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Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 161 - 178

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-161

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
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Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich Aus dem Zerfall eines großen Reiches entstand ein neues. Das Osmanische Reich (im Folgenden synonym mit „die Türkei“ genannt) entstand aus dem Zerfall des Seldschuken Staates. Dieser Volksstamm war aus den Steppen nördlich des Aralsees und des Kaspischen Meeres gekommen und hatte sich stetig mit militärischer Gewalt nach Westen bewegt. Die Seldschuken waren die Urväter der heutigen Türken. In ihrer Blütezeit zwischen 1041 und 1157 herrschten die Seldschuken über das heutige Anatolien, Syrien, den Irak (1055 hatten sie Bagdad erobert), den schiitischen Iran, Georgien, Aserbaidschan, die südöstliche arabische Halbinsel und über Teile von Afghanistan und Turkmenistan. Die Seldschuken übernahmen zwar den sunnitischen Glauben, aber nicht die arabische, sondern die persische Sprache und ließen sich von der persischen Kultur und Literatur beeinflussen. 1071 besiegten sie das byzantinische Reich in der Schlacht von Mantzikert und hatten damit Anatolien erobert. Ab dem 12. Jahrhundert kam es zu Thronfolgekämpfen, Teilungen des riesigen Reiches, Kriegen und Eroberungen durch andere Mächte. So geschwächt, wurde es möglich, dass die hereinbrechenden Mongolen, beginnend mit dem 13. Jahrhundert die Herrschaft der Seldschuken beendeten. Die Dynastie der Osmanen breitete sich seit dem Ende des 13. Jahrhunderts aus, sie existierte sechshundert Jahre lang, bis 1918. Ihr Ausgangspunkt war ein sehr kleines Gebiet im Westen Anatoliens, an der Ostgrenze des byzantinischen Reichs. Über die nächsten Jahrhunderte eroberten sie die Gebiete des früheren Seldschukenreiches (nicht aber Iran), dazu den größten Teil des Balkans (bis auf Kroatien) – Serbien wurde mit der Schlacht am Amselfeld (1389) erobert – Rumänien (Walachei), Bulgarien, Griechenland und die Peloponnes, Ägypten, Teile Nordafrikas und den westlichen Sinai. Osman, der Begründer der osmanischen Dynastie, war ein begabter Heerführer und Verwal- 161 ter. „Im Gegensatz zu ähnlichen Unternehmungen anderer Kriegsherren verstand er es, seine Eroberungen durch die Einrichtung einer wirksamen Verwaltung zu festigen. Zugleich schuf er ein hierarchisch geordnetes stehendes Berufsheer, das zu einem schlagkräftigen Instrument bei der raschen Ausbreitung des Emirates werden sollte.“ (Steinbach, S. 9) Muslime der sunnitischen Richtung, Christen der katholischen, orthodoxen und koptischen Kirche, Juden, und andere religiöse Minderheiten, Türken, Kurden, Araber, Berber, Ägypter, Griechen, Serben, Bosniaken, Montenegriner, Bulgaren, Albaner, Rumänen, Armenier, Krim-Tataren und diverse Kaukasusvölker lebten in diesem multikulturellen Vielvölkerreich, das in seiner Ausdehnung nur vom Britischen Empire übertroffen werden sollte. (Menzel, S. 357) (Abb. 19 Das Ottomanische Reich) Mit der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 war das byzantinische Reich, das schon seit längerer Zeit in einer Abstiegsphase begriffen war, endgültig ausgelöscht. Das Osmanische Reich aber erreichte den Höhepunkt seiner Macht. „Die ungeheure Machtentfaltung des osmanischen Reiches und seine Fähigkeit, an so vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen, liegt darin begründet, dass die Osmanen, anders als ihre Konkurrenten in Europa, über die einzigartige Fähigkeit verfügten, die Ressourcen des Reiches weitgehend zu erfassen und auf einen Punkt zu konzentrieren, um sie dann in ein Maximum an militärischer Schlagkraft umzusetzen. In der Perfektionierung dieses Vorgangs lag ihre eigentliche innovative Leistung. Je größer das Reich, desto größer die Macht, desto größer die Fähigkeit, das Reich immer weiter auszudehnen. Über diese Fähigkeit verfügten die europäischen Gegner nicht. (…) Die militärische Führung der Osmanen wies eine klare Hierarchie auf. Der Sultan war immer präsent an vorderster Front, sein Zelt während der Kampagnen das Machtzentrum des Reiches.“ (Menzel, S. 404) Die Osmanen hatten von den mongolischen Großkhanen das Selbstverständnis übernommen, für die Weltherrschaft prädestiniert zu sein. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 162 Das Ottomanische Reich bis 1683 Den Republiken Genua und Venedig nahmen sie ägäische Inseln ab und sicherten ihre strategischen Positionen im Mittelmeer zum Schutz von Konstantinopel. Die Osmanen standen zweimal vor Wien (1529 und 1683), sie bedrängten Ungarn, wo sie Buda einnahmen, und schufen sich Einflussbereiche in Spanien. Die territoriale Ausdehnung hatte jedoch natürliche Grenzen. „Je größer das Reich wurde, desto länger dauerte es, bis die Armee im eigentlichen Einsatzgebiet angekommen war. Das Maximum, das noch bewältigt werden konnte, war ein Marsch von 80–100 Tagen. Sofia als Zwischenlager im Westen und Aleppo im Osten hätten die Grenze weiter hinausschieben können. Dies hätte aber bedeutet, dass die Janitscharen (Elitetruppen des Sultans, d. V.) nicht mehr im Winter in der Hauptstadt präsent wären, Abb. 19: Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 163 neue Machtzentren in der Provinz würden entstehen. Das durfte nicht sein. Also waren Wien im Westen und Täbris im Osten die äußersten Punkte, die die Armee noch erreichen konnte, sollte noch Zeit für die eigentliche Schlacht oder die Belagerung von Festungsanlagen bleiben. Diese mussten mit der Brachialgewalt großkalibriger Kanonen zertrümmert werden, weil die Zeit für eine lange Belagerung, das mühsame Unterminieren der Bastionen, gar das Aushungern der Verteidiger fehlte. Vor Einbruch des Winters musste man wieder von dem langen Weg zurückgekehrt sein. (…) Hier liegt die geopolitische Erklärung, warum Wien nie erobert wurde, warum man sich aus der Don-Wolga- Region wieder zurückzog, warum auch Persien ungeschoren blieb.“ (Menzel, S. 406) Um die Weltherrschaft, für die sie sich auserwählt sahen, zu erringen, wäre eine andere Strategie erforderlich gewesen: Schifffahrt, Welthandel und eine Bewegung und Neuorientierung, ähnlich der Aufklärung im Westen. Tatsächlich aber war der Höhepunkt der Macht des Osmanischen Reiches bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts überschritten. Die fortdauernde Schwächephase des osmanischen Reiches wird oft in der katastrophalen Niederlage in der Seeschlacht vor Lepanto 1571 gegen Spanien und Venedig gesehen, wie auch der allmähliche Bedeutungsverlust Spaniens mit der verlorenen Schlacht der Armada gegen England (1588) in Verbindung gebracht wird. Dabei wird vernachlässigt, dass die türkische Flotte innerhalb eines Jahres wiederaufgebaut werden konnte und die Osmanen Zypern und Kreta einnahmen. Auch wenn sich die Osmanen seitdem eher auf das östliche Mittelmeer konzentrierten, muss der Zeitpunkt des langsamen Abstiegs des osmanischen Reichs eher auf das Jahr 1683 gesetzt werden, als die Belagerung Wiens scheiterte. Mit der Befreiung der Stadt Wien von der türkischen Belagerung beginnt nun die Geschichte des Prinzen Eugen von Savoyen. Die Mutter des 1663 geborenen Prinzen, Olympia Mancini, war eine Nichte des Kardinals Mazarin, Nachfolger Richelieus als regierender Minister in Frankreich. Olympia Mancini war trotz ihrer freundschaftlichen Beziehung zu Ludwig XIV. in verschiedene Hofintrigen verwickelt gewesen und lebte im Exil in den spanischen Niederlanden, was wohl ein Grund dafür gewesen sein mag, dass der König die Bewerbung Eugens um den Eintritt in die französische Armee ablehnte. Prinz Eugen trat Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 164 daraufhin 1683 in die Dienste des Kaisers ein, was Ludwig XIV. sicherlich noch häufig bedauert haben mag. Vor Wien lagerten 200 000 Mann der türkischen Armee, die von Kara Mustafa Pascha befehligt wurden. Ihnen standen 10 000 Soldaten in der Stadt gegenüber. Österreich konnte nur durch die schließlich eintreffenden polnischen Truppen unter König Johann Sobieski gerettet werden. Kara Mustafa Pascha, Befehlshaber der osmanischen Truppen bei der Belagerung Wiens 1683 „Eugen, der sich bei der Schlacht um Wien am 12. September 1683 mit den Truppen des Herzogs von Lothringen vom Kahlenberg bis Abb. 20: Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 165 zum Burgtor vorgekämpft hatte, sah nun zum ersten Mal die Türken aus nächster Nähe, sah ihre Waffen sowie die riesige Beute, die den siegreichen kaiserlichen Truppen in die Hände fiel. Die fliehenden Türken ließen alles zurück: Waffen, Fahnen, Rossschweife (Ehrenzeichen von Paschas und Zeichen der Befehlsgewalt), sowie ungeheure Mengen von Vorräten und Vieh, darunter zehntausende Büffel, Ochsen, Kamele, Maultiere, Schafe, dazu Tausende Tonnen Getreide, Mehl, Zucker, und Kaffee. Besonders am Kaffee fanden die Wiener bald besonderen Geschmack, so dass sie kurz darauf das erste Kaffeehaus gründeten. (…) Kara Mustafas Harem soll aus nicht weniger als 1500 Frauen, 700 schwarzen Eunuchen, sowie Tausenden von Dienern und auch eigenen Pferden und Hunden bestanden haben.“ (Oppenheimer) Kara Mustafa überlebte diese Niederlage nicht. Auf Befehl des Sultans wurde er ermordet. Er selbst hob seinen Bart, damit die Schlinge um seinen Hals gelegt werden konnte. (Abb. 20 Kara Mustafa) In dem Großen Türkenkrieg (1683–1699), auf den hier nicht im Detail eingegangen werden kann, kam es zu zahlreichen weiteren Schlachten zwischen Österreich und den Osmanen. Als Ludwig XIV. den Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697) begann, zog er Wien in einen Zwei-Fronten-Krieg, so dass die Türken einige verlorene Gebiete zunächst zurückerobern konnten. Nach dem Ende des Erbfolgekriegs richtete Prinz Eugen jedoch seine Truppen wieder konzentriert gegen das Osmanische Reich. Nach dem Sieg Eugens über die Osmanen am 11. September 1697 in der Schlacht bei Zenta kam es zu dem Frieden von Karlowitz, der den Großen Türkenkrieg beendete. Da auch Polen, die Republik Venedig, der Kirchenstaat und Russland an dem Krieg beteiligt waren, musste das Osmanische Reich erhebliche territoriale Verluste hinnehmen: Ungarn, Teile von Siebenbürgen und der größere Teil Kroatiens gingen an Österreich, die Halbinsel Morea (= die Peloponnes) an Venedig, Podolien (ein historisches Gebiet in der Westukraine) und die von der Türkei besetzten Teile der Ukraine an Polen. Gegenden zwischen Serbien und Rumänien (Temeswar, Lugos und Belgrad) blieben türkisch. Im separaten Frieden von Konstantinopel sicherte sich Russland Asow, das allerdings nach der Schlacht am Pruth wieder zurückgegeben werden musste und erst unter der Herrschaft Katharinas II. schließlich wieder zu Russland kam. Österreich unter Leopold I. wurde zur dominierenden Macht auf dem Balkan, die Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 166 Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war entstanden, das Königreich Ungarn wiederhergestellt. Leopold I. († 1705) und seine ihm nachfolgenden Söhne Joseph I. († 1711) und Karl VI. († 1740) versuchten, diesen Machtstatus zu erhalten oder sogar zu erweitern, waren aber zunächst in den Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), danach in weitere Kriege gegen das Osmanische Reich und außerdem den Polnischen Thronfolgekrieg verwickelt, von denen nur der von 1714–1718 gegen die Osmanen geführte Krieg zu ihren Gunsten ausging. (Tab.6, S. 82) Die im 18. Jahrhundert fortdauernden Kriege, häufig vom Osmanischen Reich begonnen, schwächten aber auch dieses nachhaltig. Im Osten hatten die Türken nach ihrem Sieg und dem Frieden am Pruth 1711 Zar Peter abziehen lassen und Karl XII. die Reise in sein Heimatland ermöglicht, bzw. ihn wiederholt energisch zur Abreise gedrängt. Sie hatten aus diesem Erfolg Mut geschöpft und nun wieder Freiraum, sich erneut gegen Habsburg zu wenden, mit dem Ziel, die Bedingungen des Friedens von Karlowitz zu revidieren. Dieser neue Krieg fand von 1714 bis 1718 statt. Zunächst griffen die Osmanen die Republik Venedig an, um die Peloponnes zurück zu gewinnen. Österreich war von dem soeben beendeten Spanischen Erbfolgekrieg geschwächt, bildete jedoch bald (1716) eine Allianz, die sog. Heilige Liga, zu der es sich erneut mit dem Papst, Polen und Venedig gegen das Osmanische Reich zusammenschloss. 1714 bis 1718: Die Türkei hatte die Peloponnes bald erobert. Nun verlegte sie ihre Truppen nach Belgrad und das nahe Peterwardein. Bevor es aber zur Schlacht kam, befreiten die heranrückenden Truppen der Allianz die Stadt Temeswar und beendeten dort eine 164-jährige türkische Herrschaft. Die bald darauf erfolgte Eroberung Belgrads wurde als „Wunder von Belgrad“ bezeichnet, denn die Truppen der Allianz hatten mit großen Schwierigkeiten umzugehen, die Prinz Eugen immer wieder überwand. „Ähnlich wie Napoleon und anderen großen Heerführern, war es sein (des Prinzen Eugen, d. V.) Charisma, das eine von Nachschubproblemen und Krankheiten bedrückte Armee begeisterte.“ (Oppenheimer) Wieder hinterließen die Osmanen eine Beute, von der es heißt, dass sie, wäre sie verkauft worden, ausreichend gewesen wäre, Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 167 die Soldaten der Allianz bis zu ihrem Lebensende zu versorgen. (Oppenheimer) Der Friedensschluss von Passarowitz am 21. Juli 1718 zwischen Wien, Venedig und dem Sultan Ahmed III. sicherte Österreich Nordbosnien und Serbien. Österreich blieb die stärkste Macht auf dem Balkan. Venedig gewann mehrere Festungen in Griechenland und Albanien und einige griechische Inseln, verlor aber die Peloponnes. Venedig beteiligte sich fortan nicht mehr an Operationen gegen die Türken, es hatte seit dem 15. Jahrhundert acht Kriege gegen das Osmanische Reich geführt. Der eigentliche Gegner der Osmanen blieb aber nicht allein Österreich. Russland, das an das Schwarze Meer drängte und über dieses Zugang zum Mittelmeer und den Weltmeeren suchte, wurde der Hauptgegner, der bis zum Ende des Jahrhunderts weitere drei Kriege gegen die Türken führte. (Tab. 6, S. 83) Prinz Eugen starb am 21. April 1736. Sein Name ist mit berühmten Siegen, militärstrategischem Genie und politischem Weitblick verbunden, und doch hatte er andauernd gegen die Intrigen am Wiener Hof und die chronische Geldnot des Hauses Habsburg zu kämpfen. Dass er sich immer wieder durchsetzte, verdankte er seinem Können, seiner Integrität und der vertrauensvollen Beziehung zu seinen drei Kaisern, von denen er sagte, dass Kaiser Leopold sein Vater, Kaiser Joseph sein Freund und Kaiser Karl sein gnädiger Herr gewesen sei. 1736 bis 1739: Das Osmanische Reich war von 1731 bis 1736 in militärische Auseinandersetzungen mit Iran verwickelt, denn Nadir Shah eroberte verlorene Gebiete zurück. Dies schien den Russen ein guter Zeitpunkt für einen eigenen Angriff zu sein. Auch Habsburg lag daran, neue Gebiete auf dem Balkan zu erobern, denn es hatte im Polnischen Thronfolgekrieg Gebietsverluste in Italien beim Friedensschluss von Wien (Präliminarfrieden von 1735) hinnehmen müssen. So kam es zu dem Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1736–1739), in den Österreich 1737 eintrat. Die Kriegsführung war glücklos, Österreich verlor im Frieden von Belgrad fast alles, was es 1718 beim Friedensschluss in Passarowitz gewonnen hatte: Belgrad, Nordserbien und Nordbosnien. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 168 Von nun an gab es ernsthafte Bemühungen der Pforte, mit Frankreich, Schweden, Preußen und Polen Bündnisse gegen Russland zu schlie- ßen, denn – so hatten sie erkannt – von dort ging in der Zukunft die größte Bedrohung für das Osmanische Reich aus. Diese Pläne und Hoffnungen konnten sich nicht erfüllen, denn die europäischen Länder gerieten nach dem Tod Karls VI. in den Erbfolgekrieg und die Schlesischen Kriege, in denen sich wechselnde Allianzen gegen ganz andere Gegner und Ziele richteten. 1768 bis 1774: 1768 erklärte Sultan Mustafa III. Russland den Krieg, als russische Truppenteile wegen Auseinandersetzungen zwischen Polen und Russland auf osmanisches Gebiet geraten waren. Das Osmanische Reich unterstützte Polen in seinen Bemühungen, seine Souveränität gegen- über Russland durchzusetzen und hatte zudem, wie auch Österreich, kein Interesse an einem weiteren Erstarken Russlands im Westen. Wie würden Russland, Preußen und Österreich mit dieser erneuten gefährlichen Situation umgehen? Friedrich II. hatte 1764 einen Vertrag mit Russland abgeschlossen, der ihn im Kriegsfall zu finanzieller oder militärischer Unterstützung verpflichtete. Auf Initiative Wiens kam es 1769 zu einem Vertrag Preußens mit Österreich zu gegenseitiger Neutralität in einem Kriegsfall. Friedrich musste nun erreichen, dass Russland, Preußen und Österreich eine gemeinsame Strategie verfolgten, vor allem, dass der russisch-osmanische Krieg begrenzt blieb und Österreich die Lage durch eine eigene militärische Beteiligung nicht noch verschärfte. So führte dieser Krieg, der bis 1774 dauerte, indirekt, wie zu berichten sein wird, zur ersten Teilung Polens. Prinz Heinrich hielt sich seit dem Herbst 1770 im Auftrag seines Bruders Friedrich monatelang in Petersburg auf, um mit Katharina II. über Bedingungen einer Friedensvereinbarung zwischen Russland, der Türkei und Österreich zu verhandeln. Auf diese Weise konnte die Möglichkeit einer Teilung Polens, an der vor allem Russland und Preußen, schließlich auch Österreich interessiert waren, in die Gespräche einfließen. Friedrich wollte sich auch vor diesem Hintergrund auf keinen Fall in den Krieg hineinziehen lassen, wozu Voltaire, der nichts von Friedrichs Absichten ahnte, ihn seit 1770 wiederholt drängte. (Briefwechsel zitiert aus Pleschinski): Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 169 Voltaire an Friedrich, 4. Mai 1770: „(…) Die Kaiserin von Russland lässt derzeit allerorten aufkaufen; in Genf wurden Gemälde im Wert von hunderttausend Francs an sie verkauft; da liegt es nahe anzunehmen, dass sie noch genügend Geld besitzt, um Mustapha aufs Haupt zu schlagen. Gern sähe ich, wenn auch Sie sich zu Ihrem eigenen Vergnügen mit Mustapha schlügen und mit ihr halbe-halbe machten; beauftragt bin ich allerdings nur, Ew. Majestät ein Gemälde anzutragen und keineswegs den Krieg gegen die Türken.“ Friedrich an Voltaire, 24. Mai 1770: „(…) Wie sehr Sie sich doch darüber wundern, dass es in Europa einen Krieg gibt, bei dem ich nicht mit von der Partie bin! So sollen Sie denn wissen, dass mich die Philosophen friedfertig gestimmt haben mit ihren nicht enden wollenden Deklamationen gegen jene, die sie als gewinnsüchtige Briganten bezeichnen. Die Kaiserin von Russland mag ganz nach Belieben scharmützeln. Ich meinerseits, der ich die philosophischen Verdikte fürchte und der ich Angst habe, mich der Philosophenbeleidigung schuldig zu machen, ich verhalte mich still. Und weil kein einziges Buch wider die Hilfsgelder erschienen ist, habe ich gemeint, dass es mir nach dem Naturrecht gestattet ist, solche pflichtschuldig an meinen Bundesgenossen zu zahlen; und ich bin quitt mit diesen Erziehern des Menschengeschlechts, die sich anmaßen, Fürsten, Könige und Kaiser zu walken, wenn diese ihren Befehlen nicht gehorchen.“ Der Krieg gegen das Osmanische Reich nahm weiterhin Katharinas Aufmerksamkeit in Anspruch. So verfasste Voltaire 1771 im Auftrag der Zarin ein Flugblatt mit dem Titel „Die Sturmglocke der Könige“, in dem er die Fürsten Europas aufrief, sich zu einem Kreuzzug gegen die Osmanen zusammenzutun, um unter Katharinas Führung deren Reich zu vernichten. Die Zarin hatte den langfristigen Plan, und auch Voltaire träumte davon, nach der erhofften Befreiung Griechenlands ein neues byzantinisches Reich zu errichten, dessen Hauptstadt Konstantinopel sein sollte. Der 1779 geborene Großneffe Katharinas wurde vorsorglich, da er schon als Kaiser eines wiederaufgerichteten griechischen Reichs vorgesehen wurde, auf den Namen Konstantin getauft. (Albrecht, S. 145) „Dieser große Entwurf war kein anderer als der, die Türken aus Europa zu vertreiben und auf den Trümmern ihrer Herrschaft ein neues griechisches oder orientalisches Kaiserreich zu errichten.“ (Dohm, S. 5) Aber es kam anders: alle Aufstände der Grie- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 170 chen gegen die Osmanen in den Jahren 1769, 1770 und 1771, zu denen sie von Russland angefeuert worden waren, wurden niedergeschlagen, die Osmanen machten kurzen Prozess mit allen, die auch nur im Verdacht standen, mit den Russen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Nun aber zurück zu der Korrespondenz zwischen Voltaire und Friedrich, zum noch immer andauernden Krieg: Voltaire an Friedrich, 4. September 1773: „(…) Allen Ernstes, ich begreife nicht, warum die Kaiserin-Königin nicht ihr Geschirr verkauft und ihrem Sohn, dem Kaiser, ihren letzten Taler gegeben hat, damit er sich aufmache, um an der Spitze einer Armee in Adrianopel Katharina II. zu erwarten. Diese Unternehmung kam mir so natürlich vor, so leicht, so richtig, so schön, dass ich nicht zu erkennen vermag, warum sie unterblieb.“ Friedrich an Voltaire, 9. Oktober 1773: „(…) Sie sind erstaunt, dass weder der Kaiser noch ich in die orientalischen Wirren eingreifen; für den Kaiser muss Ihnen Fürst Kaunitz antworten; er wird Ihnen die Geheimnisse seiner Politik enthüllen. Was mich angeht, so wirke ich an den Operationen der Russen durch Hilfsgelder, die ich ihnen zahle, schon seit langem mit, und Sie sollten wissen, dass ein Verbündeter nicht gleichzeitig Truppen und Geld zur Verfügung stellt. Nur indirekt bin ich durch meine Verbindung mit der Kaiserin in diese Wirren verstrickt. Was mich persönlich angeht, so verzichte ich auf Krieg, aus Angst, die Exkommunikation der Philosophen auf mich zu ziehen. (…) Sie werden übrigens wissen, dass die Entfernung zwischen meinen Grenzen und denen der Türken bisher jede Zwietracht zwischen den beiden Staaten verhindert hat. (…) Nun gibt es nichtdestotrotz, auch wenn Sie das nicht eingestehen werden, gerechte Kriege; zweifellos gehören die zur eigenen Verteidigung dazu. Ich gebe zu, dass die Türkenherrschaft hart ist und sogar barbarisch; ich bekenne, dass von allen Ländern unter dieser Oberherrschaft vor allem Griechenland das beklagenswerteste ist. (…) Solange sich die russische Armee auf dem linken Donauufer halten wird, steht nichts zu befürchten. Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Fluss heil zu überschreiten. Auf dem anderen Ufer gerät sie auf äußerst unzugängliches Gelände, was die Versorgung unendlich erschwert. Die Schwierigkeit, Magazine anzulegen, sie mit sich zu führen, macht diese Unternehmung zum Wagnis. Doch da für die Kaiserin bislang nichts zu schwierig war, muss man hoffen, dass Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 171 ihre Generäle eine derartig heikle Expedition zu einem glücklichen Ende bringen.“ Dieser Krieg endete vollkommen unerwartet mit einem vernichtenden Verlust der osmanischen Flotte durch die russische Marine, die – aus der Ostsee ins Mittelmeer verlegt – in den Hafen von Tschesme (Çeşme) an der Westküste der Türkei einlief, an die dort vor Anker liegenden Schiffe Feuer legte und ohne ein Gefecht verbrannte (Kreiser, S. 294). Auf dem Land wurden die osmanischen Truppen durch den russischen Feldmarschall Peter Alexander Rumjanzow im Gebiet des Unterlaufs der Donau am Schwarzen Meer geschlagen. Die Überrumpelung der osmanischen Flotte in Tschesme war ein wirkliches Husarenstück, denn die russische Marine war noch relativ klein und personell nicht gut ausgestattet. Der Aufbau der Flotte war für Katharina eines ihrer vorrangigen Ziele. Goethe schreibt zu diesem Ereignis: „Katharina, eine große Frau, die sich des Thrones würdig gehalten, gab tüchtigen, hochbegünstigten Männern einen großen Spielraum, der Herrscherin Macht immer weiter auszubreiten; und da dies über die Türken geschah, denen wir die Verachtung, mit welcher sie auf uns herniederblicken, reichlich zu vergelten gewohnt sind, so schien es, als wenn keine Menschen aufgeopfert würden, indem diese Unchristen zu Tausenden fielen. Die brennende Flotte in dem Hafen von Tschesme verursachte ein allgemeines Freudenfest über die gebildete Welt, und jedermann nahm teil an dem siegreichen Übermut, als man um ein wahrhaftes Bild jener großen Begebenheit übrig zu behalten, zum Behuf eines künstlerischen Studiums auf der Reede von Livorno sogar ein Kriegsschiff in die Luft sprengte.“ (Goethe, S. 235) Da Russland in dem Friedensvertrag von Küçük Kaynarca ein Schutzrecht für die auf osmanischem Gebiet lebenden Christen eingeräumt wurde, war dies eine Einladung für weitere Interventionen. „Neben das alte Bild des dämonisierten Feindes trat in der künstlerischen Repräsentation nun der übertölpelte Buffo-Türke, wie man ihn als Haremswärter Osmin aus Mozarts Entführung aus dem Serail (1782) kennt.“ (Osterhammel, S. 34) „Russland ist eine europäische Macht“, hatte Katharina II. in ihren „Instruktionen“ von 1762 geschrieben, und dies bedeutete zweierlei: die Absicht, den Großmachtstatus Russlands zu festigen und es gleichzeitig abzugrenzen gegen die orientalischen Reiche. Zarin Katharina Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 172 aus dem Hause Anhalt-Zerbst, geboren in Stettin, war entschlossen, den begonnenen Weg weiterzugehen. Die Zarin sah ihre Aufgabe darin, die Arbeit Peters I. zu vollenden, und tatsächlich verschaffte sie Russland Zugang zum Schwarzen Meer. Mit gleicher Klugheit und Entschlossenheit, mit der es Friedrich II. gelungen war, Preußen zu einer Großmacht zu machen, verfolgte Katharina II. ihre Ziele. Sie schrieb an Voltaire am 9. August 1770: „Aus jedem seiner Kriege ist Russland blühender hervorgegangen. Tatsächlich haben diese Kriege die Industrie in Schwung gebracht; jeder Krieg war bei uns der Vater irgendeiner neuen Hilfsquelle, die Handel und Verkehr belebte.“ (Fleischhacker) Die Erfolge in der Außenpolitik der Zarin stärkten das Selbstbewusstsein des russischen Volkes, die Zarin selbst äußerte sich sehr zuversichtlich-siegessicher über die Möglichkeiten Russlands: „Wenn ich zweihundert Jahre lebte, würde natürlich ganz Europa unter das Zepter Russlands kommen, aber ich werde nicht sterben, bevor die Türken aus Europa vertrieben, der Hochmut Chinas gebrochen und die Handelsbeziehungen mit Indien hergestellt sind.“ (Donnert, S. 304). Dies waren große, für die angesprochenen Staaten bedrohliche Worte, die auch heute noch zitiert werden. Die Krim wurde als Folge des 1774 verlorenen Krieges unabhängig vom Osmanischen Reich, zu dem sie bis dahin in einem Vasallenstatus gestanden hatte. Dies war eine Einladung an Russland, die Krim eines Tages zu annektieren, was 1783 geschah. Russland erhielt Asow und das Recht der freien Schifffahrt im Schwarzen Meer. Sofort wurde der Hafen von Sewastopol geschaffen, um dort die russische Schwarzmeerflotte zu stationieren. Gebaut wurden die Schiffe in Werften der Stadt Cherson am Mündungsdelta des Dnepr, die selbst erst 1778 gegründet worden war. Kaiser Joseph, nicht so sehr Maria Theresia, die Josephs Absichten mit Skepsis verfolgte, suchte die Annäherung an Russland und reiste 1780 über verschiedene Stationen nach Petersburg, wo er mehrmals mit Katharina II. zusammentraf. Dies war der Beginn einer engen Bindung zwischen beiden Staaten, die über das nächste Jahrzehnt anhielt. Maria Theresia starb am 29. November 1780. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 173 Die russische Zarin und Joseph II. verabredeten ein Verteidigungsbündnis (1781), in dem sie sich für den Erhalt der bestehenden Besitzstände und für die Unterstützung bei weiteren Plänen aussprachen. Wien wollte noch immer mit Russlands Hilfe Preußen auf den Rang einer Mittelmacht oder weniger zurückstutzen. In Wien nannte man dies „Destruktion der preußischen Macht“. Danach wäre Österreich umso freier, gemeinsam mit Russland gegen das Osmanische Reich vorzugehen. Joseph verfolgte darüber hinaus nach wie vor seine Pläne, die österreichischen Niederlande gegen Bayern zu tauschen. Katharina aber sah in einem Bündnis mit Österreich zunächst einmal – eigentlich ausschließlich – die Stärkung ihrer Expansionsbestrebungen gegen die Türkei. Das Territorium ihres Reiches auf Kosten des osmanischen Reichs auszudehnen, war ihr vorrangiges Ziel. Gegen Preußen vorzugehen, kam ihr schon aus Erwägungen des Gleichgewichts der Kräfte nicht in den Sinn. Dennoch verfolgte Friedrich II. diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Josephs Handlungen blieben abzuwarten. Immerhin war es 1777 zum Bayerischen Erbfolgekrieg gekommen. Da Frankreich traditionell Wert auf eine gute Beziehung zum Osmanischen Reich legte, bewertete man dieses russisch-österreichische Bündnis kritisch. Die seinerzeit gegen Preußen gerichtete, jedoch bereits während des Siebenjährigen Kriegs brüchig gewordene „Freundschaft“ zwischen Österreich und Frankreich wurde durch das Bündnis zwischen Österreich und Russland wegen seiner Ambitionen gegen das Osmanische Reich weiter belastet. Frankreich sah sich nämlich als Schutzmacht der Pforte und verfolgte sehr andere strategische Überlegungen als Wien. „Ludwig XVI. versuchte, seinen Schwager und Bundesgenossen zu überzeugen, dass die immer fortschreitende Vergrößerung Russlands dem wesentlichen Interesse der österreichischen Monarchie zuwider sei, und dieses vielmehr erfordere, zur Behauptung des Gleichgewichts von Europa durch Erhaltung des osmanischen Reichs in seinem jetzigen Besitzstande, sich mit Frankreich auf das engste zu verbinden, und beide Staaten deshalb mit Preußen, das hierunter ein völlig gleiches Interesse habe, gemeinsame Maßregeln treffen müssten.“ (Dohm, S. 29) Ein Bündnis zwischen Frankreich, Österreich und Preußen gegen Russland zum Schutz des Osmanischen Reichs? Waren dies zuvor Hoffnungen der Osmanen gewesen, konnte man jetzt von geradezu abenteuerlichen Gedanken sprechen. Eine der- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 174 artig grundsätzliche Wende im Denken über seine europäische Machtpolitik war in Wien unmöglich umsetzbar. Zu tief saß die Kränkung durch Preußen, zu bindend hatte sich Joseph gegenüber Katharina festgelegt, zu sehr war es erforderlich, die osmanische Macht zu begrenzen. Auch Preußen war auf eine freundschaftliche Beziehung zu Russland angewiesen, hatte entsprechende Verträge abgeschlossen und würde sich auf ein solches Vorhaben keinesfalls einlassen. Preußen spielte die osmanische Karte nur, wenn es Wien beunruhigen wollte. Es war nie mehr als eine Drohung. 1787 bis 1792: Die Osmanen beendeten derartige Spekulationen und Gedankenspiele hin und her, sie erklärten Russland den Krieg. Es ging ihnen um die Vorherrschaft im Schwarzen Meer, auch sollte Russland die Krim wieder entrissen werden. In diesen Krieg, der entstand, da Russland es ablehnte, sich von der Krim zurückzuziehen, war Österreich wegen des Defensivbündnisses mit Katharina II. verwickelt. Dies kam äußerst ungelegen, denn Joseph hatte in Ungarn und in den österreichischen Niederlanden mit großem Widerstand gegen seine Reformen umzugehen. Seine Bündnisverpflichtungen musste Österreich erfüllen, aber es war Josephs Ziel, den Krieg aus einem weiteren Grund möglichst schnell zu beenden, denn nichts fürchtete man in Wien so sehr wie einen Zweifrontenkrieg, sollte sich Preußen militärisch einmischen. Es kam hinzu, dass England sich diplomatisch (nicht militärisch) auf die Seite der Türkei stellte, denn England wollte Russland vom Mittelmeer fernhalten, und man war in London besorgt, Russland könnte, von einem besiegten Osmanischen Reich ausgehend, die englischen Interessen in Indien stören. Wien fürchtete das Eingreifen Preußens in den Krieg umso mehr, als Schweden 1789 einen Subsidienvertrag mit dem osmanischen Reich abschloss. (Hochedlinger, S. 189) Was würde geschehen, wenn Preußen nachzöge? Tatsächlich führte Friedrich Wilhelm II., Neffe Friedrichs II., die Politik seines Vorgängers fort, indem er aus machtpolitischen Überlegungen kein Interesse an der Zurückdrängung des Osmanischen Reiches hatte, durch die nur Russland und Österreich gestärkt würden. Militärisch wollte Preußen jedoch nicht eingreifen, lieber sollte Frankreich ermuntert werden, den Türken Bei- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 175 stand zu leisten. (Croitoru, S. 216) In Frankreich aber war die Revolution ausgebrochen. Kaiser Joseph starb am 20. Januar 1790, mit nur 49 Jahren. Der Krieg gegen die Osmanen verlief auch unter Josephs Nachfolger, seinem Bruder Leopold II., nicht erfolgreich. Belgrad, das zunächst erobert worden war, musste im Friedensvertrag von Sistowa zurückgegeben werden. Die Zarin aber besiegte die Osmanen zur See und auf dem Land. Es kam zum Friedensschluss von Jassy, der Hauptstadt des Fürstentums Moldau. Der größte Verlust, den das Osmanische Reich hinnehmen musste, war die Öffnung des Schwarzen Meeres auch für die europäische Schifffahrt. Russland gründete Odessa und andere Hafenstädte, die bald eine Rolle im Außenhandel spielten. Die südukrainische Steppe (nun „Neurussland“ genannt) versprach sehr fruchtbare Böden, die Russland landwirtschaftlich nutzte und die Gegend mit russischen Bauern besiedelte. Die Region wurde wenige Jahrzehnte später zu einem wichtigen Getreideproduzenten. Das gesamte Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, die südliche Ukraine und der Nordkaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer gehörten nun zu Russland. Katharina II. hatte „die Türken aus Europa vertreiben, den Hochmut Chinas brechen und Handelsbeziehungen mit Indien herstellen“ wollen. Auch wenn diese Vorhaben selbst für sie in dem gegebenen Gefüge und der machtpolitischen Interessenslage der europäischen Länder nicht durchsetzbar waren, hat die Zarin ihr Reich doch bis zum Schwarzen Meer ausdehnen und sich in den eroberten Gebieten behaupten können. Zarin Katharina II., die mit Voltaire und Montesquieu korrespondierte und Diderot an ihren Hof einlud, war eine sehr gebildete, vielseitig interessierte Monarchin, die sich zwar – und hierin beschränkt sich ihr Tribut an die Aufklärung – im Wort zu den Forderungen der Philosophen zur Freiheit und Wohlfahrt der Bürger und der Gerechtigkeit des Herrschers bekannte, jedoch in der Tat die Zahl der leibeigenen Bauern noch vermehrte und nichts gegen die Gerichtsbarkeit der Gutsherrn unternahm. Sie bestätigte die Privilegien des Adels, von dessen Wohlwollen sie abhing, denn ein Recht auf den Thron hatte sie als Witwe des gestürzten und ermordeten Zaren nicht. Andererseits gründete sie als Teil ihrer Reformvorhaben das Smolny-Institut in Pe- Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 176 tersburg, eine Lehr- und Erziehungsanstalt für Mädchen, und forcierte den Aufbau des Volksschulwesens. Entscheidend für den Machtverlust der Osmanen im internationalen Vergleich war, dass sich der Westen schneller entwickelte und das Osmanische Reich trotz weitreichenden inneren Reformen den Abwärtstrend nicht aufhalten konnte. Es kam hinzu, dass das Osmanische Reich keine Handelsmacht, sondern eine Militärmacht war. Die Möglichkeit, aus dem Zugang zu den Meeren Handelbeziehungen und einen Vorteil im Fernhandel aufzubauen, wurde nicht genutzt, obwohl das Reich über eine konkurrenzfähige Seidenmanufaktur, Rohstoffe aus der Schwarzmeerregion und Getreide aus Ägypten verfügte. Industrielle Zentren hätten entwickelt, eine Exportindustrie aufgebaut werden können. Es fehlten die Interessensgruppen, die den für eine solche Entwicklung erforderlichen Druck hätten aufbauen können. (Menzel) Mit den Gedanken der Aufklärung entwickelte sich in den USA und Europa eine Definition von Fortschritt, ausgedrückt zunächst in der Garantie der Menschen- und Bürgerrechte, gefolgt von einem Verlangen nach Freiheit und einer generellen Veränderung zu besseren Lebensbedingungen, erreichbar durch Innovation und Handel. Das Individuum bekam das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit und sollte die Möglichkeit haben, seine Vorstellung von Glück zu verwirklichen. Das Osmanische Reich kannte diese von Philosophen angestoßene Bewegung nicht, es hatte keinen John Locke, Charles Montesquieu, Voltaire, Adam Smith, Thomas Jefferson, Immanuel Kant, es ließ deren Denken in ihrem Kulturraum nicht gelten. Auch militärisch konnte es nicht mit den Entwicklungen im Westen mithalten. Und doch hatte die islamische Welt in der Vergangenheit, vom 8. bis 10. Jahrhundert, eine Zeit bedeutender wissenschaftlicher Entwicklungen gehabt. „Da es die religiöse Pflicht aller Muslime ist, nach Wissen und Erleuchtung zu streben, führte dies zwangsläufig dazu, dass sie auf die säkularen griechischen Texte stießen und sie ins Arabische übersetzen ließen, (…) ein unentbehrlicher Faktor für die Entwicklung origineller Denkschulen in Theologie, Philosophie und sogar den exakten Wissenschaften.“ (Al-Khalili, S. 83) Nachdem der Höhepunkt dieser wissenschaftlichen Produktivität um die erste Jahrtausendwende erreicht war, erhielten religiös-konservative Kräfte bestimmenden Einfluss in Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 177 der Gesellschaft, und es begann „über 500 Jahre hinweg ein langer, langsamer Niedergang.“ (S. 353) „Die Grundpfeiler Koran, Gottesbild, Gesetzlichkeit, Stammesbewusstsein, Universalitätsanspruch und Dschihad wurden dem Islam zum Verhängnis, denn sie wurden nie neu verhandelt oder transformiert.“ (Hamad. S. 56) „›Das gesamte Wissen befindet sich im Koran‹, das war die neue Geisteshaltung, die die Entfernung der Muslime vom weltlichen Wissen einleitete. Der Glaube sollte wieder gereinigt und von fremden Einflüssen befreit werden.“ (S. 61) Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es zu vier weiteren russischtürkischen Kriegen, das Osmanische Reich verlor den Großteil seiner Territorien (Serbien, Griechenland, Ägypten), und nach dem ersten Weltkrieg, als das Osmanische Reich zerfiel bzw. aufgeteilt wurde, schaffte Mustafa Kemal Atatürk das Sultanat und Kalifat ab, gründete die heutige Türkei, wurde Staatspräsident, bestimmte Ankara zur Hauptstadt und erneuerte das Land von Grund auf. Das Osmanische Reich im Konflikt mit Russland und Österreich 178

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.