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Japan in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 199 - 206

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-199

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Japan Die hier betrachtete Zeit des 18. Jahrhunderts findet sich etwa in der Mitte der Regierungszeit der aus dem Hause Tokugawa (1603–1868) stammenden Shōgune. Shōgune waren militärische Anführer aus dem Kreis der Samurai, dem japanischen Kriegeradel. Tokugawa Ieyasu hatte die Zeit der Bürgerkriege und politischen Zersplitterung beendet und das Reich im frühen 17. Jahrhundert geeint. Der Friede hielt über 250 Jahre an und bewirkte eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. (Kreiner, S. 206) (Abb. 22 Tokugawa) In der Endphase der Tokugawa- Zeit wurde die Hauptstadt Edo (das heutige Tokyo) auch zum neuen Sitz des Kaisers und löste Kyoto in dieser Funktion ab. Die Verlegung des kaiserlichen Hofs nach Edo ging einher mit einer viel tiefer greifenden Veränderung im Herrschaftssystem. Denn 1868 beendete der Tenno die Shōgun-Zeit, mit Hilfe der Samurai stürzte er den letzten Shōgun, der bislang Anführer einer Zentralregierung gewesen war. Erst jetzt, auch unter dem Druck westlicher Länder, öffnete sich das Land wieder und beendete die Zeit der Isolation, in der die europäischen Handelsniederlassungen in Japan bereits im frühen 17. Jahrhundert geschlossen worden waren. 199 Tokugawa Ieyasu (1543–1616) In der frühen Zeit, nach dem Aufstand der Bauern auf der Halbinsel Shimabara (1637), wurde der Einfluss der christlichen Missionare gebrochen, denn sehr viele Aufständische waren getaufte Christen. Nur mit Hilfe der Holländer, die von See her die Stellungen der Rebellen beschossen, konnten diese besiegt werden. Danach wurden die Christen blutig verfolgt und das Land insgesamt gegen die übrige Welt verschlossen. Der Bau von Schiffen wurde eingestellt, die Meere nicht Abb. 22: Japan 200 mehr befahren. „Kein Japaner durfte das Land verlassen, kein katholischer Christ durfte das Reich des Shōgun betreten, und der gesamte Außenhandel wie auch die diplomatischen Beziehungen mussten über die Hafenstadt Nagasaki laufen. Die Beziehungen zu Spanien waren bereits seit 1620 abgebrochen worden; das neue Edikt (Abschließungsedikt) beendete jetzt auch die Kontakte zu Portugal, während die Engländer bereits freiwillig Hirado geräumt hatten, da sich die Handelsbeziehungen für sie nicht lohnten. Es blieben nur die Holländer, die ihre Faktorei von Hirado nach Nagasaki, auf eine künstliche Insel im dortigen Hafen verlegen mussten. Gemeinsam mit der Handelsniederlassung chinesischer Kaufleute waren die Holländer für mehr als zweihundert Jahre die einzigen, die regelmäßig Kontakt zum Hofe des Shōgun in Edo unterhielten.“ (Pohl, S. 56) Dass Japan als Insel den Bau von Schiffen beendete, auf eine Handelsflotte und zu deren Schutz auf eine Kriegsmarine verzichtete, hat gewiss mit den negativen Erfahrungen aus der Begegnung mit den westlichen Handelsmächten (und ihren Missionaren) zu tun, wird aber auch aus den folgenden Beschreibungen der konfuzianischen Grundlagen des Wirtschaftens in Japan verständlich. Das Land verschloss sich fast vollständig gegen die Außenwelt. In Indien hatte man die Schifffahrt vernachlässigt, in Japan und China bewusst verhindert. (Rothermund, S. 87) Im Land selbst jedoch entwickelte sich ein reger Handel. Der große japanische Binnenmarkt und der wachsende Handel mit Agrarprodukten führte zu einem latenten Konflikt zwischen Kaufleuten und Bauern auf der einen und dem Shōgun und dem Adel auf der anderen Seite, die dem Aufschwung skeptisch gegenüberstanden und immer wieder versuchten, rückwärts-gewandte Konzepte der Landwirtschaft durchzusetzen, die auf dem konfuzianischen Prinzip einer auf Reisanbau basierenden Naturalienwirtschaft beruhten. Eine andere als allein agrarische Entwicklung wurde erbittert bekämpft. Jedoch überholte die Realität die aus dogmatischen Gründen bevorzugte Landwirtschaft und Ächtung des Handels sowie des städtischen Lebens. Tatsächlich entwickelte sich ein blühender Aufschwung in Kyoto, Edo, Osaka und über 200 Provinzstädten, dazu ein weitgespanntes inländisches Handelsnetz, in dem alle möglichen Produkte, auch Papier, Tee, Baumwolle, Bauholz, Gewürze bewegt wurden, denn die Nachfrage nach diesen Gütern war groß und musste befriedigt Japan 201 werden. „Die größten Handelshäuser besaßen bald Niederlassungen in allen Teilen Japans und marktbeherrschende Positionen bei einzelnen Warengruppen.“ (Kreiner, S. 224) Tokyo war im 18. Jahrhundert so bevölkerungsreich wie Peking und 1732 mit einer Million Einwohnern größer als London oder Paris. Osaka war bereits zu dieser Zeit eine bedeutende Handelsstadt. Der allgemeine Bildungsstand war hoch und wurde vor allem durch die buddhistischen Schulen, die den Tempeln angegliedert waren, vermittelt. Dort wurden Jungen und Mädchen erzogen. „Während Kunst und Literatur bis dahin in der japanischen Geschichte immer der adligen Oberschicht vorbehalten gewesen waren, entstand nun im Zuge des aufblühenden urbanen Lebens eine dezidiert bürgerliche Kultur. Den Kaufleuten aber, die gesellschaftlich noch immer nicht angesehen waren, blieb jegliche Anteilnahme am politischen und bürgerlich-kulturellen Leben verwehrt, und so suchten sie Genuss und Unterhaltung. Ihr Ideal wurde die ›vergängliche Welt‹, das Reich der Mode, des Schauspiels und der erotischen Vergnügungen.“ (Kreiner, S.) Auf dem Gebiet der Kunst, in der Malerei, war Katsushika Hokusai (1760–1849) der herausragende Künstler. Katsushika Hokusai und später Utagawa Hiroshige (1797–1859) sind die großen Meister der japanischen Landschaftsdarstellung mit der Methode des Farbholzschnitts. Hokusai schrieb im Nachwort zu seinem Werk: Einhundert Ansichten des Berges Fuji: „Von meinem sechsten Lebensjahr an hatte ich eine Leidenschaft für das Kopieren von Dingen und bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr habe ich viele Zeichnungen veröffentlicht, doch von allem, was ich bis zu meinem siebzigsten Jahr zeichnete, ist nichts wert, in Betracht gezogen zu werden. Als ich dreiundsiebzig wurde, habe ich teilweise die Struktur von Tieren, Vögeln, Insekten und Fischen verstanden, auch das Leben der Gräser und Pflanzen. Und jetzt, sechsundachtzigjährig, werde ich weitere Fortschritte machen; bin ich neunzig, werde ich noch weiter die geheime Bedeutung und das Wesen aller Dinge durchdringen und im Alter von einhunderteins werde ich vielleicht wirklich die Ebene des Wunderbaren und Göttlichen erreicht haben. Bin ich dann einhundertzehn, wird jeder Punkt, jede Linie ein eigenes Leben besitzen.“ (übersetzt aus Gian Carlo Calza, Hokusai) (Abb. 22 Hokusai) Japan 202 Katsushika Hokusai (1760–1849), Sarumaru Dayu Immer wiederkehrende Missernten, die auf Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, vor allem aber auf häufige Taifune und Regenstürme zurückzuführen waren, führten zu Hungersnöten, Armut und sozialen Verwerfungen. Die Antwort darauf war eine Neuorientierung in der Philosophie mit Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, geprägt von dem Gelehrten Ogyu Sorai. In jedem Zeitalter, so wurde nun gelehrt, komme es darauf an, den „Willen des Himmels“ zu erkennen und aufzunehmen. „Es sei also notwendig, dass die Herrscher jeder Epoche durch entsprechende Gesetzgebung und Institutionen die moralisch richtige Sozialordnung (wieder-) errichteten und gegen andersläufige Interessen verteidigten.“ (Kreiner, S. 235) Diese Aufgabe kam vorrangig dem Shōgun zu. Es ging dabei nicht nur um die Förderung der Landwirtschaft und Regeln für die Bestimmung der Preis- und Zinsgestaltung, sondern in dieser Zeit vor allem darum, was der Einzelne gemäß seiner Standeszugehörigkeit konsumieren durfte. Diese Sparsamkeitsedikte waren in ihren Details (Art der Kleidung, Schmuckbesitz, Aufwand bei Veranstaltungen) ge- Abb. 23: Japan 203 gen die Zeit gedacht, es wurde daher immer wieder versucht und gelang, sich den Vorschriften zu entziehen. Ganz anders als in westlichen Ländern – das kapitalistische Wirtschaftssystem begann, sich dort fest zu etablieren – in denen im 18. Jahrhundert um die Fragen der Menschenrechte, Gewaltenteilung und der Legitimität der Obrigkeit gerungen wurde, entzündeten sich die gesellschaftlichen Konflikte in Japan an der Frage, wieviel Handel erlaubt und nach den konfuzianischen Prinzipien moralisch zu rechtfertigen sei. Nicht die Suche nach der gerechten Staatsform und – auf dem Gebiet der Wirtschaft – nach Gewinnmaximierung, sondern dem aus philosophischen Grundsätzen zu rechtfertigenden Wirtschaftssystem bestimmte die Auseinandersetzungen. Aus Naturereignissen dachte man, einen höheren Willen zu erkennen, von dem man sich leiten lassen wollte. Seit 1769 hatte Tanuma Okitsugu die Regierungsgeschäfte unter dem Shōgun Ieharu übernommen und betrieb nun wieder eine Wirtschaftspolitik, die mit den Ideen des Ogyu Sorai nichts mehr zu tun hatte, sondern den Handel fördern sollte. Der Staat profitierte durch die Vergabe von Lizenzen und Teilhabe am erwirtschafteten Gewinn. Diese Politik wurde erwartungsgemäß von den konservativen konfuzianischen Kreisen als zutiefst unmoralisch abgelehnt. Auch hier waren es wieder Naturkatastrophen, Hungersnot und die Unzufriedenheit mit einer Münzverschlechterung, die Ende der achtziger Jahre das Pendel zurückschwingen ließen, so dass Tanuma Okitsugu in Ungnade fiel. Er starb 1788. Am Ende dieser häufigen großen Umschwünge des Wirtschaftssystems konnten auch erneute Reformen den langsamen Niedergang der Tokugawa-Zeit wegen eines eigentlich banalen, aber entscheidenden Fehlers nicht aufhalten: „Fürsten und Samurai steckten tief in der finanziellen Abhängigkeit von Kaufleuten; das Experiments Tanumas, durch eine Besteuerung des Handels dem Staat neue Einnahmequellen zu erschließen, wurde verteufelt und vom Shōgunat nie wieder in Betracht gezogen. Diese Weigerung der Regierung, den eigenen Staatsfinanzen, aber auch den Haushalten der Fürstentümer und den Einkommen der Samurai beispielsweise durch die Erhebung von Handelssteuern einen Anteil am allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung zu verschaffen, war die wichtigste Ursache dafür, dass sich der Gegensatz zwischen einer prosperierenden Gesellschaft und Japan 204 einem stagnierenden Herrschaftssystem zunehmend verschärfte und das Tokugawa-Shōgunat schließlich gegenüber den aufwärtsstrebenden regionalen Kräften ins Hintertreffen geriet.“ (Kreiner, S. 241) In gleichem Maß wie das Shōgunat geschwächt wurde, wuchs das Interesse daran, den Tenno zu stärken: Da die Regierung den Bauernaufständen nach Naturkatastrophen und auch einer sich schnell entwickelnden Inflation hilflos gegenüberstand, gab es eine Gegenbewegung, die von jungen Samurai und den Gelehrten des Reiches getragen wurde. Ihr Ziel war es, den Tenno wieder in seine hergebrachten Rechte einzusetzen. (Pohl, S. 60) Im 19. Jahrhundert wurde zunehmend auch von außen auf Japan eingewirkt, nicht nur durch Amerika, England und Frankreich. Auch aus Russland kamen bedrohliche Vorstöße. 1854 schließlich erzwang eine amerikanische Marineeinheit die Öffnung des Landes und beendete damit die strenge Abgeschlossenheit Japans gegen das Ausland. Der Tenno Mutsuhito beendete das Shōgunat im Jahr 1868 und schuf mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Reformen das moderne Japan. Japan 205

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.