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Preußen wird Großmacht Siebenjähriger (dritter Schlesischer) Krieg – Allianz gegen Preußen in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 97 - 106

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-97

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Preußen wird Großmacht Siebenjähriger (dritter Schlesischer) Krieg – Allianz gegen Preußen Goethe (S. 41): „Auf diese Weise verfloss den Frankfurtern während meiner Kindheit eine Reihe glücklicher Jahre. Aber kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurückgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher auf die nächsten sieben Jahre meines Lebens auch großen Einfluss haben sollte. Friedrich der Zweite, König von Preußen, war mit 60 000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vorgängigen Kriegserklärung folgte ein Manifest, wie man sagte, von ihm selbst verfasst, welches die Ursachen enthielt, die ihn zu einem solchen ungeheuren Schritt bewogen und berechtigten. Die Welt, die sich nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Richter aufgefordert fand, spaltete sich sogleich in zwei Parteien, und unsere Familie war ein Bild des großen Ganzen.“ Maria Theresia hatte in ihren Gedanken Schlesien nie aufgegeben, sie konnte sich mit diesem Verlust nicht abfinden – Gott würde doch unzweifelhaft an ihrer Seite stehen, ihre Sache zu seiner machen, darauf vertraute sie fest – und fand in Wenzel Anton Graf Kaunitz-Rietberg den Mann, der bereit und fähig war, eine große Allianz gegen Preußen zu schmieden, um es, das war das Ziel, wieder zu einem Staat zweiter Ordnung zu degradieren. Maria Theresias Ziel lag, „nicht blosserdings in der Wiedereroberung Schlesiens und Glatz, sondern in der Glückseligkeit des Menschlichen Geschlechts und in der Aufrechterhaltung Unserer heiligen Religion.“ (Stollberg, S. 402) Kaunitz war vor seiner Zeit als Staatskanzler in Wien zunächst Botschafter Österreichs in Frankreich gewesen, kannte Personen und Verhältnisse am Versailler Hof sehr gut, und so gelang es ihm, im Jahre 1756 ein formelles Bündnis zwischen beiden Ländern zu vereinbaren. Dies war auch eine Reaktion auf den zuvor abgeschlossenen englisch- 97 preußischen Vertrag, der Preußen verpflichtete, im Kriegsfall Hannover zu schützen. Hannover könnte, so fürchtete Georg II., für Frankreich ein wirksames Faustpfand bei späteren Friedensverhandlungen mit England um Indien und Nordamerika sein. Kaunitz konnte auch die Zarin Elisabeth, schließlich noch Schweden und Sachsen gewinnen, sich dem Bündnis gegen Preußen anzuschließen. Nur England (allerdings sah der Vertrag keine Unterstützung mit einem Heer, sondern nur mit Zahlungen vor), Braunschweig-Lüneburg, Hessen-Kassel und Schaumburg-Lippe standen an der Seite Preußens. Diese große Allianz um Preußen herum sah gefährlich aus, sie war es auch tatsächlich, und doch hatte sie den großen Fehler, dass man sich nicht auf die Führung dieses Bündnisses aus einer Hand einigen konnte. Eine Vorherrschaft des Kaiserhauses kam vor allem für Frankreich keinesfalls infrage. Dass Frankreich überhaupt bereit war, die jahrhunderte-alte Feindschaft gegen Habsburg hintanzustellen und gemeinsam mit dem Erzfeind Österreich gegen Preußen vorzugehen, war für Friedrich II. überraschend und tatsächlich eine „Umkehrung der Bündnisse“. Jedoch musste abgewartet werden, mit welchem Ehrgeiz und Elan Frankreich sich wirklich einbringen würde, denn es kämpfte zur gleichen Zeit in Indien und Amerika gegen England, für England der Grund dafür, sich zur Unterstützung Preußens nur mit Subsidien einzubringen. Es blieb indes nicht verborgen, dass mit den katholischen Mächten Habsburg und Bourbon und den protestantischen Mächten Preußen und England wieder einmal – einhundert Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges – eine Front entlang der Unterschiede in den Konfessionen entstand. Friedrich II. nutzte dies, um sich öffentlich zum Schutzherrn des Protestantismus zu profilieren. Dieses Bekenntnis hinderte ihn nicht daran, auch jetzt wieder den Versuch zu unternehmen, das Osmanische Reich – einen traditionellen Gegner Österreichs und Russlands – für ein militärisches Bündnis gegen die antipreußische Allianz zu gewinnen. Das Osmanische Reich war jedoch wegen der zwischen 1710 und 1739 geführten verlustreichen Kriege noch zu geschwächt, um ein Bündnis einzugehen, das erneute Waffengänge mit sich brächte. Als Friedrich österreichische Truppenbewegungen in Böhmen und russische in Litauen gemeldet wurden, wandte er sich direkt an Maria Preußen wird Großmacht 98 Theresia und forderte eine Erklärung. Er erhielt keine Antwort. Auch ein zweiter Brief Friedrichs wurde nicht eindeutig beantwortet, so dass der König den Entschluss fasste, anzugreifen. Friedrich erklärte der Welt: „Nachdem also der König alles erschöpft hat, was man von seiner Mäßigung erwarten konnte, hofft er, dass ganz Europa ihm die schuldige Gerechtigkeit erweisen und überzeugt sein wird, dass nicht der König, sondern der Wiener Hof den Krieg gewollt hat.“ Die Gegner hatten jeder für sich die Ziele, mit denen sie sich an dem Krieg gegen Preußen beteiligten, schon festgelegt: Russland hätte gerne Ostpreußen, Österreich natürlich Schlesien, Schweden eine Verstärkung seiner Position in Pommern, in Sachsen dachte man an Magdeburg und Halle und träumte nach wie vor von einer Landbrücke nach Polen, quer durch Schlesien. Frankreich schließlich hätte sich gerne Cleve und Wesel einverleibt. Dies war eine schön erdachte Wunschliste. Nun galt es nur noch, gemeinsam zu siegen. Friedrich sah der Allianz ohne zu große Besorgnis entgegen, denn schließlich waren Russland und Österreich traditionell Feinde Frankreichs und umgekehrt. Bedenkt man die globalen Interessen der Länder, dann wäre England Frankreichs wirklicher Widersacher, aber Frankreich ließ sich verführen, einen Krieg auf dem europäischen Kontinent zu führen, und wusste wohl selbst nicht genau, warum. Friedrich schlug die Feinde in Lobositz: „Nie haben meine Truppen solch Wunder der Tapferkeit getan, seit ich die Ehre habe, sie zu kommandieren.“ Die verlustreiche Schlacht bei Prag konnte Friedrich zwar für sich entscheiden, jedoch fiel sein bedeutender Feldmarschall Graf Schwerin, der sich in früheren Schlachten als unentbehrlich erwiesen hatte. Es kam viel schlimmer, denn bei Kolin wurden die preu- ßischen Truppen geschlagen, außerdem Braunschweig von den Franzosen besetzt, das russische Heer konnte in Ostpreußen eindringen, die Schweden landeten in Stralsund und bewegten sich nach Pommern und in die Uckermark, sie belagerten Stettin, die Schlacht bei Groß-Jägersdorf sah Friedrich als verloren an. Friedrich setzte sich mit dem unerträglichen Gedanken auseinander, in Gefangenschaft geraten zu können und hatte von nun an Opium Kapseln bei sich: „Das hier“, sagte er zu seinem Vorleser De Catt „kann mein Leben gottlob jederzeit beenden. Es ist schön, dass man etwas aus freien Stücken beenden kann, dass man dem Schicksal nicht auf Gnade und Ungnade ausgelie- Preußen wird Großmacht 99 fert ist.“ Der König schrieb an seinen Freund d’Argens: „Mein lieber Marquis, sehen Sie in mir eine Mauer, in die das Schicksal Bresche gelegt hat. Von allen Seiten bin ich erschüttert. Glauben Sie indes nicht, dass ich nachgäbe. Und wenn Himmel und Erde zusammenstürzten, ich lasse mich unter ihren Trümmern mit derselben Kaltblütigkeit begraben, mit der ich Ihnen diese Zeilen schreibe. In solchen schicksalsvollen Zeiten muss man sich ein eisernes Gemüt und ein ehernes Herz anschaffen, um jedes Gefühl zu verlieren. (…) Sie sind zu weit entfernt von hier, um sich eine Vorstellung von der Krisis zu machen, in der wir uns befinden, und von den Schrecknissen, die uns umgeben.“ Voltaire, dem Friedrich ebenfalls geschrieben und seine Gedanken an einen freiwilligen Tod angedeutet hatte, schrieb zurück: „(…) Es geht um Sie und darum, wie der ganze gesund empfindende Teil des Menschengeschlechts und die Philosophie an Ihrem Ruhm und Ihrem Weiterleben Anteil nehmen. Sie wollen sterben. Ich sage Ihnen hier nichts von dem schmerzvollen Grauen, das dieser Plan einflößt; ich beschwöre Sie, wenigstens zu bedenken, dass Sie, angesichts des hohen Ranges, den Sie einnehmen, kaum einzuschätzen vermögen, was die Menschen denken, wie der Geist der Zeit empfindet. (…) Sie wissen, an wie vielen Höfen man Ihren Einfall in Sachsen hartnäckig als Bruch des Völkerrechts ansieht. Was wird man an diesen Höfen sagen? Dass Sie diese Invasion an sich selbst gerächt hätten, dass der Kummer, gegen das Recht verstoßen zu haben, Sie übermannt hätte?“ Es folgte der große Sieg Preußens bei Roßbach, westlich von Leipzig, worüber Voltaire in seinem Buch „Über den König von Preußen“ schreibt: „Die Franzosen und Österreicher flohen bei der ersten Salve. Es war die unerhörteste und vollständigste Flucht, von der die Geschichte je berichtet hat. Die Schlacht bei Roßbach wird lange berühmt bleiben. Man sah 30 000 Franzosen und 20 000 Kaiserliche Hals über Kopf vor fünf Bataillonen und einigen Schwadronen schmählich davonrennen. (…) Die wahre Ursache dieses denkwürdigen Sieges lag in der militärischen Disziplin und Übung, die der Vater eingeführt und der Sohn noch verstärkt hatte.“ Die Kriegsereignisse blieben wechselvoll: Nachdem die Österreicher Schweidnitz und Breslau erobert hatten, schien Schlesien verloren, jedoch suchte Friedrich eine neue Schlacht bei Leuthen, die als ebenso überwältigender Sieg wie der bei Roßbach in die Geschichte Preußen wird Großmacht 100 einging und der Erfolg einer überlegenen Strategie war. Breslau, Liegnitz und Schweidnitz waren nun schnell zurückgewonnen. Goethe, S. 65, kommentierte: „Das Jahr 1757, das wir noch in völlig bürgerlicher Ruhe verbrachten, wurde dessen ungeachtet in großer Gemütsbewegung verlebt. Reicher an Begebenheiten als dieses war vielleicht kein anderes. Die Siege, die Großtaten, die Unglücksfälle, die Wiederherstellungen folgten aufeinander, verschlangen sich und schienen sich aufzuheben; immer aber schwebte die Gestalt Friedrichs, sein Name, sein Ruhm in kurzem wieder oben. Der Enthusiasmus seiner Verehrer ward immer größer und belebter, der Hass seiner Feinde bitterer.“ Goethe bewunderte „die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte.“ Auch in Amerika verfolgte man die Kriegsereignisse, denn für die englischen Kolonisten in Amerika war Friedrich ein Vorkämpfer des Protestantismus gegen den Papst und „die finsteren Mächte des Mittelalters“, und so feierten sie jeden Erfolg des Königs, vor allem den bei Roßbach, denn er war eine Demütigung Frankreichs. (F. Kapp, S. 11) Da England und Frankreich große (Weltmacht-)Interessen jenseits der Meere hatten, wurden die Konflikte, die sich daraus ergaben – in Nordamerika und Indien ausgetragen – ein wesentlicher Grund, warum England begann, über die Einschränkung oder sogar Einstellung der Subsidienzahlungen nachzudenken. Aber auch Frankreich reduzierte sein Engagement gegen Preußen, um sich ab 1759 im amerikanischen und indischen Ringen mit England besser positionieren zu können. Die gemeinsamen Interessen von Frankreich und Spanien in Amerika führten beide Länder dazu, ihren Bourbonischen Familienpakt am 13. August 1761 ein drittes Mal zu bekräftigen. Die Kriegskosten und die stark steigenden Ausgaben für Heer, Marine und Rüstung trieben Frankreich und Spanien in eine immer wachsende Verschuldung. Das Jahr 1758 brachte den Sieg bei Zorndorf und die Niederlage bei Hochkirch. 1759 dann war das Jahr der Katastrophe bei Kunersdorf. Die Schlacht am 12. August gegen Österreich und Russland verlor der König wegen eigener strategischer Fehler. Friedrich schrieb an seinen Minister Karl Wilhelm Graf von Finckenstein: „Mein Rock ist von Schüssen durchlöchert, zwei meiner Pferde sind getötet; mein Unglück ist, dass ich noch lebe. Unser Verlust ist sehr beträchtlich; von Preußen wird Großmacht 101 einem Heere von 48 000 Mann habe ich jetzt, wo ich dies schreibe, keine 3 000. Alles flieht, und ich bin nicht mehr der Herr meiner Leute. Dies ist ein grausames Missgeschick, ich werde es nicht überleben; die Folgen werden schlimmer sein, als die Sache selbst. Ich habe keine Hilfsmittel mehr, und, um nicht zu lügen, ich glaube, alles ist verloren; ich werde den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben. Leben Sie wohl für immer.“ Friedrich konnte zunächst nicht glauben, dass die Gegner diese für sie so vorteilhafte Situation nicht nutzten, um das preußische Heer (und ihn) vollständig zu vernichten. Aber der russische Oberbefehlshaber Saltykow widersetzte sich der Aufforderung des österreichischen Generals Daun, Berlin einzunehmen, und bezog dagegen das Winterlager. Friedrich hatte noch genug Humor und Sarkasmus, um von der „göttlichen Eselei meiner Feinde“ zu sprechen. Und doch hatte Russland nicht nur Ostpreußen besetzt, es hatte Friedrich eine verheerende Niederlage beigebracht. Trotz der bedrohlichen Lage im Feld beschäftigte sich Friedrich mit seinen noch im Frieden begonnenen Sammler-Interessen und Vorhaben. Am 14. Mai 1760 schrieb er an seinen Freund d’Argens, der in seiner Abwesenheit den Bau der Bildergalerie überwachte: „(…) Ich habe die Liste der Bilder gelesen und mich ein Weilchen damit unterhalten. Zur Vervollständigung meiner Sammlung fehlt mir noch ein schöner Correggio, ein Giuliano Romano und ein Luca Giordano. Aber wohin verirren sich meine Gedanken? Ich weiß nicht, welches Unglück vielleicht in Kurzem meiner harrt und rede von Gemälden und Galerien.“ Friedrich hatte schon in seiner Rheinsberger Zeit mehrere Werke von Watteau erstanden und ab 1740 dann in zunehmendem Umfang Gemälde gesammelt, die im Schloss Charlottenburg ausgestellt wurden. Seit 1754 hatte er begonnen, systematisch Bilder anzukaufen und seinen Architekten Johann Gottfried Büring beauftragt, für diese Sammlung östlich des Schlosses Sanssouci eine Bildergalerie zu errichten. Die Galerie wurde nach Kriegsende 1764 eröffnet und zeigte Werke von Rubens, van Dyck, Tizian, Raffael, Correggio, Tintoretto, Veronese und anderen, insgesamt 150 Gemälde. Bei seinen Ankäufen ging Friedrich generell sparsam vor. „Was ich bezahlen kann, nach einem räsonablen Preis, das kaufe ich, aber was zu teuer ist, lass ich dem König von Polen, denn Geld kann ich nicht machen und Steuern aufzulegen ist meine Sache nicht.“ Von diesem Prinzip wich er nur Preußen wird Großmacht 102 selten ab. Die Dresdener Sammlung hatte er als Jugendlicher gesehen und als vorbildlich bewundert. Mit seiner Sammlung in der Potsdamer Bildergalerie setzte sich Friedrich bewusst von der Gemäldegalerie ab, die sein Großvater im Berliner Stadtschloss eingerichtet hatte. Sie erschien Friedrich trotz der Qualität der dort gezeigten 300 Werke als altmodisch, auch hatte Friedrich keine Beziehung zum Berliner Schloss und mied es. (Bauer, A., S. 133) Die Preußen siegten zwar bei Liegnitz und Torgau, mussten aber vor allem verhindern, dass sich die gegnerischen Truppen zu einem großen Angriff vereinigten. Die Franzosen mussten im Westen gehalten und die russischen Truppen daran gehindert werden, gemeinsam mit den Österreichern das preußische Heer zu umzingeln. Russische Truppen marschierten jetzt in Berlin ein und plünderten die Stadt, zogen sich aber zurück, als Friedrich sich der Stadt näherte. In dieser kritischen Situation verlängerte England 1761 nach dem Sturz des preu- ßenfreundlichen Premierministers William Pitt d. Ä., unter dem seit kurzem regierenden König Georg III., die finanziellen Zuschüsse an Preußen nicht weiter. Friedrich II. konnte nicht verhindern, dass russische Truppen bis nach Pommern vorrückten und Kolberg in Besitz nahmen. So war die Situation am Ende des Jahres 1761 bedrückend, und Prinz Heinrich schrieb an seinen Bruder Ferdinand: „(…) Der Feind macht Bewegungen, und was zum Teufel soll ich machen, wenn es auf allen Seiten zugleich geschieht? Ich bin perdutto und der ganze Laden auch, der hängt sowieso nur noch an einem Faden. Keine Winterquartiere, alle Länder verwüstet, die Einzelheiten dieser Situation sind schrecklich.“ Aber nicht nur England, auch Frankreich, Schweden und Sachsen/Polen waren kriegsmüde und saßen auf leeren Kassen. In Russland stand nicht nur der Thronfolger Peter, sondern auch seine Frau, die Großfürstin Katharina seit einiger Zeit jenen Hofgruppen nahe, die nicht länger russische Truppen einsetzen wollten, um die Interessen anderer Staaten wahrzunehmen. Und nun geschah, was noch immer als Wunder angesehen wird, das „Wunder des Hauses Brandenburg“: Am 5. Januar 1762 starb Zarin Elisabeth. Ihr Neffe, als Peter III. ihr Nachfolger, stammte aus dem Hause Holstein, war seit Jugendzeiten mit Friedrich befreundet und ein großer Bewunderer des Königs. Er beendete den Krieg sofort, gab alle von russischen Truppen besetzten Gebiete zurück, ließ sämtliche Preußen wird Großmacht 103 Gefangenen frei und unterstellte die bislang Österreich unterstützenden Truppenteile preußischem Befehl. Seine Frau Katharina (Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst), Tochter eines preußischen Generals, führte diese Politik nach der Ermordung Peters fort. Nun schloss auch Schweden Frieden mit Preußen. Prinz Heinrich, unterstützt durch Seydlitz und seine Kavallerie, erfocht am 29. Oktober bei Freiberg in Sachsen einen letzten glänzenden Sieg gegen die Österreicher. Drei Tage später konnte Ferdinand von Braunschweig die Stadt Kassel von den Franzosen befreien, die auch sehr bald die rheinischen Gebiete Preußens räumten. Ein Waffenstillstand und die Grundzüge des Friedensvertrages wurden vereinbart, die Heere bezogen ihre Winterquartiere. Frankreich hatte viel in diesen Krieg investiert und jetzt verloren. Nun verlor es auch noch die Kriege gegen England in Indien und – gemeinsam mit Spanien (Dritter Familienpakt) Nordamerika. Bei diesen Kriegen ging es einerseits um den Besitz von Kanada, Florida und der amerikanischen Kolonie, andererseits um die Vorherrschaft in Südost- Indien. Frankreich und England reklamierten diese Gebiete für sich. Großbritannien ging als Sieger hervor und erhielt die jeweiligen französischen Kolonien, was mit den Friedensschlüssen von Fontainebleau (3. November 1762) und Paris (10. Februar 1763) besiegelt wurde. Mit dem Vertrag von Paris kam auch das bislang zu Spanien gehörende Florida an England. Frankreich musste Spanien mit Gebieten westlich des Mississippi (Louisiana) für den Verlust Floridas entschädigen. Es war ein Desaster für Frankreich, ein annus horribilis aber ebenso für die vielen Bürger, die in die Indische Kompanie Frankreichs investiert hatten und nun vor dem Verlust ihres Vermögens standen. (Bernewitz, S. 250) Der wesentliche Grund für den Verlust Indiens, aus dem Frankreich seinen Konkurrenten England so gerne vertrieben hätte, lag in der Unterlegenheit Frankreichs als Seemacht. „Kann man annehmen, dass die französischen Pläne so vollständig gescheitert wären, wie es geschah, wenn während der folgenden Jahre französische Flotten anstatt englischer die Küsten und die Seewege nach Europa beherrscht hätten?“ (Mahan, S. 115) Die Engländer waren auch im Atlantik die unbestrittenen Herren der See. Hier, wie überall auf den Meeren, bedeutete Seeherrschaft, dass Schiffe anderer Länder aufgegriffen und gekapert wurden. „Zweiundzwanzig Linienschiffe bildeten Preußen wird Großmacht 104 die Marine Frankreichs. Unsere Schiffe, überall verfolgt und ohne Schutz, wurden fast immer eine Beute der Engländer, die unbelästigt und ohne Nebenbuhler die See befuhren.“ (Mahan) Nur zwanzig Jahre später, am Ende des Unabhängigkeitskriegs, ging Florida wieder an Spanien und Louisiana an Frankreich, während England die amerikanischen Länder, außer Kanada, verlor. Noch einmal zwanzig Jahre später (1803) verkaufte Napoleon Louisiana an Amerika. Der Friedensvertrag zwischen Preußen, Österreich und Sachsen wurde am 15. Februar 1763 auf Schloss Hubertusburg geschlossen. Friedrich schreibt: „Unser Kriegsruhm ist aus der Ferne sehr schön zu betrachten; aber wer Zeuge ist, mit welchem Jammer und Elend dieser Ruhm erkauft wird, unter welchen körperlichen Entbehrungen und Strapazen, in Hitze und Kälte, Hunger, Schmutz und Blöße, der lernt über den Ruhm ganz anders zu urteilen.“ Preußen behielt Schlesien und stieg endgültig zu einer europäischen Großmacht auf. Friedrich siegte, denn die gegnerische Koalition war nicht durch die Führung aus einer Hand geeint gewesen. Es kam hinzu, dass in den Hauptstädten der Gegner, am deutlichsten erkennbar in Russland, aber auch in Frankreich, starke Kräfte der zweiten Ebene große Sympathien für Friedrich II. hatten und dafür sorgten, dass der König nicht vernichtet würde. Von seinem Heer wurde Friedrich verehrt, er war als einziger Monarch während der gesamten Kriegsjahre immer im Feld und teilte das tägliche Leben im Lager mit seinen Truppen. Der Tod Elisabeths jedoch war das entscheidende Ereignis zu einem für Preußen glücklichen Ausgang. Schon bald nach dem Ende des Krieges schloss Friedrich II. ein Defensivbündnis mit Russland, denn eine gute Beziehung zu dieser Großmacht im Osten war für Preußen von zentraler Bedeutung. Niemand würde ihn angreifen wollen, solange diese Allianz bestand. Diese Rückversicherung war überragend notwendig für das Land, denn nur während einer längeren Friedenszeit konnte das verwüstete Preu- ßen wiederaufgebaut werden. Preußen wird Großmacht 105

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.