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Die Teilungen Polens in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 179 - 184

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-179

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Die Teilungen Polens Wir müssen zunächst noch einmal zurückblicken. Im Oktober 1763 starb König August III. von Sachsen-Polen, drei Wochen später Heinrich von Brühl und im Dezember Augusts Sohn Friedrich Christian, im 43sten Lebensjahr. Dessen Sohn, Friedrich August., war erst 13 Jahre alt und kam für die polnische Thronfolge nicht in Frage. Frankreich und Österreich waren schon bei der Thronfolge 1733 nicht mehr die Mächte gewesen, die darüber entschieden, wer König in Polen werden sollte, auch wenn damals noch ein Krieg um den polnischen Thron geführt werden musste. Zarin Katharina setzte jetzt im Bündnis mit Friedrich II. ihren Vertrauten Stanislaus Poniatowski als König von Polen ein, der zwar vom polnischen Reichstag einstimmig gewählt wurde, das Land jedoch nicht befrieden konnte. Poniatowski versuchte, Polen durch Reformen in der Verwaltung, dem Heer und dem Bildungswesen zu modernisieren, um das Potential des Staates zu nutzen. Die angrenzenden drei Großmächte, besonders Russland, waren jedoch an einem starken Staat, der möglicherweise eine eigene Außenpolitik betreiben würde, nicht interessiert. Das Gleichgewichtssystem mit einem von allen drei Nachbarn gewünschten machtlosen, schwachen Pufferstaat Polen würde gestört werden. In Wien starb 1765 Franz I., dem der eigenwillige Joseph II. als Kaiser und Mitregent Maria Theresias folgte. Friedrich fürchtete, dass dieser „vom Ehrgeiz verzehrte Mensch mit einem großen Coup hervortreten wird“, was nichts anderes hieß, als dass er wohl territorialen Anspruch geltend machen würde. Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges setzte Friedrich II. ganz auf eine enge Beziehung zu Russland, denn die Bedrohung aus Wien und auch aus Frankreich war für ihn nicht aus der Welt geschafft. So kam es zu einem gegenseitigen Verteidigungsvertrag zwischen Russland und Preußen, der Preußen dazu verpflichtete, Russland im Kriegsfall finanziell durch Subsidien oder militärisch zu unterstützen. 179 Dieser Vertrag brachte Friedrich in Verlegenheit als 1768 erneute Aufstände in Polen, die sich gegen die russische Fremdherrschaft richteten und durch die die nationale Autonomie wiedergewonnen werden sollte, die Zarin dazu veranlassten, militärisch zu intervenieren. Russisch-polnische Truppenbewegungen gerieten dabei auch auf osmanisches Gebiet, was mit der Festsetzung des russischen Botschafters in Konstantinopel und der Kriegserklärung an Russland beantwortet wurde. Der jetzt beginnende Krieg dauerte bis 1774. Das Osmanische Reich versuchte, die gegen Russland gerichteten Kräfte in Polen auf seine Seite zu ziehen. Österreich, das Russlands Erstarken im Osten kritisch sah, drohte, in den Konflikt auf Seiten des Osmanischen Reichs einzugreifen, musste sich aber vor einem solchen Schritt Klarheit über die Pläne des preußischen Königs verschaffen, denn Österreich konnte sich einen Konflikt mit Preußen in dieser Situation keineswegs leisten. Nach zwei Zusammentreffen zwischen Friedrich II. und Joseph II. wurde 1769 ein Vertrag abgeschlossen, der beide zur Neutralität bei möglichen Kriegen und Unruhen verpflichtete. Russland beobachtete diesen Vorgang nicht ohne Sorge. Friedrich II. hatte bereits in seinem Politischen Testament von 17524 vermerkt: „Polnisch-Preußen wird besser nicht durch Waffen erobert, sondern im Frieden verspeist, in der Weise einer Artischocke, Stück für Stück. Polens Wahlmonarchie wird die Gelegenheit dazu geben.“ (Friedrich meint mit Polnisch-Preußen ein Gebiet, das auch Königlich-Preußen genannt wurde, zu Polen gehörte und die spätere Provinz Westpreußen wurde; das östliche Herzogtum Preußen dagegen hatte schon seit dem 16. Jahrhundert eine Beziehung zu Brandenburg, seit 1657 waren die brandenburgischen Kurfürsten souveräne Herzöge in Preußen. Auf dieser Basis krönte sich Kurfürst Friedrich III. 1701in Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen) Der König kam jetzt auf seine frühen Überlegungen zurück, denn auf diese Weise könnte Polen als Konfliktherd entfallen. Katharina könnte sich ganz auf die Auseinandersetzung mit dem osmanischen Reich konzentrieren, und dem ehrgeizigen Joseph II., aber auch Katharina II., natürlich auch Preußen, würde ein gern gesehener Gebietszuwachs zukommen. Durch das Dreierbündnis würde zudem eine österreichisch-russische Gegnerschaft in dem Krieg gegen das Osmanische Reich vermieden. Dem Prinzen Heinrich, Friedrichs Bruder, kam in Die Teilungen Polens 180 diesem Prozess eine Schlüsselrolle zu. Um die wahre Absicht seiner Reise nach St. Petersburg zu verschleiern, hielt sich Prinz Heinrich den Sommer über bei seiner Schwester Ulrike, der Königin von Schweden auf, ließ sich von Katharina II. nach Petersburg einladen, fragte seinen Bruder um Erlaubnis, reisen zu dürfen, und nutzte seine sehr freundschaftliche Beziehung zur Zarin, um die Verhandlungen in Friedrichs Interesse zu führen. Die Herbst- und Wintermonate verbrachte er am Hof der Zarin und konnte die Verhandlungen mit einem Erfolg beenden, zu dem ihm Katharina ausdrücklich schriftlich gratulierte. Es kam zu der ersten Teilung Polens. Der russisch-preußische Teilungsvertrag wurde am 17. Februar 1771 unterschrieben. Auch wenn sich Maria Theresia zunächst heftig wehrte, willigte sie schließlich doch ein, so dass der Vertrag zwischen Russland und Österreich am 5. August 1772 gültig wurde. Russland erhielt den polnischen Teil Livlands und die östlichen Gebiete Polens, Österreich die südöstlichen Gebiete des Landes. (Abb. 21 Teilungen Polens) Die Teilungen PolensAbb. 21: Die Teilungen Polens 181 Preußen konnte nun über „Polnisch-Preußen“ im Westen und einige nördliche Gebiete Polens bestimmen. Alle polnischen Rechte am früher „herzoglichen Preußen“ im Osten wurden aufgehoben. „Vom Standpunkt des Völkerrechts erhielt erst damit Preußen seine volle Souveränität – ein Beweis dafür, dass das Recht der Wirklichkeit nachhinkte –, und Friedrich ließ sich nun ›König von Preußen‹ nennen.“ (Alexander, S. 157) Friedrich war sich durchaus bewusst, dass nun eine Barriere auf Russlands möglichem weiteren Weg nach Westen geschwächt war und riet seinem Nachfolger, die Weichsel zu befestigen, denn dies würde Truppenanlandungen in Danzig und die Überquerung des Flusses erschweren. Friedrich scheute nicht so sehr die regulären Truppen, aber „die Kalmücken und Tataren sind durch Mordbrennerei und Grausamkeit bekannte Völker, die die Länder verwüsten, ganze Völker in Gefangenschaft fortschleppen und alle Ortschaften einäschern, wo sie sich als die Stärkeren fühlen.“ (Heinrich, S. 229) Ob die Befestigung der Weichsel ein geeignetes Mittel sein könnte, die Russen, die nun einmal nach Westen vorangekommen waren, an einem weiteren Zug nach Preußen zu hindern, bleibt dahingestellt. Auch in Großbritannien wurde die Teilung Polens und Russlands Ruck nach Westen sehr kritisch gesehen. Edmund Burke schrieb: „Polen ist die natürliche Barriere Deutschlands sowie der nördlichen Kronen gegen die überwältigende Macht und Ambitionen Russlands gewesen.“ Polen könnte jetzt „zur Straße werden, auf der Russland Deutschland betritt.“ (Simms, S. 118) Für Polen war dieses traumatische Ereignis Ansporn, in einem (langwierigen) Prozess grundlegende Reformen einzuführen und sich mit einer Erbmonarchie auf parlamentarischer Basis, der Gewaltenteilung, Stärkung der Armee und einer Erneuerung des Bildungswesens für die Zukunft auszurichten. Im Mai 1791 schließlich verabschiedete der Große Reichstag Polens eine Verfassung, durch die u. a. das russische Protektorat im Land beseitigt werden sollte. Auf die Zarin wirkten diese Entwicklungen nicht etwa positiv. Unter dem Eindruck der revolutionären Zustände in Frankreich war Katharina entschlossen, den in Polen eingerissenen „jakobinischen Zuständen“ entgegenzutreten und „der französischen Pest an der Weichsel“ ein Ende zu setzen. Preußen und Österreich zögerten noch, sie bei diesem Vorhaben zu Die Teilungen Polens 182 unterstützen, denn sie waren zunächst noch durch die Gefahren, die von den Folgen der französischen Revolution ausgingen, im Westen gebunden. Der Zarin kam sehr gelegen, dass sich einflussreiche polnische Persönlichkeiten unter ihr Patronat stellten und in Targowica eine Konföderation, d. h. eine militärische Organisation, bildeten, mit der sie sich gegen die Maiverfassung stellten. Die Zarin zögerte nicht, dem Hilferuf dieser Gruppierung nachzukommen und militärisch einzugreifen. Der Einmarsch russischer Truppen in Polen war das Vorzeichen einer zweiten polnischen Teilung, der Versuch einer Erneuerung der polnischen Gesellschaft und des Staates Polen war gescheitert. Der zweiten Teilung Polens 1793 folgte die dritte im Jahr 1795. Polen existierte danach 123 Jahre lang nicht mehr als souveräner Staat. Katharina II. war zufrieden. Unter ihrer Herrschaft hatte das Land seine größte Ausdehnung in Europa erfahren, es war bis zum Schwarzen Meer vorgestoßen, und mit den Teilungen Polens wurde es zum direkten Nachbarn Österreichs und Preußens. Die Westgrenze Russlands reichte nun von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Katharina II. starb am 17. November 1796. Die Teilungen Polens 183

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Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.