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Innovation und Beginnende Industrialisierung. Der vierte Schritt zu Englands Größe in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 283 - 294

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-283

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Innovation und Beginnende Industrialisierung Der vierte Schritt zu Englands Größe England war das Land in der Welt, das am besten auf die neue Zeit der Industrialisierung vorbereitet war, in der Maschinen eingesetzt wurden, mit denen hohe Stückzahlen eines immer gleichen Produktes hergestellt werden konnten, um eine entsprechende Nachfrage zu bedienen. Im Zentrum der beginnenden Industrialisierung stand das Schaf. Bereits im 17. Jahrhundert waren die Schafhaltung und die Verarbeitung der Wolle so ausgerichtet gewesen, dass es nur noch eines kleinen innovativen Schritts bedurfte, um zu einer mechanischen Wollwarenproduktion überzugehen. So überraschend einfach es auch klingen mag, eine Grundlage für Englands Aufstieg zur größten Wirtschaftsmacht im 18. Jahrhundert lag zunächst darin, dass dort eine intensive Schafzucht – bald eine industrielle Schafzucht – betrieben und die gewonnene Wolle zur Herstellung von Stoffen verarbeitetet und exportiert wurde. Die Nachfrage war groß, in keinem anderen Gebiet als eben in der Verarbeitung der Wolle gab es einen gleich großen Druck, die Arbeit zu vereinfachen, den Arbeitseinsatz effektiver zu organisieren und kreativ zu sein. Wenn in früheren Jahrhunderten die Technisierung zum Bau von Windmühlen und zur Druckerpresse geführt hatte, wurde jetzt – die Idee lag nahe – die Wollherstellung von der Hand auf die Maschine übertragen, und dies bewirkte einen nicht geplanten, nicht geahnten Aufschwung. Der wirtschaftliche Fortschritt wurde in der Bevölkerung allgemein positiv aufgenommen, begüterte Familien, oft aus dem englischen Adel, begleiteten den Aufschwung mit Investitionen. All dies passte gut zu der stets pragmatischen Herangehensweise und Denkungsart der Engländer. Am Beginn der industriellen Revolution standen also die Wollverarbeitung und die Entwicklung von Maschinen, die unermüdlich und mindestens so zuverlässig arbeiteten wie der Mensch. Durch die Erfindung von Baumwollspinnereimaschinen wurde die mechanische Her- 283 stellungsweise zuerst in der Textilmanufaktur eingesetzt, ständig verbessert und weiterentwickelt. Es entstanden Textilfabriken, die den neuen Webstuhl einsetzten. Zu dem großen Erfolg der mechanischen Spinnerei trug auch bei, dass importierte Baumwolle eingesetzt wurde, denn diese bot festere Fäden. Schon bald machten Textilien mehr als 70% der britischen Exporte aus. (Osterhammel2, S. 51) Auch auf anderen Gebieten, wie in der Metallindustrie, setzte sich die Automatisierung durch, sobald man neue Techniken erfunden hatte. Landes schreibt (S. 209): „Die Metallindustrie verdankte ihre gro- ßen Fortschritte der Ersetzung der Umkehr- durch die Drehbewegung: Von nun an stellte man Bleche her, indem man sie walzte, statt sie zu hämmern; Drähte, indem man Metall auf der Ziehbank durch immer engere Löcher zog; Löcher, indem man sie bohrte, statt sie zu schlagen; und Hobeln und Formen erledigte man nicht mehr mit Meißel und Hammer, sondern mit der Drehbank.“ In den 90er Jahren gingen die ersten Hochöfen in Betrieb. Bereits 1709 hatte Henry Corts mit seiner Erfindung, Steinkohle beim Verhüttungsprozess zu verwenden, die mit der Zeit knapper werdende Holzkohle ersetzt. Mit der Steinkohle wird eine höhere Temperatur erreicht als mit der Holzkohle, was zur Verbesserung der Eisenschmelze und einem höheren Reinheitsgrad führt, wichtig für die Qualität aller Metall- und Eisenprodukte. James Watt beschrieb 1769, wie Wasserdampf in Dampfmaschinen effizienter genutzt werden konnte. Der Einsatz der Dampfmaschinen nahm seither einen großen Aufschwung. In Maschinenfabriken wurden daher bald auch Dampfmaschinen hergestellt, die in verschiedenen Industriezweigen Anwendung fanden und auf deren Basis 1804 die erste Dampflokomotive entstand. Im 18. Jahrhundert war es zu bahnbrechenden Entwicklungen und dem Beginn der Industrialisierung gekommen. Innovationen sorgten auf allen Gebieten für Fortschritt. Und so waren am Ende des 18. Jahrhunderts ohne prophetische Gabe aus den bereits gemachten Erfahrungen viele für die Menschheit wesentliche zukünftige Entwicklungen absehbar, aus dem einfachen Grund, dass eine Nachfrage – ein Markt – bestand: Ein unaufhaltsamer Fortschritt der technischen und schließlich, jedoch deutlich verzögert, auch der medizinischen Wissenschaften, eine verbesserte Nahrungsmittelversorgung, ein schnell wachsender globaler Handel, eine Beschleunigung auf allen Gebieten, Innovation und Beginnende Industrialisierung 284 eine arbeitsteilige industrielle Fertigung, der umfassende Einsatz von Maschinen. Ferner: das Entstehen der Weltmacht USA, das Ende der Isolierung nach außen in Japan und China unter dem Druck der gro- ßen Wirtschaftsnationen, was schließlich auch die Teilnahme dieser Länder am Wettstreit um einen vorderen Platz in der Hierarchie der Weltmächte bedeuten würde. Und vor allem zu nennen: der wachsende Einfluss des Wirtschafts- und Finanzsystems auf die Politik. Mit einem Wort: die Moderne war programmiert worden. Im 18. Jahrhundert waren der automatische Webstuhl, die Dampfmaschine und die Stahlproduktion erfunden, und es waren bereits einige physikalische Grundsätze der Elektrizität beschrieben worden. Nachdem Benjamin Franklin den Blitzableiter entdeckt hatte, nahm die Untersuchung elektrischer Phänomene einen großen Aufschwung. Die systematische Wissenschaft der Elektrizität wurde von Volta (Spannung, Speicherung in Batterien) und Coulomb (Elektrostatik) begründet. Daraus ergaben sich im 19. Jahrhundert weitere technische Erfindungen und Entwicklungen: Ohm (elektrischer Widerstand), Ampère (Stromstärke), Gauß (elektrischer Fluss), Faraday (Elektrodynamik), und Maxwell (Elektromagnetismus), und auf anderen Gebieten: 1807 Dampfschiff, 1826 Schiffsschraube, 1830 Eisenbahnlinie Liverpool-Manchester, 1852 Personenaufzug, 1854 Elektrische Glühlampe, 1859 Auffinden von Erdöl und Erdölbohrungen in den USA, 1864 Schreibmaschine, 1869 das Periodensystem der Elemente, 1867 Dynamit, neue Waffen, wie das Maschinengewehr, das im 19. Jahrhundert immer weiterentwickelt wurde, 1876 Bell’s Telefon, 1876 Viertaktmotor, 1881 elektrische Straßenbahn, 1885 Benzinkraftwagen, 1893 Dieselmotor, 1895 Röntgenstrahlen, 1895 drahtlose Telegraphie, 1903 Motorflugzeug. Adam Smith, der große schottische Wirtschaftswissenschaftler, der feststellte, dass nichts so sehr zum Erfolg einer Volkswirtschaft beiträgt wie die Verwirklichung des eigenen wirtschaftlichen Vorteils, legte 1776 in seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ die theoretischen Grundlagen des Wirtschaftsgeschehens dar: Arbeitsteilung, Geld, Preise, Angebot und Nachfrage, Kapitalgewinn, Bodenrente, Wachstum, Handel, Steuern, Schulden, untermauert durch direkte Beobachtungen. Smith war überzeugt, dass die für Produktion und Handel Verantwortlichen am besten selbst ihre Interessen wahren könnten. Er beklagte, Innovation und Beginnende Industrialisierung 285 dass die Wirtschaftspolitik in Europa durch Beschränkungen des Wettbewerbs in einigen Erwerbszweigen zu bedeutenden Ungleichheiten im Einsatz von Arbeit und Kapital in den einzelnen Wirtschaftszweigen führte. Als sehr wesentlich für die Produktivität erkannte er die Arbeitsteilung, die er als ein äußerst effektives Instrument bei der Warenproduktion beschrieb: „Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist, (…) könnte, selbst wenn er fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen. Aber so, wie die Herstellung von Stecknadeln heute betrieben wird, ist sie nicht nur als Ganzes ein selbständiges Gewerbe. Sie zerfällt vielmehr in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge, die zumindest zur fachlichen Spezialisierung geführt haben. Der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, einer vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift das obere Ende, damit der Kopf aufgesetzt werden kann. Auch die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei getrennte Arbeitsgänge. Das Ansetzen des Kopfes ist eine eigene Tätigkeit, ebenso das Weißglühen der Nadel, ja selbst das Verpacken der Nadeln ist eine Arbeit für sich. Ich selbst habe eine kleine Manufaktur dieser Art gesehen, in der nur 10 Leute beschäftigt waren, so dass einige von ihnen zwei oder drei solcher Arbeiten übernehmen mussten. Zusammen konnten sie am Tag etwa 12 Pfund Stecknadeln anfertigen, wenn sie sich einigermaßen anstrengten. Rechnet man für ein Pfund über 4 000 Stecknadeln mittlerer Größe, so waren die 10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48 000 Nadeln herzustellen, jeder also ungefähr 4 800 Stück.“ Smith erklärt, dass eine solche arbeitsteilige Produktionsweise, die hohe Stückzahlen in kurzer Zeit erbringt, natürlich nur dort sinnvoll ist, wo eine entsprechende Nachfrage besteht, eben in großen Städten, noch besser in solchen, die an Flüssen gelegen sind, die einen zügigen Transport ermöglichen. Auf dem Land dagegen, vor allem in dünn besiedelten Landstrichen, dort, wo kleine Dörfer und schlechte Verbindungswege bestehen, ist eine Arbeitsteilung nicht möglich. „Ein Handwerker auf dem Lande ist fast überall gezwungen, alle Arbeiten anzunehmen, die insoweit einander ähnlich sind, als dabei das gleiche Material verwendet wird. So übernimmt ein Zimmermann im Dorf jede Holzarbeit, ein Schmied alle Eisenarbeiten.“ (Smith, S. 19) Das Prinzip der Arbeitsteilung im industriellen Innovation und Beginnende Industrialisierung 286 Produktionsprozess setzte sich allmählich überall durch und ermöglichte einen großen und nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung. Die Bevölkerung konnte mit großen Stückzahlen aller möglichen Waren zu günstigen Preisen versorgt werden. Smith sah aber auch die Gefahr, die in einer immer wiederkehrenden, monotonen Arbeit liegt und die geistigen Fähigkeiten der Arbeiter verkümmern lässt. Es kommt hinzu, so Smith, dass junge Arbeiter meist ihrerseits aus Arbeiterfamilien stammen, in denen die Eltern einfacher, gleichförmiger Tätigkeit nachgehen und keine Muße haben, sich mit Anregendem zu beschäftigen und kein Wissen, aus dem sie den Kindern Grundkenntnisse vermitteln könnten. Der Staat müsse daher die Schulbildung erleichtern und durchsetzen. (Smith, S. 665) Zu den weiteren Gefahren der industriellen Entwicklung gehörten damals auch die Privatisierung von Gemeindeland, Enteignung von Landbesitz und in vielen Fällen ein Lohn, der nicht zum Leben reichte, während Adam Smith forderte, dass der Lohn höher sein müsse, als nur den Lebensunterhalt garantieren zu können, denn ansonsten wären Familiengründungen kaum möglich. Viele Menschen verloren ihre Selbständigkeit, es entwickelten sich mit der Zeit große Veränderungen von Besitz und Einkommen, die schlimmes Leid mit sich brachten. Ursache und Triebkraft waren wie immer, zu jener Zeit jedoch noch völlig unkontrolliert, Hab- und Profitgier. „Die Zeit der Industrialisierung war eine Zeit des Massenelends und der rücksichtslosen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft: so schrecklich, wie Friedrich Engels sie 1845 in seiner Schrift ›Die Lage der arbeitenden Klasse in England‹ beschrieben hat. Ohne ausgedehnte Kinderarbeit in Bergwerken und Fabriken hätten zahllose Arbeiterfamilien ihr armseliges Leben nicht fristen können.“ (Winkler2, S. 45) Eine Auswanderungswelle war die Folge der ungerechten Bedingungen. Schon damals entstanden Gewerkschaften, die in Großbritannien jedoch 1799 verboten wurden und erst Mitte des 19. Jahrhunderts wiederkehrten. Der Kapitalismus als Finanz- und Wirtschaftssystem, dessen Ziel in der Maximierung von Profit liegt, muss – besonders wenn er global agiert – Gerechtigkeit für die Menschen in der Teilhabe an den Erfolgen schaffen. Dies zu überwachen ist eine Aufgabe der Politik. Denn das eigentliche Ziel muss darin bestehen, das Leben der Vielen stetig zu verbessern. An diesem Ziel misst sich die Legitimität der Politik. Innovation und Beginnende Industrialisierung 287 „Smith stimmt mit anderen schottischen Moralphilosophen überein, die Tugend der Gerechtigkeit als soziale Basistugend zu betrachten und zivilisatorischen Fortschritt wesentlich am Kriterium der Verwirklichung der Gerechtigkeit zu messen.“ (Ottow, S. 325) Während Frankreich im Verlauf des 18. Jahrhunderts mit seinen Armeen in zahlreiche Kriege auf dem europäischen Kontinent, in Indien und Amerika verwickelt war und mit zerrütteten Staatsfinanzen umzugehen hatte, schließlich sich mit der Revolution und ihren innenund außenpolitischen Folgen auseinandersetzen musste und bis 1815 durch die Koalitionskriege weiterhin mit Krieg statt mit Aufbau und Innovation beschäftigt war, investierte England seine Mittel sehr pragmatisch gezielt in den Auf- und Ausbau der Industrie und des weltweiten Handels. England verfügte über eine große Handelsflotte, hatte in Indien über Frankreich gesiegt und mit weiteren eigenen Kolonien und Handelsstützpunkten ein weites Netz von wirtschaftlichen Beziehungen aufgebaut, das nun erweitert und verdichtet wurde. So war England Ende des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Industrienation und die führende Welthandelsmacht geworden. Zu einer erfolgreichen Industrialisierung gehörte neben einem ausgeprägten Modernisierungswillen und leistungsfähigen Arbeitsabläufen vor allem ein starkes Finanzsystem. Schon früh war erkannt worden, dass die Banken der Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft und des Handels sind. London entwickelte sich bald zum einflussreichsten Finanzsektor der damaligen Welt. Mit dem britischen Pfund als wichtigster Währung der Welt steuerte der Finanzplatz London die globalen Geld- und Warenströme. Der vielleicht wichtigste Vorteil Englands aber lag darin, wie die Gelder vermögender Kapitalgeber investiert wurden. Gingen die Gelder auf dem Kontinent vorwiegend in ländliches Grundeigentum und Immobilien, investierte man in England in expandierende Industrieunternehmen. Mit der beginnenden Industrialisierung entwickelte sich ein starker Kapitalismus, der die Dynamik des neuen Wirtschaftens nicht nur verstärkte, sondern zu seinem Erkennungsmerkmal wurde. Jetzt befeuerte der Kapitalismus nicht nur Wirtschaft und Handel, sondern nahm einen bedeutenden Einfluss auf die Wandlung von der Innovation zum Produkt, d. h. unmittelbar auf den Fortschritt. „In der methodischen Hinwendung auf den Fortschritt liegt das spezifisch neuzeitliche Prin- Innovation und Beginnende Industrialisierung 288 zip des Kapitalismus, dessen innere Übereinstimmung mit dem Verfahren der modernen Naturwissenschaften nicht übersehen werden darf. (…) Wirtschaftsform und Naturerkenntnis erweisen darin ihre spezifisch moderne Wendung, dass sie nicht primär nur aktuelle Erkenntnis, direkte Bedürfnisversorgung erstreben, sondern als Antizipationen einer unendlichen Weiterentwicklung die Utopie zukünftiger Möglichkeiten schon in ihrer gegenwärtigen Bauform berücksichtigen. Diese Hereinnahme des Entwicklungsgedankens ist die eigentliche historische Funktion des Kapitalismus.“ (Müller-Armack, S. 43) In der heraufziehenden neuen Zeit sah man vor allem in Deutschland nicht nur die Entwicklungen, die sich günstig auf vermehrten Reichtum und bessere Versorgung einer wachsenden Bevölkerung auswirken würden. Die allgemeine Beschleunigung im Zeichen des Fortschritts und dessen Wirkung auf „das Sittliche“ wurde von Goethe skeptisch gesehen, der an den Berliner Juristen Nicolovius schrieb: „So wenig nun die Dampfwagen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich: die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mensch gesetzt ist.“ (zitiert aus Osten, S. 14) Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität erhöht zwar das Vermögen der Gesellschaft, jedoch verschafft sie den Eigentümern des Kapitals eine übermächtige Überlegenheit gegenüber dem Rest der Bevölkerung, so dass eine gerechte Teilhabe an dem Profit immer wieder erstritten werden muss. „Wo immer sich der Kapitalismus, schon in jener Epoche, massiv durchsetzte, nahm die soziale Ungleichheit zu, wenngleich der Lebensstandard insgesamt stieg.“ (Kocka, S. 75) Rousseau hatte auf die Gefahr einer ganz anderen Form – nicht die der äußeren, sondern der inneren – Abhängigkeit hingewiesen: „Besonders im Vergleich mit den Naturvölkern in den Amerikas, erschien Rousseau die fortschreitende Zivilisation als fortschreitende Entfremdung des Menschen von sich selbst, seiner natürlichen Güte, Bedürfnislosigkeit, Unabhängigkeit und Stärke, oder umgekehrt: als Versklavung des Menschen durch die Erzeugung künstlicher Bedürfnisse und Abhängigkeiten“ (Stollberg2, S. 257) Auch in der Kunst wurde diese Zwiespältigkeit in der Einschätzung der fortschrittlichen Entwicklungen aufgenommen. Zwei Werke Innovation und Beginnende Industrialisierung 289 von Joseph Wright of Derby sollen erwähnt werden: Das Experiment mit der Luftpumpe und Die Schmiede. Beide Bilder können als Kritik, oder auch im Gegensatz dazu als Verherrlichung der neuen Zeit gesehen werden. (Abb. 35 Experiment mit der Luftpumpe), (Abb.36 Die Schmiede) Joseph Wright of Derby: Das Experiment mit der Luftpumpe (1767/1768) Werner Busch, auf dessen Ausführungen über die Gemälde von Joseph Wright of Derby ich mich hier beziehe, vergleicht beide Werke mit Christusdarstellungen, in denen, wie auch in den genannten Werken von Wright, die Lichtquelle aus der Mitte des Raumes erstrahlt. Nur ist es in den Christusdarstellungen Jesus selbst, von dem das Licht ausgeht, im Bild des Experiments mit der Luftpumpe ist es eine Kerze, die das Experiment in den Mittelpunkt stellt. Abb. 35: Innovation und Beginnende Industrialisierung 290 Joseph Wright of Derby: Die Schmiede (1771) In der Schmiede ist es das bearbeitete glühend heiße Eisen. Drückt Wright in beiden Werken die blasphemische Einstellung aus, dass der Fortschrittsglaube an die Stelle der gottgläubigen Frömmigkeit tritt? Denn der Mensch kann Materie verändern oder – im Experiment – ein Nichts, eben das Vakuum entstehen lassen. In dem Glasbehälter, in Abb. 36: Innovation und Beginnende Industrialisierung 291 dem das Vakuum erzeugt wird, befindet sich zum Beweis des erfolgreichen Experiments eine Taube. Der Mensch kann sie sterben lassen und „durch eine winzige Drehung mit den Fingerspitzen“ (Busch, S. 46), durch die neue Luft in den Behälter eingelassen wird, wiederbeleben. Der Mensch ist Herr über Leben und Tod. Die Antwort der Aufklärung auf die möglichen Interpretationen der Bilder von Joseph Wright liegt im Deismus, der Gott als den ursprünglichen Beweger, den Urschöpfer ansieht, der sich nach dem Schöpfungsakt aber zurückgezogen hat. Jetzt liegt die Welt in der Hand des Menschen. Auch dies wird in dem Experiment gezeigt. „Die Beseelung der toten Materie, aus der Gott Adam geformt hat, erfolgt in der bloß angedeuteten Berührung Adams durch die Fingerspitzen Gottes; auf einem der berühmtesten Bilder der Christenheit, auf Michelangelos Fresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle, ist es so dargestellt.“ (Busch, S. 47) In dieser neuen Zeit war der Glaube an Gott erschüttert, an seine Stelle trat das moralische Gesetz als ein höchstes zu achtendes Gut. „Für die Progressiven enthielt die Rede von Säkularisation das Versprechen, die Menschheit könne sich durch Arbeit und Selbstbestimmung von ihrer unwürdigen, religiös bevormundeten Vorgeschichte lösen.“ (Sloterdijk) Mit dem kategorischen Imperativ und dem Hinweis auf die Bedeutung der Pflicht des Menschen verdeutlichten Philosophen, dass gesellschaftliches Chaos und Katastrophe nur durch moralisches Handeln gebändigt werden können. Sie nahmen hierbei, gar nicht einmal paradoxerweise, im Wesentlichen die Grundaussagen des Neuen Testaments auf, denn diese Elemente bleiben gültig, unabhängig vom Schicksal Gottes. Voltaire vertraute auf die Kraft der Wahrheit, und der Mann, den er aus diesem Grund für den bedeutendsten hielt, war Newton, denn „demjenigen, der mit der Kraft der Wahrheit über die Geister herrscht, und nicht denen, die mit Gewalt Sklaven machen, demjenigen, der die Welt kennt, und nicht denen, die sie verunstalten, schulden wir unsere Achtung.“ (Voltaire5, S. 47) So endet dieses Buch, wie es begann, nämlich mit dem Hinweis darauf, dass weltweiter Handel, ein starkes Finanz- und Bankenwesen zwar wesentliche Voraussetzungen für wachsenden Wohlstand in der Welt sind, aber doch erst aus einer freien, gebildeten, gut ausgebildeten Bürgerschaft und immer neuen Erkenntnissen in den Naturwissen- Innovation und Beginnende Industrialisierung 292 schaften, der Forschung in Medizin und Technik und nicht zuletzt, sondern als Vorraussetzung für alles andere, aus einer die Freiheit des Individuums fordernden Philosophie die Kräfte entstehen, die den zivilisatorischen und kulturellen Fortschritt für die Menschen in der Welt bedeuten. Kein anderes Jahrhundert zuvor hat wie das 18. den Nachweis für die Richtigkeit dieser Aussage erbracht. Innovation und Beginnende Industrialisierung 293

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.