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Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Band 46 Joachim-Friedrich Kapp Die Gründung der Moderne Die Welt im 18. Jahrhundert Eine Geschichtserzählung Tectum Verlag Joachim-Friedrich Kapp Die Gründung der Moderne. Die Welt im 18. Jahrhundert Eine Geschichtserzählung Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 46 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7517-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4484-1 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-7468 Coverabbildung: „Carte des diverses routes par lesquelles les richesses métalliques refluent d’un continent à l’autre“. Carte mondiale, courtesy of David Rumsey Map Collection Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. „Carte des diverses routes par lesquelles les richesses métalliques refluent d’un continent à l’autre“ Carte mondiale, courtesy of David Rumsey Map Collection Inhaltsverzeichnis Vorgeschichte in Kürze; darin: der erste Schritt zu Englands Größe . . . . . . . . . . . . . . . 1 Die Gründung der Moderne. Die Welt im 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Russland wird Großmacht. Peter I., Karl XII. und der Große Nordische Krieg . . . . 31 Karl XII. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Bourbonen gegen Habsburg. Der Spanische Erbfolgekrieg, der zweite Schritt zu Englands Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Der Kampf um das spanische Italien. Ein Lehrstück dynastischer Interessenspolitik Länder als Tauschobjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Sachsen-Polen August II. (der Starke) und August III. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Thronfolge in drei Reichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Lissabon 1755. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? Was kann man überhaupt über ihn wissen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Preußen wird Großmacht Siebenjähriger (dritter Schlesischer) Krieg – Allianz gegen Preußen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Die Welt erforschen, Wissen mitteilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Iran . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Die Teilungen Polens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 VII Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Die Ostindien-Kompanien. Von der Handelsmacht zur Kolonialherrschaft Indiens Schwäche und der dritte Schritt zu Englands Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Japan. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Menschenrechte, Institutionen des Staates Die zukünftige Gesellschaftsordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika „Die Wirklichkeit aus dem Gedanken erbauen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Ende von Sklaverei und Kolonialismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund Das Scheitern Josephs II. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 Innovation und Beginnende Industrialisierung Der vierte Schritt zu Englands Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Danksagung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 Inhaltsverzeichnis VIII Vorgeschichte in Kürze; darin: der erste Schritt zu Englands Größe Der König brauchte Geld. Englands Adel war zwar bereit, die Kriege seines Königs zu finanzieren, aber die Barone forderten Rechte, die ihnen schließlich mit der Magna Charta 1215 zugestanden wurden. Seitdem konnte der Monarch Steuern nur auf Beschluss des „allgemeinen Rats“, dem Vorläufer des Parlaments, erheben. So war England früher als jedes andere Land auf dem Weg zum Parlamentarismus, ein Absolutismus, wie auf dem Kontinent, würde sich dort nicht halten können. Karl I. wurde 1649 enthauptet, als er ohne Parlament, absolut, regieren wollte. Selbstbewusst hieß es: „Gott hat das Volk nicht für die Fürsten gemacht, vielmehr hat er die Fürsten für den Dienst an ihrem Volk und dessen Wohlfahrt gemacht.“ (Simms, S. 29) Dass sich England zudem gegen die katholische Kirche wandte, war zunächst nur ein persönlicher Konflikt zwischen König und Papst gewesen. Heinrich VIII. (1491–1547), ein treuer Katholik, brach mit Rom als der Papst der Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon nicht zustimmen wollte. Der König gründete um 1520 die protestantische anglikanische Kirche, war seitdem deren Oberhaupt und heiratete Anne Boleyn. Die Trennung von Rom, die Herrschaft des Königs über die Kirche, die Auflösung der Klöster und die Aneignung des Kirchenvermögens verbesserten die finanzielle Situation des Landes, ein sehr willkommener Nebeneffekt. Die Macht des Papstes und dessen Recht, Steuern zu erheben, Kirchenämter zu besetzen, und überhaupt der immense Reichtum der Kirche waren dem König schon länger ein Grund, an die Kirche anders als nur gehorsam gläubig zu denken. Im siebzehnten Jahrhundert wurden die alten Konflikte um die Religionszugehörigkeit und die Macht des Königs erneut ausgetragen. Jetzt ging die Opposition vor allem vom Unterhaus aus und dort von protestantischen Kräften (den Puritanern, Presbyterianern und Angli- 1 kanern). Selten in der Geschichte war die Sorge vor der Geburt eines männlichen Thronfolgers Grund für einen Aufstand gegen den regierenden König. In England aber fürchtete man, dass ein Sohn Jakobs II. den Katholizismus verfestigen würde. Der König war katholisch, in zweiter Ehe mit Maria von Modena katholisch verheiratet und versuchte außerdem absolutistisch ohne Parlament zu regieren. Die „glorreiche Revolution“ 1688/1689 beendete sein Regiment. Das war konsequent, und es wäre doch vollkommen unvorstellbar gewesen, dass die Bürger von einer seit langem eingehegten Königsmacht und dem etablierten Protestantismus calvinistischer Art, der ihr Denken und Handeln bestimmte, ablassen, sozusagen die Geschichte zurücknehmen würden. Sie, die Bürger, würden nicht wieder unterdrückt leben wollen. Ein weiterer Grund für diese Revolution war die in England mit Sorge verfolgte Expansionspolitik Ludwigs XIV., der durch seine fortwährenden Kriege auf dem Kontinent zu stark zu werden drohte und eine neue Gefahr für die innere Stabilität Englands darstellen könnte. Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, verheiratet mit seiner Cousine Maria, der protestantischen Tochter Jakobs II. aus erster Ehe, eingeladen durch eine Londoner Parlamentsverschwörung, übernahm durch einen Staatsstreich – unterstützt durch gewaltige Truppen der Niederlande (53 Kriegsschiffe, 40 Transportschiffe, fast 15 000 Mann Truppen) – die Macht und regierte nach der Krönung beider als Wilhelm III. gemeinsam und gleichberechtigt mit seiner Frau Maria II., nach deren Tod allein, als König über England, Schottland und Irland. England hatte sich nun unwiderruflich als ein protestantischer Machtfaktor im Norden Europas etabliert. An Bord desselben Schiffs, auf dem Wilhelm von Oranien von Holland nach London segelte, befand sich auch John Locke, der 1682 seinem Gönner Anthony Shaftesbury ins Exil nach Holland gefolgt war und nun sehr bald nach seiner Rückkehr eine Reihe von Büchern veröffentlichen konnte, in denen er Grundlagen zur Gewaltenteilung, der Staatsphilosophie überhaupt und der Religionsphilosophie legte und über die Toleranz schrieb, den richtigen Gebrauch des Verstandes und die Erziehung der Menschen. Die Legislative ist nach Locke die höchste Gewalt in einem Staat, auch oder gerade, weil sie vom Volk verliehen wird. Sie muss ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft wirksam werden. Sein Buch Second Treatise of Government aber hatte Vorgeschichte in Kürze 2 Locke bereits 1679 veröffentlicht. Locke hatte dort zwei Gewalten, die legislative Macht des Parlaments und die exekutive Macht des Königs, beschrieben. Die Rechtsprechung stellte für Locke keine eigene unabhängige Gewalt dar, sie als dritte unabhängige Gewalt zu beschreiben, war der Beitrag von Charles-Louis Montesquieu. Die „glorious revolution“ und die früheren Aufstände im 17. Jahrhundert, die das Parlament gestärkt hatten, waren der erste Schritt zu Englands Größe, d. h. auch zur Dominanz gegenüber Frankreich, denn indem der Parlamentarismus gestärkt wurde, gewannen die Bürger an Einfluss, Selbstbewusstsein und Initiative. In England gab es nun ein Machtgleichgewicht zwischen konstitutioneller Monarchie als Exekutive und republikanischem Parlament als Legislative, auch wenn noch für längere Zeit nicht alle Bürger ein Wahlrecht hatten. „Der König von England herrschte nicht mehr kraft königlichen Rechts, das allem überlegen war, sondern kraft eines Vertrags, den er mit seinem Volk eigegangen war.“ (Gaxotte, S. 271) Dieser Sieg des Parlaments war gleichzeitig der Sieg der Freiheit und des Protestantismus, verwirklicht durch Wilhelm von Oranien, der nun der moderne Held und Widerpart des im Orthodoxen verhafteten Ludwig XIV. war. Shaftesbury hatte bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts festgestellt: „Was uns Briten betrifft, wir haben, dem Himmel sei Dank, aus ererbter Tradition ein richtigeres Gefühl für Regierung. Wir haben den Begriff Volk und den der Verfassung; wir kennen den Aufbau der gesetzgebenden und den der Exekutivgewalt.“ (Hazard, S. 108, zitiert Shaftesbury). Der protestantische Glaube, speziell die calvinistische Glaubensrichtung, hatte Versprechungen, die die katholische Kirche nicht bot: zwar könne Gottes Gnade nicht auf Grund eigener Verdienste erworben werden, aber er würde doch die von ihm Auserwählten vor allen anderen – eigentlich erst im Jenseits, so Calvin – auszeichnen. Dies wurde aber doch so verstanden, dass es der Erfolgreiche, der Tüchtige sei, den Gott schon auf Erden sichtbar auserwählt und mit Erfolg belohnt habe. Jedermann konnte nun versuchen herauszufinden, ob er zu diesen Auserwählten gehörte. Calvins frohe Botschaft leistete einen Beitrag zu einer langsamen Veränderung der Gesellschaft, einer freiheitlichen Entwicklung, die schließlich in ein neues Wirtschaften, einen ausgeprägten Kapitalismus führte. Die Freiheit des englischen Volkes und die verbrieften Rechte der Bürger setzten, wie schon zuvor in den unabhän- Vorgeschichte in Kürze 3 gigen Niederlanden und später in Amerika zu beobachten, ungeheure Kräfte frei. Besonders wichtig für die ökonomische Entwicklung Englands war, dass sich das zuvor auf Ständeprivilegien gegründete Parlament mit der Zeit in ein Parlament des Bürgertums wandelte. (Kunisch, S. 111) Denn die Bürgerschaft nutzte ihre Freiheit und ihren Einfluss, eine Kaufmannsschaft zu werden. Die „glorious revolution“ setzte in England eine Dynamik frei, die während des achtzehnten Jahrhunderts wie selbstverständlich zu der erneut die Gesellschaft tiefgreifend verändernden industriellen Revolution führte. „Unter der Führung Wilhelms III. wurden sie (die Engländer, d. V.) zu Verbündeten der Handelsherren in Amsterdam, der deutschen Fürsten, des katholischen Spaniens, zu Verbündeten des Kaisers und des Papstes, zu Verbündeten wessen immer, um schließlich an die Spitze der antifranzösischen Liga zu treten. Die Gegnerschaft der beiden Nationen hielt über ein Jahrhundert an und reichte bis 1815, das heißt bis zum Sturz Napoleons, zur Vernichtung der französischen Flotte und dem Verlust des ersten französischen Kolonialreiches. (…) Der Einsatz, um den es dabei ging, war die Vorherrschaft in den Kolonien, auf den Meeren und im Handel.“ (Gaxotte, S. 273) Die Marine hatte für England immer schon im Vordergrund des Interesses gestanden, allein, um sich gegen Angriffe Frankreichs zur Wehr setzen zu können. England investierte in die Flotte, nicht so sehr in ein Heer auf dem Land. Ein stehendes Heer ist stets ein großer Kostenfaktor und bleibt oft längere Zeit ungenutzt, mit der Flotte hat man ein Instrument in der Hand, mit dem sich Handelswege kontrollieren lassen. Die Flotte trägt zum Wohlstand des Landes bei und wird auch im Frieden aktiv. Selbst wenn sie die Handelswege anderer Länder nicht stört, kann sie zumindest gegen die Piraterie eingesetzt werden. England als Inselstaat hat diese Bedingungen der Ausprägung von Herrschaft früh verstanden und konsequent eingesetzt. (Münkler, S. 59) Anders als die Staaten des Kontinents hatte Großbritannien keine Gegner auf der Insel, so dass es sich dort nicht verteidigen und zu diesem Zweck ein großes Herr vorhalten musste, es brauchte auch keine Armee, um sein Territorium etwa auf dem Landweg auszudehnen. So hatte es gegenüber allen anderen Ländern Europas den großen Vorteil, sich auf seine Ziele in Übersee, in Ost und West konzentrieren zu können. (Mahan, S. 29) Um 1710 hatte England eine Armee von 75 000, Frankreich von 350 000 Mann. Entscheidend für Englands Sicherheit und globale Überlegenheit aber war, Vorgeschichte in Kürze 4 dass Frankreich auf dem Kontinent nicht zu stark würde. Anders ausgedrückt: England musste immer wieder Frankreichs militärische Kräfte auf dem Kontinent binden (lassen) und durch Allianzen, auch finanzielle Unterstützungen, eingrenzen, wenn es dieses von möglichen Zielen auf See und in Übersee ablenken und dort schwächen wollte. (Kennedy, S. 165) Nach Wilhelms III. Tod (1702), übernahm Anne, die jüngere Schwester Marias, als letzte Königin aus dem Hause Stuart die Krone. Anne führte, wie alle ihre Vorgänger aus dem Hause Stuart seit 1603, die drei Länder in Personalunion, bis England und Schottland 1707 durch den act of union zum Königreich Großbritannien vereinigt wurden, dessen Herrscherin Anne bis zu ihrem Tod 1714 war. Sie regierte über Irland weiterhin in Personalunion. Zur Vereinigung mit Irland, der Zusammenführung des irischen mit dem Londoner Parlament, kam es erst im Jahr 1801 aus der Sorge vor einer Bedrohung durch Napoleon, nach dem irischen Aufstand von 1798 und dessen Unterstützung durch Frankreich. Ein immer wieder genutztes Einfallstor über Irland nach England sollte geschlossen werden. Unter dem Druck von Frankreich war Irland nun Teil von Großbritannien geworden, das von nun an das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland hieß. (Simms, S. 167) England hatte die Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche, der Revolutionen, des blutigen Bürgerkrieges, der wüsten politischen Kämpfe und nicht endenden politischen Morde im 17. Jahrhundert durchlebt, als es um Auseinandersetzungen in Glaubensfragen und die Einhegung absolutistischer Macht ging. Parlament kämpfte gegen Krone, Katholiken gegen Protestanten und innerhalb des Protestantismus rangen die Anglikaner, Presbyterianer, Puritaner und Dissenter um die Vorherrschaft ihrer Glaubensrichtung. In Frankreich kam es in dem Konflikt zwischen Monarchie, Kirche und Bürgerschaft erst 1789 und danach zu Ereignissen, die – auch wenn Geschichte sich eigentlich nicht wiederholt – in ihrem Geschehen nach dem gleichen Muster abliefen wie einhundertfünfzig Jahre zuvor in England. Dies ist zwar nur eine Eigentümlichkeit der Geschichte, jedoch ein Hinweis darauf, dass große gesellschaftliche Umwälzungen eine über Jahrzehnte anhaltende Instabilität bewirken, die zu strukturellen Experimenten mit dem Versprechen der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung im Staat führen: Revolution, Hinrichtung des Königs, Ausrufung der Republik, danach Vorgeschichte in Kürze 5 bald eine Militärdiktatur, Wiedereinsetzung des Königshauses, gefolgt von einer Zeit der Restauration, abgelöst von einer weiteren Revolution. (Tab. 1) Dass schließlich Brüder des jeweils hingerichteten Königs als Herrscher eingesetzt wurden, ist als eine kollektive Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ anzusehen, ein gesellschafts-psychologisches Phänomen, das Karl Marx so beschreibt: „Und wenn sie eben damit beschäftigt schienen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser eroberten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ Parallelität des Gesellschaftlichen Umsturzes in England und Frankreich Ereignis England Frankreich Revolution 1640 1789 Hinrichtung des Königs Karl I., 1649 Ludwig XVI., 1793 Ausrufung der Republik Regierung des Parlaments Nationalversammlung Militärdiktatur bzw. „der starke Mann“ Oliver Cromwell (1653) Napoleon Wiedereinsetzung des Königshauses Karl II., Bruder Karls I. Ludwig XVIII., Bruder Ludwigs XVI. Nachfolge Jakob II., Bruder beider Vorgänger (1685, Katholizismus, Absolutismus) Karl X., Bruder beider Vorgänger (1824, Restauration) Revolution Glorious revolution (1688) Juli-Revolution, les trois glorieuses (1830) Neue Regierung Wilhelm von Oranien Louis-Philippe von Orléans Tab. 1: Vorgeschichte in Kürze 6 Lagen etwa einhundertfünfzig Jahre zwischen den Revolutionen in England und Frankreich, so dauerte es – die Geschichte eilt nicht – von 1789 bis 1918 weitere 130 Jahre, bis Revolutionen in Russland, Deutschland und Österreich das gesamte Feudalsystem in diesen Ländern hinwegfegten. Auch dort hatte die Monarchie schließlich ihre Legitimität verloren, sie überlebte die Kriegsniederlage nicht. Selbst wenn 1649 und 1789 nicht mit den Gegebenheiten von 1918 vergleichbar sind, so ist es doch aufschlussreich, dass auch in Deutschland wegen der extremen gesellschaftlichen Verwerfungen nach dem Abdanken der Monarchie und der kurzen Phase einer fragilen Demokratie eine Diktatur folgte. Am Ende des 17. Jahrhunderts gab es keinen größeren Gegensatz zwischen zwei Ländern als den zwischen England und Frankreich. Hier das calvinistisch-protestantisch-anglikanische Land, dessen selbstbewusste Bürger sich ihre Rechte gegenüber der Monarchie gesichert hatten, dort das tief katholische Land, das nach den Erfolgen im dreißigjährigen Krieg die Blütezeit des Absolutismus erlebte, zu einer Hegemonialmacht auf dem Kontinent aufgestiegen war, jedoch die Bürger in Abhängigkeit hielt. Ich habe bereits angedeutet, welches Land besser auf die Zukunft vorbereitet war. Das „glorreiche“ Frankreich war nach dem dreißigjährigen Krieg die vorherrschende Macht auf dem europäischen Kontinent geworden und hatte seine Führungsposition gegen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation durchsetzen können. Kardinal Richelieu, Erster Minister Ludwigs XIII., hatte zu diesem Ziel gemeinsam mit dem protestantischen Schweden auf deutschem Boden gegen das katholische Habsburg kämpfen lassen. Am Ende war Europas Norden protestantisch, der Süden katholisch, Habsburg und der Papst geschwächt. Das nach außen so brillant und großartig scheinende Zeitalter des Absolutismus erreichte seinen Höhepunkt unter Ludwig XIV., der den Absolutismus in seiner reinsten Form, ganz nach den Vorstellungen von Thomas Hobbes (1588–1679), vorlebte. Hobbes hatte in seinem Werk Leviathan eine Staatstheorie formuliert, in der er die Übertragung aller Macht auf den Souverän fordert, der über den Parteien steht. Zwar sollte die freie Entfaltung des Individuums garantiert werden, der Mensch als Mensch frei, als Bürger aber Untertan sein. Der Leviathan ist für Hobbes „der sterbliche Gott, dem wir unter dem unsterblichen Vorgeschichte in Kürze 7 Gotte unseren Frieden und Schutz verdanken.“ Die Rechte der Menschen müssten auf den Souverän übertragen werden, der im Gegenzug als oberste Verpflichtung den Schutz der Bürger zu gewährleisten habe. Dies waren kluge, idealistische Gedanken. Wirklichkeit konnten sie nicht werden. Im Absolutismus lief alles auf den Monarchen zu, alle Gewalten – Legislative, Exekutive, Jurisdiktion – waren in Ludwigs XIV. Hand. Sein Hof bildete den Mittelpunkt der Herrschaft, hier wurden der größte Pomp, höfische Sitten und Zeremonien entfaltet. Die Etikette an Ludwigs Hof gab der Selbstdarstellung des Adels eine feste Form, nur mit ihr konnte die Aristokratie ihre Existenz am königlichen Hof mit allem, was ihrem Leben Sinn und Identität gab, aufrechterhalten. Die höfischen Sitten, Moden, aber auch Literatur und Musik galten dem kontinentalen Europa als vorbildlich und wurden eifrig kopiert. Ludwig XIV. war aber überzeugt und wollte auch in dieser Hinsicht Vorbild sein, dass der Anspruch des Herrschers auf unumschränkte Macht und die durch Geburt erlangte Stellung durch die Bereitschaft zu harter Arbeit und gründlichem Fleiß erfüllt werden müsse. Für sich selbst und für das Volk müsse der König nach Größe (grandeur) und Ruhm (gloire) streben, dies müsse das eigentliche Ziel seines Handelns sein. Zahlreiche kleinere Höfe, vor allem in Deutschland, nahmen sich Versailles zum Vorbild, ließen prächtige Barockschlösser errichten und lebten meist über ihre Verhältnisse, so auch Friedrich I. in Preußen. Dessen Sohn, Friedrich Wilhelm I., der zwar ebenfalls einen absoluten Herrschaftsanspruch hatte, hielt jedoch nichts von Prachtentfaltung und Verschwendung. Er verkaufte das königliche Silber und den Krönungsmantel seines Vaters, reduzierte das Hofpersonal, er gab dem Staat Struktur und eine wirkungsvolle Verwaltung, erwirtschaftete und hortete mit der Zeit einen beträchtlichen Staatsschatz und unterhielt ein großes, tüchtiges Heer, das doch zu Lebzeiten des Königs nie in einen Krieg geführt wurde. Friedrich Wilhelm I. lebte einen Absolutismus ohne Prunk und Leichtsinn vor. Adam Smith, der den damaligen Schuldenstand in fast allen europäischen Staaten beklagte, schrieb (S. 783): „Der regierende (Friedrich II.) und der verstorbene König (Friedrich Wilhelm I.) sollen angeblich die einzigen großen Herrscher in Europa gewesen sein, die seit dem Tode Heinrichs IV. von Frankreich im Jahre 1610 einen beachtlichen Staatsschatz angesammelt ha- Vorgeschichte in Kürze 8 ben.“ Ludwig XIV. aber ruinierte die Staatsfinanzen, seine Nachfolger konnten das Blatt nicht wenden. Ludwig XIV. wurde 1638 geboren, nach dem Tod seines Vaters im Alter von vier Jahren zum König gekrönt. Er stand jedoch bis 1661 unter der doppelten Vormundschaft seiner Mutter Anna Maria von Österreich (aus der spanischen Linie der Habsburger) und des Kardinals Mazarin (Giulio Mazarini). Unmittelbar nach Mazarins Tod übernahm Ludwig die Regierung, beanspruchte die absolute Macht gegen- über dem Adel und verweigerte ihm und dem Parlament jedes Mitspracherecht. Der König suchte Ruhm und Größe – daher seine Kriege; er hatte ein großes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation – daher seine Bauten, vor allem in Versailles und die von ihm geliebte und geförderte ungeheure Präsenz in den damaligen Medien (Burke). Ludwig förderte Kunst und Wissenschaften: Durch Molière, Racine, Corneille, La Fontaine, Madame de Lafayette und andere wurde die französische Sprache, deren hohe Form und Reinheit von der Académie Française überwacht wurde, zur Leitsprache in Europa. Die Akademie der Wissenschaften, die Ludwig 1666 gründete, verfügte über ein physikalisches Labor, die 1667 erbaute Sternwarte erlaubte in ihren Räumlichkeiten die Durchführung physikalischer und chemischer Experimente. (Tab. 7, S. 109) Es gelang, Physiker und Astronomen aus dem Ausland nach Paris zu holen. Ludwig förderte aber auch den Handel und handwerkliche Kunstfertigkeit: „Ganz unerträglich auf die Dauer war die Tatsache, dass die Venetianer Arbeiter hatten, die im Spiegelgießen geschickt und voller Kunstfertigkeit waren, während es dem König an solchen Arbeitern fehlte. Man versuchte sie zu werben, zur Ansiedlung in Frankreich zu bestimmen und gewann einige von ihnen um teures Geld für die königliche Manufaktur. Auf dieselbe Weise warb man in Lüttich Kupfergießer, in Spanien Hutmacher, in Italien Sticker, Spitzenmacher und Kunstarbeiter, holte aus Holland Papiermüller und Leinweber, aus Deutschland Schmelzer, Hüttenfachleute, Grubenarbeiter, Kunststecher und Goldarbeiter und sicherte sich Teerbrenner aus Skandinavien.“ (Gaxotte, S. 57) Ludwigs Glaube an die allein selig machende katholische Kirche führte ihn dazu, 1685 das Edikt von Nantes aufzuheben und die Hugenotten sehr schwer zu bedrängen. Viele verließen das Land und wurden wegen ihrer guten Ausbildung von den umliegenden Ländern be- Vorgeschichte in Kürze 9 gierig aufgenommen. Das calvinistische Arbeitsethos der protestantischen Flüchtlinge machte diese zu sehr gern gesehenen Bürgern in den Nachbarländern, in denen sie zu wirtschaftlichem Aufschwung beitrugen. Dort wurden sie aber auch zu Zentren einer Stimmung gegen Frankreich, während die im Lande verbliebenen Protestanten den Kern der Opposition gegen die Monarchie und die staatskirchliche Zwangskultur der Bourbonen bildeten. Frankreich wurde durch die feste Verbindung von Katholizismus und Absolutismus zu einem reaktionären Staat, die beginnende Aufklärung konnte sich gewissermaßen nur im Untergrund entwickeln. Nicht nur seine Frömmigkeit bewog Ludwig XIV. dazu, der katholischen Kirche eine Alleinstellungsposition einzuräumen, denn der absolute Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche, ihre Dogmatik und Inquisition, passten gut zu Ludwigs Staatsführung. Auch mag der König, dem die Kirchenspaltung in der Folge des dreißigjährigen Kriegs ein Greul und bedrohlich war, Sorge vor einer zu starken protestantischen, aufgeklärten Bürgerschaft im eigenen Land gehabt haben. Mit absoluter Macht und unterstützt durch die Kirche wollte er seinem Staat innere Sicherheit und seiner Krone Bestand garantieren und erreichte doch auf lange Sicht das Gegenteil. Denn beide zusammen, Kirche und weltliche Macht, führten das Land direkt auf die gro- ße Revolution 1789 zu. Es kam hinzu, dass das abschreckende Beispiel der Hugenottenverfolgung dazu führte, dass Ludwig XIV. die religiöse Spaltung in Europa förderte. Nur drei Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes kam es in England zur „Glorreichen Revolution“, durch die der Protestantismus gestärkt und der Absolutismus dort endgültig beseitigt wurde. Leibniz schrieb am 18. April 1692 an Bossuet: „Nunmehr stellt sich gleichsam der ganze Norden Europas dem Süden, der größte Teil der germanischen Völker den romanischen entgegen.“ Dies ist bis heute so geblieben, besonders deutlich erkennbar in der sehr unterschiedlichen Ordnungspolitik und wirtschaftspolitischen Strategie der nördlichen und südlichen Länder. Solange Ludwig XIV. erfolgreich war, oder jedenfalls die Bevölkerung darüber informiert wurde, dass er seine Kriege überragend siegreich abgeschlossen habe, störte sich niemand daran, dass sich in Versailles ein Paralleluniversum entwickelt hatte. Das Blatt wendete sich, Vorgeschichte in Kürze 10 als England, Holland und Habsburg schon während des Pfälzischen Krieges eine Allianz bildeten – Frankreich musste im Frieden von Rijswijk auf Lothringen verzichten und (das heutige) Luxemburg an Spanien zurückgeben – und ganz dramatisch, als Frankreich 1708 während des Spanischen Erbfolgekrieges am Abgrund stand. Der berühmte Colbert hatte über viele Jahre durch seine geschickte Finanz- und Handelspolitik immer wieder Gelder für Ludwigs Kriege bereitstellen können. Doch die wegen der Staatsschulden immer drückender auferlegten Steuern, die die Bevölkerung überforderten, von denen aber die privilegierten Schichten befreit waren, befeuerten den Unmut im Volk und stärkten oppositionelle Kräfte. Anders als England, das durch ein selbstbewusstes Bürgertum auf die Zukunft vorbereitet war, verharrte das französische Volk in einer durch das absolutistische Regime bedingten Abhängigkeit, ohne jede Mitwirkung an politischer Entscheidungsfindung. Die Zukunft wurde aber durch freie Bürger, weltweiten Handel, eine starke Flotte, solide Finanzen und Innovationen bestimmt. Auch der Besitz von Kolonien konnte sich zumindest vorrübergehend positiv auf die Erfolgsbilanz eines Staates auswirken. Frankreich versuchte sich zwar auf allen Feldern, England aber siegte. Ständig desolate Staatsfinanzen waren Frankreichs größte Schwäche. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte bereits 1664 gemahnt und gefordert: „Die Macht des Staates und der Glanz des Königtums bestehen darin, dass große Einnahmen große Ausgaben ermöglichen und dass zuletzt ein Überschuss an Geld verbleibt. Im selben Ausmaß, in dem wir das Bargeld vermehren, vermehren wir Macht, Größe und Reichtum des Staates.“ (zitiert aus Gaxotte, S. 54) Durch seine Kriege auf dem europäischen Kontinent stärkte Ludwig zwar die französische Stellung in Europa ein wenig, jedoch zerrüttete er durch diese und seine ausschweifende Lebensführung die Finanzen des Landes: 1667 und 1668 der Devolutionskrieg, mit dem Frankreich Teile der Spanischen Niederlande beanspruchte und erhielt; von 1672 bis 1679 der Holländische Krieg, in dem Ludwig XIV. zum ersten Mal seinem von nun an dauerhaften Gegner Wilhelm von Oranien gegenüberstand, 1683 und 1684 der Reunionskrieg, mit dem er Luxemburg gewann, von 1688 bis 1697 der verlustreiche Pfälzische Erbfolgekrieg und von 1701 bis 1714 der Spanische Erbfolgekrieg. Vorgeschichte in Kürze 11 Ludwigs Gegner war in allen Fällen eine Allianz verschiedener Staaten und immer das Deutsche Reich. Die Rivalität zwischen Frankreich (zunächst die Familie Valois, ab 1589 dann mit Heinrich IV. die Bourbonen) und Habsburg hatte schon mit dem Burgundischen Erbfolgekrieg (1477–1493) begonnen und sich vertieft, seit Karl V. Herzog der Burgundischen Niederlande wurde, 1516 die Herrschaft in Spanien und 1519 die Erbschaft über das Herzogtum Österreich übernommen hatte. Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, war auf dem Kontinent Herr über alle Gebiete, die Frankreich umgaben. Und so war schon der Dreißigjährige Krieg nicht allein ein Religionskrieg gewesen, sondern vor allem ein Krieg Frankreichs gegen die Vorherrschaft der Habsburger in Europa. Und Amerika, der Kontinent jenseits des Meeres? Nachdem Columbus sein „Indien“ entdeckt hatte, waren zunächst die Engländer gekommen und hatten die Ostküste von Süd nach Nord befahren, waren aber nicht geblieben. Sie würden später wiederkommen. Frankreich unterhielt seit dem späten 16. Jahrhundert Handelsbeziehungen mit den im Osten Kanadas lebenden Indianerstämmen der Huronen und den zu jener Zeit mit ihnen befreundeten Irokesen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden Québec und Montréal gegründet und hatten sich zum Umschlagplatz für den Handel mit Fellen, vor allem aber mit dem begehrten Biberpelz entwickelt. Die Franzosen blieben nicht allein, jetzt kamen auch die anderen europäischen Seefahrernationen in diesen riesigen, weiten, von Ureinwohnern bewohnten Kontinent, ließen sich nieder und errichteten feste Siedlungen, um von dort aus das Landesinnere zu erkunden und für den Pelzhandel zu bejagen. Zunehmend wuchs das Interesse der einzelnen Siedler, das von ihnen bewirtschaftete Land in Besitz zu nehmen. Die Spanier beschränkten sich bewusst auf Florida, denn ihr Interesse lag an den an Edelmetall reichen Gebieten Mittel- und Südamerikas. Frankreich dagegen kolonisierte den Norden und ein weites Gebiet westlich des Mississippi, das sie Louisiana nannten. Die französischen – ausschließlich katholischen – Siedler, nur katholische Siedler durften nach Amerika auswandern, hatten keine Möglichkeit, ihr koloniales Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. „Sie mussten die zentralistische Staatsorganisation, die feudalistische Gesellschaftsordnung und die Herrschaft der katho- Vorgeschichte in Kürze 12 lischen Kirche über das tägliche Leben mit nach Amerika nehmen. Lebensführung und Erziehung blieben der Aufsicht durch die katholische Kirche unterworfen.“ (Riege, S. 46) Ganz anders die auswandernden Engländer. Die Puritaner (Calvinisten) landeten 1620 auf Cape Cod, sie hatten England verlassen, da die anglikanische Kirche nach ihrer Auffassung zu viele römisch-katholische Elemente enthielt. Kongregationalisten und andere Separatisten hatten sich entschlossen auszuwandern, da sie ein unabhängiges Gemeindeleben führen wollten und aus diesem Grund als eine Bedrohung für die Staatskirche angesehen und verfolgt wurden. So landeten mit der Mayflower Protestanten, freie Bürger, die sich „als Missionare in ihrer Gemeinde verstanden und deren Ziel eine bessere Gesellschaft war.“ (Pelizaeus, S. 146) Im Mayflower Vertrag hatten sie ihre Form des Zusammenlebens schon während der Überfahrt festgelegt. Als sie in ihrer neuen Heimat ankamen, mussten sie sich nicht erst von einer herrschenden Klasse befreien. Es war alles neu und alles konnte neu entstehen. Tocqueville2 schreibt schon in seiner Einleitung zu seinem Werk Über die Demokratie in Amerika: „Von allem Neuen, das während meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, hat mich nichts so lebhaft beeindruckt wie die Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen. Alsbald wurde mir der erstaunliche Einfluss klar, den diese bedeutende Tatsache auf das Leben der Gesellschaft ausübt; sie gibt dem öffentlichen Geist eine bestimmte Richtung und den Gesetzen ein bestimmtes Wesen; sie gibt den Regierenden neue Grundsätze und den Regierten besondere Gewohnheiten.“ Als die Pilgrimfathers aus England auswanderten, nahmen sie neben ihrer puritanischen Glaubensrichtung zwei Überzeugungen mit: sie waren treue Anhänger des Königs, aber sie waren sich auch ihrer bürgerlichen Rechte gegenüber der Krone bewusst. Wir werden sehen, was aus diesem Rechtsbewusstsein erwuchs, mit tiefen Wirkungen auch zurück nach Europa. Die Siedler waren zwar ausgewandert, jedoch fühlten sie sich als Engländer, ausgestattet mit allen Rechten der Bürger im Heimatland, vor allem, wie sich noch genauer zeigen wird, vertrauend auf die „no taxation without representation“ – Vereinbarung zwischen König und Parlament. Vorgeschichte in Kürze 13 Alle hatten (oder nahmen sich) genug Platz in diesem riesigen Land, so dass die Menschen der verschiedenen Glaubensrichtungen nach Süden und Westen ziehen konnten und nach und nach Rhode Island, Connecticut und Pennsylvanien gründeten. In Maryland ließen sich vorwiegend Katholiken nieder. Auch Bürger anderer europäischer Länder kamen früh nach Amerika: Die Holländer gründeten Neu Amsterdam am Hudson Fluss, das die Engländer später New York nannten, Franzosen siedelten entlang dem Mississippi und westlich des Flusses. Deutschland, in hunderte kleine weltliche und kirchliche Fürstentümer unterteilt und integraler Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, war verwüstet und hatte mit der Überwindung der schrecklichen Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu tun. Der Protestantismus in Deutschland aber war von Schweden und paradoxerweise von dem katholischen Frankreich gerettet worden, das sich gegen das katholische Habsburg gewandt hatte, um es zu schwächen. Am Ende hatte der Papst großen Kirchenbesitz und Einfluss verloren, und vom Kaiser konnte – auch als eine Folge der Glaubensspaltung – keine starke Führung mehr ausgehen, denn die Rechte der Fürsten und ihre Souveränität waren mit dem Westfälischen Frieden erneut gestärkt worden. Der Kaiser musste zu allen wichtigen Entscheidungen die Zustimmung der Stände einholen. „Damit aber vorgesorgt sei, dass künftig in der politischen Ordnung keine Streitigkeiten entstehen, sollen alle und jede Kurfürsten, Fürsten und Stände des Römischen Reiches in ihren alten Rechten, Vorzügen, Freiheiten, Privilegien und der freien Ausübung der Landeshoheit sowohl in geistlichen als auch weltlichen Angelegenheiten, in ihren Gebieten, Regalien und deren aller Besitz kraft dieses Vertrages so befestigt und bestätigt sein, dass sie von niemandem jemals unter irgendeinem Vorwand tätlich gestört werden können oder dürfen.“ (Dickmann) Niemand sollte also die Rechte und Privilegien der Fürsten stören. Kein Land hatte das Recht, sich in die Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen. Aber: auch wenn Bündnisse gegen „Kaiser und Reich“ durch den Treueeid und weitere Paragraphen des Westfälischen Friedens ausgeschlossen waren, war die oben genannte Vertragsklausel geradezu eine Einladung an einen starken Fürsten, die Macht des Kaisers he- Vorgeschichte in Kürze 14 rauszufordern und in einem nur losen Reichsverband selbst eine Führungsrolle zu übernehmen, die sie gerne absolutistisch ausübten. „Die Fürsten waren die Repräsentanten der Reichsnation, doch seit dem Spätmittelalter betrieben sie eine eigene territoriale Staatsbildung gegen das Reich. Sie verhinderten auch, dass die politischen Partizipationsrechte auf weitere Schichten, z. B. das entwickelte Bürgertum, ausgedehnt wurden.“ (Dann, S. 63) Seit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs verlagerte sich der Schwerpunkt der Entscheidungsfindung von Wien in die großen Reichsstände, die jetzt selbst aktiv Politik betrieben: „Sah man von den Ländern des Kaisers in Wien ab, handelte es sich dabei um Staaten mittlerer Größe, unter denen Sachsen, Hannover, Brandenburg und Bayern als die wichtigsten zu nennen sind. Sie alle standen nun vor der Alternative, entweder Trabanten Österreichs oder einer anderen europäischen Großmacht zu werden oder durch Expansion über den prekären Status als Mächte mittlerer Größe hinauszuwachsen. Dass keine von ihnen die außenpolitische Oberhoheit des Reiches abgeschüttelt hatte, nur um sich anschließend dauerhaft an eine der europäischen Großmächte anzulehnen, verstand sich freilich von selbst.“ (Hanke2, S. 10) So kam es in einigen deutschen Herrscherhäusern zu großem Bedeutungszuwachs. Der Hohenzoller Kurfürst Friedrich III. rang dem Kaiser die Zusage ab, sich in Ostpreußen, einem Gebiet außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, 1701 in Königsberg zum König (Friedrich I.) krönen zu dürfen, zum König in Preußen wohlgemerkt. Dies war der Kompromiss und des Kaisers Dank für die militärische Unterstützung durch Brandenburg im Spanischen Erbfolgekrieg. August der Starke, der Wettiner Kurfürst in Dresden, konnte sich 1697 die Königswürde in Polen sichern, und der Welfe Georg August, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, wurde, da er ein protestantischer Urenkel Jakobs I. war, 1714 zum König Georg I. von Großbritannien gekrönt und führte das englische Königreich und das deutsche Kurfürstentum in Personalunion. (Tab. 5, S. 71) Bayerns Versuche, die Königswürde zu erringen, blieben dagegen im 18. Jahrhundert noch ohne Erfolg. Erst Napoleon verlieh dem Land diese Würde, ebenso wie er Sachsen zum Königreich erhob, das nach dem Tod König Augusts II. (1763) den polnischen Thron und den Titel nicht mehr besaß. Bei dieser Stärkung regionaler Fürsten war an die Vorgeschichte in Kürze 15 Entstehung eines Nationalstaats, der mit Frankreich und Großbritannien konkurrieren könnte, in jener Zeit nicht zu denken. Dazu trug auch das seinerzeit geltende merkantilistische System bei, das die einzelnen Fürstentümer verführte, in der Wirtschaftspolitik stets auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, den Rohstoffimport und den Fertigwarenexport zu fördern, das Gegenteil zu benachteiligen, Zölle als Regulativ zu nutzen. Fachkräfte wurden angeworben, deren Abwanderung behindert. Kulturell, in der Architektur, der Musik und der Literatur entstand an vielen Höfen ein reiches Leben. Schlösser und Kirchen erhielten großartige Freskenausstattungen, die Schlösser herrliche Decken- und Wandmalerei. Giovanni Battista Tiepolo schuf das Deckenfresko im Treppenaufgang der Würzburger Residenz, auf dem er sich selbst, den Architekten des Bauwerks, Balthasar Neumann, und den Stuckateur Antonio Giuseppe Bossi darstellte. (Abb. 1) „Die Stuck- und Freskenausstattung diente in den Kirchen, Klöstern und Schlössern zur Darstellung einer hierarchisch gestuften, Himmel und Erde umfassenden Weltordnung. Die Decken der Räume waren als Wolkenhimmel gebildet und von allerlei Gestalten bevölkert. Er gestattete dem Gläubigen in der Kirche einen Blick in die Sphären des christlichen Himmelreichs, dem Besucher und Bewohner der Schlösser und Stifte in denjenigen des antiken mythologischen Himmels oder der allegorisch dargestellten göttlichen Ideen, die der jeweiligen Herrschaft als ideelle Legitimation dienten.“ (Eschenburg, S. 83) Germaine de Staël schrieb später: „Diese Zerrissenheit Deutschlands aber, die seiner politischen Kraft verderblich war, war allen möglichen Versuchen, die Genie und Einbildungskraft wagen mochten, äußerst förderlich.“ (Staël, S. 56) Deutschland begann erst jetzt seine eigene Hochsprache zu entwickeln und war intellektuell – ganz anders als Frankreich – nicht ausgerichtet, gegen die kirchliche und feudale Obrigkeit zu argumentieren, sondern suchte in seiner Literatur das Ideal, das Gefühl und den Reichtum des Herzens. Vorgeschichte in Kürze 16 Tiepolo: Deckenfresko des Treppenhauses, Residenz Würzburg Die Republik der Vereinigten Niederlande war im 17. Jahrhundert eine starke, äußerst erfolgreiche Handelsnation geworden. Diese nördlichen sieben Provinzen, in denen sich der Calvinismus durchgesetzt hatte, kämpften seit 1568 gegen den orthodoxen Katholizismus Philipps II. von Spanien, um Religionsfreiheit zu erlangen. 1581 sagten sie sich von Spanien los, sie wollten protestantisch sein. Mit dem Westfälischen Frieden und dem Vertrag von Münster erhielten sie schließlich die Unabhängigkeit. Freiheit, die protestantische Religion und eine starke Bürgerschaft bestimmten die Zukunft. Die Republik besaß bald die größte Handelsflotte, erwirtschaftete bedeutende Einkünfte aus dem Warenexport, hatte den stärksten Kapitalmarkt der Welt, förderte Künste und Wissenschaften, und so erlebte das Land eine Blüte, die man das Goldene Zeitalter der Niederlande genannt hat. Die Niederlande fertigten Produkte aus importierten Rohstoffen und Halbfabrikaten und unterhielten einen blühenden innereuropäischen Handel mit Heringen aus der Nordsee, Getreide, Salz, Holz, Metallen und Wolltuch. Aus dem europäischen entwickelte sich ein Welthandel. Die Ostindienkompanie, über die der gesamte Außenhandel abgewickelt wurde, beschäftigte zeitweise 12 000 Personen. Amsterdam wurde zu dem internationalen Abb. 1: Vorgeschichte in Kürze 17 Stapelplatz für Waren aller Art, es war der Finanzplatz. Von dort aus konnte praktisch alles geliefert werden. Da die Niederländer keine europäischen Waren in Asien – vor allem in Indien und China – verkaufen konnten, denn an diesen bestand dort kein Interesse, mussten die Importe von dort mit Silber bezahlt werden, das aus dem Handel mit Spanien und Portugal erworben wurde. Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert auch die größten Waffenhändler, sie versorgten bevorzugt die protestantische Seite der kriegführenden Länder und stellten die erforderlichen Kredite zur Verfügung. Auf der anderen Seite verfügte das politisch liberale Land über eine einzigartige Verlags- und Druckereiindustrie. Hier wurden Manuskripte, Bücher und Flugschriften übersetzt und veröffentlicht, die anderswo auf dem Index standen. (Menzel, S. 605) Zum ersten Mal gab es in einem Land Europas religiöse und politische Toleranz, auch Pressefreiheit. Die Universität Leiden war bereits 1575 gegründet worden. Die reichen protestantischen Bürger der Niederlande förderten die Kunst, sie kauften jedoch keine traditionellen Werke mit kirchlichen Bildthemen mehr, sie wollten sich selbst, auch zum Nachweis ihres gesellschaftlichen Status, im Portrait dargestellt sehen. Seit dem 17. Jahrhundert war die Darstellung von Personen und deren Tätigkeiten ein Hauptthema der Malerei in den Niederlanden. Aber auch die Landschaftsmalerei spielte eine wichtige Rolle und nahm einen großen Aufschwung. Die Jahreszeiten wurden gemalt, reale und idealisierte, fantastische und romantische Landschaften, dramatische Gebirgsszenen, Motive aus anderen Ländern, alles wurde gemalt und gerne gekauft. Auf die Bewegung der Wolken am Himmel, Licht und Schatten wurde geachtet, Abbildungen von Menschen und Tieren in die Szene aufgenommen. Stillleben und Portraits fanden große Nachfrage, und Bilder, die ein wichtiges Geschehen, ein zeitgenössisches Ereignis, eine Schlacht zu Wasser oder zu Land, auch Geschichten aus den Testamenten, der Mythologie und der klassischen Literatur darstellten, waren sehr begehrt. Der Anspruch an die Künstler war, das Gefühl anzusprechen, Affekte und Leidenschaften auszudrücken. Oftmals wurde das Gefühl der dargestellten Person durch den Hintergrund verdeutlicht, so auch durch ein Bild an der Wand, das eine bestimmte Situation wiedergab: eine ruhige oder eine raue See, ein Schiff, das ruhig gleitet oder in Seenot gerät. (Haak, S. 65) In der Architektur bildete sich der Klassizismus in Vorgeschichte in Kürze 18 den Niederlanden bereits im 17. Jahrhundert aus, während anderswo der Barockstil noch vorherrschte. Das 17. Jahrhundert war ein goldenes Zeitalter für die Niederlande, aber Frankreich und vor allem England verwickelten das Land immer wieder in Kriege, die aus wirtschaftlichen Gründen geführt wurden. Beide Länder holten auf, in Europa und in Asien. So wie Holland Portugals Vormacht im Asienhandel gebrochen hatte, so drängten jetzt England und Frankreich Holland an die Seite, ebenso, wie später England dann mit Frankreich verfuhr. Als Wilhelm von Oranien 1688 nach England übersetzte, hätte Frankreich dies unbedingt verhindern müssen, wenn es ein Interesse daran gehabt hätte, eine Seemacht zu werden. Nur als Seemacht hätte Frankreich, das auf dem Kontinent stark war, eine Chance gehabt, gegen England um die Vorherrschaft in der Welt antreten zu können. Um Seemacht zu werden, wäre Holland der ideale Partner gewesen, mit dem Frankreich gemeinsame Sache hätte machen müssen. Ludwig XIV. hat diese Notwendigkeit nicht nur nicht erkannt, um seinen Einflussbereich nach Norden auszudehnen, bekriegte er den, der eigentlich sein Partner hätte sein müssen. „In Englands Interesse lag es, dass die Vereinigten Provinzen nicht von Frankreich niedergeworfen wurden, noch mehr aber musste es im Interesse Frankreichs liegen, sie nicht unter englischer Herrschaft zu sehen. England, das unabhängig vom Festland war, konnte auf der See mit Frankreich allein fertig werden; Frankreich aber, das durch seine Politik auf dem Festland gefesselt war, hatte keine Aussicht, England ohne einen Verbündeten die Seeherrschaft zu entrei- ßen. Diesen möglichen Verbündeten zu vernichten, war aber Ludwigs Absicht.“ (Mahan, S. 51) Gegen Frankreich und England konnte Holland die Spitzenposition in der Welt nicht halten. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs spielten die Niederlande in Europa und im weltweiten Handel nur noch eine zweitrangige Rolle, die Führung auf den Weltmeeren ging mit der Zeit an England über. Karl V. war Herr über viele Länder, auch über Spanien und die Niederlande gewesen. Als er sich von der politischen Bühne verabschiedete und ins Kloster ging, übergab er den österreichischen Besitz seinem jüngeren Bruder Ferdinand, Spanien und seine Länder seinem ältesten Sohn Philipp II. (1555). „Spanien besaß die reichen Landschaften, Me- Vorgeschichte in Kürze 19 xico und Peru, das Gold der neuen Welt und fast das ganze südliche Amerika“, so schreibt fast wehmütig zurückblickend Guillaume Raynal. Denn Spanien hatte sich im 17. Jahrhundert statt die Zukunft zu gestalten, eine eigene Wirtschaft aufzubauen und Handel zu treiben, sehr auf das aus Amerika importierte Gold und Silber verlassen und erlebte nun eine unaufhaltsame Schwächephase, die sich schließlich nach dem Spanischen Erbfolgekrieg manifestierte. „Der immense Reichtum der Spanier war nicht erwirtschaftet, sondern ging auf die Knochen der Zwangsarbeiter in Peru und Mexiko. Doch wie gewonnen so zerronnen. (…) Spanien ist der Hybris der Macht erlegen. Es wollte alles. Die Herrschaft über das Reich, die Zurückdrängung der Reformation und damit der Autonomie-Ansprüche der Fürsten, den Kampf gegen die Muslime, es wollte die wirtschaftlichen Zentren Europas in Oberitalien und den Niederlanden kontrollieren, wollte Landmacht und Seemacht sein und war doch nur der im kastilischen Kern arme Wolllieferant für die Textilindustrie Europas.“ (Menzel, S. 519) Philipp II., der 1571 die osmanische Flotte bei Lepanto vernichtet hatte, war der Anführer der Gegenreformation, bekämpfte die protestantischen Niederlande und schickte seine Armada auch gegen England. Deren Befehlshaber sollte im Krieg gegen England dessen protestantische Königin Elisabeth I., Tochter von Heinrich VIII. und Anne Boleyn, stürzen und ihre Flotte zerstören. Es kam anders. Francis Drake, der Freibeuter der Königin, dessen primäre Aufgabe es gewesen war, den Silbertransport von Südamerika nach Spanien zu behindern, vernichtete 1588 die spanische Armada und Spaniens englischen Traum. Die Armada war geschlagen, der Abstieg Spaniens zu ahnen. Am Ende des 17. Jahrhunderts verfügte Spanien über keine international bedeutende Handels- und Bankenstadt, es konnte keine Waren- und Geldströme kontrollieren und den Aufstieg Englands nicht verhindern. Aber der schwerwiegendste Fehler war der achtzigjährige Religionskrieg (1568 bis 1648) gegen die reichen Niederlande, der Spanien schon vor dem Erbfolgekrieg finanziell erschöpfte. Auch Polen hatte eine große Vergangenheit. Jagiello, Großfürst von Litauen und gewählter König von Polen, begründete nach der Zeit der Piasten eine neue Dynastie, unter der Litauen-Polen während des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts zu einer blühenden und einflussreichen Macht aufstieg, mit zeitweise der größten Ländermasse in Vorgeschichte in Kürze 20 Europa, weit nach Osten und Süden ausgedehnt. Der Westen und Südwesten der Rus (im Wesentlichen der Westteil der Ukraine) waren schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts an Polen-Litauen gekommen. Durch die Ehe mit Elisabeth von Habsburg (1454) erhielt der polnische König Ansprüche auf die Throne von Böhmen und Ungarn, die jedoch durch Erbschaftsverträge bald (1526) wieder an Habsburg zurückfielen. Das sechszehnte Jahrhundert galt als das „goldene Jahrhundert“ des großen Landes, kulturell gab es keinen wesentlichen Unterschied zum europäischen Westen. Krakau wurde als Sitz des Hofes und durch seine Universität natürliches Zentrum des Landes. Neben dem in der Wissenschaft (z. B. Kopernikus) gesprochenen Latein hatte sich aus der Volkssprache eine eigene polnische Literatursprache entwickelt. Unter den Jagiellonen galt zwar das freie Königswahlrecht, auf das der Adel besonders stolz war, es wurde aber nicht praktiziert. Als dann 1572 der letzte Herrscher aus dem Haus der Jagiellonen ohne männlichen Nachfolger verstarb, bestand der Adel auf das Recht der Königswahl als Zeichen der eigenen Würde und beschwor damit den Untergang des Landes. Denn das Wahlrecht wurde zum Ausgangspunkt nicht nur für Bestechung und Korruption, sondern auch für den Einfluss anderer Staaten und Fremdherrschaft. Es ging nicht mehr um das Bewahren eines starken Staates, sondern um die Wahrnehmung von Gruppeninteressen und die Selbstbedienung des Adels und seiner Familien. Der polnische Adel hatte „den Gedanken des Dienstes für den Staat, der im Westen als Kern des aufgeklärten Absolutismus aufkam, für sich verworfen.“ (Alexander, S. 106) Durch die im 17. Jahrhundert fortdauernden Kriege gegen Schweden, Russland und das Osmanische Reich verlor Polen im Norden Land an Schweden, im Norden und Osten an Russland, im Süden an das Osmanische Reich. Im 18. Jahrhundert wurde die innere Schwäche Polens auch eine Schwäche nach außen, das Land wurde zu einem Spielball von Russland, Habsburg und Sachsen, Frankreich und Preu- ßen, die immer wieder eingriffen und schließlich auch bestimmten, wer zum König gekrönt werden sollte. In der Wissenschaft führte der Blick in den Himmel und zum Apfelbaum im Garten zu bahnbrachenden Erkenntnissen. In der Dunkelheit der Nacht auf die Sterne in einem klaren, wolkenlosen Himmel zu schauen, hatte schon die Völker der Antike fragen lassen, was wohl Vorgeschichte in Kürze 21 dieses von ihnen beobachtete große Kunstwerk so unverändert hielt. Was hält die Planeten auf ihren Bahnen? Zunächst hatte man in den Sternen göttliche Wesen vermutet, die als beseelte Gestirne aus eigener Kraft ihre Bahnen zögen. Jeder der großen Denker hatte seine eigene Theorie zu den Sternen und ihren Bewegungen. Aber schon Aristarch von Samos konnte zeigen, dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht. Seleukos von Seleukia (Babylon) lehrte, dass sich die Erde um ihre eigene Achse und um die Sonne dreht und eine Kraft des Mondes Ebbe und Flut auf der Erde bewirkt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. schrieb Plutarch, dass der Mond nicht auf die Erde fiele, „weil er wie ein Stein in der Schleuder durch das kreisförmige Herumwirbeln am Fallen gehindert wird. Denn jedes Ding wird durch seine natürliche Bewegung davongetragen, solange es nicht durch etwas anderes abgelenkt wird.“ (Görgemanns) Kepler ging davon aus, dass die Sonne die Planeten mit einer bestimmten Anziehungskraft um sich herumführe. Aber, auch wenn er diesen Befund durch die richtige mathematische Formel beschrieb, verwarf er diese bald wieder, ja amüsierte sich darüber, so fehlerhaft gedacht zu haben. (Heuser) Damit überließ er Newton das Feld, der exakt dieselbe Formel wiederbelebte und mathematisch begründete. Newtons Erkenntnis war, dass ein und dieselbe Kraft das Fallen des Apfels und die Bewegung des Mondes bestimmen müsse. „Der Mond wird zur Erde hin angezogen und von der Schwerkraft beständig von seiner geradlinigen Bewegung abgelenkt und auf seiner tatsächlichen Bahn gehalten. Die Kraft, die die Himmelskörper in ihren Umlaufbahnen hält, ist bisher zentripetale Kraft genannt worden; aber nachdem es nun ganz klargemacht worden ist, dass es sich um keine andere als eine Kraft der Schwereanziehung handelt, wollen wir sie von nun an Gravitation nennen. Diese verhält sich proportional zu der Materie, welche die Planeten enthalten.“ (Newton). Der Mond verschwindet nicht im Weltall, weil die Erde ihn auf seiner Umlaufbahn hält. Newton zeigte, dass auch die Kometen mit ihren scheinbar erratischen Bahnen diesem Gesetz unterworfen sind. Was für Planeten und Kometen gilt, ist auch für die heutigen Satelliten richtig: Jeder Satellit, der auf seine Umlaufbahn geschickt wird und die Erde umkreist, bestätigt die Newtonschen Gesetze. Auch wenn Newton selbst streng gläubig dem Alten Testament anhing – Newton vereinte in sich an dieser Zeitenwende den Mystiker und Alchemisten ebenso wie den rigo- Vorgeschichte in Kürze 22 rosen Naturwissenschaftler, er hat mehr über theologische und auch alchemistische als über naturwissenschaftliche Themen publiziert – haben seine Befunde über die Gesetzmäßigkeiten in der Natur mit der Zeit Fragen nach der Rolle Gottes aufkommen lassen, wenn doch offenbar alles universell geltenden Gesetzen unterworfen ist. Newtons naturwissenschaftliches Werk belegte, dass sich der Kosmos aus eigener Kraft ordnet. Und so dachte man, göttliche Willkür könne es nicht mehr geben, ein Gott könne zwar als Schöpfer gedacht werden, als Lenker des Kosmos würde er nicht gebraucht. Kant3 hat dies so formuliert: „Wenn der Weltbau mit aller Ordnung und Schönheit nur eine Wirkung der ihren allgemeinen Bewegungsgesetzen überlassenen Materie ist, wenn die blinde Mechanik der Naturkräfte sich aus dem Chaos so herrlich zu entwickeln weiß und zu solcher Vollkommenheit von selbst gelangt, so ist der Beweis des göttlichen Urhebers, den man aus dem Anblicke der Schönheit des Weltgebäudes zieht, völlig entkräftet, die Natur ist sich selbst genugsam, die göttliche Regierung unnötig.“ Es war ein neues Weltbild entstanden, das Bild einer Welt, in der unveränderliche mathematisch-physikalische Gesetze wirken, nach denen sich die Erde im Weltall mit allen anderen Sternen und Planeten geordnet bewegt. Der strenge christliche Glaube verlor seine bindende Kraft, man zweifelte an einem göttlichen Plan, in den sich frühere Generationen fromm und furchtsam eingeordnet hatten. Newton selbst quälten solche an Gott zweifelnden Fragen nicht. Er, dessen Gesetze die Bewegung der Himmelskörper ebenso wie die des Pendels, die Gezeitenfolge ebenso wie die Form der Erde beschreiben und erfassen ließen, erhoffte sich wie Goethes Faust von der Alchemie weit mehr als von der Naturwissenschaft, nämlich die wirkliche Einsicht in das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, die „wirksamen Kräfte“, die „aktiven Prinzipien“, die „geistigen Bänder“. Es war der alchemistische Versuch, an der göttlichen Weisheit teilzuhaben. Newton war überzeugt: „Das alles ist so kunstreich, dass es nur durch die Weisheit und Intelligenz eines mächtigen und unsterblichen Wesens, das allgegenwärtig ist, bewirkt sein kann.“ Auf seine Zeit und das nachfolgende Jahrhundert jedoch hatten seine großen physikalischen Erkenntnisse, z. B. auch die Beschreibung der Zusammensetzung des weißen Lichts, womit er die Farbgebung des Regenbogens erklären konnte, auch die unabhängig von Leibniz und mit Vorgeschichte in Kürze 23 einem kleinen zeitlichen Vorsprung vor ihm beschriebene Infinitesimalrechnung eine ungeheure Wirkung, denn man begann zu erkennen, dass die Natur und das Wesen der Welt einfachen, unveränderlichen mathematischen Gesetzen gehorchen. „Die zunehmende Gewissheit, das unendliche und übermächtige Universum durch das Experiment und die autonome Vernunft begreifen zu können, seine Bahnen und Gesetze berechnen und damit die gesamte Natur beherrschen zu können, verhalf ihm (dem Menschen) zu einem grenzenlosen Selbstgefühl.“ (Kunisch, S. 16) Die wissenschaftliche Methodik änderte sich. Die neuen Methoden des Erkenntnisgewinns beruhten auf Untersuchungen, dem Experiment. Der Befund musste bewiesen werden, überprüfbar und zu bestätigen sein. Die Naturwissenschaft erhielt einen starken Impuls, aber es würde noch weitere zweihundertfünfzig Jahre dauern, bis das Rätsel des Lebens (die DNA) auf molekularer Ebene entschlüsselt werden würde. So war für das nun beginnende 18. Jahrhundert bestimmend, dass die konfessionelle Spaltung, grunderschütternde Erkenntnisse der Wissenschaften, sowie revolutionäre Schriften der Philosophen die alten Ordnungsvorstellungen in Europa stürzten. Ein durch seine Beiträge zum Wohlstand der Gesellschaft erstarktes, selbstbewusstes Bürgertum stellte zunehmend bislang gültige Prinzipien monarchischer und kirchlicher Obrigkeit in Frage und forderte Rechte, die ihre Pflichten aufwogen. Dies waren die Kräfte, die unterhalb der politischen Ebene in den Gedanken wirkten und große gesellschaftliche Veränderungen bewirken würden. Machtpolitisch hatten Schweden, Polen, die Niederlande den Zenit ihrer Möglichkeiten bereits überschritten, Spanien war stark geschwächt und finanziell überfordert. Frankreich versuchte weiterhin, seine Position auf dem Kontinent vor allem gegenüber Habsburg zu stärken, statt sich im Wettlauf um die Weltherrschaft strategisch gegen England zu richten, das zielgerichtet seine Macht auf den Meeren ausbaute. Die größeren Länder des Heiligen Römischen Reichs suchten nach Landund Machtgewinn, Russland drängte nach Westen und musste den Zugang zur Ostsee gewinnen, um am Welthandel teilzunehmen, das Osmanische Reich hatte vor Wien eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Aus den Ländern Asiens ragte China heraus, für das wirtschaftlich und kulturell ein blühendes Jahrhundert begann. Vorgeschichte in Kürze 24 Die Gründung der Moderne. Die Welt im 18. Jahrhundert Das 18. Jahrhundert: Zu Beginn – Am Ende Zu Beginn des Jahrhunderts Am Ende des Jahrhunderts Amerika Aufgeteilt in englische, französische und spanische Kolonien Ein souveräner Staat mit Demokratie und Gewaltenteilung, Menschenrechten; Vorbild für die westliche Welt Architektur Außer in England und Frankreich Spät-Barock Klassizismus nach einer kurzen Phase des Rokoko Australien Noch unbekannt in der westlichen Welt Von James Cook auf seiner ersten Reise für England reklamiert Belgien/ Luxemburg Spanische Niederlande unter Ludwig XIV. am Ende des 17. Jhdts. an Frankreich 1714 Österreichische Niederlande, 1794 von Frankreich besetzt und an dieses abgetreten; 1815 Waterloo China Ein blühendes drei-Kaiser-Jahrhundert., Vorbild für europäische Intellektuelle Beginnender Niedergang: Verschwendung am Hof, Aufstände, Kriege, Finanzkrise, intellektuelle Stagnation Deutschland 360 souveräne und mehr als 1500 halbsouveräne Territorien, 1800 Zollschranken Neuordnung durch Napoleon als Voraussetzung einer Einheit am Ende des 19. Jahrhunderts Tab. 2: 25 Zu Beginn des Jahrhunderts Am Ende des Jahrhunderts England/ Großbritannien Schon 1688 Gewaltenteilung mit Legislative und Exekutive (Locke) Erste Weltmacht, führend in der industriellen Revolution; Judikative als drittes Element der Gewaltenteilung Frankreich Ludwig XIV. focht seine letzten Kriege. Intellektuelles Aufbegehren gegen kirchliche und staatliche Obrigkeit Das Land versank im Chaos der Revolution. Napoleon beendete die Revolution und focht seine ersten Kriege Gewaltenteilung Zuerst verwirklicht in England Wirksam in USA, England; zwischen der Revolution 1789 und Napoleon auch in Frankreich Haiti Französische Kolonie Nach dem Sklavenaufstand ein souveräner Staat mit einem Kaiser Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation Der Westfälische Friede hatte den Kaiser geschwächt, die Fürsten gestärkt Auf Drängen Napoleons 1806 Abdankung des Kaisers, Ende des Heiligen Römischen Reichs Holland Seit 1581 Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, war das 17. Jhdt. eine Zeit der großen Blüte auf allen Gebieten England überholte das Land wirtschaftlich und löste es als Kolonialmacht ab Indien Das Mogulreich zerfiel, der letzte Herrscher Aurangzeb starb 1707 Es gelang England, schrittweise seine Macht über das durch Iran geschwächte Indien auszudehnen Industrialisierung Traditionelle Landwirtschaft, Produktion für den eigenen Verbrauch In England professionelle Landwirtschaft, kommerzielle Schafzucht, mechanischer Webstuhl, Dampfmaschine, Stahlproduktion Die Gründung der Moderne 26 Zu Beginn des Jahrhunderts Am Ende des Jahrhunderts Iran Bis 1722 herrschten die Safawiden. Es folgte Nadir Shah aus dem Stamm der Afschariden Nadir 1747 ermordet. Teilung in Nordreich (Afschariden) und Südreich. Dort ab 1779 Herrschaft der Kadscharen, die das Land 1796 erneut einten. Japan Das Land hatte sich gegen die Außenwelt abgeschlossen. Nur den Holländern war Zugang zu einer Insel im Hafen von Nagasaki erlaubt Andauernder Konflikt zwischen Neo-Konfuzianern, die den Handel bekämpften und Reformern, die ihn förderten. Österreich Verlust von Einfluss und Land: Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg ging Spanien an die Bourbonen, ab 1763 gehörte Schlesien zu Preu- ßen Josephs II. Reformen scheiterten, nach seinem Tod musste sein Bruder Leopold II. einige Reformen widerrufen; sein Sohn, Franz II., legte 1806 die Reichs-Kaiserkrone nieder Osmanisches Reich 1683 vor Wien gescheitert Durch die russisch-türkischen Kriege Verlust der Nordküste des Schwarzen Meeres und der Krim Polen, Sachsen/ Polen Nach dem Großen Nordischen Krieg in Abhängigkeit von Russland Nach drei Teilungen nicht mehr existent, von der Landkarte verschwunden Preußen Seit 1701 Königreich (Friedrich I.); Friedrich Wilhelm I. ordnete die Finanzen und unterhielt ein starkes Heer Friedrich II. machte Preu- ßen durch die Eroberung von Schlesien zu einer europäischen Großmacht Russland Peter I. eroberte den Zugang zur Ostsee, Russland wurde europäische Großmacht Katharina II. eroberte den Zugang zum Schwarzen Meer, Annektion der Krim. Die Gründung der Moderne 27 Zu Beginn des Jahrhunderts Am Ende des Jahrhunderts Schweden Eine europäische Großmacht mit Finnland, baltischen Ländern, Vorpommern, Wollin, Usedom, Bremen, Verden Nach dem Großen Nord. Krieg Verlust des kontinentalen Besitzes, außer einem Teil Vorpommerns; Verlust des Großmachtstatus Spanien Spanischer Erbfolgekrieg: Verlust der spanischen Nebenlande; Sekundärmacht Verstrickt in Konflikte mit England und Frankreich, abhängig von Napoleon Jedes Jahrhundert hat einige wenige Menschen, die es prägen – Staatsmänner und Philosophen, die die Welt in eine grundsätzlich neue Richtung bestimmen, Wissenschaftler, die bislang ungeahnte Erkenntnisse und Entwicklungen eröffnen. Die großen Denker des 18. Jahrhunderts begehrten auf gegen herrschende Lehrmeinungen, kirchliche und weltliche Unterdrückung und schufen eine neue Zeit. Die das neue Jahrhundert prägten dachten, forschten, schrieben und musizierten anders, sie sahen die Welt, die sie malten, neu und bauten in einem neuen architektonischen Stil. Mozart, der junge Beethoven, Goethe und Schiller, Gainsborough, Fragonard, die Architekten des Rokoko und des Frühklassizismus, verliehen auf ihre Weise dem Jahrhundert ihre Einzigartigkeit und leiteten hinüber in die Welt des 19. Jahrhunderts. Künstler schufen Werke, die wie nie zuvor die Menschen für weltliche, nicht mehr religiöse Empfindungen öffneten. Wer hat die Welt im achtzehnten Jahrhundert am deutlichsten ver- ändert? Ist es nun das Jahrhundert Washingtons, Jeffersons, Friedrichs II., Peters I., Katharinas II., Napoleons? Oder sind es doch Newton, Locke, Voltaire, Montesquieu, Kant, die den Impuls zu den großen Veränderungen gaben? Washington hat die Vereinigten Staaten von Amerika militärisch und politisch in die Unabhängigkeit geführt, Jefferson verfasste die Unabhängigkeitserklärung und formulierte die Verfassung auf der Basis der Virginia bill of rights, mit ihrer Betonung der Menschen- und Bürgerrechte und der Gewaltenteilung, die von Locke und Montesquieu beschrieben worden waren, mit einem sehr Die Gründung der Moderne 28 grundsätzlichen und fortdauernden Einfluss auf die westliche Welt. (Tab. 7, S. 109) Peter I. und Friedrich II. machten ihre Staaten zu europäischen Großmächten, Katharina II. erkämpfte den Zugang zum Schwarzen Meer, Russland drang weit nach Süden und Westen vor. Napoleon ordnete Europa neu, scheiterte aber bald an dem Widerstand gegen seine militärisch unterstützten dynastischen, hegemonialen Ziele. Friedrich II. war jedoch der einzige Herrscher, der sich an den philosophischen Fragen und Überlegungen, den kulturellen und geistigen Strömungen der Aufklärung mit eigenen Schriften beteiligte und auch deswegen von seinen Zeitgenossen bewundert wurde. Washington hielt ihn für den weisesten Mann Europas. Ist also das 18. das Jahrhundert Friedrichs des Großen? Es gibt begründete andere Meinungen: „Es ist gar nicht lange her, dass es in erlauchter Gesellschaft auf die abgenutzte Frage kam, wer der größte Mann sei, Cäsar, Alexander, Tamerlan, Cromwell etc. Jemand antwortete, dies sei einwandfrei Newton. Dieser Mann hatte recht, denn wenn die wahre Größe darin liegt, vom Himmel ein mächtiges Genie empfangen und sich seiner bedient zu haben zur eigenen Aufklärung und zu der anderer, dann ist ein Mann wie Newton, wie sich kaum einer in zehn Jahrhunderten findet, wirklich der große Mann; und diese Politiker und Eroberer, an denen es keinem Jahrhundert mangelte, sind gewöhnlich nichts als großartige Bösewichte. Demjenigen, der mit der Kraft der Wahrheit über die Geister herrscht, und nicht denen, die mit Gewalt Sklaven machen, demjenigen, der die Welt kennt, und nicht denen, die sie verunstalten, schulden wir unsere Achtung.“ (Voltaire5, S. 47) So beginnt dieses Buch mit dem Hinweis darauf, dass nicht aus der Politik, auch nicht primär aus dem weltweiten Handel, der für Wohlstand sorgt, sondern aus der „Kraft der Wahrheit“ – den Naturwissenschaften, der Forschung in Medizin und Technik und nicht zuletzt aus den Erkenntnissen der Philosophie – die Dynamik entsteht, die den Fortschritt für die Welt, die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen bedeuten. Isaac Newton starb am 31. März 1727. Die Gründung der Moderne 29 Gleich zu Beginn des Jahrhunderts bot sich auf Kriegsschauplätzen im Osten und im Westen Europas das Schauspiel der um Ruhm, Macht und Einfluss kämpfenden Staaten. Königshäuser begannen Kriege gegen Königshäuser, mit denen sie im Kampf gegeneinander, selbst wenn sie miteinander verwandt waren, Einfluss, territoriale Größe und Ruhm gewinnen wollten. Im Osten griffen Russland und Sachsen- Polen den jungen Karl XII. von Schweden an und hofften, die Vorherrschaft über die Ostsee, Russland zumindest aber Zugang zu diesem Meer zu erringen. Im Westen wollte Ludwig XIV. einen Bourbonen statt eines Habsburgers als Nachfolger auf dem spanischen Thron sehen und ließ es, da Wien und London nicht einwilligten, auf einen Krieg gegen das Kaiserreich und gegen England ankommen. Erbfolgekriege, wenn kein direkter männlicher Nachfolger den jeweiligen Thron übernehmen konnte, wurden zu einem voraussagbar eingesetzten Mittel, sich territorial zu vergrößern. Sich an diesen Kriegen zu beteiligen, war eine Versuchung auch für die mittleren Staaten, denn sie hofften ihre Herrschaftsgebiete zu erweitern. Beide, der Große Nordische und der Spanische Erbfolgekrieg, wurden zwar unabhängig voneinander ausgetragen, jedoch beteiligten sich im Laufe der Zeit weitere Länder, so dass bald ganz Europa in Flammen stand. Die Gründung der Moderne 30 Russland wird Großmacht. Peter I., Karl XII. und der Große Nordische Krieg Moskau wurde das „dritte Rom“ genannt, nachdem Konstantinopel 1453 von den Osmanen überrannt worden war. Russland übernahm das Erbe des byzantinischen Reiches und vertrat nun, wie man es in Moskau sah, allein die reine Lehre des Christentums. Der Zar war Herrscher „von Gottes Gnaden“, und dies ließ Iwan IV. (1530–1584) seinen Gegner, den polnisch-litauischen König Stephan Báthory, wissen: er habe seine Macht von Gott erhalten, der Wahlkönig dagegen sei abhängig vom Willen und den Launen der Menschen. (Neumann-Hoditz) Es war aber auch eine Botschaft an den Westen insgesamt und dessen Auffassung von Freiheit, die doch nur zeigte, dass dieser den rechten Glauben verloren habe. War dies nur ein Vorwand, um die Freiheit der Menschen einzuschränken? Darin unterschied sich das orthodoxe Russland nicht von den anderen katholischen Ländern Europas. Im protestantischen England dagegen war es gelungen, den Geist der Religion mit dem Geist der Freiheit zu vereinen. Als die Romanows zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts die Herrschaft übernahmen, veränderten sie Russland von Grund auf. War Russland bislang auf sich bezogen, nach außen abgeschlossen und skeptisch gegenüber dem Westen, den man in Russland als durchtrieben ansah und von dem man eine Gefahr für seinen Glauben fürchtete, so lud schon Michail Fjodorowitsch, der erste Zar der Romanow-Linie, westliche Handwerker und Künstler nach Moskau ein, und Zar Peter, sein Enkel, öffnete sein Land für den Handel, baute eine Flotte auf, reformierte und modernisierte das Heer. Peter, 1672 geboren, wurde 1682 zum Zaren ernannt. Jedoch übernahm seine Halbschwester Sofia Alexejewna zunächst die Regentschaft, die sie durch einen Staatsstreich festigen wollte, was aber misslang. Mit seinen Regimentern und der Unterstützung der Kirche konn- 31 te Peter den Aufstand niederschlagen, Sofia wurde in ein Kloster verbannt (1689). Zar Peter brauchte nicht auf die Landkarte zu sehen, um sich sein machtpolitisches Ziel vor Augen zu führen, denn seit dem 16. Jahrhundert hatten seine Vorfahren ihre Aufgabe darin gesehen, sich Zugang zur Ostsee zu verschaffen. Nur so würde es möglich sein, eine Rolle im Welthandel zu spielen. Dass auch die Herrschaft über das Schwarze Meer und darüber der Zugang zum Mittelmeer gelingen müsste, darum würde er sich später kümmern. Und wenn nicht er selbst, dann seine Nachfahren. Zar Peter hatte erkannt, dass Russland nur dann im Wettbewerb mit den westlichen Ländern bestehen könnte, wenn es nach dessen Regeln spielte: Innovation, Handel, eine starke Armee und Schifffahrt. Zunächst also die Ostsee. Hier musste Schwedens Macht gebrochen werden. Aber Schweden war eine Großmacht und seit dem berühmten Gustav Adolf eine gefürchtete Land- und Seemacht mit durchdringender militärischer Schlagkraft. Auch dem jungen König Karl XII. ging der Ruf eines mutigen und sehr talentierten Heerführers voraus. Aber Zar Peter hatte die Demütigung nicht vergessen: Russlands Scheitern im Russisch-Schwedischen Krieg von 1656–1658, als es versuchte, das Baltikum, Ingermanland, Riga und die Festungen an der Newa für sich zu gewinnen. (Opitz, S. 103) Im Großen Nordischen Krieg, den er gemeinsam mit Polen gegen Schweden anzettelte, eroberte Peter schließlich diese Regionen und damit den Zugang zur Ostsee. Demonstrativ nach Westen orientiert, gründete er St. Petersburg als neue Hauptstadt und dort auch eine Akademie der Wissenschaften und die Kunstkammer, das erste staatliche Museum in Russland. Peter I. führte große Reformen durch, die alle Gebiete der Gesellschaft betrafen: Verwaltung, Wirtschaft, Militär, Schulbildung und Kirche. Dies blieb nicht ohne eine Gegenbewegung. Konservative Kräfte, die sich gegen diese Reformen wandten, verbündeten sich mit den Strelizen, einer privilegierten Berufsarmee, die aus der Palastgarde entstanden war, um sich gegen Zar Peter zu erheben (Strelizenaufstände), denn sie fürchteten, ihre Sonderstellung und Privilegien zu verlieren. Da er die Kirche hinter der Opposition der Strelizen vermutete, entmachtete er sie und unterstellte sie dem Staat. Gegen die Strelizen und die Opposition von Repräsentanten der alten Ordnung, die sich gegen Peters Reformen und seine Öffnung zum Westen wandten, musste sich Russland wird Großmacht 32 der Zar mehrmals durchsetzten. Er verfolgte und vernichtete sie schließlich mit größter Härte und Grausamkeit. Auch seinen Sohn Alexej, dem vorgeworfen wurde, sich gegen ihn gewandt zu haben und der zunächst vor ihm ins Ausland geflohen war, ließ er nach dessen Rückkehr umbringen. Mit der „Großen Gesandtschaft“ bereiste Peter, um genauere Kenntnisse über den Westen zu erwerben, in den Jahren 1697 und 1698 Westeuropa und absolvierte in dieser Zeit inkognito auch eine viermonatige Zimmermannslehre auf einer Werft in Holland. Er hatte sich seit der Jugend für den Schiffsbau begeistert und wollte nun Erfahrungen sammeln, die ihm bei dem Aufbau einer eigenen Flotte hilfreich sein sollten. Der Bischof von Salisbury, dem Peter in England begegnet war, urteilte über ihn: „Er ist ein Mann von sehr hitzigem Temperament, der sich leicht ereifert, brutal in seiner Leidenschaft. Dieses sein natürliches Ungestüm steigert er noch durch starken Alkoholkonsum; andererseits gibt er sich große Mühe, gegen diese Neigung anzukämpfen. An Fähigkeiten mangelt es ihm nicht, und er hat mehr Kenntnisse, als man es angesichts seiner Erziehung hätte erwarten können, denn diese war sehr mittelmäßig. An Urteilskraft fehlt es ihm aber, und seine labile Natur macht sich zu oft und zu offenkundig bemerkbar. Für Handwerkliches hat er eine Vorliebe, seiner natürlichen Veranlagung nach scheint er eher zum Schiffszimmermann bestimmt zu sein als zu einem Fürsten von Format. Mit Schiffen hat er sich auch hauptsächlich beschäftigt. (…) Nachdem ich ihn oft gesehen und viel mit ihm gesprochen hatte, blieb mir nichts übrig, als die Unerforschlichkeit der göttlichen Vorsehung zu bewundern, die einem so ungestümen Menschen unumschränkte Gewalt über einen so großen Teil der Welt verliehen hatte.“ Karl Marx sah in Peters Drang zum Meer und nach Westen das Ziel, die Grenzen des russischen Reichs aggressiv nach Europa auszudehnen: „Russland braucht Wasser, diese Worte sind auf der Titelseite seines Lebens eingraviert. Für ein System örtlich begrenzter Ausdehnung hätte Land genügt, für ein System weltweiter Aggression war Wasser unerlässlich geworden. (…) Eine bedeutende Tatsache wird oft übergangen: der Gewaltakt, mit dem er die Hauptstadt seines Reiches vom Herzen des Landes an die äußerste Küstengrenze verlegte und so seinem Reiche bewusst ein exzentrisches Zentrum gab. Von Anbeginn stellte St. Petersburg für die Europäer eine Russland wird Großmacht 33 Herausforderung und für die Russen einen Ansporn zu weiteren Eroberungen dar.“ Karl XII. übernahm 1697 im Alter von fünfzehn Jahren von seinem Vater einen gut organisierten absolutistisch geführten Staat, der nach dem dreißigjährigen Krieg zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen war. Karl, der über ein reformiertes, starkes Militär verfügte, herrschte nicht nur über Schweden, Mittelnorwegen und Finnland, sein Reich erstreckte sich über Estland, Livland, Karelien, Ingermanland, Wismar, die Insel Rügen, einen Teil von Pommern, dazu das Herzogtum Bremen (ohne die Stadt) und Verden. Schweden beherrschte alles Land, das den östlichsten Ausläufer der Ostsee umgab und schnitt Russland vor allem mit Ingermanland, Narva und den baltischen Ländern vom Zugang zum Meer ab. (Abb. 2) Der Kampf um die Vormachtstellung und die Herrschaft über die Ostsee hatte immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt, denn Russland, Polen, Preußen und Dänemark forderten ebenfalls einen zollfreien Zugang zum Meer. Russland musste zu diesem Zweck Ingermanland (ein historisches Gebiet in der Gegend des heutigen St. Petersburg) erobern und es Schweden entreißen. Seit 1554 waren fünfzehn sog. Nordische Kriege zwischen wechselnden Parteien geführt worden, der nun folgende Große Nordische Krieg führte Schweden in ein Desaster, Russland zum Erfolg. Als Sachsen-Polen das schwedische Livland angriffen und versuchten, Riga einzunehmen, sah König Friedrich IV. von Dänemark- Norwegen einen günstigen Moment gekommen, den Herzog von Holstein, Karls XII. Schwager, zu bedrängen. Schleswig und Holstein waren seit langem ein Zankapfel zwischen Dänemark und Schweden. Karl kam dem Herzog zu Hilfe. Polen-Sachsen, Brandenburg, Wolfenbüttel und Hessen-Kassel unterstützten Dänemark-Norwegen, Hannover und Celle dagegen standen zu Schweden. Flotten aus England und Holland erschienen in der Ostsee, denn beide Länder hatten kein Interesse an einer Stärkung dänischer Macht auf dem Kontinent. Karl aber marschierte nicht in Holstein ein, sondern wandte sich gegen Kopenhagen, eroberte die Stadt und siegte, woraufhin sich Dänemark- Norwegen nach dem Separatfrieden von Traventhal aus der Allianz gegen Schweden zurückzogen. Polen-Sachsen, das zunächst noch (er- Russland wird Großmacht 34 folglos) Riga angegriffen hatte, bezog die Winterquartiere. Der russische Zar, der soeben den Russisch-Türkischen Krieg beendet hatte, rückte nun mit 100 000 Mann nach Schweden vor, Karl aber gewann im November 1700 die Schlacht bei Narva. Anstatt die stark geschwächte russische Armee zu verfolgen, um ihr weitere Niederlagen beizubringen, wandte sich der König gegen Polen, mit dem Ziel, August II. abzusetzen und durch das Einsetzen eines Getreuen Einfluss über Polen zu gewinnen. In der nun folgenden, berühmt gewordenen Schlacht an der Düna bei Riga wurde die polnische Armee im Juli 1701 vernichtend geschlagen. Die Kämpfe gegen Polen, die Karl XII. mit unverminderter Entschlossenheit fortführte, zogen sich bis 1706 hin, als August der Starke mit dem Friedensschluss von Altranstädt auf den polnischen Thron verzichten musste (Stanislaus I. Leszczyński war bereits 1704 zum König von Polen gewählt worden). Karls Ambitionen in Polen, die ihn ganz absorbierten, erlaubten Zar Peter, sich mit einem gestärkten Heer auf die Eroberung von Gebieten zu konzentrieren, die ihm den erwünschten Zugang zur Ostsee eröffnen sollten. Nach der Einnahme Livlands besetzte der Zar 1702 Nöteborg, wodurch er nun den Ladogasee, die Newa, den finnischen Meerbusen und Ingermanland kontrollierte. Bald nachdem er auch Nyenschanz an der Mündung der Newa erobert hatte (1703), ging der Zar daran, Sankt Petersburg zu erbauen, die Stadt, die er 1711 zur russischen Hauptstadt erklärte. Russland wird Großmacht 35 Der Große Nordische Krieg, IngermanlandAbb. 2: Russland wird Großmacht 36 Karl XII. wandte sich nach seinen Aktionen in Polen wieder mit aller Kraft gegen Zar Peter, um die inzwischen in russischer Hand liegenden Ostseeprovinzen zurückzuerobern und mit seinem Heer bis nach Moskau vorzurücken. Russland aber vermied eine direkte große Auseinandersetzung mit den Schweden. Peter I. zog sich immer weiter zurück und brachte so die schwedische Armee in zunehmende Versorgungsschwierigkeiten. Karl XII. brach seinen Marsch nach Moskau ab, zog in die Ukraine und erhoffte die baldige Ankunft eines großen Versorgungszuges. Dieser jedoch wurde von den Russen aufgegriffen und vernichtet. In jener Zeit war das Deutsche Reich von Südosten (durch das Osmanische Reich) wie von Westen (durch Frankreich im Spanischen Erbfolgekrieg) schwer bedrängt. Wien und London legten alles daran, Karl XII. im Osten Europas zu halten. Marlborough suchte den schwedischen König zu direkten Gesprächen auf, auch Joseph I. war zu Zugeständnissen bereit und erlaubte den Protestanten in Polen die Errichtung der sog. Gnadenkirchen. Karl XII. durfte nicht Partei im Erbfolgekrieg werden, das war das gemeinsame Ziel. Schweden und Frankreich waren seit dem Dreißigjährigen Krieg befreundete Nationen. Hätten sich die damals noch erfolgreichen Heere der beiden Länder verbunden – die Schweden waren bereits über die Oder, die Franzosen über die Donau vorgedrungen – das Kaiserreich wäre in großer Gefahr gewesen. Aber, auch wenn dies jemals Pläne gewesen wären, hätten sie nicht dauerhaft zum Erfolg geführt, denn Schweden und Frankreich blieben nicht siegreich. Frankreich stand plötzlich durch Siege des Prinzen Eugen und Marlboroughs am Rande des Abgrunds. Auch Karl XII. verließ das Glück. Die Schlacht bei Poltawa brachte Schweden 1709 eine verheerende Niederlage. Karl XII. entkam in die Türkei, wo er zwar ehrenvoll, jedoch wie ein Gefangener behandelt wurde. Dies hinderte ihn nicht daran, Pläne zu schmieden, wie er das Osmanische Reich überzeugen könnte, gegen seine Feinde zu ziehen und Russland niederzuringen. Aber seine Macht über Polen war verloren. Der Zar hatte Gebiete im Osten Polens übernommen und sich auf diese Weise dauerhaften Einfluss in dem Land gesichert, der von Karl XII. zum König erhobene Leszczyński wurde ab- und August der Starke (1709) erneut als König eingesetzt. Preußen, das nach dem Ende des Russland wird Großmacht 37 Spanischen Erbfolgekriegs seine Neutralität aufgab, sah die Gelegenheit gekommen, Schwedisch-Pommern für sich zu sichern und trat jetzt mit Hannover der Allianz aus Russland, Dänemark und Sachsen bei. Diese große Allianz konnte schließlich die Oberhand über die schwedischen Besitzungen in Norddeutschland gewinnen. Tatsächlich kam es zu dem von Karl XII. gewünschten Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, bei dem dieses den Gegner am Pruth (1710) einschloss und ohne Schwierigkeit hätte aushungern und vernichten können. Der Großwesir jedoch verzichtete auf den Sieg, ließ Zar Peter abziehen und antwortete Karl XII., als dieser ihm schwere Vorwürfe wegen seiner Nachgiebigkeit machte: „Unser Gesetz schreibt uns vor, dem Feind Frieden zu gewähren, wenn er um Erbarmen fleht.“ Karl verließ die Türkei – nicht auf eigenen Wunsch, sondern von den Osmanen nachdrücklich aufgefordert – und versuchte, über den Gewinn von Rügen, Usedom, Stralsund und Wolgast erneut Fuß zu fassen. Dann zog er weiter nach Schweden und – vollkommen unerwartet – gegen das dänische Norwegen, wo er von einer feindlichen Kugel tödlich getroffen wurde. Mit seinem Tod endete die schwedische Linie des Hauses Wittelsbach. Ulrika Eleonore, Karls Schwester, übernahm die Regierung, verzichtete aber zugunsten ihres Gemahls Friedrich von Hessen-Kassel auf die Krone. (Tab. 5, S. 74) Der Nordische Krieg wurde schließlich 1721 mit dem Frieden von Stockholm, Frederiksborg und Nystad beendet. (Tab. 6, S. 81) Schweden erhielt zwar das zwischenzeitlich von Russland eroberte Finnland zurück, verlor aber seine Besitzungen im Baltikum und in Deutschland, bis auf Wismar und Vorpommern nördlich der Peene, und damit seinen Großmachtstatus. Hannover erhielt die Herzogtümer Bremen- Verden, Preußen gewann Stettin, die Inseln Usedom und Wollin, sowie Vorpommern bis zur Peene. Russland wurde europäische Großmacht und gewann durch Landzuwachs im Baltikum, Ingermanland und Karelien direkten Zugang zum Meer. Es gelang dem Zaren jedoch nicht, sich die Kontrolle über die Ostsee und die Flussmündungen zu sichern, denn solche Interessen stießen auf den Widerstand Englands, das seine Rechte und Einfluss in der Ostsee erhalten wissen wollte. (Kunisch, S. 149) England wurde durch die Niederlande und Frankreich darin unterstützt, eine Russland wird Großmacht 38 Dominanz Russlands im Ostseehandel zu verhindern. Man kann diese gemeinsame Interessenswahrung durchaus als einen Teil der 1717 durch die Engländer ins Leben gerufene Allianz mit Holland und Frankreich ansehen, auch wenn diese sich zunächst gegen Spanien und dessen Interessen in Italien richtete. Dazu später mehr. Die Allianz sorgte sich um das Mächtegleichgewicht in Europa. Am Ende des Spanischen Erbfolgekriegs musste Spanien zur Einhaltung der Utrechter Vereinbarungen gezwungen, am Ende des Nordischen Kriegs Russlands Ostsee-Ambitionen eingehegt werden. Aber Russland war als Sieger aus dem Nordischen Krieg hervorgegangen. Russland wird Großmacht 39 Karl XII. Ein fiktives Gespräch zwischen Friedrich II. und Voltaire über die Persönlichkeit Karls XII. und seine Schlachten. Quelle Voltaire: Geschichte Karls XII., Friedrich II.: Betrachtungen über die militärischen Talente und den Charakter Karls XII. Voltaire: „Gustav Wasa, Gustav Adolf, Karl Gustav waren seine großen Vorfahren, Karl XI. sein Vater, ein Krieger wie alle seine Vorfahren, war eigenmächtiger als sie. Genügsam, umsichtig und fleißig, wäre der neue Herrscher liebenswert gewesen, wenn seine Tyrannei nicht alle Gefühle der Untertanen erstickt hätte außer der Furcht. 1680 vermählte er sich mit Ulrike Eleonore von Dänemark. Der Ehe entspross Karl XII., wohl der außerordentlichste Mensch, der je auf Erden gelebt hat, ein Mann, der alle Tugenden seiner Vorfahren in sich vereinte und dessen einziger unglücklicher Fehler es war, sie alle zu übertreiben. Obwohl ein sanftes Kind, zeigte er früh unüberwindlichen Starrsinn; das einzige Gegenmittel war, ihn bei der Ehre zu nehmen, mit dem Worte Ruhm ließ sich alles bei ihm erreichen. Gegen Latein hegte er Abneigung, doch sobald er hörte, die Könige von Polen und Dänemark seien dieser Sprache mächtig, lernte er rasch und lernte genug, um sie fortan zu sprechen.“ Friedrich: „Zu seiner Unterhaltung und um ihm Geschmack für Latein beizubringen, das er nicht liebte, ließ man ihn den geistvollen Roman des Quintus Curtius übersetzen. Dies Buch mochte in ihm wohl den Wunsch wachrufen, es Alexander dem Großen gleichzutun, aber er lernte daraus nicht die Regeln, die das System der neueren Kriegskunst bietet, um Erfolge zu erringen. Voltaire: „Der Lehrer, welcher ihm das Werk erläuterte, fragte ihn was er von Alexander denke. ›Ich denke‹, sagte der Prinz, ›dass ich ihm gleichen möchte. ›Aber‹, wurde ihm erwidert, ›er hat nur zweiunddrei- 41 ßig Jahre gelebt.‹ ›Na und‹, war die Antwort, ›genügt das nicht, wenn man Königreiche erobert hat?‹“ Friedrich: „Unter den Männern, die es unternommen haben, die Welt zu beherrschen oder umzuwälzen, ragen überlegene Geister hervor, deren Großtaten die Folge großer Entwürfe waren, Männer, die die Ereignisse benutzt oder sie selbst herbeigeführt haben, um die politische Gestalt der Welt zu ändern. So Cäsar. Seine der Republik geleisteten Dienste, seine Fehler und Tugenden, seine Siege – alles trug dazu bei, ihn auf den Thron der Welt zu heben. So auch der große Gustav Adolf, Turenne, Eugen, Marlborough in engeren oder weiteren Wirkungskreisen. Die einen ordneten ihre militärischen Operationen dem Ziel unter, das sie sich im Laufe eines Feldzuges gesteckt hatten. Die anderen knüpften ihr ganzes Wirken und mehrere Feldzüge an den Hauptzweck des unternommenen Krieges. Verfolgt man ihre bald bedächtigen, bald glänzenden Taten, so erkennt man aus ihnen das Ziel, dem sie zustrebten. Voltaire: „Als sich Schweden von kriegerischen Vorbereitungen in Dänemark, Polen und Russland bedroht sah, sagte Karl XII. seinen Räten: ›Meine Herren, ich habe beschlossen, nie mehr einen ungerechten Krieg zu führen, einen gerechten aber erst mit dem Untergang meiner Feinde zu beenden. Mein Entschluss ist gefasst; der erste, der feindliche Absichten offenbart, wird angegriffen, und wenn er besiegt ist, hoffe ich, auch den andern einige Furcht einzujagen.‹“ Friedrich: „Karl XII. verdankte der Kunst nichts, der Natur alles. Sein Geist war nicht gebildet, aber kühn, standhaft, schwungvoll, ruhmbegierig und imstande, dem Ruhme alles andere zu opfern. Seine Taten gewinnen bei näherer Prüfung ebenso viel, wie seine meisten Pläne verlieren. Seine Standhaftigkeit, die ihn über sein Geschick erhob, seine wunderbare Tatkraft und sein Heldenmut waren unzweifelhaft seine hervorragendsten Eigenschaften. Er folgte dem mächtigen Antrieb der Natur, die ihn zum Helden bestimmte. Sobald ihn die Habgier seiner Nachbarn zum Kriege zwang, entwickelte sich sein bisher verkannter Charakter sogleich. Der König von Dänemark griff Karls XII. Schwager, den Herzog von Holstein, an. Statt seine Truppen nach Hol- Karl XII. 42 stein zu schicken, wo sie den Fürsten, dem sie beistehen sollten, vollends zugrunde gerichtet hätten, lässt unser Held 8000 Mann in Pommern einrücken, schifft sich selbst auf seiner Flotte ein, landet auf Seeland, vertreibt von der Küste die Truppen, die sich seiner Landung entgegenstellen wollen, belagert Kopenhagen, die Hauptstadt seines Feindes, und zwingt den Dänenkönig binnen sechs Wochen zu einem für den Herzog von Holstein vorteilhaften Frieden. Das ist im Plan wie in der Ausführung bewunderungswürdig. Von Seeland folge ich dem jungen Helden nach Livland. Seine Truppen kommen mit erstaunlicher Schnelligkeit an. Auf diesen Zug passt Cäsars veni, vidi, vici. Karls Handlungsweise war klug, zwar kühn, aber nicht tollkühn. Er musste Narva entsetzen (befreien, d. V.), das der Zar persönlich belagerte; mithin musste er die Russen angreifen und schlagen. Ihr zahlreiches Heer war nur eine Horde schlecht bewaffneter und undisziplinierter Barbaren ohne gute Führer. Die Schweden durften sich also den Moskowitern für ebenso überlegen halten wie die Spanier den wilden Völkerschaften Amerikas. Der Erfolg entsprach der Erwartung durchaus, und die Welt erfuhr mit Staunen, dass 8000 Schweden 80 000 Russen besiegt und zersprengt hatten.“ Voltaire: „Nun erfand Karl XII. (bei der Schlacht an der Düna, d. V.) eine List, um die Feinde zu täuschen. Da er bemerkt hatte, dass der Wind von Norden, wo er mit seinen Leuten stand, nach Süden wehte, wo die Feinde standen, ließ er eine Menge feuchtes Stroh anzünden, dessen dichter Rauch sich über den Fluss ausbreitete und seine Truppen und deren Bewegungen vor den Sachsen verbarg. Dann ließ er einige mit rauchendem Stroh gefüllte Boote den Strom hinuntertreiben. So wurde der Qualm immer dichter und vom Winde dem Feind in die Augen geweht, was diesen aller Sicht beraubte. Und nun führte er seinen Plan aus. In einer Viertelstunde war er am anderen Ufer, die Geschütze wurden ausgeschifft, die Truppen in Schlachtordnung gestellt, der Feind, vom beißenden Rauch geblendet, konnte nur ein paar Schüsse abfeuern.“ Friedrich: „Nach einigen Kavallerieattacken und schwachem Infanteriefeuer schlagen die Schweden die Sachsen in die Flucht und zerstreuen sie. Welch bewundernswertes Verfahren beim Flussübergange! Wel- Karl XII. 43 che Geistesgegenwart und Tatkraft, den Truppen gleich beim Landen ein geeignetes Schlachtfeld zu geben! Welche Tapferkeit, in so kurzer Zeit die Entscheidung herbeizuführen!“ Voltaire: „Wir wollen nicht das ganze Kriegsgeschehen nacherzählen, nur so viel, dass nun bald das Unglück seinen Lauf nahm. An der Festung Poltawa verlor der König die Schlacht gegen den Zaren. Alle schwedischen Geschichtsschreiber versichern, die Schlacht wäre gewonnen worden, hätte man an jenem Tag keine Fehler gemacht. Doch alle Offiziere sagen, der Fehler sei gewesen, dieser Schlacht nicht aus dem Wege zu gehen, der Ursprung allen Unglücks aber beruhe auf dem Fehler, entgegen allem klugen Rat in dieses öde Land einzudringen und sich von einem kriegstüchtigen und an Zahl den Schweden überlegenen Feind einschließen zu lassen. Es kam hinzu, dass die unzähligen, über neun Jahre verteilten Kämpfe immer neue Ergänzungstruppen verschlangen.“ Friedrich: „Ja, seit seinem Sieg an der Düna verliert man den leitenden Faden im Handeln des Königs. Man sieht nur eine Menge Unternehmungen ohne Plan und Zusammenhang, freilich untermischt mit glänzenden Taten, aber nicht auf das Hauptziel gerichtet, das der König sich in jenem Kriege stecken musste. Da ihn bei allen seinen Unternehmungen während des Krieges in Polen das Glück begleitete, so merkte er nicht, dass er oft gegen die Regeln der Kriegskunst verstieß, und da er für seine Fehler nicht gestraft wurde, so erfuhr er auch die schlimmen Folgen nicht, die daraus hätten erwachsen können. Das beständige Glück gab ihm zu viel Zuversicht, und er dachte gar nicht daran, sein Verfahren zu ändern. Was zum Unglück des Schwedenkönigs am meisten beitrug, war die geringe Sorgfalt für die Verpflegung seiner Armee bei dem Marsch nach Russland. Wie kann man einen Feldherrn loben, wenn er von den Truppen verlangt, dass sie leben, ohne zu essen, dass sie unermüdlich und unsterblich sind? Woher sollte er Lebensmittel nehmen? Auf welchem Wege sollte er Nachschub erhalten? Wo neue Waffen, Uniformen und alle jene ebenso gewöhnlichen wie notwendigen Dinge finden, die man zum Unterhalt einer Armee immerfort braucht und erneuern muss.“ Karl XII. 44 Voltaire: „Ich überspringe die Ereignisse vieler weiterer Jahre und beschreibe Karls Ende. Als er Norwegen besiegen und für sein Reich erobern wollte, belagerte Karl die Festung Frederikshald, die Schlüsselstellung zum norwegischen Reich. Am 11. Dezember 1718, dem Andreastag, besichtigte er um 9 Uhr abends die Laufgräben. An einer Stelle machte er halt, kniete auf die innere Böschung nieder, stützte die Ellbogen auf die Brustwehr und schaute eine Weile den Arbeitern zu, die bei Sternenschein Erde schaufelten. Der König war mit dem Oberkörper dem Feuer einer feindlichen Batterie im genauen Schusswinkel ausgesetzt. Die feindliche Batterie feuerte mit Kartätschen. Der König, der sich am unbekümmertsten bloßstellte, war der Gefährdetste. In einem Augenblick stürzte der König stöhnend über die Brustwehr. Er war tot. Eine halbpfündige Kugel hatte ihn an der rechten Schläfe getroffen und ein drei Finger breites Loch geschlagen. Also endete im Alter von sechsunddreißig Jahren Karl XII., König von Schweden, nachdem er alles erlebt hatte, was tiefstes Missgeschick zu bieten vermag, ohne vom Glück verweichlicht, noch auch nur einen Augenblick vom Unglück erschüttert zu werden. Fast alle seine Taten, selbst die seines privaten Lebens, grenzen an das Unwahrscheinliche.“ Friedrich: „Obwohl die politischen Berechnungen bei Karl XII. oft den heftigen Leidenschaften weichen mussten, denen er unterworfen war, ist er nichtsdestoweniger einer der außerordentlichen Männer gewesen, die in Europa am meisten Aufsehen erregt haben. Er hat die Augen der Kriegsmänner durch eine Fülle immer glänzenderer Taten geblendet. Er hat die grausamsten Schicksalsschläge erlitten, ist der Schiedsrichter des Nordens, Flüchtling und Gefangener in der Türkei gewesen.“ Voltaire: „Er ist wohl der einzige Mensch hinieden und bisher der einzige Fürst gewesen, der nie schwach gegen sich selbst war. Er hat alle Heldentugenden so sehr ins Übermaß gesteigert, dass sie ebenso gefährlich wurden wie die entgegengesetzten Laster. Seine Charakterstärke wurde zu Starrsinn, der sein Unglück in der Ukraine herbeiführte und ihn fünf Jahre in der Türkei zurückhielt, seine Freigebigkeit artete in Verschwendung aus und hat Schweden zugrunde gerichtet; sein Mut wandelte sich in Tollkühnheit und war Ursache seines Todes; sein Gerechtigkeitssinn grenzte oft an Grausamkeit, und in seinen letzten Le- Karl XII. 45 bensjahren ist er, um seine Autorität zu wahren, fast zum Tyrannen geworden. Seine Leidenschaft für den Ruhm, den Krieg und die Rache hinderte ihn daran, auch ein großer Staatsmann zu sein, eine Eigenschaft, die unlöslich zu jedem wirklich großen Eroberer gehören muss.“ Friedrich: „Fasst man die verschiedenen Charakterzüge dieses eigenartigen Königs zusammen, so findet man, dass er mehr tapfer als geschickt, mehr tätig als klug, mehr seinen Leidenschaften unterworfen als seinem wahren Vorteil zugetan war. Welchen Glanz auch die Taten unseres berühmten Helden verbreiten, man darf ihn doch nur mit Vorsicht nachahmen. Je mehr er blendet, desto geeigneter ist er, die leichtfertige, brausende Jugend irrezuführen. Ihr kann man nicht genug einschärfen, dass Tapferkeit ohne Klugheit nichts ist und dass ein berechnender Kopf auf die Dauer über tollkühne Verwegenheit siegt. Ein vollkommener Feldherr müsste den Mut, die Ausdauer und die Tatkraft Karls XII., den Blick und die politische Klugheit Marlboroughs, die Pläne, Hilfsmittel und Fähigkeiten des Prinzen Eugen, die List Luxemburgs, die Klugheit, Methode und Umsicht Montecuccolis mit der Gabe Turennes, den Augenblick zu erfassen, vereinigen. Aber ich glaube, dieser stolze Phönix wird nie erscheinen.“ Voltaire: „Karls Glück und Glanz war auf Peter den Großen übergegangen, und er wusste diesen Vorzug fruchtbarer zu genießen als sein Nebenbuhler; denn er verstand es, alle errungenen Vorteile zu seinem Nutzen zu verwenden. Wenn er eine Stadt eroberte, wandten sich die besten Künstler und Handwerker mit den Erzeugnissen ihrer Arbeit nach Petersburg. Er führte auch aus den eroberten schwedischen Provinzen Manufakturen, Künste und Wissenschaften nach Russland; seine Staaten bereicherten sich an seinen Siegen, weshalb ihm von allen Eroberern am ehesten Verzeihung gebührt.“ Karl XII. 46 Bourbonen gegen Habsburg. Der Spanische Erbfolgekrieg, der zweite Schritt zu Englands Größe Karl II. war kinderlos geblieben, und so waren bereits 1696, bei Bekanntwerden der schweren Erkrankung des spanischen Königs, Überlegungen zwischen den möglichen Erben und den Seemächten darüber angestellt worden, wie Spaniens Besitz aufgeteilt werden könnte. Auf jeden Fall sollte eine Wiedervereinigung des riesigen Reichs unter der Habsburger Krone, wie es unter Karl V. bestanden hatte, vermieden werden. Dies war vor allem im Interesse Frankreichs, aber auch der Engländer. Für Holland und England war es aber auch wichtig, dass Spanien nicht von einem Bourbonen beherrscht würde. Die Pläne gingen dahin, Spanien mit den südlichen Niederlanden und den Kolonien als Einheit zu erhalten, jedoch den italienischen Besitz Mailand, Neapel, Sizilien und Sardinien an verschiedene Interessenten zu verteilen. Wilhelm III. und Ludwig XIV. hatten sich schon 1698 auf den bayerischen Kurprinzen als zukünftigen König von Spanien geeignet. Die interessierten Länder brachten sich in Stellung, es konnte Beute gemacht werden. Als Karl II., der letzte der spanischen Habsburger, am Allerheiligentag 1700 starb, machten sowohl der Bourbone Ludwig XIV. als auch Kaiser Leopold I., aus der österreichischen Linie der Habsburger, Erbrechte für ihre Nachfahren geltend, denn beide waren Enkel Philipps III. von Spanien. Die Mütter beider Herrscher waren Töchter Philipps III. (und Schwestern Philipps IV.). Ludwig XIV. und Leopold I. hatten zudem Töchter Philipps IV. (ihre Cousinen 1. Grades, wenn auch aus Philipps IV. erster, bzw. zweiter Ehe) geheiratet. Auch Maximilian II. von Bayern erhob Ansprüche, denn seine Gemahlin war eine Tochter Leopolds I. So gab es eine tiefe dynastische Verwobenheit zwischen den drei Staaten. Maria Teresa von Spanien, Ludwigs XIV. Ehe- 47 frau, hatte bei ihrer Hochzeit zwar gegen das Versprechen einer Entschädigungszahlung auf das Thronrecht verzichtet, da diese Zahlung jedoch nie erfolgte, erachtete Ludwig XIV. Maria Teresas Verzicht als ungültig. Schwestern und Nachfahren Philipps IV. Karl II., in seiner Schwäche, hatte in drei aufeinander folgenden Testamenten drei mögliche Erben genannt. Zwar hatte Karl II. zunächst einem österreichischen Habsburger den Thron vermachen wollen, diese Erbfolgeordnung aber schon 1696 geändert, „der österreichische Name war bereits im geheimen geopfert worden.“ Der König von Spanien stand unter dem Einfluss seiner Mutter, die auch die Urgroßmutter des jungen Prinzen Joseph Ferdinand Leopold von Bayern war und darauf bestand, dass ein Testament zu dessen Gunsten erstellt würde. Damit war sie im Einklang mit Frankreich und England. Nach ihrem Tod ging der beherrschende Einfluss auf den König von der Mutter aber ganz auf seine Ehefrau über. Diese „ließ das Testament, das den jungen bayerischen Prinzen zur Erbfolge berief, durch ihren Gatten vernichten, und der König versprach ihr, nur einen Sohn Kaiser Leo- Tab. 3: Bourbonen gegen Habsburg 48 polds zu seinem Erben einzusetzen.“ (Voltaire6, S. 179) Unter dem Einfluss von verschiedenen Seiten, vor allem aber aus Frankreich, verfasste der König von Spanien unmittelbar vor seinem Tod ein drittes Testament und vermachte seine sämtlichen Länder dem Herzog Philipp von Anjou, einem Enkel Ludwigs XIV. Philipp von Anjou, aus dem Hause Bourbon, sollte nun als König Philipp V. die Herrschaft in Spanien antreten. Diesen Thron aber beanspruchte auch Erzherzog Karl von Österreich, und ein dritter Anwärter auf den Spanischen Thron blieb nach wie vor Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern. Maximilian II. trat an die Stelle seines im ersten Testament Karls II. genannten, aber bereits im Februar 1699 im Alter von sechs Jahren verstorbenen Sohnes Joseph Ferdinand Leopold von Bayern. Nun aber war Philipp von Anjou auserkoren. „Europa schien anfangs in die Starrheit der Überraschung und der Ohnmacht versunken, als es die spanische Monarchie Frankreich unterworfen sah, dessen Rivalin sie dreihundert Jahre lang gewesen war. Ludwig XIV. schien der glücklichste und mächtigste Monarch auf Erden zu sein: In einem Alter von zweiundsechzig Jahren sah er sich von einer zahlreichen Nachkommenschaft umringt, und einer seiner Enkel sollte unter seiner Leitung Spanien, Amerika, die Hälfte von Italien und die Niederlande regieren.“ (Voltaire6, S. 187) In dem nun unausweichlich ausbrechenden Krieg um die spanische Erbfolge wurde das französische Heer und das des bayerischen Kurfürsten Maximilian II., der in Erwartung eines dynastischen Aufstiegs Frankreich militärisch unterstützte, von den alliierten Truppen unter Marlborough und Prinz Eugen – beide waren persönlich eng befreundet und kongeniale Heerführer – bei Höchstädt (engl. Battle of Blenheim) vernichtend geschlagen. Englische, niederländische und deutsche Truppen, darunter auch die des Kurfürsten von Hannover (Georg Ludwig, der spätere König Georg I. von England) und des Kurfürsten von Brandenburg, bildeten eine Allianz mit Habsburg gegen Frankreich. Der Kurfürst von Brandenburg erhielt als Gegenleistung das Zugeständnis der Königswürde (Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. in Preußen). Alliierte Truppen, jetzt auch unterstützt durch den König von Portugal und den Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen, drangen in die südlichen (spanischen) Niederlande ein, Bourbonen gegen Habsburg 49 die kaiserliche Armee bewegte sich nach Italien, denn französische Truppen hatten nicht nur die Niederlande, sondern auch fast ganz Oberitalien besetzt. Es ging um Piemont – Savoyen und die Hauptstadt Turin. Frankreich griff von Westen an, das mit ihm verbündete Spanien sandte Truppen von Mailand nach Turin, das nun monatelang belagert wurde. Die Kämpfe in Italien wogten hin und her, Prinz Eugen konnte dort erst im Jahre 1706 die Stadt befreien und den Franzosen so schwere Niederlagen beibringen, dass sie sich dauerhaft zurückzogen. Spanien verlor außer Italien (Mailand, Neapel, Sardinien, Sizilien) auch die südlichen Niederlande. Die Alliierten rückten nach Frankreich vor. Erzherzog Karl von Österreich gewann inzwischen Kataloniens Unterstützung und konnte seine Stellung in Spanien mit englischer Hilfe von Barcelona aus festigen und weiter ausbauen. Zu dieser Bedrängnis kamen Missernten, ein sehr kalter Winter – selbst am Versailler Hof soll das Wasser bei Tisch gefroren sein (Schnettger) – und daraus folgend Teuerungen und Hungerrevolten. „Der harte Winter des Jahres 1709 brachte die Nation vollends zur Verzweiflung. Die Olivenbäume, die im Süden Frankreichs eine bedeutende Einnahmequelle bildeten, gingen zugrunde, beinahe alle Obstbäume erfroren, und es blieb keine Aussicht auf eine Ernte. Man hatte nur wenige Magazine, und das Getreide, das man mit großen Kosten aus der Levante und aus Afrika beziehen konnte, lief Gefahr, von den feindlichen Flotten abgefangen zu werden, denen man beinahe keine Kriegsschiffe mehr entgegenzustellen hatte.“ (Voltaire6, S. 239) Frankreich war so geschwächt, dass es ein Friedensagebot mit außerordentlich weitgehenden Konzessionen vorlegte, darin besonders den Verzicht Philipps auf den spanischen Thron. Man kann es nicht begreifen, aber die Alliierten verwarfen das Angebot und stellten dagegen so überzogene und demütigende Forderungen, dass Ludwig XIV. nichts anderes übrigblieb, als den Krieg fortzusetzen. Die entscheidende Schlacht wurde 1709 bei Malplaquet gefochten, mit 36 000 Toten wohl die blutigste des Jahrhunderts. Die Verluste waren auf beiden Seiten sehr groß, besonders dramatisch bei den Alliierten, die einsahen, dass ihre Offensive trotz des Rückzugs der französischen Truppen ins Leere gelaufen war und nur Verhandlungen den Krieg beenden könnten. Verhandlungen waren auch deswegen die einzige Option, da sowohl Frankreich als auch Österreich finanziell ausgeblutet waren. In England kamen die Bourbonen gegen Habsburg 50 Tories an die Regierung und beriefen Marlborough ab, denn auch hier war das Ziel, Verhandlungen über einen Frieden zu führen. Tories und Whigs bekämpften sich in der grundlegenden Frage – Kontinent oder Meer und Kolonien – heftig und bitter. Die Tories, die das Engagement der Whigs auf dem Kontinent stets argwöhnisch beobachtet hatten und dem Konzept der Landkriege nicht zustimmten, änderten die Strategie und stärkten nun die Marineoperationen gegen Frankreich auf See und in den Kolonien. Dies war ein für Englands Aufstieg zur Weltmacht entscheidender Schritt. Es gab einen weiteren Grund dafür, dass sich das Bild grundlegend veränderte und die Allianz sehr schnell zerfiel: Kaiser Joseph I. starb. Sein jüngerer Bruder, Erzherzog Karl, der den spanischen Thron beanspruchte und sich bereits als Karl III. in Barcelona eingerichtet hatte, wurde als Kaiser Karl VI. Nachfolger im Reich, wodurch sich die Möglichkeit eröffnete, dass das riesige, Frankreich umschließende Reich Karls V. wiederhergestellt würde. Diese Aussicht erschreckte alle, vor allem die Engländer, die schon seit längerer Zeit in der Dimension eines Gleichgewichts der Mächte in Europa zu denken begonnen hatten. Man hatte eine Französisch-Spanische Machtachse der Bourbonen verhindern wollen und dagegen wieder zwei habsburgische Linien in Österreich und Spanien akzeptieren können, eine mögliche Neuauflage des Machtbereiches Karls V. in einer Person, allein über beide Reiche herrschend, erschien jedoch noch bedrohlicher als ein Bourbone in Madrid und musste unbedingt unterbunden werden. Für Frankreich wäre dies der größte denkbare Albtraum gewesen. Mit Erleichterung verfolgte man dort daher, wie die gegen das Land gerichtete Allianz zerbrach. In Utrecht wurde 1713/1714 Friede geschlossen, dem der Kaiser zunächst nicht, dann aber, nach einem weiteren Feldzug, doch zustimmte (Friedensvertrag von Rastatt und Baden). Der Bourbone wurde als Philipp V. König von Spanien. Der Kaiser erhielt die spanischen Nebenlande, dies waren die Herzogtümer Mailand und Mantua, das Königreich Neapel, Sardinien, das er später gegen Sizilien tauschte, und die südlichen, vormals spanischen, nun aber die österreichischen Niederlande (das heutige Belgien und Luxemburg). Großbritannien erhielt die Anerkennung der protestantischen Thronfolge, eine auf dreißig Jahre gesicherte Funktion der South Sea Bourbonen gegen Habsburg 51 Company im Sklavenhandel, mit der sie die Kolonien mit Sklaven aus Afrika versorgte (Asiento-Vertrag), und Gebietszuwachs: Gibraltar und Menorca und in der neuen Welt Gewinne in den Kolonien (Hudson Bay, Neufundland und Inseln in der Karibik). Das wichtigste Ergebnis des Krieges für England waren die kolonialen Gewinne, vor allem in Nordamerika, und dass seine maritime Vormacht auf den Weltmeeren gesichert war, auch wenn Frankreich ein großer Rivale blieb. Großbritannien, das sich auf den Weg machte, neben und auf Grund seiner dominanten Position als größte Seemacht nun auch die größte Handelsmacht der Welt zu werden, ging als der eigentliche Gewinner aus dem Erbfolgekrieg hervor. Wollte ein Land Handelsmacht sein, musste es auch Seemacht sein. Seemacht heißt, die Meere mit Kriegsschiffen zu beherrschen. Diese Kunst und diese Regel beherrschte England perfekt. Wo immer das Land Handels- und Kolonialinteressen hatte, wurden Konkurrenten mit militärischer Gewalt verdrängt. Hierzu später mehr. Maximilian II. Emanuel von Bayern ging leer aus, er erhielt nicht die von ihm angestrebte Königskrone. Viktor Amadeus II. von Savoyen, Schwiegervater Philipps V., bekam das während des Krieges von Frankreich besetzte Stammland zurück, dazu Nizza, Gebiete in der Lombardei und die Insel Sizilien. Philipp V. behielt zwar die Krone Spaniens und die Kolonien in Mittel- und Südamerika (die dort heute noch spanisch sprechenden Länder), jedoch nicht die spanischen Nebenlande. Spanien war durch diese territorialen Verluste im Konzert der europäischen Mächte deutlich geschwächt, seine Rolle als atlantische Seemacht hingegen war nach wie vor bedeutend. Philipp, dies war eine weitere Bedingung des Friedensvertrags, musste für alle Zukunft auf eine Vereinigung Spaniens mit dem französischen Königreich verzichten. Kaiser Karl VI. zog aus der Erfahrung des Spanischen Erbfolgekrieges die Konsequenz, dass er von nun an unablässig versuchen müsse, die Dynastie, die seine Tochter Maria Theresia eines Tages anführen sollte, durch ein Erbfolgegesetz (Pragmatische Sanktion) zu sichern. Mit der Pragmatischen Sanktion wollte der Kaiser die Unteilbarkeit der Länder und die Erbfolge auch in der weiblichen Linie sichern und einen Erbfolgekrieg unbedingt verhindern. Der dennoch einsetzende Österreichische Erbfolgekrieg dauerte von 1740 bis 1748, Bourbonen gegen Habsburg 52 aber letztlich blieben die Länder bis auf Schlesien unter der österreichischen Krone vereinigt. Auch hierzu später mehr. Frankreichs Gebietsgewinn seit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs und nach allen Kriegen unter Ludwigs Regentschaft betraf einige Gebietsabrundungen im Norden des Landes, Teile Luxemburgs, des Elsasses, Freiburg und Breisach, der Pfalz, des heutigen Saarlandes, der Franche-Comté und die Stadt Straßburg. Dagegen stand wegen Ludwigs Kriegen, seiner aufwändigen Bauten und seines sonnengöttlichen Lebensstils die Zerrüttung der Staatsfinanzen, so dass er selbst am Ende seines Lebens zu dem Schluss kam: „Ich habe den Krieg und die Bauwerke zu sehr geliebt.“ Ludwig XIV. starb am 1. September 1715. Nach seinem Tod zeigte sich die Befreiung aus hochformalisierter Etikette, starren und hierarchischen Vorschriften und Regeln zu allererst in einem neuen Kunstgeschmack als Ausdruck der veränderten Lebensauffassung. Eine Vorliebe für das Leichte, Spielerische, Graziöse verdrängte das Überladene der Barockkunst und fand Ausdruck in Malerei, Architektur und Landschaftsbau. Es war die Zeit des Rokoko. Frankreich war der Ausgangspunkt dieser Stilrichtung, wo sie dort und in Deutschland zeitgleich mit dem Spätbarock und dem beginnenden Klassizismus in England auftrat. In Deutschland steht der Begriff Rokoko vor allem für Kirchen- und Schlösserarchitektur (Schloss Sanssouci in Potsdam, Abb. 3). Kirchen in den katholischen Ländern wurden weiterhin im barocken Stil errichtet. Bourbonen gegen Habsburg 53 Schloss Sanssouci „Das Ideal des Rokoko ist ein irdisches Paradies ewiger Jugend, Heiterkeit, anmutiger Schönheit und göttlich verklärter Sinnlichkeit, das Tod, Sünde, Alter, Gebrechlichkeit und Einsamkeit verneint. Das ganze Leben gilt hier als etwas Leichtes und Heiteres, dessen Harmonie darauf beruht, dass alle Schwerfälligkeit, alles Pathos, alles Dunkle ausgeschlossen wird.“ (Bauer, H. S. 26) Man erkannte in der anti-absolutistischen Natur des Rokoko eine schöne, weltliche, sinnliche und säkulare Kraft. „Zart, schlank, anmutig, liebreizend, spielerisch, kokett“, mit diesen Worten, die Stefan Zweig wählte, um Marie-Antoinette zu charakterisieren, lässt sich die Zeit des Rokoko beschreiben. (Abb. 4 Fragonard) Abb. 3: Bourbonen gegen Habsburg 54 Jean-Honoré Fragonard (1732–1806): Die Schaukel Park- oder auch Gartenlandschaften, meist aus der Phantasie entstanden, stellten eine neue Gattung der Landschaftsmalerei dar, in die elegant gekleidete und sich präsentierende Personen, eine unbeschwerte höfische Gesellschaft, aufgenommen wurden. „Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass weder Boucher, noch Watteau oder später Abb. 4: Bourbonen gegen Habsburg 55 Fragonard den zeitgenössischen französischen Rokoko-Garten mit seinen streng geometrisierten Formen zum Vorbild nahmen, sondern dass diese entweder in den wesentlich freier gestalteten italienischen oder in älteren, verwilderten französischen Parkanalgen ihre Studien anfertigten.“ (Schultze, S. 20) Auch dies mag als Hinweis für die Freude über die gewonnene individuelle bürgerliche Freiheit gesehen werden. Auch in der Kunst ging England seine eigenen Wege, dort wurden das französische Barock und Rokoko nicht aufgenommen. In England stellte man den streng geometrischen Gärten von Le Nôtre mit seinen Anspielungen auf die Jahreszeiten und Einzelfiguren der Mythologie die Architektur des freien Landschaftsgartens entgegen, der durch kleine Hügel und Abhänge eine eigene Bewegung aufwies. Es entstanden lebendige Parklandschaften, durchzogen von kleinen Wasserläufen und Seen. Auf diese Weise aufgelockert, stand der neue parkartige Garten im Kontrast zur strengen und kunstvollen Symmetrie des französischen Gartens und wurde daher auch als antiabsolutistisches Symbol verstanden. Auch auf dem Kontinent war Le Nôtre nicht mehr das Maß der Dinge. Das Konzept der Parkgestaltung nach englischem Vorbild wurde in mehreren Fürstentümern verwirklicht, in München wurde der Englische Garten angelegt, der erste Volkspark Europas. Englands Malerei dagegen musste die Zeit der puritanischen Herrschaft im 17. Jahrhundert überwinden und erst wieder aufschließen zu der hohen Kunst in den Niederlanden, Frankreich und Italien. „Die technische und intellektuelle Überlegenheit in der Kunst (der Landschaftsmalerei, d. V.) in den Niederlanden und Flandern, in Italien und – als neuere Entwicklung – auch in Frankreich war (zu Beginn des 18. Jahrhunderts, d. V.) offensichtlich.“ (Vogtherr, S. 14) Zunächst gelang es William Hogarth, dann Thomas Gainsborough, eigenständige, international konkurrenzfähige Werke sowohl in der Portrait- als auch in der Landschaftsmalerei vorzulegen. Joshua Reynolds, ein ebenbürtiger Konkurrent Gainsboroughs, gründete 1768 die Königliche Kunstakademie in London, die entscheidend zur Ausbildung einer englischen Schule und deren Theoriebildung beitrug. (Abb. 5 Gainsborough) Bourbonen gegen Habsburg 56 Thomas Gainsborough: Waldlandschaft mit Hütte am See (vor 1782) Abb. 5: Bourbonen gegen Habsburg 57 Der Kampf um das spanische Italien. Ein Lehrstück dynastischer Interessenspolitik Länder als Tauschobjekte Die Könige aus dem Hause Bourbon waren im 18. Jahrhundert in Spanien fünf: Philipp V. (1700–1746), Ludwig I. (regierte nur im Jahr 1724, nach seinem Tod ging der Thron zurück an Philipp V., der zuvor wegen einer Erkrankung abgedankt hatte), Ferdinand VI. (1746–1759) Karl III. (1759–1788) und dessen Sohn Karl IV. (1788–1808). Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs, mit dem Frieden von Utrecht und Rastatt (1713/1714), hatte Österreich die zuvor spanischen Niederlande, die Herzogtümer Mailand und Mantua und die Königreiche Neapel und Sardinien erhalten, während Sizilien an den Herzog von Savoyen, Menorca und Gibraltar an England gegangen waren, alles zuvor in spanischem Besitz. Diesen großen Verlusten an Land und Einfluss hatte Spanien zwar zugestimmt, sie aber nie akzeptiert, es konnte die Kränkung nicht verwinden und wollte die Regelungen von Utrecht umstoßen. An der Rückgewinnung italienischen Besitzes hatte Spanien zudem dynastisches Interesse, denn Philipps V. Söhne aus zweiter Ehe – er heiratete 1714 eine italienische Prinzessin – mussten mit dortigen Herzogtümern versorgt werden. Die machtbewusste Elisabeth Farnese von Parma und Piacenza bestärkte ihren Gemahl energisch darin, den Verlust der italienischen Territorien nicht hinzunehmen. Auch wenn eine weibliche Erbfolge nicht vorgesehen war, erhob sie dennoch Anspruch auf Parma und Piacenza und das Herzogtum Toskana der Medici für die Zeit nach dem absehbaren Ableben der dort letzten Herzöge. (Schmidt, P., S. 222) (Abb. 6 Italien) 59 Italien, Ende des 18. Jahrhunderts (1796) Diese aus spanisch-italienischem Ehrgeiz aufziehende Gefahr für das soeben erst ausgehandelte neue Gleichgewicht der Mächte vor Augen, hatten Großbritannien, die Niederlande und Frankreich, die ihre Ansprüche sichern wollten, eine Allianz mit dem Ziel gebildet, die Vereinbarungen aus den Verträgen von Utrecht und Rastatt zu wahren und durchzusetzen. (Bernecker, S. 163) Auch Spanien erhielt das An- Abb. 6: Der Kampf um das spanische Italien 60 gebot, der Allianz beizutreten, um mögliche Konflikte diplomatisch lösen zu können. Spanien lehnte ab. Österreich, das zunächst noch Krieg gegen das Osmanische Reich führte, diesen aber 1718 mit dem Frieden von Passarowitz beenden konnte, ergänzte nun sofort die drei Länder zur sog. Quadrupelallianz. Es kam zum Krieg, denn Spanien hatte im August 1717, als Österreich noch in dem Türkenkrieg gebunden war, Sardinien angegriffen und im Jahr darauf Sizilien besetzt. Der Krieg war sehr bald beendet, denn Spanien sah ein, gegen die übermächtige Allianz nichts ausrichten zu können. Dennoch konnte Spanien seine Interessen in der Weise wahrnehmen, dass Elisabeth Farnese zugestanden wurde, das Herzogtum Parma mit Piacenza nach dem zu erwartenden Aussterben der männlichen Farnese-Linie als Erbfolge für ihre Söhne Karl und Philipp im Familienbesitz zu halten. Es muss erwähnt werden, dass Habsburg einen Tauschhandel mit Viktor Amadeus von Savoyen-Piemont arrangierte: 1720 ging Sardinien an Savoyen, dafür erhielt Österreich Sizilien. Dies war wichtig für Österreich, denn Neapel und Sizilien gehörten gewissermaßen naturgemäß zu einander, Sizilien war Neapels Kornkammer. Viktor Amadeus war nun König von Sardinien-Piemont, die Residenz blieb Turin, auch wenn Cagliari an Bedeutung gewann. (Der sardische Königstitel war höherwertig als der Siziliens). Einhundertvierzig Jahre später würde das Haus Savoyen den König des geeinten Italiens stellen. Die zweite Gelegenheit, verlorenes italienisches Gebiet zurückzuerlangen, ergab sich mit dem Konflikt um die polnische Thronfolge, nachdem August der Starke 1733 gestorben war und Russland und Österreich dessen Sohn als Nachfolger einsetzten. Frankreich jedoch wollte Stanislaus Leszczyński, dem Schwiegervater Ludwigs XV., dieses Amt übertragen. Frankreich und Spanien schlossen daraufhin den Ersten Bourbonischen Familienpakt, denn es war in beider Interesse, nicht nur die Nachfolge auf den polnischen Thron zu beeinflussen, sondern vor allem zu verhindern, dass durch die Vermählung von Franz Stephan von Lothringen mit Maria Theresia, der zukünftigen österreichischen Thronerbin, Lothringen in Habsburgischen Besitz gelangte. Spanien trat dem nun beginnenden Polnischen Thronfolgekrieg gegen Russland und Österreich mit dem eigenen dritten Ziel bei, weiteren italienischen Besitz zurückzugewinnen. Der Kampf um das spanische Italien 61 Die kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich zum Nachteil Österreichs entwickelten, wurden in Polen, am Rhein und in Italien geführt. In dem 1735 geschlossenen Frieden musste Österreich Elba, Neapel und das zuvor eingetauschte Sizilien an Spanien abtreten. Karl, der älteste Sohn Elisabeths, gab das bislang von ihm beherrschte Herzogtum Parma an Österreich ab, wurde aber dafür nun König von Neapel und Sizilien (König beider Sizilien). Franz Stephan erhielt die Toskana im Tausch gegen Lothringen, das an Stanislaus Leszczyński ging. Großbritannien war über diese Entwicklung nicht glücklich, denn Österreichs Verlust Lothringens und dessen Gewinn für Frankreich verschob das Machtgleichgewicht auf dem Kontinent zugunsten Frankreichs. Im Interesse des europäischen Machtgleichgewichts wollte Großbritannien nicht nur ein starkes Österreich sehen, sondern erkannte in der Integrität des Heiligen Römischen Reichs ein Gegengewicht gegen ein zu starkes Frankreich. Dass Lothringen an Frankreich ging, wurde daher jenseits des Ärmelkanals (nicht nur dort) als unglückliche Entwicklung bewertet. Länder als Tauschobjekte Jahr Neapel und Sardinien Neapel und Sizilien Parma und Piacenza 1714 (Spanischer Erbfolgekrieg) An Österreich, Sizilien an Savoyen Familie Farnese 1720 (Ländertausch) Savoyen tauscht Sizilien gegen Sardinien, Österreich verfügt über Neapel und Sizilien Familie Farnese 1735 (Polnischer Thronfolgekrieg) An Spanien An Österreich 1748 (Österreich. Erbfolgekrieg) An Spanien 1759 (Erbfolge) An Österreich Tab. 4: Der Kampf um das spanische Italien 62 Der Bourbonische Familienpakt – der verwirrende Länderschacher bleibt eine komplizierte Geschichte – wurde noch zweimal erneuert: zunächst 1743, während des Österreichischen Erbfolgekrieges, in dem Frankreich und Spanien gegen Österreich, aber auch gegen Großbritannien standen. Denn Spanien kämpfte um Gibraltar und Menorca. Der anfängliche militärische Erfolg in Italien, bei dem die französischen und spanischen Truppen u. a. Mailand erobern konnten, löste sich jedoch durch eine vernichtende Niederlage im Kampf gegen Savoyen und Österreich auf. Auch wenn Spanien und Frankreich im Österreichischen Erbfolgekrieg glücklos agierten, wurden Parma und Piacenza (die 1735 an Österreich gegangen waren) im Frieden von Aachen 1748 wieder Spanien zugesprochen, so dass auch Prinz Philipp, ein jüngerer Bruder Karls, versorgt war. Es wurde aber gleichzeitig vereinbart, dass – sollte Karl (noch König von Neapel und Sizilien) König von Spanien werden und sein Bruder Philipp ihm in dem Königreich beider Sizilien nachfolgen, was 1759 geschah, – Parma und Piacenza wieder an Österreich zurückfallen sollten. (Bernecker, S. 187) Gibraltar und Menorca blieben englischer Besitz. Der Familienpakt der Bourbonen wurde 1761 ein drittes Mal bestätigt, dazu später. Spanien konnte zwar einige nach dem Spanischen Erbfolgekrieg verlorene italienische Gebiete zurückgewinnen, dies änderte jedoch nichts an seinem Bedeutungsverlust in Europa. Das Land wurde das gesamte Jahrhundert hindurch in Kriege zu Land und auf dem Meer verwickelt – Spanien unterhielt nach England die größte Kriegsflotte in Europa – und war finanziell völlig überfordert. „Um 1731 verschlangen Heer (62,3%) und Marine (15%) zusammen gut drei Viertel des spanischen Staatshaushaltes.“ (Schmidt, P., S. 220) Der andauernde Gegensatz zu England führte zu immer größeren finanziellen Belastungen. Dabei wurden durchaus von allen Herrschern im Spanien des 18. Jahrhunderts Anstrengungen unternommen, die wirtschaftliche Lage zu verbessern und Reformen durchzuführen. Jedoch kamen diese Bemühungen über gute Analysen und daraus zwar abgeleitete, dann aber bald versandende Vorhaben nicht hinaus. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte Frankreich dafür gesorgt, dass ein Bourbone die Krone in Spanien übernahm und die Zeit der Habsburger in diesem Land endete, am Ende des Jahrhunderts griff Frankreich erneut in die Geschi- Der Kampf um das spanische Italien 63 cke Spaniens ein und beendete das Régime der Bourbonen. Napoleon setzte 1808 seinen Bruder Joseph I. als König ein. Der Kampf um das spanische Italien 64 Sachsen-Polen August II. (der Starke) und August III. Friedrich August I., aus dem Hause der Wettiner, hatte 1694 die Herrschaft als Kurfürst von Sachsen angetreten, war aber auf Größeres aus und bewarb sich um den Königsthron in Polen, nachdem der dortige König Johann III. Sobieski im Juni 1696 gestorben war. Friedrich August hatte zuvor die Unterstützung durch den Kaiser, Frankreich und den Papst gesucht und – dies war eine Voraussetzung für das polnische Amt – war (heimlich) zum katholischen Glauben übergetreten. Bischof Stanislaw Dabski rief Friedrich August zum König August II. aus, die Krönung fand im September 1697 in Krakau statt. (Czok, S. 53) Polen-Litauen war zu dieser Zeit noch immer in den Großen Türkenkrieg verwickelt, in dem Sobieski zu dem Sieg gegen die Osmanen vor Wien 1683 sehr erfolgreich beigetragen hatte. Dass Polen-Litauen mit dem Frieden von Karlowitz 1699, der den Großen Türkenkrieg beendete, zuvor verlorene Gebiete im Westen und Südwesten der Ukraine zurückerlangen konnte, war ein großer Erfolg für August II., der sich ansonsten mit zahlreichen Widerständen als Sachse in Polen und als Katholik in Sachsen auseinanderzusetzen hatte. Schon stand das nächste militärische Abenteuer an: August verabredete mit Zar Peter (oder dieser mit ihm), gegen Schweden vorzugehen. Die erste Phase des nun beginnenden Großen Nordischen Krieges verlief jedoch für August geradezu niederschmetternd. Nachdem Schweden tief nach Polen eingedrungen war und Warschau und Krakau besetzt hatte, zwang Karl XII. im Februar 1704 seinen Vetter August zum Thronverzicht. (Karls und Augusts Mütter waren Töchter des dänischen Königs Frederik III.). Zwar konnte August II. mit dem Frieden von Thorn 1709 wieder als König nach Warschau zurückkehren, jedoch war Russland die führende Macht geworden. August II. musste Russland als Garantiemacht anerkennen, Polen war in Abhängigkeit geraten. Mit dem Frieden von Nystadt wurde Livland in den russi- 65 schen Staat integriert, während Polen leer ausging. Dennoch hatte August der Starke große, über den territorialen Gewinn hinausgehende Pläne. So verheiratete er den Kurprinzen mit Maria Josepha, der ältesten Tochter Kaiser Josephs I., denn er meinte, seinem Sohn dadurch Chancen auf den Kaiserthron eröffnen zu können. Tatsächlich war August III. durch diese familiäre Verbindung zum Haus Habsburg als Katholik und Herrscher über eines der größten Territorien des Reiches zumindest theoretisch ein Kandidat für die Kaiserwürde. Seine Gemahlin und er hatten jedoch die pragmatische Sanktion anerkannt. Um Österreichs Unterstützung bei der polnischen Königswahl zu sichern, hatte sich August III. verpflichtet, die Rechte Maria Theresias zu verteidigen. (Hanke2, S. 33) Als August II. 1733 starb, suchte sein Sohn die Unterstützung Russlands und Österreichs, um die Nachfolge anzutreten. Es war in Russlands Interesse, die Beziehungen zu den Wettinern fortzusetzen, dies würde den Einfluss auf Polen erhalten. So unterstützte Russland Augusts II. Sohn, dies tat auch Österreich, denn dieser war der Schwiegersohn des Kaisers. Frankreich hatte entgegengesetzte Pläne, es unterstützte Stanislaus Leszczyński und berief sich darauf, dass dieser schon einmal König von Polen gewesen war. Frankreichs Interessen lagen auf der Hand, denn Ludwig XV. hatte Maria, die Tochter von Stanislaus Leszczyński geheiratet, der Polnische Thron galt als vermögend, und eine dynastische Verbindung Frankreichs mit Polen musste den Erbfeind Österreich stören und Russlands Drang nach Westen bremsen. Tatsachen schaffen, dies war Frankreichs Devise. Es setzte Stanislaus Leszczyński ein. Doch als russische Truppen in Warschau dafür sorgten, dass Friedrich August II. die Nachfolge seines Vaters antreten konnte, gab sich Frankreich damit nicht zufrieden, erklärte dem Kaiser den Krieg, auch Spanien und Sardinien griffen ein. Bald wurde im Westen des Reichs und in Italien gekämpft (Polnischer Thronfolgekrieg, 1733–1738), was damit endete, dass der sächsische Kurfürst als König August III. in Polen bestätigt wurde, während für Leszczyński eine Lösung in Lothringen vereinbart und Franz Stephan von Lothringen, der sein Stammland aufgeben musste, mit der Toskana abgefunden wurde. Die territorialen Pläne, die bereits August II. verfolgt hatte, sahen auch eine Landverbindung zwischen Polen und Sachsen vor, ein Vor- Sachsen-Polen 66 haben, das aber weder von ihm selbst noch von seinem Sohn verwirklicht werden konnte. August III. sah eine neue Gelegenheit gekommen, die Landbrücken-Pläne seines Vaters wieder aufzunehmen, als Preu- ßen Schlesien erobern wollte. Mit Habsburg hatte er zu Beginn des ersten schlesischen Kriegs vereinbart, dass Sachsen im Falle eines Sieges über Preußen ein Gebietsstreifen des Distrikts Grünberg-Krossen in Niederschlesien zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt werden würde, mit dem die erhoffte Verbindung zwischen Sachsen und Polen entstanden wäre. Als sich aber eine große Allianz gegen Österreich bildete und das Kriegsglück auf Preußen wies, brach Sachsen den schon unterschriebenen Vertrag, wechselte die Fronten und schloss sich der anti-habsburgischen Koalition im Erbfolgekrieg an. Grundlage für diese Kehrtwendung und Vertragsbruch war eine Vereinbarung zwischen Sachsen und Bayern, in der Sachsen die Gebiete Oberschlesien und Mähren zugesichert wurden, sollte die Allianz siegen. Keiner der Landbrücken-Pläne konnte realisiert werden, denn Preußen machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Brühl wollte seinen Plan, die Verbindung nach Polen doch noch zu verwirklichen, nicht aufgeben und suchte zunächst Allianzen mit Österreich und Russland, später auch mit Frankreich. Brühls eigentlicher Plan war das Errichten einer Großmacht Sachsen-Polen. Dies musste jedoch nicht nur wegen der Interessen und des Einflusses Russlands und Frankreichs in Polen einerseits und andererseits Preußens Kampf um Schlesien scheitern. Sachsen-Polen hatte nicht die finanziellen und militärischen Voraussetzungen, auch nicht die unbedingte Willensstärke, die für das Durchsetzen eines so ehrgeizigen und großen Vorhabens Vorbedingung waren. Im Gegenteil: das Land geriet unter Brühls Regierungszeit sogar in eine schwere Finanzkrise und musste das Heer drastisch verringern. Preußen siegte in allen drei Schlesischen Kriegen. Der Zugang von Sachsen nach Polen war also nur über preußisches Territorium möglich. Diese Entwicklung war ein erheblicher Rückschlag für August III., denn Polen und Sachsen hätten von einer zollfreien Verbindung zwischen beiden Ländern große Vorteile gehabt. Schon seit dem 16. Jahrhundert hatte es einen stetigen Warenaustausch zwischen beiden Ländern gegeben: Polen lieferte die für Sachsen notwendigen Landwirtschaftsgüter (Wolle, Felle, Getreide, Vieh) und Salz. Im Gegenzug Sachsen-Polen 67 führte es Textilien, Metallwaren, Gewehre und Meißner Porzellan ein. Die Messen von Leipzig und Brody hatten schon damals eine große Bedeutung für die Präsentation des gegenseitigen Warenangebots. Seit 1742 verfolgte Friedrich II. das Ziel, die Breslauer Messe zu fördern und als Gegengewicht zu Leipzig aufzubauen. Er zögerte nicht, erhebliche Zölle für den Transit durch Schlesien zu erheben. 1748 ließ er von den Kaufleuten auf dem Weg nach Sachsen 30 Prozent vom Warenwert fordern. (Czok, S. 80) Das heute noch gültige Vermächtnis beider sächsischen Herrscher liegt nicht in politischen Erfolgen, sondern den kulturellen Errungenschaften, vor allem in der Architektur und den Kunstsammlungen. „Obwohl seine (Augusts II.) Sammeltätigkeit universale Interessen verriet, offenbarten die kunsthandwerklichen Spezialmuseen, das Grüne Gewölbe und die Porzellansammlung, seine besondere Vorliebe. In Etappen vollzog sich seit 1723 die Neueinrichtung und Vergrößerung des dann insgesamt acht Räume umfassenden Gewölbes, das den Namen von dem ursprünglich grün gestrichenen Raum im Schloss herleitete. Die fähigsten Künstler und Handwerker Dresdens trugen zur Gestaltung dieser neuen Räume bei, in denen nun die Kostbarkeiten aus Edelsteinen, Gold und Silber aufbewahrt wurden. Nach den Anweisungen des Königs von 1727 bot sich zum Abschluss dieses Umgestaltungsprozesses folgende Raumanordnung: Sie begann mit dem Bronzezimmer, in dem die Reiterstatuetten aus Bronze und die Brustbilder aus vergoldetem Kupfer Aufstellung gefunden hatten. Dann folgte das getäfelte Elfenbeinzimmer, daran schloss sich das entschieden größere Emaillenzimmer an. Im folgenden Silberzimmer präsentierte sich das Geschirr aus Gold und vergoldetem Silber. In Gold und Spiegelglas erstrahlte der Pretiosensaal, um die Wirkung der Kunstwerke durch Spiegelungen zu verdoppeln oder gar zu vervielfachen. Über den Türen wiesen mehrfach Monogramme ›AR‹ – Augustus Rex – auf den Gründer und Eigentümer dieser Sammlungen hin. Der siebente Raum war das Wappenzimmer mit den Schmuckgarnituren Augusts, Einzelschmuckstücken und Orden – 1722 hatte er den Orden vom ›Goldenen Vlies‹ verliehen bekommen – sowie kostbaren Waffen, beispielsweise dem Kurschwert der Wettiner.“ (Czok, S. 140) Die Meißener Porzellanmanufaktur wurde 1710 gegründet, nachdem Johann Friedrich Böttger gemeinsam mit Ehrenfried Walther von Sachsen-Polen 68 Tschirnhaus das Hartporzellan erfunden hatten. Tschirnhaus war es gelungen, mit Brennspiegeln Temperaturen bis zu 1500 Grad Celsius zu erzielen, eine wesentliche Voraussetzung für die Porzellanherstellung. Für August II. war es ein Anliegen, die Manufaktur zu fördern, er engagierte die besten Maler und Modelleure, so dass die Manufaktur einen bis heute bestehenden Weltruhm errang. Großartige Bauten im Barockstil entstanden in Dresden. Oberlandbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) hatte den Zwinger mit dem berühmten Wallpavillon geschaffen, auch die Augustbrücke war sein Werk. Das protestantische Bürgertum, irritiert von dem Übertritt Augusts des Starken zum katholischen Glauben, ließ die prächtige Frauenkirche errichten, unter dem Einfluss der Gemahlin von August III. entstand im Gegenzug die Katholische Hofkirche. Auch Friedrich II. sprach mit Anerkennung von der bedeutenden Architektur in Dresden. „Was man an schöner Baukunst im Norden sieht, stammt ungefähr aus der gleichen Zeit: das Schloss und das Zeughaus in Berlin, die Reichskanzlei und die Kirche des heiligen Karl Borromäus in Wien, das Schloss zu Nymphenburg in Bayern, die Augustbrücke und der Zwinger in Dresden, das kurfürstliche Schloss in Mannheim, das Schloss des Herzogs von Württemberg in Ludwigsburg.“ (Friedrich II.2, S. 47) Wie aber die barocke Bauweise generell, so wurden auch Pöppelmanns Werke seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und auch im 19. Jahrhundert nicht mehr (und noch nicht wieder) geschätzt. „Auch Daniel Chodowieckis 1789 in Dresden abgegebene ästhetische Urteile sind in dieser Hinsicht bezeichnend. Das Moritzburger Schloss fand Chodowiecki ›regulär gebaut, aber ohne alle Schönheit‹, dem Zwinger gegenüber blieb er indifferent und bemerkte nur, dass es dort sehr viel „Zierrathen“ gäbe, ›von verschiedenem Geschmack, antik, gotisch und modern‹, beim Japanischen Palais ist von den darin untergebrachten Sammlungen, nicht aber von Architektur die Rede, beim Pillnitzer Schloss notierte er, dass die Gebäude halb gotisch halb chinesisch im Stil seien und nicht schön. (…) Karl Friedrich Schinkel, der bei seiner ersten Reise nach Italien 1803 durch Dresden kam, notierte: ›Stadt. Große Elbbrücke von schöner Konstruktion in einer vortrefflichen Gegend, sie ist die einzige Kommunikation der Alt- und Neustadt, daher voller Leben … Zwinger. Weites Gebäude aus Quadern, umschließt Sachsen-Polen 69 einen großen, viereckten öffentlichen Platz. Voll erstaunlicher Muschel- und Blumenpracht im schlechtesten Stil.‹ Mit dem Barock insgesamt war auch Pöppelmanns Ansehen, sofern man sich seiner erinnerte, auf einen Tiefpunkt gesunken.“ (Marx, S. 36/37) Sachsen wurde während der Schlesischen Kriege, vor allem im Siebenjährigen Krieg aufgerieben, Dresden war nach der Belagerung und Beschießung von 1760 verwüstet. August III. starb im Oktober 1763, sein Minister Heinrich Graf von Brühl etwa drei Wochen später und Kurprinz Friedrich Christian im Dezember desselben Jahres. Dessen Sohn, der spätere Kurfürst Friedrich August III., war erst dreizehn Jahre alt. So übernahm zunächst Franz Xaver, ein weiterer Sohn Augusts III. und Bruder von Friedrich Christian, bis zu Friedrich Augusts 18. Geburtstag (1768) das Amt des Kur-Administrators in Sachsen. Friedrich August III. wurde 1806 von Napoleon zum König Friedrich August I. von Sachsen und Herzog von Warschau ernannt. Die beiden Könige August, so unterschiedlich sie in ihrem persönlichen Lebensstil waren – der Ältere ein allen Verlockungen eines genussreichen Lebens zugeneigter Mensch mit zahllosen Mätressen und 354 unehelichen Kindern (Balet, S. 46), sein Sohn ein ganz dem Familienleben zugetaner Vater und Ehemann, der, wie seine Frau, jede Form von Exzessen und übermäßigen Prunk mied –, hatten doch gewiss Pläne für ihre Länder, große Pläne, jedoch nicht die unbedingte Entschlossenheit eines starken Herrschers, die militärische Kraft, die Finanzmittel, die Allianzen, diese zu verwirklichen. Poniatowski, Augusts III. Nachfolger in Polen, wurde von Katharina II. eingesetzt. Er scheiterte schlimmer als seine beiden Vorgänger. Dynastien im 18. Jahrhundert Brandenburg-Preußen (Hohenzollern) 1688–1713 Friedrich III., Kurfürst, ab 1701 König Friedrich I. 1713–1740 Friedrich Wilhelm I. 1740–1786 Friedrich II. 1786–1797 Friedrich Wilhelm II. (Neffe Friedrichs II.) Tab. 5: Sachsen-Polen 70 China (Qing Dynastie, 1644–1911) 1661–1722 Kangxi 1723–1735 Yongzheng 1735–1799 Qianlong Dänemark 1699–1730 Friedrich IV. (König von Dänemark und Norwegen, Herzog von Schleswig und Holstein) 1730–1746 Christian VI. (Titel wie sein Vater und Graf von Oldenburg und Delmenhorst) 1746–1766 Friedrich V. (Titel wie sein Vater) 1766–1808 Christian VII. (Titel wie Friedrich IV.) Frankreich 1643/61– 1715 Ludwig XIV. (Bourbon) 1715–1723 Regentschaft für Ludwig XV. (Urenkel Ludwigs XIV.) 1723–1774 Ludwig XV. 1774–1792 Ludwig XVI. (Enkel Ludwigs XV.) 1799–1815 Napoleon England/Großbritannien 1689–1702 Wilhelm III. (Oranien-Nassau) und Maria (bis 1694) 1702–1714 Anne Stuart 1714–1727 Georg I. (Hannover, Welfe) 1727–1760 Georg II. 1760–1820 Georg III., danach bis 1830 Georg IV., seit 1811 wegen der Erkrankung seines Vaters Regent, 1830 bis 1837 regierte sein Bruder Wilhelm IV., gefolgt von seiner Nichte Victoria Sachsen-Polen 71 Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 1658–1705 Leopold I. (Habsburg) 1705–1711 Joseph I. 1711–1740 Karl VI. (Maria Theresia 1740–1780) 1742–1745 Karl VII. (Wittelsbach) 1745–1765 Franz I. Habsburg (Gemahl von Maria Theresia) 1765–1790 Joseph II. (1780–1790 Alleinregent) 1790–1792 Leopold II. 1792–1806 Franz II. Iran Safawiden Herrscher 1694–1722 Sultan Hosein 1723–1732 Tahmasp II. Nadir setzte Tahmasp ab 1732–1736 Abbas III. Afschariden Herrscher 1736–1747 Nadir Shah Afschar 1747–1748 Adil Shah Afschar 1748–1749 Ebrahim Shah Afschar Das Reich zerfiel Im Norden herrschten weiterhin die Afschariden 1749–1796 Im Süden herrschte die Zand Dynastie 1750–1779 Karim Khan-Zand 1781–1785 Ali Murad Khan Zand 1785–1789 Jafar Khan Zand 1789–1794 Lotf Ali Khan Die Kadscharen waren Herrscher von 1779, zunächst in Teilen des Südreichs, 1794 wurde Lotf Ali Khan besiegt, nach dem Sieg über den Norden beherrschten die Kadscharen ab 1796 bis 1925 ganz Persien Sachsen-Polen 72 Japan Tenno (Edo-Zeit) Shogun Tokugawa Regierung 1687–1709 Asahito 1680–1709 Tsunayoshi 1709–1735 Yasuhito 1709–1712 Ienobu 1735–1747 Teruhito 1713–1716 Ietsugu 1747–1762 Toohito 1716–1745 Yoshimune 1762–1771 Toshiko 1745–1760 Ieshige 1771–1779 Hidehito 1760–1786 Ieharu 1780–1817 Tomohito 1787–1837 Ienari Osmanisches Reich (Sultane) 1695–1703 Mustafa II. 1703–1730 Ahmed III. 1730–1754 Mahmud I., Sohn Mustafas II. 1754–1757 Osman III., Sohn Mustafas II. 1757–1774 Mustafa III., Sohn Ahmeds III. 1774–1789 Abdülhamid I., Sohn Ahmeds III. 1789–1807 Selim III., Sohn Mustafas III. Polen 1697–1704 August II. (der Starke, Herzog von Sachsen) 1704–1709 Stanislaus I. Leszczynski (Großer Nordischer Krieg) 1709–1733 August II. (der Starke) 1733–1736 Stanislaus I. Leszczynski (Polnischer Thronfolgekrieg) 1733–1763 August III. (bis 1736 Kandidat als König, danach gekrönt) 1764–1795 Stanislaus II. August Poniatowski Sachsen-Polen 73 Russland 1682–1725 Peter I. (Romanow) 1725–1727 Katharina I. (Peters Gemahlin) 1727–1730 Peter II. (Enkel Peters I.) 1730–1740 Anna (Tochter Iwans V., eines Halbbruders Peters I.) 1740–1741 Iwan VI. (Großneffe von Zarin Anna) 1741–1762 Elisabeth (Tochter Peters I. und Katharinas I.) 1762 Peter III. (Sohn von Karl Friedrich von Holstein und Anna Petrowna, einer Tochter Peters I. Seit 1739 Herzog von Holstein, Begründer der Linie Romanow-Holstein-Gottorp) 1762–1796 Katharina II. (Ehefrau Peters III., aus dem Haus Anhalt-Zerbst) Schweden 1697–1718 Karl XII. (Wittelsbach, Pfalz-Zweibrücken) 1718–1720 Ulrika Eleonore (Karls Schwester, verheiratet mit Friedrich von Hessen-Kassel) 1720–1751 Friedrich II. (ab 1730 auch Landgraf von Hessen- Kassel) 1751–1771 Adolf Friedrich (Holstein-Gottorf) 1771–1792 Gustav III. Sachsen-Polen 74 Spanien 1700–1724 Philipp V. (Bourbon, Anjou) 1703–1715 Karl III. (Habsburg, Gegenkönig im Spanischen Erbfolgekrieg) 1724 Ludwig I. (Sohn Philipps V.) 1724–1746 Philipp V.) 1746–1759 Ferdinand VI. (Sohn Philipps V. aus erster Ehe) 1759–1788 Karl III. (Sohn Philipps V. aus zweiter Ehe; als Carlo IV. von 1735–1759 König beider Sizilien) 1788–1808 Karl IV. (Sohn Karls III.) In den USA regierten 1789–1796 George Washington 1796–1800 John Adams 1800–1808 Thomas Jefferson Sachsen-Polen 75 Thronfolge in drei Reichen Es war das Jahr der Thronerben in Preußen, Österreich und Russland. Am 31. Mai 1740 starb Friedrich Wilhelm I., König in Preußen, am 20. Oktober Kaiser Karl VI., Erzherzog von Österreich, König von Böhmen, König von Ungarn. Und am 28. Oktober verstarb Zarin Anna Iwanowna von Russland. Ihnen folgten der achtundzwanzigjährige Friedrich II., die dreiundzwanzigjährige Maria Theresia und – nach einem Staatsstreich – 1741 die einunddreißigjährige Zarin Elisabeth, Tochter Peters des Großen. (Tab. 5, S. 74) Friedrich II. war in einer komfortablen Lage: Sein Großvater, Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg, hatte als Gegenleistung für die Unterstützung Wiens im Spanischen Erbfolgekrieg den Königstitel – wenn auch nur in Preußen – erworben, die erste Voraussetzung dafür, eine Großmacht zu werden. Sein Vater erfüllte eine zweite, denn er gab dem Land eine durchstrukturierte Verwaltung des Inneren und der Finanzen und hinterließ einen Staatsschatz von zwei Millionen Talern, einen schuldenfreien Haushalt und ein großes, scharf exerziertes stehendes Heer von 80 000 Mann – bei einer Bevölkerung von 2,3 Millionen Einwohnern. (Pröhl, S. 63) Friedrich II. entschloss sich, die dritte Voraussetzung zu schaffen, nämlich – er hatte diese Pläne seit längerem gedanklich vorbereitet – Schlesien für Preußen zu gewinnen. Wie andere Könige auch, suchte er Ruhm und Einfluss, die mit der Vergrö- ßerung seines Herrschaftsbereiches zu gewinnen wären. Preußen, so seine Meinung, könnte seine Unabhängigkeit nur erhalten und eine Rolle im Konzert der Mächte nur dann spielen, wenn es eine Großmacht würde. Dies ließe sich mit der Eroberung Schlesiens erreichen. Zu seiner Rechtfertigung war er der Meinung, dass das Haus Habsburg seinen Vater und Großvater mit einer gewissen Niedertracht behandelt habe. Dabei bezog er sich nicht nur darauf, dass die Erbrechte Brandenburgs auf Jülich und Berg nie anerkannt worden waren, sondern war besonders gekränkt, dass Kaiser Leopold I. und auch Karl VI. den Kreis Schwiebus dauerhaft für sich reklamierten. Österreich hatte, als 77 es Brandenburgs Hilfe in der Auseinandersetzung gegen die Türken suchte, angeboten, die drei zu Brandenburg gehörenden Herzogtümer Liegnitz, Brieg und Wohlau und das Fürstentum Jägerndorf auf schlesischem Gebiet gegen den Kreis Schwiebus zu tauschen und Brandenburg zuzuteilen. So geschah es auch. Schwiebus aus dem schlesischen Herzogtum Glogau wurde dann jedoch in einem geheimen Vertrag mit dem Kurprinzen Friedrich (ab 1688 Kurfürst Friedrich III.) als Pfand dafür zurückgenommen, dass Wien ihm die Kurwürde und Thronfolge garantierte. Der Kurprinz hatte diese Zusage gesucht, da er sich von seiner Stiefmutter (der zweiten Frau des Großen Kurfürsten) verfolgt wähnte und fürchtete, dass sie lieber einen anderen Sohn als Thronfolger einsetzen wollte. (Schmidt, W., S. 74) König Friedrich II. sah in dem Vorgehen Österreichs gegen seinen Großvater eine große Ungerechtigkeit und Treulosigkeit, wollte daher den gesamten Tausch nicht anerkennen und machte auf diese Weise Rechte an schlesischem Gebiet geltend. Die Welt hat diese Logik nie akzeptiert, sondern Friedrich eine Verletzung des Völkerrechts vorgeworfen. König Friedrich hatte die politische Lage der Zeit sehr sorgfältig analysiert: Wien war durch verschiedene Kriege und den Tod des Prinzen Eugen geschwächt. Im September 1739 hatte es im Frieden von Belgrad, der den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg beendete, schmerzliche Verluste hinnehmen müssen. Russland zog seine Truppen nach dem Friedensschluss nach Norden ab, denn dort rüsteten die Schweden auf. Tatsächlich verwickelte Schweden, das die im Großen Nordischen Krieg verlorenen Gebiete zurückzugewinnen hoffte, das russische Heer in den sog. Russisch-Schwedischen Krieg (1741–1743), finanziell unterstützt von Frankreich, das Schwedens Großmachtstellung zum Nachteil Russlands wiederhergestellt sehen wollte. Dies misslang. Wie würden sich die anderen Länder positionieren? Frankreich würde in der gegebenen politischen Großwetterlage möglicherweise neutral bleiben, wahrscheinlicher aber, so vermutete Friedrich, in dem zu erwartenden Erbfolgekrieg selbst einen Vorteil suchen und früh angreifen. Kurfürst Georg August von Braunschweig-Lüneburg (Hannover) war seit 1727 König (Georg II.) von Großbritannien und Irland und nur an der Sicherheit Hannovers, nicht aber an einem Eingreifen auf dem Kontinent interessiert, denn er verfolgte ehrgeizige Ziele in Thronfolge in drei Reichen 78 Amerika und Indien, wo er gegen Frankreich stand. England würde nur dafür sorgen, dass Frankreich auf dem Kontinent nicht zu stark würde. So musste Friedrich keine gegnerische Allianz fürchten, nur schnell sein, anderen Interessenten zuvorkommen. Denn ein Erbfolgekrieg gegen Österreich, in dem – es ging um den Thron des Erzherzogs – zumindest Bayern und eine Allianz sich gegen Maria Theresia stellen und ihren Vorteil suchen würden, war gewiss. Allein Sachsen könnte sich gegen Preußen wenden, um endlich eine Landverbindung nach Polen durch schlesisches Gebiet herzustellen. Friedrich sah diese theoretisch bestehende Option nicht als Bedrohung an. Zur größeren Sicherheit knüpfte Friedrich Kontakte zum Osmanischen Reich, um, falls erforderlich, von dort militärische Unterstützung zu erhalten: Die Pforte könnte einige militärische Aktionen gegen Habsburg einleiten, um es zu schwächen. In jedem Fall würden Verhandlungen zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich psychologischen Druck auf Wien ausüben und irritierend wirken. Aber die osmanische Option, die von Russland, Österreich und Frankreich sehr ungern gesehen wurde, blieb zwar ein gelegentlich wichtiger, doch stets nur ein schwebender Verhandlungsgegenstand Friedrichs, aus dem zu keiner Zeit eine militärische Kooperation entstand. Die Ansprüche Brandenburgs auf die schlesischen Gebiete wurden Wien mitgeteilt, wie zu erwarten sofort zurückgewiesen, worauf Friedrich in Schlesien einmarschierte. Parallel, aber zeitlich um sechs Monate verzögert, schlossen Bayern, Sachsen, Frankreich, Spanien und Schweden eine Allianz gegen Österreich, der auch Friedrich II. vorrübergehend angehörte. Damit begann der Erbfolgekrieg, der bis 1748 dauerte. Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, später für kurze Zeit Kaiser Karl VII., machte als Ehemann von Maria Amalia, der jüngeren Tochter Kaiser Josephs I. eigene Rechte auf das Erzherzogtum geltend, ebenso August III. von Sachsen, der Maria Josepha, die älteste Tochter Josephs I. geheiratet hatte. Frankreich und Spanien wollten Habsburg schwächen und suchten territorialen Gewinn. Den Ersten Schlesischen Krieg (1740–1742) gewann Preußen schnell mit wenigen Schlachten. Unter Vermittlung Englands wurde ein Separatfriede zwischen Preu- ßen und Österreich in Berlin geschlossen. Maria Theresia, eine tief gläubige Herrscherin, die sich als von Gott eingesetzt sah, war überzeugt, dass Er sich ihre Sache zu eigen machen und sie dabei unterstüt- Thronfolge in drei Reichen 79 zen würde, das Reich, das sie übernommen hatte, zusammenzuhalten. Sie war daher gedanklich überhaupt nicht bereit, auf Dauer auch nur einen kleinen Teil Schlesiens abzugeben, selbst wenn es so in dem Friedensvertrag beschlossen war. Friedrichs II. Ziele waren nicht die Frankreichs und der großen Allianz im Erbfolgekrieg. Dort war man verbittert über Friedrichs Entschluss, die Allianz zu verlassen und einen Separatfrieden einzugehen. Aber Friedrich und England wollten das Heilige Römische Reich nicht zu Fall bringen, denn dies würde die Machtverhältnisse in Europa zu deutlich zu Frankreichs Vorteil verschieben. Wien konnte sich jetzt zwar militärisch behaupten, jedoch nicht verhindern, dass der bayerische Kurfürst Karl Albrecht (Karl I.) Prag einnahm und sich im Dezember 1741 zum Böhmischen König und Deutschen Kaiser (Karl VII.) krönen ließ. Immerhin aber kamen ungarische Truppen der Kaiserin zu Hilfe und besetzten Bayern, so dass der Kaiser aus dem Exil regieren musste. Karl VII. spielte eine sehr unglückliche Rolle, denn nicht nur lebte er im Exil, er konnte auch nicht regieren, denn die wichtigste kaiserliche Infrastruktur, der Reichshofrat und die Reichshofkanzlei waren in Wien angesiedelt. Als nun Maria Theresia mit dem Warschauer Vertrag ein Bündnis mit England, Holland und Sardinien, später auch mit Sachsen schloss und die Franzosen aus Böhmen vertreiben konnte, musste Friedrich unbedingt verhindern, dass das besetzte Bayern dauerhaft österreichischer Besitz blieb. Ein solches Erstarken Österreichs war im Interesse eines europäischen Machtausgleichs ebenso wenig hinzunehmen, wie das befürchtete Erstarken Frankreichs zuvor. Hatte Friedrich eben noch die Allianz gegen Habsburg verlassen, war jetzt diese mögliche Störung eines Gleichgewichts der Mächte zugunsten Österreichs die Begründung für den Zweiten Schlesischen Krieg (1744–1745), den Preußen gemeinsam mit dem eher passiven Frankreich und zögerlichen Bayern gegen Wien führte, wiederum begonnen als Angriffskrieg. Nach drei großen gewonnenen Schlachten bei Hohenfriedberg, Soor und Kesselsdorf wurde am 25. Dezember 1745 der Friede von Dresden geschlossen. (Tab. 6) Friedrich hatte zuvor, nach dem Tod Kaiser Karls VII. (Januar 1745), die Wahl von Franz von Lothringen zum Kaiser Franz I. unterstützt und erhielt jetzt ganz Schlesien. Mit Thronfolge in drei Reichen 80 dem Frieden von Füssen (April 1745) zwischen Maria Theresia und Karls VII. Sohn, Maximilian III. Joseph, erhielt dieser Bayern zurück. Bedeutende Kriege im 18. Jahrhundert Zeitraum Benennung Ort des Friedenschlusses und wesentliche Ergebnisse 1686–1700 Russisch-Türkischer Krieg Friede von Konstantinopel Asow geht an Russland 1700–1722 Großer Nordischer Krieg Friede von Stockholm, Frederiksborg und Nystad. Schweden verliert den Status einer Großmacht, Polen wird von Russland abhängig 1701–1714 Spanischer Erbfolgekrieg Rastatter Friede und Friede von Baden. England erhält u. a. Menorca, Gibraltar und nordamerikanische Territorien, Spanien verliert den Großmachtstatus, der Bourbone Philipp von wird König von Spanien, Österreich erhält die Spanischen Nebenlande 1710–1711 3. Russischer Türkenkrieg Friede von Pruth. Peter I. wird nicht vernichtet. Asow geht an das Osmanische Reich 1714–1718 Venezianisch-Österreichischer Türkenkrieg, 8. Venezianischer, 6. Österreichischer Türkenkrieg Friede von Passarowitz. Österreich wird stärkste Macht auf dem Balkan. Tab. 6: Thronfolge in drei Reichen 81 Zeitraum Benennung Ort des Friedenschlusses und wesentliche Ergebnisse 1733–1738 Polnischer Thronfolgekrieg Wiener Friede. August III. bestätigt, Franz Stephan erhält die Toskana, Lothringen geht an Leszczyński. Elba, Neapel, Sizilien an Spanien 1736–1739 Russisch-Österreichischer Türkenkrieg, 7. Österreichischer, 4. Russischer Türkenkrieg Friede von Belgrad. Österreich verliert Belgrad, Nordserbien und Nordbosnien 1740–1748 Österreichischer Erbfolgekrieg Friede von Aachen. Regelungen zu Parma und Piacenza, Gibraltar und Menorca bleiben bei England 1740–1742 Erster Schlesischer Krieg Vorfriede von Breslau, Friede von Berlin. Schlesien geht an Preußen 1741–1743 Schwedisch-Russischer Krieg Friede von Abo. Russland erhält Südfinnland 1744–1745 Zweiter Schlesischer Krieg Friede von Dresden. Schlesien bleibt bei Preußen 1756–1763 Siebenjähriger Krieg oder Dritter Schlesischer Krieg Friede von Hubertusburg. Schlesien bleibt bei Preußen 1756–1763 Siebenjähriger Krieg, oder Franzosen- und Indianerkrieg Friede von Paris. Frankreich verliert seine Gebiete in Nordamerika und Indien Thronfolge in drei Reichen 82 Zeitraum Benennung Ort des Friedenschlusses und wesentliche Ergebnisse 1768–1774 5. Russischer Türkenkrieg Friede von Küçük Kaynarca. Die Krim wird unabhängig vom Osmanischen Reich und 1783 von Russland annektiert; Asow geht an Russland 1775–1783 Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg Friede von Paris. Amerika wird unabhängig; Menorca und Florida gehen an Spanien 1778–1779 Bayerischer Erbfolgekrieg Friede von Teschen. Niederbayern und die Oberpfalz bleiben in bayerischem Besitz 1787–1792 Russisch-Österreichischer Türkenkrieg, 8. Österreichischer, 6. Russischer Türkenkrieg Friede von Jassy. Russland reicht bis an das Schwarze Meer. 1792–1815 Revolutions- und Napoleonische Kriege 1795 Friede von Basel 1797 Friede von Campo Formio. Napoleon begründet seine Macht in Europa Die ersten fünf Jahre des neuen Königs in Preußen mussten in den Hauptstädten Europas erst einmal eingeordnet werden. Es war doch der von seinem Vater stets malträtierte Musensohn, der Querflöte spielte, komponierte und mit Voltaire korrespondierte, von dem man erwartet hatte, er würde nun das Leben, das er in Rheinsberg geführt hatte, als König fortführen, womöglich ausweiten und noch verfeinern. Ein Feldherr und Staatsmann würde dieser Philosoph, Musiker und Moralist, der den Antimacchiavell geschrieben hatte, jedenfalls nicht werden, so die Erwartung. Und nun hatte dieser Friedrich II. mit seinem Heer in die Belange des europäischen Festlandes eingegriffen, Thronfolge in drei Reichen 83 Kriege mit fadenscheiniger Begründung vom Zaun gebrochen, Preu- ßen mit kurzen heftigen Schlägen als Großmacht etabliert, Allianzen hin- und hergewechselt und bestimmt, wer Kaiser sein sollte. Diese Seite des jungen Königs war unbekannt, man musste erst lernen, dass man hier einen Herrscher vor sich hatte, nicht geprägt von der Tradition, sondern einen, der selbst eine neue Zeit prägte. Wie sich herausgestellt hatte, auch militärisch, aber dann doch vor allem als Aufklärer, als aufgeklärter Monarch. Er war Heerführer und Philosoph, entschlossener Machtpolitiker und aufgeklärter, toleranter Herrscher, weitsichtiger politischer Stratege und Freund der Künste. Soweit begann man ihn jetzt zu verstehen, aber noch nicht in der ganzen Fülle seines Charakters. Diese würde erkennbar, wenn er seine schlesische Beute erneut würde verteidigen und müssen. Und nach den auf das Jahr 1763 folgenden dreiundzwanzig Friedensjahren – mit der Ausnahme des Bayerischen Erbfolgekriegs, bei dem jedoch kaum ein Schuss abgefeuert wurde – würde man schließlich wirklich verstehen, warum er „der Große“ genannt wurde. Friedrich war musisch sehr begabt und hatte als Sammler großes Interesse an der Malerei und Skulpturen. Er erwarb einzelne Werke großer Meister, aber auch ganze Sammlungen, z. B. im Jahre 1742 die Antikensammlung des Kardinals Polignac, 300 Statuen, die zunächst im Schloss Charlottenburg gestellt wurden. 1759 erbte Friedrich die Kunstsammlung seiner Schwester Wilhelmine und noch während des Siebenjährigen Kriegs baute er die Bildergalerie gleich neben dem Schloss Sanssouci, um dort seine Gemäldesammlung zu präsentieren. Auch für das später erbaute Neue Palais erwarb Friedrich zahlreiche Bilder und Statuen in Rom, die Winckelmann nach Potsdam transportieren ließ. Als es aber um die Einstellung Winckelmanns als Sachverständigen zur Oberaufsicht über die Bibliotheken ging, konnte zwischen dem König und ihm keine Einigung über das Jahresgehalt erzielt werden. Auch blieb Winckelmann wohl lieber in Rom. Thronfolge in drei Reichen 84 Lissabon 1755 Eine ungeheure Naturkatastrophe ereignete sich 1755 in Lissabon, ein die Stadt und weite Teile der Umgebung zerstörendes, bis nach Marokko zu spürendes Erdbeben mit Tsunami und vernichtendem Feuer. Mit seinen Folgebeben wurden, auch wenn die Zahlen in der Literatur nicht einheitlich sind, über 200 000 Tote geschätzt. (Winkler, S. 226) War diese Welt nun wirklich die von Leibniz postulierte beste der möglichen Welten? Fragen nach dem Plan und Willen des Schöpfergottes wurden jetzt in Europa immer wieder gestellt, denn nun traf das Unglück den Kontinent. Andere, noch weit verheerendere Erdbeben, waren überall auf der Welt, in China, Japan, Iran, Indien, Ägypten und Südamerika in diesem Jahrhundert schon vorausgegangen, zwar mit Erschrecken registriert, jedoch wegen der großen Entfernung der Ereignisse nicht so unmittelbar wahrgenommen worden. Goethe erinnert sich, wie das Unglück in Lissabon auf ihn gewirkt hatte. „Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum ersten Mal im Tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen miteinander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, aber durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem 85 Morde, allen Misshandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür. Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet; an vielen Orten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, an manchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewöhnliches Innehalten zu bemerken gewesen: um desto größer war die Wirkung der Nachrichten selbst, welche erst im Allgemeinen, dann aber mit schrecklichen Einzelheiten sich rasch verbreiteten. Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. So vieles zusammen richtete die Aufmerksamkeit der Welt eine Zeit lang auf diesen Punkt, und die durch fremdes Unglück aufgeregten Gemüter wurden durch Sorgen für sich selbst und die Ihrigen umso mehr geängstigt, als über die weitverbreitete Wirkung dieser Explosion von allen Orten und Enden immer mehrere und umständlichere Nachrichten einliefen. Ja vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet. Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubens-Artikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt umso weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.“ Lissabon 1755 86 Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? Was kann man überhaupt über ihn wissen? Ein fiktives Gespräch zwischen Leibniz (1646–1716), Voltaire (1694–1778), Rousseau (1712–1778), Friedrich II. (1712–1786), Holbach (1723–1789), Kant (1724–1804), Lessing (1729–1781), Goethe (1749–1832). Zitate aus ihren Werken. Es wird in diesem Gespräch vernachlässigt, dass Friedrich II. sich sehr kritisch mit Holbachs Werk „Das System der Natur“ auseinandergesetzt und eine ausführliche Kritik dagegen verfasst hat. Der Gedanke, dass Gott entweder nicht allmächtig oder nicht wohlwollend sein könne, war schon seit langem in der Welt. Denn warum beseitigt Gott die Übel nicht, wenn er sie beseitigen könnte oder wollte? Gott kann doch nicht missgünstig oder schwach sein. So soll schon Epikur über seine Götter gedacht haben. Nach dem großen Unglück in Lissabon unterhalten sich (fiktiv) Leibniz, ein Gast, Voltaire, Friedrich II., Lessing, Rousseau, Goethe, Holbach und Kant. Fiktiv ist dieses Gespräch, das aus Briefen und Werken der Teilnehmer entstand, da sie zwar alle im 18. Jahrhundert, jedoch zu unterschiedlichen Zeiten lebten. Einige von ihnen sind sich nie begegnet, manche lehnten sich persönlich und ihre Meinungen gegenseitig ab. Die Beiträge des Gastes stammen aus Texten der Sekundärliteratur. Das Gespräch ist anzusehen als eine Geschichte der Gedanken über die Religion im Verlauf des Jahrhunderts der Aufklärung. Leibniz fragt, was Gott und was dem Teufel im menschlichen Handeln zuzuschreiben ist, weist auf das grundsätzliche Dilemma hin, dass Gott, der eigentlich nur das Gute fördern müsste, das Böse zulässt. Holbach stellt fest, dass der Irrtum des Glaubens nicht zerstört werden kann, weil die Autorität, unterstützt durch Erziehung und Gewohnheit, unbedingt an ihm festhalten und „die Herrschaft der Götter auf dieser Welt“ zu ihrem eigenen Nutzen unerschütterlich halten will. Er fragt, 87 wieso man annehmen könne, dass eine uns unbekannte jenseitige Welt, vom selben Gott erschaffen, besser sein sollte als unsere hier erlebte. Der Gast meint in Antwort auf Leibniz, dass eine Welt ohne das Übel nicht möglich sei, worauf Leibniz erklärt, dass die von ihm postulierte beste der möglichen Welten das Leiden durchaus einschließt. Voltaire sagt, dass der Verstand die Mysterien der Dreieinigkeit nicht verstehen und glauben kann und – „mein Verstand und ich können nicht zwei verschiedene Wesen sein“ – ein unauflöslicher Widerspruch darin liegt, „dass das Ich etwas wahr finde, was der Verstand des Ich falsch findet.“ Goethe weist darauf hin, dass die natürliche Religion keines Glaubens bedürfe, da sie die Überzeugung vermittelt, ein „ordnendes, leitendes Wesen“ verberge sich hinter der Natur. Die von ihm als „besondere Religion“ bezeichnete Verkündung, dass ein großes Wesen sich speziell um ein Volk oder ein Individuum kümmere, sei dagegen unbedingt abhängig von einem Glauben. Friedrich II., der sich stets sehr intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat, meint, dass die Menschen nun einmal danach verlangen, dass ihre Phantasie und Sinne angeregt werden. Lessing beschreibt die Evolution des Gottesbegriffes, in der das Alte Testament das erste Zeitalter, das Neue Testament „unter der Herrschaft des Gottes-Sohnes“ das zweite Zeitalter darstellt. Das nun kommende Zeitalter sieht er darin, dass der Mensch ohne Belohnungserwartung „das Gute tut, weil es das Gute ist.“ Die wahre Religion sei die Religion Christi, im Gegensatz zur christlichen Religion der Kirche und der Theologie. Diese Auffassung nimmt Kant auf und entwickelt den Gedanken des „Ideals der sittlichen Vollkommenheit“ und des kategorischen Imperativs. Die Idee der Vollkommenheit sei der eigentliche Begriff von Gott. Rousseau erklärt, dass nur Verwirrung bleibe, wenn sein Gefühl, dass Gott um ihn sei, ihn auch erkennen und seine Substanz verstehen wolle; worauf Voltaire antwortet, dass man nun einmal nicht erkennen kann, was man sich nicht einmal vorstellen kann. Kant und Friedrich kommen gemeinsam zum Schluss, dass es keines Gottes bedürfe, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und seine Pflicht zu erkennen. Kant erläutert seinen kategorischen Imperativ. Goethe aber beschließt das Gespräch, indem er darauf besteht, dass ein unerschütterlicher Glaube unverzichtbar sei, denn daraus entspringe „ein großes Gefühl von Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft.“ Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 88 Nun aber ohne weitere Einführung zu dem Gespräch. Leibniz: „Wenn Gott sich am Glück aller erfreut, warum hat er sie dann nicht alle glücklich gemacht? Wenn er alle liebt, wieso verdammt er dann so viele? Wenn er gerecht ist, wieso zeigt er sich so unbillig, dass er aus einem in allem gleichen Stoff, aus demselben Lehm die einen Gefäße zur Ehre, die anderen zur Schmach formt? Und wieso begünstigt er nicht die Sünde, wenn er sie (obwohl er sie von der Welt hätte ausschließen können) wissentlich zugelassen oder geduldet hat? Ja, ist er nicht sogar ihr Urheber, wenn er alles so geschaffen hat, dass die Sünde daraus folgt? Und was wird aus dem freien Willen, wenn man die Notwendigkeit zu sündigen annimmt, was aus der Rechtmä- ßigkeit der Strafe, wenn man den freien Willen aufhebt? Was aus der Rechtmäßigkeit der Belohnung, wenn allein durch die Gnade die einen von den anderen unterschieden werden? Wenn Gott schließlich der letzte Grund der Dinge ist, was soll man dann den Menschen, was den Teufeln zuschreiben?“ (Poser) Holbach: „Sehen Sie, mein Herr, es ist doch alles ganz anders: Auch die klarsten Wahrheiten vermögen nichts auszurichten gegen Schwärmerei, Gewohnheit und Furcht; nichts ist schwieriger, als den Irrtum zu zerstören, wenn der menschliche Geist durch lange Zeit Besitz von ihm ergriffen hat. Er ist unangreifbar, wenn er auf allgemeine Übereinstimmung gestützt, von der Erziehung verbreitet, vermöge langer Gewöhnung eingewurzelt, durch das Beispiel bestärkt, durch die Autorität aufrechterhalten und ständig von den Hoffnungen und den Ängsten der Völker genährt wird, die ihre Irrtümer als Heilmittel gegen ihre Übel betrachten. Das sind die vereinten Kräfte, welche die Herrschaft der Götter auf dieser Welt stärken und welche deren Thron hienieden und auch in Zukunft unerschütterlich zu machen scheinen.“ Der Gast: „Ich möchte Leibniz so antworten: Eine Welt, in der Freiheit und Verantwortung des Menschen möglich sein sollen, muss zugleich eine Welt sein, in der der Missbrauch von Freiheit und die Verletzung von Moralität möglich sind. Damit Gott überhaupt etwas von sich Verschiedenes schaffen kann, muss das Geschaffene im Vergleich zu ihm eine Einschränkung an Vollkommenheit erleiden; dies ist das Übel. Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 89 Ohne Zulassung des Übels wäre eine Erschaffung der Welt nicht möglich.“ (Poser, S. 170) Leibniz: „Ja, so sehe ich in unserer von Gott geschaffenen Welt die Beste der möglichen. Es geht mir aber nicht darum zu beweisen, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten ist, sondern zu zeigen, dass der Gedanke, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen, also der Gedanke eines weisen und guten Schöpfergottes, verträglich ist mit einer Welt, in der es fraglos Leiden gibt.“ Holbach: „Sie sprechen vom Sein auf dieser Welt, jedoch wird uns ein glückliches Jenseits versprochen. Mit welchem Recht kann man sich einbilden, dass eine Annahme, die auf Erden nur Unglück schafft, eines Tages zu dauerhafter Glückseligkeit führen werde? Wenn Gott die Sterblichen nur geschaffen hat, um sie in dieser – der ihnen bekannten – Welt zittern und seufzen zu lassen: mit welchem Recht kann man erwarten, dass er künftighin bereit sein wird, sie in einer unbekannten Welt mit größerer Milde zu behandeln?“ Voltaire: „Der Glaube an Gott, über den man so viel geschrieben hat, und an ein Jenseits ist offenkundig nur eine unterdrückte Ungläubigkeit; denn es gibt sicherlich in uns nur die Fähigkeit des Verstandes, der glauben kann, und die Gegenstände des Glaubens sind nicht solche, die der Urteilskraft zugänglich sind. Der Glaube kann also nur ein Zuschandenwerden des Verstandes, ein anbetungsvolles Schweigen von den unverstehbaren Dingen sein. Philosophisch gesprochen heißt dies, niemand glaubt an die Dreieinigkeit, niemand glaubt, dass derselbe Körper an tausend Orten zugleich sein kann; und wer sagt: Ich glaube an diese Mysterien, wird, wenn er über seinen Gedanken nachdenkt, sehen, dass diese Worte heißen sollen: Ich achte diese Mysterien; ich unterwerfe mich denen, die sie mir verkünden; denn sie sind mit mir der Ansicht, dass weder meiner noch ihr Verstand sie glaubt; nun ist es aber klar, dass, wenn mein Verstand nicht überzeugt ist, dass ich es dann nicht bin: mein Verstand und ich können nicht zwei verschiedene Wesen sein. Es ist absolut widersprüchlich, dass das Ich etwas wahrfindet, was der Verstand des Ich falsch findet. Also ist der Glaube nichts anderes als unterdrückte Ungläubigkeit.“5 Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 90 Holbach: „Es gibt sehr wenige Leute, die in Religionssachen nicht mehr oder weniger die Anschauungen der Menge teilen. Jedermann, der von den anerkannten Ideen abweicht, wird im Allgemeinen als töricht, als dünkelhaft betrachtet. So wird der Mensch, der die Natur zu Rate zieht, so wird der Schüler der Natur als eine öffentliche Pest angesehen. Man ächtet einstimmig den, der den erschrockenen Sterblichen Gewissheit verschaffen möchte, indem er die Idole zerbricht, vor denen zu zittern sie das Vorurteil zwingt. Allein schon bei dem Wort Atheist erschaudert der Abergläubische; selbst der Deist ist beunruhigt; der Priester gerät in Wut; die Tyrannei richtet den Scheiterhaufen auf; die Menge begrüßt die Strafen, die von unsinnigen Gesetzen gegen den wirklichen Freund des Menschengeschlechts verhängt werden.“ Friedrich. „Ein Philosoph, der es unternähme, eine einfache Religion zu predigen, liefe meiner Meinung nach Gefahr, vom Volk gesteinigt zu werden. Gesetzt, es gelänge, die Religion Sokrates’ oder Ciceros in irgendeiner Provinz einzuführen, so wäre ihre Reinheit binnen kurzem doch wieder durch allerlei Aberglauben befleckt. Die Menschen verlangen nun einmal nach etwas, was zu ihren Sinnen und zu ihrer Phantasie spricht. Wir sehen es an Protestanten, die wegen ihres allzu kahlen und schlichten Kultes zum Katholizismus übertreten, weil sie die Feste, die Zeremonien und die schöne Musik lieben, womit die römisch-katholische Kirche die Narrheiten, durch die sie die schlichte Moral Christi entstellt hat, ausschmückt.“7 (an d’Alembert 18. 12.70) Goethe: „Sie sprechen von Ideen, die Sie verwerfen wollen und berücksichtigen nicht die Kraft des Glaubens. Die allgemeine, die natürliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens; denn die Überzeugung, dass ein großes, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fasslich zu machen, eine solche Überzeugung dringt sich einem jeden auf. Ganz anders verhält sich’s mit der besonderen Religion, die uns verkündet, dass jenes große Wesen sich eines einzelnen, eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und vorzüglich annehme. Diese Religion ist auf den Glauben gegründet, der unerschütterlich sein muss, wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder Zwei- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 91 fel gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung kann man zurückkehren, aber nicht zum Glauben.“ Lessing: „Ihre Sicht auf die Dinge ist ganz so, wie die Menschen die Schöpfung von Anbeginn wahrgenommen haben. Sehen Sie doch die Entwicklung des Gottesbegriffes. Das israelitische Volk hatte, als wären es Kinder, seinen Gott als Vater, mächtiger als alle anderen Götter. Dieser erzog sein Volk mit Strafen und Belohnungen. Als einen eifrigen Gott fürchtete das Volk ihn mehr als es ihn liebte. In dieser Zeit gingen die Blicke des Volkes nicht über das hiesige Leben hinaus, es wusste von keiner Unsterblichkeit der Seele, es sehnte sich nach keinem künftigen Leben. Jesus machte den Gott Israels mächtiger, denn durch ihn wurde aus dem Nationalgott ein Gott der gesamten Menschheit. Dieser versprach ein Leben nach dem Tode und versprach das jenseitige Leben. Wenn das Alte Testament das erste Zeitalter und das Neue Testament unter der Herrschaft des Gottes-Sohnes das zweite Zeitalter darstellt, dann wird die Zeit kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand sein wird, das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind. Wir befinden uns in einer Vorstufe zu der wahren Religion, die eine Religion Christi sein wird, im Gegensatz zur christlichen Religion der Kirche und der Theologie.“ (Helbig) Kant: „Erlauben Sie mir, den Gedanken Lessings aufzunehmen und weiterzuführen. Selbst Jesus sagt er von sich selbst: was nennt ihr mich (den ihr sehet) gut, niemand ist gut (das Urbild des Guten) als der einige Gott (den ihr nicht sehet). Woher haben wir aber den Begriff von Gott, als dem höchsten Gut? Lediglich aus der Idee, die die Vernunft a priori von sittlicher Vollkommenheit entwirft und mit dem Begriffe eines freien Willens unzertrennlich verknüpft.“ Der Gast: „Würden doch die Menschen Ihrer Auffassung folgen und erkennen, dass sie sich nicht an einem existierenden Gott, sondern an der Idee der Vollkommenheit orientieren müssen. Sie, lieber Kant, sprechen von dem Imperativ, der sich auf die Wahl der Mittel zur eigenen Glückseligkeit bezieht.“ Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 92 Kant: „Ja, der kategorische Imperativ ist nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. So könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht auch so lauten: handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können.“ Holbach: „Jetzt kommen wir uns gedanklich näher. Der Mensch ist nur darum unglücklich, weil er die Natur verkennt. Er wollte Metaphysiker sein, ehe er Physiker war: er verachtete die Wirklichkeit, um über Hirngespinste nachzusinnen; er vernachlässigte die Erfahrung, um sich an Systemen und Vermutungen zu erbauen; er wagte nicht, seine Vernunft zu pflegen, gegen die ihn einzunehmen man frühzeitig Sorge getragen hatte; er wollte wissen, welches Schicksal ihn in den imaginären Regionen eines jenseitigen Lebens erwartete, ehe er daran dachte, an dem Ort glücklich zu sein, wo er lebte. Und er verstand nicht, dass sein Glück vor allem an ihm selbst hänge.“ Der Gast: „Mit diesem Gedankengebäude, das Sie soeben entwerfen, haben Sie Glaube und Vernunft prinzipiell voneinander getrennt. Eine Glaubenssache hat mit Wissen nichts zu tun. Es geht von nun an darum, die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu erkennen, dabei jedoch die Frage einer Gottgeschaffenheit der Welt oder Gottes Regentschaft gänzlich auszuklammern.“ Rousseau: „Ich nehme Gott überall in seinen Werken wahr, ich fühle ihn in mir, ich sehe ihn überall um mich herum; doch sobald ich ihn in sich selbst betrachten möchte, sobald ich herausfinden möchte, wo er ist, was er ist, worin seine Substanz besteht, entgleitet er mir, und mein verwirrter Geist nimmt nichts mehr wahr.“ Friedrich: „Ich komme doch mehr und mehr zu der Einsicht, dass die Wesensart Gottes, die Schöpfung oder Ewigkeit der Welt, die Frage, was in uns denkt, Dinge sind, die wir nicht zu kennen brauchen; sonst würden wir sie ja kennen. Wenn der Mensch nur Gut und Böse unter- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 93 scheiden kann, wenn er den festen Vorsatz zu jenem und Abscheu vor diesem hat, wenn er seiner Leidenschaften so weit Herr ist, dass sie ihn nicht knechten und ins Unglück stürzen, so genügt das, glaube ich, zu seinem Glück. Der Rest der metaphysischen Kenntnisse, deren Geheimnis man der Natur umsonst zu entreißen sucht, könnte nur zur Befriedigung unserer unersättlichen Wissbegier dienen und wäre im Übrigen zwecklos.“ (an d’Alembert, 1764) Kant: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.5 (Vorrede) Aber: Die Moral, sofern sie auf dem Begriffe des Menschen als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetze selbst, um sie zu beobachten. Es ist unmöglich, aus dem Gedanken an oder Begriff von Gott auf dessen Existenz zu schließen.“ 6 Friedrich: „Ethik lässt sich aus der Vernunft ableiten, ist universell und unabhängig vom christlichen Glauben, bedarf keiner Offenbarungsinhalte. Der Mensch kommt auch ohne Gott zu moralischen Regeln. Das Gute nicht zu tun, ist ein Mangel an Vernunft und Einsicht. Fände sich im Evangelium nichts als diese einzige Vorschrift: ›tut den anderen nicht, was ihr nicht wollt, dass man euch tue‹ – man wäre verpflichtet, zu gestehen, dass diese wenigen Worte die Quintessenz aller Moral enthalten. Und hat nicht Jesus in seiner herrlichen Bergpredigt die Verzeihung der Beleidigungen, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit verkündet?“ Kant: „Wenn ich sage: handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können, dann gebe ich vier Beispiele als Verstoß gegen den von mir definierten kategorischen Imperativ: Selbsttötung aus Verzweiflung, Falschaussage und Betrug, Nichtentfaltung eigener Talente aus Be- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 94 quemlichkeit und Nichtbeachtung fremder Not. Das Wesentliche alles sittlichen Werts der Handlungen besteht darin, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimmt.“ Goethe: „Und dennoch sage ich: Beim Glauben kommt alles darauf an, dass man glaubt; was man glaubt, ist völlig gleichgültig. Der Glaube ist ein großes Gefühl von Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft, und diese Sicherheit entspringt aus dem Zutrauen auf ein übergroßes, übermächtiges und unerforschliches Wesen. Auf die Unerschütterlichkeit dieses Zutrauens kommt es an; wie wir uns aber dieses Wesen denken, dies hängt von unseren übrigen Fähigkeiten, ja von den Umständen ab und ist ganz gleichgültig.“ --- --- --- --- Die Weisen der Welt hatten sehr viel Kluges gesagt. Da es aber um Glauben ging, nicht um Wissen oder Vernunft, nahmen der kategorische Imperativ und die Aufklärung der Kirche gewiss nicht ihre Gläubigen. Die Kirche blieb, die sie war, und die (Un-)Gläubigen verließen sie über die nächsten Jahrhunderte nur in kleinem Maßstab. Für Marx war die Religion „das Herz einer herzlosen Welt und der Geist geistloser Zustände.“ Mit dem Glauben konnten die Menschen einer finsteren Umwelt entfliehen und auf die Gerechtigkeit hoffen, die ihnen eines Tages zuteilwerden würde, die Religion war der Gesellschaft eine moralische Stütze und für die Obrigkeit die Quelle sozialer Stabilität. (Hobsbawm, S. 396) Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 95 Preußen wird Großmacht Siebenjähriger (dritter Schlesischer) Krieg – Allianz gegen Preußen Goethe (S. 41): „Auf diese Weise verfloss den Frankfurtern während meiner Kindheit eine Reihe glücklicher Jahre. Aber kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurückgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher auf die nächsten sieben Jahre meines Lebens auch großen Einfluss haben sollte. Friedrich der Zweite, König von Preußen, war mit 60 000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vorgängigen Kriegserklärung folgte ein Manifest, wie man sagte, von ihm selbst verfasst, welches die Ursachen enthielt, die ihn zu einem solchen ungeheuren Schritt bewogen und berechtigten. Die Welt, die sich nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Richter aufgefordert fand, spaltete sich sogleich in zwei Parteien, und unsere Familie war ein Bild des großen Ganzen.“ Maria Theresia hatte in ihren Gedanken Schlesien nie aufgegeben, sie konnte sich mit diesem Verlust nicht abfinden – Gott würde doch unzweifelhaft an ihrer Seite stehen, ihre Sache zu seiner machen, darauf vertraute sie fest – und fand in Wenzel Anton Graf Kaunitz-Rietberg den Mann, der bereit und fähig war, eine große Allianz gegen Preußen zu schmieden, um es, das war das Ziel, wieder zu einem Staat zweiter Ordnung zu degradieren. Maria Theresias Ziel lag, „nicht blosserdings in der Wiedereroberung Schlesiens und Glatz, sondern in der Glückseligkeit des Menschlichen Geschlechts und in der Aufrechterhaltung Unserer heiligen Religion.“ (Stollberg, S. 402) Kaunitz war vor seiner Zeit als Staatskanzler in Wien zunächst Botschafter Österreichs in Frankreich gewesen, kannte Personen und Verhältnisse am Versailler Hof sehr gut, und so gelang es ihm, im Jahre 1756 ein formelles Bündnis zwischen beiden Ländern zu vereinbaren. Dies war auch eine Reaktion auf den zuvor abgeschlossenen englisch- 97 preußischen Vertrag, der Preußen verpflichtete, im Kriegsfall Hannover zu schützen. Hannover könnte, so fürchtete Georg II., für Frankreich ein wirksames Faustpfand bei späteren Friedensverhandlungen mit England um Indien und Nordamerika sein. Kaunitz konnte auch die Zarin Elisabeth, schließlich noch Schweden und Sachsen gewinnen, sich dem Bündnis gegen Preußen anzuschließen. Nur England (allerdings sah der Vertrag keine Unterstützung mit einem Heer, sondern nur mit Zahlungen vor), Braunschweig-Lüneburg, Hessen-Kassel und Schaumburg-Lippe standen an der Seite Preußens. Diese große Allianz um Preußen herum sah gefährlich aus, sie war es auch tatsächlich, und doch hatte sie den großen Fehler, dass man sich nicht auf die Führung dieses Bündnisses aus einer Hand einigen konnte. Eine Vorherrschaft des Kaiserhauses kam vor allem für Frankreich keinesfalls infrage. Dass Frankreich überhaupt bereit war, die jahrhunderte-alte Feindschaft gegen Habsburg hintanzustellen und gemeinsam mit dem Erzfeind Österreich gegen Preußen vorzugehen, war für Friedrich II. überraschend und tatsächlich eine „Umkehrung der Bündnisse“. Jedoch musste abgewartet werden, mit welchem Ehrgeiz und Elan Frankreich sich wirklich einbringen würde, denn es kämpfte zur gleichen Zeit in Indien und Amerika gegen England, für England der Grund dafür, sich zur Unterstützung Preußens nur mit Subsidien einzubringen. Es blieb indes nicht verborgen, dass mit den katholischen Mächten Habsburg und Bourbon und den protestantischen Mächten Preußen und England wieder einmal – einhundert Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges – eine Front entlang der Unterschiede in den Konfessionen entstand. Friedrich II. nutzte dies, um sich öffentlich zum Schutzherrn des Protestantismus zu profilieren. Dieses Bekenntnis hinderte ihn nicht daran, auch jetzt wieder den Versuch zu unternehmen, das Osmanische Reich – einen traditionellen Gegner Österreichs und Russlands – für ein militärisches Bündnis gegen die antipreußische Allianz zu gewinnen. Das Osmanische Reich war jedoch wegen der zwischen 1710 und 1739 geführten verlustreichen Kriege noch zu geschwächt, um ein Bündnis einzugehen, das erneute Waffengänge mit sich brächte. Als Friedrich österreichische Truppenbewegungen in Böhmen und russische in Litauen gemeldet wurden, wandte er sich direkt an Maria Preußen wird Großmacht 98 Theresia und forderte eine Erklärung. Er erhielt keine Antwort. Auch ein zweiter Brief Friedrichs wurde nicht eindeutig beantwortet, so dass der König den Entschluss fasste, anzugreifen. Friedrich erklärte der Welt: „Nachdem also der König alles erschöpft hat, was man von seiner Mäßigung erwarten konnte, hofft er, dass ganz Europa ihm die schuldige Gerechtigkeit erweisen und überzeugt sein wird, dass nicht der König, sondern der Wiener Hof den Krieg gewollt hat.“ Die Gegner hatten jeder für sich die Ziele, mit denen sie sich an dem Krieg gegen Preußen beteiligten, schon festgelegt: Russland hätte gerne Ostpreußen, Österreich natürlich Schlesien, Schweden eine Verstärkung seiner Position in Pommern, in Sachsen dachte man an Magdeburg und Halle und träumte nach wie vor von einer Landbrücke nach Polen, quer durch Schlesien. Frankreich schließlich hätte sich gerne Cleve und Wesel einverleibt. Dies war eine schön erdachte Wunschliste. Nun galt es nur noch, gemeinsam zu siegen. Friedrich sah der Allianz ohne zu große Besorgnis entgegen, denn schließlich waren Russland und Österreich traditionell Feinde Frankreichs und umgekehrt. Bedenkt man die globalen Interessen der Länder, dann wäre England Frankreichs wirklicher Widersacher, aber Frankreich ließ sich verführen, einen Krieg auf dem europäischen Kontinent zu führen, und wusste wohl selbst nicht genau, warum. Friedrich schlug die Feinde in Lobositz: „Nie haben meine Truppen solch Wunder der Tapferkeit getan, seit ich die Ehre habe, sie zu kommandieren.“ Die verlustreiche Schlacht bei Prag konnte Friedrich zwar für sich entscheiden, jedoch fiel sein bedeutender Feldmarschall Graf Schwerin, der sich in früheren Schlachten als unentbehrlich erwiesen hatte. Es kam viel schlimmer, denn bei Kolin wurden die preu- ßischen Truppen geschlagen, außerdem Braunschweig von den Franzosen besetzt, das russische Heer konnte in Ostpreußen eindringen, die Schweden landeten in Stralsund und bewegten sich nach Pommern und in die Uckermark, sie belagerten Stettin, die Schlacht bei Groß-Jägersdorf sah Friedrich als verloren an. Friedrich setzte sich mit dem unerträglichen Gedanken auseinander, in Gefangenschaft geraten zu können und hatte von nun an Opium Kapseln bei sich: „Das hier“, sagte er zu seinem Vorleser De Catt „kann mein Leben gottlob jederzeit beenden. Es ist schön, dass man etwas aus freien Stücken beenden kann, dass man dem Schicksal nicht auf Gnade und Ungnade ausgelie- Preußen wird Großmacht 99 fert ist.“ Der König schrieb an seinen Freund d’Argens: „Mein lieber Marquis, sehen Sie in mir eine Mauer, in die das Schicksal Bresche gelegt hat. Von allen Seiten bin ich erschüttert. Glauben Sie indes nicht, dass ich nachgäbe. Und wenn Himmel und Erde zusammenstürzten, ich lasse mich unter ihren Trümmern mit derselben Kaltblütigkeit begraben, mit der ich Ihnen diese Zeilen schreibe. In solchen schicksalsvollen Zeiten muss man sich ein eisernes Gemüt und ein ehernes Herz anschaffen, um jedes Gefühl zu verlieren. (…) Sie sind zu weit entfernt von hier, um sich eine Vorstellung von der Krisis zu machen, in der wir uns befinden, und von den Schrecknissen, die uns umgeben.“ Voltaire, dem Friedrich ebenfalls geschrieben und seine Gedanken an einen freiwilligen Tod angedeutet hatte, schrieb zurück: „(…) Es geht um Sie und darum, wie der ganze gesund empfindende Teil des Menschengeschlechts und die Philosophie an Ihrem Ruhm und Ihrem Weiterleben Anteil nehmen. Sie wollen sterben. Ich sage Ihnen hier nichts von dem schmerzvollen Grauen, das dieser Plan einflößt; ich beschwöre Sie, wenigstens zu bedenken, dass Sie, angesichts des hohen Ranges, den Sie einnehmen, kaum einzuschätzen vermögen, was die Menschen denken, wie der Geist der Zeit empfindet. (…) Sie wissen, an wie vielen Höfen man Ihren Einfall in Sachsen hartnäckig als Bruch des Völkerrechts ansieht. Was wird man an diesen Höfen sagen? Dass Sie diese Invasion an sich selbst gerächt hätten, dass der Kummer, gegen das Recht verstoßen zu haben, Sie übermannt hätte?“ Es folgte der große Sieg Preußens bei Roßbach, westlich von Leipzig, worüber Voltaire in seinem Buch „Über den König von Preußen“ schreibt: „Die Franzosen und Österreicher flohen bei der ersten Salve. Es war die unerhörteste und vollständigste Flucht, von der die Geschichte je berichtet hat. Die Schlacht bei Roßbach wird lange berühmt bleiben. Man sah 30 000 Franzosen und 20 000 Kaiserliche Hals über Kopf vor fünf Bataillonen und einigen Schwadronen schmählich davonrennen. (…) Die wahre Ursache dieses denkwürdigen Sieges lag in der militärischen Disziplin und Übung, die der Vater eingeführt und der Sohn noch verstärkt hatte.“ Die Kriegsereignisse blieben wechselvoll: Nachdem die Österreicher Schweidnitz und Breslau erobert hatten, schien Schlesien verloren, jedoch suchte Friedrich eine neue Schlacht bei Leuthen, die als ebenso überwältigender Sieg wie der bei Roßbach in die Geschichte Preußen wird Großmacht 100 einging und der Erfolg einer überlegenen Strategie war. Breslau, Liegnitz und Schweidnitz waren nun schnell zurückgewonnen. Goethe, S. 65, kommentierte: „Das Jahr 1757, das wir noch in völlig bürgerlicher Ruhe verbrachten, wurde dessen ungeachtet in großer Gemütsbewegung verlebt. Reicher an Begebenheiten als dieses war vielleicht kein anderes. Die Siege, die Großtaten, die Unglücksfälle, die Wiederherstellungen folgten aufeinander, verschlangen sich und schienen sich aufzuheben; immer aber schwebte die Gestalt Friedrichs, sein Name, sein Ruhm in kurzem wieder oben. Der Enthusiasmus seiner Verehrer ward immer größer und belebter, der Hass seiner Feinde bitterer.“ Goethe bewunderte „die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte.“ Auch in Amerika verfolgte man die Kriegsereignisse, denn für die englischen Kolonisten in Amerika war Friedrich ein Vorkämpfer des Protestantismus gegen den Papst und „die finsteren Mächte des Mittelalters“, und so feierten sie jeden Erfolg des Königs, vor allem den bei Roßbach, denn er war eine Demütigung Frankreichs. (F. Kapp, S. 11) Da England und Frankreich große (Weltmacht-)Interessen jenseits der Meere hatten, wurden die Konflikte, die sich daraus ergaben – in Nordamerika und Indien ausgetragen – ein wesentlicher Grund, warum England begann, über die Einschränkung oder sogar Einstellung der Subsidienzahlungen nachzudenken. Aber auch Frankreich reduzierte sein Engagement gegen Preußen, um sich ab 1759 im amerikanischen und indischen Ringen mit England besser positionieren zu können. Die gemeinsamen Interessen von Frankreich und Spanien in Amerika führten beide Länder dazu, ihren Bourbonischen Familienpakt am 13. August 1761 ein drittes Mal zu bekräftigen. Die Kriegskosten und die stark steigenden Ausgaben für Heer, Marine und Rüstung trieben Frankreich und Spanien in eine immer wachsende Verschuldung. Das Jahr 1758 brachte den Sieg bei Zorndorf und die Niederlage bei Hochkirch. 1759 dann war das Jahr der Katastrophe bei Kunersdorf. Die Schlacht am 12. August gegen Österreich und Russland verlor der König wegen eigener strategischer Fehler. Friedrich schrieb an seinen Minister Karl Wilhelm Graf von Finckenstein: „Mein Rock ist von Schüssen durchlöchert, zwei meiner Pferde sind getötet; mein Unglück ist, dass ich noch lebe. Unser Verlust ist sehr beträchtlich; von Preußen wird Großmacht 101 einem Heere von 48 000 Mann habe ich jetzt, wo ich dies schreibe, keine 3 000. Alles flieht, und ich bin nicht mehr der Herr meiner Leute. Dies ist ein grausames Missgeschick, ich werde es nicht überleben; die Folgen werden schlimmer sein, als die Sache selbst. Ich habe keine Hilfsmittel mehr, und, um nicht zu lügen, ich glaube, alles ist verloren; ich werde den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben. Leben Sie wohl für immer.“ Friedrich konnte zunächst nicht glauben, dass die Gegner diese für sie so vorteilhafte Situation nicht nutzten, um das preußische Heer (und ihn) vollständig zu vernichten. Aber der russische Oberbefehlshaber Saltykow widersetzte sich der Aufforderung des österreichischen Generals Daun, Berlin einzunehmen, und bezog dagegen das Winterlager. Friedrich hatte noch genug Humor und Sarkasmus, um von der „göttlichen Eselei meiner Feinde“ zu sprechen. Und doch hatte Russland nicht nur Ostpreußen besetzt, es hatte Friedrich eine verheerende Niederlage beigebracht. Trotz der bedrohlichen Lage im Feld beschäftigte sich Friedrich mit seinen noch im Frieden begonnenen Sammler-Interessen und Vorhaben. Am 14. Mai 1760 schrieb er an seinen Freund d’Argens, der in seiner Abwesenheit den Bau der Bildergalerie überwachte: „(…) Ich habe die Liste der Bilder gelesen und mich ein Weilchen damit unterhalten. Zur Vervollständigung meiner Sammlung fehlt mir noch ein schöner Correggio, ein Giuliano Romano und ein Luca Giordano. Aber wohin verirren sich meine Gedanken? Ich weiß nicht, welches Unglück vielleicht in Kurzem meiner harrt und rede von Gemälden und Galerien.“ Friedrich hatte schon in seiner Rheinsberger Zeit mehrere Werke von Watteau erstanden und ab 1740 dann in zunehmendem Umfang Gemälde gesammelt, die im Schloss Charlottenburg ausgestellt wurden. Seit 1754 hatte er begonnen, systematisch Bilder anzukaufen und seinen Architekten Johann Gottfried Büring beauftragt, für diese Sammlung östlich des Schlosses Sanssouci eine Bildergalerie zu errichten. Die Galerie wurde nach Kriegsende 1764 eröffnet und zeigte Werke von Rubens, van Dyck, Tizian, Raffael, Correggio, Tintoretto, Veronese und anderen, insgesamt 150 Gemälde. Bei seinen Ankäufen ging Friedrich generell sparsam vor. „Was ich bezahlen kann, nach einem räsonablen Preis, das kaufe ich, aber was zu teuer ist, lass ich dem König von Polen, denn Geld kann ich nicht machen und Steuern aufzulegen ist meine Sache nicht.“ Von diesem Prinzip wich er nur Preußen wird Großmacht 102 selten ab. Die Dresdener Sammlung hatte er als Jugendlicher gesehen und als vorbildlich bewundert. Mit seiner Sammlung in der Potsdamer Bildergalerie setzte sich Friedrich bewusst von der Gemäldegalerie ab, die sein Großvater im Berliner Stadtschloss eingerichtet hatte. Sie erschien Friedrich trotz der Qualität der dort gezeigten 300 Werke als altmodisch, auch hatte Friedrich keine Beziehung zum Berliner Schloss und mied es. (Bauer, A., S. 133) Die Preußen siegten zwar bei Liegnitz und Torgau, mussten aber vor allem verhindern, dass sich die gegnerischen Truppen zu einem großen Angriff vereinigten. Die Franzosen mussten im Westen gehalten und die russischen Truppen daran gehindert werden, gemeinsam mit den Österreichern das preußische Heer zu umzingeln. Russische Truppen marschierten jetzt in Berlin ein und plünderten die Stadt, zogen sich aber zurück, als Friedrich sich der Stadt näherte. In dieser kritischen Situation verlängerte England 1761 nach dem Sturz des preu- ßenfreundlichen Premierministers William Pitt d. Ä., unter dem seit kurzem regierenden König Georg III., die finanziellen Zuschüsse an Preußen nicht weiter. Friedrich II. konnte nicht verhindern, dass russische Truppen bis nach Pommern vorrückten und Kolberg in Besitz nahmen. So war die Situation am Ende des Jahres 1761 bedrückend, und Prinz Heinrich schrieb an seinen Bruder Ferdinand: „(…) Der Feind macht Bewegungen, und was zum Teufel soll ich machen, wenn es auf allen Seiten zugleich geschieht? Ich bin perdutto und der ganze Laden auch, der hängt sowieso nur noch an einem Faden. Keine Winterquartiere, alle Länder verwüstet, die Einzelheiten dieser Situation sind schrecklich.“ Aber nicht nur England, auch Frankreich, Schweden und Sachsen/Polen waren kriegsmüde und saßen auf leeren Kassen. In Russland stand nicht nur der Thronfolger Peter, sondern auch seine Frau, die Großfürstin Katharina seit einiger Zeit jenen Hofgruppen nahe, die nicht länger russische Truppen einsetzen wollten, um die Interessen anderer Staaten wahrzunehmen. Und nun geschah, was noch immer als Wunder angesehen wird, das „Wunder des Hauses Brandenburg“: Am 5. Januar 1762 starb Zarin Elisabeth. Ihr Neffe, als Peter III. ihr Nachfolger, stammte aus dem Hause Holstein, war seit Jugendzeiten mit Friedrich befreundet und ein großer Bewunderer des Königs. Er beendete den Krieg sofort, gab alle von russischen Truppen besetzten Gebiete zurück, ließ sämtliche Preußen wird Großmacht 103 Gefangenen frei und unterstellte die bislang Österreich unterstützenden Truppenteile preußischem Befehl. Seine Frau Katharina (Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst), Tochter eines preußischen Generals, führte diese Politik nach der Ermordung Peters fort. Nun schloss auch Schweden Frieden mit Preußen. Prinz Heinrich, unterstützt durch Seydlitz und seine Kavallerie, erfocht am 29. Oktober bei Freiberg in Sachsen einen letzten glänzenden Sieg gegen die Österreicher. Drei Tage später konnte Ferdinand von Braunschweig die Stadt Kassel von den Franzosen befreien, die auch sehr bald die rheinischen Gebiete Preußens räumten. Ein Waffenstillstand und die Grundzüge des Friedensvertrages wurden vereinbart, die Heere bezogen ihre Winterquartiere. Frankreich hatte viel in diesen Krieg investiert und jetzt verloren. Nun verlor es auch noch die Kriege gegen England in Indien und – gemeinsam mit Spanien (Dritter Familienpakt) Nordamerika. Bei diesen Kriegen ging es einerseits um den Besitz von Kanada, Florida und der amerikanischen Kolonie, andererseits um die Vorherrschaft in Südost- Indien. Frankreich und England reklamierten diese Gebiete für sich. Großbritannien ging als Sieger hervor und erhielt die jeweiligen französischen Kolonien, was mit den Friedensschlüssen von Fontainebleau (3. November 1762) und Paris (10. Februar 1763) besiegelt wurde. Mit dem Vertrag von Paris kam auch das bislang zu Spanien gehörende Florida an England. Frankreich musste Spanien mit Gebieten westlich des Mississippi (Louisiana) für den Verlust Floridas entschädigen. Es war ein Desaster für Frankreich, ein annus horribilis aber ebenso für die vielen Bürger, die in die Indische Kompanie Frankreichs investiert hatten und nun vor dem Verlust ihres Vermögens standen. (Bernewitz, S. 250) Der wesentliche Grund für den Verlust Indiens, aus dem Frankreich seinen Konkurrenten England so gerne vertrieben hätte, lag in der Unterlegenheit Frankreichs als Seemacht. „Kann man annehmen, dass die französischen Pläne so vollständig gescheitert wären, wie es geschah, wenn während der folgenden Jahre französische Flotten anstatt englischer die Küsten und die Seewege nach Europa beherrscht hätten?“ (Mahan, S. 115) Die Engländer waren auch im Atlantik die unbestrittenen Herren der See. Hier, wie überall auf den Meeren, bedeutete Seeherrschaft, dass Schiffe anderer Länder aufgegriffen und gekapert wurden. „Zweiundzwanzig Linienschiffe bildeten Preußen wird Großmacht 104 die Marine Frankreichs. Unsere Schiffe, überall verfolgt und ohne Schutz, wurden fast immer eine Beute der Engländer, die unbelästigt und ohne Nebenbuhler die See befuhren.“ (Mahan) Nur zwanzig Jahre später, am Ende des Unabhängigkeitskriegs, ging Florida wieder an Spanien und Louisiana an Frankreich, während England die amerikanischen Länder, außer Kanada, verlor. Noch einmal zwanzig Jahre später (1803) verkaufte Napoleon Louisiana an Amerika. Der Friedensvertrag zwischen Preußen, Österreich und Sachsen wurde am 15. Februar 1763 auf Schloss Hubertusburg geschlossen. Friedrich schreibt: „Unser Kriegsruhm ist aus der Ferne sehr schön zu betrachten; aber wer Zeuge ist, mit welchem Jammer und Elend dieser Ruhm erkauft wird, unter welchen körperlichen Entbehrungen und Strapazen, in Hitze und Kälte, Hunger, Schmutz und Blöße, der lernt über den Ruhm ganz anders zu urteilen.“ Preußen behielt Schlesien und stieg endgültig zu einer europäischen Großmacht auf. Friedrich siegte, denn die gegnerische Koalition war nicht durch die Führung aus einer Hand geeint gewesen. Es kam hinzu, dass in den Hauptstädten der Gegner, am deutlichsten erkennbar in Russland, aber auch in Frankreich, starke Kräfte der zweiten Ebene große Sympathien für Friedrich II. hatten und dafür sorgten, dass der König nicht vernichtet würde. Von seinem Heer wurde Friedrich verehrt, er war als einziger Monarch während der gesamten Kriegsjahre immer im Feld und teilte das tägliche Leben im Lager mit seinen Truppen. Der Tod Elisabeths jedoch war das entscheidende Ereignis zu einem für Preußen glücklichen Ausgang. Schon bald nach dem Ende des Krieges schloss Friedrich II. ein Defensivbündnis mit Russland, denn eine gute Beziehung zu dieser Großmacht im Osten war für Preußen von zentraler Bedeutung. Niemand würde ihn angreifen wollen, solange diese Allianz bestand. Diese Rückversicherung war überragend notwendig für das Land, denn nur während einer längeren Friedenszeit konnte das verwüstete Preu- ßen wiederaufgebaut werden. Preußen wird Großmacht 105 Die Welt erforschen, Wissen mitteilen Die großen Entdeckungen der Weltgegenden waren gemacht, die Reisen nach Übersee bekamen neue inhaltliche Ziele, denn das Interesse der europäischen Bevölkerung an den fernen Ländern änderte sich. Das 18. Jahrhundert wurde das der mit großem, neugierigem Interesse aufgenommenen Reisebeschreibungen. Man wollte über die ferne Welt, ihre Geschichte, Gesellschaften und Sprachen, auch die Pflanzen- und Tierwelt erfahren und einen „Dialog“ führen, das heißt Werke von Autoren mit ihren Berichten aus außereuropäischen Hochkulturen, speziell aus China und Persien, auch aus dem Osmanischen Reich studieren und mit anderen teilen. Zugleich befeuerten die Reiseberichte Diskussionen über die Rechtmäßigkeit des Kolonialismus und die damit verbundene Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, vor allem aber die der Sklavenhaltung, der Unterdrückung meist aus Afrika importierter Arbeitskräfte. (Lüsebrink) Traditionell waren die europäischen Universitäten Institutionen der Lehre, nicht der Forschung. Staatlich geförderte empirische Forschung fand daher im 18. Jahrhundert zunächst in Akademien statt, die ihre Ergebnisse regelmäßig veröffentlichten, so dass ein größeres Publikum an den neuen Erkenntnissen teilhaben konnte. Erst im Verlauf des Jahrhunderts wurde an neu gegründeten Universitäten auch Forschung betrieben, die in der Folge von den bereits seit Langem bestehenden Universitäten ebenfalls aufgenommen wurde. Das Ziel aller Forschung war, die Phänomene der Natur zu untersuchen, ferne Länder zu erkunden und die Sitten und Gebräuche der fremden Völker zu beschreiben. Die Ergebnisse sollten der interessierten Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. „Die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften stieg im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts geradezu explosionsartig an; und einige Periodika erlangten überregionale Verbreitung, so etwa der Hamburgische Unparteyische Korrespondent oder der Mercure de France. Zum anderen differenzierte sich der Markt für Periodika immer stärker: Es erschie- 107 nen Frauen- und Kinderzeitschriften, Mode- und Volksblätter, gelehrte und populäre Zeitschriften literarischen und naturwissenschaftlichen, historischen und politischen Inhalts, Periodika der verschiedenen Sozietäten und Akademien, Anzeigen- und ›Intelligenzblätter‹. (...) Weniger die Tageszeitungen als vielmehr die großen literarisch-politischen Zeitschriften boten ein Forum für die kritische Diskussion politischer Grundsatzfragen und aktueller Ereignisse. Themen wie der Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien, die Freigabe des Getreidepreises, der Bürgeraufstand in Genf und die Volksunruhen in England, die Skandale um die Jesuiten, die Finanzmisere in Frankreich oder die obrigkeitlichen Reformen aufgeklärter Monarchen – über all das wurde nicht nur trocken Bericht erstattet, sondern auch kontrovers diskutiert.“ (Stollberg, S. 141) Dem Ziel der Wissensverbreitung dienten auch die Enzyklopädien, zunächst die von Chambers in England erstellte Sammlung, dann die berühmte französische Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert, die unter der Mitwirkung vieler weiterer Autoren zustande kam und in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren erarbeitet wurde. Voltaire, Rousseau, Holbach, La Mettrie und viele andere erstellten zahlreiche Artikel, das eigentliche Werk aber lag in den Händen von Diderot. (Tab. 7) Insgesamt enthielt die Enzyklopädie 70 000 Artikel, die alphabetisch geordnet waren und das gesamte Wissen der damaligen Zeit aufgearbeitet und mit Zeichnungen verdeutlicht hatten. Die Enzyklopädisten hatten Widerstände zu überwinden, denn die Obrigkeit sah sich von manchen Artikeln, die politische oder konfessionelle Kritik äußerten, beleidigt, zumindest herausgefordert, und so wurde der Verkauf zeitweise unterbunden. Wegen der großen Nachfrage wurde der Druck schließlich doch wieder aufgenommen. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 108 Chronologische Übersicht ausgewählter Entwicklungen in der Literatur, der Entdeckungen, der Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der staatlichen Reformen im 18. Jahrhundert (nach Stollberg-Rilinger, Europa) Literatur 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Defoe: Robinson Crusoe Voltaire: Philosophische Briefe Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums Montesquieu: Persische Briefe Linné: Das System der Natur Goethe: Die Leiden des jungen Werthers Swift: Gullivers Reisen Montesquieu: Vom Geist der Gesetze Smith: Der Reichtum der Nationen Chambers: Enzyklopädie Diderot: Encyclopédie Lessing: Nathan der Weise Voltaire: Das Zeitalter Ludwigs XIV. Kant: Kritik der reinen Vernunft Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag Kant: Kritik der Urteilskraft Entdeckungen 1701–1732 1733–1736 1766–1800 Porzellanmanufaktur in Meißen Bering: Entdeckung Alaskas Cook: 1. Weltumseglung, Inbesitznahme Australiens Henry Corts: Steinkohle statt Holzkohle in der Eisenerz-Verhüttung Cook: 2. Weltumseglung Newcomen: Dampfmaschine Priestley: Entdeckung des Sauerstoffs Cooks 3. Weltumseglung, Entdeckung Hawaiis Tab. 7: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 109 Entdeckungen 1701–1732 1733–1736 1766–1800 Fahrenheit: Quecksilberthermometer Celsius: Thermometer Crompton: Spinnmaschine Cartwright: mechanischer Webstuhl Franklin: Blitzableiter Galvani: Nervenimpulse Hargreave: Spinnmaschine Montgolfier: Heißluftballon Watt: Verbesserung der Dampfmaschine Watt: weitere Verbesserung der Dampfmaschine Bougainville: Reise um die Welt Scheele: Sauerstoff Cavendish: Stickstoff Cavendish: Entdeckung von Wasserstoff und Kohlenstoff Lavoisier: Chemische Nomenklatur A. von Humboldts Reise nach Südamerika Jenner: Pockenschutzimpfung Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse 1701–1732 1733–1766 1767–1800 In London und Paris waren Wissenschaftsakademien schon 1662 bzw. 1666 gegründet worden Stockholm: Akademie der Wissenschaften Gründung der Universität Göttingen Leipzig: Akademie der Wissenschaften Ausweisung der Jesuiten aus Spanien Berlin: Akademie der Wissenschaften Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen Gründung der Universität Moskau Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 110 Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Bologna: Akademie der Wissenschaften Kopenhagen: Akademie der Wissenschaften Philadelphia: American Philosophical Society St. Petersburg: Akademie der Wissenschaften Haarlem: Gesellschaft der Wissenschaften Barcelona: Akademie der Wissenschaften und Künste Uppsala: Akademie der Wissenschaften Erfurt: Akademie der Wissenschaften Brüssel: Akademie der Wissenschaften München: Akademie der Wissenschaften Utrecht: Gesellschaft der Wissenschaften Öffentl. Antikensammlung an der Universität Turin Antikensammlung Papenbroek für die Universität Leiden Neapel: Akademie der Wissenschaften und Künste Mannheim: Akademie der Wissenschaften Wiss. Akademien in Boston, Edinburgh, Lissabon, Dublin und Prag New York: Columbia Universität Staatliche Reformen; Menschenrechte 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Peter d. G. Verwaltungsreformen England: Abschaffung des Hexerei Edikts Virginia Declaration of Rights; Verfassung, Gewaltenteilung in Amerika Brandenburg: Abschaffung des Hexerei Edikts Brandenburg: Abschaffung der Folter Österreich: Strafrechtsreform Brandenburg: Verwaltungsreform F.W. I. Österreich: Verwaltungsreform Frankreich: Justizreform Russland: Einschränkung der Todesstrafe Spanien: Verwaltungsreform Brandenburg: Allgemeines Gesetzbuch Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 111 Staatliche Reformen; Menschenrechte 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Mailand: Verwaltungsreform Österreich: Zivilgesetzbuch Russland: Säkularisierung der Kirchengüter Preußen: Allgemeines Landrecht Aus zwei großen Reisebeschreibungen soll etwas ausführlicher berichtet werden. Dies sind der Bericht von Georg Forster über die zweite Südseereise von James Cook und der über Alexander von Humboldts Reise nach Südamerika. James Cook und Georg Forster Ferdinand Magellan hatte als erster bereits 1519 die Erde umsegelt, nach ihm ist die Straße benannt, durch die er, vom Atlantik kommend, in den Pazifischen Ozean gelangte. Ihm folgte Francis Drake, der von 1577 bis 1580 unterwegs war. Sehr viele weitere Reisen wurden unternommen, nicht nur von Entdeckern, sondern teils auch von Freibeutern (Francis Drake war einer von ihnen), die sich auf den Meeren tummelten und mit Vorliebe spanische Schiffe auf ihrer Rückreise von Südamerika überfielen und ausraubten. Louis Antoine de Bougainville umsegelte als erster Franzose von 1766 bis 1769 die Welt, entdeckte jedoch nicht Australien, an dem er nördlich vorbeifuhr. James Cooks erste Reise auf der Magellan-Route in die Südsee und um die Welt begann 1768 und dauerte, wie die meisten dieser großen Reisen, ebenfalls drei Jahre. Cook entdeckte wohl nicht als Erster Australien und mehrere kleinere Inseln in der Nähe, Chinesen, Portugiesen und Holländer waren vor ihm dort gelandet. Cook aber nahm nach seiner Landung an der Ostküste des Kontinents Australien, das bislang Neu Holland hieß, für England in Besitz. Die Entdeckung auch unbewohnter Inseln und deren In-Besitznahme für das Vereinigte Königreich war der (geheime) Auftrag der britischen Admiralität an Cook. Vorteilhaftes Gelände für Flottenstützpunkte sollten ausgemacht werden, es ging um die Vorherrschaft Großbritanniens im Pazifik, die es im Atlantik bereits hatte. (Kleinschmidt, S. 202) Immer sind wissenschaftliche, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 112 wirtschaftliche und politische Ziele miteinander verwoben, so auch bei den zahlreichen Expeditionen der verschiedenen Staaten zu Land und auf dem Meer. England betrieb dieses Geschäft systematisch und auf die Weltherrschaft ausgerichtet. Auf Cooks zweiter Reise in die Südsee begleiteten ihn Reinhold Forster und sein Sohn Georg, dessen ausführliches und mit seinen Zeichnungen reich bebildertes Buch Grundlage für die folgenden Ausführungen ist. Georg Forster, „ein Forscher und Schriftsteller, der radikaler als jeder andere seiner Landsleute unter dem Gebot der Aufklärung lebte und starb, eine der attraktivsten Gestalten der Epoche, deren Glanz und deren Tragik in seinem Geschick aufs engste miteinander verwoben sind“ (Harpprecht, S. 7), dieser Georg Forster wurde 1754 geboren, in Nassenhuben, nahe Danzig, wo sein Vater Reinhold, eine Pfarrei zugewiesen bekommen hatte. „Im Geburtsjahr Forsters feierte Frankreich die Ankunft eines Kronprinzen, der als Ludwig XVI. 39 Jahre später unter dem Fallbeil des Henkers enden sollte. Auch Charles- Maurice Talleyrand, wegen seiner Verkrüppelung zu einer geistlichen Karriere bestimmt und schon als junger Mensch zum Bischof von Autun geweiht, hernach der bedeutendste und geistreichste Diplomat Europas: auch er war ein Kind jenes Jahres, in dem Jean-Jacques Rousseau sein Essay Über die Ungleichheit schrieb. (…) In London erschien das Dictionary von Samuel Johnson, dem universal gebildeten Journalisten, und in Paris kam der vierte Band von Diderots Encyclopédie auf den Markt. In Sankt Petersburg begann der Bau des „Winterpalais“, und in New York wurde die Columbia University gegründet.“ (Harpprecht, S. 9) Georgs Vater gab seine Pfarrstelle auf, als er über den russischen Vertreter in Danzig vom Zarenhof den Auftrag bekam, die Bedingungen für die Ansiedlung deutscher Bauern an der Wolga zu prüfen. Ob er nach getaner Arbeit das ihm in Aussicht gestellte Salär erhielt, ist nicht bekannt, jedenfalls machte er sich von dort nach London auf, stets begleitet von seinem damals 10 Jahre alten Sohn Georg, dem ältesten seiner sieben Kinder. In London verdiente Georgs Vater zeitweilig zumindest so gut, dass seine Frau mit den Kindern nachreisen konnte. Seit dem Aufbruch nach Russland waren mehr als drei Jahre vergangen. Die finanziellen Schwierigkeiten waren jedoch nicht dauerhaft überwunden, sie verschlimmerten sich sogar noch, als Reinhold Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 113 Forster seine Stellung und die Dienstwohnung verlor und sich mit Sprachunterricht durchschlagen musste. Die Sorgen wurden erst gemildert, als er von der britischen Admiralität den Auftrag erhielt, James Cook mit einem Forscherteam auf seiner zweiten Reise in die Südsee zu begleiten. Joseph Banks, ein bekannter Botaniker, der Cook auf seiner ersten Reise begleitet hatte und auch auf dieser Reise wieder dabei sein sollte, stellte so erhebliche Forderungen, dass ein Vertrag mit ihm nicht abgeschlossen werden konnte. An seine Stelle sollte Reinhold Forster treten, der auch hier auf die Begleitung seines Sohnes Georg bestand und durchsetzte, dass er als Zeichner angeheuert wurde. Am 13. Juli 1772 begann die Reise, es vergingen drei Jahre, bis die Resolution und ihr Schwesterschiff, die Adventure, die Heimat wieder erreichten. Die Schiffe hatten neben reichlichem Proviant, allen Grundnahrungsmitteln und sehr viel Wasser auch 60 große Fässer gefüllt mit Sauerkraut an Bord, dazu 30 Fässer gekochtes Malz und 5000 Pfund gallertig eingekochte Fischbrühe, die alle zusammen und jedes Einzelne James Cook’s sehr wirksames Rezept gegen den gefürchteten Skorbut und außerdem natürlich gesunde Nahrungsmittel waren. Ein dick eingekochter Saft von Zitronen und Apfelsinen war ebenfalls Teil des Proviants und der Prophylaxe. Dazu lebende Tiere: Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Hunde und Katzen. Während der Fahrt wurden strikte Sauberkeitsregeln ausgegeben und genau befolgt: „Reinlichkeit ist eine andere notwendige Vorsicht. Es ward bei uns nicht nur scharf darauf gesehen, dass die Matrosen sich selbst, ihre Kleider und Hemden reinhielten, sondern auch die Küchengeräte wurden fleißig untersucht, damit von der Nachlässigkeit der Köche nichts zu befürchten wäre. Die Betten mussten bei trockenem Wetter des Tags an Deck gebracht werden. Am wichtigsten aber war das Räuchern mit einer Mischung von Schießpulver und Essig oder auch Wasser und die fast wöchentlichen Feuer, die im Schlafraum des Volks, in den Kajüten der Offiziere und selbst im untersten Raum angezündet wurden. Ungesunde, faule Ausdünstungen und Feuchtigkeiten wurden auf diese Art unschädlich gemacht und die Luft durchaus gereinigt.“ (Forster, S. 51) Die Reise führte sie zunächst nach Madeira, wo sie sich mit frischem Proviant versorgten, dann über Cap Verde hin zum Kap der Guten Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 114 Hoffnung und von dort tief nach Süden bis an die Grenze der Antarktis. Am 51. Breitengrad traf die Expedition auf Eisberge, und am 17. Januar überquerten die Schiffe als erste den südlichen Polarkreis (66° 30' S). Die Eisberge waren zu bedrohlich, so dass Cook wenden und nach Nordosten steuern ließ. Niemand zuvor war der Antarktis so nah gekommen, und es war eine schwierige Aufgabe für die Kapitäne, die Schiffe durch die zahllosen gefährlichen Eisberge hindurch zu manövrieren. Die Mannschaft litt unter der eisigen Kälte, dem starken Wind, der Dunkelheit in dieser äußerst unwirtlichen Gegend, und die Männer erkrankten trotz den mitgeführten Gegenmitteln an Skorbut, wenn auch in milder Form. Cook nahm die eigenen Strapazen und die der Mannschaften in Kauf, denn er hoffte, tief im Süden einen neuen Kontinent zu entdecken. Ohne Erfolg. Diese Seeroute wurde nicht länger verfolgt, der Kurs zurück nach Norden bestimmt. (Abb. 7 Reiserouten) In der Dusky Bay, an der Südwestküste Neuseelands, die Cook auf seiner vorigen Reise entdeckt hatte, war ihre nächste Ankerstelle. „Ganze Scharen von Wasservögeln belebten die felsigen Küsten, und das Land ertönte überall vom wilden Gesang der gefiederten Waldbewohner. Je länger wir uns nach Land und frischen Gewächsen gesehnt hatten, desto mehr entzückte uns nun dieser Prospect, und die Regungen der innigsten Zufriedenheit, welche der Anblick dieser neuen Szene durchgängig veranlasste, waren in eines jeglichen Augen deutlich zu lesen.“ (Forster, S. 115) Sie blieben dort sechs Wochen, fanden frische Wasserquellen, die Schiffe wurden repariert, die Mannschaften füllten den Holzvorrat auf und konnten so viele Fische angeln, dass alle üppig versorgt waren. In Charlottensund fanden sie verschiedene Kräuter, wie wilden Sellerie und Löffelkraut, die es in Dusky Bay nicht gegeben hatte, die sie aber wegen ihrer Wirkung gegen den Skorbut gerne sammelten und täglich zu einer Suppe aus Weizen und Mehl zum Frühstück und mittags zu einer Erbsensuppe dazugaben. Mit den dort lebenden „Indianern“ wurden die Mannschaften bald vertraut, man machte sich gegenseitig Geschenke und betrieb einen regen Tauschhandel. Bei manchem Besuch brachten die Einwohner auch Frauen an Bord, „sie hatten pechschwarzes Haar, runde Gesichter und dicke Nasen und Lippen. Auch hatten sie schwarze Augen, die oft lebhaft und nicht ohne Ausdruck, so wie der ganze Oberteil des Körpers wohl gebildet und ihre Gestalt überhaupt gar nicht widrig war. Unsre Matro- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 115 sen hatten seit der Abreise vom Cap mit keinen Frauenspersonen Umgang gehabt; sie waren also eifrig hinter diesen her, und aus der Art wie ihre Anträge aufgenommen wurden, sah man, dass es hier zu Lande mit der Keuschheit so genau nicht genommen wurde, und dass die Eroberungen eben nicht schwer sein müssten. Doch hingen die Gunstbezeigungen dieser Schönen nicht bloß von ihrer Neigung ab, sondern die Männer mussten, als unumschränkte Herren, zuerst darum befragt werden. War deren Einwilligung durch einen großen Nagel, ein Hemd oder etwas dergleichen erkauft, so hatten die Frauenspersonen Freiheit mit ihren Liebhabern vorzunehmen was sie wollten, und konnten alsdann zusehen, noch ein Geschenk für sich selbst zu erbitten. (…) Da die Neuseeländer fanden, dass sie nicht wohlfeiler und leichter zu eisernem Gerät kommen konnten als vermittelst dieses niederträchtigen Gewerbes, so liefen sie bald genug im ganzen Schiff herum und boten ihre Töchter und Schwestern ohne Unterschied feil. Den verheirateten Weibern aber verstatteten sie, so viel wir sehen konnten, nie die Erlaubnis, sich auf ähnliche Weise mit unseren Matrosen abzugeben.“ Forster beklagt, dass Nägel, die sich zum Fischen gut eigneten, andere Eisengeräte und sonstige mitgebrachte Dinge zum täglichen Gebrauch neue Bedürfnisse geweckt und zu diesem Mädchen-Handel geführt hätten, entehrende Handlungen, die ihnen ansonsten nie in den Sinn gekommen wären. Nichts Positives hätten diese Völker im Gegenzug von den Europäern erhalten, keine nützlichen Dinge seien sie gelehrt worden, nichts hätten sie gewonnen zum Ausgleich für das, was sie verloren hätten, nämlich sittliche Grundsätze. „So aber besorge ich leider, dass unsere Bekanntschaft den Einwohnern der Südsee durchaus nachteilig gewesen ist; und ich bin der Meinung, dass gerade diejenigen Völkerschaften am besten weggekommen sind, die sich immer von uns entfernt gehalten.“ (Forster, S. 157) Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 116 Cooks Reisen um die Welt rot = 1. Reise, grün = 2. Reise, blau = 3. Reise, blaue gestrichelte Linie = Route seiner Besatzung, nachdem er auf Hawaii umgekommen war Kapitän Cook hatte Samen von verschiedenen Getreidearten, großen Bohnen, Kartoffeln und Erbsen an Bord, die er, wie auch einige weitere Pflanzen in den dortigen Boden brachte, um bei einem weiteren Besuch zu sehen, ob sie anwachsen würden. Auch einen Eber und zwei Säue, einen Bock und eine Ziege brachte er an Land. Kapitän Cook, der fürchtete, dass der von ihm angelegte Garten aus Unwissenheit zerstört oder nicht genügend gepflegt werden würde, ging mit dem dortigen Befehlshaber zu seinen Anpflanzungen, erklärte ihm die verschiedenen Pflanzenarten und wies besonders auf die Kartoffeln hin, die allerdings nicht ganz neu für die Insulaner waren, denn eine süße Kartoffelart wuchs dort bereits. Bevor die Schiffe weitersegelten, wurde noch Heu und frisches Wasser, wildwachsender Sellerie und Löffelkraut an Bord geholt. Tahiti war die nächste Station. Da, wie Forster schreibt, weder nach Osten, noch nach Süden bis hinunter zum 40sten Grad Land entdeckt worden war und man glaubte, dort auch keines mehr zu finden, sollte nun zwischen dem 50sten und dem 40sten südlichen Breitengrad nach neuen Ländern, vor allem dem geheimnisvollen Süd-Land, gesucht werden. Abb. 7: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 117 Zwei Monate nach ihrer Abreise erreichten sie ihr neues Ziel. „Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter, hatte sich gelegt; ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen Gipfel in mancherlei majestätischen Gestalten und glühten bereits im ersten Morgenstrahl der Sonne. Unterhalb derselben erblickte das Auge Reihen von niedrigen, sanft abhängenden Hügeln, die den Bergen gleich, mit Waldung bedeckt und mit verschiedenem anmutigem Grün und herbstlichem Braun schattiert waren. Vor diesen her lag die Ebene, von tragenden Brotfrucht-Bäumen und unzählbaren Palmen beschattet, deren königliche Wipfel weit über jene emporragten. Noch erschien alles im tiefsten Schlaf; kaum tagte der Morgen, und stille Schatten schwebten noch auf der Landschaft dahin.“ (Forster, S. 177) Auch hier wurden die üblichen Tauschgeschäfte vorgenommen: von den Seglern erhielten die Eingeborenen Korallen, Nägel, Messer und andere nützliche Dinge und gaben dafür Matten, Körbe, Cocos-Nüsse, Brotfrucht und verschiedene sonstige Früchte und Kräuter. Kapitän Cook suchte, wie auch auf anderen Stationen, den Befehlshaber auf, auf dieser Insel Ärih oder König genannt, wie sich überhaupt alles, was sich auf den anderen Inseln ereignet hatte, hier und allen weiteren Stationen wiederholte. Dazu gehörten auch manche Konflikte, die wegen ziemlich dreisten Diebstahls der Insulaner an Bord oder auch Missverständnissen vorkamen und zum Teil mit Waffengewalt – Gewehre hatten nur die Segler – geregelt wurden. Dabei gab es vorwiegend auf der Seite der Einwohner Verletzte, sogar Todesfälle. Die Rohheit der Sitten, die Grausamkeit und Barbarei der Eingeborenen aber erkannte die Mannschaft, als sie erneut in Indian-Cove, Neuseeland, anlegten. „Das erste, was ihnen dort in die Augen fiel, waren die Eingeweide eines Menschen, die nahe am Wasser auf einen Haufen geschüttet lagen. Kaum hatten sie sich von der ersten Bestürzung über diesen Anblick erholt, als ihnen die Indianer verschiedene Stücke vom Körper selbst vorzeigten und mit Worten und Gebärden zu verstehen gaben, dass sie das übrige gefressen hätten. Unter den vorhandenen Gliedmaßen war auch noch der Kopf befindlich, und nach diesem zu urteilen, musste der Erschlagene ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren gewesen sein. Die untere Kinnlade fehlte, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 118 und über dem einen Auge war der Hirnschädel eingeschlagen. Unsre Leute fragten die Neuseeländer, wo sie diesen Körper herbekommen hätten, worauf jene antworteten, dass sie ihren Feinden ein Treffen geliefert und verschiedene derselben getötet, von den Erschlagenen aber nur allein den Leichnam dieses Jünglings mit sich hätten fortbringen können. (…) Hiernächst blieb uns nun auch kein Zweifel mehr übrig, die Neuseeländer für wirkliche Menschenfresser zu halten.“ (Forster, S. 287) Von Indian-Cove segelte man weiter in die Gegend zwischen Motu- Aro und Long-Eyland und hielt sich in der Gegend zwischen dem Cap Terawitti und Palliser, an der Südspitze der Nordinsel Neuseelands auf. James Cook erschien diese Gegend, „sollte die Bay für große Schiffe tief genug sein, woran wohl nicht zu zweifeln ist, zur Anlegung einer Kolonie ganz vorzüglich bequem. Denn man fände hier einen großen Strich bauwürdigen Landes vor sich, der mit genügsamer Waldung, vermutlich auch mit einem schiffbaren Strom versehen ist, und seiner Lage nach in den besten Verteidigungsstand gesetzt werden könnte. Da diese Gegend auch nicht sonderlich bewohnt zu sein scheint, so würde desto weniger Gelegenheit zu Streitigkeiten mit den Eingeborenen vorhanden sein. Vorteile, die sich an anderen Stellen von Neuseeland wohl selten so glücklich vereinigt finden dürften.“ (Forster, S. 292) Cook, weiterhin auf der Suche nach neuem Land, kreuzte nun erneut in dem riesigen Gebiet zwischen den südlichsten Punkten im Treibeis nahe der Antarktis, Tahiti im Norden und den Osterinseln im Osten und kam zu dem Schluss, dass – sollten sie wirklich Land verfehlt haben – „so muss es ein Eiland sein, das seiner Entfernung von Europa und seines rauen Klimas wegen für Engländer von keiner Wichtigkeit sein kann. Es fällt jedem in die Augen, dass, um eine so weitläufige See, als die Südsee ist, wegen des Daseins oder Nicht-Daseins einer kleinen Insel zu untersuchen, viele Reisen in unendlichen Strichen erforderlich sein würden, welches von einem Schiff und auf einer Expedition nicht zu erwarten steht.“ (Forster, S. 299) Nach einhundertdrei Tagen, in denen sie kein Land gesehen hatten, erreichten sie die Osterinseln. Bei der Erkundung des Landesinneren kamen sie auch an einen ebenen Platz, in dessen Mitte fanden sie „eine steinerne Säule, aus einem Stück, die eine Menschenfigur bis auf die Hüften ab- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 119 gebildet vorstellen sollte und 20 Fuß hoch und 5 Fuß dick war. Diese Figur war schlecht gearbeitet und bewies, dass die Bildhauerkunst hier noch in der ersten Kindheit sei. Augen, Nase und Mund waren an dem plumpen ungestalten Kopf kaum angedeutet. (Abb. 8 Steinstatuen Moai) Die Ohren waren nach der Landessitte ungeheuer lang und besser als das übrige gearbeitet, ob sich gleich ein europäischer Künstler derselben geschämt haben würde. Den Hals fanden wir unförmig und kurz; Schultern und Arme aber nur wenig angedeutet.“ (Forster, S. 311) Die Osterinseln fanden sie karg, den Boden steinig und unfruchtbar, die Einwohner waren in einem erbärmlichen Zustand, frisches Wasser schien es nicht zu geben, das Wasser aus einem Brunnen war brackig und schmeckte schlecht, man konnte nur wenige Lebensmittel und eine geringe Zahl von Hühnern eintauschen, denn die Eingeborenen hatten selbst kaum genug zu essen. Sie lebten schlecht und armselig, waren elend und mager. Abb. 8: Steinstatuen Moai auf den Osterinseln, am Rano-Raraku Über die Marquesas Inseln segelten sie weiter und zu einem zweiten Besuch nach Tahiti. Auf den Marquesas, wie auch während anderer Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 120 Stationen, war es zu kleineren Diebereien der Eingeborenen gekommen, die in der Regel hart, hier zum Bedauern Forsters unnötigerweise mit einem tödlichen Schuss aus dem Gewehr bestraft wurden. „Die ersten Entdecker und Eroberer von Amerika haben oft und mit Recht den Vorwurf der Grausamkeit über sich ergehen lassen müssen, weil sie die unglücklichen Völker dieses Weltteils nicht als ihre Brüder, sondern als unvernünftige Tiere behandelten, die man gleichsam zur Lust niederzuschießen berechtigt zu sein glaubte. Aber wer hätte es von unseren erleuchteten Zeiten erwarten sollen, dass Vorurteil und Übereilung den Einwohnern der Südsee fast ebenso nachteilig werden würden?“ Kapitän Cook war auch hier in der Lage, durch sein Auftreten, seine Gesten, beruhigende Worte und Geschenke die gefährliche Lage in neues Vertrauen zu wandeln, so dass sich die Reisenden frei auf der Insel bewegen und ihre Vorräte an Bord auffrischen konnten. Wieder auf Tahiti, sah Forster erneut mit Staunen, wie anders das Leben hier, verglichen mit dem in Europa war. Der leicht anzubauende Brotbaum, der Papyr-Maulbeerbaum und manche Wurzeln, dazu die „königliche Palme“, der „goldene Apfel“ und viele andere Pflanzen versorgen die Einwohner, ohne dass diese in deren Bewirtschaftung ermüdende Arbeit investieren müssten. „Sie bewohnen ein Land, wo die Natur mit schönen Gegenden sehr freigebig gewesen, wo die Luft beständig warm, aber der Himmel fast beständig heiter ist. Ein solches Klima und die gesunden Früchte verschaffen den Einwohnern Stärke und Schönheit des Körpers. (…) In der Lebensart der Tahitier herrscht durchgehend eine glückliche Einförmigkeit. Mit Aufgang der Sonne stehen sie auf und eilen sogleich zu Bächen und Quellen, um sich zu waschen und zu erfrischen. Alsdann arbeiten sie oder gehen umher bis die Hitze des Tages sie nötigt, in ihren Hütten oder im Schatten der Bäume auszuruhen. In diesen Erholungsstunden bringen sie ihren Kopfputz in Ordnung, das heißt: sie streichen sich das Haar glatt und salben es mit wohlriechendem Öl; zuweilen blasen sie die Flöte, singen dazu, oder ergötzen sich, im Grase hingestreckt, am Gesang der Vögel. Bei allem was sie tun, zeigt sich gegenseitiges Wohlwollen, und ebenso sieht man auch die Jugend in Liebe untereinander und in Zärtlichkeit zu den ihrigen aufwachsen.“ Forster sah jedoch, dass „ein Mensch, der zu einem tätigen Leben geboren, mit tausend Gegenständen bekannt, wovon die Tahitier nichts wissen, und gewohnt ist, an das Vergangene Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 121 und Zukünftige zu denken, dass der einer so ununterbrochenen Ruhe und eines beständigen Einerlei bald überdrüssig werden müsse, und dass eine solche Lage nur einem Volk erträglich sein kann, dessen Begriffe so einfach und eingeschränkt sind, als wir sie bei den Tahitiern fanden.“ (Forster, S. 376) Für den aus dem Paradies entlassenen Menschen wäre es unerträglich, dorthin wieder zurückkehren zu müssen. Ganz ähnlich beschrieb Bougainville das Leben auf Tahiti: „Die Gewohnheit, beständig zu ruhen und vergnügt zu leben, macht, dass die Einwohner eine besondere Vorliebe haben für sanfte Scherze. Daher zeigt sich in ihrem Charakter eine Leichtsinnigkeit, über die wir uns täglich verwunderten. Alles rührt sich außerordentlich, aber nichts hält sie beständig bei einer Sache. Wenn wir ihnen auch etwas Neues zeigten, so konnten wir ihre Aufmerksamkeit nie zwei Minuten lang darauf lenken. (…) Ich spreche ihnen aber deswegen nicht alle Einsicht und das Nachdenken über eine Sache ab. Bei den wenigen Arbeiten, zu denen sie bei dem Klima und dem Überfluss des reichen Bodens genötigt sind, bemerkt man einen gewissen Fleiß und Geschicklichkeit. Man muss sich wundern, wie geschickt ihre Fischereiinstrumente gemacht sind. Ihre Netze gleichen den unsrigen vollkommen und sind aus Algarvefasern geknüpft. Wir haben das Balkenwerk ihrer großen Häuser bewundert und wie artig sie die Dächer mit den Blättern von der Fächerpalme zu decken wissen.“ (Bougainville, S. 207) Bei den von Cook so benannten Neu-Hebriden erreichten sie auf ihrer Resolution auch Tanna, wo der Ausbruch des dortigen Vulkans beobachtet werden konnte. Diesen zu besteigen, wurde ihnen jedoch strikt von den abergläubischen Insulanern verwehrt. Über Neuseeland ging es nun zur Magellan-Straße und Feuerland – erneut waren sie in einer äußerst unwirtlichen Gegend mit Kälte, Wind und vielen Entbehrungen, die ertragen werden mussten. Von dort zur Südwestküste Afrikas, wo Cook ihnen in der Tafelbucht fast einen Monat Zeit gab, sich zu erholen, die Schiffe zu reparieren und die Vorräte aufzufüllen. Die Reise war nun fast beendet. „Das Wetter war so erstaunlich heiß, als wir es auf der ganzen Reise noch nicht empfunden hatten. Demohngeachtet speisten wir nach Holländischer Gewohnheit gegen ein Uhr, das ist, gerade da die Hitze am unerträglichsten war, und fraßen mit einer Gierigkeit, die unser langes Fasten und alles ausgestandene Ungemach weit lebhafter malte, als die beste Beschreibung.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 122 Dort, am Cap, waren auch die Briefe aus Europa hinterlegt. „Wer kann das Vergnügen beschreiben, welches wir bei Eröffnung unsrer Briefe von Verwandten und Freunden fühlten? Wer kann sich vorstellen, wie viel der Umgang mit Europäern nach einer langwierigen Reise dazu beitrug, alle verhassten Eindrücke des erlittenen Elends zu verwischen und unsre ganze Lebhaftigkeit wiederherzustellen, die so viele Umstände bisher niedergedrückt hatten? Wir brachten unsre Zeit sehr angenehm zu und sammelten aus alten Zeitungsblättern die Geschichte derer Jahre, da wir sozusagen aus der Welt verbannt gewesen.“ (Forster, S. 577) Die Tafelbucht wurde regelmäßig im Herbst und im Frühjahr von Schiffen der verschiedensten Nationen angelaufen, und so trafen sie dort die Handelsflotten der Indienfahrer und Schiffe unter französischer, dänischer und schwedischer Flagge, auch Schiffe aus Portugal und Spanien, eben von allen seefahrenden Nationen. Über die verschiedenen Inseln, die auf ihrem Weg nach Norden lagen, erreichten sie drei Jahre und achtzehn Tage nach ihrer Abreise wieder die Küste Englands. Alle zurückgelegten Meilen zusammen machten eine Reise dreimal um die Welt aus. Wieder in Europa, erkannte Forster den Reichtum, der den Menschen hier gegeben ist im Vergleich zu manchen Völkern, denen sie auf ihrer Reise begegnet waren, und das sei „zunächst die Sittlichkeit als Grundlage für ein geordnetes Gemeinwesen und dann die Möglichkeit, Wissen und Erkenntnis zu erlangen. (…) Durch die Betrachtung der verschiedenen Völker müssen jedem Unparteiischen die Vorteile und Wohltaten, welche Sittlichkeit und Religion über unseren Weltteil verbreitet haben, immer deutlicher und einleuchtender werden. (…) Unzählig sind die unbekannten Gegenstände, welche wir, aller unsrer Einschränkung ohngeachtet, noch immer erreichen können. Jahrhunderte hindurch werden sich noch neue, unbeschränkte Aussichten er- öffnen, wobei wir unsre Geisteskräfte in ihrer eigentümlichen Größe anzuwenden und in dem herrlichsten Glanze zu offenbaren, Gelegenheit finden werden.“ (Forster, S. 600) Der Venus-Transit Nicht nur die Erde wollte man im Jahrhundert der Aufklärung genau vermessen, Pflanzen und Tiere der Erdteile sammeln, bestimmen, vergleichen und dem Publikum in Ausstellungen zugänglich machen. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 123 Auch der Himmel, zumindest die Entfernung zwischen Sonne und Erde, sollte vermessen werden. Der Venus-Transit, die Sonnenfinsternis, bei der sich die Venus zwischen Sonne und Erde schiebt, war das geeignete Naturschauspiel für diese Untersuchung. Es ging um die Bestimmung der Entfernung zwischen Sonne und Erde. James Cook umsegelte die Welt dreimal. Bei seiner ersten Reise hatte Cook den Auftrag, den Venus-Transit, das Vorbeiziehen der Venus vor der Sonne, von Tahiti aus zu beobachten. Dies war ein großes wissenschaftliches Projekt, an dem sich Wissenschaftler in vielen Ländern beteiligten. Der Venus-Transit war schon 1761 zu sehen gewesen und auch zu der Zeit bereits von verschiedenen Orten der Welt beobachtet und gemessen worden. Edmond Halley, nach dem der Halley Komet benannt wurde, hatte bereits 1677 diesen ersten Venus-Transit im 18. Jahrhundert und die Wiederkehr dieser Himmelserscheinung für das Jahr 1769 vorausgesagt. Danach würde dieses Ereignis erst nach weiteren 105 Jahren wieder auftreten. Man hoffte, aus den Beobachtungen an verschiedenen Orten der Erde die Größe des Sonnensystems und die Entfernung zwischen Erde und Sonne errechnen zu können. Es musste genau bestimmt werden, wann die Venus den Rand Sonnenscheibe berührte, wann sie gerade ganz im Bereich der Sonne war, wann sie beim Austritt soeben den äußeren Rand berührte und wann sie die Sonne wieder ganz verlasen hatte. Ein Teleskop und eine Uhr waren alles, was man dazu benötigte. Die Linsen des Teleskops mussten eingerußt werden. Der Rest ist Mathematik. Am 13. April 1769 landete James Cook mit seiner Endeavour auf Tahiti. „Augenblicklich befahl Cook fünfzig Männern, Gräben auszuheben, Befestigungswälle aufzuwerfen und Bäume zu fällen, um am Nordende der Matavi-Bucht ein Fort „zur Verteidigung des Observatoriums“ zu errichten.“ (Wulf2, S. 247) Der 3. Juni 1769 war nun der Tag des Venus-Transits, der außer von Tahiti auch von der Hudson Bay, mehreren Orten entlang der Ostküste Amerikas, auch in Mexiko, dreißig Beobachtungsstationen in Großbritannien, neun in Deutschland und Holland, achtzehn in Frankreich, neun in Schweden und Lappland, und zehn Orten in Russland beobachtet und gemessen wurde. (Wulf2, S. 259) Alle Ergebnisse der Messstationen sollten zusammengetragen und unter Aufsicht der Akademien für Wissenschaft in Paris, London, Stockholm und St. Petersburg ausgewertet wer- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 124 den. Aber, „wie die Astronomen beim ersten Transit, hatten Cook und seine Mannschaft auf Tahiti Mühe, den genauen Augenblick des Eintritts zu bestimmen. Solander bemerkte einen flackernden Lichtschleier, Cook eine Wellenbewegung. Der exakte Zeitpunkt, so Cook, war sehr schwer zu beurteilen.“ (Wulf2, S. 261) Den Beobachtern an allen anderen Stationen erging es nicht besser, an einigen Orten konnte gar nicht gemessen werden, die Sicht war durch Wolken versperrt. Und dennoch: trotz einem gewissen Abweichen der Daten untereinander waren die Ergebnisse doch so, dass der schließlich akzeptierte Wert dem heute gültigen Wert der Entfernung zwischen Sonne und Erde von 149 600 000 Kilometern bis auf eine Abweichung von etwa 1 Million Kilometern sehr nahe kam. Im Jahr 1769 hatte man 150 806 600 Kilometer gemessen. Alexander von Humboldt (1769–1859) Als Junge, bis zum Alter von 16 Jahren, wollte Alexander von Humboldt, wie er selbst schrieb, Soldat werden, ein Vorhaben, das die Eltern missbilligten. „Ich musste mich dem Finanzwesen widmen und habe nie in meinem Leben Gelegenheit gehabt, einen Kurs in Botanik oder Chemie zu absolvieren; nahezu alle Wissenschaften, mit denen ich mich beschäftigte, habe ich mir selbst und sehr spät angeeignet. Vom Studium der Pflanzen habe ich nicht sprechen hören, bis ich 1788 Herrn Willdenows Bekanntschaft machte.“ AvH, S. 51) Humboldt kam mit Willdenow in Berlin zusammen, kannte dessen Buch über die Flora Berlins und war nun begeistert von der Einführung in die Botanik. „Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestürmte ihn mit Besuchen. Ich lernte neue ausländische Pflanzen kennen. Er schenkte mir einen Halm Oryza sativa (eine Reispflanze), den Thunberg aus Japan mitgebracht. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben die Palmen des Botanischen Gartens, ein unendlicher Hang nach dem Anschauen fremder Produkte erwachte in mir. In drei Wochen war ich ein enthusiastischer Botanist.“ (S. 34) Humboldt war zu dieser Zeit bereits Student und veröffentlichte bald seine Arbeit „Beobachtungen über die Basalte am Rhein.“ Die genaue Kenntnis, die aus einer systematischen und vergleichenden Untersuchung der Natur hervorging, so seine Meinung, müsste doch schließlich helfen, die Naturgesetze zu entschlüsseln. Aus dieser Passion für das Beobachten, Sammeln und das zeichnerische Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 125 Darstellen aller Lebensformen erstand später ein großes wissenschaftliches Werk, in dem Alexander von Humboldt Tiere und Pflanzen aus verschiedenen Kontinenten beschreiben, vergleichen und bildlich darstellen konnte. Bei Daniel Chodowiecki hatte er Unterricht in der Technik des Kupferstichs erhalten, später, in Paris, lernte er Zeichnen und Malen bei dem Maler François-Pascal Gérard. Aus seinen Skizzen, von denen viele durch verschiedene Künstler und ihn selbst zu Meisterwerken wurden, entstand das „Graphische Gesamtwerk“. Gespräche mit Georg Forster, der ihm von seiner Reise mit James Cook berichtete, ließen eine Faszination für die Tropen entstehen. Beide waren sich in Göttingen, wo Humboldt studierte, begegnet. Nun reisten sie vier Monate durch Europa, kamen auch nach London, Humboldt war überwältigt von der sichtbaren Handelsaktivität des Landes, den zahllosen Schiffen der Ostindian Company auf der Themse und im Hafen, die Waren aus dem fernen Osten brachten und mit Ausfuhrgut neu beladen wurden. In England machte Forster den jungen Humboldt mit zahlreichen Wissenschaftlern und Entdeckern bekannt, so auch mit dem Botaniker Joseph Banks, Präsident der Royal Society, und William Bligh, dem Kapitän der „Bounty“, der die damalige Meuterei auf dem Schiff überlebt hatte und sich mit einem kleinen Beiboot über 6 000 Meilen bis zum ostindischen Timor in der Südsee retten konnte (Geier, S. 124). Humboldt war fasziniert von den Gemälden von William Hodges, der – wie Banks – James Cook auf dessen erster Reise um die Welt begleitet hatte. All dies machte die Sehnsucht, in die Tropen zu reisen und wissenschaftlich zu arbeiten, nur noch größer. Humboldt nennt selbst die wesentlichen Einflüsse, die ihn bewogen, von einer solchen Reise zu träumen, es waren: „Georg Forsters Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges, die Ufer des Ganges darstellend; ein kolossaler Drachenbaum in einem alten Turm des botanischen Gartens in Berlin.“ (AvH3, S. 8) Noch musste er sich gedulden, sein Studium an der Handelsakademie in Hamburg beenden und – er war zweiundzwanzig – auf Wunsch seiner Mutter ein weiteres Studium an der Bergakademie in Freiberg bei Dresden beginnen, wo er wichtige geologische und mineralogische Kenntnisse erwarb. Auch hier untersuchte Humboldt Pflanzen, dabei besonders solche, die auf Steinen oder feuchten Holzbalken wuchsen. Es war ihm ein Rätsel, wie Leben unterirdisch in tiefer Dunkelheit und bei geringem Sauerstoff- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 126 gehalt vorkommen konnte: „Eine Vegetation im Innern unseres festen Erdkörpers in einer mit Stickluft überschwängerten, des Lichtstoffes beraubten Atmosphäre schien mir zu merkwürdig, um nicht meine ganze Aufmerksamkeit zu beschäftigen, und vielleicht hatte nie jemand so viel Gelegenheit sie zu beobachten als ich, der ¾ Jahr alle Tage 4–5 Stunden regelmäßig in der Grube zubrachte.“ In mehreren Aufsätzen „beschreibt Humboldt 260 ›Cryptogamia‹ (Pflanzen mit ›verborgenem Geschlecht‹, zu denen Algen, Pilze, Flechten, Moose und Farne gehören), die bei Freiberg vorkommen, wobei es ihm besonders darauf ankommt, die Abhängigkeit der Pflanzen von der Bodenbeschaffenheit, der Gesteinsart, der Höhenlage und anderen Landschaftsfaktoren ins Blickfeld zu rücken.“ (Geier, S. 158) Nach nur einem Jahr, das Studium dauerte in der Regel drei Jahre, bestand er das Abschlussexamen und wurde sofort zum Bergassessor ernannt. Als seine Mutter 1796 starb, konnte Alexander von Humboldt mit dem geerbten Vermögen endlich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und eine lange geplante Reise planen, auch wenn er sich nicht sofort entscheiden konnte, wohin ihn diese führen sollte. „Ich wollte mich noch besser auf die Reise vorbereiten; ich ging an die Universität Jena, um einen kompletten Kurs in Anatomie zu absolvieren. Ich veröffentlichte mein Werk über die Reizung der Nerven- und Muskelfasern in zwei Bänden, eine Schrift, die sich nicht allein mit dem Galvanismus befasst, sondern auch mit mehr als tausend Versuchen über Chemikalien, die mit den Organen in Kontakt gebracht worden waren.“ (AvH, S. 55) Humboldt hatte sich von den Arbeiten Galvanis inspirieren lassen. Bevor er sich für ein Ziel entschied, wollte Humboldt zunächst die Instrumente testen, die er für die verschiedenen Messungen, die er durchführen wollte, erworben hatte. Die besten Instrumente waren damals in Paris zu kaufen. Mit ihnen wollte Humboldt Standort- und Höhenbestimmungen vornehmen und den Druck, die Feuchtigkeit der Luft, den Siedepunkt des Wassers, den Kohlen- und Sauerstoffgehalt der Atmosphäre, den Erdmagnetismus, und mit dem Cyanometer die Intensität der blauen Himmelsfarbe bestimmen. Fernrohr, Kompass und Mikroskop gehörten selbstverständlich auch zu der Ausrüstung, ebenso wie Gläser für Bodenproben und Pflanzensamen, Papierbögen und zahlreiche Werkzeuge. Humboldt kaufte die modernsten Geräte Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 127 der Zeit, er wollte alles messen, was man seinerzeit mit Instrumenten erfassen konnte. Wichtig war, dass die Geräte unempfindlich waren gegen Hitze, Feuchtigkeit und Erschütterungen. Mit dem Thermometer würde er die Temperatur des später nach ihm benannten kalten Humboldtstroms vor der Westküste Südamerikas feststellen. Die Tüchtigkeit seiner Instrumente überprüfte Humboldt in den Alpen, ebenso in den Pyrenäen, maß alles, was sich mit seiner Ausrüstung bestimmen ließ und notierte die Ergebnisse. Da er wusste, dass er in den Tropen große physische Belastungen würde aushalten müssen, setzte er sich zur Abhärtung allen möglichen Witterungen und Unbequemlichkeiten aus. Auf seinen verschiedenen Reisen hatte Humboldt die Naturforscher Marc-Auguste Pictet und Déodat Guy de Dolomieu kennengelernt, in Wien den berühmten Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin. In Paris begegnete er zahlreichen weiteren Wissenschaftlern, so auch Louis Antoine de Bougainville und den Kapitän Nicolas Baudin, der ihn einlud, ihn auf einer erneuten Reise in die Südsee und bis zum Südpol zu begleiten. Die Reise kam jedoch wegen fehlender staatlicher Unterstützung nicht zustande. Humboldt machte sich daher über Marseille (er hatte gehofft, von dort nach Afrika übersetzen zu können, was sich zerschlug) nach Madrid auf. Aimé Bonpland, den er in Paris kennengelernt hatte, begleitete ihn. Er teilte Humboldts Interesse an der Naturforschung und seinen unbedingten Willen, eine Expeditionsreise zu unternehmen. In Madrid ging nun alles überraschend schnell. Der sächsische Botschafter, selbst ein ausgezeichneter Mineraloge, stellte eine Beziehung zum Wissenschaftsminister her, dieser ermöglichte eine Audienz beim König. Der spanische König ließ beiden Pässe ausstellen, die ihnen erlaubten, in die Kolonien in Südamerika einzureisen und sich dort frei zu bewegen. Von La Coruña ging es zunächst zu einem Zwischenstopp nach Teneriffa, wo Humboldt darauf bestand, den 3700 Meter hohen Gipfel des dortigen Vulkan Pico del Teide zu besteigen. „Vulkanismus nenne ich im allgemeinsten Sinne des Wortes, sei es auf der Erde oder auf ihrem Trabanten, dem Mond, die Reaktion, welche das Innere eines Planeten auf seine Rinde ausübt. Die Kenntnis der inneren Erdwärme wirft ein dämmerndes Licht auf die Urgeschichte unseres Planeten. Sie zeigt die Möglichkeit einstmaliger allverbreiteter tropischer Klimate als Folge offener, Wärme aus- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 128 strömender Klüfte in der neu erhärteten oxydierten Erdrinde. Sie erinnert an einen Zustand, in dem die Wärme des Luftkreises mehr von diesen Ausströmungen, von der Reaktion des Inneren gegen das Äußere, als von der Stellung des Planeten gegen die Sonne bedingt war.“ (AvH4, S. 20) In Neuandalusien, das heute Teil Venezuelas ist, gingen Humboldt und Bonpland an Land, ihre erste Station war Cumaná. „Ein Blick umfasst Heliconien (Hummerscheren oder auch Falsche Paradiesvogelblumen), hochgefiederte Palmen, Bambusgewächse, und über diesen Formen der Tropenwelt: Eichenwälder, Mespilus (Mispelbaum)-Arten und Dolden-Gewächse, wie in unserer deutschen Heimat; ein Blick umfasst das südliche Kreuz, die Magelhanischen Wolken (Zwerggalaxien nahe der Milchstraße) und die leitenden Sterne des Bären, die um den Nordpol kreisen. Dort öffnen der Erde Schoß und beide Hemisphären des Himmels den ganzen Reichtum ihrer Erscheinungen und verschiedenartigen Gebilde; dort sind die Klimate, wie die durch sie bestimmten Pflanzen-Zonen schichtenweise übereinander gelagert; dort sind die Gesetze abnehmender Wärme, dem aufmerksamen Beobachter verständlich, mit ewigen Zügen in die Felsenwände der Andenkette, am Abhang des Gebirges, eingegraben.“ (AvH4, S. 14) In Cumaná, wie später auch auf Kuba, beobachte Humboldt aber auch den von ihm verabscheuten Sklavenhandel und die Arbeit der Sklaven auf den Feldern. Humboldt2 wandte sich auch ganz grundsätzlich gegen den Kolonialismus. „Ohne Zweifel ist die Sklaverei das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt hat. Woher kommt dieser Mangel an Moral, woher diese Leiden, dieses Unbehagen, dem jeder empfindsame Mensch in den europäischen Kolonien ausgesetzt ist? Das rührt daher, dass die Idee der Kolonie selbst eine unmoralische Idee ist, diese Idee eines Landes, das einem anderen zu Abgaben verpflichtet ist, eines Landes, in dem man nur zu einem bestimmten Grad an Wohlstand gelangen soll, in welchem der Gewerbefleiß, die Aufklärung sich nur bis zu einem bestimmten Punkt ausbreiten dürfen. Denn jenseits dieser Grenze würde das Mutterland nach eingebürgerten Vorstellungen weniger gewinnen, jenseits dieser Mittelmäßigkeit würde sich eine zu starke, wirtschaftlich zu selbständige Kolonie unabhängig machen. Jede Kolonialregierung ist eine Regierung des Misstrauens.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 129 Das Klima der Tropen, die fruchtbare Landschaft, die prächtigen Farben der Pflanzen, eine ihnen bislang unbekannte, unendlich artenreiche Tierwelt überwältigten Humboldt und Bonpland. Sie wussten nicht, wie sie alles sammeln, ordnen und katalogisieren sollten. An seinen Bruder schrieb er: „Wie Narren laufen wir bis jetzt umher. In den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören. Aber schöner noch als diese Wunder im Einzelnen ist der Eindruck, den das Ganze dieser kraftvollen, üppigen und doch so leichten, erheiternden, milden Pflanzennatur macht.“ (Geier, S. 216) Humboldt suchte nicht wie Newton nach mathematisch begründbaren Gesetzen, um die Welt zu erklären, er war der Meinung, die Natur müsse zunächst genau beobachtet, erlebt und gefühlt werden. „Was ich physische Weltbeschreibung nenne (die vergleichende Erd- und Himmelskunde), macht keine Ansprüche auf den Rang einer rationellen Wissenschaft der Natur; es ist die denkende Betrachtung der durch Empirie gegebenen Erscheinungen als eines Naturganzen. Wie in jenen höheren Kreisen der Ideen und Gefühle, in dem Studium der Geschichte, der Philosophie und der Wohlredenheit, so ist auch in allen Teilen des Naturwissens der erste und erhabenste Zweck geistiger Tätigkeit ein innerer, nämlich das Auffinden von Naturgesetzen, die Ergründung ordnungsmäßiger Gliederung in den Gebilden, die Einsicht in den notwendigen Zusammenhang aller Veränderungen im Weltall.“ (AvH4 S. 24) Die weitere Reise ist hier nur kurz anzudeuten: die öde, fast unerträglich heiße Ebene der Llanos mussten sie durchqueren, um zum Rio Apure zu gelangen, auf dem sie zum unteren Orinoco vordringen wollten. (Abb. 9 Floß) Ihr Ziel war, zu beweisen, dass der Rio Casiquiare eine Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas bildete. Im Urwald erkannten sie den unerbittlichen Kampf stärkerer gegen schwächere Lebewesen im Kampf um das Überleben. Aber auch sie selbst waren häufig in großer Gefahr, mussten nachts Feuer um die Zelte herum brennen lassen, um Raubtiere abzuschrecken, und die in den Flüssen kaum bemerkbaren Krokodile schwammen häufig genug bedrohlich nahe an das Boot heran. Zurück in Cumaná, brachen sie nach drei Monaten, in denen sie ihre Sammlungen ordneten, nach Ku- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 130 ba auf. Dort erfuhren sie, dass Baudin nun doch reisen konnte und dass er in Lima Station machen würde. Der Entschluss war sofort gefasst, sie mussten ohne Zögern nach Lima aufbrechen, aber nach der Übersetzung von Kuba nach Cartagena nicht weiter auf dem bequemen Seeweg, sondern über die schwierig zu überquerenden Anden. Humboldt wollte auf dem Weg nicht nur weitere Naturbeobachtungen im Gebirge und in den Gebirgstälern vornehmen, sondern unbedingt den Chimborazo besteigen, den schneebedeckten Vulkan, südlich von Quito, im heutigen Ecuador. Friedrich Georg Weitsch: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo „Das spanische Kolonialreich in Lateinamerika bestand aus vier Vizekönigreichen und einigen autonomen Verwaltungseinheiten. Das Vizekönigreich Neugranada umfasste weite Gebiete des nördlichen Teils von Südamerika: mehr oder weniger die heutigen Territorien von Panama, Ecuador und Kolumbien sowie Teile von Nordwestbrasilien, Nordperu und Costa Rica.“ (Wulf2, S. 108) 4000 Kilometer waren zu Abb. 9: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 131 bewältigen, sie hatten nach ihren Berechnungen neun Monate Zeit, um mit Baudin in Lima zusammenzukommen. In Bogotá konnte Humboldt den berühmten Botaniker José Celestino Mutis kennenlernen, der über die größte Kenntnis der südamerikanischen Flora und eine entsprechende Sammlung verfügte. „Das zergliedernde und ordnende Denkvermögen tritt in seine Rechte ein; und wie die Bildung des Menschengeschlechts, so wächst gleichmäßig mit ihr, bei dem Anblick der Lebensfülle, welche durch die ganze Schöpfung fließt, der unaufhaltsame Trieb, tiefer in den ursächlichen Zusammenhang der Erscheinungen einzudringen. Das Messen und Auffinden numerischer Verhältnisse, die sorgfältigste Beobachtung des Einzelnen bereitet zu der höheren Kenntnis des Naturganzen und der Weltgesetze vor.“ (AvH4, S. 18) Humboldt hatte recht. Die genaue Beobachtung steht am Anfang einer wissenschaftlichen Untersuchung, erst danach kann man in tiefere Zusammenhänge vordringen. Er lebte in einer Zeit, in der man zwar die Bewegungen der Planeten berechnen konnte, aber in der Biologie und anderen Naturwissenschaften wurde noch makroskopisch beobachtet, das Mikroskop half nur dazu, ein Objekt ein wenig vergrößert darzustellen. Es würde noch lange dauern, bis Methoden und Geräte zur Verfügung stünden, um in die atomare Ebene vorzudringen, so dass die kleinsten Bausteine eines chemischen Elements untersucht werden konnten und man begann, das Genom als die vererbbare Information von Eigenschaften einer jeden Zelle eines Lebewesens, Pflanze oder Tier, das Rätsel des Lebens zu entschlüsseln. Auf ihrer sehr beschwerlichen Reise über die Anden dienten ihnen Maultiere als Reit- und Lasttiere, die auch Proviant, das Gepäck und alle Kisten mit den gesammelten Schätzen trugen. Auf schmalsten Pfaden, durch enge Schluchten, bei jedem Wetter, oft tagelangen Regengüssen mussten sie sich mit größter Vorsicht bewegen und sehr harte Bedingungen ertragen. „Unsere Stiefel faulten uns an den Beinen, und mit nackten und verletzten Füßen kamen wir in Cartago an, aber mit einer schönen Sammlung neuer Pflanzen bereichert, von denen ich viele Zeichnungen mitbringe.“ (AvH.2, S. 149) Humboldt ließ sich durch nichts beirren, er war im positivsten Sinn besessen von der Idee, soviel wie möglich von den Naturgegebenheiten aufzunehmen und zu untersuchen und dabei jede Strapaze zu ertragen. Schon damals hatte Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 132 er seiner Wirtin in den Alpen gesagt, „der ganze Kniff sei, sich nie etwas durchgehen zu lassen.“ (Kehlmann, S. 38) Endlich in Quito angelangt, erfuhren sie, dass Baudin nicht über Südamerika, sondern über das Kap der Guten Hoffnung nach Australien segeln wollte. Sie blieben fünf Monate in Quito, Humboldt bestieg mehrere Vulkane, aber als er über deren Rand in den Abgrund des Kraters blickte, erschrak er: „Ich glaube nicht, dass sich die Phantasie etwas Tristeres, Finstereres und Schrecklicheres vorstellen kann.“ (AvH2, S. 151) Das Ziel aber blieb der Chimborazo, zu dem sie nun aufbrachen. Auf 4750 m weigerten sich die Träger weiterzugehen, Humboldt und Bonpland und zwei Begleiter ließen sich dadurch nicht beirren und stiegen weiter auf. Unter schwierigsten Bedingungen und trotz beginnender Höhenkrankheit führte Humboldt weiterhin regelmäßige Messungen durch. Nur dadurch, dass sich der Nebel plötzlich lichtete, bemerkten sie, dass sie unmittelbar vor einer tiefen Gletscherspalte standen. Ein Tiefschneefeld, über das sie die Spalte hätten umgehen können, war in der Mittagssonne so aufgeweicht, dass an ein Betreten nicht zu denken war. Sie waren auf 5917 Meter Höhe aufgestiegen, es fehlten nur 300 Meter bis zum Erreichen des Gipfels. An seinen Bruder schrieb er: „(…) Auf unserer Rückkehr fiel so viel Schnee, dass wir Mühe hatten, uns zu erkennen. Weinig geschützt vor der Kälte, die diese hohen Regionen durchdringt, litten wir schrecklich, besonders aber ich, denn ich hatte die Unannehmlichkeit, von einem Sturz wenige Tage vorher einen wunden Fuß zu haben, der mich schrecklich behinderte auf einem Weg, wo man jeden Augenblick gegen einen spitzen Stein stieß und wo man jeden Schritt genau berechnen musste.“ (AvH2, S. 152) Die nächste Station war Lima, von wo es per Schiff nach Guayaquil ging und von dort nach Mexiko. Fast ein Jahr lang reisten und arbeiteten sie in Zentral-Mexiko, um botanische, geographische und anatomische Untersuchungen vorzunehmen. Von Havanna ging es dann über Washington, wo Humboldt mit Präsident Jefferson zusammentraf und auch hier die Sklaverei beklagte, zurück nach Europa. Mehrere Jahrzehnte war Humboldt nun damit beschäftigt, alle Sammlungen, seine botanischen, mineralogischen und zoologischen Schätze, die er in zahlreichen Kisten nach Hause mitgebracht hatte, zu einem gewaltigen publizistischen Werk zu verarbeiten. Er hatte sich ein gro- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 133 ßes Netzwerk wissenschaftlicher Beziehungen aufgebaut, kannte viele Forscher persönlich und hatte sich Zugang zu der gesamten wissenschaftlichen Literatur der Zeit verschafft. In Südamerika gibt es keinen Deutschen, der so berühmt ist wie Alexander von Humboldt. In Deutschland jedoch ist es sein Bruder Wilhelm, der den Schulen und Straßen einen Namen gibt. Wilhelm war der Staatstheoretiker, Politiker, Sprachforscher, Gründer der Berliner Universität und der Bildungsreformer, der dem Schul- und Universitätswesen eine neue Struktur und inhaltliche Ausrichtung gab. Wilhelm von Humboldt (1767–1835) Sammeln, messen, bestimmen, analysieren, vergleichen, katalogisieren – es war der Geist des Erkenntnisgewinns, der James Cook auf seine Weltreisen, Alexander von Humboldt nach Südamerika trieb, Wilhelm von Humboldt zum Sammler und Analytiker von Sprachen und Sprachforscher, Diderot zum Sammler alles Wissens machte. Diese „Entdecker“ werden stellvertretend für viele andere genannt, die ebenfalls im 18. Jahrhundert ähnlichen Forschungen nachgingen und Systematiken von Pflanzen und Tieren erstellten. Wilhelm von Humboldt soll jedoch nicht auf seine Arbeiten als Sprachforscher reduziert werden, er trat – ganz im Geist der Aufklärung – ebenso als Reformer des Ausbildungswesens und Gründer der Berliner Universität und auch als Anreger von Staatsreformen hervor und hatte in der großen Zeit der preußischen Neuordnung nach der Niederlage gegen Napoleon einen Plan für die Verfassung eines in der Zukunft geeinten Deutschlands, das eine konstitutionelle Monarchie sein sollte, entworfen. Dieses zukünftige Deutschland sollte eine Föderation sein, in der die jeweiligen Traditionen und Eigenheiten, die Individualität der Länder erhalten blieben. Nur bestimmte übergreifende politische Funktionen würden von den Teilstaaten an die Unionsregierung abgegeben werden. (Trabant, S. 21) Schon zuvor, 1792, hatte er unter dem Eindruck der Französischen Revolution und der chaotischen Zeiten danach einen Text mit dem Titel „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ veröffentlicht. Er war 1789 mit seinem früheren Lehrer Joachim Campe nach Paris gereist, um sich vor Ort einen Eindruck von den revolutionären Vorgängen zu machen. Mit der neuen Verfassung, die auf der amerika- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 134 nischen Erklärung der Menschenrechte beruhte, hatte die französische Nationalversammlung zunächst das absolutistische Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie, danach in eine Republik verwandelt. Humboldt war damals skeptisch, ob „ein völlig neues Staatsgebäude, nach bloßen Grundsätzen der Vernunft eingesetzt“, gefestigt genug sein könne, um auf Dauer „gedeihen“ zu können. Er meinte: „Staatsverfassungen lassen sich nicht auf Menschen wie Schösslinge auf Bäume pfropfen.“ Humboldt war überzeugt, dass ein Staat nur durch das Mitwirken der einzelnen Bürger erfolgreich sein könne: „Wenn also die Staatskunst sich meistens dahin beschränkt, volkreiche, wohlhabende, wie man zu sagen pflegt, blühende Länder hervorzubringen, so muss ihr die reine Theorie laut zurufen, dass freilich diese Dinge sehr schön und wünschenswert sind, dass sie aber von selbst entstehen, wenn man die Kraft und Energie der Menschen, und zwar durch Freiheit, erhöht.“ Humboldt führte weiter aus: „In vielen Fällen kann ein Land freilich schneller bevölkert, wohlhabend, ja sogar in gewissem Grad aufgeklärt werden, wenn die Regierung alles selbst tut, den Bürgern das von ihr anerkannte Gut aufdringt, als wenn sie dieselben den freilich langsameren, aber auch sicheren Weg der eigenen Ausbildung gehen lässt.“ Diesen Ansatz der staatlichen Vormundschaft lehnte Humboldt jedoch ab. Der Staat, so Humboldts Überzeugung, dürfe sich nur um das Notwendigste kümmern, und dieses Notwendigste sei nur die vom Staat zu garantierende Sicherheit. „Alles Übrige schafft sich der Mensch allein, jedes Gut erwirbt er allein, jedes Übel wehrt er ab, entweder einzeln oder in freiwilliger Gesellschaft vereint. Nur die Erhaltung der Sicherheit, da hier aus jedem Kampf immer neue entstehen würden, fordert eine letzte widerspruchslose Macht und, da dies der eigentliche Charakter eines Staates ist, nur diese eine Staatseinrichtung. Dehnt man die Wirksamkeit des Staates weiter aus, so schränkt man die Selbständigkeit auf eine nachteilige Weise ein, bringt Einförmigkeit hervor und schadet, mit einem Wort, der inneren Ausbildung des Menschen.“ (zitiert aus Scurla, S. 107) Die Zeit unter Friedrich Wilhelm II. konfrontierte Humboldt mit einer ganz anderen Wirklichkeit, als sie seinem Ideal vom Staat entsprach, es war der „Militär- und Beamtenstaat, welcher aus Menschen Maschinen macht und den Geist durch leere Geschäfte abstumpft, während er so viele Kräfte der wirklichen Arbeit entzieht.“ Humboldt Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 135 sah die ganze Nation in dieser Zeit moralisch und geistig heruntergebracht. Mit Schiller war er sich einig, dass die Humanisierung eines Volkes erst dann möglich sei, wenn es von Unterdrückung und materieller Not befreit sei. So hat Humboldt mit großem Interesse die Vorgänge der französischen Revolution beobachtet, zunächst mit Zustimmung. Aber als es im weiteren Verlauf zu der Schreckensherrschaft kam, schrieb er: „Ich bin überzeugt, dass etwas Gutes aus dem Chaos hervorgehen wird. Aber dass alles Gute so durch Blut wandern, jeder Übergang zum Besseren erst wieder das viel Schlechtere mit sich führen muss!“ Was gut war an der Französischen Revolution, das Erstreben der Freiheit, war auch Wilhelm von Humboldts Ideal. Aber zu seinem zutiefst humanistischen Denken gehörte auch die Hoffnung, dass der Fürst selbst die Freiheit gewährt, und zwar „als Erfüllung seiner ersten, unerlässlichen Pflicht.“ Seine Überlegungen zu den Aufgaben des Staates hatte Humboldt nicht nur aus der direkten Beobachtung der Vorgänge in Frankreich, sondern auch aus dem Studium der Antike, besonders des Griechentums entwickelt. Dass er aus seiner Bewunderung der antiken griechischen Literatur – Humboldt übersetzte Tragödien von Aischylos –, der Mythologie und der Werke der Bildhauer die Lebenswirklichkeit der Griechen idealistisch überhöhte, war ihm bewusst. Er erkannte: dass „wir offenbar das Altertum idealistischer ansehen, als es war.“ Humboldt hatte in seinem Haus, dem Schloss in Tegel, seine große Sammlung antiker Skulpturen und Reliefe aufgestellt und in dem größten Raum des Hauses einen Antikensaal eingerichtet, um dort die Gipse antiker Statuen zu präsentieren, die seine Frau Caroline und er sehr gezielt in Rom erworben hatten. Humboldt wollte sich mit den Darstellungen der „Grundbedingungen des menschlichen Lebens: Ehre, Würde, Vertrauen, Liebe“ umgeben. (v. Heinz, S. 196) (Abb. 10 Antikensaal) Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 136 Schloss Tegel, Antikensaal Während seiner Jenaer Jahre kam Humboldt mit Professoren der dortigen Universität, vor allem aber mit Schiller, später auch mit Goethe zusammen, es war die Zeit, die ihm erlaubte, im Gespräch mit Freunden seine Gedanken zu überprüfen und zu vertiefen. Als Schiller die Zeitschrift Horen gründete, holte er Humboldt, Karl Ludwig Woltmann, den dortigen Professor für Geschichte und Johann Gottlieb Fichte in den Viererrat, mit dem er Konzept, Ziel und Inhalt der Zeitschrift festlegte. Die Zeitschrift sollte das Neueste aus der Philosophie, Geschichtsforschung und Literatur vermitteln, sie sollte, so Schiller, die Leser durch Wahrheit und Schönheit bilden. Selbstverständlich wurde auch Goethe zu Mitarbeit und Autorenschaft eingeladen. Goethe und Schiller festigten ihre Freundschaft durch die gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift: „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut wie aufgehört hatte“, schrieb Goethe an Schiller und dieser zurück, dass seine schöpferische Begegnung mit Goethe „das wohltätigste Ereignis“ seines Lebens sei. Seine Mitwirkung an diesem Projekt gab Humboldt Abb. 10: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 137 die Möglichkeit, die geisteswissenschaftlichen Strömungen der Zeit unmittelbar zu erleben und aufzunehmen. Bessere Voraussetzungen für die Entwicklung seines Denkens, seiner Bildung und seiner weiteren schriftstellerischen und politischen Tätigkeit hätten ihm nirgends sonst geboten werden können. Fichte war durch engagierte Empfehlung Goethes nach Jena berufen worden, auch wenn der Herzog Vorbehalte hatte, vor allem wegen Fichtes Schrift Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten. In seiner Religionslehre, der Anweisung zum seligen Leben veröffentlichte Fichte seine Gedanken zur Selbstbestimmung des Menschen. Der Mensch habe keinen Herren über sich, er folge allein dem Gesetz, das er sich als Vernunftwesen selbst gegeben habe. Fichte trug dazu bei, Kants Philosophie berühmt zu machen und war selbst bereits ein sehr angesehener Philosoph. Zu dem engeren Kreis der Freunde, die häufig Fichtes Vorlesungen besuchten, gehörten auch Alexander von Humboldt, Caroline von Beulwitz (geborene von Lengefeld, Schillers Schwägerin), ihr späterer Ehemann Wilhelm von Wolzogen, der Arzt Wilhelm Hufeland, der Anatom Justus Christian Loder, natürlich Wilhelm von Humboldts Ehefrau Caroline, der Lyriker Karl Ludwig von Knebel aus Weimar, Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland und viele andere. Ein bedeutenderes Netzwerk könnte man sich nicht vorstellen. Während der Zeit in Jena entstand eine lebenslange Freundschaft und tiefe Verbundenheit zwischen Humboldt, Goethe und Schiller. Humboldt war acht Jahre jünger als Schiller, achtzehn Jahre jünger als Goethe, so dass, auch wenn er in Vielem anregend für beide war, doch vor allem er über eine Weile von jenen aufnahm. Den Jüngeren zu fördern, sahen Goethe und Schiller als Verpflichtung an, Schiller schrieb: „So wohltätig es aber auch für jeden ist, der einen gewissen Gedankenreichtum mitzuteilen hat, so wohltätig, ja höchst notwendig ist es auch für ihn, von außen ins Spiel gesetzt zu werden und zu der scharfen Schneide seiner intellektuellen Kräfte einen Stoff zu bekommen.“ „Humboldts Weg nach Jena, zu Schiller und Goethe, war nicht zuletzt die Ausflucht eines hochbegabten und hochgelehrten jungen Mannes aus der Wirrnis der Zeit, aus der Gebrochenheit ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse, aus der deutschen Misere, wie dem ver- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 138 meintlichen Rückfall der Franzosen in die Barbarei. Es war die Flucht eines idealistischen Suchers in das Reich klassischer Dichtung und Menschenbildung. Der Geist des Griechentums schien ihm im Schaffen Schillers und Goethes eine Auferstehung zu feiern, wegweisend für die Menschenbildung, für die Erziehung des Menschen zu freiheitlicher Gestaltung des Lebens, zur Humanität.“ (Scurla, S. 144) Humboldt hätte nicht besser vorbereitet werden können, um später, nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt, an der Seite der Reformer im Kreis des Heinrich vom Stein energisch und zielbewusst gegen das Morsche und Überholte in Preußen zu kämpfen, jedenfalls solange es die Reaktion zuließ, der er sich schließlich doch hat beugen müssen. Wenn die Menschen der Aufforderung „habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen“ folgen sollten, müssten sie zunächst diesen Verstand ausbilden. Ein leistungsfähiges Erziehungssystem war die Voraussetzung, wenn freie Staatsbürger selbständig und eigenverantwortlich handeln sollten. Und Humboldt war auch hier mit Schiller einig, dass nur die Reform der Erziehung eine Veränderung der Verhältnisse zum Positiven bewirken könne. Dies war in der Zeit nach den gegen Napoleon verlorenen Schlachten, als Preußen am Abgrund stand, nicht einfach. Stein und Hardenberg hatten die nach ihnen benannten Reformen ausgearbeitet und teilweise umgesetzt, als die innerpreußische Restauration, die vom König selbst und vor allem von dem Land besitzenden Adel betrieben wurde, vieles wieder rückgängig machte. Dies war die Situation, als Wilhelm von Humboldt die Leitung der Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts übertragen wurde. Humboldts Hauptanliegen im Erziehungswesen war die Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für alle, so dass jeder seine individuellen Fähigkeiten entfalten könnte. Für die Entwicklung der Gesellschaft sei allein das freie Individuum – entsprechend seinen Möglichkeiten ausgebildet und erzogen – entscheidend, der Einfluss des Staates müsse soweit wie möglich zurückgedrängt werden. (L. Gall, S 65) Georg Heinrich Nicolovius, einer der engsten Vertrauten und Mitarbeiter Humboldts und sein Vorgänger in der Sektion des Kultus und Unterrichts, hatte sich mit den Auffassungen Johann Heinrich Pestalozzis, des berühmten Schweizerischen Pädagogen und Schulreformers, besonders mit denen zur Elementarschule beschäftigt und sich diese zu eigen gemacht. Dieser schrieb: „Es gibt gewisse Kenntnisse, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 139 die allgemein sein müssen, und noch mehr eine Bildung der Gesinnung und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufes nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben sehr leicht geschieht, von einem zum andern überzugehen.“ Gemeinsam mit Nicolovius gestaltete Humboldt die Grundschulausbildung nach den Grundsätzen Pestalozzis, aber auch die weiterführende Ausbildung. Zu dem von ihm konzipierten dreistufigen Erziehungssystem gehörte das Gymnasium, das auf der Elementarschule aufbaute und auf die Universität vorbereitete. Die Reform der höheren Schule lag Humboldt besonders am Herzen, er ist der Schöpfer des humanistischen Gymnasiums. Wenn die Sprache nach Humboldts Worten als „Abdruck der Welt“ zu sehen ist, war es nach seinen eigenen Überzeugungen unverzichtbar, dass die Schüler eines humanistischen Gymnasiums Griechisch und Latein lernten, um sich auf diese Weise in die Welt der Antike einzudenken. Gleichberechtigt standen neben den alten Sprachen Mathematik, Geschichte und deutsche Literatur. Alles zusammen bildete die beste Vorbereitung für die Universität, eine Spezialschule (z. B. eine Fachschule für die landwirtschaftliche Ausbildung, auch die Bergakademie in Freiberg, an Alexander von Humboldt studiert hatte) oder das berufliche Leben. An der Universität schließlich, so seine dezidierte Meinung, müssten Forschung und Lehre eine Einheit bilden, den entsprechenden Freiraum müsse der Staat den Universitäten garantieren. Das Ideal, Menschen zu bilden, war in den Jahren in Jena zu Humboldts Bildungsprinzip gereift. Es ist nur folgerichtig, dass Humboldt mit der engagierten Unterstützung durch den Philosophen Fichte, den Theologen Schleiermacher und natürlich seinen Freund Nicolovius die Universität in Berlin gründete. Die Inhalte einer humanistischen Erziehung in den Schulen und an der Universität waren in Humboldts Denken sehr konkret geworden, so dass er, als er berufen wurde, das Bildungssystem in Preußen zu reformieren, bereit war und seine Ideen in kürzester Frist umsetzen konnte. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 140 Humboldts Ansatz in der Sprachwissenschaft ging davon aus, dass sich der menschliche Gedanke als Sprache mitteilt und daher die Sprache Rückschlüsse auf das charakteristische Denken eines Sprachraums erlauben müsse: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedankens. Die intellektuelle Tätigkeit, durchaus geistig, durchaus innerlich und gewissermaßen spurlos vorrübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlich und wahrnehmbar für die Sinne.“ (WvH2, S. 321) Sprache ist Rede und damit Ausdruck des Gedankens in der Sprache des jeweiligen Landes. Diese landeseigenen, spezifischen Denk- und Ausdrucksformen wollte er erforschen. Und Sprache ist Einladung zum Gespräch, wie Humboldt sagt. In der Kommunikation ermöglicht sie ein Mitdenken. Diese theoretischen Überlegungen führten Humboldt zu dem systematischen Vergleich vieler verschiedener Sprachen, ihres Satzaufbaus, ihrer Poesie und Grammatik. Während sein Bruder in Südamerika eine riesige biologische Materialsammlung zusammenfügte, entdeckte Wilhelm von Humboldt in Spanien die baskische Sprache. „Da ich nun schon des Spanischen recht gut mächtig bin, Portugiesisch zulerne und auch das Altprovenzalische nicht versäume, das eigentlich die Muttersprache des neueren Italienischen, Französischen und Spanischen ist, so kann ich nunmehr diesen ganzen Stamm der südwestlichen Sprachen Europas übersehen und von ihnen aus Vergleichungen auch zwischen der Literatur und dem Nationalcharakter dieser Völker anstellen“ schreibt Humboldt an Schiller. Humboldt sah in der Sprache die „äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker.“ (WvH2, S. 312) Er plante, die baskische Sprache tiefer zu analysieren, führte diese Arbeit jedoch nicht zuende, da er sich in Rom mit den amerikanischen Sprachen beschäftigte, wozu ihm Alexander eine Sammlung von Wörterbüchern und Grammatiken mitgebracht hatte, als er 1804 nach Europa zurückkehrte. „Mein Sprachstudium treibe ich hartnäckiger als je. Der innere, geheimnisvoll-wunderbare Zusammenhang aller Sprachen, aber vor allem der hohe Genuss, mit jeder neuen Sprache in ein neues Gedanken- und Empfindungssystem einzugehen, ziehen mich unendlich an.“ Die Forschungsarbeit an den südamerikanischen Sprachen – Humboldt beschäftigte sich bis zu seinem Lebensende fortlaufend mit seinen Sprachstudien – konnte nicht so vollendet werden, wie Humboldt selbst erhofft hatte, da er keinen Zugang zu Texten dieser Länder hatte und keine Möglichkeit, die Spra- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 141 chen zu hören. So wusste er nicht, wie sich die Dichter in ihren regionalen Sprachen ausdrückten. (Trabant, S. 66) Seine Sprachstudien, der Vergleich der Sprachen und das Studium der Nationalcharaktere, machten ihn zu einem Mitbegründer der vergleichenden und analytischen Sprachwissenschaften. Alexander von Humboldt, der sich nach dem Tod des Bruders mit dessen Sprachforschungen beschäftigte, schrieb über ihn: (…) „Er war derjenige, welcher die meisten Sprachen grammatikalisch studiert hatte; er war auch der, welcher den Zusammenhang aller Sprachformen und ihren Einfluss auf die geistige Bildung der Menschheit am tiefsten und sinnigsten ergründete.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 142 Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik In Deutschland hatte Winckelmann mit seinen Werken, besonders dem Text Geschichte der Kunst des Altertums, und seiner enthusiastischen Beschreibung antiker Skulpturen, eine breite Welle der Begeisterung und Verständnis für die Antike geweckt. (Tab. 7, S. 109) Mit seiner Schrift Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen begründete Winckelmann die Archäologie als Wissenschaft. (Haupt, S. 124) Durch ihn wurde dem Gestalten der Zukunft, welches ansonsten das große Thema der Aufklärung war, die Vergangenheit der Griechen vorgehalten – weil sie ideal erschien, jedenfalls idealisiert werden konnte. Die griechische Sprache galt als die gebildetste der Welt, die griechische Mythologie als die reichste und schönste, die griechische Dichtkunst, am Beispiel Homers und der griechischen Tragödien, als vollkommen. „Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“ Mit diesem Satz stellte sich Winckelmann gegen Barock und Rokoko. Eine neue Kunstrichtung sollte im Gegensatz zur überlebten des feudalistischen Systems entstehen. Diese neue Kunstform war der Klassizismus. Die großen fürstlichen Kunstsammlungen, meist öffentlich zugänglich – die Sammlungen in Dresden und Potsdam, die Sammlung Humboldts wurden bereits genannt – waren Teil der Wissensverbreitung. Auch die Sammlung des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau muss erwähnt werden. Fürst Franz, wie er sich nennen ließ, erwarb in Rom durch Winckelmanns Vermittlung verschiedene Statuen, Büsten und Reliefe, die in seinem Schloss besichtigt werden konnten. (Chiriaco, S. 11) Auch der Park war öffentlich zugänglich. Während einer Reise nach England hatte er dort die neuen Landschaftsgärten kennengelernt und ließ daraufhin seinen Schlosspark nach englischem Muster planen. Der Neubau des um 1770 errichteten Wörlitzer Schlosses gilt als Beispiel für den Frühklassizismus in Deutschland. (Haupt, S. 172) (Abb. 11 Schloss Wörlitz) 143 Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff: Schloss Wörlitz Der sich jetzt entwickelnde klassizistische Baustil und seine klaren architektonischen Stilmerkmale beriefen sich stark auf Palladio (1508– 1580), den Meister der Renaissance-Architektur, die sich im 15. und 16. Jahrhundert ebenfalls von den großen Werken des klassischen griechischen und römischen Altertums hatte inspirieren lassen. (Abb. 12 Palladio: Villa Rotonda) Durch seinen Export nach Amerika wurde der Klassizismus ein internationales Charakteristikum der Zeit. Thomas Jefferson, „der als Architekt mehr als nur dilettierte“, entwarf sein eigenes Haus, die Villa Monticello und auch die Rotunda, das zentrale Gebäude der von ihm gegründeten Universität Virginia nach dem Vorbild Palladios. Mit den von ihm herangezogenen Architekten plante er die Anlage Washingtons zur Regierungsmetropole. (Beyer, S. 108) (Abb. 13 Rotunda) Abb. 11: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 144 Andrea Palladio: Villa Rotonda Die Rotunda der Universität von Virginia Abb. 12: Abb. 13: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 145 Karl von Bourbon, König von Neapel und Sizilien (ab 1759 König Karl III. von Spanien), hatte den Ehrgeiz, sein Land auch durch kulturelle Beiträge hervorzuheben und so förderte er seit 1738 die archäologischen Arbeiten in Herculaneum und seit 1748 die in Pompeji. Diese Entdeckungen trafen auf ein riesiges Interesse im europäischen Bildungsbürgertum und befruchteten die Kunst im Neoklassizismus. Im Jahrhundert der Aufklärung und der Rückbesinnung auf die Antike mussten der Barock- und Rokoko- Stil weichen, sie wurden nicht mehr verstanden, schließlich sogar lächerlich gemacht und angefeindet. Der Rokoko Stil wurde bereits 1742 als unnatürlich kritisiert. Bauer (S. 10) zitiert Reiffstein: „Diese wilden und unnatürlichen Gestalten, ihre unwahrscheinliche und unmögliche Verbindung, die willkürliche und regellose Zusammenfügung des Natürlichen mit dem Unnatürlichen, die man zur Schande der Kunst und des jetzigen so erleuchteten Weltalters den prächtigsten Gebäuden und Denkmälern einverleibt, stammen aus Frankreich, sind aber namentlich von Augsburg und Nürnberg aus über ganz Deutschland verbreitet worden.“ Barock und Rokoko hatten sich in Europa in unterschiedlicher Weise etabliert, in Deutschland auch regional verschieden lang gehalten. „Obwohl Frankreich das ›Mutterland‹ des Rokoko gewesen war, wandte es sich früher als Bayern dem Klassizismus zu.“ (Harries, S. 310) „Im katholischen Süddeutschland herrschte noch bis ans Jahrhundertende ein handwerklicher Spätbarock vor, in dem von den Griechen keine Spur zu finden ist. In Preußen, Sachsen und Hessen dagegen, in Berlin, Dresden und Kassel, machte sich der neue Klassizismus schon bald nach 1755 in der bildenden Kunst bemerkbar.“ (Forssman, S. 77) Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte vor allem die katholische Kirchenkunst in Malerei, Skulptur und Architektur dazu aufrufen wollen, sich von allem Niederen, Dunklen zu trennen, zum Erhabenen, Schönen, zum Licht, zum Himmel aufzuschauen und sich daran zu erbauen, sich selbst aber auch ein- und unterzuordnen. Daher breitete sich der Barockstil in Kirchen- und Schlösserbauten über weite Teile Europas aus, die Kirchenarchitektur wurde über die Missionarsarbeit in die Welt getragen. Bewusst wurden Sakralbauten des Spätbarock und des Rokoko auf Anhöhen gebaut, so dass sie spektakulär in die Ferne wirken konnten. Viktor Amadeus II. von Savoyen ließ die Klos- Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 146 teranlage Superga (Abb. 14 Superga) über den Hügeln von Turin erbauen und erfüllte damit sein 1706 abgelegtes Gelöbnis, als Turin vor der Errettung durch seinen Cousin, den Prinzen Eugen, in größter Not war. Die Basilika von Superga auf dem Hügel von Turin In Österreich „wurden die Donauklöster von Melk und Göttweig auf eindrucksvollen Hügelkuppen zu riesigen Benediktinerabteien ausgebaut, die aus dem Fels herauszuwachsen scheinen“. Das Kloster Melk, (Abb. 15 Melk) das in dem relativ sehr kurzen Zeitraum zwischen 1702 und 1746 aufgebaut wurde, gilt als eines der bedeutendsten Kloster- und Kirchengebäude des Spätbarock nördlich der Alpen. Die Klöster waren nicht nur Wohnort und Arbeitsplatz der Mönche, sie sicherten vielen Menschen aus den umliegenden Gehöften und Dörfern eine Existenzgrundlage, indem sie ihnen eine Ausbildung, oft auch Anstellung als Landwirte und vor allem als Handwerker boten. Abb. 14: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 147 Das Kloster Melk Das Kloster Wessobrunn vermittelte die neuesten Erkenntnisse und künstlerischen Anregungen aus Italien und Frankreich und unterhielt eine europaweit tätige Bau- und Stukkateurschule, aus der mehr als achthundert Künstler hervorgingen. „Die sogenannten Wessobrunner arbeiteten nicht nur an Kirchen wie der Wies, (Abb. 16 Wies) der Abteikirche Ottobeuren oder der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, sie schufen auch Meisterwerke des höfischen Rokoko, die Dekoration der Amalienburg Karl Albrechts oder von Sanssouci Friedrichs II.“ (Harries, S. 298) Abb. 15: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 148 Die Wieskirche, AltarraumAbb. 16: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 149 Reisen, vor allem nach Rom, Florenz, Neapel, Sizilien, Venedig gehörten zum Bildungsprogramm der Adligen und des gehobenen Bürgerstandes aus allen europäischen Ländern. Dieser im 18. Jahrhundert aufblühende Tourismus und die Nachfrage nach Souvenirs führte auch zu einem Zweig der Malerei, der Vedutenmalerei, die sehr genaue Stadtansichten und gesellschaftliche Ereignisse festhielt. Antonio Canal und sein Neffe Bernardo Bellotto, gen. Canaletto, waren die bekanntesten Vertreter dieser Kunstrichtung. Antonio Canal und andere venezianische Vedutisten hatten sich darauf spezialisiert, besonders ansprechende Motive der Stadt wieder und wieder zu malen, denn die Besucher Venedigs kauften sie gerne und nahmen sie zur Erinnerung mit sich zurück. In der Malerei zeichnete sich zum Ende des Jahrhunderts bereits ein Übergang zur Romantik ab. Valenciennes knüpfte einerseits an die Traditionen des 17. Jahrhunderts an, andererseits führten seine Ölstudien in eine ganz neue Richtung, die Romantik. Die Empfindungen des Künstlers müssen auf das Bild übertragen werden – immer muss das Landschaftsbild bei den Betrachtern Gefühle, Begeisterung und Bewunderung hervorrufen. Valenciennes praktische Anleitung schrieb vor, zitiert aus Busch2: „(…) jede Skizze nach der Natur muss durchaus in Zeit von zwei Stunden spätestens vollendet werden; und ist es eine Beleuchtung mit dem Licht der auf- und untergehenden Sonne, so darf man nicht länger als eine halbe Stunde damit zubringen. (…) Man muss sich recht innig überzeugen, dass von dem Tone der Luft das Ganze des Gemäldes abhängt.“ (Abb. 17 Valenciennes) Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 150 Pierre-Henri de Valenciennes Rocca di Papa im Nebel (Ölskizze, 1782–1784) Ebenso wie die anderen großen Maler des Jahrhunderts, revolutionierte auch Francisco de Goya, der spanische Maler des Realismus, die Bildsprache. Goya stellte die politischen und sozialen Brüche der Gesellschaft schonungslos kritisch dar, besonders eindrücklich z. B. in seinen Bildern „Desaster des Krieges“ und „Der Überfall der Banditen“. Das Leben des Volkes in der Alltäglichkeit der Arbeit und des Vergnügens, aber auch Gefühle, Ängste brachte er zum Ausdruck. In seinem Schreiben an die Akademie zur Reform des Studiums „forderte er Regelfreiheit und rechtfertigte Verstöße gegen die Lehre von Perspektive und Anatomie. Ihre strikte Befolgung würde die freie Entfaltung verhindern, der künstlerischen Intuition nur im Wege stehen. (…) Bloße Geschicklichkeit sei kein Wert an sich. Hätten die akademischen Regeln irgendeinen Fortschritt gebracht? Wohl kaum, sie würden den Genius des Künstlers nur unterdrücken. Dessen einziges Vorbild sei die Natur, ihr gelte es zu folgen, allerdings nicht sklavisch, sondern geleitet vom individuellen Blick auf sie.“ (Busch5, S. 41) Wenn das Bürgertum durch die Gedanken der Aufklärung unmittelbar gestärkt wurde, wenn alle Obrigkeit, alle bislang gültigen Überzeugungen auf den Prüfstand gestellt wurden, so musste sich diese Entwicklung nicht nur in einem neuen Stil in Kunst und Architektur, sondern auch in der Musik wiederspiegeln. Fast alle Komponisten lie- Abb. 17: Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 151 ßen sich auf diesen Zeitenwechsel ein und bestimmten die neue Stilrichtung. Nur Johann Sebastian Bach blieb unbeirrt bis zu seinem Tod der kirchlichen Musik verpflichtet. Hermann Hesse hatte recht, wenn er schrieb: „Wir sehen in den Kantaten, Passionen und Vorspielen Bachs die letzte Sublimierung der christlichen Kultur.“ Nach dem Tod von Bach, Händel und Telemann nahm die Bedeutung der protestantischen Kirchenmusik sehr stark ab, ähnlich geniale Komponisten widmeten sich nicht mehr der Kirchenmusik, sondern bearbeiteten andere Themen und entwickelten neue Kompositionsformen. Ein selbstbewusstes Bürgertum und die Säkularisation nahmen dem fürstlichen Hof und der Kirche ihre Vorrangstellung als Aufführungsorte der Musik. Schon 1743 gab es in Leipzig eine von Bürgern gegründete und geförderte Konzertgesellschaft, aus der schließlich 1781 ein Orchester hervorging, das in dem Lager- und Messehaus der Leipziger Tuchmachergilde, dem Gewandhaus, einen geeigneten Saal für ihre Konzerte zur Verfügung gestellt bekam. (Quak, S. 32) In der Musik wandte man sich von der schwierigen barocken Polyphonie ab, die vielen Menschen fremd wurde und vorwiegend eine Kirchenmusik geblieben war. „Bei der Polyphonie kam es auf das gleichzeitige Nebeneinander gleichberechtigter Stimmen an, jetzt aber dominierte eine Stimme, die Melodie, andere Stimmen ordneten sich unter und bildeten den Über- oder Unterbau. Die Vielzahl der Stimmen einzusetzen, war ein Mittel zur Steigerung der Gefühlsspannung. An die Stelle der Polyphonie trat eine verdichtete Klangverschmelzung mit einer dominierenden Stimmführung in ständig wechselnder Lage.“ (Balet, S. 385) Dieses Prinzip hatten Telemann und auch Händel schon früh übernommen, während Bach noch bis zu seinem Lebensende konsequent der Polyphonie und der Kontrapunktik verschrieben war. Wenige Jahre vor seinem Tod komponierte er das Musikalische Opfer und widmete das Werk Friedrich II., von dem die ersten Takte vorgegeben worden waren. Johann Sebastian Bach hatte Friedrich in Potsdam aufgesucht, wo sein Sohn Carl Philipp Emanuel leitender Musiker in dem kleinen privaten Orchester des Königs war. Bach improvisierte eine dreistimmige Fuge, nahm das Thema dann aber mit sich zurück nach Leipzig, um dort an der von dem König gewünschten sechsstimmigen Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 152 Fuge zu arbeiten und das Werk zu vollenden. Ob Friedrich das Musikalische Opfer je gespielt und überhaupt verstanden und geschätzt hat, ist offen. (Schneewind, S. 38) Friedrich II. hatte keinen Zugang zu der Musik Telemanns, Händels oder Mozarts. Für ihn galten die Werke seines Lehrers Quantz, der Brüder Graun und von Johann Adolph Hasse, wohl auch die der Söhne Johann Sebastian Bachs. In Italien hatte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein neuer Typ von Opernmusik, die Opera-buffa entwickelt und wurde in Frankreich und Deutschland gerne aufgenommen. Italien blieb das Land der Musik, wohin junge, ehrgeizige Musiker drängten, denn von dort ausgehend wurde das europäische Musikleben bestimmt. Ein wichtiger Karriereschritt war getan, wenn eine Stadt dem jungen Komponisten den Auftrag erteilte, über einen vorgegebenen Stoff, ein Libretto, eine Oper zu schreiben. Es war nicht nur die Oper, die in Italien erfunden worden war, sondern auch die neue „Instrumentalmusik: Symphonien, Triosonaten und Concerti grossi“. (Rummenhöller, S. 31) Die Oper erhielt durch Christoph Willibald Gluck entscheidende Impulse hin zu dramatischer Handlung. Die Entwicklung der Symphonie aus Sonate und concerto grosso erfuhr ihre stärksten Impulse in Italien, Wien und Mannheim. In Mannheim regierte seit 1743 als Kunstmäzen und Förderer der Kultur im Land Kurfürst Karl Theodor (Karl IV. von der Pfalz, Herzog von Jülich-Berg) bis er 1778 sein Erbe antrat und als Karl II., Kurfürst von Bayern nach München übersiedelte – die Pfalz und Bayern waren seit 1766 zu einem unteilbaren Gesamtbesitz erklärt worden. Johann Stamitz hatte die sog. Mannheimer Schule begründet, die von seinen Söhnen weitergeführt wurde. Auf sie gehen vor allem drei große Neuerungen in der Instrumentalmusik zurück: „erstens haben die ›Mannheimer‹ das geschaffen, was wir heute Orchester nennen; zweitens haben sie eine Umwertung vorgenommen, was den Klang in der Musik betrifft: sie haben begonnen, das Verhältnis von Wesen und Erscheinung in der Musik (Komposition und Klang) umzukehren; und drittens bereiteten sie kompositorisch – nämlich mit der Symphonie – die neue Zeit vor.“ (Rummenhöller, S. 90) Um den Klang stärker in den Vordergrund zu rücken, wurden neue Instrumente eingeführt. Die ›Mannheimer Schule‹ nahm auch die Klarinette und die Hörner in ihren Instrumentenbestand auf. „Da die harmonietragende Schicht des Basso Continuo ihrer barocken Vormachtstellung Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 153 beraubt war, bedurfte es einer neuen klangfüllenden Schicht. Diese Funktion übertrugen die ›Mannheimer‹ den Hörnern. Im Sinne des Klavierpedals, das ja auch den Klang aushält, wurden die Hörner zum ›Pedal‹ des Orchesters: ihre langgezogenen Töne hielten an harmonisch wichtigen Stellen die stützenden Klänge aus.“ (Rummenhöller, S. 92) Mit all diesen Neuerungen schufen sie die Voraussetzung für das Entstehen der großen Symphonien der Wiener Klassik. „Sie glauben nicht, was eine Sinfonie mit Flöten, Oboen und Klarinetten einen herrlichen Effekt macht“, schrieb Mozart am 3. 12. 1778 seinem Vater. (zitiert aus Falke, S. 68) Neben den genannten Instrumenten, die jetzt eingesetzt wurden, erhielt auch das Cello eine neue Bedeutung. Luigi Boccherini förderte das Cello, an dem er selbst ausgebildet worden war und machte es zu einem beliebten Soloinstrument. Zwar hatte Johann Sebastian Bach seine berühmten Suiten für das unbegleitete Cello schon um 1720 geschrieben, in der Kammermusik jedoch wurde dieses Instrument erst in den Kompositionen von Haydn, Boccherini, Beethoven und anderen zu einem unentbehrlichen Instrument. Durch Joseph Haydn wurde das Streichquartett innerhalb der Kammermusik ohne Klavier zu der führenden Gattung, die durch Mozart und Beethoven, später dann durch Schubert zu großer Blüte entwickelt wurde. Von ihnen stammen natürlich auch Klaviertrios, -Quartette und -Quintette. Beethovens Opus 1 ist ein Klaviertrio. Neben zahlreichen Symphonien schrieb Mozart bedeutende Werke für Soloinstrumente und Orchester (Klavier, Violine, Querflöte, Klarinette und andere Blasinstrumente) und bewundernswerte, in ihrer Handlung und inhaltlichen Aussage zu jener Zeit nie übertroffene Opern. Nur Beethoven konnte mit seinen Klavierkonzerten, dem Konzert für Violine, den Streichquartetten, Sonaten für Klavier und Sonaten für Klavier und Violine bzw. Violoncello die Kunst Mozarts weiterentwickeln. Das Tripelkonzert präsentiert das Solocello, begleitet von Klavier, Violine und Orchester, in seiner ganzen Brillanz. Mit seinem Fidelio schuf er ein den Opern Mozarts ebenbürtiges Werk dieser Gattung und nahm, wie Mozart in manchen seiner Opern auch, ein gesellschaftspolitisches Thema auf. Die Entwicklung der Symphonie, durch Haydn und Mozart vorbereitet, erreichte durch Beethoven größte Vollkommenheit und wurde seit der Zeit der Wiener Klassik zu einer Hauptgattung der Orchestermusik. Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 154 Auch in der Naturwissenschaft, der Naturforschung, kam es im Verlauf des Jahrhunderts, speziell in der Chemie, zu einem fundamentalen Wandel. Hing man bislang der Auffassung der Alchemisten an, dass sich alle chemischen Phänomene auf die hypothetisch vermutete Ursubstanz, das Phlogiston, zurückführen ließen und dass es nach Aristoteles vier Elemente gab: Erde, Wasser, Luft und Feuer, so wurde diese jahrtausendealte Annahme durch die Erkenntnis, dass sich die „Elemente“ in verschiedene Bestandteile zerlegen ließen, mit einem Schlag als nicht mehr haltbar verworfen. Die exakte Quantifizierung dieser Bestandteile stellte den nächsten Forschungserfolg dar. (Tab.7, S. 110) Henry Cavendish beschrieb 1772 den Stickstoff, Karl Wilhelm Scheele 1774 den Sauerstoff. Die atomare Ebene des Moleküls blieb noch lange verschlossen. Lavoisier entwickelte eine erste Nomenklatur der chemischen Elemente, wie zuvor der berühmte schwedische Carl von Linné eine Systematik der Pflanzenwelt in einem Klassifikationssystem vorgestellt hatte. Auf dem Gebiet der Physik, speziell der Elektrizität, gelang es Benjamin Franklin zu zeigen, dass die Elektrizität des Blitzes über eine Metallstange in den Boden abgeleitet werden kann. Das Gewitter – mit abergläubiger Furcht beobachtet – blieb ein Naturschauspiel, aber es war entzaubert. Die damalige Hoffnung, man könne alle Naturgewalten unter Kontrolle bringen, hat sich jedoch bis heute nicht erfüllt. Neue Formen in Architektur, Kunst und Musik 155 Iran Iran durchlief eine wechselvolle Geschichte im 18. Jahrhundert. Nach dem Ende der Safawiden-Dynastie (1722) wurde das Land von allen Seiten bedroht, erlebte aber unter seinem Herrscher Nadir ein Vierteljahrhundert neuer Stärke. Nach der Ermordung Nadirs wurde das Land in ein Nord- und ein Südreich geteilt, schließlich 1796 unter den Kadscharen, die bis 1925 herrschten, wiedervereinigt. Doch zunächst ein Blick in die früheste Zeit des Landes. Kyros und Dareios, die großen Herrscher des uralten Perserreiches – um 500 v. Chr. das erste Weltreich, das riesige Gebiete einschloss – sind berühmt wegen ihrer Feldherrnkunst, aber auch wegen der Toleranz, mit der sie besiegten Völkern begegneten. So befreiten sie das jüdische Volk aus der babylonischen Gefangenschaft und ließen es seinen Tempel in Jerusalem wiederaufbauen. In wenigen großen Schritten ging es von dort in die Neuzeit: Alexander der Große besiegte Darius III. Einer seiner Feldherrn, Seleukos, übernahm die Herrschaft, den Seleukiden folgten bis 200 n. Chr. die Parther, die 224 n. Chr. von den Sassaniden überrannt wurden. Gegen Ende der Sassaniden-Zeit, so heißt es, habe Mohammed selbst im Jahre 628 den persischen Großkönig schriftlich aufgefordert, die Religion des Islam anzuerkennen. Wenige Jahre später unterwarfen muslimische Araber auf ihren Eroberungszügen das Sassanidenreich, das nun Teil der islamischen Welt wurde. Das ganze Volk, das bislang von den Lehren des Zarathustra geprägt worden war – dieser hatte, es ist nicht genau bekannt, etwa fünfhundert Jahre vor Christus gelebt –, ging zu dem neuen Glauben über. Aber das Land ging nicht einfach in der arabisch-muslimischen Welt auf, sondern verwob den ihm zunächst fremden Islam mit seiner eigenen langen, seit weit vorislamischer Zeit entwickelten Kultur und der althergebrachten Staatsreligion des Zoroastrismus. Iran wurde in der Zeit nach der arabischen Invasion von Turkvölkern (Seldschuken), aus dem fernen Osten kommend, und später 157 (1219 unter Dschingis Khan) von mongolischen Nomaden überrannt, viele Völker mischten sich mit der eigenen Bevölkerung. Aber Iran gab sein Überlegenheitsgefühl und die Eigenständigkeit nie auf, was sich sehr deutlich an dem Beibehalten der eigenen Sprache beweist. Persisch hat sich als bedeutende Sprache des islamischen Kulturkreises behauptet, und dass Iran das schiitische Bekenntnis übernahm, führte zu einer weiteren Abgrenzung gegenüber den vorwiegend sunnitischen Nachbarn. (Gronke, S. 10) Geschichte, Glaubensrichtung – auch wenn, oder gerade, weil sich zoroastrische Minderheiten behaupteten – und Sprache einten das Land, das über eine effiziente Verwaltung und eine gut ausgebildete Beamtenschicht verfügte. Timur Link („Timur der Lahme“, „Tamerlan“) hatte in die Familie Dschingis Khans eingeheiratet und begründete das Reich der Timuriden, die von 1370 bis 1501 regierten. Von 1501 bis 1722 herrschten die Safawiden, die endgültig die schiitische Religionsrichtung durchsetzten (auch wenn sunnitische Minderheiten zunächst durchaus geduldet wurden) und einen starken souveränen iranischen Staat zwischen dem sunnitisch geprägten Osmanischen Reich und Usbekistan auf der einen Seite und dem indischen Subkontinent auf der anderen errichteten. Im frühen achtzehnten Jahrhundert dann wurde das Land durch interne, religiöse Auseinandersetzungen geschwächt, denn die Sunniten wurden nicht mehr geduldet, sie wurden vertrieben. Vor allem aber machten wirtschaftliche Krisen dem Reich zu schaffen, was sehr bald von afghanischen Stämmen ausgenutzt wurde, die 1722 in Iran einfielen und Isfahan, die herrliche Residenz der Safawiden eroberten. Auch die Russen im Norden und das Osmanische Reich im Westen nutzten die Schwäche Irans mit dem Ziel eigener territorialer Gewinne. Eine relativ kleine Truppe geschickt operierender Bergkrieger unter ihrem Anführer Nadir brachte die Safawiden zu Fall. Der letzte Safawidenschah, Sultan Hoseyn, musste zurücktreten. Sein Sohn, Tahmasp II., versuchte, einen militärischen Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren und ernannte sich zum neuen Herrscher, zunächst unterstützt von Nadir, den er als General einsetzte. Doch bald darauf setzte Nadir Tahmasp ab, krönte sich 1736 zum Nadir Shah oder auch Nadir Khan Afschar aus dem Stamm der Afschariden und begründete die Dynastie der Afschariden. (Abb. 18 Nadir) Iran 158 Nadir Shah auf dem Pfauenthron Nadir gelang es, alle Eindringlinge aus dem Norden und Westen zu vertreiben, er führte inner-islamische Kriege gegen Afghanistan, das er dem Reich (nur für eine kurze Zeit) eingliederte, gegen das Osmanische Reich, dessen ursprüngliche Grenzen zu Iran er wiederherstellte, und gegen Indien, wo er Delhi plünderte, das zuvor glanzvolle Mogulreich zerstörte und den Pfauenthron nach Iran brachte. Er raubte auch den berühmten Koh-i-Nor-Diamanten, der später in den Besitz der Queen Victoria gelangte. (Osterhammel, S. 222) Jedoch erforderten die Kosten für die Unterhaltung des riesigen Heeres so große Summen, dass höhere Steuern eingetrieben werden mussten. Noch größeren Unmut erregte Nadir, als er – selbst Sunnit – seine Religionsrichtung durchsetzen und nur eine islamische Glaubensrichtung erzwingen wollte. Welch eigentümlicher Plan in einem Land, das seit über tausend Jahren dem schiitischen Glauben angehörte und wo man erst zu Beginn des Jahrhunderts die Sunniten verfolgt hatte. Nadirs Plan wurde heftig bekämpft, Nadir selbst, der seine Ziele unter Anwendung im- Abb. 18: Iran 159 mer größerer Grausamkeit durchzusetzen versuchte, 1747 ermordet. Es entstanden nun zwei Gebiete im Iran, im Norden das der Afschariden, die das Gebiet Chorasan beherrschten, eine Region, die das heutige Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan umschloss, und im Süden das Reich der Zand Dynastie mit Karim Khan als Anführer, der bis 1779 herrschte und das Land in eine Blütezeit führte. Nach siebenhundert Jahren türkischer und mongolischer Oberhoheit war dies zum ersten Mal wieder eine Dynastie iranischen Ursprungs. (Gronke, S. 84) Keiner der möglichen Nachfolger setzte sich in den Nachfolgekämpfen durch, so dass die Herrschaft über Teile des Südreichs 1779 in die Hände der türkisch- (turkmenisch) -stämmigen Kadscharen gelangte, einer Familie, die sich von dem Mongolenherrscher Hülegü ableitete. 1794 hatten sie den gesamten Süden erobert, das Land wurde unter ihnen erneut geeint als sie 1796 auch die Afschariden im Norden des Landes besiegt hatten. Iran entwickelte sich zu einer anerkannten unabhängigen Macht im Nahen Osten. Die Kadscharen herrschten bis 1925, als sie von der persischen Dynastie der Pahlavis abgelöst wurden. (Tab. 5, S. 72) Iran 160 Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich Aus dem Zerfall eines großen Reiches entstand ein neues. Das Osmanische Reich (im Folgenden synonym mit „die Türkei“ genannt) entstand aus dem Zerfall des Seldschuken Staates. Dieser Volksstamm war aus den Steppen nördlich des Aralsees und des Kaspischen Meeres gekommen und hatte sich stetig mit militärischer Gewalt nach Westen bewegt. Die Seldschuken waren die Urväter der heutigen Türken. In ihrer Blütezeit zwischen 1041 und 1157 herrschten die Seldschuken über das heutige Anatolien, Syrien, den Irak (1055 hatten sie Bagdad erobert), den schiitischen Iran, Georgien, Aserbaidschan, die südöstliche arabische Halbinsel und über Teile von Afghanistan und Turkmenistan. Die Seldschuken übernahmen zwar den sunnitischen Glauben, aber nicht die arabische, sondern die persische Sprache und ließen sich von der persischen Kultur und Literatur beeinflussen. 1071 besiegten sie das byzantinische Reich in der Schlacht von Mantzikert und hatten damit Anatolien erobert. Ab dem 12. Jahrhundert kam es zu Thronfolgekämpfen, Teilungen des riesigen Reiches, Kriegen und Eroberungen durch andere Mächte. So geschwächt, wurde es möglich, dass die hereinbrechenden Mongolen, beginnend mit dem 13. Jahrhundert die Herrschaft der Seldschuken beendeten. Die Dynastie der Osmanen breitete sich seit dem Ende des 13. Jahrhunderts aus, sie existierte sechshundert Jahre lang, bis 1918. Ihr Ausgangspunkt war ein sehr kleines Gebiet im Westen Anatoliens, an der Ostgrenze des byzantinischen Reichs. Über die nächsten Jahrhunderte eroberten sie die Gebiete des früheren Seldschukenreiches (nicht aber Iran), dazu den größten Teil des Balkans (bis auf Kroatien) – Serbien wurde mit der Schlacht am Amselfeld (1389) erobert – Rumänien (Walachei), Bulgarien, Griechenland und die Peloponnes, Ägypten, Teile Nordafrikas und den westlichen Sinai. Osman, der Begründer der osmanischen Dynastie, war ein begabter Heerführer und Verwal- 161 ter. „Im Gegensatz zu ähnlichen Unternehmungen anderer Kriegsherren verstand er es, seine Eroberungen durch die Einrichtung einer wirksamen Verwaltung zu festigen. Zugleich schuf er ein hierarchisch geordnetes stehendes Berufsheer, das zu einem schlagkräftigen Instrument bei der raschen Ausbreitung des Emirates werden sollte.“ (Steinbach, S. 9) Muslime der sunnitischen Richtung, Christen der katholischen, orthodoxen und koptischen Kirche, Juden, und andere religiöse Minderheiten, Türken, Kurden, Araber, Berber, Ägypter, Griechen, Serben, Bosniaken, Montenegriner, Bulgaren, Albaner, Rumänen, Armenier, Krim-Tataren und diverse Kaukasusvölker lebten in diesem multikulturellen Vielvölkerreich, das in seiner Ausdehnung nur vom Britischen Empire übertroffen werden sollte. (Menzel, S. 357) (Abb. 19 Das Ottomanische Reich) Mit der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 war das byzantinische Reich, das schon seit längerer Zeit in einer Abstiegsphase begriffen war, endgültig ausgelöscht. Das Osmanische Reich aber erreichte den Höhepunkt seiner Macht. „Die ungeheure Machtentfaltung des osmanischen Reiches und seine Fähigkeit, an so vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen, liegt darin begründet, dass die Osmanen, anders als ihre Konkurrenten in Europa, über die einzigartige Fähigkeit verfügten, die Ressourcen des Reiches weitgehend zu erfassen und auf einen Punkt zu konzentrieren, um sie dann in ein Maximum an militärischer Schlagkraft umzusetzen. In der Perfektionierung dieses Vorgangs lag ihre eigentliche innovative Leistung. Je größer das Reich, desto größer die Macht, desto größer die Fähigkeit, das Reich immer weiter auszudehnen. Über diese Fähigkeit verfügten die europäischen Gegner nicht. (…) Die militärische Führung der Osmanen wies eine klare Hierarchie auf. Der Sultan war immer präsent an vorderster Front, sein Zelt während der Kampagnen das Machtzentrum des Reiches.“ (Menzel, S. 404) Die Osmanen hatten von den mongolischen Großkhanen das Selbstverständnis übernommen, für die Weltherrschaft prädestiniert zu sein. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 162 Das Ottomanische Reich bis 1683 Den Republiken Genua und Venedig nahmen sie ägäische Inseln ab und sicherten ihre strategischen Positionen im Mittelmeer zum Schutz von Konstantinopel. Die Osmanen standen zweimal vor Wien (1529 und 1683), sie bedrängten Ungarn, wo sie Buda einnahmen, und schufen sich Einflussbereiche in Spanien. Die territoriale Ausdehnung hatte jedoch natürliche Grenzen. „Je größer das Reich wurde, desto länger dauerte es, bis die Armee im eigentlichen Einsatzgebiet angekommen war. Das Maximum, das noch bewältigt werden konnte, war ein Marsch von 80–100 Tagen. Sofia als Zwischenlager im Westen und Aleppo im Osten hätten die Grenze weiter hinausschieben können. Dies hätte aber bedeutet, dass die Janitscharen (Elitetruppen des Sultans, d. V.) nicht mehr im Winter in der Hauptstadt präsent wären, Abb. 19: Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 163 neue Machtzentren in der Provinz würden entstehen. Das durfte nicht sein. Also waren Wien im Westen und Täbris im Osten die äußersten Punkte, die die Armee noch erreichen konnte, sollte noch Zeit für die eigentliche Schlacht oder die Belagerung von Festungsanlagen bleiben. Diese mussten mit der Brachialgewalt großkalibriger Kanonen zertrümmert werden, weil die Zeit für eine lange Belagerung, das mühsame Unterminieren der Bastionen, gar das Aushungern der Verteidiger fehlte. Vor Einbruch des Winters musste man wieder von dem langen Weg zurückgekehrt sein. (…) Hier liegt die geopolitische Erklärung, warum Wien nie erobert wurde, warum man sich aus der Don-Wolga- Region wieder zurückzog, warum auch Persien ungeschoren blieb.“ (Menzel, S. 406) Um die Weltherrschaft, für die sie sich auserwählt sahen, zu erringen, wäre eine andere Strategie erforderlich gewesen: Schifffahrt, Welthandel und eine Bewegung und Neuorientierung, ähnlich der Aufklärung im Westen. Tatsächlich aber war der Höhepunkt der Macht des Osmanischen Reiches bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts überschritten. Die fortdauernde Schwächephase des osmanischen Reiches wird oft in der katastrophalen Niederlage in der Seeschlacht vor Lepanto 1571 gegen Spanien und Venedig gesehen, wie auch der allmähliche Bedeutungsverlust Spaniens mit der verlorenen Schlacht der Armada gegen England (1588) in Verbindung gebracht wird. Dabei wird vernachlässigt, dass die türkische Flotte innerhalb eines Jahres wiederaufgebaut werden konnte und die Osmanen Zypern und Kreta einnahmen. Auch wenn sich die Osmanen seitdem eher auf das östliche Mittelmeer konzentrierten, muss der Zeitpunkt des langsamen Abstiegs des osmanischen Reichs eher auf das Jahr 1683 gesetzt werden, als die Belagerung Wiens scheiterte. Mit der Befreiung der Stadt Wien von der türkischen Belagerung beginnt nun die Geschichte des Prinzen Eugen von Savoyen. Die Mutter des 1663 geborenen Prinzen, Olympia Mancini, war eine Nichte des Kardinals Mazarin, Nachfolger Richelieus als regierender Minister in Frankreich. Olympia Mancini war trotz ihrer freundschaftlichen Beziehung zu Ludwig XIV. in verschiedene Hofintrigen verwickelt gewesen und lebte im Exil in den spanischen Niederlanden, was wohl ein Grund dafür gewesen sein mag, dass der König die Bewerbung Eugens um den Eintritt in die französische Armee ablehnte. Prinz Eugen trat Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 164 daraufhin 1683 in die Dienste des Kaisers ein, was Ludwig XIV. sicherlich noch häufig bedauert haben mag. Vor Wien lagerten 200 000 Mann der türkischen Armee, die von Kara Mustafa Pascha befehligt wurden. Ihnen standen 10 000 Soldaten in der Stadt gegenüber. Österreich konnte nur durch die schließlich eintreffenden polnischen Truppen unter König Johann Sobieski gerettet werden. Kara Mustafa Pascha, Befehlshaber der osmanischen Truppen bei der Belagerung Wiens 1683 „Eugen, der sich bei der Schlacht um Wien am 12. September 1683 mit den Truppen des Herzogs von Lothringen vom Kahlenberg bis Abb. 20: Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 165 zum Burgtor vorgekämpft hatte, sah nun zum ersten Mal die Türken aus nächster Nähe, sah ihre Waffen sowie die riesige Beute, die den siegreichen kaiserlichen Truppen in die Hände fiel. Die fliehenden Türken ließen alles zurück: Waffen, Fahnen, Rossschweife (Ehrenzeichen von Paschas und Zeichen der Befehlsgewalt), sowie ungeheure Mengen von Vorräten und Vieh, darunter zehntausende Büffel, Ochsen, Kamele, Maultiere, Schafe, dazu Tausende Tonnen Getreide, Mehl, Zucker, und Kaffee. Besonders am Kaffee fanden die Wiener bald besonderen Geschmack, so dass sie kurz darauf das erste Kaffeehaus gründeten. (…) Kara Mustafas Harem soll aus nicht weniger als 1500 Frauen, 700 schwarzen Eunuchen, sowie Tausenden von Dienern und auch eigenen Pferden und Hunden bestanden haben.“ (Oppenheimer) Kara Mustafa überlebte diese Niederlage nicht. Auf Befehl des Sultans wurde er ermordet. Er selbst hob seinen Bart, damit die Schlinge um seinen Hals gelegt werden konnte. (Abb. 20 Kara Mustafa) In dem Großen Türkenkrieg (1683–1699), auf den hier nicht im Detail eingegangen werden kann, kam es zu zahlreichen weiteren Schlachten zwischen Österreich und den Osmanen. Als Ludwig XIV. den Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697) begann, zog er Wien in einen Zwei-Fronten-Krieg, so dass die Türken einige verlorene Gebiete zunächst zurückerobern konnten. Nach dem Ende des Erbfolgekriegs richtete Prinz Eugen jedoch seine Truppen wieder konzentriert gegen das Osmanische Reich. Nach dem Sieg Eugens über die Osmanen am 11. September 1697 in der Schlacht bei Zenta kam es zu dem Frieden von Karlowitz, der den Großen Türkenkrieg beendete. Da auch Polen, die Republik Venedig, der Kirchenstaat und Russland an dem Krieg beteiligt waren, musste das Osmanische Reich erhebliche territoriale Verluste hinnehmen: Ungarn, Teile von Siebenbürgen und der größere Teil Kroatiens gingen an Österreich, die Halbinsel Morea (= die Peloponnes) an Venedig, Podolien (ein historisches Gebiet in der Westukraine) und die von der Türkei besetzten Teile der Ukraine an Polen. Gegenden zwischen Serbien und Rumänien (Temeswar, Lugos und Belgrad) blieben türkisch. Im separaten Frieden von Konstantinopel sicherte sich Russland Asow, das allerdings nach der Schlacht am Pruth wieder zurückgegeben werden musste und erst unter der Herrschaft Katharinas II. schließlich wieder zu Russland kam. Österreich unter Leopold I. wurde zur dominierenden Macht auf dem Balkan, die Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 166 Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war entstanden, das Königreich Ungarn wiederhergestellt. Leopold I. († 1705) und seine ihm nachfolgenden Söhne Joseph I. († 1711) und Karl VI. († 1740) versuchten, diesen Machtstatus zu erhalten oder sogar zu erweitern, waren aber zunächst in den Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), danach in weitere Kriege gegen das Osmanische Reich und außerdem den Polnischen Thronfolgekrieg verwickelt, von denen nur der von 1714–1718 gegen die Osmanen geführte Krieg zu ihren Gunsten ausging. (Tab.6, S. 82) Die im 18. Jahrhundert fortdauernden Kriege, häufig vom Osmanischen Reich begonnen, schwächten aber auch dieses nachhaltig. Im Osten hatten die Türken nach ihrem Sieg und dem Frieden am Pruth 1711 Zar Peter abziehen lassen und Karl XII. die Reise in sein Heimatland ermöglicht, bzw. ihn wiederholt energisch zur Abreise gedrängt. Sie hatten aus diesem Erfolg Mut geschöpft und nun wieder Freiraum, sich erneut gegen Habsburg zu wenden, mit dem Ziel, die Bedingungen des Friedens von Karlowitz zu revidieren. Dieser neue Krieg fand von 1714 bis 1718 statt. Zunächst griffen die Osmanen die Republik Venedig an, um die Peloponnes zurück zu gewinnen. Österreich war von dem soeben beendeten Spanischen Erbfolgekrieg geschwächt, bildete jedoch bald (1716) eine Allianz, die sog. Heilige Liga, zu der es sich erneut mit dem Papst, Polen und Venedig gegen das Osmanische Reich zusammenschloss. 1714 bis 1718: Die Türkei hatte die Peloponnes bald erobert. Nun verlegte sie ihre Truppen nach Belgrad und das nahe Peterwardein. Bevor es aber zur Schlacht kam, befreiten die heranrückenden Truppen der Allianz die Stadt Temeswar und beendeten dort eine 164-jährige türkische Herrschaft. Die bald darauf erfolgte Eroberung Belgrads wurde als „Wunder von Belgrad“ bezeichnet, denn die Truppen der Allianz hatten mit großen Schwierigkeiten umzugehen, die Prinz Eugen immer wieder überwand. „Ähnlich wie Napoleon und anderen großen Heerführern, war es sein (des Prinzen Eugen, d. V.) Charisma, das eine von Nachschubproblemen und Krankheiten bedrückte Armee begeisterte.“ (Oppenheimer) Wieder hinterließen die Osmanen eine Beute, von der es heißt, dass sie, wäre sie verkauft worden, ausreichend gewesen wäre, Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 167 die Soldaten der Allianz bis zu ihrem Lebensende zu versorgen. (Oppenheimer) Der Friedensschluss von Passarowitz am 21. Juli 1718 zwischen Wien, Venedig und dem Sultan Ahmed III. sicherte Österreich Nordbosnien und Serbien. Österreich blieb die stärkste Macht auf dem Balkan. Venedig gewann mehrere Festungen in Griechenland und Albanien und einige griechische Inseln, verlor aber die Peloponnes. Venedig beteiligte sich fortan nicht mehr an Operationen gegen die Türken, es hatte seit dem 15. Jahrhundert acht Kriege gegen das Osmanische Reich geführt. Der eigentliche Gegner der Osmanen blieb aber nicht allein Österreich. Russland, das an das Schwarze Meer drängte und über dieses Zugang zum Mittelmeer und den Weltmeeren suchte, wurde der Hauptgegner, der bis zum Ende des Jahrhunderts weitere drei Kriege gegen die Türken führte. (Tab. 6, S. 83) Prinz Eugen starb am 21. April 1736. Sein Name ist mit berühmten Siegen, militärstrategischem Genie und politischem Weitblick verbunden, und doch hatte er andauernd gegen die Intrigen am Wiener Hof und die chronische Geldnot des Hauses Habsburg zu kämpfen. Dass er sich immer wieder durchsetzte, verdankte er seinem Können, seiner Integrität und der vertrauensvollen Beziehung zu seinen drei Kaisern, von denen er sagte, dass Kaiser Leopold sein Vater, Kaiser Joseph sein Freund und Kaiser Karl sein gnädiger Herr gewesen sei. 1736 bis 1739: Das Osmanische Reich war von 1731 bis 1736 in militärische Auseinandersetzungen mit Iran verwickelt, denn Nadir Shah eroberte verlorene Gebiete zurück. Dies schien den Russen ein guter Zeitpunkt für einen eigenen Angriff zu sein. Auch Habsburg lag daran, neue Gebiete auf dem Balkan zu erobern, denn es hatte im Polnischen Thronfolgekrieg Gebietsverluste in Italien beim Friedensschluss von Wien (Präliminarfrieden von 1735) hinnehmen müssen. So kam es zu dem Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1736–1739), in den Österreich 1737 eintrat. Die Kriegsführung war glücklos, Österreich verlor im Frieden von Belgrad fast alles, was es 1718 beim Friedensschluss in Passarowitz gewonnen hatte: Belgrad, Nordserbien und Nordbosnien. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 168 Von nun an gab es ernsthafte Bemühungen der Pforte, mit Frankreich, Schweden, Preußen und Polen Bündnisse gegen Russland zu schlie- ßen, denn – so hatten sie erkannt – von dort ging in der Zukunft die größte Bedrohung für das Osmanische Reich aus. Diese Pläne und Hoffnungen konnten sich nicht erfüllen, denn die europäischen Länder gerieten nach dem Tod Karls VI. in den Erbfolgekrieg und die Schlesischen Kriege, in denen sich wechselnde Allianzen gegen ganz andere Gegner und Ziele richteten. 1768 bis 1774: 1768 erklärte Sultan Mustafa III. Russland den Krieg, als russische Truppenteile wegen Auseinandersetzungen zwischen Polen und Russland auf osmanisches Gebiet geraten waren. Das Osmanische Reich unterstützte Polen in seinen Bemühungen, seine Souveränität gegen- über Russland durchzusetzen und hatte zudem, wie auch Österreich, kein Interesse an einem weiteren Erstarken Russlands im Westen. Wie würden Russland, Preußen und Österreich mit dieser erneuten gefährlichen Situation umgehen? Friedrich II. hatte 1764 einen Vertrag mit Russland abgeschlossen, der ihn im Kriegsfall zu finanzieller oder militärischer Unterstützung verpflichtete. Auf Initiative Wiens kam es 1769 zu einem Vertrag Preußens mit Österreich zu gegenseitiger Neutralität in einem Kriegsfall. Friedrich musste nun erreichen, dass Russland, Preußen und Österreich eine gemeinsame Strategie verfolgten, vor allem, dass der russisch-osmanische Krieg begrenzt blieb und Österreich die Lage durch eine eigene militärische Beteiligung nicht noch verschärfte. So führte dieser Krieg, der bis 1774 dauerte, indirekt, wie zu berichten sein wird, zur ersten Teilung Polens. Prinz Heinrich hielt sich seit dem Herbst 1770 im Auftrag seines Bruders Friedrich monatelang in Petersburg auf, um mit Katharina II. über Bedingungen einer Friedensvereinbarung zwischen Russland, der Türkei und Österreich zu verhandeln. Auf diese Weise konnte die Möglichkeit einer Teilung Polens, an der vor allem Russland und Preußen, schließlich auch Österreich interessiert waren, in die Gespräche einfließen. Friedrich wollte sich auch vor diesem Hintergrund auf keinen Fall in den Krieg hineinziehen lassen, wozu Voltaire, der nichts von Friedrichs Absichten ahnte, ihn seit 1770 wiederholt drängte. (Briefwechsel zitiert aus Pleschinski): Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 169 Voltaire an Friedrich, 4. Mai 1770: „(…) Die Kaiserin von Russland lässt derzeit allerorten aufkaufen; in Genf wurden Gemälde im Wert von hunderttausend Francs an sie verkauft; da liegt es nahe anzunehmen, dass sie noch genügend Geld besitzt, um Mustapha aufs Haupt zu schlagen. Gern sähe ich, wenn auch Sie sich zu Ihrem eigenen Vergnügen mit Mustapha schlügen und mit ihr halbe-halbe machten; beauftragt bin ich allerdings nur, Ew. Majestät ein Gemälde anzutragen und keineswegs den Krieg gegen die Türken.“ Friedrich an Voltaire, 24. Mai 1770: „(…) Wie sehr Sie sich doch darüber wundern, dass es in Europa einen Krieg gibt, bei dem ich nicht mit von der Partie bin! So sollen Sie denn wissen, dass mich die Philosophen friedfertig gestimmt haben mit ihren nicht enden wollenden Deklamationen gegen jene, die sie als gewinnsüchtige Briganten bezeichnen. Die Kaiserin von Russland mag ganz nach Belieben scharmützeln. Ich meinerseits, der ich die philosophischen Verdikte fürchte und der ich Angst habe, mich der Philosophenbeleidigung schuldig zu machen, ich verhalte mich still. Und weil kein einziges Buch wider die Hilfsgelder erschienen ist, habe ich gemeint, dass es mir nach dem Naturrecht gestattet ist, solche pflichtschuldig an meinen Bundesgenossen zu zahlen; und ich bin quitt mit diesen Erziehern des Menschengeschlechts, die sich anmaßen, Fürsten, Könige und Kaiser zu walken, wenn diese ihren Befehlen nicht gehorchen.“ Der Krieg gegen das Osmanische Reich nahm weiterhin Katharinas Aufmerksamkeit in Anspruch. So verfasste Voltaire 1771 im Auftrag der Zarin ein Flugblatt mit dem Titel „Die Sturmglocke der Könige“, in dem er die Fürsten Europas aufrief, sich zu einem Kreuzzug gegen die Osmanen zusammenzutun, um unter Katharinas Führung deren Reich zu vernichten. Die Zarin hatte den langfristigen Plan, und auch Voltaire träumte davon, nach der erhofften Befreiung Griechenlands ein neues byzantinisches Reich zu errichten, dessen Hauptstadt Konstantinopel sein sollte. Der 1779 geborene Großneffe Katharinas wurde vorsorglich, da er schon als Kaiser eines wiederaufgerichteten griechischen Reichs vorgesehen wurde, auf den Namen Konstantin getauft. (Albrecht, S. 145) „Dieser große Entwurf war kein anderer als der, die Türken aus Europa zu vertreiben und auf den Trümmern ihrer Herrschaft ein neues griechisches oder orientalisches Kaiserreich zu errichten.“ (Dohm, S. 5) Aber es kam anders: alle Aufstände der Grie- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 170 chen gegen die Osmanen in den Jahren 1769, 1770 und 1771, zu denen sie von Russland angefeuert worden waren, wurden niedergeschlagen, die Osmanen machten kurzen Prozess mit allen, die auch nur im Verdacht standen, mit den Russen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Nun aber zurück zu der Korrespondenz zwischen Voltaire und Friedrich, zum noch immer andauernden Krieg: Voltaire an Friedrich, 4. September 1773: „(…) Allen Ernstes, ich begreife nicht, warum die Kaiserin-Königin nicht ihr Geschirr verkauft und ihrem Sohn, dem Kaiser, ihren letzten Taler gegeben hat, damit er sich aufmache, um an der Spitze einer Armee in Adrianopel Katharina II. zu erwarten. Diese Unternehmung kam mir so natürlich vor, so leicht, so richtig, so schön, dass ich nicht zu erkennen vermag, warum sie unterblieb.“ Friedrich an Voltaire, 9. Oktober 1773: „(…) Sie sind erstaunt, dass weder der Kaiser noch ich in die orientalischen Wirren eingreifen; für den Kaiser muss Ihnen Fürst Kaunitz antworten; er wird Ihnen die Geheimnisse seiner Politik enthüllen. Was mich angeht, so wirke ich an den Operationen der Russen durch Hilfsgelder, die ich ihnen zahle, schon seit langem mit, und Sie sollten wissen, dass ein Verbündeter nicht gleichzeitig Truppen und Geld zur Verfügung stellt. Nur indirekt bin ich durch meine Verbindung mit der Kaiserin in diese Wirren verstrickt. Was mich persönlich angeht, so verzichte ich auf Krieg, aus Angst, die Exkommunikation der Philosophen auf mich zu ziehen. (…) Sie werden übrigens wissen, dass die Entfernung zwischen meinen Grenzen und denen der Türken bisher jede Zwietracht zwischen den beiden Staaten verhindert hat. (…) Nun gibt es nichtdestotrotz, auch wenn Sie das nicht eingestehen werden, gerechte Kriege; zweifellos gehören die zur eigenen Verteidigung dazu. Ich gebe zu, dass die Türkenherrschaft hart ist und sogar barbarisch; ich bekenne, dass von allen Ländern unter dieser Oberherrschaft vor allem Griechenland das beklagenswerteste ist. (…) Solange sich die russische Armee auf dem linken Donauufer halten wird, steht nichts zu befürchten. Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Fluss heil zu überschreiten. Auf dem anderen Ufer gerät sie auf äußerst unzugängliches Gelände, was die Versorgung unendlich erschwert. Die Schwierigkeit, Magazine anzulegen, sie mit sich zu führen, macht diese Unternehmung zum Wagnis. Doch da für die Kaiserin bislang nichts zu schwierig war, muss man hoffen, dass Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 171 ihre Generäle eine derartig heikle Expedition zu einem glücklichen Ende bringen.“ Dieser Krieg endete vollkommen unerwartet mit einem vernichtenden Verlust der osmanischen Flotte durch die russische Marine, die – aus der Ostsee ins Mittelmeer verlegt – in den Hafen von Tschesme (Çeşme) an der Westküste der Türkei einlief, an die dort vor Anker liegenden Schiffe Feuer legte und ohne ein Gefecht verbrannte (Kreiser, S. 294). Auf dem Land wurden die osmanischen Truppen durch den russischen Feldmarschall Peter Alexander Rumjanzow im Gebiet des Unterlaufs der Donau am Schwarzen Meer geschlagen. Die Überrumpelung der osmanischen Flotte in Tschesme war ein wirkliches Husarenstück, denn die russische Marine war noch relativ klein und personell nicht gut ausgestattet. Der Aufbau der Flotte war für Katharina eines ihrer vorrangigen Ziele. Goethe schreibt zu diesem Ereignis: „Katharina, eine große Frau, die sich des Thrones würdig gehalten, gab tüchtigen, hochbegünstigten Männern einen großen Spielraum, der Herrscherin Macht immer weiter auszubreiten; und da dies über die Türken geschah, denen wir die Verachtung, mit welcher sie auf uns herniederblicken, reichlich zu vergelten gewohnt sind, so schien es, als wenn keine Menschen aufgeopfert würden, indem diese Unchristen zu Tausenden fielen. Die brennende Flotte in dem Hafen von Tschesme verursachte ein allgemeines Freudenfest über die gebildete Welt, und jedermann nahm teil an dem siegreichen Übermut, als man um ein wahrhaftes Bild jener großen Begebenheit übrig zu behalten, zum Behuf eines künstlerischen Studiums auf der Reede von Livorno sogar ein Kriegsschiff in die Luft sprengte.“ (Goethe, S. 235) Da Russland in dem Friedensvertrag von Küçük Kaynarca ein Schutzrecht für die auf osmanischem Gebiet lebenden Christen eingeräumt wurde, war dies eine Einladung für weitere Interventionen. „Neben das alte Bild des dämonisierten Feindes trat in der künstlerischen Repräsentation nun der übertölpelte Buffo-Türke, wie man ihn als Haremswärter Osmin aus Mozarts Entführung aus dem Serail (1782) kennt.“ (Osterhammel, S. 34) „Russland ist eine europäische Macht“, hatte Katharina II. in ihren „Instruktionen“ von 1762 geschrieben, und dies bedeutete zweierlei: die Absicht, den Großmachtstatus Russlands zu festigen und es gleichzeitig abzugrenzen gegen die orientalischen Reiche. Zarin Katharina Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 172 aus dem Hause Anhalt-Zerbst, geboren in Stettin, war entschlossen, den begonnenen Weg weiterzugehen. Die Zarin sah ihre Aufgabe darin, die Arbeit Peters I. zu vollenden, und tatsächlich verschaffte sie Russland Zugang zum Schwarzen Meer. Mit gleicher Klugheit und Entschlossenheit, mit der es Friedrich II. gelungen war, Preußen zu einer Großmacht zu machen, verfolgte Katharina II. ihre Ziele. Sie schrieb an Voltaire am 9. August 1770: „Aus jedem seiner Kriege ist Russland blühender hervorgegangen. Tatsächlich haben diese Kriege die Industrie in Schwung gebracht; jeder Krieg war bei uns der Vater irgendeiner neuen Hilfsquelle, die Handel und Verkehr belebte.“ (Fleischhacker) Die Erfolge in der Außenpolitik der Zarin stärkten das Selbstbewusstsein des russischen Volkes, die Zarin selbst äußerte sich sehr zuversichtlich-siegessicher über die Möglichkeiten Russlands: „Wenn ich zweihundert Jahre lebte, würde natürlich ganz Europa unter das Zepter Russlands kommen, aber ich werde nicht sterben, bevor die Türken aus Europa vertrieben, der Hochmut Chinas gebrochen und die Handelsbeziehungen mit Indien hergestellt sind.“ (Donnert, S. 304). Dies waren große, für die angesprochenen Staaten bedrohliche Worte, die auch heute noch zitiert werden. Die Krim wurde als Folge des 1774 verlorenen Krieges unabhängig vom Osmanischen Reich, zu dem sie bis dahin in einem Vasallenstatus gestanden hatte. Dies war eine Einladung an Russland, die Krim eines Tages zu annektieren, was 1783 geschah. Russland erhielt Asow und das Recht der freien Schifffahrt im Schwarzen Meer. Sofort wurde der Hafen von Sewastopol geschaffen, um dort die russische Schwarzmeerflotte zu stationieren. Gebaut wurden die Schiffe in Werften der Stadt Cherson am Mündungsdelta des Dnepr, die selbst erst 1778 gegründet worden war. Kaiser Joseph, nicht so sehr Maria Theresia, die Josephs Absichten mit Skepsis verfolgte, suchte die Annäherung an Russland und reiste 1780 über verschiedene Stationen nach Petersburg, wo er mehrmals mit Katharina II. zusammentraf. Dies war der Beginn einer engen Bindung zwischen beiden Staaten, die über das nächste Jahrzehnt anhielt. Maria Theresia starb am 29. November 1780. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 173 Die russische Zarin und Joseph II. verabredeten ein Verteidigungsbündnis (1781), in dem sie sich für den Erhalt der bestehenden Besitzstände und für die Unterstützung bei weiteren Plänen aussprachen. Wien wollte noch immer mit Russlands Hilfe Preußen auf den Rang einer Mittelmacht oder weniger zurückstutzen. In Wien nannte man dies „Destruktion der preußischen Macht“. Danach wäre Österreich umso freier, gemeinsam mit Russland gegen das Osmanische Reich vorzugehen. Joseph verfolgte darüber hinaus nach wie vor seine Pläne, die österreichischen Niederlande gegen Bayern zu tauschen. Katharina aber sah in einem Bündnis mit Österreich zunächst einmal – eigentlich ausschließlich – die Stärkung ihrer Expansionsbestrebungen gegen die Türkei. Das Territorium ihres Reiches auf Kosten des osmanischen Reichs auszudehnen, war ihr vorrangiges Ziel. Gegen Preußen vorzugehen, kam ihr schon aus Erwägungen des Gleichgewichts der Kräfte nicht in den Sinn. Dennoch verfolgte Friedrich II. diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Josephs Handlungen blieben abzuwarten. Immerhin war es 1777 zum Bayerischen Erbfolgekrieg gekommen. Da Frankreich traditionell Wert auf eine gute Beziehung zum Osmanischen Reich legte, bewertete man dieses russisch-österreichische Bündnis kritisch. Die seinerzeit gegen Preußen gerichtete, jedoch bereits während des Siebenjährigen Kriegs brüchig gewordene „Freundschaft“ zwischen Österreich und Frankreich wurde durch das Bündnis zwischen Österreich und Russland wegen seiner Ambitionen gegen das Osmanische Reich weiter belastet. Frankreich sah sich nämlich als Schutzmacht der Pforte und verfolgte sehr andere strategische Überlegungen als Wien. „Ludwig XVI. versuchte, seinen Schwager und Bundesgenossen zu überzeugen, dass die immer fortschreitende Vergrößerung Russlands dem wesentlichen Interesse der österreichischen Monarchie zuwider sei, und dieses vielmehr erfordere, zur Behauptung des Gleichgewichts von Europa durch Erhaltung des osmanischen Reichs in seinem jetzigen Besitzstande, sich mit Frankreich auf das engste zu verbinden, und beide Staaten deshalb mit Preußen, das hierunter ein völlig gleiches Interesse habe, gemeinsame Maßregeln treffen müssten.“ (Dohm, S. 29) Ein Bündnis zwischen Frankreich, Österreich und Preußen gegen Russland zum Schutz des Osmanischen Reichs? Waren dies zuvor Hoffnungen der Osmanen gewesen, konnte man jetzt von geradezu abenteuerlichen Gedanken sprechen. Eine der- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 174 artig grundsätzliche Wende im Denken über seine europäische Machtpolitik war in Wien unmöglich umsetzbar. Zu tief saß die Kränkung durch Preußen, zu bindend hatte sich Joseph gegenüber Katharina festgelegt, zu sehr war es erforderlich, die osmanische Macht zu begrenzen. Auch Preußen war auf eine freundschaftliche Beziehung zu Russland angewiesen, hatte entsprechende Verträge abgeschlossen und würde sich auf ein solches Vorhaben keinesfalls einlassen. Preußen spielte die osmanische Karte nur, wenn es Wien beunruhigen wollte. Es war nie mehr als eine Drohung. 1787 bis 1792: Die Osmanen beendeten derartige Spekulationen und Gedankenspiele hin und her, sie erklärten Russland den Krieg. Es ging ihnen um die Vorherrschaft im Schwarzen Meer, auch sollte Russland die Krim wieder entrissen werden. In diesen Krieg, der entstand, da Russland es ablehnte, sich von der Krim zurückzuziehen, war Österreich wegen des Defensivbündnisses mit Katharina II. verwickelt. Dies kam äußerst ungelegen, denn Joseph hatte in Ungarn und in den österreichischen Niederlanden mit großem Widerstand gegen seine Reformen umzugehen. Seine Bündnisverpflichtungen musste Österreich erfüllen, aber es war Josephs Ziel, den Krieg aus einem weiteren Grund möglichst schnell zu beenden, denn nichts fürchtete man in Wien so sehr wie einen Zweifrontenkrieg, sollte sich Preußen militärisch einmischen. Es kam hinzu, dass England sich diplomatisch (nicht militärisch) auf die Seite der Türkei stellte, denn England wollte Russland vom Mittelmeer fernhalten, und man war in London besorgt, Russland könnte, von einem besiegten Osmanischen Reich ausgehend, die englischen Interessen in Indien stören. Wien fürchtete das Eingreifen Preußens in den Krieg umso mehr, als Schweden 1789 einen Subsidienvertrag mit dem osmanischen Reich abschloss. (Hochedlinger, S. 189) Was würde geschehen, wenn Preußen nachzöge? Tatsächlich führte Friedrich Wilhelm II., Neffe Friedrichs II., die Politik seines Vorgängers fort, indem er aus machtpolitischen Überlegungen kein Interesse an der Zurückdrängung des Osmanischen Reiches hatte, durch die nur Russland und Österreich gestärkt würden. Militärisch wollte Preußen jedoch nicht eingreifen, lieber sollte Frankreich ermuntert werden, den Türken Bei- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 175 stand zu leisten. (Croitoru, S. 216) In Frankreich aber war die Revolution ausgebrochen. Kaiser Joseph starb am 20. Januar 1790, mit nur 49 Jahren. Der Krieg gegen die Osmanen verlief auch unter Josephs Nachfolger, seinem Bruder Leopold II., nicht erfolgreich. Belgrad, das zunächst erobert worden war, musste im Friedensvertrag von Sistowa zurückgegeben werden. Die Zarin aber besiegte die Osmanen zur See und auf dem Land. Es kam zum Friedensschluss von Jassy, der Hauptstadt des Fürstentums Moldau. Der größte Verlust, den das Osmanische Reich hinnehmen musste, war die Öffnung des Schwarzen Meeres auch für die europäische Schifffahrt. Russland gründete Odessa und andere Hafenstädte, die bald eine Rolle im Außenhandel spielten. Die südukrainische Steppe (nun „Neurussland“ genannt) versprach sehr fruchtbare Böden, die Russland landwirtschaftlich nutzte und die Gegend mit russischen Bauern besiedelte. Die Region wurde wenige Jahrzehnte später zu einem wichtigen Getreideproduzenten. Das gesamte Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, die südliche Ukraine und der Nordkaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer gehörten nun zu Russland. Katharina II. hatte „die Türken aus Europa vertreiben, den Hochmut Chinas brechen und Handelsbeziehungen mit Indien herstellen“ wollen. Auch wenn diese Vorhaben selbst für sie in dem gegebenen Gefüge und der machtpolitischen Interessenslage der europäischen Länder nicht durchsetzbar waren, hat die Zarin ihr Reich doch bis zum Schwarzen Meer ausdehnen und sich in den eroberten Gebieten behaupten können. Zarin Katharina II., die mit Voltaire und Montesquieu korrespondierte und Diderot an ihren Hof einlud, war eine sehr gebildete, vielseitig interessierte Monarchin, die sich zwar – und hierin beschränkt sich ihr Tribut an die Aufklärung – im Wort zu den Forderungen der Philosophen zur Freiheit und Wohlfahrt der Bürger und der Gerechtigkeit des Herrschers bekannte, jedoch in der Tat die Zahl der leibeigenen Bauern noch vermehrte und nichts gegen die Gerichtsbarkeit der Gutsherrn unternahm. Sie bestätigte die Privilegien des Adels, von dessen Wohlwollen sie abhing, denn ein Recht auf den Thron hatte sie als Witwe des gestürzten und ermordeten Zaren nicht. Andererseits gründete sie als Teil ihrer Reformvorhaben das Smolny-Institut in Pe- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 176 tersburg, eine Lehr- und Erziehungsanstalt für Mädchen, und forcierte den Aufbau des Volksschulwesens. Entscheidend für den Machtverlust der Osmanen im internationalen Vergleich war, dass sich der Westen schneller entwickelte und das Osmanische Reich trotz weitreichenden inneren Reformen den Abwärtstrend nicht aufhalten konnte. Es kam hinzu, dass das Osmanische Reich keine Handelsmacht, sondern eine Militärmacht war. Die Möglichkeit, aus dem Zugang zu den Meeren Handelbeziehungen und einen Vorteil im Fernhandel aufzubauen, wurde nicht genutzt, obwohl das Reich über eine konkurrenzfähige Seidenmanufaktur, Rohstoffe aus der Schwarzmeerregion und Getreide aus Ägypten verfügte. Industrielle Zentren hätten entwickelt, eine Exportindustrie aufgebaut werden können. Es fehlten die Interessensgruppen, die den für eine solche Entwicklung erforderlichen Druck hätten aufbauen können. (Menzel) Mit den Gedanken der Aufklärung entwickelte sich in den USA und Europa eine Definition von Fortschritt, ausgedrückt zunächst in der Garantie der Menschen- und Bürgerrechte, gefolgt von einem Verlangen nach Freiheit und einer generellen Veränderung zu besseren Lebensbedingungen, erreichbar durch Innovation und Handel. Das Individuum bekam das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit und sollte die Möglichkeit haben, seine Vorstellung von Glück zu verwirklichen. Das Osmanische Reich kannte diese von Philosophen angestoßene Bewegung nicht, es hatte keinen John Locke, Charles Montesquieu, Voltaire, Adam Smith, Thomas Jefferson, Immanuel Kant, es ließ deren Denken in ihrem Kulturraum nicht gelten. Auch militärisch konnte es nicht mit den Entwicklungen im Westen mithalten. Und doch hatte die islamische Welt in der Vergangenheit, vom 8. bis 10. Jahrhundert, eine Zeit bedeutender wissenschaftlicher Entwicklungen gehabt. „Da es die religiöse Pflicht aller Muslime ist, nach Wissen und Erleuchtung zu streben, führte dies zwangsläufig dazu, dass sie auf die säkularen griechischen Texte stießen und sie ins Arabische übersetzen ließen, (…) ein unentbehrlicher Faktor für die Entwicklung origineller Denkschulen in Theologie, Philosophie und sogar den exakten Wissenschaften.“ (Al-Khalili, S. 83) Nachdem der Höhepunkt dieser wissenschaftlichen Produktivität um die erste Jahrtausendwende erreicht war, erhielten religiös-konservative Kräfte bestimmenden Einfluss in Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 177 der Gesellschaft, und es begann „über 500 Jahre hinweg ein langer, langsamer Niedergang.“ (S. 353) „Die Grundpfeiler Koran, Gottesbild, Gesetzlichkeit, Stammesbewusstsein, Universalitätsanspruch und Dschihad wurden dem Islam zum Verhängnis, denn sie wurden nie neu verhandelt oder transformiert.“ (Hamad. S. 56) „›Das gesamte Wissen befindet sich im Koran‹, das war die neue Geisteshaltung, die die Entfernung der Muslime vom weltlichen Wissen einleitete. Der Glaube sollte wieder gereinigt und von fremden Einflüssen befreit werden.“ (S. 61) Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es zu vier weiteren russischtürkischen Kriegen, das Osmanische Reich verlor den Großteil seiner Territorien (Serbien, Griechenland, Ägypten), und nach dem ersten Weltkrieg, als das Osmanische Reich zerfiel bzw. aufgeteilt wurde, schaffte Mustafa Kemal Atatürk das Sultanat und Kalifat ab, gründete die heutige Türkei, wurde Staatspräsident, bestimmte Ankara zur Hauptstadt und erneuerte das Land von Grund auf. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 178 Die Teilungen Polens Wir müssen zunächst noch einmal zurückblicken. Im Oktober 1763 starb König August III. von Sachsen-Polen, drei Wochen später Heinrich von Brühl und im Dezember Augusts Sohn Friedrich Christian, im 43sten Lebensjahr. Dessen Sohn, Friedrich August., war erst 13 Jahre alt und kam für die polnische Thronfolge nicht in Frage. Frankreich und Österreich waren schon bei der Thronfolge 1733 nicht mehr die Mächte gewesen, die darüber entschieden, wer König in Polen werden sollte, auch wenn damals noch ein Krieg um den polnischen Thron geführt werden musste. Zarin Katharina setzte jetzt im Bündnis mit Friedrich II. ihren Vertrauten Stanislaus Poniatowski als König von Polen ein, der zwar vom polnischen Reichstag einstimmig gewählt wurde, das Land jedoch nicht befrieden konnte. Poniatowski versuchte, Polen durch Reformen in der Verwaltung, dem Heer und dem Bildungswesen zu modernisieren, um das Potential des Staates zu nutzen. Die angrenzenden drei Großmächte, besonders Russland, waren jedoch an einem starken Staat, der möglicherweise eine eigene Außenpolitik betreiben würde, nicht interessiert. Das Gleichgewichtssystem mit einem von allen drei Nachbarn gewünschten machtlosen, schwachen Pufferstaat Polen würde gestört werden. In Wien starb 1765 Franz I., dem der eigenwillige Joseph II. als Kaiser und Mitregent Maria Theresias folgte. Friedrich fürchtete, dass dieser „vom Ehrgeiz verzehrte Mensch mit einem großen Coup hervortreten wird“, was nichts anderes hieß, als dass er wohl territorialen Anspruch geltend machen würde. Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges setzte Friedrich II. ganz auf eine enge Beziehung zu Russland, denn die Bedrohung aus Wien und auch aus Frankreich war für ihn nicht aus der Welt geschafft. So kam es zu einem gegenseitigen Verteidigungsvertrag zwischen Russland und Preußen, der Preußen dazu verpflichtete, Russland im Kriegsfall finanziell durch Subsidien oder militärisch zu unterstützen. 179 Dieser Vertrag brachte Friedrich in Verlegenheit als 1768 erneute Aufstände in Polen, die sich gegen die russische Fremdherrschaft richteten und durch die die nationale Autonomie wiedergewonnen werden sollte, die Zarin dazu veranlassten, militärisch zu intervenieren. Russisch-polnische Truppenbewegungen gerieten dabei auch auf osmanisches Gebiet, was mit der Festsetzung des russischen Botschafters in Konstantinopel und der Kriegserklärung an Russland beantwortet wurde. Der jetzt beginnende Krieg dauerte bis 1774. Das Osmanische Reich versuchte, die gegen Russland gerichteten Kräfte in Polen auf seine Seite zu ziehen. Österreich, das Russlands Erstarken im Osten kritisch sah, drohte, in den Konflikt auf Seiten des Osmanischen Reichs einzugreifen, musste sich aber vor einem solchen Schritt Klarheit über die Pläne des preußischen Königs verschaffen, denn Österreich konnte sich einen Konflikt mit Preußen in dieser Situation keineswegs leisten. Nach zwei Zusammentreffen zwischen Friedrich II. und Joseph II. wurde 1769 ein Vertrag abgeschlossen, der beide zur Neutralität bei möglichen Kriegen und Unruhen verpflichtete. Russland beobachtete diesen Vorgang nicht ohne Sorge. Friedrich II. hatte bereits in seinem Politischen Testament von 17524 vermerkt: „Polnisch-Preußen wird besser nicht durch Waffen erobert, sondern im Frieden verspeist, in der Weise einer Artischocke, Stück für Stück. Polens Wahlmonarchie wird die Gelegenheit dazu geben.“ (Friedrich meint mit Polnisch-Preußen ein Gebiet, das auch Königlich-Preußen genannt wurde, zu Polen gehörte und die spätere Provinz Westpreußen wurde; das östliche Herzogtum Preußen dagegen hatte schon seit dem 16. Jahrhundert eine Beziehung zu Brandenburg, seit 1657 waren die brandenburgischen Kurfürsten souveräne Herzöge in Preußen. Auf dieser Basis krönte sich Kurfürst Friedrich III. 1701in Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen) Der König kam jetzt auf seine frühen Überlegungen zurück, denn auf diese Weise könnte Polen als Konfliktherd entfallen. Katharina könnte sich ganz auf die Auseinandersetzung mit dem osmanischen Reich konzentrieren, und dem ehrgeizigen Joseph II., aber auch Katharina II., natürlich auch Preußen, würde ein gern gesehener Gebietszuwachs zukommen. Durch das Dreierbündnis würde zudem eine österreichisch-russische Gegnerschaft in dem Krieg gegen das Osmanische Reich vermieden. Dem Prinzen Heinrich, Friedrichs Bruder, kam in Die Teilungen Polens 180 diesem Prozess eine Schlüsselrolle zu. Um die wahre Absicht seiner Reise nach St. Petersburg zu verschleiern, hielt sich Prinz Heinrich den Sommer über bei seiner Schwester Ulrike, der Königin von Schweden auf, ließ sich von Katharina II. nach Petersburg einladen, fragte seinen Bruder um Erlaubnis, reisen zu dürfen, und nutzte seine sehr freundschaftliche Beziehung zur Zarin, um die Verhandlungen in Friedrichs Interesse zu führen. Die Herbst- und Wintermonate verbrachte er am Hof der Zarin und konnte die Verhandlungen mit einem Erfolg beenden, zu dem ihm Katharina ausdrücklich schriftlich gratulierte. Es kam zu der ersten Teilung Polens. Der russisch-preußische Teilungsvertrag wurde am 17. Februar 1771 unterschrieben. Auch wenn sich Maria Theresia zunächst heftig wehrte, willigte sie schließlich doch ein, so dass der Vertrag zwischen Russland und Österreich am 5. August 1772 gültig wurde. Russland erhielt den polnischen Teil Livlands und die östlichen Gebiete Polens, Österreich die südöstlichen Gebiete des Landes. (Abb. 21 Teilungen Polens) Die Teilungen PolensAbb. 21: Die Teilungen Polens 181 Preußen konnte nun über „Polnisch-Preußen“ im Westen und einige nördliche Gebiete Polens bestimmen. Alle polnischen Rechte am früher „herzoglichen Preußen“ im Osten wurden aufgehoben. „Vom Standpunkt des Völkerrechts erhielt erst damit Preußen seine volle Souveränität – ein Beweis dafür, dass das Recht der Wirklichkeit nachhinkte –, und Friedrich ließ sich nun ›König von Preußen‹ nennen.“ (Alexander, S. 157) Friedrich war sich durchaus bewusst, dass nun eine Barriere auf Russlands möglichem weiteren Weg nach Westen geschwächt war und riet seinem Nachfolger, die Weichsel zu befestigen, denn dies würde Truppenanlandungen in Danzig und die Überquerung des Flusses erschweren. Friedrich scheute nicht so sehr die regulären Truppen, aber „die Kalmücken und Tataren sind durch Mordbrennerei und Grausamkeit bekannte Völker, die die Länder verwüsten, ganze Völker in Gefangenschaft fortschleppen und alle Ortschaften einäschern, wo sie sich als die Stärkeren fühlen.“ (Heinrich, S. 229) Ob die Befestigung der Weichsel ein geeignetes Mittel sein könnte, die Russen, die nun einmal nach Westen vorangekommen waren, an einem weiteren Zug nach Preußen zu hindern, bleibt dahingestellt. Auch in Großbritannien wurde die Teilung Polens und Russlands Ruck nach Westen sehr kritisch gesehen. Edmund Burke schrieb: „Polen ist die natürliche Barriere Deutschlands sowie der nördlichen Kronen gegen die überwältigende Macht und Ambitionen Russlands gewesen.“ Polen könnte jetzt „zur Straße werden, auf der Russland Deutschland betritt.“ (Simms, S. 118) Für Polen war dieses traumatische Ereignis Ansporn, in einem (langwierigen) Prozess grundlegende Reformen einzuführen und sich mit einer Erbmonarchie auf parlamentarischer Basis, der Gewaltenteilung, Stärkung der Armee und einer Erneuerung des Bildungswesens für die Zukunft auszurichten. Im Mai 1791 schließlich verabschiedete der Große Reichstag Polens eine Verfassung, durch die u. a. das russische Protektorat im Land beseitigt werden sollte. Auf die Zarin wirkten diese Entwicklungen nicht etwa positiv. Unter dem Eindruck der revolutionären Zustände in Frankreich war Katharina entschlossen, den in Polen eingerissenen „jakobinischen Zuständen“ entgegenzutreten und „der französischen Pest an der Weichsel“ ein Ende zu setzen. Preußen und Österreich zögerten noch, sie bei diesem Vorhaben zu Die Teilungen Polens 182 unterstützen, denn sie waren zunächst noch durch die Gefahren, die von den Folgen der französischen Revolution ausgingen, im Westen gebunden. Der Zarin kam sehr gelegen, dass sich einflussreiche polnische Persönlichkeiten unter ihr Patronat stellten und in Targowica eine Konföderation, d. h. eine militärische Organisation, bildeten, mit der sie sich gegen die Maiverfassung stellten. Die Zarin zögerte nicht, dem Hilferuf dieser Gruppierung nachzukommen und militärisch einzugreifen. Der Einmarsch russischer Truppen in Polen war das Vorzeichen einer zweiten polnischen Teilung, der Versuch einer Erneuerung der polnischen Gesellschaft und des Staates Polen war gescheitert. Der zweiten Teilung Polens 1793 folgte die dritte im Jahr 1795. Polen existierte danach 123 Jahre lang nicht mehr als souveräner Staat. Katharina II. war zufrieden. Unter ihrer Herrschaft hatte das Land seine größte Ausdehnung in Europa erfahren, es war bis zum Schwarzen Meer vorgestoßen, und mit den Teilungen Polens wurde es zum direkten Nachbarn Österreichs und Preußens. Die Westgrenze Russlands reichte nun von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Katharina II. starb am 17. November 1796. Die Teilungen Polens 183 Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung Ein fiktives Gespräch zwischen Leibniz (1646–1716), Friedrich II. (1712– 1786), Goethe (1749–1832), Herder (1744–1803), Schiller (1759–1805). Zitate aus ihren Werken Nach Walter von der Vogelweide, Meister Eckart und Martin Luther, alle waren große Meister der deutschen Sprache, musste selbst diese nach den Verheerungen des dreißigjährigen Krieges als Kultursprache erst wiederbelebt werden. Thomasius war der erste, der 1687 in der Leipziger Universitätskirche, wo sonst nur das Lateinische als Sprache der Wissenschaft zugelassen war, eine Vorlesung in der Muttersprache hielt. Während im Frankreich des 18. Jahrhunderts die Revolution durch die Aufklärer Rousseau, Montesquieu, Voltaire, d’Holbach, Diderot und d’Alembert vorbereitet wurde, holte Deutschland, das sich für deren Art der kritischen anti-klerikalen und gesellschaftspolitischen Aufklärung nicht erwärmen konnte, ja diese sogar strikt ablehnte, die Entwicklung einer klassischen Zeit der Literatur in der eigenen Sprache nach. Frankreichs Philosophen der Aufklärung bereiteten den Aufstand vor und wandten sich wortmächtig gegen die Unterdrückung durch die feudale Obrigkeit und die katholische Kirche. „Das Hauptargument insbesondere gegen die katholische Kirche lautete, dass sie die Gläubigen mit Hilfe betrügerischer Drohungen geknechtet habe, um ihre eigene Herrschaft auf Angst und Aberglauben der Menge zu errichten. Diese Polemik gegen die geistige Tyrannei, die politische Macht und die materiellen Privilegien der Kirche stand im Zentrum der französischen Religionskritik, deren prominentester Vertreter Voltaire war.“ (Stollberg2, S. 100) In Deutschland dagegen gab es mehrere Länder, allen voran Preu- ßen, in denen der Herrscher selbst Teil der Bewegung der Aufklärung 185 war. Es gab dort in dem Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg geringe Bereitschaft, sich gegen die Macht der Kirche oder einiger Despoten aufzulehnen, hier wollte man erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Die deutsche Aufklärung forderte Mut zur Erkenntnis, Toleranz und Eigenverantwortung. Kant stellte das Individuum und seine Pflichten mit einem Imperativ in den Mittelpunkt. Eine Revolution wurde in Deutschland nicht vorbereitet, man war auf Innerlichkeit und hohe Werte bedacht: Rechtschaffenheit, persönliche Stärke, Ritterlichkeit und Freiheitsliebe. Schon Luther, jetzt auch Kant, schlossen einen Widerstand gegen die Staatsgewalt, wenn auch als Ergebnis der Freiheit des Denkens, aus. Im protestantischen England wurde die industrielle Revolution vorbereitet, über den globalen Handel wollte man die Welt beherrschen. Die Menschen- und Bürgerrechte waren in England längst erkämpft worden, der Absolutismus schon im 17. Jahrhundert beseitigt. Die Aufklärung im Sinne von Befreiung und Aufruf zur Selbständigkeit hatte in England schon früh stattgefunden. John Locke und später Adam Smith hatten die wissenschaftliche Systematik auf den Gebieten der Staatskunde und der Ökonomie beigetragen. Individuelle Leistung und Streben nach Erwerb und Gewinn wurden als eine Tugend angesehen. So hatte die Bewegung der Aufklärung in den drei Ländern einen jeweils ganz eigenen intellektuellen Schwerpunkt. „In England der freie Markt, in Frankreich die Menschen- und Bürgerrechte, in Deutschland die Literatur, das sind die neuen Kraftlinien, entlang deren sich die entstehende bürgerliche Gesellschaft organisiert.“ (Witte, S. 64) Hier nun das Gespräch. Friedrich: „Sie wundern sich, meine Herren, dass ich nicht in Ihren Beifall über die Fortschritte einstimme, die nach Ihrer Meinung die deutsche Literatur täglich macht. Ich liebe unser gemeinsames Vaterland ebenso sehr wie Sie, und darum hüte ich mich wohl, es zu loben, bevor es Lob verdient. Das hieße ja einen Wettläufer mitten im Laufe als Sieger ausrufen. Ich warte, bis er sein Ziel erreicht hat. Dann wird mein Beifall ebenso aufrichtig wie wahr sein. Zurzeit finde ich eine Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 186 halbbarbarische Sprache, die in ebenso viele Mundarten zerfällt, als Deutschland Provinzen hat. Jeder Kreis bildet sich ein, seine Redeweise sei die beste. Es gibt noch keine von der Nation anerkannte Sammlung einer Auswahl von Wörtern und Ausdrücken, die die Reinheit der Sprache feststellt. Was man in Schwaben schreibt, wird in Hamburg nicht verstanden, und der österreichische Stil erscheint den Sachsen dunkel. Aus diesem äußeren Grunde ist ein Schriftsteller auch bei der schönsten Begabung außerstande, diese rohe Sprache in vorzüglicher Weise zu handhaben.“ Leibniz: „Reichtum ist das Erste und Nötigste bei einer Sprache und besteht darin, dass kein Mangel, vielmehr ein Überfluss erscheine an bequemen und nachdrücklichen Worten, so zu allen Vorfälligkeiten dienlich, damit man alles kräftig und eigentlich vorstellen und gleichsam mit lebenden Farben abmalen könne.“ (Bloch, S. 59) Friedrich: „Ich werfe der deutschen Sprache vor, dass sie weitschweifig, spröde und unmelodisch ist und dass es ihr an der Fülle bildlicher Ausdrücke gebricht, die so notwendig sind, um gebildeten Sprachen neue Wendungen und Anmut zu geben. In Deutschland wurden die Fortschritte in Kunst und Wissenschaft gehemmt durch die Kriege, die von Karl V. bis zum Spanischen Erbfolgekrieg aufeinanderfolgten. Das Volk war elend, die Fürsten arm. Man musste erst daran denken, das Land wiederanzubauen, um sich den unentbehrlichsten Lebensunterhalt zu sichern. Diese Aufgabe nahm die Nation fast ganz in Anspruch und hinderte sie, sich aus der Barbarei, die ihr noch anhaftete, vollständig zu erheben. Dazu kommt, dass die Künste in Deutschland keinen Mittelpunkt hatten, wie es Rom und Florenz in Italien, Paris in Frankreich und London in England waren. Nur zwei Männer ragten durch ihr Genie hervor und machten der Nation Ehre: Sie, der große Leibniz, und der gelehrte Thomasius. Die meisten deutschen Gelehrten waren Handwerker, die französischen Künstler. Das war der Grund, warum die französischen Werke so allgemein Verbreitung fanden, warum ihre Sprache die lateinische verdrängte und warum jetzt jeder, der französisch versteht, durch ganz Europa ohne Dolmetscher reisen kann. Der allgemeine Gebrauch der fremden Sprache tat der Muttersprache noch mehr Abbruch. Sie blieb nur im Munde des gemeinen Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 187 Volkes und konnte den feinen Ton nicht erlangen, den jede Sprache nur in guter Gesellschaft gewinnt.“ Herder: „An Liebe und Achtung gegen seine besten Schriftsteller (wenige ausgenommen) steht Deutschland seinen kultivierten Nachbarn, Franzosen, Engländern, Italienern, nicht vor, sondern nach; der größere Teil des Publikums kennt sie nicht und trägt wenigstens sie nicht eben in Herz und Seele. An den Schriftstellern liegt es schwerlich; sie taten was sie konnten; manche vielleicht zu viel. Am Charakter und an der Verfassung der Nation liegt es; an der Unkultur und der Unkultivierbarkeit (wenn mir zur Bezeichnis eines Barbarismus ein barbarisches Wort erlaubt ist), am falschen Geschmack und der genetischen Rohheit mancher Stände und Lebensarten. Bei weitem ist unsere Sprache noch nicht so gebildet, jedem Vortrage, jeder Art des Wissenswürdigen so zugebildet, als die Sprachen unserer Nachbarn.“ Goethe: „Die literarische Epoche, in der ich geboren bin, entwickelte sich aus der vorhergehenden durch Widerspruch. Deutschland, so lange von den auswärtigen Völkern überschwemmt, von anderen Nationen durchdrungen, in gelehrten und diplomatischen Verhandlungen an fremde Sprachen gewiesen, konnte seine eigene unmöglich ausbilden. Es drangen sich ihr zu so manchen neuen Begriffen auch unzählige fremde Worte nötiger- und unnötigerweise mit auf, und auch für schon bekannte Gegenstände war man veranlasst, sich ausländischer Ausdrücke und Wendungen zu bedienen. Der Deutsche, seit beinahe zwei Jahrhunderten in einem unglücklichen, tumultuarischen Zustand verwildert, begab sich bei den Franzosen in die Schule, um lebensartig zu werden, und bei den Römern, um sich würdig auszudrücken. Dies sollte aber auch in der Muttersprache geschehen, denn die Anwendung der fremden Idiome und Halbverdeutschungen machte den Sprachstil lächerlich.“ Friedrich: „Der Geschmack am französischen Theater kam mit der französischen Mode nach Deutschland. Europa war entzückt von dem Stempel der Größe, den Ludwig XIV. all seinem Tun aufprägte, von den feinen Sitten, die an seinem Hofe herrschten, von den großen Männern, die ihn zierten, und suchte das bewunderte Frankreich Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 188 nachzuahmen. Ganz Deutschland reiste nach Paris. Ein junger Mann von Stand, der sich nicht eine Zeitlang am Hofe von Versailles aufgehalten hatte, galt als Einfaltspinsel. Französischer Geschmack beherrschte die Küche, unsere Einrichtung, unsere Kleidung und alle die Kleinigkeiten, auf die sich der Einfluss der Mode erstreckt.“ Herder: „Wie ganzen Nationen eine Sprache eigen ist, so sind ihnen auch gewisse Lieblingsgänge der Phantasie, Wendungen und Objekte der Gedanken, kurz ein Genius eigen, der sich, unbeschadet jeder einzelnen Verschiedenheit, in den beliebtesten Werken ihres Geistes und Herzens ausdrückt. Sie in diesem angenehmen Irrgarten zu belauschen, den Geist zu fesseln und redend zu machen, den man gewöhnlich Nationalcharakter nennt und der sich gewiss nicht weniger in Schriften als in Gebräuchen und Handlungen der Nation äußert; dies ist eine hohe und feine Philosophie. In den Werken der Dichtkunst, d. i. der Einbildungskraft und der Empfindungen wird sie am sicherten geübt, weil in diesen die ganze Seele der Nation sich am freiesten zeigt. Wodurch soll sich unser Geschmack, unsre Schreibart bilden? Wodurch unsre Sprache bestimmen und regeln, als durch die besten Schriftsteller unsrer Nation? Ja, wodurch sollen wir Patriotismus und Liebe zu unserm Vaterlande erlangen, als durch die Sprache, durch die vortrefflichsten Gedanken und Empfindungen, die in ihr ausgedrückt, die wie ein Schatz in sie gelegt sind?“ Schiller: „Zwar ist es auch bei Voltaire einzig nur die Wahrheit und Simplizität der Natur, wodurch er uns zuweilen poetisch rührt, es sei nun, dass er sie in einem naiven Charakter wirklich erreiche, wie mehrmals in seinem „Ingen“, oder dass er sie, wie in seinem „Candide“ u. a., suche und räche. Wo keines von beidem der Fall ist, da kann er uns zwar als witziger Kopf belustigen, aber gewiss nicht als Dichter bewegen. Seinem Spott liegt überall zu wenig Ernst zum Grunde, und dieses macht seinen Dichterberuf mit Recht verdächtig. Wir begegnen immer nur seinem Verstande, nicht seinem Gefühl. Es zeigt sich kein Ideal unter jener luftigen Hülle und kaum etwas absolut Festes in jener ewigen Bewegung. Seine wunderbare Mannigfaltigkeit in äußeren Formen, weit entfernt, für die innere Fülle seines Geistes etwas zu beweisen, legt vielmehr ein bedenkliches Zeugnis dagegen ab, denn unge- Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 189 achtet aller jener Formen hat er auch nicht eine gefunden, worin er ein Herz hätte abdrücken können. Beinahe muss man also fürchten, es war in diesem reichen Geist nur die Armut des Herzens, die seinen Beruf zur Satire bestimmte. Wäre es anders, so hätte er doch irgend auf seinem Weg aus diesem engen Geleise treten müssen. Ich vermisse das Gefühl, das Ideal, das eine Sprache prägen und das diese poetisch ausdrücken muss.“ Friedrich: „Man muss damit anfangen, die Sprache zu vervollkommnen. Sie muss gehobelt und gefeilt, muss von geschickten Händen geformt werden. Klarheit ist die erste Regel für alle, die reden und schreiben wollen, da sie ihre Gedanken veranschaulichen, ihre Ideen durch Worte ausdrücken müssen. Viele unserer Schriftsteller gefallen sich in weitschweifigem Stil, sie sind weitläufig, wo sie reich sein sollten.“ Goethe: „Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Eure Majestät und die Taten des Siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muss schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten beruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für einen Mann stehen. Die Abneigung Eurer Majestät gegen das Deutsche war für die Bildung des Literaturwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerkbar zu machen, nicht etwa, um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden. Ein Werk, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt, muss ich hier vor allem ehrenvoll erwähnen: es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion, von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatz zu Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Inneres stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Hass und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 190 bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.“ Schiller: „Lassen Sie uns erneut nach Frankreich blicken, wo es jetzt so anders aussieht als im 17. Jahrhundert. Rousseaus Dichtungen haben unwidersprechlich poetischen Gehalt, da sie ein Ideal behandeln; nur weiß er denselben nicht auf poetische Weise zu gebrauchen. Sein ernster Charakter lässt ihn zwar nie zur Frivolität herabsinken, aber erlaubt ihm auch nicht, sich bis zum poetischen Spiel zu erheben. Bald durch Leidenschaft, bald durch Abstraktion angespannt, bringt er es selten oder nie zu der ästhetischen Freiheit, welche der Dichter seinem Stoff gegenüber behaupten, seinem Leser mitteilen muss. Entweder ist es seine kranke Empfindlichkeit, die über ihn herrscht und seine Gefühle bis zum Peinlichen treibt; oder es ist seine Denkkraft, die seiner Imagination Fesseln anlegt und durch die Strenge des Begriffs die Anmut des Gemäldes vernichtet.“ Friedrich: „Die schönen Tage, die Italiener, Franzosen und Engländer vor uns genossen haben, beginnen jetzt merklich abzunehmen. Das Publikum ist gesättigt von den bereits erschienenen Meisterwerken. Die Kenntnisse werden seit ihrer größeren Verbreitung weniger geachtet. Kurz, diese Völker glauben sich im Besitze des Ruhmes, den ihre Schriftsteller ihnen erworben haben, und schlafen auf ihren Lorbeeren ein.“ Goethe: „Wie hohl und leer war uns in dieser tristen atheistischen Halbnacht zumute, in welcher die Erde mit allen ihren Gebilden, der Himmel mit allen seinen Gestirnen verschwand. So waren wir denn an der Grenze von Frankreich alles französischen Wesens auf einmal bar und ledig. Ihre Lebensweise fanden wir zu bestimmt und zu vornehm, ihre Dichtung kalt, ihre Kritik vernichtend, ihre Philosophie abstrus und unzugänglich, so dass wir auf dem Punkte standen, uns der rohen Natur wenigstens versuchsweise hinzugeben, wenn uns nicht ein anderer Einfluss schon seit langer Zeit zu höheren, freieren und ebenso wahren als dichterischen Weltansichten und Geistesgenüssen vorbereitet und uns erst heimlich und mäßig, dann aber immer offenbarer und gewaltiger beherrscht hätte.“ Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 191 Schiller: „Es ist wunderbar zu sehen, wie sich in Ihrem „Werther“ alles glücklich zusammendrängt: schwärmerische unglückliche Liebe, Empfindsamkeit für die Natur, Religionsgefühle, philosophischer Kontemplationsgeist, endlich, um nicht zu vergessen, die düstre, gestaltlose, schwermütige Welt. Rechnet man dazu, wie wenig empfehlend, ja feindlich die Wirklichkeit dagegengestellt ist, und wie von außen her alles sich vereinigt, den Gequälten in seine Idealwelt zurückzudrängen, so sieht man keine Möglichkeit, wie ein solcher Charakter aus einem solchen Kreis sich hätte retten können.“ Friedrich: „Es erscheint aber auch, erlauben Sie mir diese Kritik, ein „Götz von Berlichingen“ auf der Bühne, eine scheußliche Nachahmung der schlechten englischen Stücke, und das Publikum klatscht Beifall und verlangt mit Begeisterung die Wiederholung dieser abgeschmackten Plattheiten. Ich weiß, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und doch, bei aller Kritik: Wir werden unsre Klassiker haben. Jeder wird sie lesen, um von ihnen zu lernen. Unsre Nachbarn werden Deutsch lernen. Die Höfe werden mit Vergnügen Deutsch sprechen, und es kann geschehen, dass unsre geschliffene und vervollkommnete Sprache sich dank unsren guten Schriftstellern von einem Ende Europas zum andren verbreitet. Die schönen Tage unsrer Literatur sind noch nicht gekommen, aber sie nahen. Ich kündige sie Ihnen an, sie stehen dicht bevor.“ Deutsche Sprache und Literatur im Zeitalter der Aufklärung 192 Die Ostindien-Kompanien. Von der Handelsmacht zur Kolonialherrschaft Indiens Schwäche und der dritte Schritt zu Englands Größe Immanuel Kant verband mit dem Welthandel eine große Hoffnung und sah doch, dass die Erwartung eines „ewigen Friedens“ durch den Handel zwischen den Völkern eine Illusion bleiben würde. Über seine Hoffnung schreibt er: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Krieg nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen der Staatsmacht untergeordneten Mächten (Mitteln, d. V.) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittlungen abzuwehren.“ Kant dachte in seiner kurzen Abhandlung Zum ewigen Frieden auch an einen „Völkerbund“, einen „Friedensbund“, der durch einen Vertrag der Völker miteinander zustande käme und sich von den üblichen Friedensverträgen darin unterschiede, dass diese „bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen sucht.“ Und seine Enttäuschung aus der Beobachtung der Wirklichkeit beschreibt er wie folgt: „Vergleicht man hiermit das inhospitable Betragen der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Weltteils, so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerlei gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap etc. waren bei ihrer Entdeckung für sie Länder, die keinem gehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien brachten sie unter dem Vorwande bloß beabsichtigter Handelsniederlassungen fremde Völker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingeborenen, Aufwiegelung der verschiedenen 193 Staaten zu weit ausgebreiteten Kriegen, Hungersnot, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litanei aller Übel, die das menschliche Geschlecht drücken, weiter lauten mag. China und Japan, die den Versuch mit solchen Gästen gemacht hatten, haben daher weislich, jenes zwar den Zugang, aber nicht den Eingang, dieses auch den ersteren nur einem einzigen europäischen Volk, den Holländern, erlaubt, die sie aber doch wie Gefangene von der Gemeinschaft mit den Eingeborenen ausschlie- ßen.“ (Kant2, S. 22) Mit Kants Hoffnung und Skepsis wird dieses Kapitel eingeleitet, denn es ging bei dem Seehandel zwar zuerst um den friedlichen Austausch von Waren, aber eben auch um Macht und Eroberung von Kolonien. Auf den seit der Antike bekannten Landwegen nach Asien – noch heute hat die Seidenstraße mit ihren Karawanen einen legendären Ruf – kamen während des europäischen Mittelalters Kaufleute und christliche Missionare bis nach China. Die Route war beschwerlich, Transporte kostspielig, so dass danach gesucht wurde, den Seeweg zu eröffnen, denn immerhin hatte Columbus gezeigt, dass die Reise auf dem Meer nach Westen möglich war, warum dann nicht auch nach Osten? Der Handel mit Asien war lukrativ, und es gab genügend Waren, die über einen langen Zeitraum und weite Strecken hinweg transportiert werden konnten. So hatte schon Marco Polo berichtet: „Das Land bringt in großem Überfluss Seide, Pfeffer, Muskatnüsse, Galgant (ein Ingwergewächs d. V.), Zibeben (am Rebstock getrocknete Weinbeeren d. V.), Gewürznelken und viele andere köstliche Spezereien hervor, die in unserem Erdteil fast unbekannt sind. Sie fertigen hier köstliche Gewebe von Seide und Gold, wie jede andere Art seidener Stoffe.“ (Polo, S. 215) Aber auch Reis und verschiedene Getreidesorten, auch Zimt, Ingwer, Kampfer, Ölsaat, Zuckerrohr, Baumwolle, Rohseide, Indigo oder Hanf standen auf den Einkaufslisten, sogar Edelhölzer. Textilien waren eine weitere Produktgruppe, Luxuswaren aus der hochwertigen chinesischen Seidenproduktion und Teppiche aus Zentralasien wurden gerne eingekauft, da sie in Europa sehr begehrt waren. Die chinesische Keramik war berühmt, das dort gefertigte Porzellan hatte wegen seiner Qualität eine einzigartige Stellung in der Welt. (Nagel, S. 16) Nachdem der Portugiese Vasco da Gama sechs Jahre nach Columbus‘ großer Fahrt die Seeroute nach dem östlichen Indien (1498) er- Die Ostindien-Kompanien 194 kundet hatte, wurde dieser Weg um die Spitze Südafrikas herum schon im 16. Jahrhundert zunächst von den Portugiesen, später von den Ostindien Kompanien verschiedener Länder genutzt. Portugal nutzte den zeitlichen Vorsprung gegenüber anderen Ländern und konnte sich im 16. Jahrhundert als bedeutendes Kolonialreich und Welthandelsmacht etablieren. Die Portugiesen richteten bereits ab 1505 gegen einigen Widerstand Handelsstützpunkte in Indien ein, deren Verwaltung sie einem dort vom portugiesischen König ernannten Vizekönig übertrugen. Portugal hatte schließlich überall Handelsstützpunkte und Kolonien in Indien, Südostasien, China, um ganz Afrika herum, in Südamerika und Kanada, wo es aber bald von Holland, Frankreich und England bedrängt wurde. Die Seeherrschaft, die sich Portugal im Indischen Ozean gesichert hatte, wurde ihm durch die Engländer 1612/1613 genommen, als kleine englische Verbände die portugiesische Flotte in der Schlacht bei Suvali, nahe Surat, vernichtete. Der Mogul Jahangir gewährte den Engländern daraufhin Handelsvorrechte in dieser Region. Im 18. Jahrhundert dann eroberten die Briten weite Teile Indiens, darunter auch weitere portugiesische Territorien. Den Handelskompanien lagen vertragliche Regelungen mit den jeweiligen heimischen Regierungen zugrunde. Die East India Company (EIC) wurde bereits am 31. Dezember 1600 durch Königin Elisabeth I. gegründet, die Kompanie erhielt das alleinige Recht, Handel mit Ostindien zu treiben. Es folgte die niederländische Verenigde Oostindische Compagnie (VOC). Auch die Dänen, Franzosen, Schweden und Belgier hatten ihre Kompanien, die alle zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1731 gegründet worden waren. Die Ostindien Kompanien waren die ersten Aktiengesellschaften in der Wirtschaftsgeschichte, es ging um das Aufbringen von Kapital für sehr kostspielige und risikoreiche, potenziell aber äußerst gewinnbringende Unternehmungen. Die Rechte mancher Kompanien waren jedoch nicht auf den Handel beschränkt, sie waren befugt, in Asien Handelsnetze aufzubauen, aber auch Armeen und Flotten aufzustellen und Kriege zu führen. In Indien trafen sie auf den geringsten Widerstand, zumal das Mogulreich über keine eigene Seemacht verfügte und seine Handelsschiffe nicht schützen konnte. Indien war damals in keiner Weise auf einen internationalen Wettbewerb vorbereitet. „Jahrhundertelang hatte es keine markanten Fortschritte in der Wissenschaft gegeben, und die intellektuellen Die Ostindien-Kompanien 195 Mittel zur Verbreitung und systematischen Aufzeichnung des ererbten Könnens waren höchst unzureichend.“ (Landes, S. 246) Nach dem Tod des Kaisers Aurangzeb 1707 zerfiel das Mogulreich innerhalb weniger Jahrzehnte, so dass die Engländer, die dort schon im 17. Jahrhundert Handelsrechte erworben hatten, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Indien eindringen und mit der Zeit wichtige Eroberungen vornehmen konnten. Der persische Herrscher Nadir Shah zerstörte das Mogulreich mit seinem Feldzug 1739, überließ aber den Engländern das Feld. Robert Clive, der mit der Ostindiengesellschaft nach Indien gekommen war, besiegte 1757 in der Schlacht von Plassey den Herrscher (Nawab) von Bengalen und wurde damit zu dem eigentlichen Begründer der englischen Vorherrschaft in Indien. Den größten Erfolg aber hatte Clive, als er den Großmogul (Herrscher des Mogulreichs) dazu brachte, England die Oberhoheit über Bengalen zu erteilen. „Die Ostindien-Kompanie konnte ihre vielen Kriege nur führen und Niederlagen überstehen, weil sie mit indischen Fürsten und Machtgruppen Koalitionen einging und enorme Mittel einnahm sowie Inder als Soldaten eingestellt und nach europäischem Muster gedrillt hat. Aus diesen geschulten Soldaten setzten sich die sog. Sepoy-Truppen zusammen, ohne die die britische Herrschaft nicht hätte durchgesetzt werden können. Auch der französische Gegner war auf solche Truppen aus einheimischen Soldaten angewiesen.“ (Langewiesche, S. 44) Im Südwesten Indiens hatte Haider Ali von 1762–1782 die Macht in Mysore übernommen und wie auch sein Sohn Tipu Sultan (1782– 1799) weite Teile im Süden Indiens erobert. Die aufwändigsten Operationen der EIC waren die zwischen 1780 und 1799 in Indien gegen Tipu Sultan geführten Kriege, zumal Frankreich sich mit Englands Gegnern verbündet hatte. England siegte schließlich, wodurch mehrere indische Regionen unter britische Herrschaft gerieten. Kriege waren außer in Indien eine seltene Ausnahme im Vorgehen der Kompanien in Asien, die kleineren Handelsunternehmen hätten sie sich niemals leisten können. Der Handel stand immer, besonders aber in China und Japan, im Vordergrund, auch wenn beide Länder den Zugang der ausländischen Mächte zu ihrem Gebiet stark eingeschränkt hatten. Zur Förderung guter Beziehungen wurden regelmäßig wertvolle, sorgfältig ausgesuchte Geschenke an die Herrscher der Län- Die Ostindien-Kompanien 196 der übergeben – ein freundschaftlicher Umgang war unbedingt zu pflegen. In Japan, wo den Niederlanden mit der VOC exklusive Handelsrechte eingeräumt worden waren, musste jährlich ein ritualisiertes Ergebenheitsprogramm absolviert werden. Dieser seltene Besuch der Gesandtschaft beim Tenno war die einzige Gelegenheit für die Niederländer, ihren Fuß auf japanisches Festland zu setzen und einen Eindruck von dem Leben der Japaner zu erhalten, denn das Anlegen der Schiffe der VOC in Japan war auf eine winzige künstliche Insel im Hafen von Nagasaki beschränkt. (Nagel, S. 63) Auch wenn die Niederlande im Endspiel um die weltweite Kolonialisierung finanziell nicht mithalten konnten, gelang es der VOC doch, ihren asiatischen Hauptsitz in Batavia (dem heutigen Jakarta) und ihre Präsenz in Japan noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu halten. Die englische East India Company hatte sich konsequent um gute Beziehungen zu China bemüht, um von dem lukrativen Teehandel zu profitieren, den sie – wie alle anderen Kompanien auch – ausschließlich über den Hafen von Kanton abwickeln durfte. Versuche der EIC, den Handel über Kanton hinaus auszuweiten, wurden abgelehnt. Man machte den Engländern außerdem klar, dass China an Produkten aus England nicht interessiert sei. Die Teeeinkäufe konnten somit nicht im Tausch gehandelt, sondern mussten mit Silber beglichen werden, was zu einem erheblichen, zunehmend kritisch gesehenen Edelmetallabfluss führte. Jedoch entwickelte sich bald ein umfangreicher Opiumhandel, denn der Stoff wurde in China sehr begehrt, die Nachfrage danach stieg stark an. Die EIC ging daher am Ende des Jahrhunderts dazu über, Opium günstig in Bengalen einzukaufen und gegen Tee zu tauschen. Auf diese Weise wurden die Silberexporte zunächst deutlich reduziert, schließlich kehrte sich im folgenden Jahrhundert der Silberfluss sogar um. (Nagel, S. 87) England verfolgte systematisch das Ziel, größte Seemacht der Welt zu werden und stieg zur führenden Kolonial- und Handelsmacht auf. England war auch das Land, in dem zuerst die Voraussetzungen für die Entwicklung einer industriellen Revolution entstanden, und so löste London mit der Zeit Amsterdam als wichtigstes Handels- und Finanzzentrum ab. Winkler (S. 202) zitiert Montesquieu: „Andere Völker haben ihre Handelsinteressen gegenüber ihren politischen Interessen zurücktreten lassen; England hat immer seine politischen Interes- Die Ostindien-Kompanien 197 sen hinter seine Handelsinteressen zurücktreten lassen. Es ist das Volk der Welt, das es am besten verstanden hat, sich gleichzeitig drei große Dinge nutzbar zu machen: die Religion, den Handel und die Freiheit.“ Die Ostindien-Kompanien 198 Japan Die hier betrachtete Zeit des 18. Jahrhunderts findet sich etwa in der Mitte der Regierungszeit der aus dem Hause Tokugawa (1603–1868) stammenden Shōgune. Shōgune waren militärische Anführer aus dem Kreis der Samurai, dem japanischen Kriegeradel. Tokugawa Ieyasu hatte die Zeit der Bürgerkriege und politischen Zersplitterung beendet und das Reich im frühen 17. Jahrhundert geeint. Der Friede hielt über 250 Jahre an und bewirkte eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. (Kreiner, S. 206) (Abb. 22 Tokugawa) In der Endphase der Tokugawa- Zeit wurde die Hauptstadt Edo (das heutige Tokyo) auch zum neuen Sitz des Kaisers und löste Kyoto in dieser Funktion ab. Die Verlegung des kaiserlichen Hofs nach Edo ging einher mit einer viel tiefer greifenden Veränderung im Herrschaftssystem. Denn 1868 beendete der Tenno die Shōgun-Zeit, mit Hilfe der Samurai stürzte er den letzten Shōgun, der bislang Anführer einer Zentralregierung gewesen war. Erst jetzt, auch unter dem Druck westlicher Länder, öffnete sich das Land wieder und beendete die Zeit der Isolation, in der die europäischen Handelsniederlassungen in Japan bereits im frühen 17. Jahrhundert geschlossen worden waren. 199 Tokugawa Ieyasu (1543–1616) In der frühen Zeit, nach dem Aufstand der Bauern auf der Halbinsel Shimabara (1637), wurde der Einfluss der christlichen Missionare gebrochen, denn sehr viele Aufständische waren getaufte Christen. Nur mit Hilfe der Holländer, die von See her die Stellungen der Rebellen beschossen, konnten diese besiegt werden. Danach wurden die Christen blutig verfolgt und das Land insgesamt gegen die übrige Welt verschlossen. Der Bau von Schiffen wurde eingestellt, die Meere nicht Abb. 22: Japan 200 mehr befahren. „Kein Japaner durfte das Land verlassen, kein katholischer Christ durfte das Reich des Shōgun betreten, und der gesamte Außenhandel wie auch die diplomatischen Beziehungen mussten über die Hafenstadt Nagasaki laufen. Die Beziehungen zu Spanien waren bereits seit 1620 abgebrochen worden; das neue Edikt (Abschließungsedikt) beendete jetzt auch die Kontakte zu Portugal, während die Engländer bereits freiwillig Hirado geräumt hatten, da sich die Handelsbeziehungen für sie nicht lohnten. Es blieben nur die Holländer, die ihre Faktorei von Hirado nach Nagasaki, auf eine künstliche Insel im dortigen Hafen verlegen mussten. Gemeinsam mit der Handelsniederlassung chinesischer Kaufleute waren die Holländer für mehr als zweihundert Jahre die einzigen, die regelmäßig Kontakt zum Hofe des Shōgun in Edo unterhielten.“ (Pohl, S. 56) Dass Japan als Insel den Bau von Schiffen beendete, auf eine Handelsflotte und zu deren Schutz auf eine Kriegsmarine verzichtete, hat gewiss mit den negativen Erfahrungen aus der Begegnung mit den westlichen Handelsmächten (und ihren Missionaren) zu tun, wird aber auch aus den folgenden Beschreibungen der konfuzianischen Grundlagen des Wirtschaftens in Japan verständlich. Das Land verschloss sich fast vollständig gegen die Außenwelt. In Indien hatte man die Schifffahrt vernachlässigt, in Japan und China bewusst verhindert. (Rothermund, S. 87) Im Land selbst jedoch entwickelte sich ein reger Handel. Der große japanische Binnenmarkt und der wachsende Handel mit Agrarprodukten führte zu einem latenten Konflikt zwischen Kaufleuten und Bauern auf der einen und dem Shōgun und dem Adel auf der anderen Seite, die dem Aufschwung skeptisch gegenüberstanden und immer wieder versuchten, rückwärts-gewandte Konzepte der Landwirtschaft durchzusetzen, die auf dem konfuzianischen Prinzip einer auf Reisanbau basierenden Naturalienwirtschaft beruhten. Eine andere als allein agrarische Entwicklung wurde erbittert bekämpft. Jedoch überholte die Realität die aus dogmatischen Gründen bevorzugte Landwirtschaft und Ächtung des Handels sowie des städtischen Lebens. Tatsächlich entwickelte sich ein blühender Aufschwung in Kyoto, Edo, Osaka und über 200 Provinzstädten, dazu ein weitgespanntes inländisches Handelsnetz, in dem alle möglichen Produkte, auch Papier, Tee, Baumwolle, Bauholz, Gewürze bewegt wurden, denn die Nachfrage nach diesen Gütern war groß und musste befriedigt Japan 201 werden. „Die größten Handelshäuser besaßen bald Niederlassungen in allen Teilen Japans und marktbeherrschende Positionen bei einzelnen Warengruppen.“ (Kreiner, S. 224) Tokyo war im 18. Jahrhundert so bevölkerungsreich wie Peking und 1732 mit einer Million Einwohnern größer als London oder Paris. Osaka war bereits zu dieser Zeit eine bedeutende Handelsstadt. Der allgemeine Bildungsstand war hoch und wurde vor allem durch die buddhistischen Schulen, die den Tempeln angegliedert waren, vermittelt. Dort wurden Jungen und Mädchen erzogen. „Während Kunst und Literatur bis dahin in der japanischen Geschichte immer der adligen Oberschicht vorbehalten gewesen waren, entstand nun im Zuge des aufblühenden urbanen Lebens eine dezidiert bürgerliche Kultur. Den Kaufleuten aber, die gesellschaftlich noch immer nicht angesehen waren, blieb jegliche Anteilnahme am politischen und bürgerlich-kulturellen Leben verwehrt, und so suchten sie Genuss und Unterhaltung. Ihr Ideal wurde die ›vergängliche Welt‹, das Reich der Mode, des Schauspiels und der erotischen Vergnügungen.“ (Kreiner, S.) Auf dem Gebiet der Kunst, in der Malerei, war Katsushika Hokusai (1760–1849) der herausragende Künstler. Katsushika Hokusai und später Utagawa Hiroshige (1797–1859) sind die großen Meister der japanischen Landschaftsdarstellung mit der Methode des Farbholzschnitts. Hokusai schrieb im Nachwort zu seinem Werk: Einhundert Ansichten des Berges Fuji: „Von meinem sechsten Lebensjahr an hatte ich eine Leidenschaft für das Kopieren von Dingen und bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr habe ich viele Zeichnungen veröffentlicht, doch von allem, was ich bis zu meinem siebzigsten Jahr zeichnete, ist nichts wert, in Betracht gezogen zu werden. Als ich dreiundsiebzig wurde, habe ich teilweise die Struktur von Tieren, Vögeln, Insekten und Fischen verstanden, auch das Leben der Gräser und Pflanzen. Und jetzt, sechsundachtzigjährig, werde ich weitere Fortschritte machen; bin ich neunzig, werde ich noch weiter die geheime Bedeutung und das Wesen aller Dinge durchdringen und im Alter von einhunderteins werde ich vielleicht wirklich die Ebene des Wunderbaren und Göttlichen erreicht haben. Bin ich dann einhundertzehn, wird jeder Punkt, jede Linie ein eigenes Leben besitzen.“ (übersetzt aus Gian Carlo Calza, Hokusai) (Abb. 22 Hokusai) Japan 202 Katsushika Hokusai (1760–1849), Sarumaru Dayu Immer wiederkehrende Missernten, die auf Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, vor allem aber auf häufige Taifune und Regenstürme zurückzuführen waren, führten zu Hungersnöten, Armut und sozialen Verwerfungen. Die Antwort darauf war eine Neuorientierung in der Philosophie mit Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, geprägt von dem Gelehrten Ogyu Sorai. In jedem Zeitalter, so wurde nun gelehrt, komme es darauf an, den „Willen des Himmels“ zu erkennen und aufzunehmen. „Es sei also notwendig, dass die Herrscher jeder Epoche durch entsprechende Gesetzgebung und Institutionen die moralisch richtige Sozialordnung (wieder-) errichteten und gegen andersläufige Interessen verteidigten.“ (Kreiner, S. 235) Diese Aufgabe kam vorrangig dem Shōgun zu. Es ging dabei nicht nur um die Förderung der Landwirtschaft und Regeln für die Bestimmung der Preis- und Zinsgestaltung, sondern in dieser Zeit vor allem darum, was der Einzelne gemäß seiner Standeszugehörigkeit konsumieren durfte. Diese Sparsamkeitsedikte waren in ihren Details (Art der Kleidung, Schmuckbesitz, Aufwand bei Veranstaltungen) ge- Abb. 23: Japan 203 gen die Zeit gedacht, es wurde daher immer wieder versucht und gelang, sich den Vorschriften zu entziehen. Ganz anders als in westlichen Ländern – das kapitalistische Wirtschaftssystem begann, sich dort fest zu etablieren – in denen im 18. Jahrhundert um die Fragen der Menschenrechte, Gewaltenteilung und der Legitimität der Obrigkeit gerungen wurde, entzündeten sich die gesellschaftlichen Konflikte in Japan an der Frage, wieviel Handel erlaubt und nach den konfuzianischen Prinzipien moralisch zu rechtfertigen sei. Nicht die Suche nach der gerechten Staatsform und – auf dem Gebiet der Wirtschaft – nach Gewinnmaximierung, sondern dem aus philosophischen Grundsätzen zu rechtfertigenden Wirtschaftssystem bestimmte die Auseinandersetzungen. Aus Naturereignissen dachte man, einen höheren Willen zu erkennen, von dem man sich leiten lassen wollte. Seit 1769 hatte Tanuma Okitsugu die Regierungsgeschäfte unter dem Shōgun Ieharu übernommen und betrieb nun wieder eine Wirtschaftspolitik, die mit den Ideen des Ogyu Sorai nichts mehr zu tun hatte, sondern den Handel fördern sollte. Der Staat profitierte durch die Vergabe von Lizenzen und Teilhabe am erwirtschafteten Gewinn. Diese Politik wurde erwartungsgemäß von den konservativen konfuzianischen Kreisen als zutiefst unmoralisch abgelehnt. Auch hier waren es wieder Naturkatastrophen, Hungersnot und die Unzufriedenheit mit einer Münzverschlechterung, die Ende der achtziger Jahre das Pendel zurückschwingen ließen, so dass Tanuma Okitsugu in Ungnade fiel. Er starb 1788. Am Ende dieser häufigen großen Umschwünge des Wirtschaftssystems konnten auch erneute Reformen den langsamen Niedergang der Tokugawa-Zeit wegen eines eigentlich banalen, aber entscheidenden Fehlers nicht aufhalten: „Fürsten und Samurai steckten tief in der finanziellen Abhängigkeit von Kaufleuten; das Experiments Tanumas, durch eine Besteuerung des Handels dem Staat neue Einnahmequellen zu erschließen, wurde verteufelt und vom Shōgunat nie wieder in Betracht gezogen. Diese Weigerung der Regierung, den eigenen Staatsfinanzen, aber auch den Haushalten der Fürstentümer und den Einkommen der Samurai beispielsweise durch die Erhebung von Handelssteuern einen Anteil am allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung zu verschaffen, war die wichtigste Ursache dafür, dass sich der Gegensatz zwischen einer prosperierenden Gesellschaft und Japan 204 einem stagnierenden Herrschaftssystem zunehmend verschärfte und das Tokugawa-Shōgunat schließlich gegenüber den aufwärtsstrebenden regionalen Kräften ins Hintertreffen geriet.“ (Kreiner, S. 241) In gleichem Maß wie das Shōgunat geschwächt wurde, wuchs das Interesse daran, den Tenno zu stärken: Da die Regierung den Bauernaufständen nach Naturkatastrophen und auch einer sich schnell entwickelnden Inflation hilflos gegenüberstand, gab es eine Gegenbewegung, die von jungen Samurai und den Gelehrten des Reiches getragen wurde. Ihr Ziel war es, den Tenno wieder in seine hergebrachten Rechte einzusetzen. (Pohl, S. 60) Im 19. Jahrhundert wurde zunehmend auch von außen auf Japan eingewirkt, nicht nur durch Amerika, England und Frankreich. Auch aus Russland kamen bedrohliche Vorstöße. 1854 schließlich erzwang eine amerikanische Marineeinheit die Öffnung des Landes und beendete damit die strenge Abgeschlossenheit Japans gegen das Ausland. Der Tenno Mutsuhito beendete das Shōgunat im Jahr 1868 und schuf mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Reformen das moderne Japan. Japan 205 China Unter den Dynastien der Han und Tang (221 v. Chr. bis 906 n. Chr.) war China das Zentrum von Wirtschaft, Technik und Kultur, mit einem Vorsprung von mehreren hundert Jahren gegenüber der Welt. Die Song-Dynastie (960 bis 1279) zerbrach unter dem Mongolenansturm, es folgten die Ming (1368 bis 1644), die die Nachfolge der Mongolen angetreten hatten. (Pilny, S. 77) In der Ming-Zeit (bereits im frühen 15. Jahrhundert) wurden Schiffsexpeditionen nach Westen entsandt, bis an die Ostküste Afrikas. Der Kompass war bereits erfunden. (Toynbee, S. 523) China hätte eine Weltmacht werden, Kolonien nehmen, andere Länder beherrschen können. Es verzichtete jedoch bewusst auf diese Option und darauf, das Wissen, mit dem China allen Ländern der Welt überlegen war, weiterzuentwickeln, industriell zu nutzen und einen weltweiten Handel zu betreiben. In der Mitte des 15. Jahrhunderts zog sich China aus dem sehr erfolgreichen Seehandel zurück, zerstörte die Flotte und alles Wissen über den Schiffsbau. Auslandsreisen jeder Art wurden erschwert. Dies geschah unter konfuzianischem Einfluss, der ein starkes Misstrauen gegen Handel, Akkumulation von Reichtum und Ungleichheit hegte und eher die Landwirtschaft förderte. Daran ging die Ming-Dynastie nicht zugrunde, es waren die typischen Endzeitphänomene staatlicher Fehlentwicklungen, die China schwächten: enorme Staatsschulden wegen verschiedener Kriege, von denen sich die Staatskasse nicht erholte, ungeheure Verschwendungssucht des Herrscherhauses, Korruption, Intrigen. Steuererhöhungen, Missernten und Hungersnot kamen hinzu, schließlich Aufstände, Rebellion und große Volkserhebungen. Mandschurische Truppen besiegten den Norden Chinas, sie hatten keine Mühe, in China einzudringen und die Macht an sich zu reißen. Sie suchten und erhielten die Unterstützung der Chinesen, auch indem sie die bestehenden Verwaltungsinstitutionen übernahmen und für Stabilität der Lebensumstände sorgten. Nur die Südlichen Ming leisteten noch Wider- 207 stand, der jedoch bald gebrochen war. Die Mandschu-Dynastie, auch Qing-Dynastie, herrschte von 1644 bis 1912. Nachdem die Mandschu auch den Süden des riesigen chinesischen Reichs besiegt hatten, festigten sie ihre Macht, indem sie sowohl mit Milde, d. h. einem Bekenntnis zur Kultur des Landes, als auch mit Strenge, also Unterdrückung jeglicher Gegnerschaft, regierten. Die drei großen Kaiser des 18. Jahrhunderts (Kangxi (1662–1722), Yongzheng (1723–1735) und Qianlong (1736–1796), regierten mit Klugheit und wirklichem Interesse an der chinesischen Kultur und unternahmen ausgedehnte Reisen durch das Land. (Abb. 24 Qianlong) Xu Yang: Kaiser Qianlong (1736–1796) während seiner ersten Südreise 1751, Ausschnitt Abb. 24: China 208 Kangxi, ein Zeitgenosse Ludwigs XIV., wurde in Europa als bemerkenswerter Friedenskaiser angesehen, ein Fürst, der die „barbarischen“ Mandschuren in eine blühende Zivilisation führte. Für seine Bewunderer war er ein geläuterter Barbar. Er war einer der großen Herrscher der Welt. Aber, um ihre Macht zu erhalten, verfolgten die Mandschu- Kaiser rigoros jeden Regime-Gegner. Da die Mandschu im Grunde Fremde waren, deren Legitimität in Frage gestellt werden konnte, gingen sie soweit, alle Werke – ob alt oder neu -, in denen die „Barbaren“ kritisiert wurden, auf den Index zu setzen und zum Großteil verbrennen zu lassen. „Wenn das Mandschu-Regime zumeist den Anschein der Milde vermittelte, so nur deshalb, weil es beharrlich darum bemüht war, einen Geist der Ergebenheit und des Gehorsams zu verbreiten, und weil es seine Macht und Stabilität auf die sittliche Ordnung gegründet hatte.“ (Gernet, S. 402) Am Ende der Ming-Zeit war es zu einer erstaunlichen Entwicklung der Literatur, des Theaters und einer Blüte der Buchproduktion gekommen. Das Interesse an Naturwissenschaft und Technik, das durch die Jesuiten seit dem frühen 17. Jahrhundert geweckt worden war, gewann in der Mandschu-Zeit weiter an Bedeutung. Im 18. Jahrhundert, unter der Mandschu-Regierung, wurde wie in England und Frankreich auch in China das gesamte Wissen der Zeit in einer Enzyklopädie zusammengestellt, ein Werk mit 10 000 Kapiteln, in denen Kalenderwesen, Astronomie, Mathematik, Geographie, Technik, schöne Künste, Zoologie, Botanik, Philosophie, Literatur und auch Gesetze und Institutionen behandelt wurden. In gleicher Weise wurden auch fast 50 000 Gedichte von 2 200 verschiedenen Autoren seit der Tang- Zeit zusammengestellt, ein Lexikon, das 42 000 Schriftzeichen erklärte, wurde herausgegeben. Unter Qianlong arbeiteten 360 Gelehrte zehn Jahre lang an einem Katalog, der sämtliche gedruckte Werke in öffentlicher und privater Hand erfasste. Es wurden 79 582 Bände gezählt. (Gernet, S. 431) Neben diesen enzyklopädischen Arbeiten entstand eine eigenständige philosophische Schule, deren bedeutendster Vertreter der Gelehrte und Philosoph Dai Zhen war. „Durch ihn entstand ein echter wissenschaftlicher Geist, der sich seiner Methoden sicher war und dessen Prinzipien sich kaum von denjenigen unterschieden, die im Westen den Fortschritt der exakten Wissenschaften ermöglicht haben.“ (Ger- China 209 net, S. 434) Die Malerei in China im späten siebzehnten und im 18. Jahrhundert erlaubte den Künstlern, Individualisten zu sein, treffend ausgedrückt von Tao-chi, auch Shihtao genannt, der sagte: „Wenn man mich fragt, ob ich in der Art der Südlichen oder der Nördlichen Schule male, so antworte ich mit einem herzlichen Lachen, dass ich nicht weiß, ob ich zu einer Schule gehöre oder die Schule zu mir, ich male in meinem eigenen Stil.“ (Cahill, S. 176) Einige dieser Nicht-Orthodoxen, auch Exzentriker genannt, bildeten die Gruppe der „Acht Sonderlinge“, Chin Nung, Hua Yen und Luo Ping waren die bedeutendsten dieser Vereinigung. Ihre Werke wirken als wären es Skizzen und gehörten in die moderne Welt des Westens im 20. Jahrhundert. Sie beeindrucken durch ihre Schönheit, Harmonie, tiefe Ruhe und doch Spannung. „Der vielseitigste und technisch vollendetste Meister war Hua Yen. Seine Bilder mit Vögeln, anderen Tieren und Blumen waren damals überaus berühmt, weit mehr als seine Landschaften, an denen einer seiner Zeitgenossen tadelte, dass sie ›zu viel wegließen‹. Heute freilich bewundern wir die besten seiner Bilder, besonders jene in Albumform, als kleine Meisterwerke der Abkürzung.“ (Cahill, S. 189) (Abb. 25 Chin Nung, Abb. 26 Tao-chi, Abb. 27 Hua Yen, Abb. 28 Luo Ping) China 210 Chin Nung (1687–1764) Junger Mann am Lotusweiher Tusche und Farbe auf Papier – Abb. 25: China 211 Tao-chi (1642–1707) Der Wasserfall am Berge LuAbb. 26: China 212 Hua Yen (1682–1756) Herbstszene (1729)Abb. 27: China 213 Lo P’ing (1733–1799) Portrait des Freundes (1798) Seit dem 16. Jahrhundert waren die Jesuiten im Rahmen ihrer Missionstätigkeit auch nach China gekommen und wurden zu Trägern von Information nach China und von dort nach Europa. In China waren sie wegen ihrer Kenntnisse in der Astronomie und Mathematik anerkannt, in Europa wurden ihre Berichte aus dem fernen Land begierig aufgenommen. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts war das Chinabild in Europa von den Berichten französischer Jesuiten geprägt, die über Konfuzius und seine Philosophie schrieben. Für sie war Konfuzius ein bedeutender Philosoph und Staatsmann, dessen Prinzipien der europäischen Aufklärung ein Vorbild sein könnten. Fasziniert, in manchen Kreisen auch irritiert, reagierte man auf die Einsicht, dass China ein hohes kulturelles Niveau hatte erreichen können, wo dieses doch allein auf den säkularen Weisheitslehren des Konfuzius gegründet war Abb. 28: China 214 und auf jeden religiös-metaphysischen Überbau verzichtete. (Martus, S. 265) „Man kann sich mit Recht wundern, dass es unter den mannigfachen Religionen der Welt eine einzige hat geben können, die die übernatürlichen Systeme und die Gespenster des Aberglaubens und der Angst, welche letzteren man für die Führung der Menschen so nötig erachtet, verwarf und sich ohne Hilfe der Offenbarung nur auf die natürlichen Pflichten begründete.“ (Hazard, S. 51) Konfuzius fasste die Harmonie als das zentrale Prinzip der Schöpfung auf, das in allen Lebensbereichen zu verwirklichen sei. „Das Spiegelbild der sittlichen Ordnung im Kleinen, der Familie, soll die soziale Ordnung und Harmonie in der Gesellschaft sein. Die sittliche Ordnung ist klar strukturiert und basiert auf fünf zentralen Beziehungen: Vater – Sohn, Fürst – Untertan, Mann – Frau, älterer Bruder – jüngerer Bruder, Freund – Freund. Diesen entsprechen fünf Tugenden: Menschlichkeit, Rechtlichkeit und Wohlwollen, Anstand und Sitte, Klugheit, Zuverlässigkeit. Aus ihnen erwachsen die drei sozialen Pflichten der Loyalität, Pietät und Höflichkeit, das beinhaltet Dankbarkeit und Anstand.“ (Pilny, S. 313) Früh schon war Leibniz von der Philosophie der Chinesen eingenommen, er bezeichnete Konfuzius als den Fürsten der chinesischen Philosophen. „Austausch von wissenschaftlichen, philosophischen und praktischen Kenntnissen und Erfahrungen mit China, das waren die Wünsche, die Leibniz 1700 auch mit der Gründung der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu erfüllen hoffte, hoffte er doch ebenso auf die Gründung eines ähnlichen Forschungsinstituts in Peking.“ (Tscharner S. 49) Leibniz bewunderte die Ordnung und Ruhe, die durch die Lehren des Konfuzius überall im öffentlichen und privaten Leben herrschten. Im Gegensatz dazu sah er die Sitten in Europa derart verdorben, dass er sich das Entsenden chinesischer Missionare hierher wünschte, denn von ihrer praktischen Ethik könne viel gelernt werden. (Aurich) Auch Voltaire, der die Kirche und ihre Dogmen bekämpfte, sah seine Überzeugungen in den Lehren des Konfuzius gespiegelt, denen in China „die patriarchalische und priesterkönigliche Herrschaft und die allgemeine Achtung vor Gesetz und Sitte“ zu verdanken seien. (Tscharner, S. 52) Als aber Christian Wolff, der zu jener Zeit in Halle lehrte, in einer Vorlesung nur als Phänomen hervorhob, dass im durch die Ethik des Konfuzius geprägten China eine Hochkul- China 215 tur ganz ohne christliche Auffassungen und biblischen Glauben hatte entstehen können, wurde er sogleich des Atheismus beschuldigt, von Friedrich Wilhelm I. entlassen, jedoch 1740 durch Friedrich II. sofort rehabilitiert und zurück nach Halle berufen. Die Jesuiten konnten sich in China bis zum frühen 18. Jahrhundert nur halten, da sie den verschiedenen Glaubensrichtungen der Chinesen, ihren Sitten, Gebräuchen und Traditionen – vor allem dem Ahnenkult – liberal und tolerant begegneten. Sie beherrschten die Landessprache, kleideten sich nach chinesischer Art und bemühten sich, die Gebräuche der Chinesen und ihre heidnischen Sitten mit christlichen Auffassungen zu verbinden und im Sinne des Christentums zu deuten. Auch die Lehren des Konfuzius ließen sich auf diese Weise erhalten und einfügen. „Die Frage war, ob der Begriff Shangdi (›der Herr da oben‹) als Überrest einer Offenbarung aus dem frühen chinesischen Altertum gelten solle, die nach und nach in Vergessenheit geraten war, oder ob die Auffassungen der Chinesen als grundlegend atheistisch und agnostisch und ihre Kulte und Zeremonien als häretisch anzusehen seien.“ (Gernet, S. 438) Diese Frage beschäftigte den Papst, der schließlich auf den kirchlichen Dogmen beharrte und den entsandten Jesuiten jede Toleranz in Glaubensfragen untersagte, was dazu führte, dass Pater de Tournon die aus seiner Sicht abergläubischen Praktiken der Chinesen mit dem Bannfluch belegte. Daraufhin kam es zu dem sog. „Ritenstreit“. Mandschu-Fürsten, die den christlichen Glauben angenommen hatten, wurden verfolgt, durch die Feindseligkeiten gegenüber chinesischen Christen wurde den Ergebnissen jahrhundertelanger missionarischer Arbeit schwerer Schaden zugefügt. Der Hof wandte sich dem Lamaismus und Buddhismus zu, das Christentum wurde ab 1720 verboten und unterdrückt. Wie so oft, ohne die wirkliche Ursache für diese bedauerliche Entwicklung zu berücksichtigen, die doch in der unglücklichen Entscheidung des Papstes zu suchen war, änderte sich die bis dahin eher euphorische Aufnahme chinesischen Einflusses in eine kritische, auch abschätzige Haltung gegen- über dem Land. Rousseau, d’Argens und Montesquieu wurden zu den intellektuellen Anführern dieser kritischen Auseinandersetzung. Mit militärischen Mitteln hatten die Mandschu-Kaiser bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Einnahme Taiwans, Tibets, der Mongolei das größte und in jener Zeit wohlhabendste Reich der Welt ge- China 216 schaffen. Der Aufschwung gelang auf allen Gebieten: der Landwirtschaft, dem Handel und dem Handwerk. In der Landwirtschaft wurden mit (für die Zeit) hochentwickelter Technik Weizen, Hirse, Reis, aber auch Erdnuss und Mais angebaut, dazu Obst, Gemüse, Tee, Zuckerrohr und Baumwolle. Die Süßkartoffel wurde zu einem wichtigen Nahrungsmittel neben dem Reis. Neue Maschinen für die Bodenbearbeitung wurden bekannt und Verbesserungen bei der Saatzucht, dem Einsatz von Düngemitteln, Aussaat, Bewässerung und der Produktverarbeitung entwickelt. Künstliche Bewässerung und der Anbau von Nassreiskulturen waren schon vor längerer Zeit erfunden worden, wodurch Anbauflächen und Ernteertrag sehr stark vergrößert wurden. Neue dürreresistente und schnell reifende Sorten kamen auf den Markt. (Menzel, S. 83) Der Fleischbedarf wurde durch Schweine- und Geflügelzucht, die Fischnachfrage durch eine kenntnisreiche Fischzucht gedeckt. Textilwaren und Porzellanprodukte stellten den Hauptanteil des Handwerks dar. Seiden- und Baumwollwebstühle wurden verbessert. „Es müssen aber auch das Papier und der Rohrzucker erwähnt werden, die in Fujian produziert wurden, das Tuch aus Hanf, der Stahl, die Metallwaren, die seit der Ming-Zeit produziert wurden und nach ganz Ostasien ausgeführt wurden. Bestimmte sehr geschätzte Stoffe, wie die feinen Baumwollstoffe aus Nanking, die Seide aus Suzhou, die Rohseide aus Huzhou gehörten neben dem Tee, der Keramik und den Lacken zu den Ausfuhrprodukten, die bis nach Europa gelangten.“ (Gernet, S. 409) Die Chinesen hatten schon früh gelernt, Kohle und Koks bei der Verhüttung einzusetzen und in Hochöfen Eisenerz zu schmelzen. (Landes, S. 71) In Europa wurden Kenntnisse des chinesischen Gartenbaus und der Pagodenarchitektur gerne aufgenommen, chinesisches Porzellan, Tee und Seide waren sehr begehrt. Zu den chinesisch inspirierten oder mit chinesischen Motiven dekorierten Innenausstattungen gehörten – passend zum Stil und Geschmack des Rokoko – Gobelins, Tapeten aus Seide oder Papier, Wandgemälde, Bilder, Lackmöbel, Spiegel, Vasen und Geschirr. Auch auf dem Gebiet der Textilherstellung war China seit sehr langer Zeit führend in der Welt. Der gesamte Außenhandel mit China wurde durch die verschiedenen Ostindischen Kompanien durchgeführt, die von den seefahrenden Nationen England, Holland, Frankreich, Dänemark und Schweden unterhalten wurden. England aber wurde durch China 217 seine bereits bestehende Position in Indien und in den östlichen Meeren die beherrschende Nation im Chinahandel, die den Anteil und Einfluss der anderen Länder schließlich minimierte. Da man aber den europäischen Handelspartnern und dem aggressiven Vorgehen der Ostindien Kompanien zunehmend misstraute, durften deren Schiffe nur noch in einem einzigen Hafen, dem von Kanton, anlegen. China verschloss sich weitgehend gegen die westliche Welt. Der Blick aus China nach Europa wird in einem Gespräch deutlich, das Qianlong 1773 mit dem Jesuitenpater Michel Benoît führte. „Er horcht den Missionar in größter Ausführlichkeit über die politische Lage in Europa aus. Unter den Kupferstichen, die ihr aus Europa mitgebracht habt – so fragt der Kaiser – gibt es einige, welche die Siege eurer Souveräne feiern: Gegen welche Feinde haben sie diese Siege errungen? Gibt es nicht einen unter diesen Fürsten, der die Macht hätte, für Frieden zu sorgen? Wie kommt es, dass in Europa Souveräne, die durch Heiratsbündnisse miteinander verwandt sind, dennoch Kriege untereinander führen? Welche Beziehungen hat Frankreich derzeit zu Russland? Und so fort. (…) Sind die Fragen nicht sehr berechtigt, warum in Europa unentwegt Krieg geführt wird, während in China innerer Frieden herrscht?“ (Osterhammel, S. 79) Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, der Kaiser hatte sechzig Jahre lang geherrscht, begann jedoch ein langsamer Niedergang des Reiches. Bauernaufstände, eine durch extreme Zentralisierung beengte regionale Verwaltung, die durch eine Überfülle von kaiserlichen Vorschriften völlig gelähmt war, große Verschwendung am Hof, eine Krise der staatlichen Finanzen wegen der Kriege in Zentralasien, Nepal und Burma, und ausgeprägte Korruption trugen zu der Schwächung des Staates bei. Die vor allem im Süden Chinas immer noch als fremd empfundene Dynastie erwies sich als unfähig, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Die kaiserliche Regierung war in einem System höfischer Etikette erstarrt und lebte vom Volk isoliert. „Zur wirklichen Ursache des schnellen Niedergangs des Mandschu-Reiches im 19. Jahrhundert wurde die intellektuelle Stagnation, die ihren Grund hatte in einer kleinen fremden herrschenden Klasse, die selbst beherrscht wurde durch eine versteinerte kulturelle Tradition. (…) Wenn es den Mandschu gelang, die reaktionären Gelehrten für sich zu gewinnen, so geschah dies um den Preis, dass sie sich alle originellen und unabhän- China 218 gigen Denker entfremdeten, die wahre Ursache der Unruhe im Volk übersahen und das Ansehen des Reiches in den Augen mächtiger Feinde schmälerten.“ (Fitzgerald, S. 563, 564) Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte die chinesische Regierung, die sich vor einer Übermacht fremder Mächte scheute, eine Vertiefung wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen zu England noch abweisen. Fünfzig Jahre später nutzte England seine militärische Überlegenheit, China in den Opiumkrieg zu zwingen. China 219 Menschenrechte, Institutionen des Staates Die zukünftige Gesellschaftsordnung Das allmähliche Herausarbeiten des Prinzips der Gewaltenteilung im Gespräch. Ein fiktives Gespräch zwischen Locke (1632–1704), Montesquieu (1689– 1755), Voltaire (1694–1778), Rousseau (1712–1778), Friedrich II. (1712– 1786), Holbach (1723–1789), Kant (1724–1804), Lessing (1729–1781), Jefferson (1743–1826). Zitate aus ihren Werken Die Frage nach einer gerechten Gesellschaft wurde zunehmend über den engeren Kreis der Philosophen hinaus diskutiert, so auch hier in dem (fiktiven) Gesprächskreis von Friedrich II., Rousseau, Voltaire, Holbach, Kant, Jefferson, einem Gast, Lessing, Locke und Montesquieu, die sich dieses Themas annehmen. Wie aufschlussreich, dass Locke und Montesquieu als älteste in der Runde die weitreichendsten Gedanken formulieren, die von Jefferson geteilt werden und durch ihn Eingang in die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der Vereinigten Staaten finden. Die französischen Gesprächsteilnehmer führen gedanklich geradezu visionär auf die Französische Revolution hin. Friedrich II. beginnt das Gespräch, indem er über die Monarchie spricht und die Schwächen der Fürsten – nicht der Regierungsform – benennt und Nachteile vor allem in deren Hochmut, Tyrannei und ihrer Trägheit als Herrscher, dem Volk nicht zugewandt, sieht. Holbach nimmt diesen Gedanken auf und meint, die Fürsten müssten einsehen, dass sie keine Götter sind, sondern Staatsbürger, die ihre Macht den Bürgern verdanken. Als Stärkere müssten die Fürsten ihre Untertanen schützen und sich für ihre Rechte einsetzen. Rousseau fragt nun, wie man eine geeignete Staatsform finden kann, die jedes Mitglied der Gesellschaft schützt und jedem Bürger Freiheit und Gerechtigkeit garantiert. Es wäre nützlich, wenn sich der Fürst Gedanken darüber machen 221 würde, wie es wäre, wenn er selbst Untertan eines anderen Fürsten wäre, meint Friedrich. Rousseau wendet sich gegen jede Unterdrückung, Zwang und Gewalt und besteht erneut darauf, dass der Staat zum Besten des Volkes sein müsse. In gleicher Weise stellt sich Holbach gegen jede Form von Machtmissbrauch, die – so Friedrich – von vornherein entfallen würde, wenn die Menschenliebe als erste Tugend der Regierenden beherzigt würde. Daraus folgert Voltaire, dass der König seine Bürger ausbilden und seinen Staat vom Aberglauben befreien müsse. Friedrich erklärt nun, dass er es als seine Hauptaufgabe ansieht, sein Volk zu bilden, indem er Unwissenheit und Vorurteile bekämpft. Er wird in diesen Absichten kräftig von Jefferson und Holbach unterstützt, die den Irrtum, d. h. die ungeprüfte, unreflektierte Übernahme von „Wahrheiten“ verantwortlich machen für religiöse Schrecken, barbarische Verfolgungen, jede Form von Despotie und Sklaverei. Friedrich betont erneut, dass es die Aufgabe des Herrschers ist, die Freiheit der Menschen zu verteidigen. Die Familie muss das Muster der politischen Gesellschaft sein, meint Rousseau und beginnt, den Gesellschaftsvertrag zu definieren. Freiheit und Gleichheit seien die Grundforderungen. Dieser Gedanke führt Jefferson zu der Aussage, dass alle Menschen gleich geschaffen seien und daher unveräußerliche Rechte hätten, diese seien das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück. Locke, Rousseau und Montesquieu diskutieren die Problematik des Begriffs Gleichheit, wenn doch alle Menschen sich in Talent, Tüchtigkeit und Verdienst unterschieden. Friedrich und Lessing betonen, wie wichtig es sei, die Toleranz in der Betrachtung eines Gesellschaftsvertrages zu berücksichtigen und öffnen das Gespräch erneut hin zum Freiheitsbegriff und zu der Wirkung, welche von der Freiheit auf den Fortschritt in allen Gebieten, vor allem in der Wissenschaft und im Handel ausgeht. Locke und Montesquieu führen das Gespräch jetzt auf die drei Gewalten hin, die auf der Basis allen Gesagten erforderlich sind, um den Staat gerecht lenken zu können und die Freiheit und Gleichheit der Bürger zu garantieren. Friedrich, der König und Repräsentant einer deutschen Monarchie, behält sich jedoch das letzte Wort in der Rechtsprechung vor, denn wie sonst könnten Ungerechtigkeiten vor Gericht ausgeglichen und korrigiert werden. Der König kann sich nicht eindeutig zur Gewaltenteilung bekennen. Menschenrechte, Institutionen des Staates 222 Hier nun das Gespräch. Friedrich: „Ich nenne Ihnen den Irrtum der meisten Fürsten: Sie glauben, Gott habe aus besonderer Rücksicht für sie und eigens ihrer Grö- ße, ihrem Glück und Hochmut zuliebe das Gewimmel der Völker geschaffen, deren Wohlfahrt ihnen anvertraut ist, und ihre Untertanen seien nichts weiter als Werkzeuge und Diener ihrer zügellosen Leidenschaften. Daher jener unbändige Drang nach falschem Ruhme, jenes glühende Verlangen, alles zu erobern, die harten Auflagen, mit denen das Volk bedrückt wird, die Trägheit der Herrscher, ihr Dünkel, ihre Ungerechtigkeit, ihre Unmenschlichkeit, ihre Tyrannei und alle Laster, die die Menschennatur erniedrigen. Legten die Fürsten diese falschen Ideen ab und gingen auf den Ursprung ihres Amtes zurück, so würden die Fürsten stets die beiden Klippen vermeiden, die zu allen Zeiten den Sturz der Reiche und die Umwälzung der Welt verschuldet haben: nämlich maßlosen Ehrgeiz und schlaffe Nachlässigkeit in den Geschäften. Dann würden diese irdischen Götter, statt immerfort auf Eroberungen zu sinnen, nur für das Glück ihrer Völker wirken.“ Holbach: „Die Natur würde die Fürsten, wenn sie um Rat fragten, lehren, dass sie Menschen sind und keine Götter; dass sie ihre Macht nur der Zustimmung anderer Menschen verdanken; dass sie Staatsbürger sind, die von anderen Staatsbürgern den Auftrag erhalten haben, über die Sicherheit aller zu wachen; dass die Gesetze nur der Ausdruck des öffentlichen Willens sind und dass es den Fürsten niemals erlaubt ist, der Natur oder dem unveränderlichen Zweck der Gesellschaft zuwiderzuhandeln. Die Natur würde jenen Monarchen zeigen, dass sie, um von ihren Untertanen geliebt zu werden, ihnen Unterstützung gewähren und sie in den Genuss derjenigen Güter kommen lassen müssen, die die Bedürfnisse ihrer Natur erfordern, und dass sie ihren Untertanen den Besitz ihrer Rechte garantieren müssen, deren Verteidiger und Hüter sie ja lediglich sind.“ (S. 511) Rousseau: „So stellt sich die Frage: Wie findet man eine Staatsform, die mit der ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes Gesellschaftsmitgliedes verteidigt und schützt, und dass kraft dessen jeder einzelne, obgleich er sich mit allen vereint, gleichwohl nur Menschenrechte, Institutionen des Staates 223 sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie vorher? Wie findet man eine Staatsform, in der die Menschen als freie und gleiche Bürger aus freiem, eigenem Willen ohne jeden Zwang eine Gemeinschaft bilden und Gesetze erlassen? Dies sind die Hauptfragen, deren Lösung der Gesellschaftsvertrag geben muss.“ (S. 24) Friedrich: „Die nützlichste und zugleich kürzeste Art der Entscheidung zwischen Gutem und Bösem für einen Fürsten ist die Überlegung, was er selbst wollen würde und was nicht, wenn er Untertan eines anderen Fürsten wäre. Eine gut geleitete Staatsregierung muss ein ebenso fest gefügtes System haben wie ein philosophisches Lehrgebäude. Alle Maßnahmen müssen gut durchdacht sein, Finanzen, Politik, Heerwesen auf ein gemeinsames Ziel zusteuern: nämlich die Stärkung des Staates und das Wachstum seiner Macht.“4 pol. Test. Rousseau: „Die Natur würde jedem Fürsten, der ihren Rat verschmäht, beweisen, dass Unterdrückung nur Feinde, dass Zwang nur unsichere Macht, dass Gewalt keine legitimen Rechte schafft und dass Wesen, die auf ihr Glück bedacht sind, sich früher oder später gegen eine Autorität auflehnen müssen, die sich nur auf Gewalttaten gründet. Ich nenne John Locke, der sich gegen jede Gottesherrschaft, d. h. Kirchenherrschaftsansprüche und in gleicher Weise gegen einen weltlich begründeten Absolutismus gewandt hat. Der Staat ist zum Besten des Volkes da. “ (S. 24) Holbach: „Die über allen Dingen stehende Natur würde sagen: Erfülle deine heiligen Verpflichtungen. Sei wohltätig und sei vor allem gerecht. Wenn du deine Macht befestigen willst, so missbrauche sie niemals; übe sie aus innerhalb der unverrückbaren Grenzen der ewigen Gerechtigkeit. Sei deinen Völkern ein Vater, und sie werden dich wie ein Kind lieben. Aber wenn du sie missachtest; wenn du deinen Untertanen das Glück verweigerst, das du ihnen schuldig bist; wenn du dich gegen sie bewaffnest: so wirst du wie alle Tyrannen zum Sklaven finsterer Sorgen, Unruhen und grausamer Zweifel werden. Du wirst deiner eigenen Torheit zum Opfer fallen. Deine zur Verzweiflung gebrachten Völker werden deine göttlichen Rechte nicht mehr anerkennen. Vergeblich würdest du die Religion, die dich vergöttlicht hat, zu Hilfe ru- Menschenrechte, Institutionen des Staates 224 fen; sie vermag nichts über Völker, die das Unglück taub gemacht hat; der Himmel wird dich der Wut deiner Feinde überlassen.“ (S. 512) Friedrich: „Die Menschenliebe ist nach meiner Meinung die einzige Tugend und muss besonders denen zu eigen sein, die in der Welt einen hohen Rang bekleiden. Es ist das Amt jedes Herrschers, er sei groß oder klein, dem menschlichen Elend abzuhelfen, soviel er vermag. Er ist gleichsam ein Arzt, der nicht die körperlichen Gebrechen, wohl aber das Unglück seiner Untertanen heilt. Der Fürst muss ein offenes Ohr für alle Klagen haben. Ein Weib wollte einem König von Epirus eine Bittschrift überreichen. Hart fuhr er sie an und gebot ihr, ihn in Ruhe zu lassen. ›Wozu bist du denn König‹, erwiderte sie, ›wenn nicht, um mir Recht zu schaffen‹? Ein schöner Ausspruch, dessen die Fürsten unablässig eingedenk sein sollten.“4 pol. Test. Voltaire: „Ein wahrhaft guter König wird stets damit beginnen müssen, dass er sich selbst bildet, die Menschen kennenlernt, die Wahrheit liebt und Verfolgung und Aberglauben verabscheut. Ein Fürst, der so denkt, ist berufen, das goldene Zeitalter in seinen Staaten heraufzuführen. Warum streben so wenige Könige nach diesem Ruhm? Sie wissen den Grund: weil fast alle mehr an die Königswürde denken als an die Menschenwürde.“ (Missenharter, S. 62) Jefferson: „Ich bin der Meinung, dass eine allgemeine Verbreitung des Wissens das wichtigste Vorhaben der Regierung sein muss. Kein anderes festes Fundament kann für die Erhaltung der Freiheit errichtet werden. Ein enger Zusammenhang besteht zwischen bürgerlicher Bildung, politischer Freiheit und gesellschaftlichem Fortschritt.“ (Wasser, S. 23) Friedrich. „Meine Hauptbeschäftigung ist, Unwissenheit und Vorurteile in den Gegenden zu bekämpfen, zu deren Beherrscher mich der Zufall der Geburt gemacht hat, die Geister aufzuklären, die Sitten zu verbessern und die Menschen so glücklich zu machen, als es die menschliche Natur und die mir zur Verfügung stehenden Mittel gestatten.“ an Voltaire, 26.9.70) Menschenrechte, Institutionen des Staates 225 Holbach: „Dem Irrtum verdanken wir die drückenden Ketten, die die Despoten und Priester überall den Völkern schmieden. Dem Irrtum verdanken wir die Sklaverei, in der fast in allen Ländern die Völker schmachten, welche die Natur dazu bestimmte, frei für ihr Glück zu arbeiten. Dem Irrtum verdanken wir die religiösen Schrecken, die überall die Menschen in Furcht erstarren und für Hirngespinste sich niedermetzeln lassen. Dem Irrtum verdanken wir die eingewurzelten Feindschaften, die barbarischen Verfolgungen, das fortwährende Blutvergießen und die empörenden Tragödien, deren Schauplatz die Erde unter dem Vorwand, dass man den Interessen des Himmels diene, so häufig geworden ist. In allen Ländern haben die Menschen wunderliche, ungerechte, blutdürstige und unversöhnliche Götter verehrt, ohne jemals zu wagen, deren Rechte zu überprüfen. Überall waren diese Götter grausam, ausschweifend, parteiisch; sie gleichen jenen zügellosen Tyrannen, die mit ihren unglücklichen Untertanen ungestraft ihr Spiel treiben, weil diese zu schwach oder zu verblendet sind, um Widerstand zu leisten oder sich dem auf ihnen lastenden Joch entziehen zu können. Noch heute zwingt man uns, einen Gott, der solch einen abscheulichen Charakter hat, zu verehren.“ (S. 11; 334) Friedrich: „Geht man auf den Ursprung der bäuerlichen Gesellschaft zurück, so ist es ganz augenscheinlich, dass der Herrscher keinerlei Recht über die Denkungsart der Bürger hat. Müsste man nicht von Sinnen sein, um sich vorzustellen, Menschen hätten zu einem ihresgleichen gesagt: Wir erheben dich über uns, weil wir gern Sklaven sein wollen, und wir geben dir die Macht, unsere Gedanken nach deinem Willen zu lenken? Sie haben im Gegenteil gesagt: Wir bedürfen deiner, damit die Gesetze, denen wir gehorchen wollen, aufrechterhalten werden, damit wir weise regiert und verteidigt werden; im Übrigen verlangen wir von dir, dass du unsere Freiheit achtest. Die Aufrechterhaltung der Gesetze war der einzige Grund, der die Menschen bewog, sich Obrigkeiten zu geben; denn das bedeutet den wahren Ursprung der Herrschergewalt. Ihr Inhaber war der erste Diener des Staates.“ 4 (Reg. Formen u.Herrscherpfl.) Rousseau: „Was können wir aus dem bislang Gesagten ableiten, wenn wir das Wesen eines Gesellschaftsvertrags benennen wollen? Dieser Menschenrechte, Institutionen des Staates 226 muss auf der Gleichheit aller beruhen, denn nur dann könnte Freiheit wachsen. Bei der Untersuchung, worin denn eigentlich das höchste Wohl aller besteht, welches der Zweck eines jeden Systems der Gesetzgebung sein soll, wird man finden, dass es auf zwei Hauptgegenstände hinausläuft, Freiheit und Gleichheit. Freiheit, weil jede Abhängigkeit des einzelnen eine ebenso große Kraft dem Staatskörper entzieht, Gleichheit, weil die Freiheit ohne sie nicht bestehen kann. Weil der Lauf der Dinge stets auf die Zerstörung der Gleichheit ausgeht, deshalb muss gerade die Kraft der Gesetzgebung stets auf ihre Erhaltung ausgehen. Ich muss das freie Wesen außer mir in allen Fällen anerkennen als ein solches, d. h. meine Freiheit durch den Begriff der Möglichkeit seiner Freiheit beschränken.“ (S. 70) Jefferson: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Menschen gleich erschaffen worden sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, und diese sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Zur Sicherung dieser Rechte sind Regierungen unter den Menschen eingeführt worden, welche ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten. Sobald eine Regierungsform diesen Zielen nicht gerecht wird, ist es das Recht des Volks, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen, die auf den Grundsätzen beruht, die ich nannte. Die Sicherheit und das Glück der Menschen müssen gewährleistet sein.“ (Wasser, S. 20) Locke: „So unterschiedlich die Menschen in ihrer Tüchtigkeit, Talent und Verdienst sind, so ist dies trotzdem vereinbar mit der Gleichheit aller Menschen in Bezug auf die Rechtsprechung und das gleiche Recht eines jeden auf seine natürliche Freiheit ohne Unterwerfung unter den Willen oder die Autorität irgendeines anderen Menschen. Da der gro- ße Zweck, zu welchem Menschen in eine Gesellschaft eintreten, im friedlichen und sicheren Genuss ihres Eigentums besteht, und da das erste und große Werkzeug und Mittel dazu das in dieser Gesellschaft eingesetzte Recht ist, so ist das erste und grundlegende positive Gesetz aller Staaten die Einsetzung der legislativen Gewalt.“ (Fitzek) Menschenrechte, Institutionen des Staates 227 Friedrich: „Berücksichtigen Sie auch die Toleranz. Sie ist für die Gemeinschaft, in der sie eingeführt ist, dermaßen vorteilhaft, dass sie das Glück des Staates begründet. Sobald jede Glaubensweise frei ist, hat alle Welt Ruhe: wogegen die Glaubensverfolgung die blutigsten, langwierigsten und verderblichsten Bürgerkriege verursacht hat.“ Lessing: „Sire, ich sehe mit Freude, dass Sie mich geehrt haben, indem Sie meinen Nathan studierten.“ Friedrich: „Nicht nur das, lieber Lessing. Ich meine, alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“ Jefferson: „Da ich mit Ihnen der Meinung bin, dass die Religion eine Angelegenheit ist, die allein den einzelnen Menschen und seinen Gott betrifft, darf der Staat kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat oder die freie Religionsausübung verbietet. Dadurch wird eine Trennmauer zwischen Kirche und Staat errichtet.“ (Wasser, S. 146) Der Gast: „Die Freiheit ist es allein, die den Holländern und Engländern, ja sogar den Franzosen – vor der Verfolgung der Reformierten – so viele gelehrte Leute gegeben hat, wohingegen der Mangel dieser Freiheit die Scharfsinnigkeit der Italiener und den hohen Geist der Spanier so sehr unterdrückt. Wir sprechen von Freiheit, Gleichheit, Toleranz, haben jedoch Recht und Gerechtigkeit bislang nicht oder zu wenig adressiert. Die Folter muss überall, in allen Ländern, nicht nur im aufgeklärten Preußen, verbannt werden. Durch die Folter wird den höchst unglücklichen und bis jetzt noch nicht überführten Angeklagten eine Strafe auferlegt, welche an Grausamkeit diejenige übertrifft, mit der sie, wenn sie des Verbrechens vollkommen überführt wären, belegt werden würden. Was ist ungerechter, was kann der Gerechtigkeit Entfremdeteres gedacht werden?“ (Thomasius, zitiert aus Bloch, S. 45) Menschenrechte, Institutionen des Staates 228 Rousseau: „Als Bürger darf der Mensch sich nicht weigern, dem Gemeinwillen zu folgen. Was der Mensch durch den Gesellschaftsvertrag verliert, ist seine natürliche Freiheit und ein unbegrenztes Recht auf alles, was ihn gelüstet und was er erreichen kann. Was er erhält, ist die bürgerliche Freiheit und das Eigentum an allem, was er besitzt. Der Gehorsam gegen das selbstgegebene Gesetz ist Freiheit.“ Der Gast: "Die Ausrufung der Menschenrechte und der Gesellschaftsvertrag erfordern Institutionen, Gewalten im Staat, die die Rechte der Bürger garantieren." Locke: „Ich sage Ihnen, welche diese sind. Da die Gesetze, die auf einmal und in kurzer Zeit gegeben werden, eine immerwährende und dauernde Kraft haben und beständiger Vollziehung oder Beaufsichtigung bedürfen, ist es notwendig, dass eine ständige Gewalt vorhanden ist, die auf die Vollziehung der erlassenen und in Kraft bleibenden Gesetze achtet. So werden legislative und exekutive Gewalt getrennt.“ Montesquieu: „Ich gehe noch einen Schritt weiter und füge der legislativen und exekutiven Gewalt die richterliche, die rechtsprechende als dritte Gewalt hinzu: In einer zukünftigen Gesellschaft müssen Gesetzgebung, Regierungsgewalt und Rechtsprechung voneinander getrennt sein. Eine Verfassung, das ist ein grundlegendes Gesetz des Staates, muss sicherstellen, dass die Menschen sich frei bewegen und reisen dürfen. Die Freiheit jedes Bürgers, zu reden, zu schreiben, zu drucken, seine Gedanken zu veröffentlichen und den religiösen Kult auszuüben, dem er anhängt, muss verbürgt sein. Auch ich berufe mich auf John Locke, wenn ich sage: der Wille der Mehrheit ist ausschlaggebend. Das Volk entscheidet durch Wahl, wem es die oberste, gesetzgebende Gewalt anvertrauen will. Es kann diese Gewalt bei mangelndem Vertrauen dem Gewählten (Abgeordneten) auch wieder entziehen. Es muss, wie schon gesagt, eine Trennung der Gewalten geben, zunächst die gesetzgebende, dann die ausübende und schließlich die richterliche Gewalt, die nicht in einer Hand, namentlich nicht in der des Herrschers vereinigt sein dürfen. Diese Auffassung verträgt sich durchaus mit einer verfassungsmäßigen parlamentarischen Monarchie.“ (Sakmann, S. 104) Menschenrechte, Institutionen des Staates 229 Kant: „Dass ein Volk sagt: Es soll unter uns kein Krieg sein; denn wir wollen uns in einem Staat formieren, d. i. uns selbst eine oberste gesetzgebende, regierende und richtende Gewalt setzen, die unsere Streitigkeiten friedlich ausgleicht, das lässt sich verstehen. Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein. Die republikanische Verfassung beruht erstens auf dem Prinzip der Freiheit der Glieder einer Gesellschaft (als Menschen), zweitens auf dem Grundsatz der Abhängigkeit aller von einer einzigen Gesetzgebung (als Untertanen) und drittens auf dem Gesetz der Gleichheit derselben (als Staatsbürger).“ Friedrich: „Ich habe mich entschlossen, niemals in den Lauf eines gerichtlichen Verfahrens einzugreifen. Wir selbst oder unser Ministerium geben keine Entscheidung in Sachen des Rechts. Die Gerichte müssen unabhängig urteilen. Wo die Justiz jedoch nicht ohne Ansehen der Person und des Standes urteilt, sondern die natürliche Billigkeit beiseitesetzt, so sollen sie es mit Sr. Königlichen Majestät zu tun kriegen. Denn ein Justiz-Collegium, das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer als eine Diebesbande, vor der kann man sich schützen, aber vor Schelmen, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre üblen Passionen auszuführen, vor der kann sich kein Mensch hüten. Die sind ärger als die größten Spitzbuben, die in der Welt sind, und verdienen eine doppelte Bestrafung. Aber sagen Sie, wollen Sie wirklich eine Teilung der Gewalten? Und was bedeutet ›republikanisch‹? Ein großer Irrtum ist es, zu glauben, Menschenwerk könne vollkommen sein. Unsere Einbildungskraft mag sich solche Trugbilder ersinnen, doch lassen sie sich nimmermehr verwirklichen. Seit Anbeginn der Welt haben die Völker es mit allen Formen der Regierung versucht; die Blätter der Geschichte sind voll davon. Allein es gibt keine Regierungsart, die nicht Unzuträglichkeiten unterworfen wäre. Die meisten Völker jedoch haben die Erbfolge der regierenden Familien anerkannt, weil das bei der Wahl, die sie zu treffen hatten, die mindest nachteilige Entscheidung war. Das Übel, das auch diese Einrichtung mit sich bringt, besteht darin, dass unmöglich während einer langen Reihe von Jahren innerhalb einer Familie Talente und Verdienst ununterbrochen vom Vater auf den Sohn sich forter- Menschenrechte, Institutionen des Staates 230 ben können, und dass demnach zuweilen unwürdige Fürsten den Thron einnehmen werden. Selbst in diesem Falle bleibt noch das Hilfsmittel, dass fähige Minister durch ihre Tüchtigkeit den Schaden wiedergutmachen können, den die Torheit des Herrschers ohne Zweifel anrichten würde.“ --- --- --- Friedrichs Überzeugung, dass die Macht im Staat in der Hand einer erblichen Monarchie, eines starken, von Parteien unabhängigen Mannes, liegen müsse, begründete den deutschen Sonderweg, der das westliche parlamentarische System noch bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein abgelehnt hat. Bismarck schrieb: „Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die sich von Hause aus einander ausschließen. Das eine zieht seine Rechtsquelle angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faustrecht der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und sucht seine Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmäßig bestehenden Rechtszustand.“ (J. Gall, S. 73) Noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war in Deutschland „(…) die Redewendung ›die westlichen Demokratien‹ geladen mit Hass und Ressentiment, und wer sich zu der Idee und Realität der westlichen Demokratien bekannte, lief Gefahr, ›undeutschen‹ Denkens und Handelns bezichtigt zu werden.“ (Fraenkel, S. 32) Thomas Mann schrieb 1918: Man „kann es den Großen dieses Volkes, den Nietzsche, Lagarde und Wagner, nur aus tiefster eigener Überzeugung nachsprechen, dass die Demokratie im westlichen Sinn und Geschmack bei uns landfremd ist, ein Übersetztes, das ›nur in der Presse vorhanden‹ und niemals deutsches Leben und deutsche Wahrheit werden kann.“ (Mann, S. 290) Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Demokratie nach westlichem Vorbild in Deutschland einmütig und dauerhaft übernommen. Menschenrechte, Institutionen des Staates 231 Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika „Die Wirklichkeit aus dem Gedanken erbauen“ Leopold von Ranke: „Dies war eine größere Revolution, als früher je eine in der Welt gewesen war, es war eine völlige Umkehrung des Prinzips. Früher war es der König von Gottes Gnaden gewesen, um den sich alles gruppierte, jetzt tauchte die Idee auf, dass die Gewalt von unten aufsteigen müsse.“ Frankreich und England kämpften in dem French and Indian War um die Vormacht in Nordamerika. In Europa wird dieser Krieg meist Siebenjähriger Krieg genannt und im Zusammenhang mit dem gleichnamigen und gleichzeitigen Krieg (1756 bis 1763) auf dem europäischen Kontinent gegen Preußen gesehen. In beiden Kriegen standen sich England und Frankreich – in Amerika auch mit ihren jeweiligen indianischen Verbündeten – als Gegner gegenüber. Für die Engländer war entscheidend, dass sie Preußen nur finanziell, nicht mit eigenen Truppen (was sehr viel teurer gewesen wäre) unterstützten, während Frankreich dort ein Heer einsetzte. In Übersee dagegen kämpfte England mit Heer und Flotte, in Indien übernahm dies die East India Company. Die Franzosen wurden in beiden Kriegen und auch in Indien und den anderen Gebieten geschlagen, der Friede von Paris beendete die französische Kolonialherrschaft über die Länder östlich des Mississippi, Frankreich musste England die Vorherrschaft in Amerika und Kanada, in Asien und an der Westküste Afrikas überlassen. Das spanische Florida ging an England, Frankreich musste Spanien mit Louisiana für den Verlust Floridas entschädigen. Nun aber entfremdeten sich die amerikanische Kolonie und Großbritannien, so dass sich das Blatt innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre wendete. Bald nachdem sie die Franzosen im French and 233 Indian War besiegt hatten, erschwerten die Engländer die wirtschaftlichen Bedingungen in Amerika. Um nach den verschiedenen kostspieligen Kriegen ihren Haushalt wieder auszugleichen, erhoben sie Zölle auf verschiedene Genussmittel, aber auch auf Stoffe und andere Produkte; bestimmte Waren durften nur nach England exportiert werden. Georg III., seit 1760 König von Großbritannien, führte ein zentralistisches Regiment, die Kolonien wurden nicht etwa eingebunden, z. B. durch einen Sitz im Parlament, sie hatten Abgaben zu machen und den aus London kommenden Gesetzen und Vorgaben zu folgen. „England erwartete von jedem Kolonisten, seine wirtschaftlichen Pflichten zu erfüllen: Landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Tabak für den Konsum sowie Ausgangsmaterialien für die Verarbeitung im Mutterland zu diesem genehmen Bedingungen zu liefern, gewerbliche Produkte oft minderer Qualität zu meist erhöhten Preisen abzunehmen, Agrarprodukte nicht in anderen Ländern abzusetzen, wo bessere Erlöse zu erwarten wären, und schon gar nicht durch den Aufbau einer eigenen Industrie mit derjenigen des Mutterlandes zu konkurrieren.“ (Herre, S. 71) Eingriffe der Engländer in das Eigentum und die Freiheit der Siedler, die sich nicht als Kolonisten, sondern als Engländer mit den Rechten der Bürger der Krone fühlten, führten zunehmend zu Abwehr und Widerstand. Die von England auferlegte Stempelsteuer (stamp act), die für alle Formulare, Zolllisten, jede Annonce und vieles andere gelten sollte, bewirkte einen Sturm der Entrüstung, nicht so sehr wegen des erheblichen bürokratischen Aufwands, sondern vor allem, weil ihr Entstehen dem Grundsatz „no taxation without representation“ widersprach. Die Siedler waren in die Entscheidung nicht einbezogen worden. Die Stempelsteuer wurde zwar 1766 wieder aufgehoben, jedoch folgte ein Jahr später ein neues Gesetz, mit dem Steuern auf die Einfuhr von Tee, Glas, Blei, Farben und Papier erhoben wurden. (Townshend Act). Auch dieses Gesetz scheiterte und wurde wegen des heftigen Widerstandes bald zurückgezogen, bis auf die Teesteuer, die auf besonders kreative Weise zurückgewiesen wurde: Die „Boston Tea Party“ (16. Dezember 1773), bei der eine ganze Schiffsladung Tee in den Bostoner Hafen geworfen wurde, wurde von den Kolonisten bejubelt, von der englischen Regierung als Rebellion gewertet. Die Engländer schlossen den Hafen von Boston und verlangten Schadenersatz, die Kolonien vereinigten sich zu gemeinsamer Verteidigung und beriefen Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 234 den 1. Kontinentalen Kongress ein. Nicht alle waren der Meinung, radikal vorgehen zu müssen, sondern suchten noch immer einen Weg zum Ausgleich mit England. Auch in England gab es Stimmen der Mäßigung, die jedoch nicht gehört wurden. Edmund Burke hatte im Unterhaus für eine Versöhnung mit den Kolonisten geworben. „Ich möchte keineswegs Amerikas Geist brechen, denn es ist der Geist der Freiheit, der jenes Land geschaffen hat.“ Burke, Politiker und Philosoph, hatte schon zuvor geschrieben: „Viel staatsmännische Weisheit ist aus der Quelle der Geschichte zu entnehmen, aber nicht Anweisungen sind bei ihr zu holen, einleben müssen wir uns in sie; nicht ein Sammelbuch von Fällen und Vorgängen für Rechtsgelehrte ist sie, sondern ein Übungsmittel zur Stählung geistiger Kraft.“ (Wyss) Mit einem Konflikt, so seine Meinung und Erkenntnis, könne wenig gewonnen, aber viel verloren werden. Das Parlament jedoch sah nur noch die Möglichkeit, die Einhaltung der Gesetze mit Gewalt durchzusetzen und übertrug diese Aufgabe dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Amerika, General Thomas Gage. Am 19. April 1774 kam es zu Gefechten zwischen Briten und amerikanischen Milizen, die den Truppen unter General Gage bei Lexington eine schwere Niederlage beibrachten. Der 2. Kontinentale Kongress (der vierzehnmal zwischen 1775 und 1789 tagte) beschloss, die in Massachusetts stationierten Milizen als „Kontinentalarmee“ zu organisieren und ernannte George Washington zum Oberbefehlshaber über die Truppen. George Washington hatte alle Mühe, eine disziplinierte und schlagkräftige Armee aufzubauen und musste ständig dafür sorgen, die Besoldung und Versorgung der Soldaten sicherzustellen, bei der es häufig zu Verzögerungen kam. Die Milizionäre waren Freiwillige, die ihr Zivilleben in das Leben in der Armee übertrugen und sich nicht in eine Hierarchie im Militär einfügen wollten, zu sehr waren sie an Gleichrangigkeit aller Bürger gewöhnt. Die britische militärische Führung konnte jedoch aus dieser Schwäche keine Stärke für sich selbst machen, sie mag die gegnerischen Probleme nicht erkannt haben und hätte doch die Truppen Washingtons vernichten können. Die Briten konnten auch keinen Vorteil daraus gewinnen, dass die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung nicht einheitlich war. Ein erheblicher Teil war noch immer englandfreundlich und loyal zur Krone. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 235 Diese Loyalität ging jedoch allmählich verloren. Es kam zur Ausprägung einer neuen Bestimmung des Kriegsziels und einer neuen politischen Zielsetzung: war der Krieg begonnen worden, um die Rechte der Kolonisten durchzusetzen, wurde er jetzt – unter dem Eindruck der Verluste und Zerstörungen und aus der Verbitterung über die harte Haltung des Königs in England – zu einem Kampf um die Unabhängigkeit. (Guggisberg, S. 41) Vor allem Vertreter Virginias und Neu Englands betonten: „Die Frage ist nicht, ob wir uns mittels einer Unabhängigkeitserklärung zu etwas machen sollten, was wir nicht sind, sondern ob wir eine Tatsache öffentlich verkünden, die bereits existiert.“ Von Jefferson, dem Abgesandten von Virginia im Kontinentalkongress, ging die Initiative aus. „Wenn es so etwas wie eine Gründungsurkunde des modernen Westens gibt, ist es die Virginia Declaration of Rights, die erste Menschenrechtserklärung der Geschichte.“ (Winkler2, S. 47) Sie war am 12. Juni 1776 in Williamsburg beschlossen worden. Nur wenige Wochen später, am 4. Juli 1776, nahmen die 13 Kolonien die von Virginia auf der Basis ihrer „bill of rights“ vorgelegte Unabhängigkeitserklärung an. Die Trennung von England wurde hiermit vollzogen. Thomas Jefferson hatte beide Texte formuliert. Es fanden sich dort Gedanken der europäischen Aufklärung und machten aus der Trennung vom Mutterland viel mehr als nur eine Revolte der Kolonie. Die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung und der nachfolgenden Verfassung der amerikanischen Staaten – mit der Verwirklichung der Gewaltenteilung – veränderten die gesamte westliche Welt; denn den Bürgern wurde ein bislang ungeahntes Maß an Freiheit garantiert. Jeffersons grundlegende Gedanken zu den Aufgaben des Staates, den Menschenrechten, zur Religionsfreiheit, Trennung von Staat und Kirche, zu Freiheit und Gleichheit der Bürger, ihren Rechten und Pflichten als Individuen und zur Toleranz untereinander, zur Ausbildung und Bildung (er gründete die Universität von Virginia), entstammten zum Teil dem Gedankengut und den Prinzipien der Freimaurer. So ist es gewiss kein Zufall, dass 50 von 55 Mitgliedern der konstituierenden Nationalversammlung, die die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben, sämtliche Gouverneure der 13 Gründerstaaten, 20 von 29 Generälen Washingtons und 104 seiner 106 Offiziere aktive Freimaurer waren, wie auch selbstverständlich Thomas Jefferson, George Washington, Benjamin Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 236 Franklin, Alexander Hamilton, James Madison und Lafayette. (Minder, S. 238) In Europa (die Bewegung der Freimaurer war von England ausgegangen und hatte sich über Frankreich und Deutschland schnell über den ganzen Kontinent ausgebreitet) waren es, um nur einige berühmte Freimaurer zu nennen: Diderot, Fichte, Friedrich II., Goethe, Herder, Kant, Katharina II., Lessing, Montesquieu, Mozart, auch Robespierre und Napoleon. Die Ideale der Freimaurer, ihr freier Geist waren selbst ein Ausdruck der Zeit der Aufklärung. „Im Zeichen des Maurermysteriums entstand das soziale Gerüst der moralischen Internationale, die sich aus Kaufleuten und Reisenden, den Philosophen, Seeleuten und Emigranten, kurz den Kosmopoliten im Verein mit dem Adel und den Offizieren zusammensetzte. Die Logen wurden zum stärksten Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert. Ihr großes Gewicht erweist sich bereits daran, dass sich auch die Staatsmänner der Logen bedienten, um Einfluss zu gewinnen und politische Ziele zu verfolgen.“ (Koselleck, S. 64) Die Präambel der Unabhängigkeitserklärung stellte fest: alle Menschen haben unanfechtbare Rechte, zu deren Sicherung Regierungen eingesetzt werden. Alle Menschen sind gleich geboren, mit unveräu- ßerlichen Rechten begabt, diese sind das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück. Erlaubter Widerstand gegen eine ungerechte Herrschaft ist ein weiterer zentraler Inhalt der Erklärung. Sobald Regierungen ihre Zwecke und Aufgaben nicht erfüllten, hat das Volk das Recht, sie abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen. Das Volk ist der Souverän. Das Dokument gibt die Gründe an, warum die Unabhängigkeit erklärt wird und die Kolonie eine neue Regierungsform einsetzen will: „Die Regierungszeit des gegenwärtigen Königs von Großbritannien ist von unentwegtem Unrecht und ständigen Übergriffen gekennzeichnet, die alle auf die Errichtung einer absoluten Tyrannei über diese Staaten (die Kolonie) abzielen.“ Es werden danach im Detail alle Maßnahmen des Königs aufgeführt, die als ungerechtfertigte Eingriffe in die Verwaltung der Kolonie angesehen und dem König vorgeworfen wurden. „Ein Monarch, dessen Charakter durch jede seiner Handlungen in dieser Weise gekennzeichnet wird, die einem Tyrannen zuzutrauen ist, kann nicht geeignet sein, über ein freies Volk zu herrschen.“ (…) „Daher tun wir, die in einem gemeinsamen Kongress versammelten Ver- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 237 treter der Vereinigten Staaten von Amerika, unter Anrufung des Obersten Richters über diese Welt als Zeugen für die Rechtschaffenheit unserer Absichten namens und im Auftrag der anständigen Bevölkerung dieser Kolonien feierlich kund und zu wissen, dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen; dass sie von jeglicher Treuepflicht gegen die britische Krone entbunden sind, und dass jegliche politische Verbindung zwischen ihnen und dem Staate Großbritannien vollständig gelöst ist und bleiben soll. (…)“ Die Antwort aus England kam unverzüglich. Bereits bald nach der „Boston Tea Party“ im Dezember 1773 war es zu Gefechten zwischen britischen und amerikanischen Truppen gekommen. Jetzt, nach der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, sandte Georg III. eine Flotte von 150 Kriegs- und Transportschiffen mit 32 000 Soldaten nach Amerika, die sich mit den bereits vor New York liegenden 130 Schiffen vereinigen sollten. Es gelang dieser Übermacht, die Truppen Washingtons auf Long Island zu schlagen. Die Engländer nahmen New York ein und schlugen Washington erneut nördlich der Stadt bei White Plains. Washington zog sich nach Pennsylvania zurück und überquerte von dort in der Nacht auf den 26. Dezember 1776 den Delaware Fluss nach New Jersey, überrumpelte die bei Trenton liegenden feindlichen Truppen und errang einen großen Sieg, der wenige Tage später auf dem Battle Field vor Princeton wiederholt werden konnte, als Washington das feindliche Heer umging, hinterrücks die Nachhut angriff und danach auf Infanterieregimenter stieß, die er besiegte. (Abb. 29 Delaware) Als Washington wenig später bei Philadelphia kurz hintereinander zwei Schlachten gegen die Engländer verlor und große Verluste von Menschen und Material hinzunehmen hatte, zweifelten viele im Kongress an seinen Fähigkeiten, so dass der General sich jetzt auch noch mit Anfeindungen und Intrigen auseinandersetzen musste. Die Lage schien für die verbleibende Truppe, die unter Hunger und Krankheiten litt, hoffnungslos. Beim Marsch in das Winterquartier, so schrieb ein Beobachter: „Man hätte die Spur der amerikanischen Armee an ihren blutigen Fußstapfen erkennen können, denn sie marschierte ohne Schuhe und Strümpfe über den hart gefrorenen Boden.“ Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 238 Abb. 29: Emanuel Leutze: George Washington überquert den Delaware nach New Jersey Friedrich II. schrieb am 13. August 1777 an d’Alembert: „Sie wollen wissen, was ich von der Haltung der Engländer denke? Was alle Welt davon denkt. Sie haben gegen den guten Glauben gehandelt, indem sie den Kolonien ihre Verträge nicht hielten und indem sie zur unrechten Zeit und gegen die Regeln der Klugheit den Krieg erklärten, der nur Unglück für sie im Gefolge haben kann, weil sie in stupider Weise die Macht dieser Kolonien verkannt und sich eingebildet haben, General Gage könne sie mit 5 000 oder 6 000 Mann unterwerfen. (…) Übrigens muss ich Ihnen erklären, dass die dichten Schleier, welche die Zukunft verhüllen, diese meinen Augen gerade so gut als Anderen verbergen. Wenn ich aber nach dem Beispiel Ciceros voraussehen wollte, was gewisse Kombinationen anzukündigen scheinen, so würde ich vielleicht zu sagen wagen, dass die Kolonien unabhängig werden müssen, weil der gegenwärtige Feldzug sie gewiss nicht niederwirft, weil die Goddam-Regierung (Friedrich sprach in dieser Zeit immer von den „Goddam“, wenn er England meinte) Mühe haben wird, aus den Taschen der Privatleute die Mittel für den nächsten Feldzug herbeizuschaffen, und weil bis zum nächsten Frühjahr der Krieg zwischen Frankreich Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 239 und England erklärt sein wird und man sich gegenseitig in den Kolonien schlagen wird. (…) Den Engländern hat es bei ihren Verhandlungen mit anderen Völkern stets an Kunst und Schmiegsamkeit gefehlt. Mit Gier ihren eigenen Interessen hingegeben, verstehen sie nicht, Anderen zu schmeicheln, und wähnen, dass sie durch Geldanbietungen Alles erreichen können.“ Diese Meinung teilte auch Benjamin Franklin, der am 9. April 1777 schrieb: „Ganz Europa wünscht England gedemütigt, denn es hat alle Nationen durch seine zu Zeiten des Glücks bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegten Anmaßungen beleidigt.“ Den Unabhängigkeitsbemühungen der Amerikaner wurde in Deutschland viel Sympathie entgegengebracht. Umso mehr wurde es als ein großes Ärgernis und Skandal angesehen, dass einige deutsche Fürsten ihre Soldaten an England verkauften. (F. Kapp2) Auch in Frankreich wurden die Ereignisse in Amerika aufmerksam verfolgt. „Raynal pries den Kampf der vereinigten Kolonien als wegweisende Zurückeroberung der Freiheit, die den Despoten zur Warnung dienen solle, dass die Geduld ihrer Völker Grenzen habe und dass ihre Unrechtsherrschaft nicht ewig ungestraft bleiben werde. Das war eine unmissverständliche Anspielung auf Frankreich; selbst in seinem Freiheitskampf erschien Amerika den Aufklärern als Experimentierfeld Europas und Vorbild für die geforderte Umgestaltung des Ancien Régime.“ (Reichardt, S. 330) Das Blatt wendete sich als die Franzosen sich entschlossen, in den Krieg einzugreifen. Es war wieder die Furcht vor einem zu starken Nachbarn, der sie bewog, erneut Krieg gegen England zu führen. Auch waren die Niederlage 1763 gegen England und der Verlust der amerikanischen Territorien nicht vergessen und die Aussicht darauf, dass England die amerikanische Kolonie aufgeben müsse, sehr verlockend. Anfang 1778 kam es zu einem amerikanisch-französischen Bündnis, das den Amerikanern militärische und finanzielle Unterstützung zusagte. 1779 schlossen sich Spanien und 1780 die Niederlande an. Die Engländer verlegten nun ihre Kräfte in die Südstaaten, eroberten zwar Georgia, scheiterten aber mit ihren Angriffen auf South Carolina. Als dann auch noch die Franzosen mit ihrer Flotte die Chesapeake Bay beherrschten und gemeinsam mit Washingtons Streitkräften die Engländer in Yorktown einschlossen, waren die wesentlichen Schlachten geschlagen. „Am 19. Oktober 1781, 2 Uhr nachmittags, zogen die Bri- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 240 ten aus Yorktown ab, die Fahnen eingerollt in Futteralen, die Waffen, die sie abzugeben hatten, auf Hochglanz poliert. Die Sieger bildeten Spalier. Auf der einen Seite standen die königlich-französischen Liniensoldaten, geschniegelt und gebügelt zum Triumph über den Rivalen, auf der anderen Seite die amerikanischen Kontinentalarmisten, in heruntergekommener Montur, doch gehobener Stimmung. Militärkapellen spielten den alten Marsch ›The world turned upside down‹. Die Welt schien an diesem Tage tatsächlich kopfzustehen, Großbritannien unten und oben die zu Staaten gewordenen Kolonien in Nordamerika.“ (Herre, S. 186) Auch wenn Georg III. hätte weiterkämpfen wollen, erzwang das Parlament den Rücktritt des Kriegskabinetts unter Lord North und verlangte die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen. John Adams und Benjamin Franklin, die in Paris für Amerika verhandelten, präsentierten die wichtigsten amerikanischen Bedingungen: Anerkennung der 13 Kolonien der Vereinigten Staaten als souveräne Nation, deren Grenzen im Norden die bereits vorhandene Grenze zu Kanada, im Westen der Mississippi und im Süden der 31. Breitengrad sein sollten. Spanien hatte an der Seite Frankreichs gekämpft, wieder mit dem Ziel, Menorca und Gibraltar zurückzuerlangen. Gibraltar blieb englisch, aber Florida und Menorca gehörten nun zu Spanien. Louisiana, damals ein riesiges Gebiet in der Mitte des Kontinents, das früher zu Frankreich gehört hatte, seit 1763 aber zu Spanien, ging zurück an Frankreich. Napoleon verkaufte Louisiana 1803 für 15 Millionen Dollar an Amerika, denn er brauchte Geld, um seine imperialen Hoffnungen in Europa zu finanzieren. Der Erwerb Louisianas verdoppelte nahezu das Territorium der USA, denn es gehörten folgende Staaten zu diesem Gebiet: das heutige Louisiana, Arkansas, Minnesota, Kansas, Nebraska, Colorado, Nord- und Süd-Dakota, Montana, Wyoming und Oklahoma. Der Friedensvertrag wurde am 3. September 1783 in Paris unterzeichnet. Es war für Amerika und die Welt ein größtes Ereignis. Amerika war nun ein freier Staat, in dem die Rechte der Menschen, Gewaltenteilung, die Demokratie, Religionsfreiheit und die persönliche Freiheit des Einzelnen die wichtigsten Werte darstellten. Alle europäischen Staaten erkannten die Unabhängigkeit Amerikas an. Amerika war eine „durch einen Akt der Selbstzeugung entstandene Welt.“ (Dahrendorf, Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 241 S. 12) In allen Verfassungen der Einzelstaaten kam zum Ausdruck, dass die Regierung den Menschen zu dienen, nicht diese zu beherrschen habe. Ein Problem blieb weiterhin jedoch die Sklaverei, auch wenn sie in den Nordstaaten sehr bald verboten wurde. Weitere Sklaven konnten nur noch in das Land geschmuggelt werden, denn deren Transport aus Afrika war schon seit 1776 untersagt. Auch wenn George Washington und Thomas Jefferson, die selbst nach wie vor Sklaven hielten, sich energisch gegen die Sklaverei wandten und diese aufheben wollten, beharrten die Plantagenbesitzer der Südstaaten noch fast ein Jahrhundert lang darauf, dass sie ihre Ländereien nur mit Sklaven profitabel bewirtschaften könnten und gaben diese Position erst nach dem verlorenen Sezessionskrieg auf. Großbritannien hatte die amerikanische Kolonie aufgeben müssen. Aber der Handel mit Nordamerika und den reichen karibischen Inseln, die England behielt, florierte dennoch, ein Zeichen dafür, dass eine Kolonie zwar initial nützlich für den Warenaustausch sein konnte, jedoch keine Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg aus weltweitem Handel darstellte. Der Verlust der amerikanischen Kolonien nahm Großbritannien nicht den Status der führenden Wirtschaftsmacht der Welt. Englands wirtschaftliche Stärke als moderner Industriestandort, zu dem es sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hatte, führte nach der Überwindung Napoleons zu einer erneuten Aufstiegsphase. Es blieben Kanada und Australien, der Einfluss in Indien wurde stetig ausgebaut, und die Meere beherrschte England sowieso. In Indien hatte England seinen Einfluss mit der East India Company bereits seit längerem ausgebaut, nun aber, nachdem Amerika verloren war, verstärkte Großbritannien seinen Einsatz in Südostasien. „1794 nahmen die Briten den Holländern Ceylon ab; 1799 wurde der südindische Fürstenstaat Mysore in einen britischen Vasallenstaat verwandelt, 1803 Delhi, der Sitz des Großmoguls, erobert, bis 1819 die britische Oberhohehit über ganz Indien durchgesetzt. Die britische Herrschaft über diesen Teil Südasiens war eine der Voraussetzungen dafür, dass Großbritannien sich im 19. Jahrhundert mit größerem Recht als irgendeine andere Nation eine Weltmacht nennen konnte.“ (Winkler, S. 313) In Kanada erlaubten die Engländer den dortigen Siedlern – so viel hatten sie aus dem Desaster in Amerika gelernt – ein hohes Maß an Selbstbestimmung und konnten auf diese Weise nicht nur für Stabilität Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 242 sorgen, sondern auch die Grenze zwischen den USA und Kanada sichern, die schließlich 1814, nach einem weiteren Krieg, im Friedensvertrag von Gent festgeschrieben wurde. (Winkler, S. 313) Ab etwa 1787 begann England mit der Besiedlung Australiens, das zunächst als Sträflingskolonie diente, jedoch schon bald freie Siedler aufnahm, vor allem solche, die Wissen in der Schaf- und Rinderzucht mitbrachten. Das freie Amerika bemühte sich schon während des Unabhängigkeitskriegs um Handelsverträge mit Preußen und anderen Ländern Europas. Friedrich II. wurde von den Amerikanern als der Fürst angesehen, der schon wegen seiner geistigen Überlegenheit und persönlichen Haltung Amerikas Ziele unterstützen müsse. Ein Handelsvertrag sollte die Beziehungen beider Länder vertiefen. Ostfriesland war 1744 an Preußen gefallen, seit 1751 war Emden zu einem Freihafen erhoben worden. Dies könnte der Ausgangspunkt für einen begrenzten Seehandel werden, Schlesisches Tuch könnte exportiert, amerikanischer Tabak importiert werden. Friedrich erschien jedoch jeder unter Preußens Flagge geführter Seehandel zu gefährlich, denn „achtzig bis neunzig englische Schiffe, die auf den verschiedenen Meeren umherschwärmen, würden Alles nehmen.“ So teilte Friedrich seinem Handelsminister Schulenburg mit, dass er die Vorschläge von Benjamin Franklin zu einem gemeinsamen Handelsvertrag zu kommen, nicht ablehnen solle, denn die Amerikaner sollten nicht „beleidigt oder verletzt“ werden. Sie sollten dagegen verstehen, dass gewichtige Gründe zum gegenwärtigen Zeitpunkt für einen Aufschub des Unternehmens sprächen: keine eigene Handelsflotte, die Engländer würden auch die holländische Flagge nicht akzeptieren, keine bewaffneten Schiffe zum Schutz der Flotte, kein ihm bekannter, vor den Engländern sicherer amerikanischer Hafen. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde schließlich doch der Handelsvertrag zwischen Amerika und Preußen unterschrieben und am 6. Juni 1786 als Anhang des Daily Advertiser in den USA veröffentlicht. Es ging darin nicht nur um Regeln für die Handelsbeziehungen. Die Menschenrechte wurden als gültiges Völkerrecht festgeschrieben, Meinungs- und Glaubensfreiheit für alle Bürger beider Länder garantiert. Zuvor hatte Amerika Handelsverträge bereits mit Frankreich, Holland und Schweden abgeschlossen. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 243 Zurück zur amerikanischen Innenpolitik. Mit der Zeit setzte sich die Überzeugung durch, dass der bestehende Kontinentalkongress auf Dauer nicht die geeignete Institution war, um die Vereinigten Staaten zu regieren, denn der Kongress konnte sich gegenüber den Einzelstaaten nicht durchsetzen und die notwendigen Steuerabgaben einfordern, so dass sehr hohe Schulden im europäischen Ausland eingegangen werden mussten, in einer Größenordnung, durch die selbst die Unabhängigkeit bedroht war. Eine Zentralregierung musste geschaffen werden, davon waren George Washington und andere, vorwiegend konservative Politiker überzeugt. Der Konvent von Philadelphia, die Versammlung der „Founding Fathers“, trat am 25. Mai 1787 zusammen und beschloss unter Abwägung vieler im Ausland existierender und historischer Staatsformen eine Regierung, die aus zwei Kammern (Legislative), einer in einer einzigen gewählten Person gebündelten Exekutive und einer Judikative bestehen sollte. Die Gewaltenteilung war durchgesetzt. Mit der im Jahre 1787 auf der Basis der „Virginia bill of rights“ verabschiedeten Verfassung wurden die Menschenrechte festgeschrieben, alle Menschen, so wurde proklamiert, waren gleich, mit unveräußerlichen Rechten gleich geboren. Das war großartig, aber die Sklavenhaltung in den USA abzuschaffen, erforderte einen Bürgerkrieg, Nordgegen Südstaaten, der im nächsten Jahrhundert ausgetragen werden musste. Ursprünglich enthielt die Unabhängigkeitserklärung einen Absatz, der Georg III. den Vorwurf machte, mit Sklaven zu handeln. Dieser Absatz wurde gestrichen, denn mit ihm hätten Georgia und South Carolina der Erklärung nicht zugestimmt. Und auch wenn die Gleichheit der Menschen betont wurde, „genossen doch nur erwachsene wei- ße Männer mit einem bestimmten Einkommen oder Grundbesitz gleiche Rechte, nicht aber Frauen, Sklaven, Arme oder wirtschaftlich abhängige.“ (Stollberg, S. 241) Mit dem Phänomen, dass Menschenrechte ernsthaft ausgerufen werden, deren Befolgung sich als schwierig erweist, stand Amerika jedoch nicht allein in der westlichen Welt. Unterschiedliche Ethnien und Glaubensrichtungen konfliktfrei zu akzeptieren, erscheint auch heute noch weltweit als eine kaum überwindbare Hürde. Mit der Verfassung entstand ein ausgeklügeltes, sehr balanciertes System der Begrenzung übergroßer Macht: Der Präsident hatte zwar Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 244 das Vetorecht über Gesetzesvorlagen des Kongresses, konnte jedoch mit einer Zweidrittelmehrheit überstimmt werden; der Senat musste Ernennungen des Präsidenten bestätigen, der Oberste Gerichtshof konnte Gesetze des Kongresses als verfassungswidrig erklären, selbst wenn diese vom Präsidenten unterschrieben worden waren. Alle Staaten hatten bis zum Sommer 1788 der Verfassung zugestimmt. Die Verfassung garantierte die Volkssouveränität, den Grundsatz der Gewaltenteilung und die Trennung von Staat und Kirche. Die Rechte der Bürger wurden genauer definiert: Religionsfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Freiheit der Person, Unverletzlichkeit der Wohnungs- und Eigentumsgarantie u.a.m. (Frotscher). Dies erzählt sich so, als wäre dieses große, für die Welt vorbildliche „normative“ Projekt sehr selbstverständlich und einvernehmlich erarbeitet und verabschiedet worden. In Wirklichkeit hatte es erbitterte Kämpfe, große Auseinandersetzungen und beinahe handgreiflichen Streit um seine Ratifizierung gegeben. (Lepore, S. 197) George Washington, der schon Vorsitzender des Verfassungskonvents gewesen war, wurde am 4. Februar 1789 zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten und 1792 erneut gewählt. Er berief Hamilton zum Finanzminister („Secretary of the Treasury“). Hamilton setzte sich für eine Politik des konservativen Zentralismus ein. Eine starke Bundesregierung, die sich auf die Loyalität der einzelnen Staaten stützen könne, war sein Konzept für die Lösung der finanziellen Probleme und die Sanierung der Union. Unter Hamilton wurden die hohen Schulden der Einzelstaaten als Bundesschulden übernommen. Dieser Akt der Solidarität ließ sich jedoch nicht aufrechterhalten, da sich die Staaten in ihrem Wirtschaften auf die fortdauernde Übernahme ihrer immer neuen Schulden durch den Bundesstaat verließen. So musste die Schuldensozialisierung bald beendet werden, und jeder Einzelstaat wurde wieder für seine Finanzen verantwortlich. Jefferson, von 1785 bis 1789 Botschafter in Frankreich, wurde 1790 von Washington zum Außenminister ernannt. Aus den unterschiedlichen Auffassungen und der entgegengesetzten Meinung in zentralen ordnungspolitischen Fragen, die Hamilton und Jefferson jeweils vertraten, bildeten sich sehr bald politische Richtungen heraus: Hamilton gründete eine Zentralbank (First Bank of the United States), ein Vorgehen, das für Jefferson nicht von der Verfassung vorgesehen war. Hamilton befürwortete eine Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 245 gestaltende Industriepolitik, Jefferson dagegen lag mehr an der Förderung der Landwirtschaft und des bäuerlichen Mittelstands. Auch Hamiltons Gewichtung einer starken Zentralregierung war ihm suspekt, die Einzelstaaten sollten gestärkt werden, und die individuellen Rechte und Freiheiten der Bürger dürften unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Mit der Zeit entstanden die „Federalists“ unter Hamilton und die „Republicans“ oder auch „Democratic Republicans“ unter Jefferson als eigene Parteien, die von den Verfassungsvätern nie gedacht worden waren und die sie stets hatten vermeiden wollen. Noch in seiner Abschiedsbotschaft 1796 wandte sich Washington eindringlich gegen die Bildung politischer Parteien, auch wenn er selbst meist auf der Seite Hamiltons und der Federalists war. „Der Parteigeist beunruhigt das Gemeinwesen durch unbegründete Eifersüchteleien und falsche Besorgnisse, er entzündet die Feindschaft des einen Teils gegen den anderen und schürt Aufruhr und Empörung.“ (Lepore, S. 194) Washington ließ sich nicht ein drittes Mal wählen, was zum Präzedenzfall für die Zukunft wurde. John Adams, Mitbegründer der American Academy of Arts and Sciences, folgte ihm im Amt. Jefferson, Präsident der American Philosophical Society, wurde im Jahre 1800 Präsident und 1804 wiedergewählt. George Washington starb am 14. Dezember 1799. Schon in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika lag das Versprechen, dass dieses Land in der Zukunft eine Großmacht werden und als solche ihren Einfluss in der Welt geltend machen würde. Amerika, das angelsächsisch pragmatisch dachte, hatte eine große Zukunft vor sich. Der Gesandte Venedigs in Paris schrieb 1783 in einem Bericht: „Wenn es gelingt, die Union der (amerikanischen, d. V.) Provinzen am Leben zu erhalten, dann ist es nur folgerichtig zu erwarten, dass sie mit der Gunst der Zeit und unter dem Einfluss europäischer Geistes- und Naturwissenschaften eines Tages die gewaltigste Macht der Erde sein werden.“ (Palmer, S. 257) Zu der Zeit war England die führende Macht der Welt. Die Gesellschaftsstruktur wurde in Amerika und zuvor bereits in England durch das selbstbewusste, aufgeklärte, ehrgeizige Bürgertum bestimmt. Keines der beiden Länder hatte demnach gegenüber dem anderen einen Modernitätsvorteil. Die wirt- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 246 schaftliche Stärke würde also in der Zukunft die Machtposition des einen oder anderen Landes bestimmen. Amerika hatte keine Kolonien, England würde seine verlieren. Amerika würde seinen gesamten Kontinent bevölkern und über sehr viel mehr Einwohner verfügen als irgendein Staat in Europa. Amerika musste als Sieger hervorgehen, denn es kam hinzu, dass das Streben nach Geldbesitz und Profit in Amerika schon damals eine überragend ausgeprägt treibende Kraft war. Tocqueville2 (S. 41) hatte geschrieben: „Ich kenne kein Land, in dem die Liebe zum Geld einen so großen Platz in den Herzen der Menschen einnimmt, in dem man eine solche Verachtung für die Theorie der andauernden Vermögensgleichheit bekundet.“ In Deutschland hat sich vor allem Goethe mit Amerika auseinandergesetzt, worauf hier ein wenig ausführlicher eingegangen werden soll. Goethe stand, wie die meisten Intellektuellen in Deutschland, Amerika zunächst reserviert gegenüber, wie er in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ausdrückt: „Unser Hausherr, als Jüngling nach Europa gelangt, fand hier alles ganz anders; diese unschätzbare Kultur, seit mehreren tausend Jahren entsprungen, gewachsen, ausgebreitet, gedämpft, gedrückt, nie ganz erdrückt, wieder aufatmend, sich neu belebend und nach wie vor in unendlichen Tätigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere Begriffe, wohin die Menschheit gelangen kann. Er sagte: ›Überall bedarf der Mensch Geduld, überall muss er Rücksicht nehmen, und ich will mich doch lieber mit meinem Könige abfinden, dass er mir diese oder jene Gerechtsame zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, dass sie mir gewisse Beschränkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer anderen Seite nachgebe, als dass ich mich mit den Irokesen herumschlage, um sie zu vertreiben, oder sie durch Kontrakte bekriege, um sie zu verdrängen aus ihren Sümpfen, wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt wird‹.“ (Goethe2, S. 294) Dies war Goethes frühe Meinung zu Amerika. Doch dann geschah es, dass in diesem Land die erste Republik in der Neuzeit geschaffen wurde. Es war die Frage der Bürgerrechte, ökonomische Gründe traten hinzu, die zum Zerwürfnis zwischen Kolonie und Mutterland geführt hatten. Aber durch die in der Unabhängigkeitserklärung vorangestellten Bekenntnisse zu den Menschenrechten erhielt die Revolution ihre Legitimation und weltweite Anerkennung. Es entstand kein neues despotisches System von Revolutionären, sondern eine auf Idealen beru- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 247 hende Republik. Die Auswanderer hatten auf dem amerikanischen Kontinent nichts vorgefunden, was ihnen aus einer etablierten traditionsbewussten Kultur und Gesellschaft entgegengestanden hätte, ihre eigenen Überzeugungen und Ideale hier, in diesem weiten Land, zu verfolgen und zu verwirklichen. Sie konnten etwas Neues, nie Dagewesenes schaffen. Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Menschen wie Benjamin Franklin, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen war, sich als Wissenschaftler und Diplomat einen Namen gemacht hatte und mit den Großen der europäischen Politik verhandelte, versinnbildlichten das idealistische Bild, das man jetzt von Amerika hatte und beflügelten die Phantasie vor allem der jungen Generation. Benjamin Franklin hatte über die Gesetze der Elektrizität geforscht und den Blitzableiter erfunden, die französische Akademie ehrte ihn 1778 mit den Worten „Dem Himmel entriss er den Blitz, den Tyrannen das Szepter“, was dieser zurückwies und deutlich machte, wie viele Mitstreiter an dem Unabhängigkeitskampf beteiligt waren. (Wertheim, S. 74) Goethe nahm sehr interessiert alle politischen und kulturellen Nachrichten aus Amerika auf, kannte Werke des Malers John Trumbull, z. B. dessen Darstellung vom „Tod eines amerikanischen Generals bei Bunker Hill“, und auch einige Romane des von ihm sehr geschätzten James F. Cooper, wie „Der letzte Mohikaner“. Bedauerlicherweise wurde Goethe, vor allem betrieben durch puritanische Kreise in Amerika in jener Zeit – und nur in diesen Kreisen – der Vorwurf der Blasphemie und Unsittlichkeit gemacht. Man kritisierte den Auftritt Gottes im Prolog des „Faust“ und lehnte Werke wie „Werther“, „Wahlverwandtschaften“ und „Wilhelm Meister“ ab. Goethe bemerkte dazu: „Es ist auf jeden Fall merkwürdig zu sehen, wie so nach und nach die Wirkungen eines langen Lebens durch die Welt schleichen, auch da und dort, nach Zeit und Umständen, Einfluss gewinnen. Ich musste lächeln, als ich mich in einem so fernen und überdies republikanischen Spiegel zu beschauen hatte“. (Urzidil, S. 175) In die Zukunft schauend, sah Goethe Amerika als ein Land an, das selbstverständlich den gesamten Kontinent erobern und außerdem die enge Landstelle in Panama nutzen würde, einen Zugang zum Pazifik zu bekommen. Diese Gedanken notierte Eckermann am 21. Februar Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 248 1827: „Es ist vorauszusehen, dass dieser jugendliche Staat, bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen, in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. Es ist ferner vorauszusehen, dass an dieser Stelle des Stillen Ozeans nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittlung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Falle wäre es aber nicht bloß wünschenswert, sondern fast notwendig, dass sowohl Handels- als Kriegsschiffe zwischen der nordamerikanischen westlichen und östlichen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Kap Horn möglich gewesen. Ich wiederhole also: es ist für die Vereinigten Staaten durchaus unerlässlich, dass sie sich eine Durchfahrt aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean bewerkstelligen, und ich bin gewiss, dass sie es erreichen. Dieses möchte ich erleben, aber ich werde es nicht, es wäre wohl der Mühe wert, noch einige fünfzig Jahre auszuhalten.“ (Urzidil, S. 157) Der Panamakanal wurde 1914 für die Schifffahrt freigegeben. Zuvor hatte sich im Nahen Osten eine schmale Landstelle angeboten, für die Schifffahrt durchstoßen zu werden. Der Suez-Kanal, der 1869 eröffnet wurde, halbierte die Reisezeit von London nach Bombay. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 249 Ende von Sklaverei und Kolonialismus? Amerika war vorangegangen. Es hatte sich aus kolonialer Abhängigkeit befreit. Das Selbstbewusstsein und den Stolz, mit denen sich die Bürger Englands schon früh und abschließend 1688 mit der „glorreichen Revolution“ ihre Freiheitsrechte erkämpft hatten, nahmen die Auswanderer mit in ihr neues Land. War es früher der König im eigenen Land, war es jetzt der ferne Kolonialherr und doch wieder ihr König, gegen den sich die Revolution richtete. Ein Krieg konnte nicht vermieden und nur mit der Hilfe von Englands Gegnern Frankreich, Spanien und den Niederlanden gewonnen werden. War dies nun das Signal gegen den Kolonialismus und für sein baldiges Ende überhaupt? Die koloniale Expansion und die große Zeit der europäischen Entdeckungen und der Eroberungen in fremden Ländern lag im 15. bis 17. Jahrhundert. Die Amerikas wurden damals entdeckt, ebenso wie der Seeweg nach Ost-Indien. Als Kolonien gewonnenes Land, vor allem in den Amerikas und auf den Inseln der Karibik, wurde von den Kolonialherren intensiv bewirtschaftet, die erforderlichen Arbeitskräfte als Sklaven aus Afrika herbeigeschafft. Aber der Kolonialismus würde endlich sein. Nachdem sich die nordamerikanischen Kolonien als erste von ihrem Mutterland gelöst hatten, führte auf der französischen Kolonie St. Domingue die Haitianische Sklavenrevolution, die 1791 von dem ehemaligen Sklaven Jean-Jacques Dessalines ausgerufen und gesteuert wurde, 1804 zur Unabhängigkeit des Staates. 452 000 Sklaven lebten dort und 42 000 Weiße. Die Insel war der bedeutendste Zucker- und Kaffee-Exporteur und Frankreichs wichtigste Kolonie. (Lepore, S. 190) Und doch konnte Frankreichs Militär den Aufstand nicht unter Kontrolle bringen. Dessalines wurde als Jacques I. zum Kaiser (!) von Haiti gekrönt. Damit entstand ein von ehemaligen Sklaven bewohnter, jetzt von ihnen regierter souveräner Staat, der erste unabhängige Staat Lateinamerikas. Heinrich von Kleist beschreibt die schreckliche Brutalität, mit der die Aufständischen gegen die bisherigen Landbesitzer vor- 251 gingen, sehr bewegend in seinem Werk „Die Verlobung in St. Domingo“. Hatte die Amerikanische Revolution einen Impuls nach Frankreich gesandt, so war nun der Funke von dort in eine seiner lateinamerikanischen Kolonien geflogen. War das Ende der Kolonialherrschaft schon früh absehbar, wurde es bald in einigen Ländern Wirklichkeit: Argentinien 1810, Mexiko und Peru 1821, Venezuela 1830, Bolivien 1825. Und doch erhielt der Kolonialismus bis in das frühe 20. Jahrhundert weiteren Auftrieb und endete wirklich erst nach dem zweiten Weltkrieg, als die Kolonien in ihre Unabhängigkeit entlassen wurden, werden mussten. Und die Sklaverei? Die Menschenrechtserklärungen hatten Maßstäbe gesetzt, an denen sich mit der Zeit die Nationen messen lassen mussten. Wie lange noch würde geduldet werden, dass diese Rechte nur für Menschen weißer Hautfarbe galten, anderen aber vorenthalten wurden? Das 18. Jahrhundert, und vor allem dann das 19., unterschieden sich von den früheren Jahrhunderten dadurch, dass Sklavenhandel und Sklavenhaltung zunehmend kritisch gesehen wurden und ein Ende der Sklaverei immer stärker gefordert wurde. Sklaverei wurde als krasser Verstoß gegen die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte angesehen. Schon Rousseau und Voltaire, wie viele andere nach ihnen, hatten darin das Beispiel für Unterdrückung und Knechtschaft schlechthin gesehen. Auch Herder hatte kritisch gefragt: „Was endlich ist von der Kultur zu sagen, die von Spaniern, Portugiesen, Engländern und Holländern nach Ost- und Westindien, unter die Neger nach Afrika, in die friedlichen Inseln der Südwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese Länder, mehr oder weniger, um Rache? Umso mehr um Rache, da sie auf eine unübersehliche Zeit in ein fortgehend wachsendes Verderben gestürzt sind. Alle diese Geschichten liegen in Reisebeschreibungen zutage; sie sind bei Gelegenheit des Negerhandels zum Teil auch laut zur Sprache gekommen. Von den spanischen Grausamkeiten, vom Geiz der Engländer, von der kalten Frechheit der Holländer, von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in unserer Zeit Bücher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, dass vielmehr, wenn ein europäischer Gesamtgeist anderswo als in Büchern lebte, wir uns des Verbrechens beleidigter Menschheit fast vor allen Völkern der Erde schämen müssten. Nenne man das Land, wohin Europäer kamen und sich nicht durch Beeinträchtigungen, durch un- Ende von Sklaverei und Kolonialismus? 252 gerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdrückung, durch Krankheiten und schädliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit, vielleicht auf alle Äonen hinab, versündigt haben! Nicht der weise, sondern der anmaßende, zudringliche, übervorteilende Teil der Erde muss unser Weltteil heißen; er hat nicht kultiviert, sondern die Keime eigner Kultur der Völker, wo und wie er nur konnte, zerstört. (...) Ein Mensch, sagt das Sprichwort, ist dem andern ein Wolf, ein Gott, ein Engel, ein Teufel; was sind die aufeinander wirkenden Menschenvölker einander? Der Neger malt den Teufel weiß, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. ›Warum gießest du mir Wasser auf den Kopf‹, sagte jener sterbende Sklave zum Missionar. – ›Dass du in den Himmel kommest.‹ ›Ich mag in keinen Himmel, wo Weiße sind‹, sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit!“ Zwar endeten die Sklavenhaltung und der Handel mit Sklaven. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die (christliche!) weiße Bevölkerung nicht nach wie vor geringschätzig auf andere Ethnien herabblickte, denn sie fühlte sich diesen weit überlegen. Selbst in den USA, wo doch die Menschenrechte zuerst ausgerufen worden waren – alle Menschen gelten als gleich geboren – musste von 1861 bis 1865 ein Bürgerkrieg geführt werden, um die Sklavenhaltung zu beenden. Kolonialismus und Sklaverei mussten enden – eigentlich. Aber zuvor verwob in Afrika der Einfallsreichtum der Menschen sogar beide Missstände miteinander. Es entstand noch im 19. Jahrhundert aus einer Verbindung von Missionsarbeit, die sich besonders gegen die Sklaverei wandte, und dem Wunsch europäischer Länder nach kolonialer Eroberung die Vorstellung, man müsse die Afrikaner von allem, was sie bestimmte und zu sich selbst befreien. So erhielt der Kampf gegen die Sklaverei in der Beziehung zu Afrika eine unerwartete Variante, denn die Befreiung aus der Sklaverei rechtfertigte nun aus moralischen Gründen die koloniale Unterwerfung afrikanischer Staaten. „Die auf koloniale Expansion drängenden Kräfte verfügten nun über ein neues schlagkräftiges Argument und vermochten die koloniale Aufteilung Afrikas gar noch als humanitären Kreuzzug gegen Sklaverei und Sklavenhandel auszugeben.“ (Eckert, S. 450) Die neuen Herrscher brachten Unterdrückung, Vertreibung, Mord, Vernichtung, wie man sie schlimmer nicht denken könnte. Die Herrscher über die Länder Ende von Sklaverei und Kolonialismus? 253 Afrikas verloren – nicht sofort spürbar – ihre Legitimität, das ist ihre moralische Rechtfertigung zu herrschen. Aber die moralische Rechtfertigung war für die Kolonialherren ohne Bedeutung. Auch wenn Kolonialismus und Sklaverei formal beendet sind, ist doch die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft auch heute noch zu bekämpfen. Denn in manchen Ländern wird die Arbeit mit einem Hungerlohn bezahlt, die Arbeiter sind oftmals sogar großen Risiken für ihre Gesundheit ausgesetzt. Selbst die Kinderarbeit ist noch nicht überall auf der Welt verboten. Ende von Sklaverei und Kolonialismus? 254 Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund Das Scheitern Josephs II. Es hätte eine ganz normale, ohne Auseinandersetzungen ablaufende Erbfolge werden können, als Kurfürst Maximilian III. Joseph von Bayern im Dezember 1777 starb und die Regentschaft auf Karl Theodor, den Kurfürsten der Pfalz (Sulzbach) und von Jülich-Berg, nun Karl II. Theodor von Bayern, überging. Die beiden Wittelsbacher Linien Bayern (mit der Oberpfalz) und Pfalz-Sulzbach am Rhein mit Jülich-Berg waren schon länger als unteilbarer Gesamtbesitz angesehen worden, jetzt wurden sie in Personalunion regiert. Kaiser Joseph II. aber sah die Gelegenheit gekommen, einen Ausgleich für das verlorene Schlesien zu schaffen, forderte im Tausch gegen Vorderösterreich den Besitz von Niederbayern und der Oberpfalz und marschierte dort ein. Dies wiederum wollte Friedrich II. nicht hinnehmen, denn er sah in diesem möglichen österreichischen Gebietszuwachs in Süddeutschland eine Ungesetzlichkeit und die Störung des Machtgleichgewichts zwischen Preußen und Österreich. Der König von Frankreich, immerhin ein Schwiegersohn Maria Theresias, hielt sich bedeckt, Zarin Katharina II., Großbritannien, Hannover, Sachsen und die Mehrzahl der katholischen Fürsten unterstützten Preußen. Auch Maria Theresia und Kaunitz waren nicht auf der Seite Josephs, einen vierten Krieg gegen Preußen wollten sie unbedingt vermeiden. Zwar marschierten jetzt auch preußische Truppen auf, es kam jedoch zu keinen größeren Kampfeshandlungen. Für beide Seiten war dies dennoch in jeder Hinsicht ein verlustreiches Unternehmen: Soldaten starben an Infektionskrankheiten, viele desertierten, es wurde zunehmend schwierig, die Versorgung für Mensch und Tier aufrecht zu erhalten. Friedrich ging es um das Prinzip und die Frage, ob ein Kaiser nach seinem Willen über Reichslehen verfügen könne. Nach seiner 255 Auffassung widerspräche dies „den Gesetzen, Gewohnheiten und Gebräuchen des Römischen Reiches.“ Ein tiefer Konflikt entwickelte sich zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn, der eskalierte, als die Erzherzogin hinter dem Rücken ihres Sohnes an Friedrich II. schrieb, um ihm ihre großen Sorgen mitzuteilen und ihn zum Friedensschluss zu bewegen. „(…) Mein Alter und mein Wunsch für die Erhaltung des Friedens sind allgemein bekannt, und ich könnte dafür keinen auffälligeren Beweis geben als durch den Schritt, den ich jetzt unternehme. Mein Mutterherz ist mit Recht beunruhigt, zwei Söhne und einen geliebten Schwiegersohn bei der Armee zu sehen. Ich handle ohne Wissen des Kaisers, und ich bitte darum, dass dieser Schritt ein Geheimnis bleibe, möge er nun Erfolg haben oder nicht. Ich möchte Verhandlungen, die er bisher geführt und zu meinem Bedauern abgebrochen hat, erneuern und zu Ende führen.“ (zitiert aus Gooch) In dem Moment als Joseph II. selbst stark an dem Erfolg des Krieges zweifelte und seiner Mutter schrieb, dass er den Frieden wünschte, eröffnete Maria Theresia ihrem Sohn, dass sie mit gleichem Ziel an Friedrich II. geschrieben habe. Joseph II. war zutiefst gekränkt, musste sich jedoch fügen, zumal Katharina II. mit einer Intervention zugunsten Preußens drohte, sollte Wien nicht zur Beendigung der Kampfhandlungen bereit sein. (Donnert, S. 226) Da nun alle Parteien interessiert waren, Frieden zu schließen, konnte im Januar 1778 per Vertrag die Ursache des Krieges aufgehoben und in Teschen der Friedensvertrag im Mai 1779 unterschrieben werden. Friedrich hatte durch seinen entschlossenen Einsatz für ein gesamtdeutsches Interesse Vertrauen bei den deutschen Fürsten gewonnen. Er war „der Wächter über die Integrität der Reichsverfassung.“ (Duchhardt, S. 159) Joseph II. dagegen hatte Ansehen verspielt und wurde nicht als der anerkannt, der das Reich als Kaiser in die Zukunft führen könnte. Österreich musste alle Gebiete mit Ausnahme des kleinen Innviertels herausgeben und Ansprüche Preußens auf die beiden hohenzollernschen Markgrafentümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth anerkennen. Russland stärkte seine Rolle im Reich, indem es Garantiemacht für den Frieden wurde. Nachdem Katharina II. im Jahre 1781 (ohne das bestehende Bündnis mit Preußen förmlich aufzukündigen) ein Verteidigungsbündnis mit Joseph II. geschlossen hatte, äußerte sich Friedrich II. im Jahr da- Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 256 rauf in seinen „Betrachtungen über den politischen Zustand Europas“3 sehr besorgt über die bedrohte Lage Preußens, denn er fürchtete den Ehrgeiz des Kaisers. Sobald dieser die Staatsfinanzen in Ordnung gebracht haben würde, ein Ziel, das Joseph II. konzentriert verfolgte, und vor allem nach seinem, Friedrichs, Tod würde Österreich alles unternehmen, um Schlesien zurückzugewinnen. Dazu würde er gemeinsam mit Russland und Sachsen unter irgendwelchem Vorwand zunächst Unruhen in der Gegend um Danzig und in der Lausitz anstiften. Friedrich meinte auch, sich nicht wirklich auf die deutschen Kurfürsten verlassen zu können. Und seinen Nachfolger sah er besonders kritisch: „Wenn aber nach meinem Tod mein Herr Neffe in seiner Schlaffheit einschlummert, sorglos in den Tag hineinlebt, wenn er verschwenderisch, wie er ist, das Staatsvermögen verschleudert und nicht alle Fähigkeiten seiner Seele neu aufleben lässt, so wird der Herr Joseph – ich sehe es voraus – ihn über den Löffel barbieren, und binnen dreißig Jahren wird weder von Preußen noch vom Haus Brandenburg mehr die Rede sein: der Kaiser wird alles verschlungen haben und sich schließlich ganz Deutschland untertan machen, dessen souveräne Fürsten er allesamt ihrer Macht berauben will, um daraus eine Monarchie wie die französische zu formen.“ Friedrichs Analyse und seine die Zukunft betreffenden Sorgen sollten sich als vollkommen zutreffend herausstellen, jedoch würde ein anderer als ein österreichischer Kaiser innerhalb der von Friedrich geschätzten dreißig Jahre Preußen an den Rand des Abgrunds führen und Deutschlands Länderarchitektur tiefgreifend verändern. Getrieben von diesen alptraumartigen Befürchtungen setzte Friedrich alles daran, das Vertrauen zwischen sich und den deutschen Kurfürsten zu stärken und sie auf die Risiken aufmerksam zu machen. Dabei half ihm – ungewollt – Joseph II. Neben der Bayerischen Linie und der von Pfalz-Sulzbach gab es noch eine dritte Wittelsbacher Linie: Karl II. August Christian war seit 1775 Herzog von Pfalz-Zweibrücken und sollte eines Tages seinen Verwandten Karl II. Theodor von Bayern beerben. Joseph II. unternahm im Jahre 1784 einen erneuten Vorstoß und versuchte, Bayern und Pfalz- Zweibrücken dafür zu gewinnen, Bayern im Tausch gegen die habsburgischen Niederlande an Österreich abzutreten. Joseph bot an, die Niederlande mit der Pfalz und Jülich-Berg zu einem Königreich von Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 257 Burgund auszurufen und Karl II. August Christian zum König zu ernennen. Josephs Pläne, die Macht des Kaiserhauses zu vergrößern und die Reichsverfassung in diesem Sinne zu verändern, stießen auf Ablehnung bei den deutschen Reichsständen. Friedrich II. verurteilte das Vorhaben sofort und verbreitete die Nachricht, Wien wolle mit Unterstützung Russlands und Frankreichs den Herzog vom Zweibrücken zwingen, auf das bayerische Erbe zu verzichten und berief sich dabei auf eine entsprechende, aber nicht eindeutige Aussage des österreichischen Unterhändlers, der Tausch werde auf jeden Fall durchgeführt werden. Frankreich zog seine Unterstützung zurück und Friedrich gelang es, die deutschen Fürsten auf seine Seite zu ziehen und den Deutschen Fürstenbund ins Leben zu rufen, dem Sachsen und Hannover (Drei-Kurfürsten-Bündnis) und sehr bald darauf der Erzbischof von Mainz und die Länder Baden, Hessen, Weimar, Gotha, Ansbach, Braunschweig, Mecklenburg und der Herzog Karl II. August Christian von Pfalz-Zweibrücken, beitraten. (Aretin, S. 121) Die geistlichen Fürsten stimmten gerne zu, denn sie sahen darin eine Garantie für die Unversehrtheit ihres Besitzes gegen die Säkularisierung, die Joseph in Österreich vorangetrieben hatte. Herzog Karl II. August Christian erklärte, dass er einem Ländertausch keinesfalls zustimmen werde. Der Einfluss des Kaisers, dem eine breite Ablehnung entgegenschlug, war auf dramatische Weise beschädigt. Friedrich II. stellte sich den Fürstenbund vor allem als Verteidigungsbündnis vor: „Ein Bund, wie ich ihn vorschlage, geht nur darauf aus, die Besitzungen eines jeden zu sichern. Er soll verhindern, dass es einem ehrgeizigen und unternehmenden Kaiser gelingt, die deutsche Verfassung umzustoßen, indem er sie stückweise zerstört.“ Diese deutsche Einigkeit war zunächst nicht mehr als ein wirkungsvolles Signal. Und doch hatten sich die deutschen Länder unter Preußens Führung zusammengeschlossen und gegen das Josephinische Österreich vereinigt. „In den bayerischen Bauernstuben der Höfe in Tal und Berg stellte man in den mit Kruzifix beschützten Ecken Friedrichs Bild als Devotionalie auf.“ (Heinrich, S. 243) Seinem Bruder Heinrich gegenüber gestand Friedrich ein, dass der Fürstenbund auch Preußens Hegemonialstellung gegenüber Österreich unterstreichen sollte, „das aber muss man verheimlichen wie einen Mord.“ (Boockmann, S. 212) Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 258 Karl II. August Christian starb 1795, sein Herzogtum Pfalz-Zweibrücken ging an seinen jüngeren Bruder Max Joseph, der als Maximilian IV. Joseph 1799 auch das Erbe Karls II. Theodor von Bayern übernahm und damit allen Wittelsbacher Besitz unter sich vereinte. Napoleon setzte ihn 1806 als Maximilian I. Joseph zum König von Bayern ein. Friedrich II. starb am 17. August 1786. Als Friedrich Wilhelm II. die Regentschaft übernahm, bewahrheiteten sich die Befürchtungen Friedrichs II. Der berüchtigte Minister Johann Christoph von Wöllner behinderte durch seine Zensur- und Religionsedikte jede fortschrittliche Entwicklung, konnte sie aber nicht vollständig unterdrücken. (Scurla, S. 296) Der Staat versank in einen Schlaf, und auch Friedrich Wilhelm III., der 1797 seinem Vater nachfolgte, verwarf zunächst erforderliche, von Stein und Scharnhorst noch vor der Niederlage gegen Napoleon geforderte Reformen. Erst nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt (1806) wurden die sog. Stein- Hardenbergschen Reformen in der Gesellschaft und im Militärwesen möglich. Der gedankliche Kern der Reformen war, an die Stelle eines feudalistischen Untertanenstaates einen auf Selbständigkeit und Selbstverantwortung freier Bürger beruhenden Staat zu setzen. Joseph II. war ein ehrgeiziger Monarch. Friedrich II. war ihm uneingestanden und trotz gewaltiger Vorbehalte ein Vorbild, denn auch Joseph wollte sein Reich vergrößern und die Einsichten der Aufklärung in seine politischen Ziele und Reformabsichten einfließen lassen. In seiner Regierungszeit wurde in allen seinen Ländern das Rechtssystem überarbeitet, wirtschaftliche Hindernisse versuchte er auszuräumen, er förderte die Schulbildung, setzte Deutsch als Sprache der Behörden durch, reduzierte örtliche Privilegien und regionale Sonderverfassungen. Joseph II. kannte seine Länder und den Versorgungszustand der Bevölkerung, denn er war ausgiebig gereist. Vor allem in der Zeit, als er nach dem Tod seiner Mutter Alleinregent war, stürzte er sich geradezu in die Durchführung von Reformen, ging dabei aber mit einer Geschwindigkeit vor, mit der seine Berater und vor allem Betroffene nicht Schritt halten konnten oder wollten. Auch wenn manche Reformen in den Ländern einen Fortschritt bedeutet hätten, wurden Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 259 sie zu schnell durchgeführt und standen nicht im Einklang mit den Möglichkeiten, die die bestehenden Verhältnisse eröffnet hätten. Einige Länder waren zunächst nicht gegen Reformen eingenommen, man wollte dort aber gewährleistet sehen, dass die Stände ihr Recht behielten, bei der Ausarbeitung der Reformen mitzureden, zu begutachten und zu beraten. Da Joseph II. seine Reformpläne jedoch mit hartnäckiger Kompromisslosigkeit und sogar militärischer Gewalt durchsetzen wollte, führte dies schließlich in den österreichischen Niederlanden zu massiver Gegenwehr und Aufständen und dazu, dass die kaiserlichen Truppen und die Administration verjagt wurden. Die Regierung musste Brüssel im Dezember 1789 räumen, die Provinz war verloren. Allerdings gelang es Leopold II. später, das Land zurückzugewinnen, nachdem er die Reformen aufgehoben hatte. Der Widerstand war nicht gebrochen: In Ungarn war die Lage so verfahren, dass ungarische Kreise seit 1787 Verhandlungen mit Preu- ßen aufnahmen, mit dem Ziel, Joseph II. abzusetzen. Da das Land nah an einem Aufstand war, mussten die Reformen zurückgenommen werden. Gutkas schreibt dazu in seiner Biographie über Joseph II.: „Man darf einen Herrscher des Absolutismus aber nicht ohne seine Mitarbeiter sehen. Als er ihre Interessen zu beschneiden begann, wurde er von ihnen nicht verstanden und allein gelassen, wie von einigen Ministern seiner engsten Umgebung, den ungarischen Adeligen, deren Position er gefährdete, von den Bewohnern von Brabant, als er ihre alten Gewohnheiten ändern wollte. So musste er am Ende seines Lebens glauben, gescheitert zu sein, obwohl er als fanatischer Diener seines Staates selbst Opfer gebracht hatte und allen hatte helfen wollen. Vor allem glaubte er, die Zeichen der Zeit und die Erfordernisse der Zukunft zu verstehen.“ (Gutkas, S. 458) Aber der Kaiser hatte sich isoliert und zurückgezogen. Kaunitz soll gesagt haben, zu sterben sei das Beste, was Joseph in dieser Zeit tun konnte. Kaiser Joseph war zu diesem Zeitpunkt schon schwer an einer fortgeschrittenen Tuberkulose erkrankt. Er starb am 20. Februar 1790. Ähnlich war es auch Georg III., König von Schweden, ergangen, der sich als aufgeklärter Monarch, der er sein wollte, durch zu übereilte und zu drastische Reformen viele Feinde gemacht hatte. Anders als Joseph II., der dieses Schicksal nicht erlitt, wurde Georg III. 1792 auf einem Maskenball von einem oppositionellen Adligen ermordet. Jo- Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 260 hann Friedrich Struensee, der sich als leitender Minister in Dänemark ebenfalls durch seine überstürzt durchgesetzten Reformen Feinde gemacht hatte, war bereits 1772 enthauptet worden. Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 261 Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, | wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, | wenn unerträglich wird die Last – greift er | hinauf getrosten Mutes in den Himmel, | und holt herunter seine ew’gen Rechte, | die droben hangen unveräußerlich | und unzerbrechlich wie die Sterne selbst – | Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, | wo Mensch dem Menschen gegenübersteht – Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr | verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben – [...]“ (Schiller: Wilhelm Tell, Rütli- Szene) Durch übergroße Verschuldung können Staaten in eine bedrohliche Situation der Schwäche geraten. Dies war gewiss auch im 18. Jahrhundert nicht anders als zu früheren und späteren Zeiten, wie Adam Smith 1776 schrieb: „Die Politik der öffentlichen Verschuldung hat nach und nach jeden Staat geschwächt, der sich ihrer bedient hat, und wie es scheint, haben die italienischen Republiken damit begonnen. Spanien hat die Methode offenbar von den italienischen Republiken übernommen und, gemessen an seiner natürlichen Stärke, noch mehr darunter gelitten. Trotz aller natürlichen Hilfsquellen leidet Frankreich unter einer ähnlich drückenden Last. (…) Dort, wo die öffentliche Schuld einmal eine bestimmte Höhe überschritten hat, ist es meines Wissens kaum gelungen, sie auf gerechte Weise und vollständig zurückzuzahlen. Sofern es überhaupt gelang, die Staatsfinanzen wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen, bediente man sich stets dazu des Bankrotts.“ (Smith, S. 802, 803) Seit den Zeiten Ludwigs XIV. war es nicht mehr gelungen, die französischen Staatsfinanzen in Ordnung zu halten. Die Kriege und Hofhaltung seines Nachfolgers, Ludwigs XV., und zuletzt die Kosten für das militärische Eingreifen Ludwigs XVI. in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hatten das Land in eine tiefe Finanzkrise geführt, die nur durch deutlich erhöhte Steuereinnahmen hätte überwunden werden können. Der Verlust der amerikanischen und indischen Gebiete (1763) bedeutete darüber hinaus ein Sinken der Handelseinnahmen des fran- 263 zösischen Staats, was die Haushaltsdefizite noch verschärfte. Adel und Klerus waren nicht bereit, ihre Privilegien aufzugeben und Steuern zu zahlen, und der Dritte Stand – unterstützt von Gruppen des Adels – stellte seinerseits Forderungen nach sozialen Erleichterungen und gesellschaftlicher Anerkennung, denn er hatte an Einfluss und Selbstbewusstsein gewonnen. Nur die Versammlung der Repräsentanten aller Stände könnte in dieser sehr kritischen Situation einen Weg zur Einigung weisen. Es war also ein Zeichen für das Ausmaß des Zerwürfnisses zwischen allen Schichten der Bevölkerung untereinander und dieser mit dem König, dass die obersten Gerichtshöfe – vom Adel dominiert – die Einberufung der Generalstände forderten, die seit 1614 nicht mehr zusammengekommen waren. Anders als das englische Parlament, das sich schon vor einhundert Jahren seine freiheitlichen Rechte gegenüber dem Königshaus erkämpft hatte und stets im Interesse eines starken Englands arbeitete, verweigerte das französische Parlament immer wieder überfällige Neuerungen. Die Revolution begann als Revolte des Adels gegen die vom König geforderten Reformen, der dritte Stand befeuerte die Bewegung. Es war eine Situation, „in der das Vertrauen in die Gerechtigkeit oder Tragbarkeit der herrschenden Regierung schwindet, in der alle Treuepflichten verblassen, Verpflichtungen als Bürde empfunden werden, Recht für Willkür gehalten und Respekt vor der Obrigkeit als eine Art Demütigung empfunden wird. Ansehen scheint unverdient, althergebrachte Formen von Einkommen und Besitz scheinen zu Unrecht erworben zu sein, und die Regierungen scheinen den Regierten so fernzustehen, dass diese meinen, die Regierung vertrete in Wahrheit gar nicht ihre Interessen.“ (Palmer, S. 33) Die Vorgänge in Frankreich hatten eine dramatische Wirkung auf die Höfe in Europa und Russland. „Katharina II. nahm mit Entsetzen die Nachricht von der dem König abverlangten Berufung der Generalstände auf, da sie in den damit einhergehenden Unruhen bereits den Beginn des Bürgerkriegs in Frankreich sah.“ (Donnert, S. 304) Friedrich II. hatte schon am 13. August 1775, ein Jahr nach des Königs Krönung, an Voltaire über Ludwig XVI. geschrieben: „Ihr König hat die besten Absichten, er will das allgemeine Wohl; er hat nichts weiter zu fürchten als die Pesten der Höfe, die versuchen werden, ihn nach und nach zu korrumpieren und zu verderben. Er ist sehr jung; er kennt die Heimtücke nicht und nicht die Finessen, derer die Höflinge sich beflei- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 264 ßigen, um ihn für sich einzunehmen, damit er ihren Absichten, ihrem Hass oder ihrem Ehrgeiz willfährt. Er wuchs in der Schule des Schwachsinns auf; das lässt befürchten, dass es ihm an der Entschiedenheit mangeln wird, von sich aus das anzuzweifeln, was stumpfsinnig anzubeten man ihm beigebracht hat.“ (zitiert aus Pleschinski, S. 518) Friedrich hatte recht: der entschlusslose König wurde dazu gebracht, die Reformen, die sein Großvater (Ludwig XV.) eingeleitet hatte, zurückzunehmen. Das alte reformfeindliche Parlament wurde wiedereingesetzt. Und doch hatte Friedrich II. die Sorge gehabt, dass Marie-Antoinette, wenn sie erst Königin sein und ihre Mutter noch leben würde, die Fäden der französischen Diplomatie in ihre Hände nehmen könnte und sich die Konstellation dreier mächtiger Frauen wiederholen würde, die zur Zeit der Schlesischen Kriege als große Gegnerinnen Friedrichs in Frankreich, Russland und Österreich gewirkt hatten und nun erneut wirken würden. Diese Sorge verflog schnell, denn Marie-Antoinette wollte nur als die „eleganteste, die koketteste, die bestangezogene, verwöhnteste und vor allem die vergnügteste Frau des Hofes bewundert werden.“ (Zweig2, S. 116) Die französische Literatur der Aufklärung hatte sich über fast ein Jahrhundert hinweg gegen die absolutistische Regierungsform des Königs „von Gottes Gnaden“ und die Unterdrückung durch die Kirche gewandt. Locke, Montesquieu, Holbach, Rousseau und Voltaire hatten den gedanklichen Weg zu der Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und einer neuen Staatsform formuliert. Auf Locke und Montesquieu ging die Forderung nach einer Teilung der Gewalten zurück, Voltaire hatte über Menschenrechte, die Abschaffung von Ständeprivilegien und Sklaverei geschrieben, und Rousseau formulierte in seinem „Gesellschaftsvertrag“ die Forderung nach eben einem solchen als Rechtfertigung und Legitimation des Staates gegenüber seinen Bürgern. „Der Despotismus Ludwigs XIV., mit der Fröhlichkeit seines Hofes und mit der Neigung zum Schimmer und zur Prahlerei vereinigt, hatte Frankreich so gedemütigt und zugleich so verblendet, dass das Volk über das Anstaunen seines großen Monarchen alles Gefühl seiner eigenen Würde verloren zu haben schien. Die ganze Regierung Ludwigs XV., die sich durch Schwäche und Ohnmacht auszeichnete, bewirkte keine andere Veränderung, als dass die Nation in eine Art von Schlafsucht stürzte, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 265 aus welcher sich emporzuheben sie keine Neigung verriet. Die einzigen Merkmale, welche der Geist der Freiheit in diesen Perioden blicken ließ, findet man in den Schriften der französischen Philosophen. Montesquieu, Präsident des Parlaments von Bordeaux, ging so weit, wie ein Schriftsteller unter einer despotischen Regierung nur gehen konnte. Voltaire, der sowohl der Schmeichler als der Spötter des Despotismus war, betrat eine andere Bahn. Seine Stärke bestand darin, den Aberglauben, welchen Priesterlist – mit Staatslist vereinigt – mit den Regierungen verwebt hatte, bloßzustellen und lächerlich zu machen. Nicht Reinheit seiner Grundsätze, nicht Menschenliebe – denn Satire und Menschenliebe stehen von Natur aus in keinem Einklange – sondern sein großes Talent, die Torheit in ihrer wahren Gestalt aufzufinden, und sein unwiderstehlicher Hang, sich zur Schau zu stellen, brachte ihn zu diesen Angriffen. Sie waren indessen ebenso fruchtbar, als wären sie aus tugendhaften Bewegungsgründen entstanden, und er verdient mehr den Dank als die Achtung der Menschheit. In Rousseaus Schriften hingegen finden wir ein liebenswürdiges Gefühl für Freiheit, das Ehrfurcht erregt und die Geisteskräfte des Menschen erhebt.“ So beschreibt Thomas Paine (S. 113) die Auswirkungen der Regentschaften Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. auf die Einstellung und Befindlichkeit der Bevölkerung in Frankreich. Unter dem jungen Ludwig XVI. vereinte sich die schwere Finanzkrise mit der Kritik an überkommenen Privilegien und der intellektuellen Vorbereitung auf ein ganz anderes Regierungssystem zur Explosion. Am Beginn jedoch standen die geplanten (und erforderlichen) Steuerforderungen, die, wie schon bei der amerikanischen Revolution, auch hier in den Aufstand führten. Ein entschlussschwacher König, die finanzielle Krise, Reformverlangen, Forderung nach größeren Mitbestimmungsrechten des Bürgertums bildeten die Basis für die Unzufriedenheit im Volk, die akut durch eine schlechte Ernte, Kostensteigerungen und Hunger verschärft wurde. „Eine große Hungersnot wütete in Frankreich. Die Leute verreckten. Die Ernte war schlecht gewesen. Viele Familien bettelten um ihren Lebensunterhalt. Überall wurden Körnertransporte überfallen, Kornspeicher geplündert, Lager ausgeraubt. Es hatte Hungeraufstände in mehreren Städten gegeben.“ (Vuillard, S. 6) Die Privilegien, die sich Klerus und Adel in früheren Zeiten erworben hatten, waren nur noch tradierte Rechte, denen die Leistungen der beiden Stände für die Gesellschaft Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 266 nicht mehr entsprachen. Dieser Widerspruch führte zu wachsender Empörung in der Bevölkerung. Sieyès vertrat die Auffassung, dass nur der Dritte Stand nützliche Tätigkeiten ausübte, dagegen lebten die Privilegierten nur auf Kosten der Gesellschaft. Tocqueville (S. 24) beschreibt die Anmaßungen der Kirche: „Nicht als religiöse Lehre, sondern vielmehr als politische Institution hatte das Christentum diesen wütenden Hass entzündet, nicht weil die Priester sich anmaßten, die Dinge der anderen Welt zu regeln, sondern weil sie Grundeigentümer, Lehnsherren, Zehntherren, Administratoren in dieser Welt waren; nicht weil die Kirche in der neuen Gesellschaft, die man gründen wollte, keinen Platz finden konnte, sondern weil sie damals die am meisten privilegierte und festeste Stelle in der alten Gesellschaft, die in Staub verwandelt werden sollte, einnahm.“ Nachdem die Nationalversammlung per Dekret alle Kirchengüter verstaatlicht und dem Papst alle Rechte genommen hatte, war der Papst der erste der ausländischen Gegner der Revolution, der sich öffentlich äußerte und die Prinzipien der Revolution verurteilte. Die drei Stände (Geistlichkeit, Adel und Bürgerschaft) waren in der Versammlung der Generalstände in jeweils gleicher Zahl ihrer Vertreter präsent. Da diese aus Wahlen hervorgingen, kam es zu einer tiefgreifenden Politisierung in der Bevölkerung, zumal sie dazu aufgerufen wurde, ihren Unmut in Beschwerdebriefen (cahiers de doléances) zum Ausdruck zu bringen und ihren Abgeordneten mit auf den Weg zu geben. Es kam zu Protesten und Streiks, in Paris zu einem Aufstand, dessen militärische Niederschlagung 300 Todesopfer forderte. Hegel sprach in seinen Vorlesungen 1830/31 über die Zeit der Revolution (S. 592): „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist – ein Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird. Der fürchterlich harte Druck, der auf dem Volke lastete, die Verlegenheit der Regierung, dem Hofe die Mittel zur Üppigkeit und zur Verschwendung herbeizutreiben, gaben den ersten Anlass zur Unzufriedenheit. Der neue Geist wurde tätig; der Druck trieb zur Untersuchung. Man sah, dass die im Schweiße des Volkes abgepressten Summen nicht für den Staatszweck verwendet, sondern aufs unsinnigste verschwendet wurden. Das ganze System des Staates erschien als eine Ungerechtigkeit. Die Veränderung Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 267 war notwendig gewaltsam, weil die Umgestaltung nicht von der Regierung vorgenommen wurde. Von der Regierung aber wurde sie nicht vorgenommen, weil der Hof, die Klerisei, der Adel, die Parlamente selbst ihren Besitz der Privilegien weder um der Not noch um des an und für sich seienden Rechtes willen aufgeben wollten. (…) Der Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich mit einem Mal geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt, und die Wirklichkeit nach diesem erbaut.“ Die Forderung der Bürgerschaft, den gleichen Einfluss wie die Privilegierten zu erhalten, wurde verstärkt, als Sieyès die Vertreter des Dritten Standes aufrief, sich als verfassungsgebende Nationalversammlung zu konstituieren, in der sich auch die anderen Stände einfinden sollten. Der König spielte ein doppeltes Spiel. Zwar forderte er Adel und Klerus auf, sich dem Dritten Stand anzuschließen, gleichzeitig aber rief er Truppen nach Paris und Versailles und übergab seinem Bruder, dem Grafen von Artois (ab 1824 König Karl X.), den Oberbefehl. Das Ziel war, die Nationalversammlung zu stürzen. Zu diesem Zweck wurde eine Truppe von etwa 30 000 Mann gebildet, hauptsächlich aus auswärtigen Soldaten, die Artois um Paris zusammenzog. Als diese Truppe nun in Paris einmarschierte, ging ein Schrei durch die Stadt: „zu den Waffen, zu den Waffen.“ Tocqueville, S. 66: „Sie brachten die Nacht damit zu, sich mit allen Waffen zu versehen, die sie verfertigen oder herbeischaffen konnten: Flinten, Degen, Schmiedehämmer, Zimmeräxte, Brecheisen, Stangen, Hellebarden, Ofengabeln, Bratspieße, usw. Die unglaubliche Menge, in welcher sie sich an dem anderen Morgen versammelten, und die noch unglaublichere Entschlossenheit, welche sie zeigten, überraschte ihre Feinde und setzte sie in Erstaunen.“ Rousseau hatte schon um 1750 in der Bastille, diesem gewaltigen Gefängnis und Festungsbau, den Ausdruck der moralischen Selbstzerstörung Frankreichs gesehen. Nun wurde bekannt, dass das einrückende Militär mit Zustimmung des Bürgermeisters der Stadt – der vorgab, auf der Seite der Bürger zu sein und sie doch verriet – die Bastille verstärken sollte. Dies musste auf jeden Fall verhindert werden. (Albrecht, S. 67): Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 268 „Aus dieser Ursache war es notwendig, sie (die Bastille) noch an demselben Tag anzugreifen; allein ehe dies geschehen konnte, musste man sich besser mit Waffen versehen. Nahe der Stadt war ein großes Magazin von Waffen in dem Hospital der Invaliden. Die Bürger forderten es zur Übergabe auf und nahmen es bald ein, weil es sich weder verteidigen ließ noch stark verteidigt wurde. So ausgerüstet rückten sie auf die Bastille los: eine große gemischte Menge von allen Altern und Ständen, mit allen Arten von Gewehren bewaffnet. Die Einbildungskraft würde zu schwach sein, sich einen solchen Zug auszubilden und sich die ängstliche Ungeduld nach dem Ausgange zu malen, den wenige Stunden oder wenige Minuten herbeiführen konnten. Alles war Geheimnis und Gefahr! Dieses Gefängnis, welches noch außerdem der Hochaltar und die Burg des Despotismus war, musste der erste Gegenstand sein.“ (Abb. 30 Bastille) Die Bastille wurde gestürmt und eingenommen. Der König sagte: dies ist ein Aufstand, worauf Rochefoucauld antwortete: nein, Sire, dies ist eine Revolution. Es war der 14. Juli 1789. Sturm auf die BastilleAbb. 30: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 269 Wilhelm von Humboldt, der mit seinem früheren Lehrer Joachim Heinrich Campe nach Paris gekommen war, schrieb an Schiller: „Als die Bürger für ihre Freiheit die Waffen ergriffen, brachen sie auch in das Zeughaus ein und bewaffneten sich daraus. Der größte Teil der Waffen ist also jetzt zerstreut. Es liegt doch etwas Großes in dem Gedanken, dass eben das Schwert, das in Heinrichs IV. Hand gegen Intoleranz und Verfolgungsgeist stritt, jetzt den Despotismus bekämpfte.“ Campe berichtete euphorisch über die Revolutionsereignisse: „Bei meiner Abreise nach Paris sagte ich, ich hoffe noch immer früh genug zu kommen, um dem Leichenbegängnis des französischen Despotismus beizuwohnen, und diese Hoffnung ist nun glücklich in Erfüllung gegangen. Der kühne Stoß, welcher das Herz des Drachens traf und den ich, ohne ein Politiker zu sein, vorherzusagen wagte, war, als ich hier ankam, zwar schon vollführt. Ich fand das Untier bereits in seinem Blute liegen, aber noch ist Leben in seinen hundert Köpfen, noch krümmt und windet er sich im Staub und kann sich noch immer nicht entschließen, die schwarze Seele vollends auszuhauchen.“ Dies war der erste Teil der Revolution. Nun musste die Nationalversammlung eine Verfassung ausarbeiten und verabschieden. Marquis de Lafayette, der am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich intensiv mit der Entstehung der dortigen Verfassung auseinandergesetzt hatte, wollte die Menschenrechtserklärungen einzelner Staaten, besonders die von Virginia, zur Grundlage für eine französische Erklärung machen und erhielt hierbei die Unterstützung durch Thomas Jefferson, der seit 1785 und bis Ende September 1789 Botschafter Amerikas in Paris war. Freiheit, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung wurden als die wesentlichen Grundrechte definiert. Menschenrechte, Gleichheit, verantwortungsvolles Bürgertum und die Souveränität des Volkes, das hatte die Revolution in Amerika gezeigt, waren nicht nur große Ideen und Hoffnungen, jenseits des Meeres waren sie Wirklichkeit geworden. Eine Verfassung sollte die Bürgerrechte auch in Frankreich garantieren. (Winkler2, S. 57) Am 26. August 1789 wurde die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von der Nationalversammlung verabschiedet. Es war die erste Menschenrechtserklärung Europas „Die Vertreter des französischen Volkes, konstituiert als Nationalversammlung, haben in der Erwägung, dass die Unkenntnis, das Vergessen oder die Verachtung der Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 270 Menschenrechte die alleinigen Ursachen des öffentlichen Unglücks und der Verderbtheit der Regierung sind, beschlossen, in einer feierlichen Erklärung die natürlichen, unveräußerlichen und geheiligten Menschenrechte darzulegen; (….) Infolgedessen anerkennt und erklärt die Nationalversammlung in Gegenwart und unter dem Schutz des allerhöchsten Wesens folgende Menschen- und Bürgerrechte.“ Es folgen 17 Artikel, die zum großen Teil von den amerikanischen Rechteerklärungen inspiriert waren und von denen die wesentlichsten hier genannt werden: die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren; die Erhaltung der natürlichen und unverzichtbaren Menschenrechte (Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung) ist das Ziel jeder politischen Vereinigung; die Nation ist der Ursprung aller Souveränität; kein Mensch kann willkürlich angeklagt, verhaftet oder gefangen gehalten werden, dies kann nur auf der Grundlage eines Gesetzes geschehen; niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Natur, belästigt werden; der freie Austausch der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte; in der Verfassung wird die Gewaltenteilung festgelegt. Die Entwicklung in Frankreich wurde in den Nachbarländern zunächst mit Zustimmung, sogar mit Beifall aufgenommen, auch wenn die Berichterstattung über die revolutionären Vorgänge nicht immer wahrheitsgetreu und ausgeglichen war. „In Deutschland wird der Beginn der französischen Revolution mit Wohlwollen, manchmal mit Begeisterung begrüßt. Frankreich, das sich von einer langen Lethargie befreie, der unerträglichen Unterdrückung durch den Hof und die Großen ein Ende setze, erlebe endlich ein geistiges Erwachen und gewinne Anschluss an eine Stufe der Entwicklung, die Deutschland dank der weisen Regierung von Fürsten wie Friedrich dem Großen und Josef II. schon lange erreicht habe.“ (David, S. 63) Campe beklagte die vielen Fehlinformationen, die ins Ausland drangen: „Überhaupt gehen verschiedene ausländische Journalisten und Zeitungsschreiber bei der Beurteilung der großen, für die gesamte Menschheit so überaus wohltätigen Französischen Revolution schon jetzt so unbarmherzig und ungerecht zu Werke, dass man zweifelhaft wird, ob man sie mehr einer vorsätzlichen Unredlichkeit oder einer gänzlichen Unwissenheit in der Geschichte beschuldigen soll. Bald erdichten sie Briefe aus Paris, mit Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten angefüllt, denen doch jeder, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 271 der nur einmal hier gewesen ist, es gleich beim ersten Blick ansehen kann, dass sie absichtlich geschmiedet sind, weil sie von den gröbsten Verstößen gegen das hiesige Lokale wimmeln.“ Leider, aber vorhersehbar, blieb die von der Nationalversammlung angestrebte neue Wirklichkeit – ständische Steuerprivilegien sollten beseitigt werden, ein auf Rechtsgleichheit gestütztes Justizwesen sollte die unveräußerlichen Persönlichkeitsrechte garantieren, nicht mehr tradierte Macht, sondern Recht und Gesetz sollten herrschen – nicht ohne Gegenströmung. Es blieb auch nicht unbemerkt, dass der König mit gegenrevolutionären Kräften sympathisierte und die revolutionäre Neuordnung ablehnte, auch wenn er vorgab, sie zu akzeptieren. Der Konflikt spitze sich so zu, dass der König am 20. Juni 1791 einen Fluchtversuch unternahm, der jedoch scheiterte. Inzwischen hatten sich verschiedene revolutionäre Gruppen herausgebildet, von denen sich einige weiter abspalteten. Die eigentliche Revolution mit ihren großen Absichten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einer Nation, die von einer konstitutionellen Monarchie regiert werden sollte, war bald verlassen. Die sich immer stärker radikalisierenden Kräfte, die durch ungeschicktes Agieren des Königs und seiner ausländischen Sympathisanten noch befeuert wurden, führten zu schrecklichen Ausschweifungen bürgerlicher Willkür. Die Grundfrage war, ob der König abgesetzt und die Revolution fortgesetzt werden, oder ob man die Erfolge der Revolution konsolidieren sollte. In dieser Situation verhielt sich das Königshaus so verzagt und widersprüchlich, dass vor allem Königin Marie-Antoinette, Schwester des österreichischen Kaisers Leopold II., im Verdacht stand, eine österreichische Einflussnahme gegen die revolutionäre Neuordnung in Frankreich zu fördern, zumal österreichische Truppen Aufstände in den österreichischen Niederlanden niedergeschlagen hatten und an der französischen Grenze standen. Tatsächlich kippte die Stimmung im Ausland. Vor allem die Regierenden Häuser machten sich auf, zugunsten des französischen Königs einzugreifen. Zarin Katharina II. unterstützte die Pläne Preußens und Österreichs, gegen Frankreich vorzugehen, denn einmal wollte sie gegen die Revolution einschreiten (lassen), und zweitens würde die Absorption beider Staaten in einem Krieg gegen Frankreich ihr selbst größeren Freiraum gegenüber Polen geben. Dort war es zu Entwicklungen gekommen, die sie ablehnte und die schließ- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 272 lich auf die zweite Teilung 1793 zuliefen. Als Leopold II. und Friedrich Wilhelm II. in Pillnitz (August 1791) erklärten, die Monarchie in Frankreich mit Waffengewalt verteidigen zu wollen, und auch andere deutsche Fürsten die gegenrevolutionären Kräfte unterstützten, kam es zu einer ersten militärischen Auseinandersetzung, die als die „Kanonade von Valmy“ (20. September 1792) in die Geschichte einging. Die revolutionären freiwilligen Truppen siegten, Goethe, der in Begleitung des Herzogs von Weimar angereist war, schrieb: „Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. Noch am Morgen hatte man nichts anderes gedacht als sämtliche Franzosen aufzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig, zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah so war es um zu fluchen, oder zu verwünschen. Wir hatten, eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet werden, die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke, denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: ‹Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.›“ (Goethe4, S. 48) Für die Revolution begann nach diesem Erfolg der Franzosen eine weitere Phase. Der Nationalkonvent als neugewählte französische Volksvertretung beendete am 21. September 1792 die Monarchie und rief die Republik aus. In dieser Republik herrschte der Nationalkonvent, die Gewaltenteilung war abgeschafft, „die Regierung ging in eine republikanische Revolutionsdiktatur über, als der Konvent im April 1793 den Wohlfahrtsausschuss einsetzte.“ (Langewiesche, S. 178) Die Gemäßigten hatten ihren Einfluss längst verloren, sie konnten die Entschlossenheit nicht aufbringen, die erforderlich gewesen wäre, um sich den Radikalen erfolgreich entgegenzustellen. Die radikalen Kräfte trieben das Land in den Terror, denn alle, die man verdächtigte, mit den Gemäßigten in irgendeiner Form zu sympathisieren oder zu kooperieren, wurden umgebracht. Da das Enthaupten mit der Guillotine sehr zeitaufwändig war, kam es zu Massenerschießungen, sogar Ertränkungen von etwa 1800 Menschen in der Loire. Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 273 Ludwig XVI. und die königliche Familie wurden verhaftet und festgesetzt. Am 21. Januar 1793 enthauptete man den König auf der Place de la Concorde, am 16. Oktober Marie-Antoinette (Abb. 31 Enthauptung), (Abb. 32 Marie-A.). Die Revolution wurde nun von den radikalen Kräften unter Danton, Robespierre und Marat bestimmt, die jedoch bald alle selbst ihre Köpfe unter der Guillotine verloren. Marat wurde im Bad ermordet. Das Jahr 1792 sollte als das Jahr 1 gezählt werden, als das Jahr, in dem die Republik ausgerufen worden war. Schon lange vor der Revolution war der Bevölkerung durch Bücher, Pamphlete, zeichnerische Darstellungen und Gerüchte fortwährend ein Bild vom französischen Hof vermittelt worden, das diesen als habgierig, verschwenderisch, degeneriert und sexuell pervertiert darstellte. Im Mittelpunkt dieser Angriffe standen immer wieder Anspielungen auf Ausschweifungen der Königin. Der Kirche erging er nicht anders. Georg Heinrich Sieveking: Enthauptung Ludwigs XVI., Kupferstich aus dem Jahr 1793 Abb 31: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 274 Jacques-Louis David (1748–1825): Marie-Antoinette auf dem Weg zur Guillotine Zarin Katharina II. war sehr besorgt über die Entwicklung in Frankreich, denn der Begriff Freiheit hatte für sie keine positive Bedeutung: „Die Anarchie ist die schlimmste Geißel, besonders wenn sie unter der Maske der Freiheit, dieses die Völker berückenden Luftgebildes, auftritt. Europa wird in Barbarei versunken sein, wenn man nicht eilt, es von der Anarchie zu befreien.“ (Donnert, S. 309) In einem Brief an Friedrich Melchior von Grimm schrieb Katharina II.: „Kommt Frankreich glücklich aus dieser Lage heraus, dann wird es mehr Kraft haben als früher; aber es bedarf eines Mannes, der geschickt, mutig, seinen Zeitgenossen, seinem gesamten Jahrhundert überlegen sein müsste; ist Abb. 32: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 275 er schon da? Wird er bald erscheinen? Alles hängt davon ab.“ (Donnert, S. 314) Katharina hatte gute Geschichtskenntnisse und sie erinnerte gewiss, dass in England nach dem Bürgerkrieg vor fast einhundertfünfzig Jahren der König enthauptet wurde, eine Republik folgte, danach das Land durch eine Militärdiktatur unter Cromwell regiert wurde. Auch Schiller, als tiefer Kenner der Geschichte, äußerte sich ähnlich, wie sein Jugendfreund Friedrich Wilhelm von Hoven berichtet: „Daher sei er fest überzeugt, die Französische Revolution werde ebenso schnell wieder aufhören, als sie entstanden sei, die republikanische Verfassung werde früher oder später in Anarchie übergehen, und das einzige Heil der Nation werde sein, dass ein kräftiger Mann erscheine, er möge herkommen, woher er wolle, der den Sturm beschwöre, wieder Ordnung einführe und den Zügel der Regierung fest in der Hand halte, auch wenn er sich zum unumschränkten Herren nicht nur über Frankreich, sondern auch von einem Teil von dem übrigen Europa machen sollte.“ (Wiese, S. 156) Jena und Weimar, später auch Berlin, waren die intellektuellen Zentren der damaligen Zeit. Zwar hatte man die Französische Revolution zunächst begrüßt, jedoch war man vom Verlauf der Ereignisse zunehmend abgestoßen. Kant aber war anderer Meinung und schrieb im Jahre 1798 zurückblickend: „(…) Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte.“ (Kant4, S. 100) Kant verteidigte die Revolution gegen seine Kritiker. Ihm erschien der Kampf um die großen Ziele: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit selbst dann gerechtfertigt, wenn dieser zu den bekannten, auch von ihm verabscheuten Gräueltaten führte. Die gesellschaftlichen Bewegungen hatten, wie könnte es anders sein, einen großen Einfluss auf die Kunst jener Zeit. Am Ende des 18. Jahrhunderts, auch bereits vor der Revolution, stand in Frankreich die Historienmalerei an erster Stelle der Kunstkritik und der Akademie. Dagegen wurde die Landschaftsmalerei von dieser Seite heftig kritisiert und „sollte nicht existieren.“ (Schultze, S. 28) Beyer, S. 37: „Der 1784 während eines weiteren Romaufenthaltes entstandene Schwur der Horatier (Jacques-Louis David) sollte zum eigentlichen Schlüsselwerk des französischen Klassizismus, ja, der europäischen Malerei des aus- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 276 gehenden 18. Jahrhunderts überhaupt werden.“ Rom und Alba Longa, vertreten durch jeweils drei Söhne der Familien der Horatier und der Curatier, müssen den Kampf um die Vorherrschaft ausfechten. Die drei Horatier Söhne schwören dem Vater, ohne Zögern in den Kampf zu ziehen. Der Vater überreicht ihnen die Schwerter. Rechts im Bild weisen die Frauen auf den tragischen Ausgang der Begegnung hin. Nur ein Horatier überlebt, und dieser tötet seine, einem Curatier verlobte Schwester, als sie dessen Tod beweint. Sie sei nicht patriotisch gesonnen, so der Vorwurf. (Abb. 33 Horatier) Jacques-Louis David: Der Schwur der Horatier 1784 „Der mit Goethe befreundete deutsche Maler Tischbein stand als einer der ersten vor dem Bild im Atelier des Meisters ›und als ich es sah, ergriff mich ein eiskalter Schauer über den Ernst des schwörenden Söhne, indem der Vater ihnen die in die Höhe gehobenen Schwerter übergibt, zu siegen oder zu sterben!‹ (…) Tischbein hat damit ahnungsvoll die Deutung des Bildes durch die Republikaner von 1792/1793 vorweggenommen, die im Abb. 33: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 277 Schwur der Horatier ihre Losung ›Freiheit oder Tod‹ wiedererkannten.“ (Sprigath) Die Hinrichtung Ludwigs XVI. führte zahlreiche Länder wie Preußen, Großbritannien, Spanien, Neapel und Sardinien dazu, gemeinsam mit dem Heiligen Römischen Reich eine militärische Koalition gegen Frankreich einzugehen. Dort begann jetzt die Zeit Napoleons. Napoleon Bonaparte, geboren 1769 in Ajaccio auf Korsika – 1768 hatte Frankreich die Insel von Genua gekauft – betrat das Feld der Geschichte, nahm einen staunenswerten Aufstieg und einen ebenso atemberaubenden Absturz innerhalb von nur fünfzehn oder zwanzig Jahren. In der Zeit der ersten Koalitionskriege (seit 1792), mit dem Italienfeldzug (1796 und 1797) und der Expedition nach Ägypten hatte er sich einen Namen gemacht und war vor allem wegen seiner frühen Erfolge in Italien sehr beliebt bei der französischen Bevölkerung, woran auch die Niederlage der Marine bei der Schlacht gegen Nelson bei Abukir (1798) und die unglücklich abgebrochene Belagerung von Akkon in Syrien nichts änderten. Die Unternehmungen Napoleons im Nahen Osten scheiterten, seine Rückkehr nach Frankreich glich einer Flucht. Dabei hatte er wohl den grandiosen Plan gehabt, von Ägypten aus „einen Angriff auf Indien vorzubereiten, der die britische Macht in ihren Grundfesten erschüttern sollte.“ (Simms, S. 161) Aber Nelson machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Über die Vorgänge in Frankreich hatte sich Napoleon in Ägypten ständig informieren lassen. Nachrichten von dort über ein zerstrittenes Direktorium, Misswirtschaft und wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung beunruhigten ihn und machten ihm gleichzeitig Hoffnung. Das Direktorium hatte ihn bewusst fernhalten wollen, denn sie kannten den Ehrgeiz des jungen Generals. Bonaparte entschloss sich daher, ohne das Direktorium zu informieren nach Frankreich zurückzukehren. „Der einzige, von dem alle wissen, dass er beides in einem wäre, der Säbel und der Kopf, Bonaparte, der Held von Arcole und Rivoli, den haben sie sich aus Angst weit weg vom Hals geschafft, der manövriert jetzt im ägyptischen Wüstensand zwecklos herum. Auf ihn, den meilenfernen, meinen sie, sei nicht zu zählen. Von allen Ministern weiß nur Fouché, damals schon, dass dieser General Bonaparte, den die anderen noch im Schatten der Pyramiden vermuten, gar nicht so meilenfern ist und demnächst in Frankreich landen wird.“ (Stefan Zweig, S. 96) Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 278 Napoleon verließ Ägypten, um in die französische Innenpolitik und den Koalitionskrieg einzugreifen. Zweig (S. 97): „Am 11. Oktober 1799 lässt das Direktorium hastig (den Polizeiminister) Fouché rufen: Unglaubliche Nachricht meldet der Spiegeltelegraph: Bonaparte ist aus Ägypten zurück und in Fréjus gelandet, eigenmächtig, ohne zurückberufen zu sein. Was nun tun? Den General, der ohne Befehl, als Deserteur, seine Armee verließ, sofort verhaften oder ihn höflich empfangen? Fouché, der sich noch überraschter stellt, als die anderen es in Wahrheit sind, rät zur Nachgiebigkeit. Aber während die fünf kopflosen Köpfe im Direktorium noch emsig diskutieren, ob man Bonaparte trotz seiner Fahnenflucht begnadigen oder doch festnehmen solle, hat die Stimme des Volkes längst gesprochen. Avignon, Lyon, Paris empfangen ihn als Triumphator, alle Städte sind illuminiert auf seinem Wege, von der Bühne der Theater wird die Nachricht den aufjubelnden Zuhörern verkündet; nicht ein Untergebener kehrt zurück, sondern ein Herr, eine Großmacht.“ Napoleon machte kurzen Prozess, er setzte Militär gegen das Direktorium ein, das seit einigen Jahren über die Staatsgewalt verfügte, und brachte sich durch diesen Putsch als Erster Konsul an die Staatsspitze. Die Revolution war faktisch beendet. Napoleon war Alleinherrscher und krönte sich 1804 zum Kaiser. Damit endete auch die Republik. Der Friede von Lunéville (1801), der den zweiten Koalitionskrieg beendete, hatte weitreichende Konsequenzen für die innere Verfassung des Heiligen Römischen Reiches, denn Napoleon diktierte die Bedingungen, nach denen das Reich ein Reichsverfassungsrecht aufzusetzen hatte. In Deutschland kam es auf Napoleons Initiative hin zu einer radikalen Neuordnung der politischen Landschaft, in der es zu jener Zeit noch 360 souveräne und über 1500 halbsouveräne Territorien gab, eine große Fülle halbautonomer Gebiete und Städte, einen beklagenswert schlechten Ausbau von Verkehrswegen, aber 1800 Zollschranken. Der Burggraf von Reinbek z. B. gebot über „zwölf Untertanen und einen Juden.“ (Balet, S. 9) Napoleon, der die mittelgroßen Staaten Bayern, Württemberg und Baden gegenüber Preußen und Österreich stärken wollte, machte konsequent Schluss mit der Kleinstaaterei: „Insgesamt wurden 112 rechtsrheinische Reichsstände aufgehoben, darunter 19 Reichsbistümer, 44 Reichsabteien und 41 (von 51) Reichsstädte.“ (Frotscher, S. 85) Kirchliche Territorien und ihre Vermögen wurden weltlicher Herrschaft übertragen, die Reichsunmittelbarkeit von Reichsstän- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 279 den, Reichsstädten und der Reichsritterschaft wurde aufgehoben und weltlichen Reichsfürstentümern zugeschlagen. „Viele Kirchen wurden als nutzlos erklärt, verkauft oder versteigert, oder wenn nicht anders nutzbar, sogar auch abgerissen. Selbst der Wies drohte ein solches Schicksal, doch fanden sich weder Nutzer noch Käufer der Ziegel und des Holzes. Die Kirche des Benediktinerklosters Wessobrunn ging damals trotz des heftigen Widerstandes der ländlichen Bevölkerung verloren, und Kirchen wie die Wies oder Fürstenfeld verdanken ihr Weiterbestehen letztlich nur der Frömmigkeit dortiger Menschen.“ (Harries, S. 295) Franz II. nahm, um seinen Rang nicht zu verlieren, 1804 den Titel eines Kaisers von Österreich an, ahnend, dass das Ende des Heiligen Römischen Reiches gekommen war, was er selbst mit der Niederlegung der Krone am 6. August 1806 besiegelte. Franz II. blieb Kaiser (von Österreich) und König von Böhmen und Ungarn. Kurz zuvor, am 12. Juli 1806, hatten sich die Unterzeichner der Rheinbundakte dazu verpflichtet, sich vom Reich loszusagen. Sie unterstellten sich dem Kaiser der Franzosen. Napoleon aber veränderte die Europakarte weiter. Durch die von ihm erzwungene Auflösung zahlreicher eigenständiger Fürstentümer und das Schaffen größerer Länder wurde eine Voraussetzung für das von Napoleon sicherlich nicht gewünschte Entstehen des Zweiten Deutschen Reichs geschaffen. Preußen hat er, es wäre ihm möglich gewesen, auf Intervention des russischen Zaren Alexander I. nicht vernichtet und doch sein Territorium und seine Einwohnerzahl fast halbiert. Napoleon konnte nicht ahnen, was in Zukunft daraus entstehen würde. Es wäre nicht in seinem Sinn gewesen. Den Nordwesten Deutschlands gliederte er dem französischen Staatsgebiet an, Bayern und Württemberg machte er zu Königreichen, Baden zu einem Großherzogtum. Alle drei Länder hatten ihn in der Schlacht bei Austerlitz mit Truppen unterstützt. Jetzt schloss er diese mit weiteren kleineren politischen Einheiten im mittleren Reichsgebiet zum Rheinbund zusammen. Auch Sachsen trat dem Rheinbund bei, nachdem Napoleon Friedrich August III. im Dezember 1806 zum König Friedrich August I. ernannt hatte. In Italien vereinnahmte Napoleon den Kirchenstaat (den Papst schickte er ins Exil), die dortigen habsburgischen Besitztümer gliederte er seinem Königreich Italien ein. Sein Bruder Joseph wurde König von Neapel, später von Spanien, als Joachim Murat, sein vertrauter General und Schwager, zum König von Neapel ernannt wurde. Louis erhielt das Königreich Holland, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 280 anderen Verwandten übertrug Napoleon die Herrschaft über das Königreich Westphalen, die Fürstentümer Lucca und Piombino, das Großherzogtum Toskana, das Herzogtum Parma. Weitere italienische Gebiete gingen an seine Minister und Marschälle. Preußen nahm er alle Gebiete westlich der Elbe. Aus einem Teil des Besitzes, der mit der zweiten und dritten polnischen Teilung an Preußen gekommen war, schuf Napoleon das Herzogtum Warschau und setzte dort Friedrich August I. von Sachsen als Herzog ein, der damals wegen seines jungen Alters seinem Großvater nicht als König von Polen hatte nachfolgen können. (Abb. 34 Europa 1812) Europa 1812Abb. 34: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 281 Napoleon träumte von dem alten karolingischen Westreich, es sollte ein Reich ohne Grenzen werden, mit einem Rechtssystem und „einer gemeinsamen Währung in einem Europa, in dem man, wie Napoleon es ausdrückte, auf Reisen niemals aufhörte, zu Hause zu sein. (…) Darin war er, wie in vielen anderen Dingen, seiner Zeit weit voraus. Dennoch blickte er unerklärlicherweise zurück, als er sich daran machte, sein neues paneuropäisches System zu errichten, sein neues ›Westreich‹ ähnelte eher einem mittelalterlichen System persönlicher Vasallität.“ (Zamoyski, S. 481) Napoleon gelang es nicht, ein neues Europa aus dem Geist der Aufklärung zu schaffen, eine Art Föderation, wie sie in den USA existierte. Er führte die eroberten Länder dynastisch, setzte überall Familienmitglieder und Begünstigte als Herrscher ein. „Der glänzende Bau seiner Macht beruhte auf einer Autorität, deren Fundamente zum unaufhaltsamen Fortschritt des menschlichen Geistes im Widerspruch standen.“ (Zamoyski, S. 508) Napoleon, der alles wollte, scheinbar alles erreichen konnte, scheiterte, verlor alles und endete elend. Nach der demütigenden Katastrophe des Russlandfeldzugs und der Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig dankte Napoleon ab, wählte sich die Insel Elba als Exil, kam nach zehn Monaten zurück und wurde einhundert Tage später endgültig nahe Waterloo geschlagen. Nach Sankt Helena verbannt, starb er dort am 5. Mai 1821. Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 282 Innovation und Beginnende Industrialisierung Der vierte Schritt zu Englands Größe England war das Land in der Welt, das am besten auf die neue Zeit der Industrialisierung vorbereitet war, in der Maschinen eingesetzt wurden, mit denen hohe Stückzahlen eines immer gleichen Produktes hergestellt werden konnten, um eine entsprechende Nachfrage zu bedienen. Im Zentrum der beginnenden Industrialisierung stand das Schaf. Bereits im 17. Jahrhundert waren die Schafhaltung und die Verarbeitung der Wolle so ausgerichtet gewesen, dass es nur noch eines kleinen innovativen Schritts bedurfte, um zu einer mechanischen Wollwarenproduktion überzugehen. So überraschend einfach es auch klingen mag, eine Grundlage für Englands Aufstieg zur größten Wirtschaftsmacht im 18. Jahrhundert lag zunächst darin, dass dort eine intensive Schafzucht – bald eine industrielle Schafzucht – betrieben und die gewonnene Wolle zur Herstellung von Stoffen verarbeitetet und exportiert wurde. Die Nachfrage war groß, in keinem anderen Gebiet als eben in der Verarbeitung der Wolle gab es einen gleich großen Druck, die Arbeit zu vereinfachen, den Arbeitseinsatz effektiver zu organisieren und kreativ zu sein. Wenn in früheren Jahrhunderten die Technisierung zum Bau von Windmühlen und zur Druckerpresse geführt hatte, wurde jetzt – die Idee lag nahe – die Wollherstellung von der Hand auf die Maschine übertragen, und dies bewirkte einen nicht geplanten, nicht geahnten Aufschwung. Der wirtschaftliche Fortschritt wurde in der Bevölkerung allgemein positiv aufgenommen, begüterte Familien, oft aus dem englischen Adel, begleiteten den Aufschwung mit Investitionen. All dies passte gut zu der stets pragmatischen Herangehensweise und Denkungsart der Engländer. Am Beginn der industriellen Revolution standen also die Wollverarbeitung und die Entwicklung von Maschinen, die unermüdlich und mindestens so zuverlässig arbeiteten wie der Mensch. Durch die Erfindung von Baumwollspinnereimaschinen wurde die mechanische Her- 283 stellungsweise zuerst in der Textilmanufaktur eingesetzt, ständig verbessert und weiterentwickelt. Es entstanden Textilfabriken, die den neuen Webstuhl einsetzten. Zu dem großen Erfolg der mechanischen Spinnerei trug auch bei, dass importierte Baumwolle eingesetzt wurde, denn diese bot festere Fäden. Schon bald machten Textilien mehr als 70% der britischen Exporte aus. (Osterhammel2, S. 51) Auch auf anderen Gebieten, wie in der Metallindustrie, setzte sich die Automatisierung durch, sobald man neue Techniken erfunden hatte. Landes schreibt (S. 209): „Die Metallindustrie verdankte ihre gro- ßen Fortschritte der Ersetzung der Umkehr- durch die Drehbewegung: Von nun an stellte man Bleche her, indem man sie walzte, statt sie zu hämmern; Drähte, indem man Metall auf der Ziehbank durch immer engere Löcher zog; Löcher, indem man sie bohrte, statt sie zu schlagen; und Hobeln und Formen erledigte man nicht mehr mit Meißel und Hammer, sondern mit der Drehbank.“ In den 90er Jahren gingen die ersten Hochöfen in Betrieb. Bereits 1709 hatte Henry Corts mit seiner Erfindung, Steinkohle beim Verhüttungsprozess zu verwenden, die mit der Zeit knapper werdende Holzkohle ersetzt. Mit der Steinkohle wird eine höhere Temperatur erreicht als mit der Holzkohle, was zur Verbesserung der Eisenschmelze und einem höheren Reinheitsgrad führt, wichtig für die Qualität aller Metall- und Eisenprodukte. James Watt beschrieb 1769, wie Wasserdampf in Dampfmaschinen effizienter genutzt werden konnte. Der Einsatz der Dampfmaschinen nahm seither einen großen Aufschwung. In Maschinenfabriken wurden daher bald auch Dampfmaschinen hergestellt, die in verschiedenen Industriezweigen Anwendung fanden und auf deren Basis 1804 die erste Dampflokomotive entstand. Im 18. Jahrhundert war es zu bahnbrechenden Entwicklungen und dem Beginn der Industrialisierung gekommen. Innovationen sorgten auf allen Gebieten für Fortschritt. Und so waren am Ende des 18. Jahrhunderts ohne prophetische Gabe aus den bereits gemachten Erfahrungen viele für die Menschheit wesentliche zukünftige Entwicklungen absehbar, aus dem einfachen Grund, dass eine Nachfrage – ein Markt – bestand: Ein unaufhaltsamer Fortschritt der technischen und schließlich, jedoch deutlich verzögert, auch der medizinischen Wissenschaften, eine verbesserte Nahrungsmittelversorgung, ein schnell wachsender globaler Handel, eine Beschleunigung auf allen Gebieten, Innovation und Beginnende Industrialisierung 284 eine arbeitsteilige industrielle Fertigung, der umfassende Einsatz von Maschinen. Ferner: das Entstehen der Weltmacht USA, das Ende der Isolierung nach außen in Japan und China unter dem Druck der gro- ßen Wirtschaftsnationen, was schließlich auch die Teilnahme dieser Länder am Wettstreit um einen vorderen Platz in der Hierarchie der Weltmächte bedeuten würde. Und vor allem zu nennen: der wachsende Einfluss des Wirtschafts- und Finanzsystems auf die Politik. Mit einem Wort: die Moderne war programmiert worden. Im 18. Jahrhundert waren der automatische Webstuhl, die Dampfmaschine und die Stahlproduktion erfunden, und es waren bereits einige physikalische Grundsätze der Elektrizität beschrieben worden. Nachdem Benjamin Franklin den Blitzableiter entdeckt hatte, nahm die Untersuchung elektrischer Phänomene einen großen Aufschwung. Die systematische Wissenschaft der Elektrizität wurde von Volta (Spannung, Speicherung in Batterien) und Coulomb (Elektrostatik) begründet. Daraus ergaben sich im 19. Jahrhundert weitere technische Erfindungen und Entwicklungen: Ohm (elektrischer Widerstand), Ampère (Stromstärke), Gauß (elektrischer Fluss), Faraday (Elektrodynamik), und Maxwell (Elektromagnetismus), und auf anderen Gebieten: 1807 Dampfschiff, 1826 Schiffsschraube, 1830 Eisenbahnlinie Liverpool-Manchester, 1852 Personenaufzug, 1854 Elektrische Glühlampe, 1859 Auffinden von Erdöl und Erdölbohrungen in den USA, 1864 Schreibmaschine, 1869 das Periodensystem der Elemente, 1867 Dynamit, neue Waffen, wie das Maschinengewehr, das im 19. Jahrhundert immer weiterentwickelt wurde, 1876 Bell’s Telefon, 1876 Viertaktmotor, 1881 elektrische Straßenbahn, 1885 Benzinkraftwagen, 1893 Dieselmotor, 1895 Röntgenstrahlen, 1895 drahtlose Telegraphie, 1903 Motorflugzeug. Adam Smith, der große schottische Wirtschaftswissenschaftler, der feststellte, dass nichts so sehr zum Erfolg einer Volkswirtschaft beiträgt wie die Verwirklichung des eigenen wirtschaftlichen Vorteils, legte 1776 in seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ die theoretischen Grundlagen des Wirtschaftsgeschehens dar: Arbeitsteilung, Geld, Preise, Angebot und Nachfrage, Kapitalgewinn, Bodenrente, Wachstum, Handel, Steuern, Schulden, untermauert durch direkte Beobachtungen. Smith war überzeugt, dass die für Produktion und Handel Verantwortlichen am besten selbst ihre Interessen wahren könnten. Er beklagte, Innovation und Beginnende Industrialisierung 285 dass die Wirtschaftspolitik in Europa durch Beschränkungen des Wettbewerbs in einigen Erwerbszweigen zu bedeutenden Ungleichheiten im Einsatz von Arbeit und Kapital in den einzelnen Wirtschaftszweigen führte. Als sehr wesentlich für die Produktivität erkannte er die Arbeitsteilung, die er als ein äußerst effektives Instrument bei der Warenproduktion beschrieb: „Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist, (…) könnte, selbst wenn er fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen. Aber so, wie die Herstellung von Stecknadeln heute betrieben wird, ist sie nicht nur als Ganzes ein selbständiges Gewerbe. Sie zerfällt vielmehr in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge, die zumindest zur fachlichen Spezialisierung geführt haben. Der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, einer vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift das obere Ende, damit der Kopf aufgesetzt werden kann. Auch die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei getrennte Arbeitsgänge. Das Ansetzen des Kopfes ist eine eigene Tätigkeit, ebenso das Weißglühen der Nadel, ja selbst das Verpacken der Nadeln ist eine Arbeit für sich. Ich selbst habe eine kleine Manufaktur dieser Art gesehen, in der nur 10 Leute beschäftigt waren, so dass einige von ihnen zwei oder drei solcher Arbeiten übernehmen mussten. Zusammen konnten sie am Tag etwa 12 Pfund Stecknadeln anfertigen, wenn sie sich einigermaßen anstrengten. Rechnet man für ein Pfund über 4 000 Stecknadeln mittlerer Größe, so waren die 10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48 000 Nadeln herzustellen, jeder also ungefähr 4 800 Stück.“ Smith erklärt, dass eine solche arbeitsteilige Produktionsweise, die hohe Stückzahlen in kurzer Zeit erbringt, natürlich nur dort sinnvoll ist, wo eine entsprechende Nachfrage besteht, eben in großen Städten, noch besser in solchen, die an Flüssen gelegen sind, die einen zügigen Transport ermöglichen. Auf dem Land dagegen, vor allem in dünn besiedelten Landstrichen, dort, wo kleine Dörfer und schlechte Verbindungswege bestehen, ist eine Arbeitsteilung nicht möglich. „Ein Handwerker auf dem Lande ist fast überall gezwungen, alle Arbeiten anzunehmen, die insoweit einander ähnlich sind, als dabei das gleiche Material verwendet wird. So übernimmt ein Zimmermann im Dorf jede Holzarbeit, ein Schmied alle Eisenarbeiten.“ (Smith, S. 19) Das Prinzip der Arbeitsteilung im industriellen Innovation und Beginnende Industrialisierung 286 Produktionsprozess setzte sich allmählich überall durch und ermöglichte einen großen und nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung. Die Bevölkerung konnte mit großen Stückzahlen aller möglichen Waren zu günstigen Preisen versorgt werden. Smith sah aber auch die Gefahr, die in einer immer wiederkehrenden, monotonen Arbeit liegt und die geistigen Fähigkeiten der Arbeiter verkümmern lässt. Es kommt hinzu, so Smith, dass junge Arbeiter meist ihrerseits aus Arbeiterfamilien stammen, in denen die Eltern einfacher, gleichförmiger Tätigkeit nachgehen und keine Muße haben, sich mit Anregendem zu beschäftigen und kein Wissen, aus dem sie den Kindern Grundkenntnisse vermitteln könnten. Der Staat müsse daher die Schulbildung erleichtern und durchsetzen. (Smith, S. 665) Zu den weiteren Gefahren der industriellen Entwicklung gehörten damals auch die Privatisierung von Gemeindeland, Enteignung von Landbesitz und in vielen Fällen ein Lohn, der nicht zum Leben reichte, während Adam Smith forderte, dass der Lohn höher sein müsse, als nur den Lebensunterhalt garantieren zu können, denn ansonsten wären Familiengründungen kaum möglich. Viele Menschen verloren ihre Selbständigkeit, es entwickelten sich mit der Zeit große Veränderungen von Besitz und Einkommen, die schlimmes Leid mit sich brachten. Ursache und Triebkraft waren wie immer, zu jener Zeit jedoch noch völlig unkontrolliert, Hab- und Profitgier. „Die Zeit der Industrialisierung war eine Zeit des Massenelends und der rücksichtslosen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft: so schrecklich, wie Friedrich Engels sie 1845 in seiner Schrift ›Die Lage der arbeitenden Klasse in England‹ beschrieben hat. Ohne ausgedehnte Kinderarbeit in Bergwerken und Fabriken hätten zahllose Arbeiterfamilien ihr armseliges Leben nicht fristen können.“ (Winkler2, S. 45) Eine Auswanderungswelle war die Folge der ungerechten Bedingungen. Schon damals entstanden Gewerkschaften, die in Großbritannien jedoch 1799 verboten wurden und erst Mitte des 19. Jahrhunderts wiederkehrten. Der Kapitalismus als Finanz- und Wirtschaftssystem, dessen Ziel in der Maximierung von Profit liegt, muss – besonders wenn er global agiert – Gerechtigkeit für die Menschen in der Teilhabe an den Erfolgen schaffen. Dies zu überwachen ist eine Aufgabe der Politik. Denn das eigentliche Ziel muss darin bestehen, das Leben der Vielen stetig zu verbessern. An diesem Ziel misst sich die Legitimität der Politik. Innovation und Beginnende Industrialisierung 287 „Smith stimmt mit anderen schottischen Moralphilosophen überein, die Tugend der Gerechtigkeit als soziale Basistugend zu betrachten und zivilisatorischen Fortschritt wesentlich am Kriterium der Verwirklichung der Gerechtigkeit zu messen.“ (Ottow, S. 325) Während Frankreich im Verlauf des 18. Jahrhunderts mit seinen Armeen in zahlreiche Kriege auf dem europäischen Kontinent, in Indien und Amerika verwickelt war und mit zerrütteten Staatsfinanzen umzugehen hatte, schließlich sich mit der Revolution und ihren innenund außenpolitischen Folgen auseinandersetzen musste und bis 1815 durch die Koalitionskriege weiterhin mit Krieg statt mit Aufbau und Innovation beschäftigt war, investierte England seine Mittel sehr pragmatisch gezielt in den Auf- und Ausbau der Industrie und des weltweiten Handels. England verfügte über eine große Handelsflotte, hatte in Indien über Frankreich gesiegt und mit weiteren eigenen Kolonien und Handelsstützpunkten ein weites Netz von wirtschaftlichen Beziehungen aufgebaut, das nun erweitert und verdichtet wurde. So war England Ende des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Industrienation und die führende Welthandelsmacht geworden. Zu einer erfolgreichen Industrialisierung gehörte neben einem ausgeprägten Modernisierungswillen und leistungsfähigen Arbeitsabläufen vor allem ein starkes Finanzsystem. Schon früh war erkannt worden, dass die Banken der Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft und des Handels sind. London entwickelte sich bald zum einflussreichsten Finanzsektor der damaligen Welt. Mit dem britischen Pfund als wichtigster Währung der Welt steuerte der Finanzplatz London die globalen Geld- und Warenströme. Der vielleicht wichtigste Vorteil Englands aber lag darin, wie die Gelder vermögender Kapitalgeber investiert wurden. Gingen die Gelder auf dem Kontinent vorwiegend in ländliches Grundeigentum und Immobilien, investierte man in England in expandierende Industrieunternehmen. Mit der beginnenden Industrialisierung entwickelte sich ein starker Kapitalismus, der die Dynamik des neuen Wirtschaftens nicht nur verstärkte, sondern zu seinem Erkennungsmerkmal wurde. Jetzt befeuerte der Kapitalismus nicht nur Wirtschaft und Handel, sondern nahm einen bedeutenden Einfluss auf die Wandlung von der Innovation zum Produkt, d. h. unmittelbar auf den Fortschritt. „In der methodischen Hinwendung auf den Fortschritt liegt das spezifisch neuzeitliche Prin- Innovation und Beginnende Industrialisierung 288 zip des Kapitalismus, dessen innere Übereinstimmung mit dem Verfahren der modernen Naturwissenschaften nicht übersehen werden darf. (…) Wirtschaftsform und Naturerkenntnis erweisen darin ihre spezifisch moderne Wendung, dass sie nicht primär nur aktuelle Erkenntnis, direkte Bedürfnisversorgung erstreben, sondern als Antizipationen einer unendlichen Weiterentwicklung die Utopie zukünftiger Möglichkeiten schon in ihrer gegenwärtigen Bauform berücksichtigen. Diese Hereinnahme des Entwicklungsgedankens ist die eigentliche historische Funktion des Kapitalismus.“ (Müller-Armack, S. 43) In der heraufziehenden neuen Zeit sah man vor allem in Deutschland nicht nur die Entwicklungen, die sich günstig auf vermehrten Reichtum und bessere Versorgung einer wachsenden Bevölkerung auswirken würden. Die allgemeine Beschleunigung im Zeichen des Fortschritts und dessen Wirkung auf „das Sittliche“ wurde von Goethe skeptisch gesehen, der an den Berliner Juristen Nicolovius schrieb: „So wenig nun die Dampfwagen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich: die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mensch gesetzt ist.“ (zitiert aus Osten, S. 14) Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität erhöht zwar das Vermögen der Gesellschaft, jedoch verschafft sie den Eigentümern des Kapitals eine übermächtige Überlegenheit gegenüber dem Rest der Bevölkerung, so dass eine gerechte Teilhabe an dem Profit immer wieder erstritten werden muss. „Wo immer sich der Kapitalismus, schon in jener Epoche, massiv durchsetzte, nahm die soziale Ungleichheit zu, wenngleich der Lebensstandard insgesamt stieg.“ (Kocka, S. 75) Rousseau hatte auf die Gefahr einer ganz anderen Form – nicht die der äußeren, sondern der inneren – Abhängigkeit hingewiesen: „Besonders im Vergleich mit den Naturvölkern in den Amerikas, erschien Rousseau die fortschreitende Zivilisation als fortschreitende Entfremdung des Menschen von sich selbst, seiner natürlichen Güte, Bedürfnislosigkeit, Unabhängigkeit und Stärke, oder umgekehrt: als Versklavung des Menschen durch die Erzeugung künstlicher Bedürfnisse und Abhängigkeiten“ (Stollberg2, S. 257) Auch in der Kunst wurde diese Zwiespältigkeit in der Einschätzung der fortschrittlichen Entwicklungen aufgenommen. Zwei Werke Innovation und Beginnende Industrialisierung 289 von Joseph Wright of Derby sollen erwähnt werden: Das Experiment mit der Luftpumpe und Die Schmiede. Beide Bilder können als Kritik, oder auch im Gegensatz dazu als Verherrlichung der neuen Zeit gesehen werden. (Abb. 35 Experiment mit der Luftpumpe), (Abb.36 Die Schmiede) Joseph Wright of Derby: Das Experiment mit der Luftpumpe (1767/1768) Werner Busch, auf dessen Ausführungen über die Gemälde von Joseph Wright of Derby ich mich hier beziehe, vergleicht beide Werke mit Christusdarstellungen, in denen, wie auch in den genannten Werken von Wright, die Lichtquelle aus der Mitte des Raumes erstrahlt. Nur ist es in den Christusdarstellungen Jesus selbst, von dem das Licht ausgeht, im Bild des Experiments mit der Luftpumpe ist es eine Kerze, die das Experiment in den Mittelpunkt stellt. Abb. 35: Innovation und Beginnende Industrialisierung 290 Joseph Wright of Derby: Die Schmiede (1771) In der Schmiede ist es das bearbeitete glühend heiße Eisen. Drückt Wright in beiden Werken die blasphemische Einstellung aus, dass der Fortschrittsglaube an die Stelle der gottgläubigen Frömmigkeit tritt? Denn der Mensch kann Materie verändern oder – im Experiment – ein Nichts, eben das Vakuum entstehen lassen. In dem Glasbehälter, in Abb. 36: Innovation und Beginnende Industrialisierung 291 dem das Vakuum erzeugt wird, befindet sich zum Beweis des erfolgreichen Experiments eine Taube. Der Mensch kann sie sterben lassen und „durch eine winzige Drehung mit den Fingerspitzen“ (Busch, S. 46), durch die neue Luft in den Behälter eingelassen wird, wiederbeleben. Der Mensch ist Herr über Leben und Tod. Die Antwort der Aufklärung auf die möglichen Interpretationen der Bilder von Joseph Wright liegt im Deismus, der Gott als den ursprünglichen Beweger, den Urschöpfer ansieht, der sich nach dem Schöpfungsakt aber zurückgezogen hat. Jetzt liegt die Welt in der Hand des Menschen. Auch dies wird in dem Experiment gezeigt. „Die Beseelung der toten Materie, aus der Gott Adam geformt hat, erfolgt in der bloß angedeuteten Berührung Adams durch die Fingerspitzen Gottes; auf einem der berühmtesten Bilder der Christenheit, auf Michelangelos Fresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle, ist es so dargestellt.“ (Busch, S. 47) In dieser neuen Zeit war der Glaube an Gott erschüttert, an seine Stelle trat das moralische Gesetz als ein höchstes zu achtendes Gut. „Für die Progressiven enthielt die Rede von Säkularisation das Versprechen, die Menschheit könne sich durch Arbeit und Selbstbestimmung von ihrer unwürdigen, religiös bevormundeten Vorgeschichte lösen.“ (Sloterdijk) Mit dem kategorischen Imperativ und dem Hinweis auf die Bedeutung der Pflicht des Menschen verdeutlichten Philosophen, dass gesellschaftliches Chaos und Katastrophe nur durch moralisches Handeln gebändigt werden können. Sie nahmen hierbei, gar nicht einmal paradoxerweise, im Wesentlichen die Grundaussagen des Neuen Testaments auf, denn diese Elemente bleiben gültig, unabhängig vom Schicksal Gottes. Voltaire vertraute auf die Kraft der Wahrheit, und der Mann, den er aus diesem Grund für den bedeutendsten hielt, war Newton, denn „demjenigen, der mit der Kraft der Wahrheit über die Geister herrscht, und nicht denen, die mit Gewalt Sklaven machen, demjenigen, der die Welt kennt, und nicht denen, die sie verunstalten, schulden wir unsere Achtung.“ (Voltaire5, S. 47) So endet dieses Buch, wie es begann, nämlich mit dem Hinweis darauf, dass weltweiter Handel, ein starkes Finanz- und Bankenwesen zwar wesentliche Voraussetzungen für wachsenden Wohlstand in der Welt sind, aber doch erst aus einer freien, gebildeten, gut ausgebildeten Bürgerschaft und immer neuen Erkenntnissen in den Naturwissen- Innovation und Beginnende Industrialisierung 292 schaften, der Forschung in Medizin und Technik und nicht zuletzt, sondern als Vorraussetzung für alles andere, aus einer die Freiheit des Individuums fordernden Philosophie die Kräfte entstehen, die den zivilisatorischen und kulturellen Fortschritt für die Menschen in der Welt bedeuten. Kein anderes Jahrhundert zuvor hat wie das 18. den Nachweis für die Richtigkeit dieser Aussage erbracht. Innovation und Beginnende Industrialisierung 293 Literatur Albrecht, Christoph V.: Geopolitik und Geschichtsphilosophie 1748–1798. Akademie Verlag, Berlin 1998 Alexander, Manfred: Kleine Geschichte Polens. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2005 Al-Khalili, Jim: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011 Aretin, Karl O., von: Russland und die Reichspolitik Kaiser Josephs I.; in: Claus Scharf (Hrsg.) Katharina II, Russland und Europa, Beiträge zur internationalen Forschung. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001 Aurich, Ursula: China im Spiegel der deutschen Literatur, in: Germanische Studien Heft 169. Kraus Reprint, Nendeln/Liechtenstein, 1967 Balet, Leo und E. Gerhard: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert. 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Friedrich II.: Werke4, Band 7: Betrachtungen über den politischen Zustand Europas (1782); Das Politische Testament von 1752; Regierungsformen und Herrscherpflichten Friedrich II.: Werke5, Band 8: Über die deutsche Literatur (1780) Friedrich II.: Briefe6, Hrsg. von Max Hein, Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1914 Friedrich der Große7: Briefe über die Religion. Rudolf Neuwinger (Hrsg.) Nordland Verlag, Berlin Frotscher, Werner und Pieroth, Bodo: Verfassungsgeschichte. C. H. Beck, München 2002 Gainsborough, Thomas: Die moderne Landschaft. Ausstellungskatalog Hamburger Kunsthalle, 2018 Fulcher, James: Kapitalismus. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007 Gall, Joseph: Bismarck Der Weiße Revolutionär. Ullstein Verlag, Frankfurt/M., Berlin, Wien, Propyläen 1980 Gall, Lothar: Wilhelm von Humboldt. Ullstein Verlag, Berlin 2011 Gaxotte, Pierre: Ludwig XIV. Frankreichs Aufstieg in Europa. Ullstein, Frankfurt/M – Berlin 1988 Gebhardt, Armin: Das Phänomen des Rokoko. 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Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1997 Literatur 305 Bildnachweis Cover: “Carte des diverses routes par lesquelles les richesses métalliques refluent d’un continent à l’autre” Carte mondiale, courtesy of David Rumsey Map Collection Abb. 1 Tiepolo: Deckenfresko des Treppenhauses, Residenz Würzburg Von Myriam Thyes – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (Wikimedia Commons, gemeinfrei) Abb. 2 Schloss Sanssouci Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, bpk 70178442 / Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Hilbert Ibbeken) Abb.3 Der Große Nordische Krieg, Ingermanland (Elbarto3232 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0) Abb. 4 Jean-Honoré Fragonard (1732–1806): Die Schaukel (Wallace Collection in London, Open Library: OL6453359A Mit freundlicher Genehmigung Bridgeman Images) Abb. 5 Thomas Gainsborough: Waldlandschaft mit Hütte am See (vor 1782) (Courtesy of Gainsborough's House, Sudbury, Suffolk) Abb. 6 Italien, Ende des 18. Jahrhunderts (1796) (CC BY-SA 3.0) Abb. 7 Cooks Reisen um die Welt (CC BY-SA 3.0) Abb. 8 Steinstatuen Moai auf den Osterinseln, am Rano-Raraku (CC BY-SA 3.0) Abb. 9 Friedrich Georg Weitsch: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo (Wikimedia Commons, gemeinfrei, APPER) Abb. 10 Schloss Tegel, Antikensaal (Digital Sculpture Project, Photograph [postcard]: Horst Urbschat, Deutscher Kunstverlag) Abb. 11 Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff: Schloss Wörlitz (CC BY-SA 3.0) Abb. 12 Andrea Palladio (1508–1580) Villa Rotonda in Vicenza, Ivan Vighetto – own work, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0) Abb. 13 Die Rotunda der Universität von Virginia (Ibn Battuta, Wikimedia Commons) Abb. 14 Die Basilika von Superga auf dem Hügel von Turin (CC BY-SA 4.0) Abb. 15 Das Kloster Melk (CC BY-SA 4.0) 307 Abb. 16 Die Wieskirche, Altarraum (CC BY-SA 3.0) Abb. 17 Pierre-Henri de Valenciennes Rocca di Papa im Nebel (Ölskizze, 1782– 1784) (Musée du Louvre, bpk / RMN – Grand Palais / image RMN-GP) Abb. 18 Nadir Shah auf dem Pfauenthron (mit freundlicher Genehmigung Bridgeman Images) Abb. 19 Das Ottomanische Reich bis 1683 (Atilim Gunes Baydin, Wikimedia Commons) Abb. 20 Kara Mustafa Pascha Befehlshaber der osmanischen Truppen bei der Belagerung Wiens 1683 ((Museum Wien, mit freundlicher Genehmigung; Public Domain, Wikimedia Commons, gemeinfrei) Abb. 21 Die Teilungen Polens (CC BY-SA 3.0) Abb. 22 Tokugawa Ieyasu (1543–1616) (Public Domain, Wikimedia Commons) Abb. 23 Katsushika Hokusai (1760–1849), Sarumaru Dayu (Metropolitain Museum of Art, bpk | RMN H. O. Havemeyer Collection, Bequest of Mrs. H. O. Havemeyer) Abb. 24 Kaiser Qianlong (1736–1796) während seiner ersten Südreise 1751 (Metropolitan Museum of Art, bpk | RMN The Dillon Fund Gift, 1988) Abb. 25 Chin Nung (1687–1764) Junger Mann am Lotusweiher Tusche und Farbe auf Papier – (Scarsdale, N.Y. – Sammlung H. C. Wenig – China, Wikimedia Commons, gemeinfrei) Abb. 26 Tao-chi (1642–1707) Der Wasserfall am Berge Lu (Collection K. Sumitomo; The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei),(Wikimedia Commons, gemeinfrei) Abb. 27 Hua Yen (1682–1756) Herbstszene (1729) (Freer Gallery of Art, Smithonian Institution, Washington, D. C.: Purchase – Charles Lang Freer Endowment, F 1955.20e) Abb. 28 Lo P’ing (1733–1799) Portrait des Freundes (1798) (The Yorck Project, 2002; 10.000 Meisterwerke der Malerei Wikimedia Commons, gemeinfrei)(private collection, Washington D. C.) Abb. 29 George Washington überquert den Delaware nach New Jersey (Ölgemälde von Emanuel Leutze, bpk | RMN Metropolitain Museum of Art, Gift of John Stewart Kennedy, 1897 ) Abb. 30 Sturm auf die Bastille (Jean-Pierre-Laurent-Hoüel – Bibliothèque nationale de France) (Wikimedia, gemeinfrei) Abb. 31 Georg Heinrich Sieveking: Enthauptung Ludwigs XVI., Kupferstich aus dem Jahr 1793 (Public Domain; Wikimedia, gemeinfrei) Abb. 32 Jacques-Louis David (1748–1825): Marie-Antoinette auf dem Weg zur Guillotine (Musée du Louvre, bpk | RMN – Grand Palais | Michèle Bellot) Abb. 33 Jacques-Louis David: Der Schwur der Horatier 1784 (Musée du Louvre, bpk | RMN – Grand Palais | Gérard Blot | Christian Jean) Bildnachweis 308 Abb. 34 Europa 1812 (CC BY-SA 4.0) Abb. 35 Joseph Wright of Derby: Das Experiment mit der Luftpumpe (1767/1768) (Courtesy of The National Gallery, Picture Library, London; PLW12378) Abb. 36 Joseph Wright of Derby: Die Schmiede (1771) (Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection) Leider war es nicht in allen Fällen möglich, die Inhaber der Bildrechte zu ermitteln. Der Autor ist selbstverständlich bereit, berechtigte Ansprüche abzugelten. Wikimedia Commons danke ich für die Großzügigkeit, mit der Bildrechte gemeinfrei zur Verfügung gestellt werden. Bildnachweis 309 Danksagung Mein besonderer Dank für wesentliche Hinweise geht an Günter Stock und Ernst-Heinrich Bernewitz und für zahlreiche anregende Gespräche an Anke, Christine, Friedrich, Henning, Hubertus, Karl Johann, Moritz, Philipp, Sigrid. Frau V. Jahnke und Frau T. Kuhn vom Tectum Verlag danke ich sehr für die geduldige Unterstützung bei dem Erstellen der verschiedenen Umbrüche. Die Wikimedia Datenbank war sehr nützlich bei der Zusammenstellung zahlreicher Daten. 311 Personenregister Adams, John (1735-1826) 75, 241, 246 Ahmed III., Sultan (1573-1736) 73, 168 Alembert, Jean-Baptiste de (1717-1783) 108, 185, 239 Alexander I. (1777-1825) 280 Alexey Petrowitsch, Russland (1690-1718) 33 Anjou, Philipp von (1683-1746) (siehe Philipp V. von Spanien) Anna Iwanowna, Russland (1693-1740) 74, 77 Anna von Österreich (1601-1666) 9 Anne, Königin von England (1665-1714) 5, 71 Argens, Jean-Baptiste Marquis de (1703-1771) 100, 102, 216 Artois, Graf von (siehe König Karl X. von Frankreich) 268 Atatürk, Mustafa Kemal (1881-1938) 178 August II. (der Starke) (1670-1733) 15, 35, 37, 61, 65, 66, 68–70, 73 August III. (1696-1763) 65–67, 69, 70, 73, 79, 82, 179 Aurangzeb, Kaiser von Indien (1618-1707) 26, 196 Bach, Carl Philipp Emanuel (1714-1788) 152 Bach, Johann Sebastian (1685-1750) 152, 154 Banks, Joseph (1742-1820) 114, 126 Báthory, Stephan (1533-1586) 31 Baudin, Nicolas (1754-1803) 128, 131–133 Beethoven, Ludwig van (1770-1827) 28, 154 Bellotto, Bernardo gen. Canaletto (1721-1780) 150 Bismarck, Otto von (1815-1898) 231 Bligh, William (1754-1817) 126 Boccherini, Luigi (1743-1805 154 Boleyn, Anne (1501-1536) 1, 20 Bonpland, Aimé (1773-1858) 128–131, 133 Bossi, Antonio Giuseppe (1699-1764) 16 Böttger, Johann Friedrich (1682-1719) 68 Bougainville, Louis-Antoine de (1729-1811) 110, 112, 122, 128 Brühl, Heinrich Graf von (1700-1763) 67, 70, 179 Büring, Gottfried (1723-1788) 102 Burke, Edmund (1729-1797) 9, 182, 235 Calvin, Johannes (1509-1564) 2, 3, 7, 10, 13, 17 Campe, Joachim (1746-1818) 134, 270, 271 Canal, Antonio (1697-1768) 150 Catt, Henri de (1725-1795) 99 Cavendish, Henry (1731-1810) 110, 155 Chodowiecki, Daniel (1726-1801) 69, 126 Clive, Robert (1725-1774) 196 Colbert, Jean-Baptiste (1619-1683) 11 Columbus, Christoph (1451-1506) 12, 194 Cook, James (1728-1779) 25, 109, 112, 114, 115, 117–119, 121, 122, 124–126, 134 Corneille, Pierre (1606-1684) 9 Correggio, Antonio da (1489-1534) 102 Corts, Henry (1740-1800) 109, 284 Cromwell, Oliver (1599-1658) 6, 29, 276 Dai Zhen (1724-1777) 209 Danton, Georges Jacques (1759-1794) 274 Daun, Leopold Joseph (1705-1766) 102 David, Jacques-Louis (1748-1825) 275–277 Dessalines, Jean-Jacques (1758-1806) 251 Diderot, Denis (1713-1784) 108, 109, 113, 134, 176, 185, 237 Dolomieu, Déodat Guy de (1750-1801) 128 Drake, Francis (1540-1596) 20, 112 Dschingis Khan (1162-1227) 158 Elisabeth I., England (1533-1603) 20, 195 Elisabeth von Habsburg (1436-1492) 21 Elisabeth, Zarin (1709-1762) 74, 77, 98, 103, 105 Eugen, Prinz von Savoyen (1663-1736) 37, 42, 46, 49, 50, 78, 147, 164–168 Farnese, Elisabeth von Parma (1692-1766) 59, 61, 62 Ferdinand VI., Spanien (1713-1759) 59, 75 Ferdinand von Braunschweig (1721-1792) 104 Fichte, Johann Gottlieb (1762-1814) 137, 138, 140, 237 313 Finckenstein, Karl Wilhelm Graf von (1714-1800) 101 Forster, Georg (1754-1794) 112–114, 116, 117, 121, 123, 126 Fouché, Joseph (1759-1820) 278, 279 Fragonard, Jean-Honoré (1732-1806) 28, 54–56 Franklin, Benjamin (1706-1790) 110, 155, 237, 240, 241, 243, 248, 285 Franz I., Kaiser, (siehe Franz Stephan von Lothringen) 61, 62, 66, 72, 80, 82, 179 Franz II., Kaiser (1768-1835) 27, 72, 280 Franz Stephan von Lothringen, (siehe Franz I.) Friedrich August III. (I.), Sachsen (1750-1827) 70, 179, 280, 281 Friedrich Christian, Sachsen (1722-1763) 70, 179 Friedrich I. (III., Kurfürst), Preußen (1657-1713) 8, 15, 27, 49, 70, 77, 78, 180 Friedrich II., Preußen (1712-1786) 8, 27–29, 41, 68–70, 74, 77–80, 83, 84, 87, 88, 97–103, 105, 148, 152, 153, 169–171, 173–175, 179, 180, 185, 216, 221, 222, 237, 239, 243, 255–259, 264, 265, 273 Friedrich IV., Dänemark-Norwegen (1671-1730) 34, 71 Friedrich von Hessen-Kassel, König von Schweden (1676-1751) 38, 74 Friedrich Wilhelm I., Preußen (1688-1740) 8, 27, 70, 77, 216 Friedrich Wilhelm II., Preußen (1744-1797) 70, 135, 175, 259 Friedrich Wilhelm III., Preußen (1770-1840) 259 Gage, Thomas (1718-1787) 235, 239 Gainsborough, Thomas (1727-1788) 28, 56, 57 Galvani, Luigi (1737-1798) 110, 127 Gama, Vasco da (1469-1524) 194 Georg I., England, Georg Ludwig (1660-1727) 15, 49, 71 Georg II., England, Georg August (1683-1760) 71, 78, 98 Georg III., England (1738-1820) 71, 103, 234, 238, 241, 244, 260 Giordano, Luca (1634-1705) 102 Gluck, Christoph Willibald (1756-1787) 153 Goethe, Wolfgang von (1749-1832) 28, 85, 87, 88, 91, 95, 97, 101, 109, 137, 138, 172, 185, 188, 190, 191, 237, 247, 248, 273, 289 Goya, Francisco de (1746-1828) 151 Gustav II. Adolf (1594-1632) 74 Haider Ali (1721-1782) 196 Halley, Edmond (1656-1742) 124 Hamilton, Alexander (1757-1804) 237, 245, 246 Händel, Georg Friedrich (1685-1759) 152 Hardenberg, Karl August Fürst von (1750-1822) 139 Haydn, Joseph (1732-1809) 154 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770-1831) 267 Heinrich IV., Frankreich (1553-1610) 8, 12, 270 Heinrich VIII., England (1491-1547) 1, 20 Heinrich, Prinz von Preußen (1726-1802) 103, 104, 169, 180, 181, 258 Herder, Johann Gottfried (1744-1803) 138, 185, 188, 189, 237, 252 Hobbes, Thomas (1588-1679) 7 Hodges, William (1744-1794) 126 Hogarth, William (1697-1764) 56 Hokusai, Katsushika (1760-1849) 202, 203 Holbach, Paul-Henri Thiry de (1723-1789) 87, 89–91, 93, 108, 185, 221–224, 226, 265 Hufeland, Christoph Wilhelm (1762-1836) 138 Humboldt, Alexander von (1769-1859) 125–127, 131, 134, 138, 140, 142 Humboldt, Wilhelm von (1767-1835) 134, 139, 141, 270 Iwan IV., Russland (1530-1584) 31 Jacquin, Nikolaus Joseph von (1727-1817) 128 Jagiello von Litauen-Polen (1351-1434) 20 Jahangir (1569-1627) 195 Jakob I., England (1566-1625) 15 Jakob II., England (1633-1701) 2, 6 Jefferson, Thomas (1743-1826) 28, 75, 133, 144, 177, 221, 222, 225, 227, 228, 236, 242, 245, 246, 270 Johann III. Sobieski, Polen (1629-1696) 65 Joseph I., Kaiser (1678-1711) 37, 51, 66, 72, 79, 167 Joseph II., Kaiser (1741-1790) 27, 72, 174, 179, 180, 255–257, 259, 260 Kangxi, Kaiser (1654-1722) 71, 208, 209 314 Kant, Immanuel (1724-1804) 28, 87, 88, 92–94, 109, 177, 186, 193, 221, 230, 237, 276 Kara Mustafa Pascha (1634-1683) 165 Karim Khan (1705-1779) 72, 160 Karl Albrecht von Bayern, Karl VII. (1697-1745) 79, 80 Karl I., England (1630-1649) 1, 6 Karl II. (August Christian) Zweibrücken (1746-1795) 257, 258 Karl II. (Theodor) Bayern (1724-1799) 153, 255, 257–259 Karl II., England (1630-1685) 6, 257 Karl II., Spanien (1661-1700) 47–49 Karl III., Spanien (Karl von Bourbon, König beider Sizilien) (1716-1788) 51, 75, 146 Karl IV. Pfalz Sulzbach, Jülich-Berg (siehe Karl II. Theodor) Karl IV., Spanien (1748-1819) 59, 75 Karl V., Kaiser (1500-1558) 12, 19, 47, 51, 187 Karl VI., Kaiser (Karl III., Barcelona) (1685-1740) 51, 52, 72, 77, 80, 167, 169 Karl VII., Kaiser (1697-1745) 72, 79, 80 Karl X., Frankreich (1757-1836) 6, 268 Karl XI., Schweden (1655-1697) 41 Karl XII., Schweden (1682-1718) 30, 32, 34, 35, 37, 38, 41–43, 45–47, 65, 74, 167 Katharina II., Zarin (1729-1796) 27–29, 70, 74, 166, 169–176, 179–183, 237, 255, 256, 264, 272, 275, 276 Katharina von Aragon (1485-1536) 1 Kaunitz-Rietberg, Wenzel A. von (1711-1794) 97, 98, 171, 255, 260 Kepler, Johannes (1571-1630) 22 Kleist, Heinrich von (1777-1811) 251 Knebel, Karl Ludwig von (1744-1834) 138 Konfuzius (551-479 v. Chr.) 214–216 La Fontaine, Jean de (1621-1695) 9 Lafayette, Marie-Joseph Marquis de (1757-1834) 9, 237, 270 Lavoisier, Antoine Laurent de (1743-1794) 110, 155 Le Nôtre, André (1613-1700) 56 Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646-1716) 10, 23, 85, 87–90, 185, 187, 215 Leopold I. Kaiser (1640-1705) 47, 72, 77, 166, 167 Leopold II., Kaiser (1747-1792) 27, 72, 176, 260, 272, 273 Leopold III., Anhalt-Dessau (1740-1817) 143 Lessing, Gotthold Ephraim (1729-1781) 87, 88, 92, 109, 190, 221, 222, 228, 237 Leszczyński, Stanislaus I. (1677-1766) 35, 37, 61, 62, 66, 82 Linné, Carl von (1707-1787) 109, 155 Locke, John (1632-1704) 2, 3, 26, 28, 177, 186, 221, 222, 224, 227, 229, 265 Ludwig I., Spanien (1707-1724) 59, 75 Ludwig XIII., Frankreich (1601-1643) 7 Ludwig XIV., Frankreich (1638-1715) 2, 3, 7–12, 19, 25, 26, 30, 47–50, 53, 71, 109, 164–166, 188, 209, 263, 265, 266 Ludwig XV., Frankreich (1710-1774) 61, 66, 71, 263, 265, 266 Ludwig XVI., Frankreich (1754-1793) 6, 71, 113, 174, 263, 264, 266, 274, 278 Ludwig XVIII., Frankreich (1755-1824) 6 Luther, Martin (1483-1546) 185, 186 Madison, James (1751-1836) 237 Magellan, Ferdinand (1480-1521) 112, 122 Mancini, Olympia (1638-1708) 164 Maria II. von England (1662-1694) 2 Maria Josepha (1699-1757) 66, 79 Maria Theresia (1717-1780) 52, 61, 66, 72, 77, 79–81, 97, 99, 173, 179, 181, 255, 256 Maria von Modena (1658-1718) 2 Marie-Antoinette (1755-1793) 54, 265, 272, 274, 275 Marlborough, Jean-Churchill (1650-1722) 37, 42, 49, 51 Marx, Karl (1818-1883) 6, 33, 95 Maximilian I. Joseph, König von Bayern (1756-1825) 259 Maximilian II. Emanuel, Kurfürst von Bayern (1662-1726) 47, 49, 52 Maximilian III. Joseph, Kurfürst Bayern (1727-1777) 81, 255 Maximilian IV., Kurfürst (siehe Maximiian I.) Mazarin, Jules (1602-1661) 9, 164 Molière, Jean-Baptiste (1622-1673) 9 Montesquieu, Charles-Louis (1689-1755) 3, 28, 109, 176, 177, 185, 197, 216, 221, 222, 229, 237, 265, 266 Mozart, Wolfgang Amadeus (1756-1791) 28, 154, 237 Mustafa III., Sultan (1717-1774) 73, 169 Mutsuhito, Tenno, Meiji (1852-1912) 205 315 Nadir Shah (1688-1747) 72, 158, 159, 168, 196 Napoleon (1769-1821) 5, 6, 15, 25, 26, 28, 29, 64, 70, 71, 83, 105, 134, 139, 167, 237, 241, 259, 263, 278–282 Nelson, Horatio (1758-1805) 278 Neumann, Balthasar (1687-1753) 16, 31 Newton, Isaac (1643-1727) 22, 23, 28, 29, 130, 292 Nicolovius, Georg Heinrich (1767-1839) 139, 140, 289 Okitsugu, Tanuma (1719-1788) 204 Orléans, Louis-Philippe von (1773-1850) 6 Paine, Thomas (1737-1809) 266 Palladio, Andrea (1508-1580) 144, 145 Pestalozzi, Johann Heinrich (1746-1827) 139, 140 Peter I., Russland (1672-1725) 27, 29, 32, 37, 74, 81 Peter III., Russland (1728-1762) 74, 103 Philipp II., Spanien (1527-1598) 17, 19, 20 Philipp III., Spanien (1578-1621) 47 Philipp IV., Spanien (1605-1665) 47, 48 Philipp V., Spanien (1683-1746) 48–52, 59, 75, 81 Pictet, Marc-Auguste (1752-1825) 128 Pitt d. Ä., William (1708-1778) 103 Plutarch (45-125) 22 Polignac, Melchior de (1661-1742) 84 Polo, Marco (1254-1324) 194 Poniatowski, Stanislaus (1732-1798) 70, 73, 179 Pöppelmann, Daniel (1662-1736) 69 Qianlong, Kaiser (1711-1799) 71, 208, 209, 218 Quantz, Johann Joachim (1697-1773) 153 Racine, Jean (1639-1699) 9 Reynolds, Joshua (1723-1792) 56 Richelieu, Armand-Jean, Duc de (1585-1642) 7 Robespierre, Maximilien de (1758-1794) 237, 274 Romano, Giuliano (1499-1546) 102 Rousseau, Jean-Jacques (1712-1778) 87, 88, 93, 108, 109, 113, 185, 216, 221–224, 226, 229, 252, 265, 268, 289 Rumjanzow, Peter Alexander (1725-1796) 172 Saltykow, Pjotr Semjonowitsch (1698-1773) 102 Scharnhorst, Gerhard von (1755-1813) 259 Scheele, Karl Wilhelm (1742-1786) 110, 155 Schiller, Friedrich von (1759-1805) 28, 136–139, 141, 185, 189, 191, 192, 270, 276 Schinkel, Karl Friedrich (1781-1841) 69 Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (1768-1834) 140 Schubert, Franz (1797-1828) 154 Schulenburg Friedrich Wilhelm Graf v. d. (1742-1815) 243 Schwerin, Kurt Christoph Graf von (1684-1757) 99 Seleukos I. (um 358-281 v. Chr.) 157 Seleukos von Seleukia (190-150 v. Chr.) 22 Seydlitz, Friedrich Wilhelm von (1721-177) 104 Shaftesbury, Anthony (1671-1713) 2, 3 Sieyès, Emmanuel Joseph (1748-1836) 267, 268 Smith, Adam (1723-1790) 8, 109, 177, 186, 263, 285–287 Sofia Alexejewna (1657-1704) 31 Sorai Ogyū (1666-1728) 203, 204 Stamitz, Johann (1717-1757) 153 Stein, Karl Frhr. vom und zum (1757-1831) 259 Struensee (1737-1772) 261 Stuart, Anne (1665-1714) 5, 71 Tahmasp II. (1704-1740) 158 Telemann, Georg Philipp (1681-1767) 152 Thomasius, Christian (1655-1728) 185, 187, 228 Tiepolo, Giovanni Battista (1696-1770) 16, 17 Timur Link (1336-1405) 158 Tipu Sultan (1750-1799) 196 Tokugawa Ieharu, Shōgun (1737-1786) 73, 204 Tokugawa Ieyasu, Shōgun (1543-1616) 199, 200 Tournon, Charles Thomas Maillard de (1668-1710) 216 Townshend, Charles (1725-1767) 234 Tschirnhaus, Ehrenfried W. von (1651-1708) 69 Ulrika Eleonore, Schweden (1688-1741) 38, 74, 181 Ulrike Eleonore, Dänemark (1656-1693) 41 Valenciennes, Pierre-Henri de (1750-1819) 150, 151 Vasco da Gama (um 1469-1524) 194 316 Viktor Amadeus II., Savoyen (1726-1796) 49, 52, 61, 146 Voltaire, François-Marie Arouet (1694-1778) 28, 41–46, 83, 87, 88, 90, 100, 108, 109, 169–171, 173, 176, 177, 185, 189, 215, 221, 222, 225, 252, 264–266, 292 Washington, George (1732-1799) 28, 29, 75, 235, 236, 238–240, 242, 244–246 Watt, James (1736-1819) 110, 284 Watteau, Antoine (1684-1721) 55, 102 Wieland, Christoph Martin (1733-1813) 138 Wilhelm von Oranien (Wilhelm III.), England (1650-1702) 2, 3, 6, 11, 19 Wilhelmine von Bayreuth (1709-1758) 84 Winckelmann, Johann Joachim (1717-1768) 84, 109, 143 Wolff, Christian (1769-1754) 215 Wöllner, Johann Christoph von (1732-1800) 259 Wright of Derby, Joseph (1734-1797) 290, 291 Yongzheng, Kaiser (1678-1735) 71, 208 Zarathustra (um 500 v. Chr.) 157 317 Ortsregister Aachen 63, 82 Abukir 278 Adrianopel 171 Afghanistan 159–161 Afrika 50, 52, 107, 128, 195, 242, 251–253 Ägypten 85, 161, 177, 178, 278, 279 Ajaccio 278 Akkon 278 Albanien 168 Altranstädt 35 Amerika 4, 12–14, 20, 25, 28, 49, 79, 83, 98, 101, 105, 111, 121, 144, 193, 205, 233–235, 238, 240–249, 251, 270, 288 Amsterdam 4, 14, 17, 197 Anatolien 161 Ankara 178 Argentinien 252 Aserbaidschan 161 Asow 81, 83, 166, 173 Auerstedt 139, 259 Austerlitz 280 Australien 109, 243 Avignon 279 Baden 51, 81, 258, 279, 280 Balkan 166, 168 Baltikum 32, 38 Barcelona 50, 51, 111 Batavia 197 Bayern 15, 47–49, 52, 67, 69, 79–81, 146, 153, 174, 255, 257, 259, 279, 280 Belgien 25, 51 Belgrad 78, 82, 166–168, 176 Bengalen 196, 197 Berlin 69, 79, 82, 102, 103, 110, 125, 126, 140, 146, 276 Bogotá 132 Böhmen 21, 77, 80, 98, 280 Bolivien 252 Bosnien 82, 168 Boston 111, 234, 238 Brabant 260 Brandenburg 15, 34, 49, 70, 77, 78, 103, 111, 180, 256, 257 Brasilien 131 Braunschweig 15, 78, 98, 99, 104, 258, 273 Breisach 53 Bremen 28, 34, 38 Breslau 82, 100, 101 Brieg 78 Brody 68 Brüssel 111, 260 Buda 163 Bulgarien 161 Burgund 258 Burma 218 Byzanz (siehe Konstantinopel) Campo Formio 83 Cap Verde 114 Cape Cod 13 Celle 34 Ceylon 242 Cherson 173 Chesapeake Bay 240 Chimborazo 131, 133 China 18, 24, 25, 71, 85, 107, 194–197, 201, 207, 209, 210, 214–219, 249, 285 Cleve 99 Connecticut 14 Costa Rica 131 Cumaná 129, 130 Dänemark 34, 38, 41, 42, 71, 217, 261 Danzig 113, 182, 257 Delaware 238, 239 Delhi 159, 242 Deutschland 7–9, 14, 16, 25, 38, 53, 124, 134, 143, 146, 153, 182, 185–189, 231, 237, 240, 247, 257, 271, 279, 289 Dresden 15, 69, 70, 80, 82, 126, 143, 146 Düna 35, 43, 44 Edo 199, 202 Elba 62, 82, 282 Elsass 53 Emden 243 England 1–7, 10, 11, 13, 19, 20, 24–26, 28, 30, 31, 33, 34, 38, 47–53, 56, 59, 63, 71, 79–82, 98, 99, 101, 103–105, 108, 111–113, 126, 143, 164, 175, 186, 187, 195–197, 205, 209, 217, 219, 233–240, 242, 243, 246, 247, 276, 283, 287, 288 Estland 34 Europa 8–13, 19, 21, 24, 29, 30, 33, 39, 45, 49, 51, 63, 80, 83, 85, 99, 104, 109, 119, 319 121, 123, 126, 133, 141, 146, 162, 170, 173, 174, 176, 177, 183, 187, 188, 194, 209, 214, 215, 217, 218, 233, 237, 240, 241, 247, 263, 264, 275, 276, 281, 282, 286 Finnland 28, 34, 38 Florenz 150, 187 Florida 12, 83, 104, 105, 233, 241 Fontainebleau 104 Franche-Comté 53 Frankreich 3–12, 14, 16, 19, 21, 24–26, 28, 37–39, 48–53, 56, 60–63, 65–67, 71, 78–80, 82, 97–99, 101, 103–105, 108, 111, 113, 124, 135, 136, 146, 148, 153, 164, 169, 174–176, 179, 182, 185–188, 191, 195, 196, 205, 209, 217, 218, 233, 237, 239–241, 243, 245, 251, 252, 255, 258, 263–266, 271–273, 275, 276, 278, 288 Frederikshald 45 Freiberg 104, 126, 127, 140 Freiburg 53 Fréjus 279 Füssen 81 Genf 108, 170 Gent 243 Genua 163, 278 Georgia 240, 244 Gibraltar 52, 59, 63, 81, 82, 241 Glatz 97 Glogau 78 Griechenland 161, 168, 171, 178 Groß-Jägersdorf 99 Großbritannien (siehe England) Grünberg-Krossen 67 Guayaquil 133 Haiti 26, 251 Halle 99, 215, 216 Hamburg 126, 187 Hannover 15, 34, 38, 49, 71, 78, 98, 255, 258 Havanna 133 Hessen 34, 38, 74, 98, 146, 258 Hirado 201 Hochkirch 101 Höchstädt 49 Hohenfriedberg 80 Holland 2, 9, 11, 14, 17–20, 24, 26, 27, 33, 34, 38, 39, 47, 56, 60, 80, 112, 122, 124, 194, 195, 197, 200, 201, 217, 228, 240, 242, 243, 251, 252, 257, 280 Holstein 34, 42, 43, 71, 74, 103 Hudson Bay 52, 124 Indien 12, 18, 26, 79, 82, 85, 98, 101, 104, 159, 173, 175, 176, 194–196, 201, 218, 233, 242, 251, 278, 288 Ingermanland 32, 34–36, 38 Irak 161 Iran 26, 27, 72, 85, 107, 157–161, 168 Irland 2, 5, 78 Isfahan 158 Istanbul (siehe Konstantinopel) Italien 9, 39, 49, 50, 56, 59, 60, 62, 63, 66, 69, 148, 153, 168, 187, 278, 280 Jägerndorf 78 Jakarta 197 Japan 27, 85, 125, 194, 196, 197, 199, 201, 204, 205, 285 Jassy 83, 176 Jena 127, 138–140, 259, 276 Jerusalem 157 Kahlenberg 165 Kanada 104, 105, 195, 233, 241–243 Kanton 197, 218 Kap der Guten Hoffnung 115, 133 Karelien 34, 38 Karlowitz 65, 166, 167 Kassel 34, 38, 74, 98, 104, 146 Kesselsdorf 80 Kirchenstaat 166, 280 Kolin 99 Königsberg 15, 180 Konstantinopel 31, 81, 163, 166, 170, 180 Kopenhagen 34, 43, 111 Korsika 278 Krakau 21, 65 Krim 27, 83, 162, 173, 175 Kroatien 161 Kuba 129, 131 Kunersdorf 101 Küçük Kaynarca 172 Kyoto 199, 201 Ladogasee 35 Leipzig 68, 100, 110, 152, 282 Lepanto 20, 164 Leuthen 100 Liegnitz 78, 101, 103 Lima 131–133 Lissabon 85, 87, 111 Livland 34, 43, 65 Lobositz 99 Lombardei 52 London 2, 30, 37, 56, 110, 113, 124, 126, 175, 187, 197, 202, 234, 249, 288 Long Island 238 Lothringen 11, 61, 62, 66, 80, 82, 165 320 Louisiana 12, 104, 105, 233, 241 Lucca 281 Ludwigsburg 69 Lunéville 279 Luxemburg 11, 25, 51 Lyon 279 Madeira 114 Madrid 51, 128 Magdeburg 99 Mähren 67 Mailand 47, 50, 51, 59, 63, 112 Malplaquet 50 Mannheim 69, 111, 153 Mantua 51, 59 Mantzikert 161 Marokko 85 Marseille 128 Maryland 14 Massachusetts 235 Mecklenburg 258 Meißen 109 Menorca 52, 59, 63, 81–83, 241 Mexiko 20, 124, 133, 252 Mississippi 12, 14, 104, 233, 241 Modena 2 Mongolei 216 Montréal 12 Moritzburg 69 Moskau 31, 37, 110 München 56, 111, 153 Münster 17 Mysore 196, 242 Nagasaki 27, 197, 201 Nanking 217 Nantes 9, 10 Narva 34, 35, 43 Neapel 47, 50, 51, 59, 61–63, 82, 111, 146, 150, 278, 280 Nepal 218 Neu Amsterdam 14 Neufundland 52 Neugranada 131 Neuseeland 118, 119, 122 New Jersey 238, 239 New York 14, 111, 113, 238 Niederlande (siehe Holland) Niederschlesien 67 Nizza 52 Norwegen 34, 38, 45, 71 Nöteborg 35 Nürnberg 146 Nyenschanz 35 Nymphenburg 69 Nystad 38, 81 Oberitalien 20, 50 Oberschlesien 67 Odessa 176 Osaka 201, 202 Osmanisches Reich 21, 24, 27, 31, 37, 38, 61, 65, 73, 79, 81, 83, 98, 107, 158, 159, 161, 162, 164, 166–170, 173–178, 180 Osterinseln 119, 120 Österreich 7, 9, 12, 27, 49–51, 59, 61–63, 66, 67, 77, 79, 81, 82, 98, 99, 101, 104, 105, 111, 112, 147, 161, 165–169, 174, 175, 179–182, 255–258, 265, 279, 280 Österreichische Niederlande 25, 51, 174, 175, 257, 260, 272 Ostfriesland 243 Ostpreußen 15, 99, 102 Ottobeuren 148 Paris 9, 82, 83, 104, 110, 113, 124, 126–128, 134, 187, 189, 202, 233, 241, 246, 267, 268, 270, 271, 279 Parma 59, 61–63, 82, 281 Passarowitz 61, 81, 168 Peking 202, 215 Peloponnes 161, 166–168 Pennsylvanien 14 Persien (siehe Iran) Peru 20, 252 Petersburg (siehe St. Petersburg) Peterwardein 167 Pfalz 53, 74, 153, 255, 257–259 Philadelphia 111, 238, 244 Piacenza 59, 61–63, 82 Piemont 50, 61 Pillnitz 273 Piombino 281 Plassey 196 Polen 15, 20, 21, 24, 27, 30, 32, 34, 35, 37, 41, 42, 44, 62, 65–67, 70, 73, 79, 81, 99, 102, 103, 166, 167, 169, 179, 180, 182, 183, 272, 281 Poltawa 37, 44 Pompeji 146 Portugal 18, 49, 123, 195, 201 Potsdam 84, 143, 152 Prag 80, 99, 111 Preußen 8, 15, 21, 27, 34, 37, 38, 49, 67, 70, 77, 79, 80, 82–84, 97–101, 103–105, 112, 139, 140, 146, 169, 173–175, 179, 180, 182, 185, 228, 233, 243, 255–257, 260, 278–281 Princeton 238 Pruth 38, 81, 166, 167 321 Québec 12 Quito 131, 133 Rastatt 51, 59, 60 Reinbek 279 Rheinsberg 83 Rhode Island 14 Riga 32, 34, 35 Rijswijk 11 Rom 1, 31, 84, 136, 141, 143, 150, 187, 277 Roßbach 100, 101 Rügen 34, 38 Rumänien 161, 166 Rus 21 Russland 7, 21, 24, 27, 29–34, 37–39, 42, 44, 46, 61, 65–67, 74, 77–79, 81–83, 99, 101–103, 105, 111–113, 124, 161, 166, 168–176, 179–182, 205, 218, 256, 257, 264, 265 Saarland 53 Sachsen 15, 21, 27, 30, 34, 38, 43, 65–68, 70, 73, 79, 80, 97–100, 103–105, 146, 179, 187, 255, 257, 258, 280, 281 Sankt Helena 282 Sardinien 47, 50, 51, 59, 61, 62, 66, 80, 278 Savoyen 50, 59, 61–63, 164 Schaumburg-Lippe 98 Schlesien 27, 53, 67, 68, 77, 79, 80, 82, 97, 99, 100, 105, 255, 257 Schleswig 34, 71 Schottland 2, 5 Schweden 7, 14, 21, 24, 28, 30, 32, 34, 35, 37, 38, 42–45, 65, 74, 78, 79, 81, 98, 99, 103, 104, 124, 169, 175, 181, 195, 217, 243, 260 Schweidnitz 100, 101 Schwiebus 77, 78 Serbien 161, 166, 168, 178 Sewastopol 173 Shimabara 200 Sizilien 47, 50–52, 59, 61–63, 75, 82, 146, 150 Soor 80 South Carolina 240, 244 Spanien 9, 11, 12, 17–20, 24, 27, 28, 39, 47–52, 59–63, 66, 79, 81–83, 101, 104, 105, 110, 111, 123, 141, 146, 163, 164, 201, 233, 240, 241, 251, 263, 278, 280 Spanische Niederlande 11, 25, 47, 49–51, 59, 164 St. Petersburg 32–35, 111, 113, 124, 169, 173, 177, 181 Stettin 38, 99, 173 Stockholm 38, 81, 110, 124 Stralsund 38, 99 Straßburg 53 Südamerika 20, 52, 85, 110, 112, 128, 131, 133, 134, 141, 195 Südasien 242 Südostasien 195 Syrien 161, 278 Tahiti 117, 119–122, 124, 125 Taiwan 216 Targowica 183 Teneriffa 128 Teschen 83, 256 Tibet 216 Tokyo 199, 202 Torgau 103 Toskana 59, 62, 66, 82, 281 Traventhal 34 Trenton 238 Tschesme 172 Turin 50, 61, 111, 147 Türkei (siehe Osmanisches Reich) Turkmenistan 160, 161 Uckermark 99 Ukraine 21, 37, 45, 65, 166, 176 Ungarn 21, 77, 163, 166, 167, 175, 260, 280 Usedom 28, 38 Utrecht 51, 59, 60, 111 Valmy 273 Venedig 150, 163, 164, 166–168 Venezuela 252 Verden 28, 34, 38 Vereinigte Staaten von Amerika (siehe Amerika) Versailles 8–10, 189, 268 Vierzehnheiligen 148 Virginia 28, 111, 144, 145, 236, 244, 270 Vorpommern 28, 38 Warschau 65, 66, 70, 281 Washington 133, 144 Waterloo 25, 282 Weimar 138, 258, 273, 276 Wesel 99 Westphalen 281 Westpreußen 180 Westreich 282 White Plains 238 Wien 15, 24, 27, 30, 37, 65, 69, 78–80, 97, 128, 153, 163–166, 168, 174, 175, 179, 256, 258 Wismar 34, 38 Wohlau 78 Wolfenbüttel 34 322 Wolgast 38 Wollin 28, 38 Wörlitz 143, 144 Württemberg 69, 279, 280 Würzburg 17 Yorktown 240, 241 Zenta 166 Zentralasien 194, 218 Zorndorf 101 323 Dr. med. Joachim-Friedrich Kapp wurde 1942 in Neubrandenburg geboren, wuchs in Essen auf und lebt seit 1975 in Berlin. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Aus der Beschäftigung mit Friedrich II. von Preußen entstand das Vorhaben, ein Verständnis der Ereignisse, Entwicklungen und Abhängigkeiten in der Welt des 18. Jahrhunderts zu erarbeiten. Zum Autor

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.

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Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

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