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Der Kampf um das spanische Italien. Ein Lehrstück dynastischer Interessenspolitik Länder als Tauschobjekte in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 59 - 64

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-59

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Der Kampf um das spanische Italien. Ein Lehrstück dynastischer Interessenspolitik Länder als Tauschobjekte Die Könige aus dem Hause Bourbon waren im 18. Jahrhundert in Spanien fünf: Philipp V. (1700–1746), Ludwig I. (regierte nur im Jahr 1724, nach seinem Tod ging der Thron zurück an Philipp V., der zuvor wegen einer Erkrankung abgedankt hatte), Ferdinand VI. (1746–1759) Karl III. (1759–1788) und dessen Sohn Karl IV. (1788–1808). Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs, mit dem Frieden von Utrecht und Rastatt (1713/1714), hatte Österreich die zuvor spanischen Niederlande, die Herzogtümer Mailand und Mantua und die Königreiche Neapel und Sardinien erhalten, während Sizilien an den Herzog von Savoyen, Menorca und Gibraltar an England gegangen waren, alles zuvor in spanischem Besitz. Diesen großen Verlusten an Land und Einfluss hatte Spanien zwar zugestimmt, sie aber nie akzeptiert, es konnte die Kränkung nicht verwinden und wollte die Regelungen von Utrecht umstoßen. An der Rückgewinnung italienischen Besitzes hatte Spanien zudem dynastisches Interesse, denn Philipps V. Söhne aus zweiter Ehe – er heiratete 1714 eine italienische Prinzessin – mussten mit dortigen Herzogtümern versorgt werden. Die machtbewusste Elisabeth Farnese von Parma und Piacenza bestärkte ihren Gemahl energisch darin, den Verlust der italienischen Territorien nicht hinzunehmen. Auch wenn eine weibliche Erbfolge nicht vorgesehen war, erhob sie dennoch Anspruch auf Parma und Piacenza und das Herzogtum Toskana der Medici für die Zeit nach dem absehbaren Ableben der dort letzten Herzöge. (Schmidt, P., S. 222) (Abb. 6 Italien) 59 Italien, Ende des 18. Jahrhunderts (1796) Diese aus spanisch-italienischem Ehrgeiz aufziehende Gefahr für das soeben erst ausgehandelte neue Gleichgewicht der Mächte vor Augen, hatten Großbritannien, die Niederlande und Frankreich, die ihre Ansprüche sichern wollten, eine Allianz mit dem Ziel gebildet, die Vereinbarungen aus den Verträgen von Utrecht und Rastatt zu wahren und durchzusetzen. (Bernecker, S. 163) Auch Spanien erhielt das An- Abb. 6: Der Kampf um das spanische Italien 60 gebot, der Allianz beizutreten, um mögliche Konflikte diplomatisch lösen zu können. Spanien lehnte ab. Österreich, das zunächst noch Krieg gegen das Osmanische Reich führte, diesen aber 1718 mit dem Frieden von Passarowitz beenden konnte, ergänzte nun sofort die drei Länder zur sog. Quadrupelallianz. Es kam zum Krieg, denn Spanien hatte im August 1717, als Österreich noch in dem Türkenkrieg gebunden war, Sardinien angegriffen und im Jahr darauf Sizilien besetzt. Der Krieg war sehr bald beendet, denn Spanien sah ein, gegen die übermächtige Allianz nichts ausrichten zu können. Dennoch konnte Spanien seine Interessen in der Weise wahrnehmen, dass Elisabeth Farnese zugestanden wurde, das Herzogtum Parma mit Piacenza nach dem zu erwartenden Aussterben der männlichen Farnese-Linie als Erbfolge für ihre Söhne Karl und Philipp im Familienbesitz zu halten. Es muss erwähnt werden, dass Habsburg einen Tauschhandel mit Viktor Amadeus von Savoyen-Piemont arrangierte: 1720 ging Sardinien an Savoyen, dafür erhielt Österreich Sizilien. Dies war wichtig für Österreich, denn Neapel und Sizilien gehörten gewissermaßen naturgemäß zu einander, Sizilien war Neapels Kornkammer. Viktor Amadeus war nun König von Sardinien-Piemont, die Residenz blieb Turin, auch wenn Cagliari an Bedeutung gewann. (Der sardische Königstitel war höherwertig als der Siziliens). Einhundertvierzig Jahre später würde das Haus Savoyen den König des geeinten Italiens stellen. Die zweite Gelegenheit, verlorenes italienisches Gebiet zurückzuerlangen, ergab sich mit dem Konflikt um die polnische Thronfolge, nachdem August der Starke 1733 gestorben war und Russland und Österreich dessen Sohn als Nachfolger einsetzten. Frankreich jedoch wollte Stanislaus Leszczyński, dem Schwiegervater Ludwigs XV., dieses Amt übertragen. Frankreich und Spanien schlossen daraufhin den Ersten Bourbonischen Familienpakt, denn es war in beider Interesse, nicht nur die Nachfolge auf den polnischen Thron zu beeinflussen, sondern vor allem zu verhindern, dass durch die Vermählung von Franz Stephan von Lothringen mit Maria Theresia, der zukünftigen österreichischen Thronerbin, Lothringen in Habsburgischen Besitz gelangte. Spanien trat dem nun beginnenden Polnischen Thronfolgekrieg gegen Russland und Österreich mit dem eigenen dritten Ziel bei, weiteren italienischen Besitz zurückzugewinnen. Der Kampf um das spanische Italien 61 Die kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich zum Nachteil Österreichs entwickelten, wurden in Polen, am Rhein und in Italien geführt. In dem 1735 geschlossenen Frieden musste Österreich Elba, Neapel und das zuvor eingetauschte Sizilien an Spanien abtreten. Karl, der älteste Sohn Elisabeths, gab das bislang von ihm beherrschte Herzogtum Parma an Österreich ab, wurde aber dafür nun König von Neapel und Sizilien (König beider Sizilien). Franz Stephan erhielt die Toskana im Tausch gegen Lothringen, das an Stanislaus Leszczyński ging. Großbritannien war über diese Entwicklung nicht glücklich, denn Österreichs Verlust Lothringens und dessen Gewinn für Frankreich verschob das Machtgleichgewicht auf dem Kontinent zugunsten Frankreichs. Im Interesse des europäischen Machtgleichgewichts wollte Großbritannien nicht nur ein starkes Österreich sehen, sondern erkannte in der Integrität des Heiligen Römischen Reichs ein Gegengewicht gegen ein zu starkes Frankreich. Dass Lothringen an Frankreich ging, wurde daher jenseits des Ärmelkanals (nicht nur dort) als unglückliche Entwicklung bewertet. Länder als Tauschobjekte Jahr Neapel und Sardinien Neapel und Sizilien Parma und Piacenza 1714 (Spanischer Erbfolgekrieg) An Österreich, Sizilien an Savoyen Familie Farnese 1720 (Ländertausch) Savoyen tauscht Sizilien gegen Sardinien, Österreich verfügt über Neapel und Sizilien Familie Farnese 1735 (Polnischer Thronfolgekrieg) An Spanien An Österreich 1748 (Österreich. Erbfolgekrieg) An Spanien 1759 (Erbfolge) An Österreich Tab. 4: Der Kampf um das spanische Italien 62 Der Bourbonische Familienpakt – der verwirrende Länderschacher bleibt eine komplizierte Geschichte – wurde noch zweimal erneuert: zunächst 1743, während des Österreichischen Erbfolgekrieges, in dem Frankreich und Spanien gegen Österreich, aber auch gegen Großbritannien standen. Denn Spanien kämpfte um Gibraltar und Menorca. Der anfängliche militärische Erfolg in Italien, bei dem die französischen und spanischen Truppen u. a. Mailand erobern konnten, löste sich jedoch durch eine vernichtende Niederlage im Kampf gegen Savoyen und Österreich auf. Auch wenn Spanien und Frankreich im Österreichischen Erbfolgekrieg glücklos agierten, wurden Parma und Piacenza (die 1735 an Österreich gegangen waren) im Frieden von Aachen 1748 wieder Spanien zugesprochen, so dass auch Prinz Philipp, ein jüngerer Bruder Karls, versorgt war. Es wurde aber gleichzeitig vereinbart, dass – sollte Karl (noch König von Neapel und Sizilien) König von Spanien werden und sein Bruder Philipp ihm in dem Königreich beider Sizilien nachfolgen, was 1759 geschah, – Parma und Piacenza wieder an Österreich zurückfallen sollten. (Bernecker, S. 187) Gibraltar und Menorca blieben englischer Besitz. Der Familienpakt der Bourbonen wurde 1761 ein drittes Mal bestätigt, dazu später. Spanien konnte zwar einige nach dem Spanischen Erbfolgekrieg verlorene italienische Gebiete zurückgewinnen, dies änderte jedoch nichts an seinem Bedeutungsverlust in Europa. Das Land wurde das gesamte Jahrhundert hindurch in Kriege zu Land und auf dem Meer verwickelt – Spanien unterhielt nach England die größte Kriegsflotte in Europa – und war finanziell völlig überfordert. „Um 1731 verschlangen Heer (62,3%) und Marine (15%) zusammen gut drei Viertel des spanischen Staatshaushaltes.“ (Schmidt, P., S. 220) Der andauernde Gegensatz zu England führte zu immer größeren finanziellen Belastungen. Dabei wurden durchaus von allen Herrschern im Spanien des 18. Jahrhunderts Anstrengungen unternommen, die wirtschaftliche Lage zu verbessern und Reformen durchzuführen. Jedoch kamen diese Bemühungen über gute Analysen und daraus zwar abgeleitete, dann aber bald versandende Vorhaben nicht hinaus. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte Frankreich dafür gesorgt, dass ein Bourbone die Krone in Spanien übernahm und die Zeit der Habsburger in diesem Land endete, am Ende des Jahrhunderts griff Frankreich erneut in die Geschi- Der Kampf um das spanische Italien 63 cke Spaniens ein und beendete das Régime der Bourbonen. Napoleon setzte 1808 seinen Bruder Joseph I. als König ein. Der Kampf um das spanische Italien 64

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Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.