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Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund. Das Scheitern Josephs II. in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 255 - 262

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-255

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund Das Scheitern Josephs II. Es hätte eine ganz normale, ohne Auseinandersetzungen ablaufende Erbfolge werden können, als Kurfürst Maximilian III. Joseph von Bayern im Dezember 1777 starb und die Regentschaft auf Karl Theodor, den Kurfürsten der Pfalz (Sulzbach) und von Jülich-Berg, nun Karl II. Theodor von Bayern, überging. Die beiden Wittelsbacher Linien Bayern (mit der Oberpfalz) und Pfalz-Sulzbach am Rhein mit Jülich-Berg waren schon länger als unteilbarer Gesamtbesitz angesehen worden, jetzt wurden sie in Personalunion regiert. Kaiser Joseph II. aber sah die Gelegenheit gekommen, einen Ausgleich für das verlorene Schlesien zu schaffen, forderte im Tausch gegen Vorderösterreich den Besitz von Niederbayern und der Oberpfalz und marschierte dort ein. Dies wiederum wollte Friedrich II. nicht hinnehmen, denn er sah in diesem möglichen österreichischen Gebietszuwachs in Süddeutschland eine Ungesetzlichkeit und die Störung des Machtgleichgewichts zwischen Preußen und Österreich. Der König von Frankreich, immerhin ein Schwiegersohn Maria Theresias, hielt sich bedeckt, Zarin Katharina II., Großbritannien, Hannover, Sachsen und die Mehrzahl der katholischen Fürsten unterstützten Preußen. Auch Maria Theresia und Kaunitz waren nicht auf der Seite Josephs, einen vierten Krieg gegen Preußen wollten sie unbedingt vermeiden. Zwar marschierten jetzt auch preußische Truppen auf, es kam jedoch zu keinen größeren Kampfeshandlungen. Für beide Seiten war dies dennoch in jeder Hinsicht ein verlustreiches Unternehmen: Soldaten starben an Infektionskrankheiten, viele desertierten, es wurde zunehmend schwierig, die Versorgung für Mensch und Tier aufrecht zu erhalten. Friedrich ging es um das Prinzip und die Frage, ob ein Kaiser nach seinem Willen über Reichslehen verfügen könne. Nach seiner 255 Auffassung widerspräche dies „den Gesetzen, Gewohnheiten und Gebräuchen des Römischen Reiches.“ Ein tiefer Konflikt entwickelte sich zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn, der eskalierte, als die Erzherzogin hinter dem Rücken ihres Sohnes an Friedrich II. schrieb, um ihm ihre großen Sorgen mitzuteilen und ihn zum Friedensschluss zu bewegen. „(…) Mein Alter und mein Wunsch für die Erhaltung des Friedens sind allgemein bekannt, und ich könnte dafür keinen auffälligeren Beweis geben als durch den Schritt, den ich jetzt unternehme. Mein Mutterherz ist mit Recht beunruhigt, zwei Söhne und einen geliebten Schwiegersohn bei der Armee zu sehen. Ich handle ohne Wissen des Kaisers, und ich bitte darum, dass dieser Schritt ein Geheimnis bleibe, möge er nun Erfolg haben oder nicht. Ich möchte Verhandlungen, die er bisher geführt und zu meinem Bedauern abgebrochen hat, erneuern und zu Ende führen.“ (zitiert aus Gooch) In dem Moment als Joseph II. selbst stark an dem Erfolg des Krieges zweifelte und seiner Mutter schrieb, dass er den Frieden wünschte, eröffnete Maria Theresia ihrem Sohn, dass sie mit gleichem Ziel an Friedrich II. geschrieben habe. Joseph II. war zutiefst gekränkt, musste sich jedoch fügen, zumal Katharina II. mit einer Intervention zugunsten Preußens drohte, sollte Wien nicht zur Beendigung der Kampfhandlungen bereit sein. (Donnert, S. 226) Da nun alle Parteien interessiert waren, Frieden zu schließen, konnte im Januar 1778 per Vertrag die Ursache des Krieges aufgehoben und in Teschen der Friedensvertrag im Mai 1779 unterschrieben werden. Friedrich hatte durch seinen entschlossenen Einsatz für ein gesamtdeutsches Interesse Vertrauen bei den deutschen Fürsten gewonnen. Er war „der Wächter über die Integrität der Reichsverfassung.“ (Duchhardt, S. 159) Joseph II. dagegen hatte Ansehen verspielt und wurde nicht als der anerkannt, der das Reich als Kaiser in die Zukunft führen könnte. Österreich musste alle Gebiete mit Ausnahme des kleinen Innviertels herausgeben und Ansprüche Preußens auf die beiden hohenzollernschen Markgrafentümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth anerkennen. Russland stärkte seine Rolle im Reich, indem es Garantiemacht für den Frieden wurde. Nachdem Katharina II. im Jahre 1781 (ohne das bestehende Bündnis mit Preußen förmlich aufzukündigen) ein Verteidigungsbündnis mit Joseph II. geschlossen hatte, äußerte sich Friedrich II. im Jahr da- Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 256 rauf in seinen „Betrachtungen über den politischen Zustand Europas“3 sehr besorgt über die bedrohte Lage Preußens, denn er fürchtete den Ehrgeiz des Kaisers. Sobald dieser die Staatsfinanzen in Ordnung gebracht haben würde, ein Ziel, das Joseph II. konzentriert verfolgte, und vor allem nach seinem, Friedrichs, Tod würde Österreich alles unternehmen, um Schlesien zurückzugewinnen. Dazu würde er gemeinsam mit Russland und Sachsen unter irgendwelchem Vorwand zunächst Unruhen in der Gegend um Danzig und in der Lausitz anstiften. Friedrich meinte auch, sich nicht wirklich auf die deutschen Kurfürsten verlassen zu können. Und seinen Nachfolger sah er besonders kritisch: „Wenn aber nach meinem Tod mein Herr Neffe in seiner Schlaffheit einschlummert, sorglos in den Tag hineinlebt, wenn er verschwenderisch, wie er ist, das Staatsvermögen verschleudert und nicht alle Fähigkeiten seiner Seele neu aufleben lässt, so wird der Herr Joseph – ich sehe es voraus – ihn über den Löffel barbieren, und binnen dreißig Jahren wird weder von Preußen noch vom Haus Brandenburg mehr die Rede sein: der Kaiser wird alles verschlungen haben und sich schließlich ganz Deutschland untertan machen, dessen souveräne Fürsten er allesamt ihrer Macht berauben will, um daraus eine Monarchie wie die französische zu formen.“ Friedrichs Analyse und seine die Zukunft betreffenden Sorgen sollten sich als vollkommen zutreffend herausstellen, jedoch würde ein anderer als ein österreichischer Kaiser innerhalb der von Friedrich geschätzten dreißig Jahre Preußen an den Rand des Abgrunds führen und Deutschlands Länderarchitektur tiefgreifend verändern. Getrieben von diesen alptraumartigen Befürchtungen setzte Friedrich alles daran, das Vertrauen zwischen sich und den deutschen Kurfürsten zu stärken und sie auf die Risiken aufmerksam zu machen. Dabei half ihm – ungewollt – Joseph II. Neben der Bayerischen Linie und der von Pfalz-Sulzbach gab es noch eine dritte Wittelsbacher Linie: Karl II. August Christian war seit 1775 Herzog von Pfalz-Zweibrücken und sollte eines Tages seinen Verwandten Karl II. Theodor von Bayern beerben. Joseph II. unternahm im Jahre 1784 einen erneuten Vorstoß und versuchte, Bayern und Pfalz- Zweibrücken dafür zu gewinnen, Bayern im Tausch gegen die habsburgischen Niederlande an Österreich abzutreten. Joseph bot an, die Niederlande mit der Pfalz und Jülich-Berg zu einem Königreich von Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 257 Burgund auszurufen und Karl II. August Christian zum König zu ernennen. Josephs Pläne, die Macht des Kaiserhauses zu vergrößern und die Reichsverfassung in diesem Sinne zu verändern, stießen auf Ablehnung bei den deutschen Reichsständen. Friedrich II. verurteilte das Vorhaben sofort und verbreitete die Nachricht, Wien wolle mit Unterstützung Russlands und Frankreichs den Herzog vom Zweibrücken zwingen, auf das bayerische Erbe zu verzichten und berief sich dabei auf eine entsprechende, aber nicht eindeutige Aussage des österreichischen Unterhändlers, der Tausch werde auf jeden Fall durchgeführt werden. Frankreich zog seine Unterstützung zurück und Friedrich gelang es, die deutschen Fürsten auf seine Seite zu ziehen und den Deutschen Fürstenbund ins Leben zu rufen, dem Sachsen und Hannover (Drei-Kurfürsten-Bündnis) und sehr bald darauf der Erzbischof von Mainz und die Länder Baden, Hessen, Weimar, Gotha, Ansbach, Braunschweig, Mecklenburg und der Herzog Karl II. August Christian von Pfalz-Zweibrücken, beitraten. (Aretin, S. 121) Die geistlichen Fürsten stimmten gerne zu, denn sie sahen darin eine Garantie für die Unversehrtheit ihres Besitzes gegen die Säkularisierung, die Joseph in Österreich vorangetrieben hatte. Herzog Karl II. August Christian erklärte, dass er einem Ländertausch keinesfalls zustimmen werde. Der Einfluss des Kaisers, dem eine breite Ablehnung entgegenschlug, war auf dramatische Weise beschädigt. Friedrich II. stellte sich den Fürstenbund vor allem als Verteidigungsbündnis vor: „Ein Bund, wie ich ihn vorschlage, geht nur darauf aus, die Besitzungen eines jeden zu sichern. Er soll verhindern, dass es einem ehrgeizigen und unternehmenden Kaiser gelingt, die deutsche Verfassung umzustoßen, indem er sie stückweise zerstört.“ Diese deutsche Einigkeit war zunächst nicht mehr als ein wirkungsvolles Signal. Und doch hatten sich die deutschen Länder unter Preußens Führung zusammengeschlossen und gegen das Josephinische Österreich vereinigt. „In den bayerischen Bauernstuben der Höfe in Tal und Berg stellte man in den mit Kruzifix beschützten Ecken Friedrichs Bild als Devotionalie auf.“ (Heinrich, S. 243) Seinem Bruder Heinrich gegenüber gestand Friedrich ein, dass der Fürstenbund auch Preußens Hegemonialstellung gegenüber Österreich unterstreichen sollte, „das aber muss man verheimlichen wie einen Mord.“ (Boockmann, S. 212) Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 258 Karl II. August Christian starb 1795, sein Herzogtum Pfalz-Zweibrücken ging an seinen jüngeren Bruder Max Joseph, der als Maximilian IV. Joseph 1799 auch das Erbe Karls II. Theodor von Bayern übernahm und damit allen Wittelsbacher Besitz unter sich vereinte. Napoleon setzte ihn 1806 als Maximilian I. Joseph zum König von Bayern ein. Friedrich II. starb am 17. August 1786. Als Friedrich Wilhelm II. die Regentschaft übernahm, bewahrheiteten sich die Befürchtungen Friedrichs II. Der berüchtigte Minister Johann Christoph von Wöllner behinderte durch seine Zensur- und Religionsedikte jede fortschrittliche Entwicklung, konnte sie aber nicht vollständig unterdrücken. (Scurla, S. 296) Der Staat versank in einen Schlaf, und auch Friedrich Wilhelm III., der 1797 seinem Vater nachfolgte, verwarf zunächst erforderliche, von Stein und Scharnhorst noch vor der Niederlage gegen Napoleon geforderte Reformen. Erst nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt (1806) wurden die sog. Stein- Hardenbergschen Reformen in der Gesellschaft und im Militärwesen möglich. Der gedankliche Kern der Reformen war, an die Stelle eines feudalistischen Untertanenstaates einen auf Selbständigkeit und Selbstverantwortung freier Bürger beruhenden Staat zu setzen. Joseph II. war ein ehrgeiziger Monarch. Friedrich II. war ihm uneingestanden und trotz gewaltiger Vorbehalte ein Vorbild, denn auch Joseph wollte sein Reich vergrößern und die Einsichten der Aufklärung in seine politischen Ziele und Reformabsichten einfließen lassen. In seiner Regierungszeit wurde in allen seinen Ländern das Rechtssystem überarbeitet, wirtschaftliche Hindernisse versuchte er auszuräumen, er förderte die Schulbildung, setzte Deutsch als Sprache der Behörden durch, reduzierte örtliche Privilegien und regionale Sonderverfassungen. Joseph II. kannte seine Länder und den Versorgungszustand der Bevölkerung, denn er war ausgiebig gereist. Vor allem in der Zeit, als er nach dem Tod seiner Mutter Alleinregent war, stürzte er sich geradezu in die Durchführung von Reformen, ging dabei aber mit einer Geschwindigkeit vor, mit der seine Berater und vor allem Betroffene nicht Schritt halten konnten oder wollten. Auch wenn manche Reformen in den Ländern einen Fortschritt bedeutet hätten, wurden Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 259 sie zu schnell durchgeführt und standen nicht im Einklang mit den Möglichkeiten, die die bestehenden Verhältnisse eröffnet hätten. Einige Länder waren zunächst nicht gegen Reformen eingenommen, man wollte dort aber gewährleistet sehen, dass die Stände ihr Recht behielten, bei der Ausarbeitung der Reformen mitzureden, zu begutachten und zu beraten. Da Joseph II. seine Reformpläne jedoch mit hartnäckiger Kompromisslosigkeit und sogar militärischer Gewalt durchsetzen wollte, führte dies schließlich in den österreichischen Niederlanden zu massiver Gegenwehr und Aufständen und dazu, dass die kaiserlichen Truppen und die Administration verjagt wurden. Die Regierung musste Brüssel im Dezember 1789 räumen, die Provinz war verloren. Allerdings gelang es Leopold II. später, das Land zurückzugewinnen, nachdem er die Reformen aufgehoben hatte. Der Widerstand war nicht gebrochen: In Ungarn war die Lage so verfahren, dass ungarische Kreise seit 1787 Verhandlungen mit Preu- ßen aufnahmen, mit dem Ziel, Joseph II. abzusetzen. Da das Land nah an einem Aufstand war, mussten die Reformen zurückgenommen werden. Gutkas schreibt dazu in seiner Biographie über Joseph II.: „Man darf einen Herrscher des Absolutismus aber nicht ohne seine Mitarbeiter sehen. Als er ihre Interessen zu beschneiden begann, wurde er von ihnen nicht verstanden und allein gelassen, wie von einigen Ministern seiner engsten Umgebung, den ungarischen Adeligen, deren Position er gefährdete, von den Bewohnern von Brabant, als er ihre alten Gewohnheiten ändern wollte. So musste er am Ende seines Lebens glauben, gescheitert zu sein, obwohl er als fanatischer Diener seines Staates selbst Opfer gebracht hatte und allen hatte helfen wollen. Vor allem glaubte er, die Zeichen der Zeit und die Erfordernisse der Zukunft zu verstehen.“ (Gutkas, S. 458) Aber der Kaiser hatte sich isoliert und zurückgezogen. Kaunitz soll gesagt haben, zu sterben sei das Beste, was Joseph in dieser Zeit tun konnte. Kaiser Joseph war zu diesem Zeitpunkt schon schwer an einer fortgeschrittenen Tuberkulose erkrankt. Er starb am 20. Februar 1790. Ähnlich war es auch Georg III., König von Schweden, ergangen, der sich als aufgeklärter Monarch, der er sein wollte, durch zu übereilte und zu drastische Reformen viele Feinde gemacht hatte. Anders als Joseph II., der dieses Schicksal nicht erlitt, wurde Georg III. 1792 auf einem Maskenball von einem oppositionellen Adligen ermordet. Jo- Bayerischer Erbfolgekrieg und der Deutsche Fürstenbund 260 hann Friedrich Struensee, der sich als leitender Minister in Dänemark ebenfalls durch seine überstürzt durchgesetzten Reformen Feinde gemacht hatte, war bereits 1772 enthauptet worden. 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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.