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Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 263 - 282

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-263

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, | wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, | wenn unerträglich wird die Last – greift er | hinauf getrosten Mutes in den Himmel, | und holt herunter seine ew’gen Rechte, | die droben hangen unveräußerlich | und unzerbrechlich wie die Sterne selbst – | Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, | wo Mensch dem Menschen gegenübersteht – Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr | verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben – [...]“ (Schiller: Wilhelm Tell, Rütli- Szene) Durch übergroße Verschuldung können Staaten in eine bedrohliche Situation der Schwäche geraten. Dies war gewiss auch im 18. Jahrhundert nicht anders als zu früheren und späteren Zeiten, wie Adam Smith 1776 schrieb: „Die Politik der öffentlichen Verschuldung hat nach und nach jeden Staat geschwächt, der sich ihrer bedient hat, und wie es scheint, haben die italienischen Republiken damit begonnen. Spanien hat die Methode offenbar von den italienischen Republiken übernommen und, gemessen an seiner natürlichen Stärke, noch mehr darunter gelitten. Trotz aller natürlichen Hilfsquellen leidet Frankreich unter einer ähnlich drückenden Last. (…) Dort, wo die öffentliche Schuld einmal eine bestimmte Höhe überschritten hat, ist es meines Wissens kaum gelungen, sie auf gerechte Weise und vollständig zurückzuzahlen. Sofern es überhaupt gelang, die Staatsfinanzen wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen, bediente man sich stets dazu des Bankrotts.“ (Smith, S. 802, 803) Seit den Zeiten Ludwigs XIV. war es nicht mehr gelungen, die französischen Staatsfinanzen in Ordnung zu halten. Die Kriege und Hofhaltung seines Nachfolgers, Ludwigs XV., und zuletzt die Kosten für das militärische Eingreifen Ludwigs XVI. in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hatten das Land in eine tiefe Finanzkrise geführt, die nur durch deutlich erhöhte Steuereinnahmen hätte überwunden werden können. Der Verlust der amerikanischen und indischen Gebiete (1763) bedeutete darüber hinaus ein Sinken der Handelseinnahmen des fran- 263 zösischen Staats, was die Haushaltsdefizite noch verschärfte. Adel und Klerus waren nicht bereit, ihre Privilegien aufzugeben und Steuern zu zahlen, und der Dritte Stand – unterstützt von Gruppen des Adels – stellte seinerseits Forderungen nach sozialen Erleichterungen und gesellschaftlicher Anerkennung, denn er hatte an Einfluss und Selbstbewusstsein gewonnen. Nur die Versammlung der Repräsentanten aller Stände könnte in dieser sehr kritischen Situation einen Weg zur Einigung weisen. Es war also ein Zeichen für das Ausmaß des Zerwürfnisses zwischen allen Schichten der Bevölkerung untereinander und dieser mit dem König, dass die obersten Gerichtshöfe – vom Adel dominiert – die Einberufung der Generalstände forderten, die seit 1614 nicht mehr zusammengekommen waren. Anders als das englische Parlament, das sich schon vor einhundert Jahren seine freiheitlichen Rechte gegenüber dem Königshaus erkämpft hatte und stets im Interesse eines starken Englands arbeitete, verweigerte das französische Parlament immer wieder überfällige Neuerungen. Die Revolution begann als Revolte des Adels gegen die vom König geforderten Reformen, der dritte Stand befeuerte die Bewegung. Es war eine Situation, „in der das Vertrauen in die Gerechtigkeit oder Tragbarkeit der herrschenden Regierung schwindet, in der alle Treuepflichten verblassen, Verpflichtungen als Bürde empfunden werden, Recht für Willkür gehalten und Respekt vor der Obrigkeit als eine Art Demütigung empfunden wird. Ansehen scheint unverdient, althergebrachte Formen von Einkommen und Besitz scheinen zu Unrecht erworben zu sein, und die Regierungen scheinen den Regierten so fernzustehen, dass diese meinen, die Regierung vertrete in Wahrheit gar nicht ihre Interessen.“ (Palmer, S. 33) Die Vorgänge in Frankreich hatten eine dramatische Wirkung auf die Höfe in Europa und Russland. „Katharina II. nahm mit Entsetzen die Nachricht von der dem König abverlangten Berufung der Generalstände auf, da sie in den damit einhergehenden Unruhen bereits den Beginn des Bürgerkriegs in Frankreich sah.“ (Donnert, S. 304) Friedrich II. hatte schon am 13. August 1775, ein Jahr nach des Königs Krönung, an Voltaire über Ludwig XVI. geschrieben: „Ihr König hat die besten Absichten, er will das allgemeine Wohl; er hat nichts weiter zu fürchten als die Pesten der Höfe, die versuchen werden, ihn nach und nach zu korrumpieren und zu verderben. Er ist sehr jung; er kennt die Heimtücke nicht und nicht die Finessen, derer die Höflinge sich beflei- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 264 ßigen, um ihn für sich einzunehmen, damit er ihren Absichten, ihrem Hass oder ihrem Ehrgeiz willfährt. Er wuchs in der Schule des Schwachsinns auf; das lässt befürchten, dass es ihm an der Entschiedenheit mangeln wird, von sich aus das anzuzweifeln, was stumpfsinnig anzubeten man ihm beigebracht hat.“ (zitiert aus Pleschinski, S. 518) Friedrich hatte recht: der entschlusslose König wurde dazu gebracht, die Reformen, die sein Großvater (Ludwig XV.) eingeleitet hatte, zurückzunehmen. Das alte reformfeindliche Parlament wurde wiedereingesetzt. Und doch hatte Friedrich II. die Sorge gehabt, dass Marie-Antoinette, wenn sie erst Königin sein und ihre Mutter noch leben würde, die Fäden der französischen Diplomatie in ihre Hände nehmen könnte und sich die Konstellation dreier mächtiger Frauen wiederholen würde, die zur Zeit der Schlesischen Kriege als große Gegnerinnen Friedrichs in Frankreich, Russland und Österreich gewirkt hatten und nun erneut wirken würden. Diese Sorge verflog schnell, denn Marie-Antoinette wollte nur als die „eleganteste, die koketteste, die bestangezogene, verwöhnteste und vor allem die vergnügteste Frau des Hofes bewundert werden.“ (Zweig2, S. 116) Die französische Literatur der Aufklärung hatte sich über fast ein Jahrhundert hinweg gegen die absolutistische Regierungsform des Königs „von Gottes Gnaden“ und die Unterdrückung durch die Kirche gewandt. Locke, Montesquieu, Holbach, Rousseau und Voltaire hatten den gedanklichen Weg zu der Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und einer neuen Staatsform formuliert. Auf Locke und Montesquieu ging die Forderung nach einer Teilung der Gewalten zurück, Voltaire hatte über Menschenrechte, die Abschaffung von Ständeprivilegien und Sklaverei geschrieben, und Rousseau formulierte in seinem „Gesellschaftsvertrag“ die Forderung nach eben einem solchen als Rechtfertigung und Legitimation des Staates gegenüber seinen Bürgern. „Der Despotismus Ludwigs XIV., mit der Fröhlichkeit seines Hofes und mit der Neigung zum Schimmer und zur Prahlerei vereinigt, hatte Frankreich so gedemütigt und zugleich so verblendet, dass das Volk über das Anstaunen seines großen Monarchen alles Gefühl seiner eigenen Würde verloren zu haben schien. Die ganze Regierung Ludwigs XV., die sich durch Schwäche und Ohnmacht auszeichnete, bewirkte keine andere Veränderung, als dass die Nation in eine Art von Schlafsucht stürzte, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 265 aus welcher sich emporzuheben sie keine Neigung verriet. Die einzigen Merkmale, welche der Geist der Freiheit in diesen Perioden blicken ließ, findet man in den Schriften der französischen Philosophen. Montesquieu, Präsident des Parlaments von Bordeaux, ging so weit, wie ein Schriftsteller unter einer despotischen Regierung nur gehen konnte. Voltaire, der sowohl der Schmeichler als der Spötter des Despotismus war, betrat eine andere Bahn. Seine Stärke bestand darin, den Aberglauben, welchen Priesterlist – mit Staatslist vereinigt – mit den Regierungen verwebt hatte, bloßzustellen und lächerlich zu machen. Nicht Reinheit seiner Grundsätze, nicht Menschenliebe – denn Satire und Menschenliebe stehen von Natur aus in keinem Einklange – sondern sein großes Talent, die Torheit in ihrer wahren Gestalt aufzufinden, und sein unwiderstehlicher Hang, sich zur Schau zu stellen, brachte ihn zu diesen Angriffen. Sie waren indessen ebenso fruchtbar, als wären sie aus tugendhaften Bewegungsgründen entstanden, und er verdient mehr den Dank als die Achtung der Menschheit. In Rousseaus Schriften hingegen finden wir ein liebenswürdiges Gefühl für Freiheit, das Ehrfurcht erregt und die Geisteskräfte des Menschen erhebt.“ So beschreibt Thomas Paine (S. 113) die Auswirkungen der Regentschaften Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. auf die Einstellung und Befindlichkeit der Bevölkerung in Frankreich. Unter dem jungen Ludwig XVI. vereinte sich die schwere Finanzkrise mit der Kritik an überkommenen Privilegien und der intellektuellen Vorbereitung auf ein ganz anderes Regierungssystem zur Explosion. Am Beginn jedoch standen die geplanten (und erforderlichen) Steuerforderungen, die, wie schon bei der amerikanischen Revolution, auch hier in den Aufstand führten. Ein entschlussschwacher König, die finanzielle Krise, Reformverlangen, Forderung nach größeren Mitbestimmungsrechten des Bürgertums bildeten die Basis für die Unzufriedenheit im Volk, die akut durch eine schlechte Ernte, Kostensteigerungen und Hunger verschärft wurde. „Eine große Hungersnot wütete in Frankreich. Die Leute verreckten. Die Ernte war schlecht gewesen. Viele Familien bettelten um ihren Lebensunterhalt. Überall wurden Körnertransporte überfallen, Kornspeicher geplündert, Lager ausgeraubt. Es hatte Hungeraufstände in mehreren Städten gegeben.“ (Vuillard, S. 6) Die Privilegien, die sich Klerus und Adel in früheren Zeiten erworben hatten, waren nur noch tradierte Rechte, denen die Leistungen der beiden Stände für die Gesellschaft Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 266 nicht mehr entsprachen. Dieser Widerspruch führte zu wachsender Empörung in der Bevölkerung. Sieyès vertrat die Auffassung, dass nur der Dritte Stand nützliche Tätigkeiten ausübte, dagegen lebten die Privilegierten nur auf Kosten der Gesellschaft. Tocqueville (S. 24) beschreibt die Anmaßungen der Kirche: „Nicht als religiöse Lehre, sondern vielmehr als politische Institution hatte das Christentum diesen wütenden Hass entzündet, nicht weil die Priester sich anmaßten, die Dinge der anderen Welt zu regeln, sondern weil sie Grundeigentümer, Lehnsherren, Zehntherren, Administratoren in dieser Welt waren; nicht weil die Kirche in der neuen Gesellschaft, die man gründen wollte, keinen Platz finden konnte, sondern weil sie damals die am meisten privilegierte und festeste Stelle in der alten Gesellschaft, die in Staub verwandelt werden sollte, einnahm.“ Nachdem die Nationalversammlung per Dekret alle Kirchengüter verstaatlicht und dem Papst alle Rechte genommen hatte, war der Papst der erste der ausländischen Gegner der Revolution, der sich öffentlich äußerte und die Prinzipien der Revolution verurteilte. Die drei Stände (Geistlichkeit, Adel und Bürgerschaft) waren in der Versammlung der Generalstände in jeweils gleicher Zahl ihrer Vertreter präsent. Da diese aus Wahlen hervorgingen, kam es zu einer tiefgreifenden Politisierung in der Bevölkerung, zumal sie dazu aufgerufen wurde, ihren Unmut in Beschwerdebriefen (cahiers de doléances) zum Ausdruck zu bringen und ihren Abgeordneten mit auf den Weg zu geben. Es kam zu Protesten und Streiks, in Paris zu einem Aufstand, dessen militärische Niederschlagung 300 Todesopfer forderte. Hegel sprach in seinen Vorlesungen 1830/31 über die Zeit der Revolution (S. 592): „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist – ein Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird. Der fürchterlich harte Druck, der auf dem Volke lastete, die Verlegenheit der Regierung, dem Hofe die Mittel zur Üppigkeit und zur Verschwendung herbeizutreiben, gaben den ersten Anlass zur Unzufriedenheit. Der neue Geist wurde tätig; der Druck trieb zur Untersuchung. Man sah, dass die im Schweiße des Volkes abgepressten Summen nicht für den Staatszweck verwendet, sondern aufs unsinnigste verschwendet wurden. Das ganze System des Staates erschien als eine Ungerechtigkeit. Die Veränderung Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 267 war notwendig gewaltsam, weil die Umgestaltung nicht von der Regierung vorgenommen wurde. Von der Regierung aber wurde sie nicht vorgenommen, weil der Hof, die Klerisei, der Adel, die Parlamente selbst ihren Besitz der Privilegien weder um der Not noch um des an und für sich seienden Rechtes willen aufgeben wollten. (…) Der Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich mit einem Mal geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt, und die Wirklichkeit nach diesem erbaut.“ Die Forderung der Bürgerschaft, den gleichen Einfluss wie die Privilegierten zu erhalten, wurde verstärkt, als Sieyès die Vertreter des Dritten Standes aufrief, sich als verfassungsgebende Nationalversammlung zu konstituieren, in der sich auch die anderen Stände einfinden sollten. Der König spielte ein doppeltes Spiel. Zwar forderte er Adel und Klerus auf, sich dem Dritten Stand anzuschließen, gleichzeitig aber rief er Truppen nach Paris und Versailles und übergab seinem Bruder, dem Grafen von Artois (ab 1824 König Karl X.), den Oberbefehl. Das Ziel war, die Nationalversammlung zu stürzen. Zu diesem Zweck wurde eine Truppe von etwa 30 000 Mann gebildet, hauptsächlich aus auswärtigen Soldaten, die Artois um Paris zusammenzog. Als diese Truppe nun in Paris einmarschierte, ging ein Schrei durch die Stadt: „zu den Waffen, zu den Waffen.“ Tocqueville, S. 66: „Sie brachten die Nacht damit zu, sich mit allen Waffen zu versehen, die sie verfertigen oder herbeischaffen konnten: Flinten, Degen, Schmiedehämmer, Zimmeräxte, Brecheisen, Stangen, Hellebarden, Ofengabeln, Bratspieße, usw. Die unglaubliche Menge, in welcher sie sich an dem anderen Morgen versammelten, und die noch unglaublichere Entschlossenheit, welche sie zeigten, überraschte ihre Feinde und setzte sie in Erstaunen.“ Rousseau hatte schon um 1750 in der Bastille, diesem gewaltigen Gefängnis und Festungsbau, den Ausdruck der moralischen Selbstzerstörung Frankreichs gesehen. Nun wurde bekannt, dass das einrückende Militär mit Zustimmung des Bürgermeisters der Stadt – der vorgab, auf der Seite der Bürger zu sein und sie doch verriet – die Bastille verstärken sollte. Dies musste auf jeden Fall verhindert werden. (Albrecht, S. 67): Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 268 „Aus dieser Ursache war es notwendig, sie (die Bastille) noch an demselben Tag anzugreifen; allein ehe dies geschehen konnte, musste man sich besser mit Waffen versehen. Nahe der Stadt war ein großes Magazin von Waffen in dem Hospital der Invaliden. Die Bürger forderten es zur Übergabe auf und nahmen es bald ein, weil es sich weder verteidigen ließ noch stark verteidigt wurde. So ausgerüstet rückten sie auf die Bastille los: eine große gemischte Menge von allen Altern und Ständen, mit allen Arten von Gewehren bewaffnet. Die Einbildungskraft würde zu schwach sein, sich einen solchen Zug auszubilden und sich die ängstliche Ungeduld nach dem Ausgange zu malen, den wenige Stunden oder wenige Minuten herbeiführen konnten. Alles war Geheimnis und Gefahr! Dieses Gefängnis, welches noch außerdem der Hochaltar und die Burg des Despotismus war, musste der erste Gegenstand sein.“ (Abb. 30 Bastille) Die Bastille wurde gestürmt und eingenommen. Der König sagte: dies ist ein Aufstand, worauf Rochefoucauld antwortete: nein, Sire, dies ist eine Revolution. Es war der 14. Juli 1789. Sturm auf die BastilleAbb. 30: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 269 Wilhelm von Humboldt, der mit seinem früheren Lehrer Joachim Heinrich Campe nach Paris gekommen war, schrieb an Schiller: „Als die Bürger für ihre Freiheit die Waffen ergriffen, brachen sie auch in das Zeughaus ein und bewaffneten sich daraus. Der größte Teil der Waffen ist also jetzt zerstreut. Es liegt doch etwas Großes in dem Gedanken, dass eben das Schwert, das in Heinrichs IV. Hand gegen Intoleranz und Verfolgungsgeist stritt, jetzt den Despotismus bekämpfte.“ Campe berichtete euphorisch über die Revolutionsereignisse: „Bei meiner Abreise nach Paris sagte ich, ich hoffe noch immer früh genug zu kommen, um dem Leichenbegängnis des französischen Despotismus beizuwohnen, und diese Hoffnung ist nun glücklich in Erfüllung gegangen. Der kühne Stoß, welcher das Herz des Drachens traf und den ich, ohne ein Politiker zu sein, vorherzusagen wagte, war, als ich hier ankam, zwar schon vollführt. Ich fand das Untier bereits in seinem Blute liegen, aber noch ist Leben in seinen hundert Köpfen, noch krümmt und windet er sich im Staub und kann sich noch immer nicht entschließen, die schwarze Seele vollends auszuhauchen.“ Dies war der erste Teil der Revolution. Nun musste die Nationalversammlung eine Verfassung ausarbeiten und verabschieden. Marquis de Lafayette, der am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich intensiv mit der Entstehung der dortigen Verfassung auseinandergesetzt hatte, wollte die Menschenrechtserklärungen einzelner Staaten, besonders die von Virginia, zur Grundlage für eine französische Erklärung machen und erhielt hierbei die Unterstützung durch Thomas Jefferson, der seit 1785 und bis Ende September 1789 Botschafter Amerikas in Paris war. Freiheit, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung wurden als die wesentlichen Grundrechte definiert. Menschenrechte, Gleichheit, verantwortungsvolles Bürgertum und die Souveränität des Volkes, das hatte die Revolution in Amerika gezeigt, waren nicht nur große Ideen und Hoffnungen, jenseits des Meeres waren sie Wirklichkeit geworden. Eine Verfassung sollte die Bürgerrechte auch in Frankreich garantieren. (Winkler2, S. 57) Am 26. August 1789 wurde die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von der Nationalversammlung verabschiedet. Es war die erste Menschenrechtserklärung Europas „Die Vertreter des französischen Volkes, konstituiert als Nationalversammlung, haben in der Erwägung, dass die Unkenntnis, das Vergessen oder die Verachtung der Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 270 Menschenrechte die alleinigen Ursachen des öffentlichen Unglücks und der Verderbtheit der Regierung sind, beschlossen, in einer feierlichen Erklärung die natürlichen, unveräußerlichen und geheiligten Menschenrechte darzulegen; (….) Infolgedessen anerkennt und erklärt die Nationalversammlung in Gegenwart und unter dem Schutz des allerhöchsten Wesens folgende Menschen- und Bürgerrechte.“ Es folgen 17 Artikel, die zum großen Teil von den amerikanischen Rechteerklärungen inspiriert waren und von denen die wesentlichsten hier genannt werden: die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren; die Erhaltung der natürlichen und unverzichtbaren Menschenrechte (Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung) ist das Ziel jeder politischen Vereinigung; die Nation ist der Ursprung aller Souveränität; kein Mensch kann willkürlich angeklagt, verhaftet oder gefangen gehalten werden, dies kann nur auf der Grundlage eines Gesetzes geschehen; niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Natur, belästigt werden; der freie Austausch der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte; in der Verfassung wird die Gewaltenteilung festgelegt. Die Entwicklung in Frankreich wurde in den Nachbarländern zunächst mit Zustimmung, sogar mit Beifall aufgenommen, auch wenn die Berichterstattung über die revolutionären Vorgänge nicht immer wahrheitsgetreu und ausgeglichen war. „In Deutschland wird der Beginn der französischen Revolution mit Wohlwollen, manchmal mit Begeisterung begrüßt. Frankreich, das sich von einer langen Lethargie befreie, der unerträglichen Unterdrückung durch den Hof und die Großen ein Ende setze, erlebe endlich ein geistiges Erwachen und gewinne Anschluss an eine Stufe der Entwicklung, die Deutschland dank der weisen Regierung von Fürsten wie Friedrich dem Großen und Josef II. schon lange erreicht habe.“ (David, S. 63) Campe beklagte die vielen Fehlinformationen, die ins Ausland drangen: „Überhaupt gehen verschiedene ausländische Journalisten und Zeitungsschreiber bei der Beurteilung der großen, für die gesamte Menschheit so überaus wohltätigen Französischen Revolution schon jetzt so unbarmherzig und ungerecht zu Werke, dass man zweifelhaft wird, ob man sie mehr einer vorsätzlichen Unredlichkeit oder einer gänzlichen Unwissenheit in der Geschichte beschuldigen soll. Bald erdichten sie Briefe aus Paris, mit Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten angefüllt, denen doch jeder, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 271 der nur einmal hier gewesen ist, es gleich beim ersten Blick ansehen kann, dass sie absichtlich geschmiedet sind, weil sie von den gröbsten Verstößen gegen das hiesige Lokale wimmeln.“ Leider, aber vorhersehbar, blieb die von der Nationalversammlung angestrebte neue Wirklichkeit – ständische Steuerprivilegien sollten beseitigt werden, ein auf Rechtsgleichheit gestütztes Justizwesen sollte die unveräußerlichen Persönlichkeitsrechte garantieren, nicht mehr tradierte Macht, sondern Recht und Gesetz sollten herrschen – nicht ohne Gegenströmung. Es blieb auch nicht unbemerkt, dass der König mit gegenrevolutionären Kräften sympathisierte und die revolutionäre Neuordnung ablehnte, auch wenn er vorgab, sie zu akzeptieren. Der Konflikt spitze sich so zu, dass der König am 20. Juni 1791 einen Fluchtversuch unternahm, der jedoch scheiterte. Inzwischen hatten sich verschiedene revolutionäre Gruppen herausgebildet, von denen sich einige weiter abspalteten. Die eigentliche Revolution mit ihren großen Absichten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einer Nation, die von einer konstitutionellen Monarchie regiert werden sollte, war bald verlassen. Die sich immer stärker radikalisierenden Kräfte, die durch ungeschicktes Agieren des Königs und seiner ausländischen Sympathisanten noch befeuert wurden, führten zu schrecklichen Ausschweifungen bürgerlicher Willkür. Die Grundfrage war, ob der König abgesetzt und die Revolution fortgesetzt werden, oder ob man die Erfolge der Revolution konsolidieren sollte. In dieser Situation verhielt sich das Königshaus so verzagt und widersprüchlich, dass vor allem Königin Marie-Antoinette, Schwester des österreichischen Kaisers Leopold II., im Verdacht stand, eine österreichische Einflussnahme gegen die revolutionäre Neuordnung in Frankreich zu fördern, zumal österreichische Truppen Aufstände in den österreichischen Niederlanden niedergeschlagen hatten und an der französischen Grenze standen. Tatsächlich kippte die Stimmung im Ausland. Vor allem die Regierenden Häuser machten sich auf, zugunsten des französischen Königs einzugreifen. Zarin Katharina II. unterstützte die Pläne Preußens und Österreichs, gegen Frankreich vorzugehen, denn einmal wollte sie gegen die Revolution einschreiten (lassen), und zweitens würde die Absorption beider Staaten in einem Krieg gegen Frankreich ihr selbst größeren Freiraum gegenüber Polen geben. Dort war es zu Entwicklungen gekommen, die sie ablehnte und die schließ- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 272 lich auf die zweite Teilung 1793 zuliefen. Als Leopold II. und Friedrich Wilhelm II. in Pillnitz (August 1791) erklärten, die Monarchie in Frankreich mit Waffengewalt verteidigen zu wollen, und auch andere deutsche Fürsten die gegenrevolutionären Kräfte unterstützten, kam es zu einer ersten militärischen Auseinandersetzung, die als die „Kanonade von Valmy“ (20. September 1792) in die Geschichte einging. Die revolutionären freiwilligen Truppen siegten, Goethe, der in Begleitung des Herzogs von Weimar angereist war, schrieb: „Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. Noch am Morgen hatte man nichts anderes gedacht als sämtliche Franzosen aufzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig, zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah so war es um zu fluchen, oder zu verwünschen. Wir hatten, eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet werden, die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke, denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: ‹Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.›“ (Goethe4, S. 48) Für die Revolution begann nach diesem Erfolg der Franzosen eine weitere Phase. Der Nationalkonvent als neugewählte französische Volksvertretung beendete am 21. September 1792 die Monarchie und rief die Republik aus. In dieser Republik herrschte der Nationalkonvent, die Gewaltenteilung war abgeschafft, „die Regierung ging in eine republikanische Revolutionsdiktatur über, als der Konvent im April 1793 den Wohlfahrtsausschuss einsetzte.“ (Langewiesche, S. 178) Die Gemäßigten hatten ihren Einfluss längst verloren, sie konnten die Entschlossenheit nicht aufbringen, die erforderlich gewesen wäre, um sich den Radikalen erfolgreich entgegenzustellen. Die radikalen Kräfte trieben das Land in den Terror, denn alle, die man verdächtigte, mit den Gemäßigten in irgendeiner Form zu sympathisieren oder zu kooperieren, wurden umgebracht. Da das Enthaupten mit der Guillotine sehr zeitaufwändig war, kam es zu Massenerschießungen, sogar Ertränkungen von etwa 1800 Menschen in der Loire. Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 273 Ludwig XVI. und die königliche Familie wurden verhaftet und festgesetzt. Am 21. Januar 1793 enthauptete man den König auf der Place de la Concorde, am 16. Oktober Marie-Antoinette (Abb. 31 Enthauptung), (Abb. 32 Marie-A.). Die Revolution wurde nun von den radikalen Kräften unter Danton, Robespierre und Marat bestimmt, die jedoch bald alle selbst ihre Köpfe unter der Guillotine verloren. Marat wurde im Bad ermordet. Das Jahr 1792 sollte als das Jahr 1 gezählt werden, als das Jahr, in dem die Republik ausgerufen worden war. Schon lange vor der Revolution war der Bevölkerung durch Bücher, Pamphlete, zeichnerische Darstellungen und Gerüchte fortwährend ein Bild vom französischen Hof vermittelt worden, das diesen als habgierig, verschwenderisch, degeneriert und sexuell pervertiert darstellte. Im Mittelpunkt dieser Angriffe standen immer wieder Anspielungen auf Ausschweifungen der Königin. Der Kirche erging er nicht anders. Georg Heinrich Sieveking: Enthauptung Ludwigs XVI., Kupferstich aus dem Jahr 1793 Abb 31: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 274 Jacques-Louis David (1748–1825): Marie-Antoinette auf dem Weg zur Guillotine Zarin Katharina II. war sehr besorgt über die Entwicklung in Frankreich, denn der Begriff Freiheit hatte für sie keine positive Bedeutung: „Die Anarchie ist die schlimmste Geißel, besonders wenn sie unter der Maske der Freiheit, dieses die Völker berückenden Luftgebildes, auftritt. Europa wird in Barbarei versunken sein, wenn man nicht eilt, es von der Anarchie zu befreien.“ (Donnert, S. 309) In einem Brief an Friedrich Melchior von Grimm schrieb Katharina II.: „Kommt Frankreich glücklich aus dieser Lage heraus, dann wird es mehr Kraft haben als früher; aber es bedarf eines Mannes, der geschickt, mutig, seinen Zeitgenossen, seinem gesamten Jahrhundert überlegen sein müsste; ist Abb. 32: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 275 er schon da? Wird er bald erscheinen? Alles hängt davon ab.“ (Donnert, S. 314) Katharina hatte gute Geschichtskenntnisse und sie erinnerte gewiss, dass in England nach dem Bürgerkrieg vor fast einhundertfünfzig Jahren der König enthauptet wurde, eine Republik folgte, danach das Land durch eine Militärdiktatur unter Cromwell regiert wurde. Auch Schiller, als tiefer Kenner der Geschichte, äußerte sich ähnlich, wie sein Jugendfreund Friedrich Wilhelm von Hoven berichtet: „Daher sei er fest überzeugt, die Französische Revolution werde ebenso schnell wieder aufhören, als sie entstanden sei, die republikanische Verfassung werde früher oder später in Anarchie übergehen, und das einzige Heil der Nation werde sein, dass ein kräftiger Mann erscheine, er möge herkommen, woher er wolle, der den Sturm beschwöre, wieder Ordnung einführe und den Zügel der Regierung fest in der Hand halte, auch wenn er sich zum unumschränkten Herren nicht nur über Frankreich, sondern auch von einem Teil von dem übrigen Europa machen sollte.“ (Wiese, S. 156) Jena und Weimar, später auch Berlin, waren die intellektuellen Zentren der damaligen Zeit. Zwar hatte man die Französische Revolution zunächst begrüßt, jedoch war man vom Verlauf der Ereignisse zunehmend abgestoßen. Kant aber war anderer Meinung und schrieb im Jahre 1798 zurückblickend: „(…) Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte.“ (Kant4, S. 100) Kant verteidigte die Revolution gegen seine Kritiker. Ihm erschien der Kampf um die großen Ziele: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit selbst dann gerechtfertigt, wenn dieser zu den bekannten, auch von ihm verabscheuten Gräueltaten führte. Die gesellschaftlichen Bewegungen hatten, wie könnte es anders sein, einen großen Einfluss auf die Kunst jener Zeit. Am Ende des 18. Jahrhunderts, auch bereits vor der Revolution, stand in Frankreich die Historienmalerei an erster Stelle der Kunstkritik und der Akademie. Dagegen wurde die Landschaftsmalerei von dieser Seite heftig kritisiert und „sollte nicht existieren.“ (Schultze, S. 28) Beyer, S. 37: „Der 1784 während eines weiteren Romaufenthaltes entstandene Schwur der Horatier (Jacques-Louis David) sollte zum eigentlichen Schlüsselwerk des französischen Klassizismus, ja, der europäischen Malerei des aus- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 276 gehenden 18. Jahrhunderts überhaupt werden.“ Rom und Alba Longa, vertreten durch jeweils drei Söhne der Familien der Horatier und der Curatier, müssen den Kampf um die Vorherrschaft ausfechten. Die drei Horatier Söhne schwören dem Vater, ohne Zögern in den Kampf zu ziehen. Der Vater überreicht ihnen die Schwerter. Rechts im Bild weisen die Frauen auf den tragischen Ausgang der Begegnung hin. Nur ein Horatier überlebt, und dieser tötet seine, einem Curatier verlobte Schwester, als sie dessen Tod beweint. Sie sei nicht patriotisch gesonnen, so der Vorwurf. (Abb. 33 Horatier) Jacques-Louis David: Der Schwur der Horatier 1784 „Der mit Goethe befreundete deutsche Maler Tischbein stand als einer der ersten vor dem Bild im Atelier des Meisters ›und als ich es sah, ergriff mich ein eiskalter Schauer über den Ernst des schwörenden Söhne, indem der Vater ihnen die in die Höhe gehobenen Schwerter übergibt, zu siegen oder zu sterben!‹ (…) Tischbein hat damit ahnungsvoll die Deutung des Bildes durch die Republikaner von 1792/1793 vorweggenommen, die im Abb. 33: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 277 Schwur der Horatier ihre Losung ›Freiheit oder Tod‹ wiedererkannten.“ (Sprigath) Die Hinrichtung Ludwigs XVI. führte zahlreiche Länder wie Preußen, Großbritannien, Spanien, Neapel und Sardinien dazu, gemeinsam mit dem Heiligen Römischen Reich eine militärische Koalition gegen Frankreich einzugehen. Dort begann jetzt die Zeit Napoleons. Napoleon Bonaparte, geboren 1769 in Ajaccio auf Korsika – 1768 hatte Frankreich die Insel von Genua gekauft – betrat das Feld der Geschichte, nahm einen staunenswerten Aufstieg und einen ebenso atemberaubenden Absturz innerhalb von nur fünfzehn oder zwanzig Jahren. In der Zeit der ersten Koalitionskriege (seit 1792), mit dem Italienfeldzug (1796 und 1797) und der Expedition nach Ägypten hatte er sich einen Namen gemacht und war vor allem wegen seiner frühen Erfolge in Italien sehr beliebt bei der französischen Bevölkerung, woran auch die Niederlage der Marine bei der Schlacht gegen Nelson bei Abukir (1798) und die unglücklich abgebrochene Belagerung von Akkon in Syrien nichts änderten. Die Unternehmungen Napoleons im Nahen Osten scheiterten, seine Rückkehr nach Frankreich glich einer Flucht. Dabei hatte er wohl den grandiosen Plan gehabt, von Ägypten aus „einen Angriff auf Indien vorzubereiten, der die britische Macht in ihren Grundfesten erschüttern sollte.“ (Simms, S. 161) Aber Nelson machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Über die Vorgänge in Frankreich hatte sich Napoleon in Ägypten ständig informieren lassen. Nachrichten von dort über ein zerstrittenes Direktorium, Misswirtschaft und wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung beunruhigten ihn und machten ihm gleichzeitig Hoffnung. Das Direktorium hatte ihn bewusst fernhalten wollen, denn sie kannten den Ehrgeiz des jungen Generals. Bonaparte entschloss sich daher, ohne das Direktorium zu informieren nach Frankreich zurückzukehren. „Der einzige, von dem alle wissen, dass er beides in einem wäre, der Säbel und der Kopf, Bonaparte, der Held von Arcole und Rivoli, den haben sie sich aus Angst weit weg vom Hals geschafft, der manövriert jetzt im ägyptischen Wüstensand zwecklos herum. Auf ihn, den meilenfernen, meinen sie, sei nicht zu zählen. Von allen Ministern weiß nur Fouché, damals schon, dass dieser General Bonaparte, den die anderen noch im Schatten der Pyramiden vermuten, gar nicht so meilenfern ist und demnächst in Frankreich landen wird.“ (Stefan Zweig, S. 96) Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 278 Napoleon verließ Ägypten, um in die französische Innenpolitik und den Koalitionskrieg einzugreifen. Zweig (S. 97): „Am 11. Oktober 1799 lässt das Direktorium hastig (den Polizeiminister) Fouché rufen: Unglaubliche Nachricht meldet der Spiegeltelegraph: Bonaparte ist aus Ägypten zurück und in Fréjus gelandet, eigenmächtig, ohne zurückberufen zu sein. Was nun tun? Den General, der ohne Befehl, als Deserteur, seine Armee verließ, sofort verhaften oder ihn höflich empfangen? Fouché, der sich noch überraschter stellt, als die anderen es in Wahrheit sind, rät zur Nachgiebigkeit. Aber während die fünf kopflosen Köpfe im Direktorium noch emsig diskutieren, ob man Bonaparte trotz seiner Fahnenflucht begnadigen oder doch festnehmen solle, hat die Stimme des Volkes längst gesprochen. Avignon, Lyon, Paris empfangen ihn als Triumphator, alle Städte sind illuminiert auf seinem Wege, von der Bühne der Theater wird die Nachricht den aufjubelnden Zuhörern verkündet; nicht ein Untergebener kehrt zurück, sondern ein Herr, eine Großmacht.“ Napoleon machte kurzen Prozess, er setzte Militär gegen das Direktorium ein, das seit einigen Jahren über die Staatsgewalt verfügte, und brachte sich durch diesen Putsch als Erster Konsul an die Staatsspitze. Die Revolution war faktisch beendet. Napoleon war Alleinherrscher und krönte sich 1804 zum Kaiser. Damit endete auch die Republik. Der Friede von Lunéville (1801), der den zweiten Koalitionskrieg beendete, hatte weitreichende Konsequenzen für die innere Verfassung des Heiligen Römischen Reiches, denn Napoleon diktierte die Bedingungen, nach denen das Reich ein Reichsverfassungsrecht aufzusetzen hatte. In Deutschland kam es auf Napoleons Initiative hin zu einer radikalen Neuordnung der politischen Landschaft, in der es zu jener Zeit noch 360 souveräne und über 1500 halbsouveräne Territorien gab, eine große Fülle halbautonomer Gebiete und Städte, einen beklagenswert schlechten Ausbau von Verkehrswegen, aber 1800 Zollschranken. Der Burggraf von Reinbek z. B. gebot über „zwölf Untertanen und einen Juden.“ (Balet, S. 9) Napoleon, der die mittelgroßen Staaten Bayern, Württemberg und Baden gegenüber Preußen und Österreich stärken wollte, machte konsequent Schluss mit der Kleinstaaterei: „Insgesamt wurden 112 rechtsrheinische Reichsstände aufgehoben, darunter 19 Reichsbistümer, 44 Reichsabteien und 41 (von 51) Reichsstädte.“ (Frotscher, S. 85) Kirchliche Territorien und ihre Vermögen wurden weltlicher Herrschaft übertragen, die Reichsunmittelbarkeit von Reichsstän- Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 279 den, Reichsstädten und der Reichsritterschaft wurde aufgehoben und weltlichen Reichsfürstentümern zugeschlagen. „Viele Kirchen wurden als nutzlos erklärt, verkauft oder versteigert, oder wenn nicht anders nutzbar, sogar auch abgerissen. Selbst der Wies drohte ein solches Schicksal, doch fanden sich weder Nutzer noch Käufer der Ziegel und des Holzes. Die Kirche des Benediktinerklosters Wessobrunn ging damals trotz des heftigen Widerstandes der ländlichen Bevölkerung verloren, und Kirchen wie die Wies oder Fürstenfeld verdanken ihr Weiterbestehen letztlich nur der Frömmigkeit dortiger Menschen.“ (Harries, S. 295) Franz II. nahm, um seinen Rang nicht zu verlieren, 1804 den Titel eines Kaisers von Österreich an, ahnend, dass das Ende des Heiligen Römischen Reiches gekommen war, was er selbst mit der Niederlegung der Krone am 6. August 1806 besiegelte. Franz II. blieb Kaiser (von Österreich) und König von Böhmen und Ungarn. Kurz zuvor, am 12. Juli 1806, hatten sich die Unterzeichner der Rheinbundakte dazu verpflichtet, sich vom Reich loszusagen. Sie unterstellten sich dem Kaiser der Franzosen. Napoleon aber veränderte die Europakarte weiter. Durch die von ihm erzwungene Auflösung zahlreicher eigenständiger Fürstentümer und das Schaffen größerer Länder wurde eine Voraussetzung für das von Napoleon sicherlich nicht gewünschte Entstehen des Zweiten Deutschen Reichs geschaffen. Preußen hat er, es wäre ihm möglich gewesen, auf Intervention des russischen Zaren Alexander I. nicht vernichtet und doch sein Territorium und seine Einwohnerzahl fast halbiert. Napoleon konnte nicht ahnen, was in Zukunft daraus entstehen würde. Es wäre nicht in seinem Sinn gewesen. Den Nordwesten Deutschlands gliederte er dem französischen Staatsgebiet an, Bayern und Württemberg machte er zu Königreichen, Baden zu einem Großherzogtum. Alle drei Länder hatten ihn in der Schlacht bei Austerlitz mit Truppen unterstützt. Jetzt schloss er diese mit weiteren kleineren politischen Einheiten im mittleren Reichsgebiet zum Rheinbund zusammen. Auch Sachsen trat dem Rheinbund bei, nachdem Napoleon Friedrich August III. im Dezember 1806 zum König Friedrich August I. ernannt hatte. In Italien vereinnahmte Napoleon den Kirchenstaat (den Papst schickte er ins Exil), die dortigen habsburgischen Besitztümer gliederte er seinem Königreich Italien ein. Sein Bruder Joseph wurde König von Neapel, später von Spanien, als Joachim Murat, sein vertrauter General und Schwager, zum König von Neapel ernannt wurde. Louis erhielt das Königreich Holland, Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 280 anderen Verwandten übertrug Napoleon die Herrschaft über das Königreich Westphalen, die Fürstentümer Lucca und Piombino, das Großherzogtum Toskana, das Herzogtum Parma. Weitere italienische Gebiete gingen an seine Minister und Marschälle. Preußen nahm er alle Gebiete westlich der Elbe. Aus einem Teil des Besitzes, der mit der zweiten und dritten polnischen Teilung an Preußen gekommen war, schuf Napoleon das Herzogtum Warschau und setzte dort Friedrich August I. von Sachsen als Herzog ein, der damals wegen seines jungen Alters seinem Großvater nicht als König von Polen hatte nachfolgen können. (Abb. 34 Europa 1812) Europa 1812Abb. 34: Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 281 Napoleon träumte von dem alten karolingischen Westreich, es sollte ein Reich ohne Grenzen werden, mit einem Rechtssystem und „einer gemeinsamen Währung in einem Europa, in dem man, wie Napoleon es ausdrückte, auf Reisen niemals aufhörte, zu Hause zu sein. (…) Darin war er, wie in vielen anderen Dingen, seiner Zeit weit voraus. Dennoch blickte er unerklärlicherweise zurück, als er sich daran machte, sein neues paneuropäisches System zu errichten, sein neues ›Westreich‹ ähnelte eher einem mittelalterlichen System persönlicher Vasallität.“ (Zamoyski, S. 481) Napoleon gelang es nicht, ein neues Europa aus dem Geist der Aufklärung zu schaffen, eine Art Föderation, wie sie in den USA existierte. Er führte die eroberten Länder dynastisch, setzte überall Familienmitglieder und Begünstigte als Herrscher ein. „Der glänzende Bau seiner Macht beruhte auf einer Autorität, deren Fundamente zum unaufhaltsamen Fortschritt des menschlichen Geistes im Widerspruch standen.“ (Zamoyski, S. 508) Napoleon, der alles wollte, scheinbar alles erreichen konnte, scheiterte, verlor alles und endete elend. Nach der demütigenden Katastrophe des Russlandfeldzugs und der Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig dankte Napoleon ab, wählte sich die Insel Elba als Exil, kam nach zehn Monaten zurück und wurde einhundert Tage später endgültig nahe Waterloo geschlagen. Nach Sankt Helena verbannt, starb er dort am 5. Mai 1821. Die Französische Revolution, Napoleon Bonaparte und Europa 282

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.