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China in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 207 - 220

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-207

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
China Unter den Dynastien der Han und Tang (221 v. Chr. bis 906 n. Chr.) war China das Zentrum von Wirtschaft, Technik und Kultur, mit einem Vorsprung von mehreren hundert Jahren gegenüber der Welt. Die Song-Dynastie (960 bis 1279) zerbrach unter dem Mongolenansturm, es folgten die Ming (1368 bis 1644), die die Nachfolge der Mongolen angetreten hatten. (Pilny, S. 77) In der Ming-Zeit (bereits im frühen 15. Jahrhundert) wurden Schiffsexpeditionen nach Westen entsandt, bis an die Ostküste Afrikas. Der Kompass war bereits erfunden. (Toynbee, S. 523) China hätte eine Weltmacht werden, Kolonien nehmen, andere Länder beherrschen können. Es verzichtete jedoch bewusst auf diese Option und darauf, das Wissen, mit dem China allen Ländern der Welt überlegen war, weiterzuentwickeln, industriell zu nutzen und einen weltweiten Handel zu betreiben. In der Mitte des 15. Jahrhunderts zog sich China aus dem sehr erfolgreichen Seehandel zurück, zerstörte die Flotte und alles Wissen über den Schiffsbau. Auslandsreisen jeder Art wurden erschwert. Dies geschah unter konfuzianischem Einfluss, der ein starkes Misstrauen gegen Handel, Akkumulation von Reichtum und Ungleichheit hegte und eher die Landwirtschaft förderte. Daran ging die Ming-Dynastie nicht zugrunde, es waren die typischen Endzeitphänomene staatlicher Fehlentwicklungen, die China schwächten: enorme Staatsschulden wegen verschiedener Kriege, von denen sich die Staatskasse nicht erholte, ungeheure Verschwendungssucht des Herrscherhauses, Korruption, Intrigen. Steuererhöhungen, Missernten und Hungersnot kamen hinzu, schließlich Aufstände, Rebellion und große Volkserhebungen. Mandschurische Truppen besiegten den Norden Chinas, sie hatten keine Mühe, in China einzudringen und die Macht an sich zu reißen. Sie suchten und erhielten die Unterstützung der Chinesen, auch indem sie die bestehenden Verwaltungsinstitutionen übernahmen und für Stabilität der Lebensumstände sorgten. Nur die Südlichen Ming leisteten noch Wider- 207 stand, der jedoch bald gebrochen war. Die Mandschu-Dynastie, auch Qing-Dynastie, herrschte von 1644 bis 1912. Nachdem die Mandschu auch den Süden des riesigen chinesischen Reichs besiegt hatten, festigten sie ihre Macht, indem sie sowohl mit Milde, d. h. einem Bekenntnis zur Kultur des Landes, als auch mit Strenge, also Unterdrückung jeglicher Gegnerschaft, regierten. Die drei großen Kaiser des 18. Jahrhunderts (Kangxi (1662–1722), Yongzheng (1723–1735) und Qianlong (1736–1796), regierten mit Klugheit und wirklichem Interesse an der chinesischen Kultur und unternahmen ausgedehnte Reisen durch das Land. (Abb. 24 Qianlong) Xu Yang: Kaiser Qianlong (1736–1796) während seiner ersten Südreise 1751, Ausschnitt Abb. 24: China 208 Kangxi, ein Zeitgenosse Ludwigs XIV., wurde in Europa als bemerkenswerter Friedenskaiser angesehen, ein Fürst, der die „barbarischen“ Mandschuren in eine blühende Zivilisation führte. Für seine Bewunderer war er ein geläuterter Barbar. Er war einer der großen Herrscher der Welt. Aber, um ihre Macht zu erhalten, verfolgten die Mandschu- Kaiser rigoros jeden Regime-Gegner. Da die Mandschu im Grunde Fremde waren, deren Legitimität in Frage gestellt werden konnte, gingen sie soweit, alle Werke – ob alt oder neu -, in denen die „Barbaren“ kritisiert wurden, auf den Index zu setzen und zum Großteil verbrennen zu lassen. „Wenn das Mandschu-Regime zumeist den Anschein der Milde vermittelte, so nur deshalb, weil es beharrlich darum bemüht war, einen Geist der Ergebenheit und des Gehorsams zu verbreiten, und weil es seine Macht und Stabilität auf die sittliche Ordnung gegründet hatte.“ (Gernet, S. 402) Am Ende der Ming-Zeit war es zu einer erstaunlichen Entwicklung der Literatur, des Theaters und einer Blüte der Buchproduktion gekommen. Das Interesse an Naturwissenschaft und Technik, das durch die Jesuiten seit dem frühen 17. Jahrhundert geweckt worden war, gewann in der Mandschu-Zeit weiter an Bedeutung. Im 18. Jahrhundert, unter der Mandschu-Regierung, wurde wie in England und Frankreich auch in China das gesamte Wissen der Zeit in einer Enzyklopädie zusammengestellt, ein Werk mit 10 000 Kapiteln, in denen Kalenderwesen, Astronomie, Mathematik, Geographie, Technik, schöne Künste, Zoologie, Botanik, Philosophie, Literatur und auch Gesetze und Institutionen behandelt wurden. In gleicher Weise wurden auch fast 50 000 Gedichte von 2 200 verschiedenen Autoren seit der Tang- Zeit zusammengestellt, ein Lexikon, das 42 000 Schriftzeichen erklärte, wurde herausgegeben. Unter Qianlong arbeiteten 360 Gelehrte zehn Jahre lang an einem Katalog, der sämtliche gedruckte Werke in öffentlicher und privater Hand erfasste. Es wurden 79 582 Bände gezählt. (Gernet, S. 431) Neben diesen enzyklopädischen Arbeiten entstand eine eigenständige philosophische Schule, deren bedeutendster Vertreter der Gelehrte und Philosoph Dai Zhen war. „Durch ihn entstand ein echter wissenschaftlicher Geist, der sich seiner Methoden sicher war und dessen Prinzipien sich kaum von denjenigen unterschieden, die im Westen den Fortschritt der exakten Wissenschaften ermöglicht haben.“ (Ger- China 209 net, S. 434) Die Malerei in China im späten siebzehnten und im 18. Jahrhundert erlaubte den Künstlern, Individualisten zu sein, treffend ausgedrückt von Tao-chi, auch Shihtao genannt, der sagte: „Wenn man mich fragt, ob ich in der Art der Südlichen oder der Nördlichen Schule male, so antworte ich mit einem herzlichen Lachen, dass ich nicht weiß, ob ich zu einer Schule gehöre oder die Schule zu mir, ich male in meinem eigenen Stil.“ (Cahill, S. 176) Einige dieser Nicht-Orthodoxen, auch Exzentriker genannt, bildeten die Gruppe der „Acht Sonderlinge“, Chin Nung, Hua Yen und Luo Ping waren die bedeutendsten dieser Vereinigung. Ihre Werke wirken als wären es Skizzen und gehörten in die moderne Welt des Westens im 20. Jahrhundert. Sie beeindrucken durch ihre Schönheit, Harmonie, tiefe Ruhe und doch Spannung. „Der vielseitigste und technisch vollendetste Meister war Hua Yen. Seine Bilder mit Vögeln, anderen Tieren und Blumen waren damals überaus berühmt, weit mehr als seine Landschaften, an denen einer seiner Zeitgenossen tadelte, dass sie ›zu viel wegließen‹. Heute freilich bewundern wir die besten seiner Bilder, besonders jene in Albumform, als kleine Meisterwerke der Abkürzung.“ (Cahill, S. 189) (Abb. 25 Chin Nung, Abb. 26 Tao-chi, Abb. 27 Hua Yen, Abb. 28 Luo Ping) China 210 Chin Nung (1687–1764) Junger Mann am Lotusweiher Tusche und Farbe auf Papier – Abb. 25: China 211 Tao-chi (1642–1707) Der Wasserfall am Berge LuAbb. 26: China 212 Hua Yen (1682–1756) Herbstszene (1729)Abb. 27: China 213 Lo P’ing (1733–1799) Portrait des Freundes (1798) Seit dem 16. Jahrhundert waren die Jesuiten im Rahmen ihrer Missionstätigkeit auch nach China gekommen und wurden zu Trägern von Information nach China und von dort nach Europa. In China waren sie wegen ihrer Kenntnisse in der Astronomie und Mathematik anerkannt, in Europa wurden ihre Berichte aus dem fernen Land begierig aufgenommen. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts war das Chinabild in Europa von den Berichten französischer Jesuiten geprägt, die über Konfuzius und seine Philosophie schrieben. Für sie war Konfuzius ein bedeutender Philosoph und Staatsmann, dessen Prinzipien der europäischen Aufklärung ein Vorbild sein könnten. Fasziniert, in manchen Kreisen auch irritiert, reagierte man auf die Einsicht, dass China ein hohes kulturelles Niveau hatte erreichen können, wo dieses doch allein auf den säkularen Weisheitslehren des Konfuzius gegründet war Abb. 28: China 214 und auf jeden religiös-metaphysischen Überbau verzichtete. (Martus, S. 265) „Man kann sich mit Recht wundern, dass es unter den mannigfachen Religionen der Welt eine einzige hat geben können, die die übernatürlichen Systeme und die Gespenster des Aberglaubens und der Angst, welche letzteren man für die Führung der Menschen so nötig erachtet, verwarf und sich ohne Hilfe der Offenbarung nur auf die natürlichen Pflichten begründete.“ (Hazard, S. 51) Konfuzius fasste die Harmonie als das zentrale Prinzip der Schöpfung auf, das in allen Lebensbereichen zu verwirklichen sei. „Das Spiegelbild der sittlichen Ordnung im Kleinen, der Familie, soll die soziale Ordnung und Harmonie in der Gesellschaft sein. Die sittliche Ordnung ist klar strukturiert und basiert auf fünf zentralen Beziehungen: Vater – Sohn, Fürst – Untertan, Mann – Frau, älterer Bruder – jüngerer Bruder, Freund – Freund. Diesen entsprechen fünf Tugenden: Menschlichkeit, Rechtlichkeit und Wohlwollen, Anstand und Sitte, Klugheit, Zuverlässigkeit. Aus ihnen erwachsen die drei sozialen Pflichten der Loyalität, Pietät und Höflichkeit, das beinhaltet Dankbarkeit und Anstand.“ (Pilny, S. 313) Früh schon war Leibniz von der Philosophie der Chinesen eingenommen, er bezeichnete Konfuzius als den Fürsten der chinesischen Philosophen. „Austausch von wissenschaftlichen, philosophischen und praktischen Kenntnissen und Erfahrungen mit China, das waren die Wünsche, die Leibniz 1700 auch mit der Gründung der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu erfüllen hoffte, hoffte er doch ebenso auf die Gründung eines ähnlichen Forschungsinstituts in Peking.“ (Tscharner S. 49) Leibniz bewunderte die Ordnung und Ruhe, die durch die Lehren des Konfuzius überall im öffentlichen und privaten Leben herrschten. Im Gegensatz dazu sah er die Sitten in Europa derart verdorben, dass er sich das Entsenden chinesischer Missionare hierher wünschte, denn von ihrer praktischen Ethik könne viel gelernt werden. (Aurich) Auch Voltaire, der die Kirche und ihre Dogmen bekämpfte, sah seine Überzeugungen in den Lehren des Konfuzius gespiegelt, denen in China „die patriarchalische und priesterkönigliche Herrschaft und die allgemeine Achtung vor Gesetz und Sitte“ zu verdanken seien. (Tscharner, S. 52) Als aber Christian Wolff, der zu jener Zeit in Halle lehrte, in einer Vorlesung nur als Phänomen hervorhob, dass im durch die Ethik des Konfuzius geprägten China eine Hochkul- China 215 tur ganz ohne christliche Auffassungen und biblischen Glauben hatte entstehen können, wurde er sogleich des Atheismus beschuldigt, von Friedrich Wilhelm I. entlassen, jedoch 1740 durch Friedrich II. sofort rehabilitiert und zurück nach Halle berufen. Die Jesuiten konnten sich in China bis zum frühen 18. Jahrhundert nur halten, da sie den verschiedenen Glaubensrichtungen der Chinesen, ihren Sitten, Gebräuchen und Traditionen – vor allem dem Ahnenkult – liberal und tolerant begegneten. Sie beherrschten die Landessprache, kleideten sich nach chinesischer Art und bemühten sich, die Gebräuche der Chinesen und ihre heidnischen Sitten mit christlichen Auffassungen zu verbinden und im Sinne des Christentums zu deuten. Auch die Lehren des Konfuzius ließen sich auf diese Weise erhalten und einfügen. „Die Frage war, ob der Begriff Shangdi (›der Herr da oben‹) als Überrest einer Offenbarung aus dem frühen chinesischen Altertum gelten solle, die nach und nach in Vergessenheit geraten war, oder ob die Auffassungen der Chinesen als grundlegend atheistisch und agnostisch und ihre Kulte und Zeremonien als häretisch anzusehen seien.“ (Gernet, S. 438) Diese Frage beschäftigte den Papst, der schließlich auf den kirchlichen Dogmen beharrte und den entsandten Jesuiten jede Toleranz in Glaubensfragen untersagte, was dazu führte, dass Pater de Tournon die aus seiner Sicht abergläubischen Praktiken der Chinesen mit dem Bannfluch belegte. Daraufhin kam es zu dem sog. „Ritenstreit“. Mandschu-Fürsten, die den christlichen Glauben angenommen hatten, wurden verfolgt, durch die Feindseligkeiten gegenüber chinesischen Christen wurde den Ergebnissen jahrhundertelanger missionarischer Arbeit schwerer Schaden zugefügt. Der Hof wandte sich dem Lamaismus und Buddhismus zu, das Christentum wurde ab 1720 verboten und unterdrückt. Wie so oft, ohne die wirkliche Ursache für diese bedauerliche Entwicklung zu berücksichtigen, die doch in der unglücklichen Entscheidung des Papstes zu suchen war, änderte sich die bis dahin eher euphorische Aufnahme chinesischen Einflusses in eine kritische, auch abschätzige Haltung gegen- über dem Land. Rousseau, d’Argens und Montesquieu wurden zu den intellektuellen Anführern dieser kritischen Auseinandersetzung. Mit militärischen Mitteln hatten die Mandschu-Kaiser bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Einnahme Taiwans, Tibets, der Mongolei das größte und in jener Zeit wohlhabendste Reich der Welt ge- China 216 schaffen. Der Aufschwung gelang auf allen Gebieten: der Landwirtschaft, dem Handel und dem Handwerk. In der Landwirtschaft wurden mit (für die Zeit) hochentwickelter Technik Weizen, Hirse, Reis, aber auch Erdnuss und Mais angebaut, dazu Obst, Gemüse, Tee, Zuckerrohr und Baumwolle. Die Süßkartoffel wurde zu einem wichtigen Nahrungsmittel neben dem Reis. Neue Maschinen für die Bodenbearbeitung wurden bekannt und Verbesserungen bei der Saatzucht, dem Einsatz von Düngemitteln, Aussaat, Bewässerung und der Produktverarbeitung entwickelt. Künstliche Bewässerung und der Anbau von Nassreiskulturen waren schon vor längerer Zeit erfunden worden, wodurch Anbauflächen und Ernteertrag sehr stark vergrößert wurden. Neue dürreresistente und schnell reifende Sorten kamen auf den Markt. (Menzel, S. 83) Der Fleischbedarf wurde durch Schweine- und Geflügelzucht, die Fischnachfrage durch eine kenntnisreiche Fischzucht gedeckt. Textilwaren und Porzellanprodukte stellten den Hauptanteil des Handwerks dar. Seiden- und Baumwollwebstühle wurden verbessert. „Es müssen aber auch das Papier und der Rohrzucker erwähnt werden, die in Fujian produziert wurden, das Tuch aus Hanf, der Stahl, die Metallwaren, die seit der Ming-Zeit produziert wurden und nach ganz Ostasien ausgeführt wurden. Bestimmte sehr geschätzte Stoffe, wie die feinen Baumwollstoffe aus Nanking, die Seide aus Suzhou, die Rohseide aus Huzhou gehörten neben dem Tee, der Keramik und den Lacken zu den Ausfuhrprodukten, die bis nach Europa gelangten.“ (Gernet, S. 409) Die Chinesen hatten schon früh gelernt, Kohle und Koks bei der Verhüttung einzusetzen und in Hochöfen Eisenerz zu schmelzen. (Landes, S. 71) In Europa wurden Kenntnisse des chinesischen Gartenbaus und der Pagodenarchitektur gerne aufgenommen, chinesisches Porzellan, Tee und Seide waren sehr begehrt. Zu den chinesisch inspirierten oder mit chinesischen Motiven dekorierten Innenausstattungen gehörten – passend zum Stil und Geschmack des Rokoko – Gobelins, Tapeten aus Seide oder Papier, Wandgemälde, Bilder, Lackmöbel, Spiegel, Vasen und Geschirr. Auch auf dem Gebiet der Textilherstellung war China seit sehr langer Zeit führend in der Welt. Der gesamte Außenhandel mit China wurde durch die verschiedenen Ostindischen Kompanien durchgeführt, die von den seefahrenden Nationen England, Holland, Frankreich, Dänemark und Schweden unterhalten wurden. England aber wurde durch China 217 seine bereits bestehende Position in Indien und in den östlichen Meeren die beherrschende Nation im Chinahandel, die den Anteil und Einfluss der anderen Länder schließlich minimierte. Da man aber den europäischen Handelspartnern und dem aggressiven Vorgehen der Ostindien Kompanien zunehmend misstraute, durften deren Schiffe nur noch in einem einzigen Hafen, dem von Kanton, anlegen. China verschloss sich weitgehend gegen die westliche Welt. Der Blick aus China nach Europa wird in einem Gespräch deutlich, das Qianlong 1773 mit dem Jesuitenpater Michel Benoît führte. „Er horcht den Missionar in größter Ausführlichkeit über die politische Lage in Europa aus. Unter den Kupferstichen, die ihr aus Europa mitgebracht habt – so fragt der Kaiser – gibt es einige, welche die Siege eurer Souveräne feiern: Gegen welche Feinde haben sie diese Siege errungen? Gibt es nicht einen unter diesen Fürsten, der die Macht hätte, für Frieden zu sorgen? Wie kommt es, dass in Europa Souveräne, die durch Heiratsbündnisse miteinander verwandt sind, dennoch Kriege untereinander führen? Welche Beziehungen hat Frankreich derzeit zu Russland? Und so fort. (…) Sind die Fragen nicht sehr berechtigt, warum in Europa unentwegt Krieg geführt wird, während in China innerer Frieden herrscht?“ (Osterhammel, S. 79) Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, der Kaiser hatte sechzig Jahre lang geherrscht, begann jedoch ein langsamer Niedergang des Reiches. Bauernaufstände, eine durch extreme Zentralisierung beengte regionale Verwaltung, die durch eine Überfülle von kaiserlichen Vorschriften völlig gelähmt war, große Verschwendung am Hof, eine Krise der staatlichen Finanzen wegen der Kriege in Zentralasien, Nepal und Burma, und ausgeprägte Korruption trugen zu der Schwächung des Staates bei. Die vor allem im Süden Chinas immer noch als fremd empfundene Dynastie erwies sich als unfähig, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Die kaiserliche Regierung war in einem System höfischer Etikette erstarrt und lebte vom Volk isoliert. „Zur wirklichen Ursache des schnellen Niedergangs des Mandschu-Reiches im 19. Jahrhundert wurde die intellektuelle Stagnation, die ihren Grund hatte in einer kleinen fremden herrschenden Klasse, die selbst beherrscht wurde durch eine versteinerte kulturelle Tradition. (…) Wenn es den Mandschu gelang, die reaktionären Gelehrten für sich zu gewinnen, so geschah dies um den Preis, dass sie sich alle originellen und unabhän- China 218 gigen Denker entfremdeten, die wahre Ursache der Unruhe im Volk übersahen und das Ansehen des Reiches in den Augen mächtiger Feinde schmälerten.“ (Fitzgerald, S. 563, 564) Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte die chinesische Regierung, die sich vor einer Übermacht fremder Mächte scheute, eine Vertiefung wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen zu England noch abweisen. Fünfzig Jahre später nutzte England seine militärische Überlegenheit, China in den Opiumkrieg zu zwingen. China 219

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.