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Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? Was kann man überhaupt über ihn wissen? in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 87 - 96

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-87

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? Was kann man überhaupt über ihn wissen? Ein fiktives Gespräch zwischen Leibniz (1646–1716), Voltaire (1694–1778), Rousseau (1712–1778), Friedrich II. (1712–1786), Holbach (1723–1789), Kant (1724–1804), Lessing (1729–1781), Goethe (1749–1832). Zitate aus ihren Werken. Es wird in diesem Gespräch vernachlässigt, dass Friedrich II. sich sehr kritisch mit Holbachs Werk „Das System der Natur“ auseinandergesetzt und eine ausführliche Kritik dagegen verfasst hat. Der Gedanke, dass Gott entweder nicht allmächtig oder nicht wohlwollend sein könne, war schon seit langem in der Welt. Denn warum beseitigt Gott die Übel nicht, wenn er sie beseitigen könnte oder wollte? Gott kann doch nicht missgünstig oder schwach sein. So soll schon Epikur über seine Götter gedacht haben. Nach dem großen Unglück in Lissabon unterhalten sich (fiktiv) Leibniz, ein Gast, Voltaire, Friedrich II., Lessing, Rousseau, Goethe, Holbach und Kant. Fiktiv ist dieses Gespräch, das aus Briefen und Werken der Teilnehmer entstand, da sie zwar alle im 18. Jahrhundert, jedoch zu unterschiedlichen Zeiten lebten. Einige von ihnen sind sich nie begegnet, manche lehnten sich persönlich und ihre Meinungen gegenseitig ab. Die Beiträge des Gastes stammen aus Texten der Sekundärliteratur. Das Gespräch ist anzusehen als eine Geschichte der Gedanken über die Religion im Verlauf des Jahrhunderts der Aufklärung. Leibniz fragt, was Gott und was dem Teufel im menschlichen Handeln zuzuschreiben ist, weist auf das grundsätzliche Dilemma hin, dass Gott, der eigentlich nur das Gute fördern müsste, das Böse zulässt. Holbach stellt fest, dass der Irrtum des Glaubens nicht zerstört werden kann, weil die Autorität, unterstützt durch Erziehung und Gewohnheit, unbedingt an ihm festhalten und „die Herrschaft der Götter auf dieser Welt“ zu ihrem eigenen Nutzen unerschütterlich halten will. Er fragt, 87 wieso man annehmen könne, dass eine uns unbekannte jenseitige Welt, vom selben Gott erschaffen, besser sein sollte als unsere hier erlebte. Der Gast meint in Antwort auf Leibniz, dass eine Welt ohne das Übel nicht möglich sei, worauf Leibniz erklärt, dass die von ihm postulierte beste der möglichen Welten das Leiden durchaus einschließt. Voltaire sagt, dass der Verstand die Mysterien der Dreieinigkeit nicht verstehen und glauben kann und – „mein Verstand und ich können nicht zwei verschiedene Wesen sein“ – ein unauflöslicher Widerspruch darin liegt, „dass das Ich etwas wahr finde, was der Verstand des Ich falsch findet.“ Goethe weist darauf hin, dass die natürliche Religion keines Glaubens bedürfe, da sie die Überzeugung vermittelt, ein „ordnendes, leitendes Wesen“ verberge sich hinter der Natur. Die von ihm als „besondere Religion“ bezeichnete Verkündung, dass ein großes Wesen sich speziell um ein Volk oder ein Individuum kümmere, sei dagegen unbedingt abhängig von einem Glauben. Friedrich II., der sich stets sehr intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat, meint, dass die Menschen nun einmal danach verlangen, dass ihre Phantasie und Sinne angeregt werden. Lessing beschreibt die Evolution des Gottesbegriffes, in der das Alte Testament das erste Zeitalter, das Neue Testament „unter der Herrschaft des Gottes-Sohnes“ das zweite Zeitalter darstellt. Das nun kommende Zeitalter sieht er darin, dass der Mensch ohne Belohnungserwartung „das Gute tut, weil es das Gute ist.“ Die wahre Religion sei die Religion Christi, im Gegensatz zur christlichen Religion der Kirche und der Theologie. Diese Auffassung nimmt Kant auf und entwickelt den Gedanken des „Ideals der sittlichen Vollkommenheit“ und des kategorischen Imperativs. Die Idee der Vollkommenheit sei der eigentliche Begriff von Gott. Rousseau erklärt, dass nur Verwirrung bleibe, wenn sein Gefühl, dass Gott um ihn sei, ihn auch erkennen und seine Substanz verstehen wolle; worauf Voltaire antwortet, dass man nun einmal nicht erkennen kann, was man sich nicht einmal vorstellen kann. Kant und Friedrich kommen gemeinsam zum Schluss, dass es keines Gottes bedürfe, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und seine Pflicht zu erkennen. Kant erläutert seinen kategorischen Imperativ. Goethe aber beschließt das Gespräch, indem er darauf besteht, dass ein unerschütterlicher Glaube unverzichtbar sei, denn daraus entspringe „ein großes Gefühl von Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft.“ Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 88 Nun aber ohne weitere Einführung zu dem Gespräch. Leibniz: „Wenn Gott sich am Glück aller erfreut, warum hat er sie dann nicht alle glücklich gemacht? Wenn er alle liebt, wieso verdammt er dann so viele? Wenn er gerecht ist, wieso zeigt er sich so unbillig, dass er aus einem in allem gleichen Stoff, aus demselben Lehm die einen Gefäße zur Ehre, die anderen zur Schmach formt? Und wieso begünstigt er nicht die Sünde, wenn er sie (obwohl er sie von der Welt hätte ausschließen können) wissentlich zugelassen oder geduldet hat? Ja, ist er nicht sogar ihr Urheber, wenn er alles so geschaffen hat, dass die Sünde daraus folgt? Und was wird aus dem freien Willen, wenn man die Notwendigkeit zu sündigen annimmt, was aus der Rechtmä- ßigkeit der Strafe, wenn man den freien Willen aufhebt? Was aus der Rechtmäßigkeit der Belohnung, wenn allein durch die Gnade die einen von den anderen unterschieden werden? Wenn Gott schließlich der letzte Grund der Dinge ist, was soll man dann den Menschen, was den Teufeln zuschreiben?“ (Poser) Holbach: „Sehen Sie, mein Herr, es ist doch alles ganz anders: Auch die klarsten Wahrheiten vermögen nichts auszurichten gegen Schwärmerei, Gewohnheit und Furcht; nichts ist schwieriger, als den Irrtum zu zerstören, wenn der menschliche Geist durch lange Zeit Besitz von ihm ergriffen hat. Er ist unangreifbar, wenn er auf allgemeine Übereinstimmung gestützt, von der Erziehung verbreitet, vermöge langer Gewöhnung eingewurzelt, durch das Beispiel bestärkt, durch die Autorität aufrechterhalten und ständig von den Hoffnungen und den Ängsten der Völker genährt wird, die ihre Irrtümer als Heilmittel gegen ihre Übel betrachten. Das sind die vereinten Kräfte, welche die Herrschaft der Götter auf dieser Welt stärken und welche deren Thron hienieden und auch in Zukunft unerschütterlich zu machen scheinen.“ Der Gast: „Ich möchte Leibniz so antworten: Eine Welt, in der Freiheit und Verantwortung des Menschen möglich sein sollen, muss zugleich eine Welt sein, in der der Missbrauch von Freiheit und die Verletzung von Moralität möglich sind. Damit Gott überhaupt etwas von sich Verschiedenes schaffen kann, muss das Geschaffene im Vergleich zu ihm eine Einschränkung an Vollkommenheit erleiden; dies ist das Übel. Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 89 Ohne Zulassung des Übels wäre eine Erschaffung der Welt nicht möglich.“ (Poser, S. 170) Leibniz: „Ja, so sehe ich in unserer von Gott geschaffenen Welt die Beste der möglichen. Es geht mir aber nicht darum zu beweisen, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten ist, sondern zu zeigen, dass der Gedanke, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen, also der Gedanke eines weisen und guten Schöpfergottes, verträglich ist mit einer Welt, in der es fraglos Leiden gibt.“ Holbach: „Sie sprechen vom Sein auf dieser Welt, jedoch wird uns ein glückliches Jenseits versprochen. Mit welchem Recht kann man sich einbilden, dass eine Annahme, die auf Erden nur Unglück schafft, eines Tages zu dauerhafter Glückseligkeit führen werde? Wenn Gott die Sterblichen nur geschaffen hat, um sie in dieser – der ihnen bekannten – Welt zittern und seufzen zu lassen: mit welchem Recht kann man erwarten, dass er künftighin bereit sein wird, sie in einer unbekannten Welt mit größerer Milde zu behandeln?“ Voltaire: „Der Glaube an Gott, über den man so viel geschrieben hat, und an ein Jenseits ist offenkundig nur eine unterdrückte Ungläubigkeit; denn es gibt sicherlich in uns nur die Fähigkeit des Verstandes, der glauben kann, und die Gegenstände des Glaubens sind nicht solche, die der Urteilskraft zugänglich sind. Der Glaube kann also nur ein Zuschandenwerden des Verstandes, ein anbetungsvolles Schweigen von den unverstehbaren Dingen sein. Philosophisch gesprochen heißt dies, niemand glaubt an die Dreieinigkeit, niemand glaubt, dass derselbe Körper an tausend Orten zugleich sein kann; und wer sagt: Ich glaube an diese Mysterien, wird, wenn er über seinen Gedanken nachdenkt, sehen, dass diese Worte heißen sollen: Ich achte diese Mysterien; ich unterwerfe mich denen, die sie mir verkünden; denn sie sind mit mir der Ansicht, dass weder meiner noch ihr Verstand sie glaubt; nun ist es aber klar, dass, wenn mein Verstand nicht überzeugt ist, dass ich es dann nicht bin: mein Verstand und ich können nicht zwei verschiedene Wesen sein. Es ist absolut widersprüchlich, dass das Ich etwas wahrfindet, was der Verstand des Ich falsch findet. Also ist der Glaube nichts anderes als unterdrückte Ungläubigkeit.“5 Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 90 Holbach: „Es gibt sehr wenige Leute, die in Religionssachen nicht mehr oder weniger die Anschauungen der Menge teilen. Jedermann, der von den anerkannten Ideen abweicht, wird im Allgemeinen als töricht, als dünkelhaft betrachtet. So wird der Mensch, der die Natur zu Rate zieht, so wird der Schüler der Natur als eine öffentliche Pest angesehen. Man ächtet einstimmig den, der den erschrockenen Sterblichen Gewissheit verschaffen möchte, indem er die Idole zerbricht, vor denen zu zittern sie das Vorurteil zwingt. Allein schon bei dem Wort Atheist erschaudert der Abergläubische; selbst der Deist ist beunruhigt; der Priester gerät in Wut; die Tyrannei richtet den Scheiterhaufen auf; die Menge begrüßt die Strafen, die von unsinnigen Gesetzen gegen den wirklichen Freund des Menschengeschlechts verhängt werden.“ Friedrich. „Ein Philosoph, der es unternähme, eine einfache Religion zu predigen, liefe meiner Meinung nach Gefahr, vom Volk gesteinigt zu werden. Gesetzt, es gelänge, die Religion Sokrates’ oder Ciceros in irgendeiner Provinz einzuführen, so wäre ihre Reinheit binnen kurzem doch wieder durch allerlei Aberglauben befleckt. Die Menschen verlangen nun einmal nach etwas, was zu ihren Sinnen und zu ihrer Phantasie spricht. Wir sehen es an Protestanten, die wegen ihres allzu kahlen und schlichten Kultes zum Katholizismus übertreten, weil sie die Feste, die Zeremonien und die schöne Musik lieben, womit die römisch-katholische Kirche die Narrheiten, durch die sie die schlichte Moral Christi entstellt hat, ausschmückt.“7 (an d’Alembert 18. 12.70) Goethe: „Sie sprechen von Ideen, die Sie verwerfen wollen und berücksichtigen nicht die Kraft des Glaubens. Die allgemeine, die natürliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens; denn die Überzeugung, dass ein großes, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fasslich zu machen, eine solche Überzeugung dringt sich einem jeden auf. Ganz anders verhält sich’s mit der besonderen Religion, die uns verkündet, dass jenes große Wesen sich eines einzelnen, eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und vorzüglich annehme. Diese Religion ist auf den Glauben gegründet, der unerschütterlich sein muss, wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder Zwei- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 91 fel gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung kann man zurückkehren, aber nicht zum Glauben.“ Lessing: „Ihre Sicht auf die Dinge ist ganz so, wie die Menschen die Schöpfung von Anbeginn wahrgenommen haben. Sehen Sie doch die Entwicklung des Gottesbegriffes. Das israelitische Volk hatte, als wären es Kinder, seinen Gott als Vater, mächtiger als alle anderen Götter. Dieser erzog sein Volk mit Strafen und Belohnungen. Als einen eifrigen Gott fürchtete das Volk ihn mehr als es ihn liebte. In dieser Zeit gingen die Blicke des Volkes nicht über das hiesige Leben hinaus, es wusste von keiner Unsterblichkeit der Seele, es sehnte sich nach keinem künftigen Leben. Jesus machte den Gott Israels mächtiger, denn durch ihn wurde aus dem Nationalgott ein Gott der gesamten Menschheit. Dieser versprach ein Leben nach dem Tode und versprach das jenseitige Leben. Wenn das Alte Testament das erste Zeitalter und das Neue Testament unter der Herrschaft des Gottes-Sohnes das zweite Zeitalter darstellt, dann wird die Zeit kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand sein wird, das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind. Wir befinden uns in einer Vorstufe zu der wahren Religion, die eine Religion Christi sein wird, im Gegensatz zur christlichen Religion der Kirche und der Theologie.“ (Helbig) Kant: „Erlauben Sie mir, den Gedanken Lessings aufzunehmen und weiterzuführen. Selbst Jesus sagt er von sich selbst: was nennt ihr mich (den ihr sehet) gut, niemand ist gut (das Urbild des Guten) als der einige Gott (den ihr nicht sehet). Woher haben wir aber den Begriff von Gott, als dem höchsten Gut? Lediglich aus der Idee, die die Vernunft a priori von sittlicher Vollkommenheit entwirft und mit dem Begriffe eines freien Willens unzertrennlich verknüpft.“ Der Gast: „Würden doch die Menschen Ihrer Auffassung folgen und erkennen, dass sie sich nicht an einem existierenden Gott, sondern an der Idee der Vollkommenheit orientieren müssen. Sie, lieber Kant, sprechen von dem Imperativ, der sich auf die Wahl der Mittel zur eigenen Glückseligkeit bezieht.“ Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 92 Kant: „Ja, der kategorische Imperativ ist nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. So könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht auch so lauten: handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können.“ Holbach: „Jetzt kommen wir uns gedanklich näher. Der Mensch ist nur darum unglücklich, weil er die Natur verkennt. Er wollte Metaphysiker sein, ehe er Physiker war: er verachtete die Wirklichkeit, um über Hirngespinste nachzusinnen; er vernachlässigte die Erfahrung, um sich an Systemen und Vermutungen zu erbauen; er wagte nicht, seine Vernunft zu pflegen, gegen die ihn einzunehmen man frühzeitig Sorge getragen hatte; er wollte wissen, welches Schicksal ihn in den imaginären Regionen eines jenseitigen Lebens erwartete, ehe er daran dachte, an dem Ort glücklich zu sein, wo er lebte. Und er verstand nicht, dass sein Glück vor allem an ihm selbst hänge.“ Der Gast: „Mit diesem Gedankengebäude, das Sie soeben entwerfen, haben Sie Glaube und Vernunft prinzipiell voneinander getrennt. Eine Glaubenssache hat mit Wissen nichts zu tun. Es geht von nun an darum, die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu erkennen, dabei jedoch die Frage einer Gottgeschaffenheit der Welt oder Gottes Regentschaft gänzlich auszuklammern.“ Rousseau: „Ich nehme Gott überall in seinen Werken wahr, ich fühle ihn in mir, ich sehe ihn überall um mich herum; doch sobald ich ihn in sich selbst betrachten möchte, sobald ich herausfinden möchte, wo er ist, was er ist, worin seine Substanz besteht, entgleitet er mir, und mein verwirrter Geist nimmt nichts mehr wahr.“ Friedrich: „Ich komme doch mehr und mehr zu der Einsicht, dass die Wesensart Gottes, die Schöpfung oder Ewigkeit der Welt, die Frage, was in uns denkt, Dinge sind, die wir nicht zu kennen brauchen; sonst würden wir sie ja kennen. Wenn der Mensch nur Gut und Böse unter- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 93 scheiden kann, wenn er den festen Vorsatz zu jenem und Abscheu vor diesem hat, wenn er seiner Leidenschaften so weit Herr ist, dass sie ihn nicht knechten und ins Unglück stürzen, so genügt das, glaube ich, zu seinem Glück. Der Rest der metaphysischen Kenntnisse, deren Geheimnis man der Natur umsonst zu entreißen sucht, könnte nur zur Befriedigung unserer unersättlichen Wissbegier dienen und wäre im Übrigen zwecklos.“ (an d’Alembert, 1764) Kant: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.5 (Vorrede) Aber: Die Moral, sofern sie auf dem Begriffe des Menschen als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetze selbst, um sie zu beobachten. Es ist unmöglich, aus dem Gedanken an oder Begriff von Gott auf dessen Existenz zu schließen.“ 6 Friedrich: „Ethik lässt sich aus der Vernunft ableiten, ist universell und unabhängig vom christlichen Glauben, bedarf keiner Offenbarungsinhalte. Der Mensch kommt auch ohne Gott zu moralischen Regeln. Das Gute nicht zu tun, ist ein Mangel an Vernunft und Einsicht. Fände sich im Evangelium nichts als diese einzige Vorschrift: ›tut den anderen nicht, was ihr nicht wollt, dass man euch tue‹ – man wäre verpflichtet, zu gestehen, dass diese wenigen Worte die Quintessenz aller Moral enthalten. Und hat nicht Jesus in seiner herrlichen Bergpredigt die Verzeihung der Beleidigungen, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit verkündet?“ Kant: „Wenn ich sage: handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können, dann gebe ich vier Beispiele als Verstoß gegen den von mir definierten kategorischen Imperativ: Selbsttötung aus Verzweiflung, Falschaussage und Betrug, Nichtentfaltung eigener Talente aus Be- Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 94 quemlichkeit und Nichtbeachtung fremder Not. Das Wesentliche alles sittlichen Werts der Handlungen besteht darin, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimmt.“ Goethe: „Und dennoch sage ich: Beim Glauben kommt alles darauf an, dass man glaubt; was man glaubt, ist völlig gleichgültig. Der Glaube ist ein großes Gefühl von Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft, und diese Sicherheit entspringt aus dem Zutrauen auf ein übergroßes, übermächtiges und unerforschliches Wesen. Auf die Unerschütterlichkeit dieses Zutrauens kommt es an; wie wir uns aber dieses Wesen denken, dies hängt von unseren übrigen Fähigkeiten, ja von den Umständen ab und ist ganz gleichgültig.“ --- --- --- --- Die Weisen der Welt hatten sehr viel Kluges gesagt. Da es aber um Glauben ging, nicht um Wissen oder Vernunft, nahmen der kategorische Imperativ und die Aufklärung der Kirche gewiss nicht ihre Gläubigen. Die Kirche blieb, die sie war, und die (Un-)Gläubigen verließen sie über die nächsten Jahrhunderte nur in kleinem Maßstab. Für Marx war die Religion „das Herz einer herzlosen Welt und der Geist geistloser Zustände.“ Mit dem Glauben konnten die Menschen einer finsteren Umwelt entfliehen und auf die Gerechtigkeit hoffen, die ihnen eines Tages zuteilwerden würde, die Religion war der Gesellschaft eine moralische Stütze und für die Obrigkeit die Quelle sozialer Stabilität. (Hobsbawm, S. 396) Ist Gott Schöpfer und Regierer, nur Schöpfer oder beides nicht? 95

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.