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Die Ostindien-Kompanien. Von der Handelsmacht zur Kolonialherrschaft Indiens Schwäche und der dritte Schritt zu Englands Größe in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 193 - 198

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-193

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Die Ostindien-Kompanien. Von der Handelsmacht zur Kolonialherrschaft Indiens Schwäche und der dritte Schritt zu Englands Größe Immanuel Kant verband mit dem Welthandel eine große Hoffnung und sah doch, dass die Erwartung eines „ewigen Friedens“ durch den Handel zwischen den Völkern eine Illusion bleiben würde. Über seine Hoffnung schreibt er: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Krieg nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen der Staatsmacht untergeordneten Mächten (Mitteln, d. V.) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittlungen abzuwehren.“ Kant dachte in seiner kurzen Abhandlung Zum ewigen Frieden auch an einen „Völkerbund“, einen „Friedensbund“, der durch einen Vertrag der Völker miteinander zustande käme und sich von den üblichen Friedensverträgen darin unterschiede, dass diese „bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen sucht.“ Und seine Enttäuschung aus der Beobachtung der Wirklichkeit beschreibt er wie folgt: „Vergleicht man hiermit das inhospitable Betragen der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Weltteils, so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerlei gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap etc. waren bei ihrer Entdeckung für sie Länder, die keinem gehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien brachten sie unter dem Vorwande bloß beabsichtigter Handelsniederlassungen fremde Völker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingeborenen, Aufwiegelung der verschiedenen 193 Staaten zu weit ausgebreiteten Kriegen, Hungersnot, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litanei aller Übel, die das menschliche Geschlecht drücken, weiter lauten mag. China und Japan, die den Versuch mit solchen Gästen gemacht hatten, haben daher weislich, jenes zwar den Zugang, aber nicht den Eingang, dieses auch den ersteren nur einem einzigen europäischen Volk, den Holländern, erlaubt, die sie aber doch wie Gefangene von der Gemeinschaft mit den Eingeborenen ausschlie- ßen.“ (Kant2, S. 22) Mit Kants Hoffnung und Skepsis wird dieses Kapitel eingeleitet, denn es ging bei dem Seehandel zwar zuerst um den friedlichen Austausch von Waren, aber eben auch um Macht und Eroberung von Kolonien. Auf den seit der Antike bekannten Landwegen nach Asien – noch heute hat die Seidenstraße mit ihren Karawanen einen legendären Ruf – kamen während des europäischen Mittelalters Kaufleute und christliche Missionare bis nach China. Die Route war beschwerlich, Transporte kostspielig, so dass danach gesucht wurde, den Seeweg zu eröffnen, denn immerhin hatte Columbus gezeigt, dass die Reise auf dem Meer nach Westen möglich war, warum dann nicht auch nach Osten? Der Handel mit Asien war lukrativ, und es gab genügend Waren, die über einen langen Zeitraum und weite Strecken hinweg transportiert werden konnten. So hatte schon Marco Polo berichtet: „Das Land bringt in großem Überfluss Seide, Pfeffer, Muskatnüsse, Galgant (ein Ingwergewächs d. V.), Zibeben (am Rebstock getrocknete Weinbeeren d. V.), Gewürznelken und viele andere köstliche Spezereien hervor, die in unserem Erdteil fast unbekannt sind. Sie fertigen hier köstliche Gewebe von Seide und Gold, wie jede andere Art seidener Stoffe.“ (Polo, S. 215) Aber auch Reis und verschiedene Getreidesorten, auch Zimt, Ingwer, Kampfer, Ölsaat, Zuckerrohr, Baumwolle, Rohseide, Indigo oder Hanf standen auf den Einkaufslisten, sogar Edelhölzer. Textilien waren eine weitere Produktgruppe, Luxuswaren aus der hochwertigen chinesischen Seidenproduktion und Teppiche aus Zentralasien wurden gerne eingekauft, da sie in Europa sehr begehrt waren. Die chinesische Keramik war berühmt, das dort gefertigte Porzellan hatte wegen seiner Qualität eine einzigartige Stellung in der Welt. (Nagel, S. 16) Nachdem der Portugiese Vasco da Gama sechs Jahre nach Columbus‘ großer Fahrt die Seeroute nach dem östlichen Indien (1498) er- Die Ostindien-Kompanien 194 kundet hatte, wurde dieser Weg um die Spitze Südafrikas herum schon im 16. Jahrhundert zunächst von den Portugiesen, später von den Ostindien Kompanien verschiedener Länder genutzt. Portugal nutzte den zeitlichen Vorsprung gegenüber anderen Ländern und konnte sich im 16. Jahrhundert als bedeutendes Kolonialreich und Welthandelsmacht etablieren. Die Portugiesen richteten bereits ab 1505 gegen einigen Widerstand Handelsstützpunkte in Indien ein, deren Verwaltung sie einem dort vom portugiesischen König ernannten Vizekönig übertrugen. Portugal hatte schließlich überall Handelsstützpunkte und Kolonien in Indien, Südostasien, China, um ganz Afrika herum, in Südamerika und Kanada, wo es aber bald von Holland, Frankreich und England bedrängt wurde. Die Seeherrschaft, die sich Portugal im Indischen Ozean gesichert hatte, wurde ihm durch die Engländer 1612/1613 genommen, als kleine englische Verbände die portugiesische Flotte in der Schlacht bei Suvali, nahe Surat, vernichtete. Der Mogul Jahangir gewährte den Engländern daraufhin Handelsvorrechte in dieser Region. Im 18. Jahrhundert dann eroberten die Briten weite Teile Indiens, darunter auch weitere portugiesische Territorien. Den Handelskompanien lagen vertragliche Regelungen mit den jeweiligen heimischen Regierungen zugrunde. Die East India Company (EIC) wurde bereits am 31. Dezember 1600 durch Königin Elisabeth I. gegründet, die Kompanie erhielt das alleinige Recht, Handel mit Ostindien zu treiben. Es folgte die niederländische Verenigde Oostindische Compagnie (VOC). Auch die Dänen, Franzosen, Schweden und Belgier hatten ihre Kompanien, die alle zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1731 gegründet worden waren. Die Ostindien Kompanien waren die ersten Aktiengesellschaften in der Wirtschaftsgeschichte, es ging um das Aufbringen von Kapital für sehr kostspielige und risikoreiche, potenziell aber äußerst gewinnbringende Unternehmungen. Die Rechte mancher Kompanien waren jedoch nicht auf den Handel beschränkt, sie waren befugt, in Asien Handelsnetze aufzubauen, aber auch Armeen und Flotten aufzustellen und Kriege zu führen. In Indien trafen sie auf den geringsten Widerstand, zumal das Mogulreich über keine eigene Seemacht verfügte und seine Handelsschiffe nicht schützen konnte. Indien war damals in keiner Weise auf einen internationalen Wettbewerb vorbereitet. „Jahrhundertelang hatte es keine markanten Fortschritte in der Wissenschaft gegeben, und die intellektuellen Die Ostindien-Kompanien 195 Mittel zur Verbreitung und systematischen Aufzeichnung des ererbten Könnens waren höchst unzureichend.“ (Landes, S. 246) Nach dem Tod des Kaisers Aurangzeb 1707 zerfiel das Mogulreich innerhalb weniger Jahrzehnte, so dass die Engländer, die dort schon im 17. Jahrhundert Handelsrechte erworben hatten, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Indien eindringen und mit der Zeit wichtige Eroberungen vornehmen konnten. Der persische Herrscher Nadir Shah zerstörte das Mogulreich mit seinem Feldzug 1739, überließ aber den Engländern das Feld. Robert Clive, der mit der Ostindiengesellschaft nach Indien gekommen war, besiegte 1757 in der Schlacht von Plassey den Herrscher (Nawab) von Bengalen und wurde damit zu dem eigentlichen Begründer der englischen Vorherrschaft in Indien. Den größten Erfolg aber hatte Clive, als er den Großmogul (Herrscher des Mogulreichs) dazu brachte, England die Oberhoheit über Bengalen zu erteilen. „Die Ostindien-Kompanie konnte ihre vielen Kriege nur führen und Niederlagen überstehen, weil sie mit indischen Fürsten und Machtgruppen Koalitionen einging und enorme Mittel einnahm sowie Inder als Soldaten eingestellt und nach europäischem Muster gedrillt hat. Aus diesen geschulten Soldaten setzten sich die sog. Sepoy-Truppen zusammen, ohne die die britische Herrschaft nicht hätte durchgesetzt werden können. Auch der französische Gegner war auf solche Truppen aus einheimischen Soldaten angewiesen.“ (Langewiesche, S. 44) Im Südwesten Indiens hatte Haider Ali von 1762–1782 die Macht in Mysore übernommen und wie auch sein Sohn Tipu Sultan (1782– 1799) weite Teile im Süden Indiens erobert. Die aufwändigsten Operationen der EIC waren die zwischen 1780 und 1799 in Indien gegen Tipu Sultan geführten Kriege, zumal Frankreich sich mit Englands Gegnern verbündet hatte. England siegte schließlich, wodurch mehrere indische Regionen unter britische Herrschaft gerieten. Kriege waren außer in Indien eine seltene Ausnahme im Vorgehen der Kompanien in Asien, die kleineren Handelsunternehmen hätten sie sich niemals leisten können. Der Handel stand immer, besonders aber in China und Japan, im Vordergrund, auch wenn beide Länder den Zugang der ausländischen Mächte zu ihrem Gebiet stark eingeschränkt hatten. Zur Förderung guter Beziehungen wurden regelmäßig wertvolle, sorgfältig ausgesuchte Geschenke an die Herrscher der Län- Die Ostindien-Kompanien 196 der übergeben – ein freundschaftlicher Umgang war unbedingt zu pflegen. In Japan, wo den Niederlanden mit der VOC exklusive Handelsrechte eingeräumt worden waren, musste jährlich ein ritualisiertes Ergebenheitsprogramm absolviert werden. Dieser seltene Besuch der Gesandtschaft beim Tenno war die einzige Gelegenheit für die Niederländer, ihren Fuß auf japanisches Festland zu setzen und einen Eindruck von dem Leben der Japaner zu erhalten, denn das Anlegen der Schiffe der VOC in Japan war auf eine winzige künstliche Insel im Hafen von Nagasaki beschränkt. (Nagel, S. 63) Auch wenn die Niederlande im Endspiel um die weltweite Kolonialisierung finanziell nicht mithalten konnten, gelang es der VOC doch, ihren asiatischen Hauptsitz in Batavia (dem heutigen Jakarta) und ihre Präsenz in Japan noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu halten. Die englische East India Company hatte sich konsequent um gute Beziehungen zu China bemüht, um von dem lukrativen Teehandel zu profitieren, den sie – wie alle anderen Kompanien auch – ausschließlich über den Hafen von Kanton abwickeln durfte. Versuche der EIC, den Handel über Kanton hinaus auszuweiten, wurden abgelehnt. Man machte den Engländern außerdem klar, dass China an Produkten aus England nicht interessiert sei. Die Teeeinkäufe konnten somit nicht im Tausch gehandelt, sondern mussten mit Silber beglichen werden, was zu einem erheblichen, zunehmend kritisch gesehenen Edelmetallabfluss führte. Jedoch entwickelte sich bald ein umfangreicher Opiumhandel, denn der Stoff wurde in China sehr begehrt, die Nachfrage danach stieg stark an. Die EIC ging daher am Ende des Jahrhunderts dazu über, Opium günstig in Bengalen einzukaufen und gegen Tee zu tauschen. Auf diese Weise wurden die Silberexporte zunächst deutlich reduziert, schließlich kehrte sich im folgenden Jahrhundert der Silberfluss sogar um. (Nagel, S. 87) England verfolgte systematisch das Ziel, größte Seemacht der Welt zu werden und stieg zur führenden Kolonial- und Handelsmacht auf. England war auch das Land, in dem zuerst die Voraussetzungen für die Entwicklung einer industriellen Revolution entstanden, und so löste London mit der Zeit Amsterdam als wichtigstes Handels- und Finanzzentrum ab. Winkler (S. 202) zitiert Montesquieu: „Andere Völker haben ihre Handelsinteressen gegenüber ihren politischen Interessen zurücktreten lassen; England hat immer seine politischen Interes- Die Ostindien-Kompanien 197 sen hinter seine Handelsinteressen zurücktreten lassen. Es ist das Volk der Welt, das es am besten verstanden hat, sich gleichzeitig drei große Dinge nutzbar zu machen: die Religion, den Handel und die Freiheit.“ Die Ostindien-Kompanien 198

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.