrungen nicht (und weder kann er es, noch ist es sinnvoll) gleichsam während des Forschungsprozesses hinter sich lassen und einen Blick ‚from nowhere‘ einnehmen29, noch heißt das, das in einem ‚everything goes‘ jede Interpretation gleichermaßen Geltung und Plausibilität für sich beanspruchen kann. Vielmehr muss der Forschende darum bemüht sein, ein Vokabular im Sinne Rortys (1994) zu entwickeln, deren Güte sich nicht anhand abstrakter Wahrheitskriterien misst, sondern daran, dass eine daraus entwickelte Theorie eine Community of Science als plausibel und überzeugend akzeptiert wird 28 Für die IB vgl. auch Friedrichs/Kratochwil 2009: 714, „Pragmatic Research Strategy“; ähnlich jüngst auch Wiener 2018: 13f. 29 Dieser Eindruck wurde von Glaser und Strauss (1967: 37) selbst erweckt, wenn sie schreiben: „An effective strategy is, at first, literally to ignore the literature of theory and fact on the area under study, in order to assure that the emergence of categories will not be contaminated by concepts more suited to different areas.“ Die Ausdifferenzierung nach Strauss, der hier maßgeblich gefolgt wird, distanziert sich davon deutlich (Strauss 1994: 36; 2004: 41). 36 und uns diese befähigt, besser mit der Welt zurecht zu kommen (Peirce 1965: 186; Hellmann 2009). 6.2 Die Methode der Grounded Theory Die Grounded Theory legt als Methodologie ein solches Kodierverfahren nicht als korsettartige Methode an die Hand, sondern betont, das Vorgehen dem eigenen Forschungsgegenstand kontextuell anzupassen. So formuliert Strauss: „Studieren Sie diese Faustregeln, wenden Sie sie an, aber modifizieren Sie sie entsprechend den Erfordernissen Ihrer Forschungsarbeit. Denn schließlich werden Methoden entwickelt und den sich verändernden Arbeitskontexten angepasst“ (Strauss 2004: 437) Das Verfahren ist in diesen ‚Kernelementen‘ des verschiedenartigen Kodierens dann aber insofern zwingend, als die Gütekriterien der Grounded Theory bestehen bleiben müssen. Offenes Kodieren leitet den Interpretationsvorgang ein und zielt darauf ab, kreative, möglichst unvoreingenommene und zunächst sogar (und gerade!) unkonventionell erscheinende Lesarten an den Text ‚heranzutragen‘. Entscheidend ist in diesem ersten Schritt das ‚freie Assoziieren‘ und eine große Offenheit gegenüber dem Datenmaterial. Das meint explizit nicht ein Spekulieren darüber, was ein Akteur möglicherweise „zum Ausdruck bringen wollte, sondern (…) welcher intersubjektive Sinn in der Sequenz zum Ausdruck gelangt“ (Roos 2010: 103, Hervorhebung übernommen): Hiermit ließe sich zur verdeutlichenden Abgrenzung auch auf Wittgenstein Bezug nehmen, dem es anders als etwa Austin nicht um die Wirkung bei einem Publikum im Sinne eines perlokutionären Aktes ankommt, sondern auf „die Funktion, die ein Ausdruck aufgrund seiner sprachlichen Konvention hat“ (Glock 2010: 125), der Zweck des Ausdrucks also selbst (PU: §§317, 345). Weil das offene Kodieren gerade keine theoretischen Vorannahmen anleitet, die dann im empirischen Material gesucht werden, ist Peirces Abduktionsmodus zentral: Es sollen vorsichtige Hypothesen plausibel formuliert werden, die erst später weiter verdichtet und gegebenenfalls überarbeitet werden. Textsequenzen – die hier bereits in Form von Protokollen des UN-Sicherheitsrates und anderen Dokumenten textartig vorliegen – werden hinsichtlich sich darin zum Ausdruck gelangenden Handlungsüberzeugungen mit möglichst präzise gewählten Code-Namen versehen. Dadurch entsteht in diesem ersten Schritt nach und nach eine Vielzahl von Codes, die erst später weiter geordnet, überarbeitet und 37 verdichtet werden. Angeleitet wird das abduktive offene Kodieren sowohl durch – bewusst offene, aber den Interpretationsvorgang dennoch anleitende – Leitfragen, die in Hinblick auf das konkrete Forschungsinteresse disziplinieren sollen. Im vorliegenden Fall wäre beispielsweise der Gebrauch von „Souveränität“ oder „territoriale Integrität“ und seine Rolle und Zweck zentrale Aspekte. Um auf Peirce, aber auch Wittgenstein zurückzukommen: Wie werden sprachliche Ausdrücke gebraucht, in welchen Kontexten und Sprachspielen werden sie verwendet? Welches Vokabular gebrauchen die Akteure mit welcher (denkbaren) Bedeutung? Elementar ist hier das sprachphilosophische Verständnis Wittgensteins, nach welchem die Verwendung bestimmter Wörter keineswegs eine bestimmte Bedeutung immer schon klar determiniert, sondern sich die Bedeutung erst in einem spezifischen Kontext ergibt. Sich diesen Bedeutungen reflektierend zu nähern und unterschiedliche Lesarten plausibel abzuwägen, ist Gegenstand des ersten offenen Kodierens. Folgende Leitfragen leiten den ersten Kodiervorgang an: ― a) Auf welchen Aspekt/Eigenschaft von Souveränität bezieht sich die Sequenz? ― b) Wie wird der Souveränitätsbegriff gebraucht? Welche Ideen kommen zur Geltung, welche Überzeugungen drücken sich aus? ― c) Welche Erklärung/Interpretation scheint auf den ersten Blick plausibel, welche weiteren Interpretationen in Erscheinung tretender Überzeugungen lässt die Sequenz noch zu? Im Sinne der Nachvollziehbarkeit und der Plausibilität werden parallel zum Kodieren Memos angelegt. Memos übernehmen die doppelte Funktion, die interpretativen Gedankengänge des Forschenden einerseits für andere zugänglich zu machen und damit erst Plausibilität herstellen zu können. Andererseits sind sie aber zwingende Bedingung weiterer Schritte des axialen Kodierens und um eigene Interpretationen weiter zugänglich überarbeiten zu können. Das impliziert, dass über den Kodiervorgang hinweg, vorherige Interpretationsweisen auch wieder revidiert oder angepasst werden können, die sich mit einer zunehmenden Dichte in einem Netz von interpretierten Sequenzen als weniger plausibel herausstellen als zunächst angenommen. Die zweite Kodierdimension ist das axiale Kodieren, explizit aber nicht (unbedingt) als zeitlich nachgeordneter Schritt zu denken. Zwar ‚beginnt‘ die Kodierung zwingend mit dem offenen Abduktionsverfahren, im weiteren Verlauf erfolgt aber zudem ein paralleler und 38 zunehmender Vergleich mit bereits bestehenden Codes. Während also zu Beginn des Kodierprozesses ausschließlich offen kodiert werden kann, weil noch keine theoretischen Vorannahmen bestehen, denen man Sequenzen zuordnen könnte, erfolgt genau dieses Zuordnen beim axialen Kodieren. Zwar wird weiter offen kodiert, auch um sich nicht vorschnell auf einige Hypothesen zu versteifen, neue Codes werden aber zunehmend in Beziehung mit bestehenden Codes und Kategorien gesetzt, um Neuigkeiten oder Konkretisierungen zu erreichen. Die verschiedenen Textsequenzen, die im offenen Kodieren noch mit einfachen Codes und dazugehörigen Memos versehen wurden, werden zu Beginn des axialen Kodierens zunächst ‚lose‘ in Kategorien zusammengefasst. Kategorien übernehmen hier die Funktion, ähnliche Aspekte in Ober- und Unterkategorien zu hierarchisieren. Dadurch entsteht in erster Linie eine Übersicht über verschiedene Aspekte und ordnet damit den weiteren Kodierverlauf. Neue Sequenzen aus weiterem Datenmaterial werden so im doppelten Maße interpretiert, nämlich im Abduktionsmodus weiterhin „offen“, dann aber auch induktiv, das heißt vergleichend-zuordnend zu bereits gebildeten Codes. Deduktiv werden diese Codes aber auch immer wieder und fortlaufend hinterfragt, gegebenenfalls (im Abduktionsmodus) entsprechend überarbeitet und neue Sequenzen wiederholend zugeordnet und ergänzt. Das axiale Kodierverfahren ist damit wesentlich geprägt durch ein „In-Beziehung-Setzen“ (Strauss/Corbin 1990) mit dem Ziel, ein immer dichter werdendes Netz von interpretierten Sequenzen zu verschiedenen Codes zu spinnen, was sich selbst nach und nach verdichtet, neu anpasst und stetig hinterfragt wird. Die obenstehenden Leitfragen werden hier ergänzt durch die Fragen: ― a) Wurden bereits Sequenzen zu diesem Aspekt von Souveränität gesammelt? ― b) Welche Aspekte sind neu, wo müssen bestehende Kategorien überarbeitet werden? ― c) Welche Aspekte sind ähnlich, lassen sie sich sinnvoll dem bestehenden Kodesystem zuordnen? ― d) Welche neuen Dokumente scheinen für ein weiteres Kodieren sinnvoll? Ein methodisch durchaus umstrittener Teil der Grounded Theory Methode stellt das dritte Kodierverfahren, das selektive Kodieren dar. Strauss versteht darunter ein „systematisch[es] und konzentriert[es]“ kodieren nach „Schlüsselkategorien“ (Strauss 1994: 63) als die 39 Kategorien, „die alle übrigen Kategorien am ehesten zusammenhält“ (Strauss 2004: 448). Dieser Kodierschritt ist deswegen besonders häufig Gegenstand von Anpassungen, weil er sowohl mit Vor- und Nachteilen verbunden ist, die sich zudem je nach Forschungsvorhaben als das jeweils eine oder andere herausstellen können. Hierauf konzentriert sich insoweit auch die grundlegende Idee des theoretischen Samplings und das Feststellen einer hinreichenden Sättigung des Kategoriesystems (vgl. Strübing 2014: 29f, 33). Das soll es begründen, die Suche nach „neuen“ Lesarten zu Gunsten einer dann selektiven Subsumption weiteren Materials unter bestehende Kategorien einzustellen. Grundsätzlich ermöglicht das selektive Kodieren durch geradezu subsumptionslogisches Zuordnen weiteren Datenmaterials unter bereits bestehende Kategorien, ‚Schlüsselkategorien‘ systematischer zu sättigen. Das ist dann von Vorteil, wenn gerade ein solches Ergebnis dazu beiträgt, die Forschungsfrage ‚zugespitzter‘ zu beantworten. Dieser Vorteil ist dann aber logisch-zwingend zum Nachteil der Extensivität verbunden. Eine zentrale Kritik liegt darin, dass ein selektives Kodieren letztlich doch wieder in eine Subsumptionslogik verfällt. Ich werde diesen Kodierschritt sehr sparsam einsetzen, weil ein hier vertretendes Normverständnis davon ausgeht, mit der Rekonstruktion des Gebrauchs einer Souveränitätsnorm bereits alles gesagt zu haben. Vor allem aber übernimmt auch das axiale Kodieren bereits alle nötigen Integrierschritte, d.h. die Herausbildung zentraler Kategorien sowie alle Konkretisierungs- und Zuspitzungsschritte hin zu einer geradezu „zwingenden“ Lesart. Ein selektives Kodieren ist allein deswegen nicht überzeugend, weil ein subsumptionslogisches „Auffüllen“ den Zweck verfehlt: Hier geht es gerade nicht um die Variable der Implikationen von Normkontestation im Zuge der Krim, sondern um die Nuancen einzelner Verschiebungen. Auf die Variable, die am Ende dieser Arbeit auf den Wandel oder die zentrale Implikation hinweist, kann es kaum ankommen30. Auch das widerspricht der Praxis des Völkerrechts und marginalisiert die Bedeutung auch kleinerer Verschiebungen. Die Fokussierung der Normenforschung auf besonders einschlägige Ereignisse wie der Herausbildung einer neuen Norm oder dessen Erosion ist begründet, schneidet sich aber von einer Vielzahl bedeutender Entwicklungen ab. Zwar scheint das durch Kategorien von ‚Schwächung oder Stärkung‘ berücksichtigt zu sein, lässt aber eben doch ausschließlich offene Tendenzen zu ohne die nötige Konkretisierung, was Entwicklungen im 30 Vgl. aber stattdessen Kapitel 9, wo das Rekonstruierte im Sinne Wittgensteins „im Zusammenhang“ aufgezeigt wird. 40 Völkerrecht genau kennzeichnen. Gerade für Kontestation ist aber ein sensibleres Arbeiten nötig, das in dieser Form eher von der Völkerrechtswissenschaft übernommen wird. Stattdessen werde ich am Ende dieser Arbeit in stark abgewandelter Form eine Schlüsselkategorienbildung als Schlussbetrachtung nachzeichnen, die sich auf das Aufzeigen ‚weicher‘, d.h. besonders zentraler Kategorien beschränkt. Hier soll also die Rück-Übersetzungsleistung erbracht werden, was Implikationen für das Völkerrecht „im großen Ganzen“ auch in einem politikwissenschaftlichen Vokabular ausmachen. 6.3 Auswahl des Datenmaterials und „Theoretical Sampling“ Leitfrage d) des axialen Kodierens spricht zugleich eine weitere Dimension des Kodierverfahrens und eine wesentliche Eigenschaft der Grounded Theory insgesamt an. Anders als beispielsweise in der Diskursanalyse steht in der Grounded Theory das Datenmaterial nicht zwingend von Beginn an fest. Zwar startet das Kodieren mit textförmig protokollierten Spuren (hier u.a. Sitzungsprotokolle des UN-Sicherheitsrates), lässt aber einen flexiblen Freiraum, um das Datenmaterial im weiteren Arbeitsverlauf ‚sinnvoll‘ anzupassen: der Forscher „entscheidet, welche Daten als nächstes zu erheben sind und wo er diese finden kann“ (Strauss 1994: 70). Für das vorliegende Forschungsvorhaben wird der Nutzen eines solchen Vorgehens besonders eindringlich deutlich: Wenn es um verschiedene Aspekte eines Gebrauchs einer Souveränitätsnorm geht, dann scheint es gewinnbringend, sich spätestens nach der Bildung erster fundierterer Hypothesen auch solche Dokumente anzuschauen, die geeignet sind, diese weiter zu überprüfen und zu festigen. Andere Quellen sind dann ebenso zulässige und möglicherweise sogar ertragbringender als eine ausschließliche Festlegung auf Protokolle des UN-Sicherheitsrats. Es ermöglicht aber zugleich eine systematische und gerade auf Grundlage von Zwischenergebnissen begründete Auswahl weiterer Sicherheitsratsprotokolle. 6.4 Konkretisierung der Grounded Theory Methode für das eigene Vorhaben Ganz im Sinne der emanzipatorischen Empfehlung nach Stauss und Corbin passt diese Arbeit das methodische Verfahren der Grounded Theory in der Weise an das hier vorliegende Forschungsinteresse an, dass es eine bestmögliche Bearbeitung ermöglicht. a) Für das offene Kodieren werde ich bei den Protokollen der UN- Sicherheitsratssitzungen beginnen, die auch im Konfliktverlauf 41 unmittelbar einberufen worden sind. Neben den ständigen Vetomächten und den wechselnden nichtständigen Mitgliedern ist zudem die Ukraine in allen Sitzungen zwischen 2014 und 2019 eingeladen und äußert sich dort regelmäßig. Ein Kodierbeginn mit den protokollierten Sitzungen des UN-Sicherheitsrates wird damit begründet, dass dieser aufgrund seiner institutionellen Stellung im Gefüge der Vereinten Nationen einen autoritativen Ort völkerrechtlicher und politischer Interaktionsprozesse darstellt und auch im konkreten Fall der Krimannexion eines der ersten und kontinuierlichsten internationalen Foren ist, in dem es zu einer Aushandlung kommt. Zweitens spricht für einen solchen ‚Start‘ die zentrale Herausforderung der Arbeit, eine sinnvolle und möglichst ebenfalls aus den Daten begründete Eingrenzung vornehmen zu müssen. Weil es nicht möglich (aber auch nicht nötig) ist, sich sämtliche Reaktionen auf die Krimannexion und den sich in diesen zum Ausdruck gelangenden Souveränitätsverständnissen anzuschauen, dient das offene Kodieren zugleich auch zur Identifikation solcher Akteure, die dazu beitragen, ein breites Bild abzubilden. Dabei gilt die an Peirce orientierte theoretisch begründete und praktisch plausible Annahme, dass sich grundlegende Handlungsüberzeugungen in allen zu untersuchenden Sequenzen ausdrücken, weswegen eine in Daten begründete zwingend notwendige Einschränkung nicht automatisch mit einem Qualitätsverlust einhergeht. Mit dem hier zugrundeliegenden Normverständnis nach Wittgenstein ist eine solche Eingrenzung deswegen vereinbar, weil regelgeleitetes Handeln gerade nicht auf bloßes Gleichhandeln reduziert wird und insofern nicht alle Competent Performers einer Praxisgemeinschaft untersucht werden müssen, um einen geteilten Gebrauch zu rekonstruieren. Aufgrund dessen werden zunächst die ersten vier Sitzungen offen kodiert, die mit einem Resolutionsentwurf am 15.März 2014 pointiert wurden. Dieses erste offene Kodieren soll sowohl ein Bild über erste vorsichtige Hypothesen durch verschiedene Lesarten generieren als auch einen Eindruck über besonders stark beteiligte Akteure verschaffen. Eine weitere Einschränkung hinsichtlich der Akteure bleibt also zunächst explizit offen und würde sich erst nach einem ersten Kodieren auf solche Staaten vertieft konzentrieren, die die Rekonstruktion durch regelmäßige und markante Beiträge wesentlich prägen (vgl. Kapitel 7. Datenmaterial und Kodierschritte). b) Erst danach würde sich in einem zweiten Schritt die Datenauswahl fokussiert erweitern, d.h. es werden eben diese Staaten offen kodiert, aber vertieft und konzentrierter. Den Sitzungen des Sicherheitsrates kommt dann weiterhin die Funktion zu, möglicherweise neue Aspekte 42 durch ein offenes Kodieren rekonstruieren zu können und nicht ‚vorschnell‘ Festlegungen hinsichtlich bestimmter Akteure und Hypothesen zu treffen. Erst soweit sich im Verlauf des offenen Kodierens zunehmend Hypothesen herausbilden und Wiederholungen festgestellt werden, erfolgt die Auswahl systematischer. Und zwar ‚allgemeiner‘ und weiterhin offen für solche Staaten, die sich bislang nicht (aber möglicherweise im weiteren Verlauf) markant geäußert haben sowie für neu hinzukommende nichtständige Mitglieder und axial mit einer dann auch systematischeren Auswahl solcher Akteure, aus dessen Positionierungen bereits zentrale Hypothesen gewonnen wurden und jetzt verdichtet werden sollen. Das Vorgehen, stärker ‚entlang‘ der Protokolle des UN- Sicherheitsrates schafft insofern Struktur und trägt zur Systematik bei, als dass ein ständiger Wechsel der Zusammensetzung des Sicherheitsrates gleichermaßen ‚von sich aus‘ kontinuierlich neue Kontraste schafft.

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Abstract

At times, the everyday praxis of international law is challenged by competing interpretations and its denial. An example being the annexation of Crimea, where the international community as well as Russia or China each justified their actions as formally legitimate. To cope with these situations and analyse its implications for the Law, this work develops an understanding of rules using pragmatist theory and Wittgenstein, that focus the “meaning in use”. Thus, on the basis of an empirically driven and reconstructive research strategy, the author spells out implications for international law as well as an alternative conceptualisation of contestation. Thereby, he overcomes a static understanding of norms that tend to favour stability over continuous change.

Zusammenfassung

Zuweilen sieht sich die Praxis des Völkerrechts von konkurrierenden Interpretationen und Infragestellungen herausgefordert. Beispielhaft hierfür ist die Annexion der Krim, bei der sich sowohl die internationale Gemeinschaft als auch Russland, China und weitere Staaten vom Völkerrecht gestützt sahen. Auf Grundlage der pragmatistischen Sozialtheorie und Wittgenstein wird hier ein empiriegetriebenes Regelverständnis entwickelt, das aufkommende Implikationen für das Recht rekonstruiert und aufzeigt, wie Kontestation auch normtheoretisch alternativ zu bestehenden Ansätzen verstanden werden kann. Damit wird ein statisches Normverständnis überwunden, das gestaltende Momente solcher Situationen und das Handeln der Akteure aus dem Blick verliert.