Content

Karl XII. in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 41 - 46

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-41

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Karl XII. Ein fiktives Gespräch zwischen Friedrich II. und Voltaire über die Persönlichkeit Karls XII. und seine Schlachten. Quelle Voltaire: Geschichte Karls XII., Friedrich II.: Betrachtungen über die militärischen Talente und den Charakter Karls XII. Voltaire: „Gustav Wasa, Gustav Adolf, Karl Gustav waren seine großen Vorfahren, Karl XI. sein Vater, ein Krieger wie alle seine Vorfahren, war eigenmächtiger als sie. Genügsam, umsichtig und fleißig, wäre der neue Herrscher liebenswert gewesen, wenn seine Tyrannei nicht alle Gefühle der Untertanen erstickt hätte außer der Furcht. 1680 vermählte er sich mit Ulrike Eleonore von Dänemark. Der Ehe entspross Karl XII., wohl der außerordentlichste Mensch, der je auf Erden gelebt hat, ein Mann, der alle Tugenden seiner Vorfahren in sich vereinte und dessen einziger unglücklicher Fehler es war, sie alle zu übertreiben. Obwohl ein sanftes Kind, zeigte er früh unüberwindlichen Starrsinn; das einzige Gegenmittel war, ihn bei der Ehre zu nehmen, mit dem Worte Ruhm ließ sich alles bei ihm erreichen. Gegen Latein hegte er Abneigung, doch sobald er hörte, die Könige von Polen und Dänemark seien dieser Sprache mächtig, lernte er rasch und lernte genug, um sie fortan zu sprechen.“ Friedrich: „Zu seiner Unterhaltung und um ihm Geschmack für Latein beizubringen, das er nicht liebte, ließ man ihn den geistvollen Roman des Quintus Curtius übersetzen. Dies Buch mochte in ihm wohl den Wunsch wachrufen, es Alexander dem Großen gleichzutun, aber er lernte daraus nicht die Regeln, die das System der neueren Kriegskunst bietet, um Erfolge zu erringen. Voltaire: „Der Lehrer, welcher ihm das Werk erläuterte, fragte ihn was er von Alexander denke. ›Ich denke‹, sagte der Prinz, ›dass ich ihm gleichen möchte. ›Aber‹, wurde ihm erwidert, ›er hat nur zweiunddrei- 41 ßig Jahre gelebt.‹ ›Na und‹, war die Antwort, ›genügt das nicht, wenn man Königreiche erobert hat?‹“ Friedrich: „Unter den Männern, die es unternommen haben, die Welt zu beherrschen oder umzuwälzen, ragen überlegene Geister hervor, deren Großtaten die Folge großer Entwürfe waren, Männer, die die Ereignisse benutzt oder sie selbst herbeigeführt haben, um die politische Gestalt der Welt zu ändern. So Cäsar. Seine der Republik geleisteten Dienste, seine Fehler und Tugenden, seine Siege – alles trug dazu bei, ihn auf den Thron der Welt zu heben. So auch der große Gustav Adolf, Turenne, Eugen, Marlborough in engeren oder weiteren Wirkungskreisen. Die einen ordneten ihre militärischen Operationen dem Ziel unter, das sie sich im Laufe eines Feldzuges gesteckt hatten. Die anderen knüpften ihr ganzes Wirken und mehrere Feldzüge an den Hauptzweck des unternommenen Krieges. Verfolgt man ihre bald bedächtigen, bald glänzenden Taten, so erkennt man aus ihnen das Ziel, dem sie zustrebten. Voltaire: „Als sich Schweden von kriegerischen Vorbereitungen in Dänemark, Polen und Russland bedroht sah, sagte Karl XII. seinen Räten: ›Meine Herren, ich habe beschlossen, nie mehr einen ungerechten Krieg zu führen, einen gerechten aber erst mit dem Untergang meiner Feinde zu beenden. Mein Entschluss ist gefasst; der erste, der feindliche Absichten offenbart, wird angegriffen, und wenn er besiegt ist, hoffe ich, auch den andern einige Furcht einzujagen.‹“ Friedrich: „Karl XII. verdankte der Kunst nichts, der Natur alles. Sein Geist war nicht gebildet, aber kühn, standhaft, schwungvoll, ruhmbegierig und imstande, dem Ruhme alles andere zu opfern. Seine Taten gewinnen bei näherer Prüfung ebenso viel, wie seine meisten Pläne verlieren. Seine Standhaftigkeit, die ihn über sein Geschick erhob, seine wunderbare Tatkraft und sein Heldenmut waren unzweifelhaft seine hervorragendsten Eigenschaften. Er folgte dem mächtigen Antrieb der Natur, die ihn zum Helden bestimmte. Sobald ihn die Habgier seiner Nachbarn zum Kriege zwang, entwickelte sich sein bisher verkannter Charakter sogleich. Der König von Dänemark griff Karls XII. Schwager, den Herzog von Holstein, an. Statt seine Truppen nach Hol- Karl XII. 42 stein zu schicken, wo sie den Fürsten, dem sie beistehen sollten, vollends zugrunde gerichtet hätten, lässt unser Held 8000 Mann in Pommern einrücken, schifft sich selbst auf seiner Flotte ein, landet auf Seeland, vertreibt von der Küste die Truppen, die sich seiner Landung entgegenstellen wollen, belagert Kopenhagen, die Hauptstadt seines Feindes, und zwingt den Dänenkönig binnen sechs Wochen zu einem für den Herzog von Holstein vorteilhaften Frieden. Das ist im Plan wie in der Ausführung bewunderungswürdig. Von Seeland folge ich dem jungen Helden nach Livland. Seine Truppen kommen mit erstaunlicher Schnelligkeit an. Auf diesen Zug passt Cäsars veni, vidi, vici. Karls Handlungsweise war klug, zwar kühn, aber nicht tollkühn. Er musste Narva entsetzen (befreien, d. V.), das der Zar persönlich belagerte; mithin musste er die Russen angreifen und schlagen. Ihr zahlreiches Heer war nur eine Horde schlecht bewaffneter und undisziplinierter Barbaren ohne gute Führer. Die Schweden durften sich also den Moskowitern für ebenso überlegen halten wie die Spanier den wilden Völkerschaften Amerikas. Der Erfolg entsprach der Erwartung durchaus, und die Welt erfuhr mit Staunen, dass 8000 Schweden 80 000 Russen besiegt und zersprengt hatten.“ Voltaire: „Nun erfand Karl XII. (bei der Schlacht an der Düna, d. V.) eine List, um die Feinde zu täuschen. Da er bemerkt hatte, dass der Wind von Norden, wo er mit seinen Leuten stand, nach Süden wehte, wo die Feinde standen, ließ er eine Menge feuchtes Stroh anzünden, dessen dichter Rauch sich über den Fluss ausbreitete und seine Truppen und deren Bewegungen vor den Sachsen verbarg. Dann ließ er einige mit rauchendem Stroh gefüllte Boote den Strom hinuntertreiben. So wurde der Qualm immer dichter und vom Winde dem Feind in die Augen geweht, was diesen aller Sicht beraubte. Und nun führte er seinen Plan aus. In einer Viertelstunde war er am anderen Ufer, die Geschütze wurden ausgeschifft, die Truppen in Schlachtordnung gestellt, der Feind, vom beißenden Rauch geblendet, konnte nur ein paar Schüsse abfeuern.“ Friedrich: „Nach einigen Kavallerieattacken und schwachem Infanteriefeuer schlagen die Schweden die Sachsen in die Flucht und zerstreuen sie. Welch bewundernswertes Verfahren beim Flussübergange! Wel- Karl XII. 43 che Geistesgegenwart und Tatkraft, den Truppen gleich beim Landen ein geeignetes Schlachtfeld zu geben! Welche Tapferkeit, in so kurzer Zeit die Entscheidung herbeizuführen!“ Voltaire: „Wir wollen nicht das ganze Kriegsgeschehen nacherzählen, nur so viel, dass nun bald das Unglück seinen Lauf nahm. An der Festung Poltawa verlor der König die Schlacht gegen den Zaren. Alle schwedischen Geschichtsschreiber versichern, die Schlacht wäre gewonnen worden, hätte man an jenem Tag keine Fehler gemacht. Doch alle Offiziere sagen, der Fehler sei gewesen, dieser Schlacht nicht aus dem Wege zu gehen, der Ursprung allen Unglücks aber beruhe auf dem Fehler, entgegen allem klugen Rat in dieses öde Land einzudringen und sich von einem kriegstüchtigen und an Zahl den Schweden überlegenen Feind einschließen zu lassen. Es kam hinzu, dass die unzähligen, über neun Jahre verteilten Kämpfe immer neue Ergänzungstruppen verschlangen.“ Friedrich: „Ja, seit seinem Sieg an der Düna verliert man den leitenden Faden im Handeln des Königs. Man sieht nur eine Menge Unternehmungen ohne Plan und Zusammenhang, freilich untermischt mit glänzenden Taten, aber nicht auf das Hauptziel gerichtet, das der König sich in jenem Kriege stecken musste. Da ihn bei allen seinen Unternehmungen während des Krieges in Polen das Glück begleitete, so merkte er nicht, dass er oft gegen die Regeln der Kriegskunst verstieß, und da er für seine Fehler nicht gestraft wurde, so erfuhr er auch die schlimmen Folgen nicht, die daraus hätten erwachsen können. Das beständige Glück gab ihm zu viel Zuversicht, und er dachte gar nicht daran, sein Verfahren zu ändern. Was zum Unglück des Schwedenkönigs am meisten beitrug, war die geringe Sorgfalt für die Verpflegung seiner Armee bei dem Marsch nach Russland. Wie kann man einen Feldherrn loben, wenn er von den Truppen verlangt, dass sie leben, ohne zu essen, dass sie unermüdlich und unsterblich sind? Woher sollte er Lebensmittel nehmen? Auf welchem Wege sollte er Nachschub erhalten? Wo neue Waffen, Uniformen und alle jene ebenso gewöhnlichen wie notwendigen Dinge finden, die man zum Unterhalt einer Armee immerfort braucht und erneuern muss.“ Karl XII. 44 Voltaire: „Ich überspringe die Ereignisse vieler weiterer Jahre und beschreibe Karls Ende. Als er Norwegen besiegen und für sein Reich erobern wollte, belagerte Karl die Festung Frederikshald, die Schlüsselstellung zum norwegischen Reich. Am 11. Dezember 1718, dem Andreastag, besichtigte er um 9 Uhr abends die Laufgräben. An einer Stelle machte er halt, kniete auf die innere Böschung nieder, stützte die Ellbogen auf die Brustwehr und schaute eine Weile den Arbeitern zu, die bei Sternenschein Erde schaufelten. Der König war mit dem Oberkörper dem Feuer einer feindlichen Batterie im genauen Schusswinkel ausgesetzt. Die feindliche Batterie feuerte mit Kartätschen. Der König, der sich am unbekümmertsten bloßstellte, war der Gefährdetste. In einem Augenblick stürzte der König stöhnend über die Brustwehr. Er war tot. Eine halbpfündige Kugel hatte ihn an der rechten Schläfe getroffen und ein drei Finger breites Loch geschlagen. Also endete im Alter von sechsunddreißig Jahren Karl XII., König von Schweden, nachdem er alles erlebt hatte, was tiefstes Missgeschick zu bieten vermag, ohne vom Glück verweichlicht, noch auch nur einen Augenblick vom Unglück erschüttert zu werden. Fast alle seine Taten, selbst die seines privaten Lebens, grenzen an das Unwahrscheinliche.“ Friedrich: „Obwohl die politischen Berechnungen bei Karl XII. oft den heftigen Leidenschaften weichen mussten, denen er unterworfen war, ist er nichtsdestoweniger einer der außerordentlichen Männer gewesen, die in Europa am meisten Aufsehen erregt haben. Er hat die Augen der Kriegsmänner durch eine Fülle immer glänzenderer Taten geblendet. Er hat die grausamsten Schicksalsschläge erlitten, ist der Schiedsrichter des Nordens, Flüchtling und Gefangener in der Türkei gewesen.“ Voltaire: „Er ist wohl der einzige Mensch hinieden und bisher der einzige Fürst gewesen, der nie schwach gegen sich selbst war. Er hat alle Heldentugenden so sehr ins Übermaß gesteigert, dass sie ebenso gefährlich wurden wie die entgegengesetzten Laster. Seine Charakterstärke wurde zu Starrsinn, der sein Unglück in der Ukraine herbeiführte und ihn fünf Jahre in der Türkei zurückhielt, seine Freigebigkeit artete in Verschwendung aus und hat Schweden zugrunde gerichtet; sein Mut wandelte sich in Tollkühnheit und war Ursache seines Todes; sein Gerechtigkeitssinn grenzte oft an Grausamkeit, und in seinen letzten Le- Karl XII. 45 bensjahren ist er, um seine Autorität zu wahren, fast zum Tyrannen geworden. Seine Leidenschaft für den Ruhm, den Krieg und die Rache hinderte ihn daran, auch ein großer Staatsmann zu sein, eine Eigenschaft, die unlöslich zu jedem wirklich großen Eroberer gehören muss.“ Friedrich: „Fasst man die verschiedenen Charakterzüge dieses eigenartigen Königs zusammen, so findet man, dass er mehr tapfer als geschickt, mehr tätig als klug, mehr seinen Leidenschaften unterworfen als seinem wahren Vorteil zugetan war. Welchen Glanz auch die Taten unseres berühmten Helden verbreiten, man darf ihn doch nur mit Vorsicht nachahmen. Je mehr er blendet, desto geeigneter ist er, die leichtfertige, brausende Jugend irrezuführen. Ihr kann man nicht genug einschärfen, dass Tapferkeit ohne Klugheit nichts ist und dass ein berechnender Kopf auf die Dauer über tollkühne Verwegenheit siegt. Ein vollkommener Feldherr müsste den Mut, die Ausdauer und die Tatkraft Karls XII., den Blick und die politische Klugheit Marlboroughs, die Pläne, Hilfsmittel und Fähigkeiten des Prinzen Eugen, die List Luxemburgs, die Klugheit, Methode und Umsicht Montecuccolis mit der Gabe Turennes, den Augenblick zu erfassen, vereinigen. Aber ich glaube, dieser stolze Phönix wird nie erscheinen.“ Voltaire: „Karls Glück und Glanz war auf Peter den Großen übergegangen, und er wusste diesen Vorzug fruchtbarer zu genießen als sein Nebenbuhler; denn er verstand es, alle errungenen Vorteile zu seinem Nutzen zu verwenden. Wenn er eine Stadt eroberte, wandten sich die besten Künstler und Handwerker mit den Erzeugnissen ihrer Arbeit nach Petersburg. Er führte auch aus den eroberten schwedischen Provinzen Manufakturen, Künste und Wissenschaften nach Russland; seine Staaten bereicherten sich an seinen Siegen, weshalb ihm von allen Eroberern am ehesten Verzeihung gebührt.“ Karl XII. 46

Chapter Preview

References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.