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Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. „Die Wirklichkeit aus dem Gedanken erbauen“ in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 233 - 250

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-233

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika „Die Wirklichkeit aus dem Gedanken erbauen“ Leopold von Ranke: „Dies war eine größere Revolution, als früher je eine in der Welt gewesen war, es war eine völlige Umkehrung des Prinzips. Früher war es der König von Gottes Gnaden gewesen, um den sich alles gruppierte, jetzt tauchte die Idee auf, dass die Gewalt von unten aufsteigen müsse.“ Frankreich und England kämpften in dem French and Indian War um die Vormacht in Nordamerika. In Europa wird dieser Krieg meist Siebenjähriger Krieg genannt und im Zusammenhang mit dem gleichnamigen und gleichzeitigen Krieg (1756 bis 1763) auf dem europäischen Kontinent gegen Preußen gesehen. In beiden Kriegen standen sich England und Frankreich – in Amerika auch mit ihren jeweiligen indianischen Verbündeten – als Gegner gegenüber. Für die Engländer war entscheidend, dass sie Preußen nur finanziell, nicht mit eigenen Truppen (was sehr viel teurer gewesen wäre) unterstützten, während Frankreich dort ein Heer einsetzte. In Übersee dagegen kämpfte England mit Heer und Flotte, in Indien übernahm dies die East India Company. Die Franzosen wurden in beiden Kriegen und auch in Indien und den anderen Gebieten geschlagen, der Friede von Paris beendete die französische Kolonialherrschaft über die Länder östlich des Mississippi, Frankreich musste England die Vorherrschaft in Amerika und Kanada, in Asien und an der Westküste Afrikas überlassen. Das spanische Florida ging an England, Frankreich musste Spanien mit Louisiana für den Verlust Floridas entschädigen. Nun aber entfremdeten sich die amerikanische Kolonie und Großbritannien, so dass sich das Blatt innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre wendete. Bald nachdem sie die Franzosen im French and 233 Indian War besiegt hatten, erschwerten die Engländer die wirtschaftlichen Bedingungen in Amerika. Um nach den verschiedenen kostspieligen Kriegen ihren Haushalt wieder auszugleichen, erhoben sie Zölle auf verschiedene Genussmittel, aber auch auf Stoffe und andere Produkte; bestimmte Waren durften nur nach England exportiert werden. Georg III., seit 1760 König von Großbritannien, führte ein zentralistisches Regiment, die Kolonien wurden nicht etwa eingebunden, z. B. durch einen Sitz im Parlament, sie hatten Abgaben zu machen und den aus London kommenden Gesetzen und Vorgaben zu folgen. „England erwartete von jedem Kolonisten, seine wirtschaftlichen Pflichten zu erfüllen: Landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Tabak für den Konsum sowie Ausgangsmaterialien für die Verarbeitung im Mutterland zu diesem genehmen Bedingungen zu liefern, gewerbliche Produkte oft minderer Qualität zu meist erhöhten Preisen abzunehmen, Agrarprodukte nicht in anderen Ländern abzusetzen, wo bessere Erlöse zu erwarten wären, und schon gar nicht durch den Aufbau einer eigenen Industrie mit derjenigen des Mutterlandes zu konkurrieren.“ (Herre, S. 71) Eingriffe der Engländer in das Eigentum und die Freiheit der Siedler, die sich nicht als Kolonisten, sondern als Engländer mit den Rechten der Bürger der Krone fühlten, führten zunehmend zu Abwehr und Widerstand. Die von England auferlegte Stempelsteuer (stamp act), die für alle Formulare, Zolllisten, jede Annonce und vieles andere gelten sollte, bewirkte einen Sturm der Entrüstung, nicht so sehr wegen des erheblichen bürokratischen Aufwands, sondern vor allem, weil ihr Entstehen dem Grundsatz „no taxation without representation“ widersprach. Die Siedler waren in die Entscheidung nicht einbezogen worden. Die Stempelsteuer wurde zwar 1766 wieder aufgehoben, jedoch folgte ein Jahr später ein neues Gesetz, mit dem Steuern auf die Einfuhr von Tee, Glas, Blei, Farben und Papier erhoben wurden. (Townshend Act). Auch dieses Gesetz scheiterte und wurde wegen des heftigen Widerstandes bald zurückgezogen, bis auf die Teesteuer, die auf besonders kreative Weise zurückgewiesen wurde: Die „Boston Tea Party“ (16. Dezember 1773), bei der eine ganze Schiffsladung Tee in den Bostoner Hafen geworfen wurde, wurde von den Kolonisten bejubelt, von der englischen Regierung als Rebellion gewertet. Die Engländer schlossen den Hafen von Boston und verlangten Schadenersatz, die Kolonien vereinigten sich zu gemeinsamer Verteidigung und beriefen Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 234 den 1. Kontinentalen Kongress ein. Nicht alle waren der Meinung, radikal vorgehen zu müssen, sondern suchten noch immer einen Weg zum Ausgleich mit England. Auch in England gab es Stimmen der Mäßigung, die jedoch nicht gehört wurden. Edmund Burke hatte im Unterhaus für eine Versöhnung mit den Kolonisten geworben. „Ich möchte keineswegs Amerikas Geist brechen, denn es ist der Geist der Freiheit, der jenes Land geschaffen hat.“ Burke, Politiker und Philosoph, hatte schon zuvor geschrieben: „Viel staatsmännische Weisheit ist aus der Quelle der Geschichte zu entnehmen, aber nicht Anweisungen sind bei ihr zu holen, einleben müssen wir uns in sie; nicht ein Sammelbuch von Fällen und Vorgängen für Rechtsgelehrte ist sie, sondern ein Übungsmittel zur Stählung geistiger Kraft.“ (Wyss) Mit einem Konflikt, so seine Meinung und Erkenntnis, könne wenig gewonnen, aber viel verloren werden. Das Parlament jedoch sah nur noch die Möglichkeit, die Einhaltung der Gesetze mit Gewalt durchzusetzen und übertrug diese Aufgabe dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Amerika, General Thomas Gage. Am 19. April 1774 kam es zu Gefechten zwischen Briten und amerikanischen Milizen, die den Truppen unter General Gage bei Lexington eine schwere Niederlage beibrachten. Der 2. Kontinentale Kongress (der vierzehnmal zwischen 1775 und 1789 tagte) beschloss, die in Massachusetts stationierten Milizen als „Kontinentalarmee“ zu organisieren und ernannte George Washington zum Oberbefehlshaber über die Truppen. George Washington hatte alle Mühe, eine disziplinierte und schlagkräftige Armee aufzubauen und musste ständig dafür sorgen, die Besoldung und Versorgung der Soldaten sicherzustellen, bei der es häufig zu Verzögerungen kam. Die Milizionäre waren Freiwillige, die ihr Zivilleben in das Leben in der Armee übertrugen und sich nicht in eine Hierarchie im Militär einfügen wollten, zu sehr waren sie an Gleichrangigkeit aller Bürger gewöhnt. Die britische militärische Führung konnte jedoch aus dieser Schwäche keine Stärke für sich selbst machen, sie mag die gegnerischen Probleme nicht erkannt haben und hätte doch die Truppen Washingtons vernichten können. Die Briten konnten auch keinen Vorteil daraus gewinnen, dass die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung nicht einheitlich war. Ein erheblicher Teil war noch immer englandfreundlich und loyal zur Krone. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 235 Diese Loyalität ging jedoch allmählich verloren. Es kam zur Ausprägung einer neuen Bestimmung des Kriegsziels und einer neuen politischen Zielsetzung: war der Krieg begonnen worden, um die Rechte der Kolonisten durchzusetzen, wurde er jetzt – unter dem Eindruck der Verluste und Zerstörungen und aus der Verbitterung über die harte Haltung des Königs in England – zu einem Kampf um die Unabhängigkeit. (Guggisberg, S. 41) Vor allem Vertreter Virginias und Neu Englands betonten: „Die Frage ist nicht, ob wir uns mittels einer Unabhängigkeitserklärung zu etwas machen sollten, was wir nicht sind, sondern ob wir eine Tatsache öffentlich verkünden, die bereits existiert.“ Von Jefferson, dem Abgesandten von Virginia im Kontinentalkongress, ging die Initiative aus. „Wenn es so etwas wie eine Gründungsurkunde des modernen Westens gibt, ist es die Virginia Declaration of Rights, die erste Menschenrechtserklärung der Geschichte.“ (Winkler2, S. 47) Sie war am 12. Juni 1776 in Williamsburg beschlossen worden. Nur wenige Wochen später, am 4. Juli 1776, nahmen die 13 Kolonien die von Virginia auf der Basis ihrer „bill of rights“ vorgelegte Unabhängigkeitserklärung an. Die Trennung von England wurde hiermit vollzogen. Thomas Jefferson hatte beide Texte formuliert. Es fanden sich dort Gedanken der europäischen Aufklärung und machten aus der Trennung vom Mutterland viel mehr als nur eine Revolte der Kolonie. Die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung und der nachfolgenden Verfassung der amerikanischen Staaten – mit der Verwirklichung der Gewaltenteilung – veränderten die gesamte westliche Welt; denn den Bürgern wurde ein bislang ungeahntes Maß an Freiheit garantiert. Jeffersons grundlegende Gedanken zu den Aufgaben des Staates, den Menschenrechten, zur Religionsfreiheit, Trennung von Staat und Kirche, zu Freiheit und Gleichheit der Bürger, ihren Rechten und Pflichten als Individuen und zur Toleranz untereinander, zur Ausbildung und Bildung (er gründete die Universität von Virginia), entstammten zum Teil dem Gedankengut und den Prinzipien der Freimaurer. So ist es gewiss kein Zufall, dass 50 von 55 Mitgliedern der konstituierenden Nationalversammlung, die die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben, sämtliche Gouverneure der 13 Gründerstaaten, 20 von 29 Generälen Washingtons und 104 seiner 106 Offiziere aktive Freimaurer waren, wie auch selbstverständlich Thomas Jefferson, George Washington, Benjamin Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 236 Franklin, Alexander Hamilton, James Madison und Lafayette. (Minder, S. 238) In Europa (die Bewegung der Freimaurer war von England ausgegangen und hatte sich über Frankreich und Deutschland schnell über den ganzen Kontinent ausgebreitet) waren es, um nur einige berühmte Freimaurer zu nennen: Diderot, Fichte, Friedrich II., Goethe, Herder, Kant, Katharina II., Lessing, Montesquieu, Mozart, auch Robespierre und Napoleon. Die Ideale der Freimaurer, ihr freier Geist waren selbst ein Ausdruck der Zeit der Aufklärung. „Im Zeichen des Maurermysteriums entstand das soziale Gerüst der moralischen Internationale, die sich aus Kaufleuten und Reisenden, den Philosophen, Seeleuten und Emigranten, kurz den Kosmopoliten im Verein mit dem Adel und den Offizieren zusammensetzte. Die Logen wurden zum stärksten Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert. Ihr großes Gewicht erweist sich bereits daran, dass sich auch die Staatsmänner der Logen bedienten, um Einfluss zu gewinnen und politische Ziele zu verfolgen.“ (Koselleck, S. 64) Die Präambel der Unabhängigkeitserklärung stellte fest: alle Menschen haben unanfechtbare Rechte, zu deren Sicherung Regierungen eingesetzt werden. Alle Menschen sind gleich geboren, mit unveräu- ßerlichen Rechten begabt, diese sind das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück. Erlaubter Widerstand gegen eine ungerechte Herrschaft ist ein weiterer zentraler Inhalt der Erklärung. Sobald Regierungen ihre Zwecke und Aufgaben nicht erfüllten, hat das Volk das Recht, sie abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen. Das Volk ist der Souverän. Das Dokument gibt die Gründe an, warum die Unabhängigkeit erklärt wird und die Kolonie eine neue Regierungsform einsetzen will: „Die Regierungszeit des gegenwärtigen Königs von Großbritannien ist von unentwegtem Unrecht und ständigen Übergriffen gekennzeichnet, die alle auf die Errichtung einer absoluten Tyrannei über diese Staaten (die Kolonie) abzielen.“ Es werden danach im Detail alle Maßnahmen des Königs aufgeführt, die als ungerechtfertigte Eingriffe in die Verwaltung der Kolonie angesehen und dem König vorgeworfen wurden. „Ein Monarch, dessen Charakter durch jede seiner Handlungen in dieser Weise gekennzeichnet wird, die einem Tyrannen zuzutrauen ist, kann nicht geeignet sein, über ein freies Volk zu herrschen.“ (…) „Daher tun wir, die in einem gemeinsamen Kongress versammelten Ver- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 237 treter der Vereinigten Staaten von Amerika, unter Anrufung des Obersten Richters über diese Welt als Zeugen für die Rechtschaffenheit unserer Absichten namens und im Auftrag der anständigen Bevölkerung dieser Kolonien feierlich kund und zu wissen, dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen; dass sie von jeglicher Treuepflicht gegen die britische Krone entbunden sind, und dass jegliche politische Verbindung zwischen ihnen und dem Staate Großbritannien vollständig gelöst ist und bleiben soll. (…)“ Die Antwort aus England kam unverzüglich. Bereits bald nach der „Boston Tea Party“ im Dezember 1773 war es zu Gefechten zwischen britischen und amerikanischen Truppen gekommen. Jetzt, nach der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, sandte Georg III. eine Flotte von 150 Kriegs- und Transportschiffen mit 32 000 Soldaten nach Amerika, die sich mit den bereits vor New York liegenden 130 Schiffen vereinigen sollten. Es gelang dieser Übermacht, die Truppen Washingtons auf Long Island zu schlagen. Die Engländer nahmen New York ein und schlugen Washington erneut nördlich der Stadt bei White Plains. Washington zog sich nach Pennsylvania zurück und überquerte von dort in der Nacht auf den 26. Dezember 1776 den Delaware Fluss nach New Jersey, überrumpelte die bei Trenton liegenden feindlichen Truppen und errang einen großen Sieg, der wenige Tage später auf dem Battle Field vor Princeton wiederholt werden konnte, als Washington das feindliche Heer umging, hinterrücks die Nachhut angriff und danach auf Infanterieregimenter stieß, die er besiegte. (Abb. 29 Delaware) Als Washington wenig später bei Philadelphia kurz hintereinander zwei Schlachten gegen die Engländer verlor und große Verluste von Menschen und Material hinzunehmen hatte, zweifelten viele im Kongress an seinen Fähigkeiten, so dass der General sich jetzt auch noch mit Anfeindungen und Intrigen auseinandersetzen musste. Die Lage schien für die verbleibende Truppe, die unter Hunger und Krankheiten litt, hoffnungslos. Beim Marsch in das Winterquartier, so schrieb ein Beobachter: „Man hätte die Spur der amerikanischen Armee an ihren blutigen Fußstapfen erkennen können, denn sie marschierte ohne Schuhe und Strümpfe über den hart gefrorenen Boden.“ Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 238 Abb. 29: Emanuel Leutze: George Washington überquert den Delaware nach New Jersey Friedrich II. schrieb am 13. August 1777 an d’Alembert: „Sie wollen wissen, was ich von der Haltung der Engländer denke? Was alle Welt davon denkt. Sie haben gegen den guten Glauben gehandelt, indem sie den Kolonien ihre Verträge nicht hielten und indem sie zur unrechten Zeit und gegen die Regeln der Klugheit den Krieg erklärten, der nur Unglück für sie im Gefolge haben kann, weil sie in stupider Weise die Macht dieser Kolonien verkannt und sich eingebildet haben, General Gage könne sie mit 5 000 oder 6 000 Mann unterwerfen. (…) Übrigens muss ich Ihnen erklären, dass die dichten Schleier, welche die Zukunft verhüllen, diese meinen Augen gerade so gut als Anderen verbergen. Wenn ich aber nach dem Beispiel Ciceros voraussehen wollte, was gewisse Kombinationen anzukündigen scheinen, so würde ich vielleicht zu sagen wagen, dass die Kolonien unabhängig werden müssen, weil der gegenwärtige Feldzug sie gewiss nicht niederwirft, weil die Goddam-Regierung (Friedrich sprach in dieser Zeit immer von den „Goddam“, wenn er England meinte) Mühe haben wird, aus den Taschen der Privatleute die Mittel für den nächsten Feldzug herbeizuschaffen, und weil bis zum nächsten Frühjahr der Krieg zwischen Frankreich Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 239 und England erklärt sein wird und man sich gegenseitig in den Kolonien schlagen wird. (…) Den Engländern hat es bei ihren Verhandlungen mit anderen Völkern stets an Kunst und Schmiegsamkeit gefehlt. Mit Gier ihren eigenen Interessen hingegeben, verstehen sie nicht, Anderen zu schmeicheln, und wähnen, dass sie durch Geldanbietungen Alles erreichen können.“ Diese Meinung teilte auch Benjamin Franklin, der am 9. April 1777 schrieb: „Ganz Europa wünscht England gedemütigt, denn es hat alle Nationen durch seine zu Zeiten des Glücks bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegten Anmaßungen beleidigt.“ Den Unabhängigkeitsbemühungen der Amerikaner wurde in Deutschland viel Sympathie entgegengebracht. Umso mehr wurde es als ein großes Ärgernis und Skandal angesehen, dass einige deutsche Fürsten ihre Soldaten an England verkauften. (F. Kapp2) Auch in Frankreich wurden die Ereignisse in Amerika aufmerksam verfolgt. „Raynal pries den Kampf der vereinigten Kolonien als wegweisende Zurückeroberung der Freiheit, die den Despoten zur Warnung dienen solle, dass die Geduld ihrer Völker Grenzen habe und dass ihre Unrechtsherrschaft nicht ewig ungestraft bleiben werde. Das war eine unmissverständliche Anspielung auf Frankreich; selbst in seinem Freiheitskampf erschien Amerika den Aufklärern als Experimentierfeld Europas und Vorbild für die geforderte Umgestaltung des Ancien Régime.“ (Reichardt, S. 330) Das Blatt wendete sich als die Franzosen sich entschlossen, in den Krieg einzugreifen. Es war wieder die Furcht vor einem zu starken Nachbarn, der sie bewog, erneut Krieg gegen England zu führen. Auch waren die Niederlage 1763 gegen England und der Verlust der amerikanischen Territorien nicht vergessen und die Aussicht darauf, dass England die amerikanische Kolonie aufgeben müsse, sehr verlockend. Anfang 1778 kam es zu einem amerikanisch-französischen Bündnis, das den Amerikanern militärische und finanzielle Unterstützung zusagte. 1779 schlossen sich Spanien und 1780 die Niederlande an. Die Engländer verlegten nun ihre Kräfte in die Südstaaten, eroberten zwar Georgia, scheiterten aber mit ihren Angriffen auf South Carolina. Als dann auch noch die Franzosen mit ihrer Flotte die Chesapeake Bay beherrschten und gemeinsam mit Washingtons Streitkräften die Engländer in Yorktown einschlossen, waren die wesentlichen Schlachten geschlagen. „Am 19. Oktober 1781, 2 Uhr nachmittags, zogen die Bri- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 240 ten aus Yorktown ab, die Fahnen eingerollt in Futteralen, die Waffen, die sie abzugeben hatten, auf Hochglanz poliert. Die Sieger bildeten Spalier. Auf der einen Seite standen die königlich-französischen Liniensoldaten, geschniegelt und gebügelt zum Triumph über den Rivalen, auf der anderen Seite die amerikanischen Kontinentalarmisten, in heruntergekommener Montur, doch gehobener Stimmung. Militärkapellen spielten den alten Marsch ›The world turned upside down‹. Die Welt schien an diesem Tage tatsächlich kopfzustehen, Großbritannien unten und oben die zu Staaten gewordenen Kolonien in Nordamerika.“ (Herre, S. 186) Auch wenn Georg III. hätte weiterkämpfen wollen, erzwang das Parlament den Rücktritt des Kriegskabinetts unter Lord North und verlangte die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen. John Adams und Benjamin Franklin, die in Paris für Amerika verhandelten, präsentierten die wichtigsten amerikanischen Bedingungen: Anerkennung der 13 Kolonien der Vereinigten Staaten als souveräne Nation, deren Grenzen im Norden die bereits vorhandene Grenze zu Kanada, im Westen der Mississippi und im Süden der 31. Breitengrad sein sollten. Spanien hatte an der Seite Frankreichs gekämpft, wieder mit dem Ziel, Menorca und Gibraltar zurückzuerlangen. Gibraltar blieb englisch, aber Florida und Menorca gehörten nun zu Spanien. Louisiana, damals ein riesiges Gebiet in der Mitte des Kontinents, das früher zu Frankreich gehört hatte, seit 1763 aber zu Spanien, ging zurück an Frankreich. Napoleon verkaufte Louisiana 1803 für 15 Millionen Dollar an Amerika, denn er brauchte Geld, um seine imperialen Hoffnungen in Europa zu finanzieren. Der Erwerb Louisianas verdoppelte nahezu das Territorium der USA, denn es gehörten folgende Staaten zu diesem Gebiet: das heutige Louisiana, Arkansas, Minnesota, Kansas, Nebraska, Colorado, Nord- und Süd-Dakota, Montana, Wyoming und Oklahoma. Der Friedensvertrag wurde am 3. September 1783 in Paris unterzeichnet. Es war für Amerika und die Welt ein größtes Ereignis. Amerika war nun ein freier Staat, in dem die Rechte der Menschen, Gewaltenteilung, die Demokratie, Religionsfreiheit und die persönliche Freiheit des Einzelnen die wichtigsten Werte darstellten. Alle europäischen Staaten erkannten die Unabhängigkeit Amerikas an. Amerika war eine „durch einen Akt der Selbstzeugung entstandene Welt.“ (Dahrendorf, Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 241 S. 12) In allen Verfassungen der Einzelstaaten kam zum Ausdruck, dass die Regierung den Menschen zu dienen, nicht diese zu beherrschen habe. Ein Problem blieb weiterhin jedoch die Sklaverei, auch wenn sie in den Nordstaaten sehr bald verboten wurde. Weitere Sklaven konnten nur noch in das Land geschmuggelt werden, denn deren Transport aus Afrika war schon seit 1776 untersagt. Auch wenn George Washington und Thomas Jefferson, die selbst nach wie vor Sklaven hielten, sich energisch gegen die Sklaverei wandten und diese aufheben wollten, beharrten die Plantagenbesitzer der Südstaaten noch fast ein Jahrhundert lang darauf, dass sie ihre Ländereien nur mit Sklaven profitabel bewirtschaften könnten und gaben diese Position erst nach dem verlorenen Sezessionskrieg auf. Großbritannien hatte die amerikanische Kolonie aufgeben müssen. Aber der Handel mit Nordamerika und den reichen karibischen Inseln, die England behielt, florierte dennoch, ein Zeichen dafür, dass eine Kolonie zwar initial nützlich für den Warenaustausch sein konnte, jedoch keine Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg aus weltweitem Handel darstellte. Der Verlust der amerikanischen Kolonien nahm Großbritannien nicht den Status der führenden Wirtschaftsmacht der Welt. Englands wirtschaftliche Stärke als moderner Industriestandort, zu dem es sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hatte, führte nach der Überwindung Napoleons zu einer erneuten Aufstiegsphase. Es blieben Kanada und Australien, der Einfluss in Indien wurde stetig ausgebaut, und die Meere beherrschte England sowieso. In Indien hatte England seinen Einfluss mit der East India Company bereits seit längerem ausgebaut, nun aber, nachdem Amerika verloren war, verstärkte Großbritannien seinen Einsatz in Südostasien. „1794 nahmen die Briten den Holländern Ceylon ab; 1799 wurde der südindische Fürstenstaat Mysore in einen britischen Vasallenstaat verwandelt, 1803 Delhi, der Sitz des Großmoguls, erobert, bis 1819 die britische Oberhohehit über ganz Indien durchgesetzt. Die britische Herrschaft über diesen Teil Südasiens war eine der Voraussetzungen dafür, dass Großbritannien sich im 19. Jahrhundert mit größerem Recht als irgendeine andere Nation eine Weltmacht nennen konnte.“ (Winkler, S. 313) In Kanada erlaubten die Engländer den dortigen Siedlern – so viel hatten sie aus dem Desaster in Amerika gelernt – ein hohes Maß an Selbstbestimmung und konnten auf diese Weise nicht nur für Stabilität Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 242 sorgen, sondern auch die Grenze zwischen den USA und Kanada sichern, die schließlich 1814, nach einem weiteren Krieg, im Friedensvertrag von Gent festgeschrieben wurde. (Winkler, S. 313) Ab etwa 1787 begann England mit der Besiedlung Australiens, das zunächst als Sträflingskolonie diente, jedoch schon bald freie Siedler aufnahm, vor allem solche, die Wissen in der Schaf- und Rinderzucht mitbrachten. Das freie Amerika bemühte sich schon während des Unabhängigkeitskriegs um Handelsverträge mit Preußen und anderen Ländern Europas. Friedrich II. wurde von den Amerikanern als der Fürst angesehen, der schon wegen seiner geistigen Überlegenheit und persönlichen Haltung Amerikas Ziele unterstützen müsse. Ein Handelsvertrag sollte die Beziehungen beider Länder vertiefen. Ostfriesland war 1744 an Preußen gefallen, seit 1751 war Emden zu einem Freihafen erhoben worden. Dies könnte der Ausgangspunkt für einen begrenzten Seehandel werden, Schlesisches Tuch könnte exportiert, amerikanischer Tabak importiert werden. Friedrich erschien jedoch jeder unter Preußens Flagge geführter Seehandel zu gefährlich, denn „achtzig bis neunzig englische Schiffe, die auf den verschiedenen Meeren umherschwärmen, würden Alles nehmen.“ So teilte Friedrich seinem Handelsminister Schulenburg mit, dass er die Vorschläge von Benjamin Franklin zu einem gemeinsamen Handelsvertrag zu kommen, nicht ablehnen solle, denn die Amerikaner sollten nicht „beleidigt oder verletzt“ werden. Sie sollten dagegen verstehen, dass gewichtige Gründe zum gegenwärtigen Zeitpunkt für einen Aufschub des Unternehmens sprächen: keine eigene Handelsflotte, die Engländer würden auch die holländische Flagge nicht akzeptieren, keine bewaffneten Schiffe zum Schutz der Flotte, kein ihm bekannter, vor den Engländern sicherer amerikanischer Hafen. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde schließlich doch der Handelsvertrag zwischen Amerika und Preußen unterschrieben und am 6. Juni 1786 als Anhang des Daily Advertiser in den USA veröffentlicht. Es ging darin nicht nur um Regeln für die Handelsbeziehungen. Die Menschenrechte wurden als gültiges Völkerrecht festgeschrieben, Meinungs- und Glaubensfreiheit für alle Bürger beider Länder garantiert. Zuvor hatte Amerika Handelsverträge bereits mit Frankreich, Holland und Schweden abgeschlossen. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 243 Zurück zur amerikanischen Innenpolitik. Mit der Zeit setzte sich die Überzeugung durch, dass der bestehende Kontinentalkongress auf Dauer nicht die geeignete Institution war, um die Vereinigten Staaten zu regieren, denn der Kongress konnte sich gegenüber den Einzelstaaten nicht durchsetzen und die notwendigen Steuerabgaben einfordern, so dass sehr hohe Schulden im europäischen Ausland eingegangen werden mussten, in einer Größenordnung, durch die selbst die Unabhängigkeit bedroht war. Eine Zentralregierung musste geschaffen werden, davon waren George Washington und andere, vorwiegend konservative Politiker überzeugt. Der Konvent von Philadelphia, die Versammlung der „Founding Fathers“, trat am 25. Mai 1787 zusammen und beschloss unter Abwägung vieler im Ausland existierender und historischer Staatsformen eine Regierung, die aus zwei Kammern (Legislative), einer in einer einzigen gewählten Person gebündelten Exekutive und einer Judikative bestehen sollte. Die Gewaltenteilung war durchgesetzt. Mit der im Jahre 1787 auf der Basis der „Virginia bill of rights“ verabschiedeten Verfassung wurden die Menschenrechte festgeschrieben, alle Menschen, so wurde proklamiert, waren gleich, mit unveräußerlichen Rechten gleich geboren. Das war großartig, aber die Sklavenhaltung in den USA abzuschaffen, erforderte einen Bürgerkrieg, Nordgegen Südstaaten, der im nächsten Jahrhundert ausgetragen werden musste. Ursprünglich enthielt die Unabhängigkeitserklärung einen Absatz, der Georg III. den Vorwurf machte, mit Sklaven zu handeln. Dieser Absatz wurde gestrichen, denn mit ihm hätten Georgia und South Carolina der Erklärung nicht zugestimmt. Und auch wenn die Gleichheit der Menschen betont wurde, „genossen doch nur erwachsene wei- ße Männer mit einem bestimmten Einkommen oder Grundbesitz gleiche Rechte, nicht aber Frauen, Sklaven, Arme oder wirtschaftlich abhängige.“ (Stollberg, S. 241) Mit dem Phänomen, dass Menschenrechte ernsthaft ausgerufen werden, deren Befolgung sich als schwierig erweist, stand Amerika jedoch nicht allein in der westlichen Welt. Unterschiedliche Ethnien und Glaubensrichtungen konfliktfrei zu akzeptieren, erscheint auch heute noch weltweit als eine kaum überwindbare Hürde. Mit der Verfassung entstand ein ausgeklügeltes, sehr balanciertes System der Begrenzung übergroßer Macht: Der Präsident hatte zwar Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 244 das Vetorecht über Gesetzesvorlagen des Kongresses, konnte jedoch mit einer Zweidrittelmehrheit überstimmt werden; der Senat musste Ernennungen des Präsidenten bestätigen, der Oberste Gerichtshof konnte Gesetze des Kongresses als verfassungswidrig erklären, selbst wenn diese vom Präsidenten unterschrieben worden waren. Alle Staaten hatten bis zum Sommer 1788 der Verfassung zugestimmt. Die Verfassung garantierte die Volkssouveränität, den Grundsatz der Gewaltenteilung und die Trennung von Staat und Kirche. Die Rechte der Bürger wurden genauer definiert: Religionsfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Freiheit der Person, Unverletzlichkeit der Wohnungs- und Eigentumsgarantie u.a.m. (Frotscher). Dies erzählt sich so, als wäre dieses große, für die Welt vorbildliche „normative“ Projekt sehr selbstverständlich und einvernehmlich erarbeitet und verabschiedet worden. In Wirklichkeit hatte es erbitterte Kämpfe, große Auseinandersetzungen und beinahe handgreiflichen Streit um seine Ratifizierung gegeben. (Lepore, S. 197) George Washington, der schon Vorsitzender des Verfassungskonvents gewesen war, wurde am 4. Februar 1789 zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten und 1792 erneut gewählt. Er berief Hamilton zum Finanzminister („Secretary of the Treasury“). Hamilton setzte sich für eine Politik des konservativen Zentralismus ein. Eine starke Bundesregierung, die sich auf die Loyalität der einzelnen Staaten stützen könne, war sein Konzept für die Lösung der finanziellen Probleme und die Sanierung der Union. Unter Hamilton wurden die hohen Schulden der Einzelstaaten als Bundesschulden übernommen. Dieser Akt der Solidarität ließ sich jedoch nicht aufrechterhalten, da sich die Staaten in ihrem Wirtschaften auf die fortdauernde Übernahme ihrer immer neuen Schulden durch den Bundesstaat verließen. So musste die Schuldensozialisierung bald beendet werden, und jeder Einzelstaat wurde wieder für seine Finanzen verantwortlich. Jefferson, von 1785 bis 1789 Botschafter in Frankreich, wurde 1790 von Washington zum Außenminister ernannt. Aus den unterschiedlichen Auffassungen und der entgegengesetzten Meinung in zentralen ordnungspolitischen Fragen, die Hamilton und Jefferson jeweils vertraten, bildeten sich sehr bald politische Richtungen heraus: Hamilton gründete eine Zentralbank (First Bank of the United States), ein Vorgehen, das für Jefferson nicht von der Verfassung vorgesehen war. Hamilton befürwortete eine Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 245 gestaltende Industriepolitik, Jefferson dagegen lag mehr an der Förderung der Landwirtschaft und des bäuerlichen Mittelstands. Auch Hamiltons Gewichtung einer starken Zentralregierung war ihm suspekt, die Einzelstaaten sollten gestärkt werden, und die individuellen Rechte und Freiheiten der Bürger dürften unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Mit der Zeit entstanden die „Federalists“ unter Hamilton und die „Republicans“ oder auch „Democratic Republicans“ unter Jefferson als eigene Parteien, die von den Verfassungsvätern nie gedacht worden waren und die sie stets hatten vermeiden wollen. Noch in seiner Abschiedsbotschaft 1796 wandte sich Washington eindringlich gegen die Bildung politischer Parteien, auch wenn er selbst meist auf der Seite Hamiltons und der Federalists war. „Der Parteigeist beunruhigt das Gemeinwesen durch unbegründete Eifersüchteleien und falsche Besorgnisse, er entzündet die Feindschaft des einen Teils gegen den anderen und schürt Aufruhr und Empörung.“ (Lepore, S. 194) Washington ließ sich nicht ein drittes Mal wählen, was zum Präzedenzfall für die Zukunft wurde. John Adams, Mitbegründer der American Academy of Arts and Sciences, folgte ihm im Amt. Jefferson, Präsident der American Philosophical Society, wurde im Jahre 1800 Präsident und 1804 wiedergewählt. George Washington starb am 14. Dezember 1799. Schon in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika lag das Versprechen, dass dieses Land in der Zukunft eine Großmacht werden und als solche ihren Einfluss in der Welt geltend machen würde. Amerika, das angelsächsisch pragmatisch dachte, hatte eine große Zukunft vor sich. Der Gesandte Venedigs in Paris schrieb 1783 in einem Bericht: „Wenn es gelingt, die Union der (amerikanischen, d. V.) Provinzen am Leben zu erhalten, dann ist es nur folgerichtig zu erwarten, dass sie mit der Gunst der Zeit und unter dem Einfluss europäischer Geistes- und Naturwissenschaften eines Tages die gewaltigste Macht der Erde sein werden.“ (Palmer, S. 257) Zu der Zeit war England die führende Macht der Welt. Die Gesellschaftsstruktur wurde in Amerika und zuvor bereits in England durch das selbstbewusste, aufgeklärte, ehrgeizige Bürgertum bestimmt. Keines der beiden Länder hatte demnach gegenüber dem anderen einen Modernitätsvorteil. Die wirt- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 246 schaftliche Stärke würde also in der Zukunft die Machtposition des einen oder anderen Landes bestimmen. Amerika hatte keine Kolonien, England würde seine verlieren. Amerika würde seinen gesamten Kontinent bevölkern und über sehr viel mehr Einwohner verfügen als irgendein Staat in Europa. Amerika musste als Sieger hervorgehen, denn es kam hinzu, dass das Streben nach Geldbesitz und Profit in Amerika schon damals eine überragend ausgeprägt treibende Kraft war. Tocqueville2 (S. 41) hatte geschrieben: „Ich kenne kein Land, in dem die Liebe zum Geld einen so großen Platz in den Herzen der Menschen einnimmt, in dem man eine solche Verachtung für die Theorie der andauernden Vermögensgleichheit bekundet.“ In Deutschland hat sich vor allem Goethe mit Amerika auseinandergesetzt, worauf hier ein wenig ausführlicher eingegangen werden soll. Goethe stand, wie die meisten Intellektuellen in Deutschland, Amerika zunächst reserviert gegenüber, wie er in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ausdrückt: „Unser Hausherr, als Jüngling nach Europa gelangt, fand hier alles ganz anders; diese unschätzbare Kultur, seit mehreren tausend Jahren entsprungen, gewachsen, ausgebreitet, gedämpft, gedrückt, nie ganz erdrückt, wieder aufatmend, sich neu belebend und nach wie vor in unendlichen Tätigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere Begriffe, wohin die Menschheit gelangen kann. Er sagte: ›Überall bedarf der Mensch Geduld, überall muss er Rücksicht nehmen, und ich will mich doch lieber mit meinem Könige abfinden, dass er mir diese oder jene Gerechtsame zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, dass sie mir gewisse Beschränkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer anderen Seite nachgebe, als dass ich mich mit den Irokesen herumschlage, um sie zu vertreiben, oder sie durch Kontrakte bekriege, um sie zu verdrängen aus ihren Sümpfen, wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt wird‹.“ (Goethe2, S. 294) Dies war Goethes frühe Meinung zu Amerika. Doch dann geschah es, dass in diesem Land die erste Republik in der Neuzeit geschaffen wurde. Es war die Frage der Bürgerrechte, ökonomische Gründe traten hinzu, die zum Zerwürfnis zwischen Kolonie und Mutterland geführt hatten. Aber durch die in der Unabhängigkeitserklärung vorangestellten Bekenntnisse zu den Menschenrechten erhielt die Revolution ihre Legitimation und weltweite Anerkennung. Es entstand kein neues despotisches System von Revolutionären, sondern eine auf Idealen beru- Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 247 hende Republik. Die Auswanderer hatten auf dem amerikanischen Kontinent nichts vorgefunden, was ihnen aus einer etablierten traditionsbewussten Kultur und Gesellschaft entgegengestanden hätte, ihre eigenen Überzeugungen und Ideale hier, in diesem weiten Land, zu verfolgen und zu verwirklichen. Sie konnten etwas Neues, nie Dagewesenes schaffen. Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Menschen wie Benjamin Franklin, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen war, sich als Wissenschaftler und Diplomat einen Namen gemacht hatte und mit den Großen der europäischen Politik verhandelte, versinnbildlichten das idealistische Bild, das man jetzt von Amerika hatte und beflügelten die Phantasie vor allem der jungen Generation. Benjamin Franklin hatte über die Gesetze der Elektrizität geforscht und den Blitzableiter erfunden, die französische Akademie ehrte ihn 1778 mit den Worten „Dem Himmel entriss er den Blitz, den Tyrannen das Szepter“, was dieser zurückwies und deutlich machte, wie viele Mitstreiter an dem Unabhängigkeitskampf beteiligt waren. (Wertheim, S. 74) Goethe nahm sehr interessiert alle politischen und kulturellen Nachrichten aus Amerika auf, kannte Werke des Malers John Trumbull, z. B. dessen Darstellung vom „Tod eines amerikanischen Generals bei Bunker Hill“, und auch einige Romane des von ihm sehr geschätzten James F. Cooper, wie „Der letzte Mohikaner“. Bedauerlicherweise wurde Goethe, vor allem betrieben durch puritanische Kreise in Amerika in jener Zeit – und nur in diesen Kreisen – der Vorwurf der Blasphemie und Unsittlichkeit gemacht. Man kritisierte den Auftritt Gottes im Prolog des „Faust“ und lehnte Werke wie „Werther“, „Wahlverwandtschaften“ und „Wilhelm Meister“ ab. Goethe bemerkte dazu: „Es ist auf jeden Fall merkwürdig zu sehen, wie so nach und nach die Wirkungen eines langen Lebens durch die Welt schleichen, auch da und dort, nach Zeit und Umständen, Einfluss gewinnen. Ich musste lächeln, als ich mich in einem so fernen und überdies republikanischen Spiegel zu beschauen hatte“. (Urzidil, S. 175) In die Zukunft schauend, sah Goethe Amerika als ein Land an, das selbstverständlich den gesamten Kontinent erobern und außerdem die enge Landstelle in Panama nutzen würde, einen Zugang zum Pazifik zu bekommen. Diese Gedanken notierte Eckermann am 21. Februar Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 248 1827: „Es ist vorauszusehen, dass dieser jugendliche Staat, bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen, in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. Es ist ferner vorauszusehen, dass an dieser Stelle des Stillen Ozeans nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittlung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Falle wäre es aber nicht bloß wünschenswert, sondern fast notwendig, dass sowohl Handels- als Kriegsschiffe zwischen der nordamerikanischen westlichen und östlichen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Kap Horn möglich gewesen. Ich wiederhole also: es ist für die Vereinigten Staaten durchaus unerlässlich, dass sie sich eine Durchfahrt aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean bewerkstelligen, und ich bin gewiss, dass sie es erreichen. Dieses möchte ich erleben, aber ich werde es nicht, es wäre wohl der Mühe wert, noch einige fünfzig Jahre auszuhalten.“ (Urzidil, S. 157) Der Panamakanal wurde 1914 für die Schifffahrt freigegeben. Zuvor hatte sich im Nahen Osten eine schmale Landstelle angeboten, für die Schifffahrt durchstoßen zu werden. Der Suez-Kanal, der 1869 eröffnet wurde, halbierte die Reisezeit von London nach Bombay. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 249

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.