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Iran in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 157 - 160

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-157

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Iran Iran durchlief eine wechselvolle Geschichte im 18. Jahrhundert. Nach dem Ende der Safawiden-Dynastie (1722) wurde das Land von allen Seiten bedroht, erlebte aber unter seinem Herrscher Nadir ein Vierteljahrhundert neuer Stärke. Nach der Ermordung Nadirs wurde das Land in ein Nord- und ein Südreich geteilt, schließlich 1796 unter den Kadscharen, die bis 1925 herrschten, wiedervereinigt. Doch zunächst ein Blick in die früheste Zeit des Landes. Kyros und Dareios, die großen Herrscher des uralten Perserreiches – um 500 v. Chr. das erste Weltreich, das riesige Gebiete einschloss – sind berühmt wegen ihrer Feldherrnkunst, aber auch wegen der Toleranz, mit der sie besiegten Völkern begegneten. So befreiten sie das jüdische Volk aus der babylonischen Gefangenschaft und ließen es seinen Tempel in Jerusalem wiederaufbauen. In wenigen großen Schritten ging es von dort in die Neuzeit: Alexander der Große besiegte Darius III. Einer seiner Feldherrn, Seleukos, übernahm die Herrschaft, den Seleukiden folgten bis 200 n. Chr. die Parther, die 224 n. Chr. von den Sassaniden überrannt wurden. Gegen Ende der Sassaniden-Zeit, so heißt es, habe Mohammed selbst im Jahre 628 den persischen Großkönig schriftlich aufgefordert, die Religion des Islam anzuerkennen. Wenige Jahre später unterwarfen muslimische Araber auf ihren Eroberungszügen das Sassanidenreich, das nun Teil der islamischen Welt wurde. Das ganze Volk, das bislang von den Lehren des Zarathustra geprägt worden war – dieser hatte, es ist nicht genau bekannt, etwa fünfhundert Jahre vor Christus gelebt –, ging zu dem neuen Glauben über. Aber das Land ging nicht einfach in der arabisch-muslimischen Welt auf, sondern verwob den ihm zunächst fremden Islam mit seiner eigenen langen, seit weit vorislamischer Zeit entwickelten Kultur und der althergebrachten Staatsreligion des Zoroastrismus. Iran wurde in der Zeit nach der arabischen Invasion von Turkvölkern (Seldschuken), aus dem fernen Osten kommend, und später 157 (1219 unter Dschingis Khan) von mongolischen Nomaden überrannt, viele Völker mischten sich mit der eigenen Bevölkerung. Aber Iran gab sein Überlegenheitsgefühl und die Eigenständigkeit nie auf, was sich sehr deutlich an dem Beibehalten der eigenen Sprache beweist. Persisch hat sich als bedeutende Sprache des islamischen Kulturkreises behauptet, und dass Iran das schiitische Bekenntnis übernahm, führte zu einer weiteren Abgrenzung gegenüber den vorwiegend sunnitischen Nachbarn. (Gronke, S. 10) Geschichte, Glaubensrichtung – auch wenn, oder gerade, weil sich zoroastrische Minderheiten behaupteten – und Sprache einten das Land, das über eine effiziente Verwaltung und eine gut ausgebildete Beamtenschicht verfügte. Timur Link („Timur der Lahme“, „Tamerlan“) hatte in die Familie Dschingis Khans eingeheiratet und begründete das Reich der Timuriden, die von 1370 bis 1501 regierten. Von 1501 bis 1722 herrschten die Safawiden, die endgültig die schiitische Religionsrichtung durchsetzten (auch wenn sunnitische Minderheiten zunächst durchaus geduldet wurden) und einen starken souveränen iranischen Staat zwischen dem sunnitisch geprägten Osmanischen Reich und Usbekistan auf der einen Seite und dem indischen Subkontinent auf der anderen errichteten. Im frühen achtzehnten Jahrhundert dann wurde das Land durch interne, religiöse Auseinandersetzungen geschwächt, denn die Sunniten wurden nicht mehr geduldet, sie wurden vertrieben. Vor allem aber machten wirtschaftliche Krisen dem Reich zu schaffen, was sehr bald von afghanischen Stämmen ausgenutzt wurde, die 1722 in Iran einfielen und Isfahan, die herrliche Residenz der Safawiden eroberten. Auch die Russen im Norden und das Osmanische Reich im Westen nutzten die Schwäche Irans mit dem Ziel eigener territorialer Gewinne. Eine relativ kleine Truppe geschickt operierender Bergkrieger unter ihrem Anführer Nadir brachte die Safawiden zu Fall. Der letzte Safawidenschah, Sultan Hoseyn, musste zurücktreten. Sein Sohn, Tahmasp II., versuchte, einen militärischen Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren und ernannte sich zum neuen Herrscher, zunächst unterstützt von Nadir, den er als General einsetzte. Doch bald darauf setzte Nadir Tahmasp ab, krönte sich 1736 zum Nadir Shah oder auch Nadir Khan Afschar aus dem Stamm der Afschariden und begründete die Dynastie der Afschariden. (Abb. 18 Nadir) Iran 158 Nadir Shah auf dem Pfauenthron Nadir gelang es, alle Eindringlinge aus dem Norden und Westen zu vertreiben, er führte inner-islamische Kriege gegen Afghanistan, das er dem Reich (nur für eine kurze Zeit) eingliederte, gegen das Osmanische Reich, dessen ursprüngliche Grenzen zu Iran er wiederherstellte, und gegen Indien, wo er Delhi plünderte, das zuvor glanzvolle Mogulreich zerstörte und den Pfauenthron nach Iran brachte. Er raubte auch den berühmten Koh-i-Nor-Diamanten, der später in den Besitz der Queen Victoria gelangte. (Osterhammel, S. 222) Jedoch erforderten die Kosten für die Unterhaltung des riesigen Heeres so große Summen, dass höhere Steuern eingetrieben werden mussten. Noch größeren Unmut erregte Nadir, als er – selbst Sunnit – seine Religionsrichtung durchsetzen und nur eine islamische Glaubensrichtung erzwingen wollte. Welch eigentümlicher Plan in einem Land, das seit über tausend Jahren dem schiitischen Glauben angehörte und wo man erst zu Beginn des Jahrhunderts die Sunniten verfolgt hatte. Nadirs Plan wurde heftig bekämpft, Nadir selbst, der seine Ziele unter Anwendung im- Abb. 18: Iran 159 mer größerer Grausamkeit durchzusetzen versuchte, 1747 ermordet. Es entstanden nun zwei Gebiete im Iran, im Norden das der Afschariden, die das Gebiet Chorasan beherrschten, eine Region, die das heutige Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan umschloss, und im Süden das Reich der Zand Dynastie mit Karim Khan als Anführer, der bis 1779 herrschte und das Land in eine Blütezeit führte. Nach siebenhundert Jahren türkischer und mongolischer Oberhoheit war dies zum ersten Mal wieder eine Dynastie iranischen Ursprungs. (Gronke, S. 84) Keiner der möglichen Nachfolger setzte sich in den Nachfolgekämpfen durch, so dass die Herrschaft über Teile des Südreichs 1779 in die Hände der türkisch- (turkmenisch) -stämmigen Kadscharen gelangte, einer Familie, die sich von dem Mongolenherrscher Hülegü ableitete. 1794 hatten sie den gesamten Süden erobert, das Land wurde unter ihnen erneut geeint als sie 1796 auch die Afschariden im Norden des Landes besiegt hatten. Iran entwickelte sich zu einer anerkannten unabhängigen Macht im Nahen Osten. Die Kadscharen herrschten bis 1925, als sie von der persischen Dynastie der Pahlavis abgelöst wurden. (Tab. 5, S. 72) Iran 160

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Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.