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Bourbonen gegen Habsburg. Der Spanische Erbfolgekrieg, der zweite Schritt zu Englands Größe in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 47 - 58

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-47

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Bourbonen gegen Habsburg. Der Spanische Erbfolgekrieg, der zweite Schritt zu Englands Größe Karl II. war kinderlos geblieben, und so waren bereits 1696, bei Bekanntwerden der schweren Erkrankung des spanischen Königs, Überlegungen zwischen den möglichen Erben und den Seemächten darüber angestellt worden, wie Spaniens Besitz aufgeteilt werden könnte. Auf jeden Fall sollte eine Wiedervereinigung des riesigen Reichs unter der Habsburger Krone, wie es unter Karl V. bestanden hatte, vermieden werden. Dies war vor allem im Interesse Frankreichs, aber auch der Engländer. Für Holland und England war es aber auch wichtig, dass Spanien nicht von einem Bourbonen beherrscht würde. Die Pläne gingen dahin, Spanien mit den südlichen Niederlanden und den Kolonien als Einheit zu erhalten, jedoch den italienischen Besitz Mailand, Neapel, Sizilien und Sardinien an verschiedene Interessenten zu verteilen. Wilhelm III. und Ludwig XIV. hatten sich schon 1698 auf den bayerischen Kurprinzen als zukünftigen König von Spanien geeignet. Die interessierten Länder brachten sich in Stellung, es konnte Beute gemacht werden. Als Karl II., der letzte der spanischen Habsburger, am Allerheiligentag 1700 starb, machten sowohl der Bourbone Ludwig XIV. als auch Kaiser Leopold I., aus der österreichischen Linie der Habsburger, Erbrechte für ihre Nachfahren geltend, denn beide waren Enkel Philipps III. von Spanien. Die Mütter beider Herrscher waren Töchter Philipps III. (und Schwestern Philipps IV.). Ludwig XIV. und Leopold I. hatten zudem Töchter Philipps IV. (ihre Cousinen 1. Grades, wenn auch aus Philipps IV. erster, bzw. zweiter Ehe) geheiratet. Auch Maximilian II. von Bayern erhob Ansprüche, denn seine Gemahlin war eine Tochter Leopolds I. So gab es eine tiefe dynastische Verwobenheit zwischen den drei Staaten. Maria Teresa von Spanien, Ludwigs XIV. Ehe- 47 frau, hatte bei ihrer Hochzeit zwar gegen das Versprechen einer Entschädigungszahlung auf das Thronrecht verzichtet, da diese Zahlung jedoch nie erfolgte, erachtete Ludwig XIV. Maria Teresas Verzicht als ungültig. Schwestern und Nachfahren Philipps IV. Karl II., in seiner Schwäche, hatte in drei aufeinander folgenden Testamenten drei mögliche Erben genannt. Zwar hatte Karl II. zunächst einem österreichischen Habsburger den Thron vermachen wollen, diese Erbfolgeordnung aber schon 1696 geändert, „der österreichische Name war bereits im geheimen geopfert worden.“ Der König von Spanien stand unter dem Einfluss seiner Mutter, die auch die Urgroßmutter des jungen Prinzen Joseph Ferdinand Leopold von Bayern war und darauf bestand, dass ein Testament zu dessen Gunsten erstellt würde. Damit war sie im Einklang mit Frankreich und England. Nach ihrem Tod ging der beherrschende Einfluss auf den König von der Mutter aber ganz auf seine Ehefrau über. Diese „ließ das Testament, das den jungen bayerischen Prinzen zur Erbfolge berief, durch ihren Gatten vernichten, und der König versprach ihr, nur einen Sohn Kaiser Leo- Tab. 3: Bourbonen gegen Habsburg 48 polds zu seinem Erben einzusetzen.“ (Voltaire6, S. 179) Unter dem Einfluss von verschiedenen Seiten, vor allem aber aus Frankreich, verfasste der König von Spanien unmittelbar vor seinem Tod ein drittes Testament und vermachte seine sämtlichen Länder dem Herzog Philipp von Anjou, einem Enkel Ludwigs XIV. Philipp von Anjou, aus dem Hause Bourbon, sollte nun als König Philipp V. die Herrschaft in Spanien antreten. Diesen Thron aber beanspruchte auch Erzherzog Karl von Österreich, und ein dritter Anwärter auf den Spanischen Thron blieb nach wie vor Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern. Maximilian II. trat an die Stelle seines im ersten Testament Karls II. genannten, aber bereits im Februar 1699 im Alter von sechs Jahren verstorbenen Sohnes Joseph Ferdinand Leopold von Bayern. Nun aber war Philipp von Anjou auserkoren. „Europa schien anfangs in die Starrheit der Überraschung und der Ohnmacht versunken, als es die spanische Monarchie Frankreich unterworfen sah, dessen Rivalin sie dreihundert Jahre lang gewesen war. Ludwig XIV. schien der glücklichste und mächtigste Monarch auf Erden zu sein: In einem Alter von zweiundsechzig Jahren sah er sich von einer zahlreichen Nachkommenschaft umringt, und einer seiner Enkel sollte unter seiner Leitung Spanien, Amerika, die Hälfte von Italien und die Niederlande regieren.“ (Voltaire6, S. 187) In dem nun unausweichlich ausbrechenden Krieg um die spanische Erbfolge wurde das französische Heer und das des bayerischen Kurfürsten Maximilian II., der in Erwartung eines dynastischen Aufstiegs Frankreich militärisch unterstützte, von den alliierten Truppen unter Marlborough und Prinz Eugen – beide waren persönlich eng befreundet und kongeniale Heerführer – bei Höchstädt (engl. Battle of Blenheim) vernichtend geschlagen. Englische, niederländische und deutsche Truppen, darunter auch die des Kurfürsten von Hannover (Georg Ludwig, der spätere König Georg I. von England) und des Kurfürsten von Brandenburg, bildeten eine Allianz mit Habsburg gegen Frankreich. Der Kurfürst von Brandenburg erhielt als Gegenleistung das Zugeständnis der Königswürde (Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. in Preußen). Alliierte Truppen, jetzt auch unterstützt durch den König von Portugal und den Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen, drangen in die südlichen (spanischen) Niederlande ein, Bourbonen gegen Habsburg 49 die kaiserliche Armee bewegte sich nach Italien, denn französische Truppen hatten nicht nur die Niederlande, sondern auch fast ganz Oberitalien besetzt. Es ging um Piemont – Savoyen und die Hauptstadt Turin. Frankreich griff von Westen an, das mit ihm verbündete Spanien sandte Truppen von Mailand nach Turin, das nun monatelang belagert wurde. Die Kämpfe in Italien wogten hin und her, Prinz Eugen konnte dort erst im Jahre 1706 die Stadt befreien und den Franzosen so schwere Niederlagen beibringen, dass sie sich dauerhaft zurückzogen. Spanien verlor außer Italien (Mailand, Neapel, Sardinien, Sizilien) auch die südlichen Niederlande. Die Alliierten rückten nach Frankreich vor. Erzherzog Karl von Österreich gewann inzwischen Kataloniens Unterstützung und konnte seine Stellung in Spanien mit englischer Hilfe von Barcelona aus festigen und weiter ausbauen. Zu dieser Bedrängnis kamen Missernten, ein sehr kalter Winter – selbst am Versailler Hof soll das Wasser bei Tisch gefroren sein (Schnettger) – und daraus folgend Teuerungen und Hungerrevolten. „Der harte Winter des Jahres 1709 brachte die Nation vollends zur Verzweiflung. Die Olivenbäume, die im Süden Frankreichs eine bedeutende Einnahmequelle bildeten, gingen zugrunde, beinahe alle Obstbäume erfroren, und es blieb keine Aussicht auf eine Ernte. Man hatte nur wenige Magazine, und das Getreide, das man mit großen Kosten aus der Levante und aus Afrika beziehen konnte, lief Gefahr, von den feindlichen Flotten abgefangen zu werden, denen man beinahe keine Kriegsschiffe mehr entgegenzustellen hatte.“ (Voltaire6, S. 239) Frankreich war so geschwächt, dass es ein Friedensagebot mit außerordentlich weitgehenden Konzessionen vorlegte, darin besonders den Verzicht Philipps auf den spanischen Thron. Man kann es nicht begreifen, aber die Alliierten verwarfen das Angebot und stellten dagegen so überzogene und demütigende Forderungen, dass Ludwig XIV. nichts anderes übrigblieb, als den Krieg fortzusetzen. Die entscheidende Schlacht wurde 1709 bei Malplaquet gefochten, mit 36 000 Toten wohl die blutigste des Jahrhunderts. Die Verluste waren auf beiden Seiten sehr groß, besonders dramatisch bei den Alliierten, die einsahen, dass ihre Offensive trotz des Rückzugs der französischen Truppen ins Leere gelaufen war und nur Verhandlungen den Krieg beenden könnten. Verhandlungen waren auch deswegen die einzige Option, da sowohl Frankreich als auch Österreich finanziell ausgeblutet waren. In England kamen die Bourbonen gegen Habsburg 50 Tories an die Regierung und beriefen Marlborough ab, denn auch hier war das Ziel, Verhandlungen über einen Frieden zu führen. Tories und Whigs bekämpften sich in der grundlegenden Frage – Kontinent oder Meer und Kolonien – heftig und bitter. Die Tories, die das Engagement der Whigs auf dem Kontinent stets argwöhnisch beobachtet hatten und dem Konzept der Landkriege nicht zustimmten, änderten die Strategie und stärkten nun die Marineoperationen gegen Frankreich auf See und in den Kolonien. Dies war ein für Englands Aufstieg zur Weltmacht entscheidender Schritt. Es gab einen weiteren Grund dafür, dass sich das Bild grundlegend veränderte und die Allianz sehr schnell zerfiel: Kaiser Joseph I. starb. Sein jüngerer Bruder, Erzherzog Karl, der den spanischen Thron beanspruchte und sich bereits als Karl III. in Barcelona eingerichtet hatte, wurde als Kaiser Karl VI. Nachfolger im Reich, wodurch sich die Möglichkeit eröffnete, dass das riesige, Frankreich umschließende Reich Karls V. wiederhergestellt würde. Diese Aussicht erschreckte alle, vor allem die Engländer, die schon seit längerer Zeit in der Dimension eines Gleichgewichts der Mächte in Europa zu denken begonnen hatten. Man hatte eine Französisch-Spanische Machtachse der Bourbonen verhindern wollen und dagegen wieder zwei habsburgische Linien in Österreich und Spanien akzeptieren können, eine mögliche Neuauflage des Machtbereiches Karls V. in einer Person, allein über beide Reiche herrschend, erschien jedoch noch bedrohlicher als ein Bourbone in Madrid und musste unbedingt unterbunden werden. Für Frankreich wäre dies der größte denkbare Albtraum gewesen. Mit Erleichterung verfolgte man dort daher, wie die gegen das Land gerichtete Allianz zerbrach. In Utrecht wurde 1713/1714 Friede geschlossen, dem der Kaiser zunächst nicht, dann aber, nach einem weiteren Feldzug, doch zustimmte (Friedensvertrag von Rastatt und Baden). Der Bourbone wurde als Philipp V. König von Spanien. Der Kaiser erhielt die spanischen Nebenlande, dies waren die Herzogtümer Mailand und Mantua, das Königreich Neapel, Sardinien, das er später gegen Sizilien tauschte, und die südlichen, vormals spanischen, nun aber die österreichischen Niederlande (das heutige Belgien und Luxemburg). Großbritannien erhielt die Anerkennung der protestantischen Thronfolge, eine auf dreißig Jahre gesicherte Funktion der South Sea Bourbonen gegen Habsburg 51 Company im Sklavenhandel, mit der sie die Kolonien mit Sklaven aus Afrika versorgte (Asiento-Vertrag), und Gebietszuwachs: Gibraltar und Menorca und in der neuen Welt Gewinne in den Kolonien (Hudson Bay, Neufundland und Inseln in der Karibik). Das wichtigste Ergebnis des Krieges für England waren die kolonialen Gewinne, vor allem in Nordamerika, und dass seine maritime Vormacht auf den Weltmeeren gesichert war, auch wenn Frankreich ein großer Rivale blieb. Großbritannien, das sich auf den Weg machte, neben und auf Grund seiner dominanten Position als größte Seemacht nun auch die größte Handelsmacht der Welt zu werden, ging als der eigentliche Gewinner aus dem Erbfolgekrieg hervor. Wollte ein Land Handelsmacht sein, musste es auch Seemacht sein. Seemacht heißt, die Meere mit Kriegsschiffen zu beherrschen. Diese Kunst und diese Regel beherrschte England perfekt. Wo immer das Land Handels- und Kolonialinteressen hatte, wurden Konkurrenten mit militärischer Gewalt verdrängt. Hierzu später mehr. Maximilian II. Emanuel von Bayern ging leer aus, er erhielt nicht die von ihm angestrebte Königskrone. Viktor Amadeus II. von Savoyen, Schwiegervater Philipps V., bekam das während des Krieges von Frankreich besetzte Stammland zurück, dazu Nizza, Gebiete in der Lombardei und die Insel Sizilien. Philipp V. behielt zwar die Krone Spaniens und die Kolonien in Mittel- und Südamerika (die dort heute noch spanisch sprechenden Länder), jedoch nicht die spanischen Nebenlande. Spanien war durch diese territorialen Verluste im Konzert der europäischen Mächte deutlich geschwächt, seine Rolle als atlantische Seemacht hingegen war nach wie vor bedeutend. Philipp, dies war eine weitere Bedingung des Friedensvertrags, musste für alle Zukunft auf eine Vereinigung Spaniens mit dem französischen Königreich verzichten. Kaiser Karl VI. zog aus der Erfahrung des Spanischen Erbfolgekrieges die Konsequenz, dass er von nun an unablässig versuchen müsse, die Dynastie, die seine Tochter Maria Theresia eines Tages anführen sollte, durch ein Erbfolgegesetz (Pragmatische Sanktion) zu sichern. Mit der Pragmatischen Sanktion wollte der Kaiser die Unteilbarkeit der Länder und die Erbfolge auch in der weiblichen Linie sichern und einen Erbfolgekrieg unbedingt verhindern. Der dennoch einsetzende Österreichische Erbfolgekrieg dauerte von 1740 bis 1748, Bourbonen gegen Habsburg 52 aber letztlich blieben die Länder bis auf Schlesien unter der österreichischen Krone vereinigt. Auch hierzu später mehr. Frankreichs Gebietsgewinn seit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs und nach allen Kriegen unter Ludwigs Regentschaft betraf einige Gebietsabrundungen im Norden des Landes, Teile Luxemburgs, des Elsasses, Freiburg und Breisach, der Pfalz, des heutigen Saarlandes, der Franche-Comté und die Stadt Straßburg. Dagegen stand wegen Ludwigs Kriegen, seiner aufwändigen Bauten und seines sonnengöttlichen Lebensstils die Zerrüttung der Staatsfinanzen, so dass er selbst am Ende seines Lebens zu dem Schluss kam: „Ich habe den Krieg und die Bauwerke zu sehr geliebt.“ Ludwig XIV. starb am 1. September 1715. Nach seinem Tod zeigte sich die Befreiung aus hochformalisierter Etikette, starren und hierarchischen Vorschriften und Regeln zu allererst in einem neuen Kunstgeschmack als Ausdruck der veränderten Lebensauffassung. Eine Vorliebe für das Leichte, Spielerische, Graziöse verdrängte das Überladene der Barockkunst und fand Ausdruck in Malerei, Architektur und Landschaftsbau. Es war die Zeit des Rokoko. Frankreich war der Ausgangspunkt dieser Stilrichtung, wo sie dort und in Deutschland zeitgleich mit dem Spätbarock und dem beginnenden Klassizismus in England auftrat. In Deutschland steht der Begriff Rokoko vor allem für Kirchen- und Schlösserarchitektur (Schloss Sanssouci in Potsdam, Abb. 3). Kirchen in den katholischen Ländern wurden weiterhin im barocken Stil errichtet. Bourbonen gegen Habsburg 53 Schloss Sanssouci „Das Ideal des Rokoko ist ein irdisches Paradies ewiger Jugend, Heiterkeit, anmutiger Schönheit und göttlich verklärter Sinnlichkeit, das Tod, Sünde, Alter, Gebrechlichkeit und Einsamkeit verneint. Das ganze Leben gilt hier als etwas Leichtes und Heiteres, dessen Harmonie darauf beruht, dass alle Schwerfälligkeit, alles Pathos, alles Dunkle ausgeschlossen wird.“ (Bauer, H. S. 26) Man erkannte in der anti-absolutistischen Natur des Rokoko eine schöne, weltliche, sinnliche und säkulare Kraft. „Zart, schlank, anmutig, liebreizend, spielerisch, kokett“, mit diesen Worten, die Stefan Zweig wählte, um Marie-Antoinette zu charakterisieren, lässt sich die Zeit des Rokoko beschreiben. (Abb. 4 Fragonard) Abb. 3: Bourbonen gegen Habsburg 54 Jean-Honoré Fragonard (1732–1806): Die Schaukel Park- oder auch Gartenlandschaften, meist aus der Phantasie entstanden, stellten eine neue Gattung der Landschaftsmalerei dar, in die elegant gekleidete und sich präsentierende Personen, eine unbeschwerte höfische Gesellschaft, aufgenommen wurden. „Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass weder Boucher, noch Watteau oder später Abb. 4: Bourbonen gegen Habsburg 55 Fragonard den zeitgenössischen französischen Rokoko-Garten mit seinen streng geometrisierten Formen zum Vorbild nahmen, sondern dass diese entweder in den wesentlich freier gestalteten italienischen oder in älteren, verwilderten französischen Parkanalgen ihre Studien anfertigten.“ (Schultze, S. 20) Auch dies mag als Hinweis für die Freude über die gewonnene individuelle bürgerliche Freiheit gesehen werden. Auch in der Kunst ging England seine eigenen Wege, dort wurden das französische Barock und Rokoko nicht aufgenommen. In England stellte man den streng geometrischen Gärten von Le Nôtre mit seinen Anspielungen auf die Jahreszeiten und Einzelfiguren der Mythologie die Architektur des freien Landschaftsgartens entgegen, der durch kleine Hügel und Abhänge eine eigene Bewegung aufwies. Es entstanden lebendige Parklandschaften, durchzogen von kleinen Wasserläufen und Seen. Auf diese Weise aufgelockert, stand der neue parkartige Garten im Kontrast zur strengen und kunstvollen Symmetrie des französischen Gartens und wurde daher auch als antiabsolutistisches Symbol verstanden. Auch auf dem Kontinent war Le Nôtre nicht mehr das Maß der Dinge. Das Konzept der Parkgestaltung nach englischem Vorbild wurde in mehreren Fürstentümern verwirklicht, in München wurde der Englische Garten angelegt, der erste Volkspark Europas. Englands Malerei dagegen musste die Zeit der puritanischen Herrschaft im 17. Jahrhundert überwinden und erst wieder aufschließen zu der hohen Kunst in den Niederlanden, Frankreich und Italien. „Die technische und intellektuelle Überlegenheit in der Kunst (der Landschaftsmalerei, d. V.) in den Niederlanden und Flandern, in Italien und – als neuere Entwicklung – auch in Frankreich war (zu Beginn des 18. Jahrhunderts, d. V.) offensichtlich.“ (Vogtherr, S. 14) Zunächst gelang es William Hogarth, dann Thomas Gainsborough, eigenständige, international konkurrenzfähige Werke sowohl in der Portrait- als auch in der Landschaftsmalerei vorzulegen. Joshua Reynolds, ein ebenbürtiger Konkurrent Gainsboroughs, gründete 1768 die Königliche Kunstakademie in London, die entscheidend zur Ausbildung einer englischen Schule und deren Theoriebildung beitrug. (Abb. 5 Gainsborough) Bourbonen gegen Habsburg 56 Thomas Gainsborough: Waldlandschaft mit Hütte am See (vor 1782) Abb. 5: Bourbonen gegen Habsburg 57

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.