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Die Welt erforschen, Wissen mitteilen in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 107 - 142

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-107

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Welt erforschen, Wissen mitteilen Die großen Entdeckungen der Weltgegenden waren gemacht, die Reisen nach Übersee bekamen neue inhaltliche Ziele, denn das Interesse der europäischen Bevölkerung an den fernen Ländern änderte sich. Das 18. Jahrhundert wurde das der mit großem, neugierigem Interesse aufgenommenen Reisebeschreibungen. Man wollte über die ferne Welt, ihre Geschichte, Gesellschaften und Sprachen, auch die Pflanzen- und Tierwelt erfahren und einen „Dialog“ führen, das heißt Werke von Autoren mit ihren Berichten aus außereuropäischen Hochkulturen, speziell aus China und Persien, auch aus dem Osmanischen Reich studieren und mit anderen teilen. Zugleich befeuerten die Reiseberichte Diskussionen über die Rechtmäßigkeit des Kolonialismus und die damit verbundene Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, vor allem aber die der Sklavenhaltung, der Unterdrückung meist aus Afrika importierter Arbeitskräfte. (Lüsebrink) Traditionell waren die europäischen Universitäten Institutionen der Lehre, nicht der Forschung. Staatlich geförderte empirische Forschung fand daher im 18. Jahrhundert zunächst in Akademien statt, die ihre Ergebnisse regelmäßig veröffentlichten, so dass ein größeres Publikum an den neuen Erkenntnissen teilhaben konnte. Erst im Verlauf des Jahrhunderts wurde an neu gegründeten Universitäten auch Forschung betrieben, die in der Folge von den bereits seit Langem bestehenden Universitäten ebenfalls aufgenommen wurde. Das Ziel aller Forschung war, die Phänomene der Natur zu untersuchen, ferne Länder zu erkunden und die Sitten und Gebräuche der fremden Völker zu beschreiben. Die Ergebnisse sollten der interessierten Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. „Die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften stieg im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts geradezu explosionsartig an; und einige Periodika erlangten überregionale Verbreitung, so etwa der Hamburgische Unparteyische Korrespondent oder der Mercure de France. Zum anderen differenzierte sich der Markt für Periodika immer stärker: Es erschie- 107 nen Frauen- und Kinderzeitschriften, Mode- und Volksblätter, gelehrte und populäre Zeitschriften literarischen und naturwissenschaftlichen, historischen und politischen Inhalts, Periodika der verschiedenen Sozietäten und Akademien, Anzeigen- und ›Intelligenzblätter‹. (...) Weniger die Tageszeitungen als vielmehr die großen literarisch-politischen Zeitschriften boten ein Forum für die kritische Diskussion politischer Grundsatzfragen und aktueller Ereignisse. Themen wie der Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien, die Freigabe des Getreidepreises, der Bürgeraufstand in Genf und die Volksunruhen in England, die Skandale um die Jesuiten, die Finanzmisere in Frankreich oder die obrigkeitlichen Reformen aufgeklärter Monarchen – über all das wurde nicht nur trocken Bericht erstattet, sondern auch kontrovers diskutiert.“ (Stollberg, S. 141) Dem Ziel der Wissensverbreitung dienten auch die Enzyklopädien, zunächst die von Chambers in England erstellte Sammlung, dann die berühmte französische Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert, die unter der Mitwirkung vieler weiterer Autoren zustande kam und in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren erarbeitet wurde. Voltaire, Rousseau, Holbach, La Mettrie und viele andere erstellten zahlreiche Artikel, das eigentliche Werk aber lag in den Händen von Diderot. (Tab. 7) Insgesamt enthielt die Enzyklopädie 70 000 Artikel, die alphabetisch geordnet waren und das gesamte Wissen der damaligen Zeit aufgearbeitet und mit Zeichnungen verdeutlicht hatten. Die Enzyklopädisten hatten Widerstände zu überwinden, denn die Obrigkeit sah sich von manchen Artikeln, die politische oder konfessionelle Kritik äußerten, beleidigt, zumindest herausgefordert, und so wurde der Verkauf zeitweise unterbunden. Wegen der großen Nachfrage wurde der Druck schließlich doch wieder aufgenommen. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 108 Chronologische Übersicht ausgewählter Entwicklungen in der Literatur, der Entdeckungen, der Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der staatlichen Reformen im 18. Jahrhundert (nach Stollberg-Rilinger, Europa) Literatur 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Defoe: Robinson Crusoe Voltaire: Philosophische Briefe Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums Montesquieu: Persische Briefe Linné: Das System der Natur Goethe: Die Leiden des jungen Werthers Swift: Gullivers Reisen Montesquieu: Vom Geist der Gesetze Smith: Der Reichtum der Nationen Chambers: Enzyklopädie Diderot: Encyclopédie Lessing: Nathan der Weise Voltaire: Das Zeitalter Ludwigs XIV. Kant: Kritik der reinen Vernunft Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag Kant: Kritik der Urteilskraft Entdeckungen 1701–1732 1733–1736 1766–1800 Porzellanmanufaktur in Meißen Bering: Entdeckung Alaskas Cook: 1. Weltumseglung, Inbesitznahme Australiens Henry Corts: Steinkohle statt Holzkohle in der Eisenerz-Verhüttung Cook: 2. Weltumseglung Newcomen: Dampfmaschine Priestley: Entdeckung des Sauerstoffs Cooks 3. Weltumseglung, Entdeckung Hawaiis Tab. 7: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 109 Entdeckungen 1701–1732 1733–1736 1766–1800 Fahrenheit: Quecksilberthermometer Celsius: Thermometer Crompton: Spinnmaschine Cartwright: mechanischer Webstuhl Franklin: Blitzableiter Galvani: Nervenimpulse Hargreave: Spinnmaschine Montgolfier: Heißluftballon Watt: Verbesserung der Dampfmaschine Watt: weitere Verbesserung der Dampfmaschine Bougainville: Reise um die Welt Scheele: Sauerstoff Cavendish: Stickstoff Cavendish: Entdeckung von Wasserstoff und Kohlenstoff Lavoisier: Chemische Nomenklatur A. von Humboldts Reise nach Südamerika Jenner: Pockenschutzimpfung Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse 1701–1732 1733–1766 1767–1800 In London und Paris waren Wissenschaftsakademien schon 1662 bzw. 1666 gegründet worden Stockholm: Akademie der Wissenschaften Gründung der Universität Göttingen Leipzig: Akademie der Wissenschaften Ausweisung der Jesuiten aus Spanien Berlin: Akademie der Wissenschaften Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen Gründung der Universität Moskau Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 110 Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Bologna: Akademie der Wissenschaften Kopenhagen: Akademie der Wissenschaften Philadelphia: American Philosophical Society St. Petersburg: Akademie der Wissenschaften Haarlem: Gesellschaft der Wissenschaften Barcelona: Akademie der Wissenschaften und Künste Uppsala: Akademie der Wissenschaften Erfurt: Akademie der Wissenschaften Brüssel: Akademie der Wissenschaften München: Akademie der Wissenschaften Utrecht: Gesellschaft der Wissenschaften Öffentl. Antikensammlung an der Universität Turin Antikensammlung Papenbroek für die Universität Leiden Neapel: Akademie der Wissenschaften und Künste Mannheim: Akademie der Wissenschaften Wiss. Akademien in Boston, Edinburgh, Lissabon, Dublin und Prag New York: Columbia Universität Staatliche Reformen; Menschenrechte 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Peter d. G. Verwaltungsreformen England: Abschaffung des Hexerei Edikts Virginia Declaration of Rights; Verfassung, Gewaltenteilung in Amerika Brandenburg: Abschaffung des Hexerei Edikts Brandenburg: Abschaffung der Folter Österreich: Strafrechtsreform Brandenburg: Verwaltungsreform F.W. I. Österreich: Verwaltungsreform Frankreich: Justizreform Russland: Einschränkung der Todesstrafe Spanien: Verwaltungsreform Brandenburg: Allgemeines Gesetzbuch Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 111 Staatliche Reformen; Menschenrechte 1701–1732 1733–1766 1767–1800 Mailand: Verwaltungsreform Österreich: Zivilgesetzbuch Russland: Säkularisierung der Kirchengüter Preußen: Allgemeines Landrecht Aus zwei großen Reisebeschreibungen soll etwas ausführlicher berichtet werden. Dies sind der Bericht von Georg Forster über die zweite Südseereise von James Cook und der über Alexander von Humboldts Reise nach Südamerika. James Cook und Georg Forster Ferdinand Magellan hatte als erster bereits 1519 die Erde umsegelt, nach ihm ist die Straße benannt, durch die er, vom Atlantik kommend, in den Pazifischen Ozean gelangte. Ihm folgte Francis Drake, der von 1577 bis 1580 unterwegs war. Sehr viele weitere Reisen wurden unternommen, nicht nur von Entdeckern, sondern teils auch von Freibeutern (Francis Drake war einer von ihnen), die sich auf den Meeren tummelten und mit Vorliebe spanische Schiffe auf ihrer Rückreise von Südamerika überfielen und ausraubten. Louis Antoine de Bougainville umsegelte als erster Franzose von 1766 bis 1769 die Welt, entdeckte jedoch nicht Australien, an dem er nördlich vorbeifuhr. James Cooks erste Reise auf der Magellan-Route in die Südsee und um die Welt begann 1768 und dauerte, wie die meisten dieser großen Reisen, ebenfalls drei Jahre. Cook entdeckte wohl nicht als Erster Australien und mehrere kleinere Inseln in der Nähe, Chinesen, Portugiesen und Holländer waren vor ihm dort gelandet. Cook aber nahm nach seiner Landung an der Ostküste des Kontinents Australien, das bislang Neu Holland hieß, für England in Besitz. Die Entdeckung auch unbewohnter Inseln und deren In-Besitznahme für das Vereinigte Königreich war der (geheime) Auftrag der britischen Admiralität an Cook. Vorteilhaftes Gelände für Flottenstützpunkte sollten ausgemacht werden, es ging um die Vorherrschaft Großbritanniens im Pazifik, die es im Atlantik bereits hatte. (Kleinschmidt, S. 202) Immer sind wissenschaftliche, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 112 wirtschaftliche und politische Ziele miteinander verwoben, so auch bei den zahlreichen Expeditionen der verschiedenen Staaten zu Land und auf dem Meer. England betrieb dieses Geschäft systematisch und auf die Weltherrschaft ausgerichtet. Auf Cooks zweiter Reise in die Südsee begleiteten ihn Reinhold Forster und sein Sohn Georg, dessen ausführliches und mit seinen Zeichnungen reich bebildertes Buch Grundlage für die folgenden Ausführungen ist. Georg Forster, „ein Forscher und Schriftsteller, der radikaler als jeder andere seiner Landsleute unter dem Gebot der Aufklärung lebte und starb, eine der attraktivsten Gestalten der Epoche, deren Glanz und deren Tragik in seinem Geschick aufs engste miteinander verwoben sind“ (Harpprecht, S. 7), dieser Georg Forster wurde 1754 geboren, in Nassenhuben, nahe Danzig, wo sein Vater Reinhold, eine Pfarrei zugewiesen bekommen hatte. „Im Geburtsjahr Forsters feierte Frankreich die Ankunft eines Kronprinzen, der als Ludwig XVI. 39 Jahre später unter dem Fallbeil des Henkers enden sollte. Auch Charles- Maurice Talleyrand, wegen seiner Verkrüppelung zu einer geistlichen Karriere bestimmt und schon als junger Mensch zum Bischof von Autun geweiht, hernach der bedeutendste und geistreichste Diplomat Europas: auch er war ein Kind jenes Jahres, in dem Jean-Jacques Rousseau sein Essay Über die Ungleichheit schrieb. (…) In London erschien das Dictionary von Samuel Johnson, dem universal gebildeten Journalisten, und in Paris kam der vierte Band von Diderots Encyclopédie auf den Markt. In Sankt Petersburg begann der Bau des „Winterpalais“, und in New York wurde die Columbia University gegründet.“ (Harpprecht, S. 9) Georgs Vater gab seine Pfarrstelle auf, als er über den russischen Vertreter in Danzig vom Zarenhof den Auftrag bekam, die Bedingungen für die Ansiedlung deutscher Bauern an der Wolga zu prüfen. Ob er nach getaner Arbeit das ihm in Aussicht gestellte Salär erhielt, ist nicht bekannt, jedenfalls machte er sich von dort nach London auf, stets begleitet von seinem damals 10 Jahre alten Sohn Georg, dem ältesten seiner sieben Kinder. In London verdiente Georgs Vater zeitweilig zumindest so gut, dass seine Frau mit den Kindern nachreisen konnte. Seit dem Aufbruch nach Russland waren mehr als drei Jahre vergangen. Die finanziellen Schwierigkeiten waren jedoch nicht dauerhaft überwunden, sie verschlimmerten sich sogar noch, als Reinhold Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 113 Forster seine Stellung und die Dienstwohnung verlor und sich mit Sprachunterricht durchschlagen musste. Die Sorgen wurden erst gemildert, als er von der britischen Admiralität den Auftrag erhielt, James Cook mit einem Forscherteam auf seiner zweiten Reise in die Südsee zu begleiten. Joseph Banks, ein bekannter Botaniker, der Cook auf seiner ersten Reise begleitet hatte und auch auf dieser Reise wieder dabei sein sollte, stellte so erhebliche Forderungen, dass ein Vertrag mit ihm nicht abgeschlossen werden konnte. An seine Stelle sollte Reinhold Forster treten, der auch hier auf die Begleitung seines Sohnes Georg bestand und durchsetzte, dass er als Zeichner angeheuert wurde. Am 13. Juli 1772 begann die Reise, es vergingen drei Jahre, bis die Resolution und ihr Schwesterschiff, die Adventure, die Heimat wieder erreichten. Die Schiffe hatten neben reichlichem Proviant, allen Grundnahrungsmitteln und sehr viel Wasser auch 60 große Fässer gefüllt mit Sauerkraut an Bord, dazu 30 Fässer gekochtes Malz und 5000 Pfund gallertig eingekochte Fischbrühe, die alle zusammen und jedes Einzelne James Cook’s sehr wirksames Rezept gegen den gefürchteten Skorbut und außerdem natürlich gesunde Nahrungsmittel waren. Ein dick eingekochter Saft von Zitronen und Apfelsinen war ebenfalls Teil des Proviants und der Prophylaxe. Dazu lebende Tiere: Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Hunde und Katzen. Während der Fahrt wurden strikte Sauberkeitsregeln ausgegeben und genau befolgt: „Reinlichkeit ist eine andere notwendige Vorsicht. Es ward bei uns nicht nur scharf darauf gesehen, dass die Matrosen sich selbst, ihre Kleider und Hemden reinhielten, sondern auch die Küchengeräte wurden fleißig untersucht, damit von der Nachlässigkeit der Köche nichts zu befürchten wäre. Die Betten mussten bei trockenem Wetter des Tags an Deck gebracht werden. Am wichtigsten aber war das Räuchern mit einer Mischung von Schießpulver und Essig oder auch Wasser und die fast wöchentlichen Feuer, die im Schlafraum des Volks, in den Kajüten der Offiziere und selbst im untersten Raum angezündet wurden. Ungesunde, faule Ausdünstungen und Feuchtigkeiten wurden auf diese Art unschädlich gemacht und die Luft durchaus gereinigt.“ (Forster, S. 51) Die Reise führte sie zunächst nach Madeira, wo sie sich mit frischem Proviant versorgten, dann über Cap Verde hin zum Kap der Guten Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 114 Hoffnung und von dort tief nach Süden bis an die Grenze der Antarktis. Am 51. Breitengrad traf die Expedition auf Eisberge, und am 17. Januar überquerten die Schiffe als erste den südlichen Polarkreis (66° 30' S). Die Eisberge waren zu bedrohlich, so dass Cook wenden und nach Nordosten steuern ließ. Niemand zuvor war der Antarktis so nah gekommen, und es war eine schwierige Aufgabe für die Kapitäne, die Schiffe durch die zahllosen gefährlichen Eisberge hindurch zu manövrieren. Die Mannschaft litt unter der eisigen Kälte, dem starken Wind, der Dunkelheit in dieser äußerst unwirtlichen Gegend, und die Männer erkrankten trotz den mitgeführten Gegenmitteln an Skorbut, wenn auch in milder Form. Cook nahm die eigenen Strapazen und die der Mannschaften in Kauf, denn er hoffte, tief im Süden einen neuen Kontinent zu entdecken. Ohne Erfolg. Diese Seeroute wurde nicht länger verfolgt, der Kurs zurück nach Norden bestimmt. (Abb. 7 Reiserouten) In der Dusky Bay, an der Südwestküste Neuseelands, die Cook auf seiner vorigen Reise entdeckt hatte, war ihre nächste Ankerstelle. „Ganze Scharen von Wasservögeln belebten die felsigen Küsten, und das Land ertönte überall vom wilden Gesang der gefiederten Waldbewohner. Je länger wir uns nach Land und frischen Gewächsen gesehnt hatten, desto mehr entzückte uns nun dieser Prospect, und die Regungen der innigsten Zufriedenheit, welche der Anblick dieser neuen Szene durchgängig veranlasste, waren in eines jeglichen Augen deutlich zu lesen.“ (Forster, S. 115) Sie blieben dort sechs Wochen, fanden frische Wasserquellen, die Schiffe wurden repariert, die Mannschaften füllten den Holzvorrat auf und konnten so viele Fische angeln, dass alle üppig versorgt waren. In Charlottensund fanden sie verschiedene Kräuter, wie wilden Sellerie und Löffelkraut, die es in Dusky Bay nicht gegeben hatte, die sie aber wegen ihrer Wirkung gegen den Skorbut gerne sammelten und täglich zu einer Suppe aus Weizen und Mehl zum Frühstück und mittags zu einer Erbsensuppe dazugaben. Mit den dort lebenden „Indianern“ wurden die Mannschaften bald vertraut, man machte sich gegenseitig Geschenke und betrieb einen regen Tauschhandel. Bei manchem Besuch brachten die Einwohner auch Frauen an Bord, „sie hatten pechschwarzes Haar, runde Gesichter und dicke Nasen und Lippen. Auch hatten sie schwarze Augen, die oft lebhaft und nicht ohne Ausdruck, so wie der ganze Oberteil des Körpers wohl gebildet und ihre Gestalt überhaupt gar nicht widrig war. Unsre Matro- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 115 sen hatten seit der Abreise vom Cap mit keinen Frauenspersonen Umgang gehabt; sie waren also eifrig hinter diesen her, und aus der Art wie ihre Anträge aufgenommen wurden, sah man, dass es hier zu Lande mit der Keuschheit so genau nicht genommen wurde, und dass die Eroberungen eben nicht schwer sein müssten. Doch hingen die Gunstbezeigungen dieser Schönen nicht bloß von ihrer Neigung ab, sondern die Männer mussten, als unumschränkte Herren, zuerst darum befragt werden. War deren Einwilligung durch einen großen Nagel, ein Hemd oder etwas dergleichen erkauft, so hatten die Frauenspersonen Freiheit mit ihren Liebhabern vorzunehmen was sie wollten, und konnten alsdann zusehen, noch ein Geschenk für sich selbst zu erbitten. (…) Da die Neuseeländer fanden, dass sie nicht wohlfeiler und leichter zu eisernem Gerät kommen konnten als vermittelst dieses niederträchtigen Gewerbes, so liefen sie bald genug im ganzen Schiff herum und boten ihre Töchter und Schwestern ohne Unterschied feil. Den verheirateten Weibern aber verstatteten sie, so viel wir sehen konnten, nie die Erlaubnis, sich auf ähnliche Weise mit unseren Matrosen abzugeben.“ Forster beklagt, dass Nägel, die sich zum Fischen gut eigneten, andere Eisengeräte und sonstige mitgebrachte Dinge zum täglichen Gebrauch neue Bedürfnisse geweckt und zu diesem Mädchen-Handel geführt hätten, entehrende Handlungen, die ihnen ansonsten nie in den Sinn gekommen wären. Nichts Positives hätten diese Völker im Gegenzug von den Europäern erhalten, keine nützlichen Dinge seien sie gelehrt worden, nichts hätten sie gewonnen zum Ausgleich für das, was sie verloren hätten, nämlich sittliche Grundsätze. „So aber besorge ich leider, dass unsere Bekanntschaft den Einwohnern der Südsee durchaus nachteilig gewesen ist; und ich bin der Meinung, dass gerade diejenigen Völkerschaften am besten weggekommen sind, die sich immer von uns entfernt gehalten.“ (Forster, S. 157) Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 116 Cooks Reisen um die Welt rot = 1. Reise, grün = 2. Reise, blau = 3. Reise, blaue gestrichelte Linie = Route seiner Besatzung, nachdem er auf Hawaii umgekommen war Kapitän Cook hatte Samen von verschiedenen Getreidearten, großen Bohnen, Kartoffeln und Erbsen an Bord, die er, wie auch einige weitere Pflanzen in den dortigen Boden brachte, um bei einem weiteren Besuch zu sehen, ob sie anwachsen würden. Auch einen Eber und zwei Säue, einen Bock und eine Ziege brachte er an Land. Kapitän Cook, der fürchtete, dass der von ihm angelegte Garten aus Unwissenheit zerstört oder nicht genügend gepflegt werden würde, ging mit dem dortigen Befehlshaber zu seinen Anpflanzungen, erklärte ihm die verschiedenen Pflanzenarten und wies besonders auf die Kartoffeln hin, die allerdings nicht ganz neu für die Insulaner waren, denn eine süße Kartoffelart wuchs dort bereits. Bevor die Schiffe weitersegelten, wurde noch Heu und frisches Wasser, wildwachsender Sellerie und Löffelkraut an Bord geholt. Tahiti war die nächste Station. Da, wie Forster schreibt, weder nach Osten, noch nach Süden bis hinunter zum 40sten Grad Land entdeckt worden war und man glaubte, dort auch keines mehr zu finden, sollte nun zwischen dem 50sten und dem 40sten südlichen Breitengrad nach neuen Ländern, vor allem dem geheimnisvollen Süd-Land, gesucht werden. Abb. 7: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 117 Zwei Monate nach ihrer Abreise erreichten sie ihr neues Ziel. „Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter, hatte sich gelegt; ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen Gipfel in mancherlei majestätischen Gestalten und glühten bereits im ersten Morgenstrahl der Sonne. Unterhalb derselben erblickte das Auge Reihen von niedrigen, sanft abhängenden Hügeln, die den Bergen gleich, mit Waldung bedeckt und mit verschiedenem anmutigem Grün und herbstlichem Braun schattiert waren. Vor diesen her lag die Ebene, von tragenden Brotfrucht-Bäumen und unzählbaren Palmen beschattet, deren königliche Wipfel weit über jene emporragten. Noch erschien alles im tiefsten Schlaf; kaum tagte der Morgen, und stille Schatten schwebten noch auf der Landschaft dahin.“ (Forster, S. 177) Auch hier wurden die üblichen Tauschgeschäfte vorgenommen: von den Seglern erhielten die Eingeborenen Korallen, Nägel, Messer und andere nützliche Dinge und gaben dafür Matten, Körbe, Cocos-Nüsse, Brotfrucht und verschiedene sonstige Früchte und Kräuter. Kapitän Cook suchte, wie auch auf anderen Stationen, den Befehlshaber auf, auf dieser Insel Ärih oder König genannt, wie sich überhaupt alles, was sich auf den anderen Inseln ereignet hatte, hier und allen weiteren Stationen wiederholte. Dazu gehörten auch manche Konflikte, die wegen ziemlich dreisten Diebstahls der Insulaner an Bord oder auch Missverständnissen vorkamen und zum Teil mit Waffengewalt – Gewehre hatten nur die Segler – geregelt wurden. Dabei gab es vorwiegend auf der Seite der Einwohner Verletzte, sogar Todesfälle. Die Rohheit der Sitten, die Grausamkeit und Barbarei der Eingeborenen aber erkannte die Mannschaft, als sie erneut in Indian-Cove, Neuseeland, anlegten. „Das erste, was ihnen dort in die Augen fiel, waren die Eingeweide eines Menschen, die nahe am Wasser auf einen Haufen geschüttet lagen. Kaum hatten sie sich von der ersten Bestürzung über diesen Anblick erholt, als ihnen die Indianer verschiedene Stücke vom Körper selbst vorzeigten und mit Worten und Gebärden zu verstehen gaben, dass sie das übrige gefressen hätten. Unter den vorhandenen Gliedmaßen war auch noch der Kopf befindlich, und nach diesem zu urteilen, musste der Erschlagene ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren gewesen sein. Die untere Kinnlade fehlte, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 118 und über dem einen Auge war der Hirnschädel eingeschlagen. Unsre Leute fragten die Neuseeländer, wo sie diesen Körper herbekommen hätten, worauf jene antworteten, dass sie ihren Feinden ein Treffen geliefert und verschiedene derselben getötet, von den Erschlagenen aber nur allein den Leichnam dieses Jünglings mit sich hätten fortbringen können. (…) Hiernächst blieb uns nun auch kein Zweifel mehr übrig, die Neuseeländer für wirkliche Menschenfresser zu halten.“ (Forster, S. 287) Von Indian-Cove segelte man weiter in die Gegend zwischen Motu- Aro und Long-Eyland und hielt sich in der Gegend zwischen dem Cap Terawitti und Palliser, an der Südspitze der Nordinsel Neuseelands auf. James Cook erschien diese Gegend, „sollte die Bay für große Schiffe tief genug sein, woran wohl nicht zu zweifeln ist, zur Anlegung einer Kolonie ganz vorzüglich bequem. Denn man fände hier einen großen Strich bauwürdigen Landes vor sich, der mit genügsamer Waldung, vermutlich auch mit einem schiffbaren Strom versehen ist, und seiner Lage nach in den besten Verteidigungsstand gesetzt werden könnte. Da diese Gegend auch nicht sonderlich bewohnt zu sein scheint, so würde desto weniger Gelegenheit zu Streitigkeiten mit den Eingeborenen vorhanden sein. Vorteile, die sich an anderen Stellen von Neuseeland wohl selten so glücklich vereinigt finden dürften.“ (Forster, S. 292) Cook, weiterhin auf der Suche nach neuem Land, kreuzte nun erneut in dem riesigen Gebiet zwischen den südlichsten Punkten im Treibeis nahe der Antarktis, Tahiti im Norden und den Osterinseln im Osten und kam zu dem Schluss, dass – sollten sie wirklich Land verfehlt haben – „so muss es ein Eiland sein, das seiner Entfernung von Europa und seines rauen Klimas wegen für Engländer von keiner Wichtigkeit sein kann. Es fällt jedem in die Augen, dass, um eine so weitläufige See, als die Südsee ist, wegen des Daseins oder Nicht-Daseins einer kleinen Insel zu untersuchen, viele Reisen in unendlichen Strichen erforderlich sein würden, welches von einem Schiff und auf einer Expedition nicht zu erwarten steht.“ (Forster, S. 299) Nach einhundertdrei Tagen, in denen sie kein Land gesehen hatten, erreichten sie die Osterinseln. Bei der Erkundung des Landesinneren kamen sie auch an einen ebenen Platz, in dessen Mitte fanden sie „eine steinerne Säule, aus einem Stück, die eine Menschenfigur bis auf die Hüften ab- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 119 gebildet vorstellen sollte und 20 Fuß hoch und 5 Fuß dick war. Diese Figur war schlecht gearbeitet und bewies, dass die Bildhauerkunst hier noch in der ersten Kindheit sei. Augen, Nase und Mund waren an dem plumpen ungestalten Kopf kaum angedeutet. (Abb. 8 Steinstatuen Moai) Die Ohren waren nach der Landessitte ungeheuer lang und besser als das übrige gearbeitet, ob sich gleich ein europäischer Künstler derselben geschämt haben würde. Den Hals fanden wir unförmig und kurz; Schultern und Arme aber nur wenig angedeutet.“ (Forster, S. 311) Die Osterinseln fanden sie karg, den Boden steinig und unfruchtbar, die Einwohner waren in einem erbärmlichen Zustand, frisches Wasser schien es nicht zu geben, das Wasser aus einem Brunnen war brackig und schmeckte schlecht, man konnte nur wenige Lebensmittel und eine geringe Zahl von Hühnern eintauschen, denn die Eingeborenen hatten selbst kaum genug zu essen. Sie lebten schlecht und armselig, waren elend und mager. Abb. 8: Steinstatuen Moai auf den Osterinseln, am Rano-Raraku Über die Marquesas Inseln segelten sie weiter und zu einem zweiten Besuch nach Tahiti. Auf den Marquesas, wie auch während anderer Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 120 Stationen, war es zu kleineren Diebereien der Eingeborenen gekommen, die in der Regel hart, hier zum Bedauern Forsters unnötigerweise mit einem tödlichen Schuss aus dem Gewehr bestraft wurden. „Die ersten Entdecker und Eroberer von Amerika haben oft und mit Recht den Vorwurf der Grausamkeit über sich ergehen lassen müssen, weil sie die unglücklichen Völker dieses Weltteils nicht als ihre Brüder, sondern als unvernünftige Tiere behandelten, die man gleichsam zur Lust niederzuschießen berechtigt zu sein glaubte. Aber wer hätte es von unseren erleuchteten Zeiten erwarten sollen, dass Vorurteil und Übereilung den Einwohnern der Südsee fast ebenso nachteilig werden würden?“ Kapitän Cook war auch hier in der Lage, durch sein Auftreten, seine Gesten, beruhigende Worte und Geschenke die gefährliche Lage in neues Vertrauen zu wandeln, so dass sich die Reisenden frei auf der Insel bewegen und ihre Vorräte an Bord auffrischen konnten. Wieder auf Tahiti, sah Forster erneut mit Staunen, wie anders das Leben hier, verglichen mit dem in Europa war. Der leicht anzubauende Brotbaum, der Papyr-Maulbeerbaum und manche Wurzeln, dazu die „königliche Palme“, der „goldene Apfel“ und viele andere Pflanzen versorgen die Einwohner, ohne dass diese in deren Bewirtschaftung ermüdende Arbeit investieren müssten. „Sie bewohnen ein Land, wo die Natur mit schönen Gegenden sehr freigebig gewesen, wo die Luft beständig warm, aber der Himmel fast beständig heiter ist. Ein solches Klima und die gesunden Früchte verschaffen den Einwohnern Stärke und Schönheit des Körpers. (…) In der Lebensart der Tahitier herrscht durchgehend eine glückliche Einförmigkeit. Mit Aufgang der Sonne stehen sie auf und eilen sogleich zu Bächen und Quellen, um sich zu waschen und zu erfrischen. Alsdann arbeiten sie oder gehen umher bis die Hitze des Tages sie nötigt, in ihren Hütten oder im Schatten der Bäume auszuruhen. In diesen Erholungsstunden bringen sie ihren Kopfputz in Ordnung, das heißt: sie streichen sich das Haar glatt und salben es mit wohlriechendem Öl; zuweilen blasen sie die Flöte, singen dazu, oder ergötzen sich, im Grase hingestreckt, am Gesang der Vögel. Bei allem was sie tun, zeigt sich gegenseitiges Wohlwollen, und ebenso sieht man auch die Jugend in Liebe untereinander und in Zärtlichkeit zu den ihrigen aufwachsen.“ Forster sah jedoch, dass „ein Mensch, der zu einem tätigen Leben geboren, mit tausend Gegenständen bekannt, wovon die Tahitier nichts wissen, und gewohnt ist, an das Vergangene Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 121 und Zukünftige zu denken, dass der einer so ununterbrochenen Ruhe und eines beständigen Einerlei bald überdrüssig werden müsse, und dass eine solche Lage nur einem Volk erträglich sein kann, dessen Begriffe so einfach und eingeschränkt sind, als wir sie bei den Tahitiern fanden.“ (Forster, S. 376) Für den aus dem Paradies entlassenen Menschen wäre es unerträglich, dorthin wieder zurückkehren zu müssen. Ganz ähnlich beschrieb Bougainville das Leben auf Tahiti: „Die Gewohnheit, beständig zu ruhen und vergnügt zu leben, macht, dass die Einwohner eine besondere Vorliebe haben für sanfte Scherze. Daher zeigt sich in ihrem Charakter eine Leichtsinnigkeit, über die wir uns täglich verwunderten. Alles rührt sich außerordentlich, aber nichts hält sie beständig bei einer Sache. Wenn wir ihnen auch etwas Neues zeigten, so konnten wir ihre Aufmerksamkeit nie zwei Minuten lang darauf lenken. (…) Ich spreche ihnen aber deswegen nicht alle Einsicht und das Nachdenken über eine Sache ab. Bei den wenigen Arbeiten, zu denen sie bei dem Klima und dem Überfluss des reichen Bodens genötigt sind, bemerkt man einen gewissen Fleiß und Geschicklichkeit. Man muss sich wundern, wie geschickt ihre Fischereiinstrumente gemacht sind. Ihre Netze gleichen den unsrigen vollkommen und sind aus Algarvefasern geknüpft. Wir haben das Balkenwerk ihrer großen Häuser bewundert und wie artig sie die Dächer mit den Blättern von der Fächerpalme zu decken wissen.“ (Bougainville, S. 207) Bei den von Cook so benannten Neu-Hebriden erreichten sie auf ihrer Resolution auch Tanna, wo der Ausbruch des dortigen Vulkans beobachtet werden konnte. Diesen zu besteigen, wurde ihnen jedoch strikt von den abergläubischen Insulanern verwehrt. Über Neuseeland ging es nun zur Magellan-Straße und Feuerland – erneut waren sie in einer äußerst unwirtlichen Gegend mit Kälte, Wind und vielen Entbehrungen, die ertragen werden mussten. Von dort zur Südwestküste Afrikas, wo Cook ihnen in der Tafelbucht fast einen Monat Zeit gab, sich zu erholen, die Schiffe zu reparieren und die Vorräte aufzufüllen. Die Reise war nun fast beendet. „Das Wetter war so erstaunlich heiß, als wir es auf der ganzen Reise noch nicht empfunden hatten. Demohngeachtet speisten wir nach Holländischer Gewohnheit gegen ein Uhr, das ist, gerade da die Hitze am unerträglichsten war, und fraßen mit einer Gierigkeit, die unser langes Fasten und alles ausgestandene Ungemach weit lebhafter malte, als die beste Beschreibung.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 122 Dort, am Cap, waren auch die Briefe aus Europa hinterlegt. „Wer kann das Vergnügen beschreiben, welches wir bei Eröffnung unsrer Briefe von Verwandten und Freunden fühlten? Wer kann sich vorstellen, wie viel der Umgang mit Europäern nach einer langwierigen Reise dazu beitrug, alle verhassten Eindrücke des erlittenen Elends zu verwischen und unsre ganze Lebhaftigkeit wiederherzustellen, die so viele Umstände bisher niedergedrückt hatten? Wir brachten unsre Zeit sehr angenehm zu und sammelten aus alten Zeitungsblättern die Geschichte derer Jahre, da wir sozusagen aus der Welt verbannt gewesen.“ (Forster, S. 577) Die Tafelbucht wurde regelmäßig im Herbst und im Frühjahr von Schiffen der verschiedensten Nationen angelaufen, und so trafen sie dort die Handelsflotten der Indienfahrer und Schiffe unter französischer, dänischer und schwedischer Flagge, auch Schiffe aus Portugal und Spanien, eben von allen seefahrenden Nationen. Über die verschiedenen Inseln, die auf ihrem Weg nach Norden lagen, erreichten sie drei Jahre und achtzehn Tage nach ihrer Abreise wieder die Küste Englands. Alle zurückgelegten Meilen zusammen machten eine Reise dreimal um die Welt aus. Wieder in Europa, erkannte Forster den Reichtum, der den Menschen hier gegeben ist im Vergleich zu manchen Völkern, denen sie auf ihrer Reise begegnet waren, und das sei „zunächst die Sittlichkeit als Grundlage für ein geordnetes Gemeinwesen und dann die Möglichkeit, Wissen und Erkenntnis zu erlangen. (…) Durch die Betrachtung der verschiedenen Völker müssen jedem Unparteiischen die Vorteile und Wohltaten, welche Sittlichkeit und Religion über unseren Weltteil verbreitet haben, immer deutlicher und einleuchtender werden. (…) Unzählig sind die unbekannten Gegenstände, welche wir, aller unsrer Einschränkung ohngeachtet, noch immer erreichen können. Jahrhunderte hindurch werden sich noch neue, unbeschränkte Aussichten er- öffnen, wobei wir unsre Geisteskräfte in ihrer eigentümlichen Größe anzuwenden und in dem herrlichsten Glanze zu offenbaren, Gelegenheit finden werden.“ (Forster, S. 600) Der Venus-Transit Nicht nur die Erde wollte man im Jahrhundert der Aufklärung genau vermessen, Pflanzen und Tiere der Erdteile sammeln, bestimmen, vergleichen und dem Publikum in Ausstellungen zugänglich machen. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 123 Auch der Himmel, zumindest die Entfernung zwischen Sonne und Erde, sollte vermessen werden. Der Venus-Transit, die Sonnenfinsternis, bei der sich die Venus zwischen Sonne und Erde schiebt, war das geeignete Naturschauspiel für diese Untersuchung. Es ging um die Bestimmung der Entfernung zwischen Sonne und Erde. James Cook umsegelte die Welt dreimal. Bei seiner ersten Reise hatte Cook den Auftrag, den Venus-Transit, das Vorbeiziehen der Venus vor der Sonne, von Tahiti aus zu beobachten. Dies war ein großes wissenschaftliches Projekt, an dem sich Wissenschaftler in vielen Ländern beteiligten. Der Venus-Transit war schon 1761 zu sehen gewesen und auch zu der Zeit bereits von verschiedenen Orten der Welt beobachtet und gemessen worden. Edmond Halley, nach dem der Halley Komet benannt wurde, hatte bereits 1677 diesen ersten Venus-Transit im 18. Jahrhundert und die Wiederkehr dieser Himmelserscheinung für das Jahr 1769 vorausgesagt. Danach würde dieses Ereignis erst nach weiteren 105 Jahren wieder auftreten. Man hoffte, aus den Beobachtungen an verschiedenen Orten der Erde die Größe des Sonnensystems und die Entfernung zwischen Erde und Sonne errechnen zu können. Es musste genau bestimmt werden, wann die Venus den Rand Sonnenscheibe berührte, wann sie gerade ganz im Bereich der Sonne war, wann sie beim Austritt soeben den äußeren Rand berührte und wann sie die Sonne wieder ganz verlasen hatte. Ein Teleskop und eine Uhr waren alles, was man dazu benötigte. Die Linsen des Teleskops mussten eingerußt werden. Der Rest ist Mathematik. Am 13. April 1769 landete James Cook mit seiner Endeavour auf Tahiti. „Augenblicklich befahl Cook fünfzig Männern, Gräben auszuheben, Befestigungswälle aufzuwerfen und Bäume zu fällen, um am Nordende der Matavi-Bucht ein Fort „zur Verteidigung des Observatoriums“ zu errichten.“ (Wulf2, S. 247) Der 3. Juni 1769 war nun der Tag des Venus-Transits, der außer von Tahiti auch von der Hudson Bay, mehreren Orten entlang der Ostküste Amerikas, auch in Mexiko, dreißig Beobachtungsstationen in Großbritannien, neun in Deutschland und Holland, achtzehn in Frankreich, neun in Schweden und Lappland, und zehn Orten in Russland beobachtet und gemessen wurde. (Wulf2, S. 259) Alle Ergebnisse der Messstationen sollten zusammengetragen und unter Aufsicht der Akademien für Wissenschaft in Paris, London, Stockholm und St. Petersburg ausgewertet wer- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 124 den. Aber, „wie die Astronomen beim ersten Transit, hatten Cook und seine Mannschaft auf Tahiti Mühe, den genauen Augenblick des Eintritts zu bestimmen. Solander bemerkte einen flackernden Lichtschleier, Cook eine Wellenbewegung. Der exakte Zeitpunkt, so Cook, war sehr schwer zu beurteilen.“ (Wulf2, S. 261) Den Beobachtern an allen anderen Stationen erging es nicht besser, an einigen Orten konnte gar nicht gemessen werden, die Sicht war durch Wolken versperrt. Und dennoch: trotz einem gewissen Abweichen der Daten untereinander waren die Ergebnisse doch so, dass der schließlich akzeptierte Wert dem heute gültigen Wert der Entfernung zwischen Sonne und Erde von 149 600 000 Kilometern bis auf eine Abweichung von etwa 1 Million Kilometern sehr nahe kam. Im Jahr 1769 hatte man 150 806 600 Kilometer gemessen. Alexander von Humboldt (1769–1859) Als Junge, bis zum Alter von 16 Jahren, wollte Alexander von Humboldt, wie er selbst schrieb, Soldat werden, ein Vorhaben, das die Eltern missbilligten. „Ich musste mich dem Finanzwesen widmen und habe nie in meinem Leben Gelegenheit gehabt, einen Kurs in Botanik oder Chemie zu absolvieren; nahezu alle Wissenschaften, mit denen ich mich beschäftigte, habe ich mir selbst und sehr spät angeeignet. Vom Studium der Pflanzen habe ich nicht sprechen hören, bis ich 1788 Herrn Willdenows Bekanntschaft machte.“ AvH, S. 51) Humboldt kam mit Willdenow in Berlin zusammen, kannte dessen Buch über die Flora Berlins und war nun begeistert von der Einführung in die Botanik. „Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestürmte ihn mit Besuchen. Ich lernte neue ausländische Pflanzen kennen. Er schenkte mir einen Halm Oryza sativa (eine Reispflanze), den Thunberg aus Japan mitgebracht. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben die Palmen des Botanischen Gartens, ein unendlicher Hang nach dem Anschauen fremder Produkte erwachte in mir. In drei Wochen war ich ein enthusiastischer Botanist.“ (S. 34) Humboldt war zu dieser Zeit bereits Student und veröffentlichte bald seine Arbeit „Beobachtungen über die Basalte am Rhein.“ Die genaue Kenntnis, die aus einer systematischen und vergleichenden Untersuchung der Natur hervorging, so seine Meinung, müsste doch schließlich helfen, die Naturgesetze zu entschlüsseln. Aus dieser Passion für das Beobachten, Sammeln und das zeichnerische Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 125 Darstellen aller Lebensformen erstand später ein großes wissenschaftliches Werk, in dem Alexander von Humboldt Tiere und Pflanzen aus verschiedenen Kontinenten beschreiben, vergleichen und bildlich darstellen konnte. Bei Daniel Chodowiecki hatte er Unterricht in der Technik des Kupferstichs erhalten, später, in Paris, lernte er Zeichnen und Malen bei dem Maler François-Pascal Gérard. Aus seinen Skizzen, von denen viele durch verschiedene Künstler und ihn selbst zu Meisterwerken wurden, entstand das „Graphische Gesamtwerk“. Gespräche mit Georg Forster, der ihm von seiner Reise mit James Cook berichtete, ließen eine Faszination für die Tropen entstehen. Beide waren sich in Göttingen, wo Humboldt studierte, begegnet. Nun reisten sie vier Monate durch Europa, kamen auch nach London, Humboldt war überwältigt von der sichtbaren Handelsaktivität des Landes, den zahllosen Schiffen der Ostindian Company auf der Themse und im Hafen, die Waren aus dem fernen Osten brachten und mit Ausfuhrgut neu beladen wurden. In England machte Forster den jungen Humboldt mit zahlreichen Wissenschaftlern und Entdeckern bekannt, so auch mit dem Botaniker Joseph Banks, Präsident der Royal Society, und William Bligh, dem Kapitän der „Bounty“, der die damalige Meuterei auf dem Schiff überlebt hatte und sich mit einem kleinen Beiboot über 6 000 Meilen bis zum ostindischen Timor in der Südsee retten konnte (Geier, S. 124). Humboldt war fasziniert von den Gemälden von William Hodges, der – wie Banks – James Cook auf dessen erster Reise um die Welt begleitet hatte. All dies machte die Sehnsucht, in die Tropen zu reisen und wissenschaftlich zu arbeiten, nur noch größer. Humboldt nennt selbst die wesentlichen Einflüsse, die ihn bewogen, von einer solchen Reise zu träumen, es waren: „Georg Forsters Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges, die Ufer des Ganges darstellend; ein kolossaler Drachenbaum in einem alten Turm des botanischen Gartens in Berlin.“ (AvH3, S. 8) Noch musste er sich gedulden, sein Studium an der Handelsakademie in Hamburg beenden und – er war zweiundzwanzig – auf Wunsch seiner Mutter ein weiteres Studium an der Bergakademie in Freiberg bei Dresden beginnen, wo er wichtige geologische und mineralogische Kenntnisse erwarb. Auch hier untersuchte Humboldt Pflanzen, dabei besonders solche, die auf Steinen oder feuchten Holzbalken wuchsen. Es war ihm ein Rätsel, wie Leben unterirdisch in tiefer Dunkelheit und bei geringem Sauerstoff- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 126 gehalt vorkommen konnte: „Eine Vegetation im Innern unseres festen Erdkörpers in einer mit Stickluft überschwängerten, des Lichtstoffes beraubten Atmosphäre schien mir zu merkwürdig, um nicht meine ganze Aufmerksamkeit zu beschäftigen, und vielleicht hatte nie jemand so viel Gelegenheit sie zu beobachten als ich, der ¾ Jahr alle Tage 4–5 Stunden regelmäßig in der Grube zubrachte.“ In mehreren Aufsätzen „beschreibt Humboldt 260 ›Cryptogamia‹ (Pflanzen mit ›verborgenem Geschlecht‹, zu denen Algen, Pilze, Flechten, Moose und Farne gehören), die bei Freiberg vorkommen, wobei es ihm besonders darauf ankommt, die Abhängigkeit der Pflanzen von der Bodenbeschaffenheit, der Gesteinsart, der Höhenlage und anderen Landschaftsfaktoren ins Blickfeld zu rücken.“ (Geier, S. 158) Nach nur einem Jahr, das Studium dauerte in der Regel drei Jahre, bestand er das Abschlussexamen und wurde sofort zum Bergassessor ernannt. Als seine Mutter 1796 starb, konnte Alexander von Humboldt mit dem geerbten Vermögen endlich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und eine lange geplante Reise planen, auch wenn er sich nicht sofort entscheiden konnte, wohin ihn diese führen sollte. „Ich wollte mich noch besser auf die Reise vorbereiten; ich ging an die Universität Jena, um einen kompletten Kurs in Anatomie zu absolvieren. Ich veröffentlichte mein Werk über die Reizung der Nerven- und Muskelfasern in zwei Bänden, eine Schrift, die sich nicht allein mit dem Galvanismus befasst, sondern auch mit mehr als tausend Versuchen über Chemikalien, die mit den Organen in Kontakt gebracht worden waren.“ (AvH, S. 55) Humboldt hatte sich von den Arbeiten Galvanis inspirieren lassen. Bevor er sich für ein Ziel entschied, wollte Humboldt zunächst die Instrumente testen, die er für die verschiedenen Messungen, die er durchführen wollte, erworben hatte. Die besten Instrumente waren damals in Paris zu kaufen. Mit ihnen wollte Humboldt Standort- und Höhenbestimmungen vornehmen und den Druck, die Feuchtigkeit der Luft, den Siedepunkt des Wassers, den Kohlen- und Sauerstoffgehalt der Atmosphäre, den Erdmagnetismus, und mit dem Cyanometer die Intensität der blauen Himmelsfarbe bestimmen. Fernrohr, Kompass und Mikroskop gehörten selbstverständlich auch zu der Ausrüstung, ebenso wie Gläser für Bodenproben und Pflanzensamen, Papierbögen und zahlreiche Werkzeuge. Humboldt kaufte die modernsten Geräte Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 127 der Zeit, er wollte alles messen, was man seinerzeit mit Instrumenten erfassen konnte. Wichtig war, dass die Geräte unempfindlich waren gegen Hitze, Feuchtigkeit und Erschütterungen. Mit dem Thermometer würde er die Temperatur des später nach ihm benannten kalten Humboldtstroms vor der Westküste Südamerikas feststellen. Die Tüchtigkeit seiner Instrumente überprüfte Humboldt in den Alpen, ebenso in den Pyrenäen, maß alles, was sich mit seiner Ausrüstung bestimmen ließ und notierte die Ergebnisse. Da er wusste, dass er in den Tropen große physische Belastungen würde aushalten müssen, setzte er sich zur Abhärtung allen möglichen Witterungen und Unbequemlichkeiten aus. Auf seinen verschiedenen Reisen hatte Humboldt die Naturforscher Marc-Auguste Pictet und Déodat Guy de Dolomieu kennengelernt, in Wien den berühmten Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin. In Paris begegnete er zahlreichen weiteren Wissenschaftlern, so auch Louis Antoine de Bougainville und den Kapitän Nicolas Baudin, der ihn einlud, ihn auf einer erneuten Reise in die Südsee und bis zum Südpol zu begleiten. Die Reise kam jedoch wegen fehlender staatlicher Unterstützung nicht zustande. Humboldt machte sich daher über Marseille (er hatte gehofft, von dort nach Afrika übersetzen zu können, was sich zerschlug) nach Madrid auf. Aimé Bonpland, den er in Paris kennengelernt hatte, begleitete ihn. Er teilte Humboldts Interesse an der Naturforschung und seinen unbedingten Willen, eine Expeditionsreise zu unternehmen. In Madrid ging nun alles überraschend schnell. Der sächsische Botschafter, selbst ein ausgezeichneter Mineraloge, stellte eine Beziehung zum Wissenschaftsminister her, dieser ermöglichte eine Audienz beim König. Der spanische König ließ beiden Pässe ausstellen, die ihnen erlaubten, in die Kolonien in Südamerika einzureisen und sich dort frei zu bewegen. Von La Coruña ging es zunächst zu einem Zwischenstopp nach Teneriffa, wo Humboldt darauf bestand, den 3700 Meter hohen Gipfel des dortigen Vulkan Pico del Teide zu besteigen. „Vulkanismus nenne ich im allgemeinsten Sinne des Wortes, sei es auf der Erde oder auf ihrem Trabanten, dem Mond, die Reaktion, welche das Innere eines Planeten auf seine Rinde ausübt. Die Kenntnis der inneren Erdwärme wirft ein dämmerndes Licht auf die Urgeschichte unseres Planeten. Sie zeigt die Möglichkeit einstmaliger allverbreiteter tropischer Klimate als Folge offener, Wärme aus- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 128 strömender Klüfte in der neu erhärteten oxydierten Erdrinde. Sie erinnert an einen Zustand, in dem die Wärme des Luftkreises mehr von diesen Ausströmungen, von der Reaktion des Inneren gegen das Äußere, als von der Stellung des Planeten gegen die Sonne bedingt war.“ (AvH4, S. 20) In Neuandalusien, das heute Teil Venezuelas ist, gingen Humboldt und Bonpland an Land, ihre erste Station war Cumaná. „Ein Blick umfasst Heliconien (Hummerscheren oder auch Falsche Paradiesvogelblumen), hochgefiederte Palmen, Bambusgewächse, und über diesen Formen der Tropenwelt: Eichenwälder, Mespilus (Mispelbaum)-Arten und Dolden-Gewächse, wie in unserer deutschen Heimat; ein Blick umfasst das südliche Kreuz, die Magelhanischen Wolken (Zwerggalaxien nahe der Milchstraße) und die leitenden Sterne des Bären, die um den Nordpol kreisen. Dort öffnen der Erde Schoß und beide Hemisphären des Himmels den ganzen Reichtum ihrer Erscheinungen und verschiedenartigen Gebilde; dort sind die Klimate, wie die durch sie bestimmten Pflanzen-Zonen schichtenweise übereinander gelagert; dort sind die Gesetze abnehmender Wärme, dem aufmerksamen Beobachter verständlich, mit ewigen Zügen in die Felsenwände der Andenkette, am Abhang des Gebirges, eingegraben.“ (AvH4, S. 14) In Cumaná, wie später auch auf Kuba, beobachte Humboldt aber auch den von ihm verabscheuten Sklavenhandel und die Arbeit der Sklaven auf den Feldern. Humboldt2 wandte sich auch ganz grundsätzlich gegen den Kolonialismus. „Ohne Zweifel ist die Sklaverei das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt hat. Woher kommt dieser Mangel an Moral, woher diese Leiden, dieses Unbehagen, dem jeder empfindsame Mensch in den europäischen Kolonien ausgesetzt ist? Das rührt daher, dass die Idee der Kolonie selbst eine unmoralische Idee ist, diese Idee eines Landes, das einem anderen zu Abgaben verpflichtet ist, eines Landes, in dem man nur zu einem bestimmten Grad an Wohlstand gelangen soll, in welchem der Gewerbefleiß, die Aufklärung sich nur bis zu einem bestimmten Punkt ausbreiten dürfen. Denn jenseits dieser Grenze würde das Mutterland nach eingebürgerten Vorstellungen weniger gewinnen, jenseits dieser Mittelmäßigkeit würde sich eine zu starke, wirtschaftlich zu selbständige Kolonie unabhängig machen. Jede Kolonialregierung ist eine Regierung des Misstrauens.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 129 Das Klima der Tropen, die fruchtbare Landschaft, die prächtigen Farben der Pflanzen, eine ihnen bislang unbekannte, unendlich artenreiche Tierwelt überwältigten Humboldt und Bonpland. Sie wussten nicht, wie sie alles sammeln, ordnen und katalogisieren sollten. An seinen Bruder schrieb er: „Wie Narren laufen wir bis jetzt umher. In den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören. Aber schöner noch als diese Wunder im Einzelnen ist der Eindruck, den das Ganze dieser kraftvollen, üppigen und doch so leichten, erheiternden, milden Pflanzennatur macht.“ (Geier, S. 216) Humboldt suchte nicht wie Newton nach mathematisch begründbaren Gesetzen, um die Welt zu erklären, er war der Meinung, die Natur müsse zunächst genau beobachtet, erlebt und gefühlt werden. „Was ich physische Weltbeschreibung nenne (die vergleichende Erd- und Himmelskunde), macht keine Ansprüche auf den Rang einer rationellen Wissenschaft der Natur; es ist die denkende Betrachtung der durch Empirie gegebenen Erscheinungen als eines Naturganzen. Wie in jenen höheren Kreisen der Ideen und Gefühle, in dem Studium der Geschichte, der Philosophie und der Wohlredenheit, so ist auch in allen Teilen des Naturwissens der erste und erhabenste Zweck geistiger Tätigkeit ein innerer, nämlich das Auffinden von Naturgesetzen, die Ergründung ordnungsmäßiger Gliederung in den Gebilden, die Einsicht in den notwendigen Zusammenhang aller Veränderungen im Weltall.“ (AvH4 S. 24) Die weitere Reise ist hier nur kurz anzudeuten: die öde, fast unerträglich heiße Ebene der Llanos mussten sie durchqueren, um zum Rio Apure zu gelangen, auf dem sie zum unteren Orinoco vordringen wollten. (Abb. 9 Floß) Ihr Ziel war, zu beweisen, dass der Rio Casiquiare eine Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas bildete. Im Urwald erkannten sie den unerbittlichen Kampf stärkerer gegen schwächere Lebewesen im Kampf um das Überleben. Aber auch sie selbst waren häufig in großer Gefahr, mussten nachts Feuer um die Zelte herum brennen lassen, um Raubtiere abzuschrecken, und die in den Flüssen kaum bemerkbaren Krokodile schwammen häufig genug bedrohlich nahe an das Boot heran. Zurück in Cumaná, brachen sie nach drei Monaten, in denen sie ihre Sammlungen ordneten, nach Ku- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 130 ba auf. Dort erfuhren sie, dass Baudin nun doch reisen konnte und dass er in Lima Station machen würde. Der Entschluss war sofort gefasst, sie mussten ohne Zögern nach Lima aufbrechen, aber nach der Übersetzung von Kuba nach Cartagena nicht weiter auf dem bequemen Seeweg, sondern über die schwierig zu überquerenden Anden. Humboldt wollte auf dem Weg nicht nur weitere Naturbeobachtungen im Gebirge und in den Gebirgstälern vornehmen, sondern unbedingt den Chimborazo besteigen, den schneebedeckten Vulkan, südlich von Quito, im heutigen Ecuador. Friedrich Georg Weitsch: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo „Das spanische Kolonialreich in Lateinamerika bestand aus vier Vizekönigreichen und einigen autonomen Verwaltungseinheiten. Das Vizekönigreich Neugranada umfasste weite Gebiete des nördlichen Teils von Südamerika: mehr oder weniger die heutigen Territorien von Panama, Ecuador und Kolumbien sowie Teile von Nordwestbrasilien, Nordperu und Costa Rica.“ (Wulf2, S. 108) 4000 Kilometer waren zu Abb. 9: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 131 bewältigen, sie hatten nach ihren Berechnungen neun Monate Zeit, um mit Baudin in Lima zusammenzukommen. In Bogotá konnte Humboldt den berühmten Botaniker José Celestino Mutis kennenlernen, der über die größte Kenntnis der südamerikanischen Flora und eine entsprechende Sammlung verfügte. „Das zergliedernde und ordnende Denkvermögen tritt in seine Rechte ein; und wie die Bildung des Menschengeschlechts, so wächst gleichmäßig mit ihr, bei dem Anblick der Lebensfülle, welche durch die ganze Schöpfung fließt, der unaufhaltsame Trieb, tiefer in den ursächlichen Zusammenhang der Erscheinungen einzudringen. Das Messen und Auffinden numerischer Verhältnisse, die sorgfältigste Beobachtung des Einzelnen bereitet zu der höheren Kenntnis des Naturganzen und der Weltgesetze vor.“ (AvH4, S. 18) Humboldt hatte recht. Die genaue Beobachtung steht am Anfang einer wissenschaftlichen Untersuchung, erst danach kann man in tiefere Zusammenhänge vordringen. Er lebte in einer Zeit, in der man zwar die Bewegungen der Planeten berechnen konnte, aber in der Biologie und anderen Naturwissenschaften wurde noch makroskopisch beobachtet, das Mikroskop half nur dazu, ein Objekt ein wenig vergrößert darzustellen. Es würde noch lange dauern, bis Methoden und Geräte zur Verfügung stünden, um in die atomare Ebene vorzudringen, so dass die kleinsten Bausteine eines chemischen Elements untersucht werden konnten und man begann, das Genom als die vererbbare Information von Eigenschaften einer jeden Zelle eines Lebewesens, Pflanze oder Tier, das Rätsel des Lebens zu entschlüsseln. Auf ihrer sehr beschwerlichen Reise über die Anden dienten ihnen Maultiere als Reit- und Lasttiere, die auch Proviant, das Gepäck und alle Kisten mit den gesammelten Schätzen trugen. Auf schmalsten Pfaden, durch enge Schluchten, bei jedem Wetter, oft tagelangen Regengüssen mussten sie sich mit größter Vorsicht bewegen und sehr harte Bedingungen ertragen. „Unsere Stiefel faulten uns an den Beinen, und mit nackten und verletzten Füßen kamen wir in Cartago an, aber mit einer schönen Sammlung neuer Pflanzen bereichert, von denen ich viele Zeichnungen mitbringe.“ (AvH.2, S. 149) Humboldt ließ sich durch nichts beirren, er war im positivsten Sinn besessen von der Idee, soviel wie möglich von den Naturgegebenheiten aufzunehmen und zu untersuchen und dabei jede Strapaze zu ertragen. Schon damals hatte Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 132 er seiner Wirtin in den Alpen gesagt, „der ganze Kniff sei, sich nie etwas durchgehen zu lassen.“ (Kehlmann, S. 38) Endlich in Quito angelangt, erfuhren sie, dass Baudin nicht über Südamerika, sondern über das Kap der Guten Hoffnung nach Australien segeln wollte. Sie blieben fünf Monate in Quito, Humboldt bestieg mehrere Vulkane, aber als er über deren Rand in den Abgrund des Kraters blickte, erschrak er: „Ich glaube nicht, dass sich die Phantasie etwas Tristeres, Finstereres und Schrecklicheres vorstellen kann.“ (AvH2, S. 151) Das Ziel aber blieb der Chimborazo, zu dem sie nun aufbrachen. Auf 4750 m weigerten sich die Träger weiterzugehen, Humboldt und Bonpland und zwei Begleiter ließen sich dadurch nicht beirren und stiegen weiter auf. Unter schwierigsten Bedingungen und trotz beginnender Höhenkrankheit führte Humboldt weiterhin regelmäßige Messungen durch. Nur dadurch, dass sich der Nebel plötzlich lichtete, bemerkten sie, dass sie unmittelbar vor einer tiefen Gletscherspalte standen. Ein Tiefschneefeld, über das sie die Spalte hätten umgehen können, war in der Mittagssonne so aufgeweicht, dass an ein Betreten nicht zu denken war. Sie waren auf 5917 Meter Höhe aufgestiegen, es fehlten nur 300 Meter bis zum Erreichen des Gipfels. An seinen Bruder schrieb er: „(…) Auf unserer Rückkehr fiel so viel Schnee, dass wir Mühe hatten, uns zu erkennen. Weinig geschützt vor der Kälte, die diese hohen Regionen durchdringt, litten wir schrecklich, besonders aber ich, denn ich hatte die Unannehmlichkeit, von einem Sturz wenige Tage vorher einen wunden Fuß zu haben, der mich schrecklich behinderte auf einem Weg, wo man jeden Augenblick gegen einen spitzen Stein stieß und wo man jeden Schritt genau berechnen musste.“ (AvH2, S. 152) Die nächste Station war Lima, von wo es per Schiff nach Guayaquil ging und von dort nach Mexiko. Fast ein Jahr lang reisten und arbeiteten sie in Zentral-Mexiko, um botanische, geographische und anatomische Untersuchungen vorzunehmen. Von Havanna ging es dann über Washington, wo Humboldt mit Präsident Jefferson zusammentraf und auch hier die Sklaverei beklagte, zurück nach Europa. Mehrere Jahrzehnte war Humboldt nun damit beschäftigt, alle Sammlungen, seine botanischen, mineralogischen und zoologischen Schätze, die er in zahlreichen Kisten nach Hause mitgebracht hatte, zu einem gewaltigen publizistischen Werk zu verarbeiten. Er hatte sich ein gro- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 133 ßes Netzwerk wissenschaftlicher Beziehungen aufgebaut, kannte viele Forscher persönlich und hatte sich Zugang zu der gesamten wissenschaftlichen Literatur der Zeit verschafft. In Südamerika gibt es keinen Deutschen, der so berühmt ist wie Alexander von Humboldt. In Deutschland jedoch ist es sein Bruder Wilhelm, der den Schulen und Straßen einen Namen gibt. Wilhelm war der Staatstheoretiker, Politiker, Sprachforscher, Gründer der Berliner Universität und der Bildungsreformer, der dem Schul- und Universitätswesen eine neue Struktur und inhaltliche Ausrichtung gab. Wilhelm von Humboldt (1767–1835) Sammeln, messen, bestimmen, analysieren, vergleichen, katalogisieren – es war der Geist des Erkenntnisgewinns, der James Cook auf seine Weltreisen, Alexander von Humboldt nach Südamerika trieb, Wilhelm von Humboldt zum Sammler und Analytiker von Sprachen und Sprachforscher, Diderot zum Sammler alles Wissens machte. Diese „Entdecker“ werden stellvertretend für viele andere genannt, die ebenfalls im 18. Jahrhundert ähnlichen Forschungen nachgingen und Systematiken von Pflanzen und Tieren erstellten. Wilhelm von Humboldt soll jedoch nicht auf seine Arbeiten als Sprachforscher reduziert werden, er trat – ganz im Geist der Aufklärung – ebenso als Reformer des Ausbildungswesens und Gründer der Berliner Universität und auch als Anreger von Staatsreformen hervor und hatte in der großen Zeit der preußischen Neuordnung nach der Niederlage gegen Napoleon einen Plan für die Verfassung eines in der Zukunft geeinten Deutschlands, das eine konstitutionelle Monarchie sein sollte, entworfen. Dieses zukünftige Deutschland sollte eine Föderation sein, in der die jeweiligen Traditionen und Eigenheiten, die Individualität der Länder erhalten blieben. Nur bestimmte übergreifende politische Funktionen würden von den Teilstaaten an die Unionsregierung abgegeben werden. (Trabant, S. 21) Schon zuvor, 1792, hatte er unter dem Eindruck der Französischen Revolution und der chaotischen Zeiten danach einen Text mit dem Titel „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ veröffentlicht. Er war 1789 mit seinem früheren Lehrer Joachim Campe nach Paris gereist, um sich vor Ort einen Eindruck von den revolutionären Vorgängen zu machen. Mit der neuen Verfassung, die auf der amerika- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 134 nischen Erklärung der Menschenrechte beruhte, hatte die französische Nationalversammlung zunächst das absolutistische Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie, danach in eine Republik verwandelt. Humboldt war damals skeptisch, ob „ein völlig neues Staatsgebäude, nach bloßen Grundsätzen der Vernunft eingesetzt“, gefestigt genug sein könne, um auf Dauer „gedeihen“ zu können. Er meinte: „Staatsverfassungen lassen sich nicht auf Menschen wie Schösslinge auf Bäume pfropfen.“ Humboldt war überzeugt, dass ein Staat nur durch das Mitwirken der einzelnen Bürger erfolgreich sein könne: „Wenn also die Staatskunst sich meistens dahin beschränkt, volkreiche, wohlhabende, wie man zu sagen pflegt, blühende Länder hervorzubringen, so muss ihr die reine Theorie laut zurufen, dass freilich diese Dinge sehr schön und wünschenswert sind, dass sie aber von selbst entstehen, wenn man die Kraft und Energie der Menschen, und zwar durch Freiheit, erhöht.“ Humboldt führte weiter aus: „In vielen Fällen kann ein Land freilich schneller bevölkert, wohlhabend, ja sogar in gewissem Grad aufgeklärt werden, wenn die Regierung alles selbst tut, den Bürgern das von ihr anerkannte Gut aufdringt, als wenn sie dieselben den freilich langsameren, aber auch sicheren Weg der eigenen Ausbildung gehen lässt.“ Diesen Ansatz der staatlichen Vormundschaft lehnte Humboldt jedoch ab. Der Staat, so Humboldts Überzeugung, dürfe sich nur um das Notwendigste kümmern, und dieses Notwendigste sei nur die vom Staat zu garantierende Sicherheit. „Alles Übrige schafft sich der Mensch allein, jedes Gut erwirbt er allein, jedes Übel wehrt er ab, entweder einzeln oder in freiwilliger Gesellschaft vereint. Nur die Erhaltung der Sicherheit, da hier aus jedem Kampf immer neue entstehen würden, fordert eine letzte widerspruchslose Macht und, da dies der eigentliche Charakter eines Staates ist, nur diese eine Staatseinrichtung. Dehnt man die Wirksamkeit des Staates weiter aus, so schränkt man die Selbständigkeit auf eine nachteilige Weise ein, bringt Einförmigkeit hervor und schadet, mit einem Wort, der inneren Ausbildung des Menschen.“ (zitiert aus Scurla, S. 107) Die Zeit unter Friedrich Wilhelm II. konfrontierte Humboldt mit einer ganz anderen Wirklichkeit, als sie seinem Ideal vom Staat entsprach, es war der „Militär- und Beamtenstaat, welcher aus Menschen Maschinen macht und den Geist durch leere Geschäfte abstumpft, während er so viele Kräfte der wirklichen Arbeit entzieht.“ Humboldt Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 135 sah die ganze Nation in dieser Zeit moralisch und geistig heruntergebracht. Mit Schiller war er sich einig, dass die Humanisierung eines Volkes erst dann möglich sei, wenn es von Unterdrückung und materieller Not befreit sei. So hat Humboldt mit großem Interesse die Vorgänge der französischen Revolution beobachtet, zunächst mit Zustimmung. Aber als es im weiteren Verlauf zu der Schreckensherrschaft kam, schrieb er: „Ich bin überzeugt, dass etwas Gutes aus dem Chaos hervorgehen wird. Aber dass alles Gute so durch Blut wandern, jeder Übergang zum Besseren erst wieder das viel Schlechtere mit sich führen muss!“ Was gut war an der Französischen Revolution, das Erstreben der Freiheit, war auch Wilhelm von Humboldts Ideal. Aber zu seinem zutiefst humanistischen Denken gehörte auch die Hoffnung, dass der Fürst selbst die Freiheit gewährt, und zwar „als Erfüllung seiner ersten, unerlässlichen Pflicht.“ Seine Überlegungen zu den Aufgaben des Staates hatte Humboldt nicht nur aus der direkten Beobachtung der Vorgänge in Frankreich, sondern auch aus dem Studium der Antike, besonders des Griechentums entwickelt. Dass er aus seiner Bewunderung der antiken griechischen Literatur – Humboldt übersetzte Tragödien von Aischylos –, der Mythologie und der Werke der Bildhauer die Lebenswirklichkeit der Griechen idealistisch überhöhte, war ihm bewusst. Er erkannte: dass „wir offenbar das Altertum idealistischer ansehen, als es war.“ Humboldt hatte in seinem Haus, dem Schloss in Tegel, seine große Sammlung antiker Skulpturen und Reliefe aufgestellt und in dem größten Raum des Hauses einen Antikensaal eingerichtet, um dort die Gipse antiker Statuen zu präsentieren, die seine Frau Caroline und er sehr gezielt in Rom erworben hatten. Humboldt wollte sich mit den Darstellungen der „Grundbedingungen des menschlichen Lebens: Ehre, Würde, Vertrauen, Liebe“ umgeben. (v. Heinz, S. 196) (Abb. 10 Antikensaal) Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 136 Schloss Tegel, Antikensaal Während seiner Jenaer Jahre kam Humboldt mit Professoren der dortigen Universität, vor allem aber mit Schiller, später auch mit Goethe zusammen, es war die Zeit, die ihm erlaubte, im Gespräch mit Freunden seine Gedanken zu überprüfen und zu vertiefen. Als Schiller die Zeitschrift Horen gründete, holte er Humboldt, Karl Ludwig Woltmann, den dortigen Professor für Geschichte und Johann Gottlieb Fichte in den Viererrat, mit dem er Konzept, Ziel und Inhalt der Zeitschrift festlegte. Die Zeitschrift sollte das Neueste aus der Philosophie, Geschichtsforschung und Literatur vermitteln, sie sollte, so Schiller, die Leser durch Wahrheit und Schönheit bilden. Selbstverständlich wurde auch Goethe zu Mitarbeit und Autorenschaft eingeladen. Goethe und Schiller festigten ihre Freundschaft durch die gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift: „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut wie aufgehört hatte“, schrieb Goethe an Schiller und dieser zurück, dass seine schöpferische Begegnung mit Goethe „das wohltätigste Ereignis“ seines Lebens sei. Seine Mitwirkung an diesem Projekt gab Humboldt Abb. 10: Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 137 die Möglichkeit, die geisteswissenschaftlichen Strömungen der Zeit unmittelbar zu erleben und aufzunehmen. Bessere Voraussetzungen für die Entwicklung seines Denkens, seiner Bildung und seiner weiteren schriftstellerischen und politischen Tätigkeit hätten ihm nirgends sonst geboten werden können. Fichte war durch engagierte Empfehlung Goethes nach Jena berufen worden, auch wenn der Herzog Vorbehalte hatte, vor allem wegen Fichtes Schrift Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten. In seiner Religionslehre, der Anweisung zum seligen Leben veröffentlichte Fichte seine Gedanken zur Selbstbestimmung des Menschen. Der Mensch habe keinen Herren über sich, er folge allein dem Gesetz, das er sich als Vernunftwesen selbst gegeben habe. Fichte trug dazu bei, Kants Philosophie berühmt zu machen und war selbst bereits ein sehr angesehener Philosoph. Zu dem engeren Kreis der Freunde, die häufig Fichtes Vorlesungen besuchten, gehörten auch Alexander von Humboldt, Caroline von Beulwitz (geborene von Lengefeld, Schillers Schwägerin), ihr späterer Ehemann Wilhelm von Wolzogen, der Arzt Wilhelm Hufeland, der Anatom Justus Christian Loder, natürlich Wilhelm von Humboldts Ehefrau Caroline, der Lyriker Karl Ludwig von Knebel aus Weimar, Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland und viele andere. Ein bedeutenderes Netzwerk könnte man sich nicht vorstellen. Während der Zeit in Jena entstand eine lebenslange Freundschaft und tiefe Verbundenheit zwischen Humboldt, Goethe und Schiller. Humboldt war acht Jahre jünger als Schiller, achtzehn Jahre jünger als Goethe, so dass, auch wenn er in Vielem anregend für beide war, doch vor allem er über eine Weile von jenen aufnahm. Den Jüngeren zu fördern, sahen Goethe und Schiller als Verpflichtung an, Schiller schrieb: „So wohltätig es aber auch für jeden ist, der einen gewissen Gedankenreichtum mitzuteilen hat, so wohltätig, ja höchst notwendig ist es auch für ihn, von außen ins Spiel gesetzt zu werden und zu der scharfen Schneide seiner intellektuellen Kräfte einen Stoff zu bekommen.“ „Humboldts Weg nach Jena, zu Schiller und Goethe, war nicht zuletzt die Ausflucht eines hochbegabten und hochgelehrten jungen Mannes aus der Wirrnis der Zeit, aus der Gebrochenheit ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse, aus der deutschen Misere, wie dem ver- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 138 meintlichen Rückfall der Franzosen in die Barbarei. Es war die Flucht eines idealistischen Suchers in das Reich klassischer Dichtung und Menschenbildung. Der Geist des Griechentums schien ihm im Schaffen Schillers und Goethes eine Auferstehung zu feiern, wegweisend für die Menschenbildung, für die Erziehung des Menschen zu freiheitlicher Gestaltung des Lebens, zur Humanität.“ (Scurla, S. 144) Humboldt hätte nicht besser vorbereitet werden können, um später, nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt, an der Seite der Reformer im Kreis des Heinrich vom Stein energisch und zielbewusst gegen das Morsche und Überholte in Preußen zu kämpfen, jedenfalls solange es die Reaktion zuließ, der er sich schließlich doch hat beugen müssen. Wenn die Menschen der Aufforderung „habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen“ folgen sollten, müssten sie zunächst diesen Verstand ausbilden. Ein leistungsfähiges Erziehungssystem war die Voraussetzung, wenn freie Staatsbürger selbständig und eigenverantwortlich handeln sollten. Und Humboldt war auch hier mit Schiller einig, dass nur die Reform der Erziehung eine Veränderung der Verhältnisse zum Positiven bewirken könne. Dies war in der Zeit nach den gegen Napoleon verlorenen Schlachten, als Preußen am Abgrund stand, nicht einfach. Stein und Hardenberg hatten die nach ihnen benannten Reformen ausgearbeitet und teilweise umgesetzt, als die innerpreußische Restauration, die vom König selbst und vor allem von dem Land besitzenden Adel betrieben wurde, vieles wieder rückgängig machte. Dies war die Situation, als Wilhelm von Humboldt die Leitung der Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts übertragen wurde. Humboldts Hauptanliegen im Erziehungswesen war die Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für alle, so dass jeder seine individuellen Fähigkeiten entfalten könnte. Für die Entwicklung der Gesellschaft sei allein das freie Individuum – entsprechend seinen Möglichkeiten ausgebildet und erzogen – entscheidend, der Einfluss des Staates müsse soweit wie möglich zurückgedrängt werden. (L. Gall, S 65) Georg Heinrich Nicolovius, einer der engsten Vertrauten und Mitarbeiter Humboldts und sein Vorgänger in der Sektion des Kultus und Unterrichts, hatte sich mit den Auffassungen Johann Heinrich Pestalozzis, des berühmten Schweizerischen Pädagogen und Schulreformers, besonders mit denen zur Elementarschule beschäftigt und sich diese zu eigen gemacht. Dieser schrieb: „Es gibt gewisse Kenntnisse, Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 139 die allgemein sein müssen, und noch mehr eine Bildung der Gesinnung und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufes nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben sehr leicht geschieht, von einem zum andern überzugehen.“ Gemeinsam mit Nicolovius gestaltete Humboldt die Grundschulausbildung nach den Grundsätzen Pestalozzis, aber auch die weiterführende Ausbildung. Zu dem von ihm konzipierten dreistufigen Erziehungssystem gehörte das Gymnasium, das auf der Elementarschule aufbaute und auf die Universität vorbereitete. Die Reform der höheren Schule lag Humboldt besonders am Herzen, er ist der Schöpfer des humanistischen Gymnasiums. Wenn die Sprache nach Humboldts Worten als „Abdruck der Welt“ zu sehen ist, war es nach seinen eigenen Überzeugungen unverzichtbar, dass die Schüler eines humanistischen Gymnasiums Griechisch und Latein lernten, um sich auf diese Weise in die Welt der Antike einzudenken. Gleichberechtigt standen neben den alten Sprachen Mathematik, Geschichte und deutsche Literatur. Alles zusammen bildete die beste Vorbereitung für die Universität, eine Spezialschule (z. B. eine Fachschule für die landwirtschaftliche Ausbildung, auch die Bergakademie in Freiberg, an Alexander von Humboldt studiert hatte) oder das berufliche Leben. An der Universität schließlich, so seine dezidierte Meinung, müssten Forschung und Lehre eine Einheit bilden, den entsprechenden Freiraum müsse der Staat den Universitäten garantieren. Das Ideal, Menschen zu bilden, war in den Jahren in Jena zu Humboldts Bildungsprinzip gereift. Es ist nur folgerichtig, dass Humboldt mit der engagierten Unterstützung durch den Philosophen Fichte, den Theologen Schleiermacher und natürlich seinen Freund Nicolovius die Universität in Berlin gründete. Die Inhalte einer humanistischen Erziehung in den Schulen und an der Universität waren in Humboldts Denken sehr konkret geworden, so dass er, als er berufen wurde, das Bildungssystem in Preußen zu reformieren, bereit war und seine Ideen in kürzester Frist umsetzen konnte. Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 140 Humboldts Ansatz in der Sprachwissenschaft ging davon aus, dass sich der menschliche Gedanke als Sprache mitteilt und daher die Sprache Rückschlüsse auf das charakteristische Denken eines Sprachraums erlauben müsse: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedankens. Die intellektuelle Tätigkeit, durchaus geistig, durchaus innerlich und gewissermaßen spurlos vorrübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlich und wahrnehmbar für die Sinne.“ (WvH2, S. 321) Sprache ist Rede und damit Ausdruck des Gedankens in der Sprache des jeweiligen Landes. Diese landeseigenen, spezifischen Denk- und Ausdrucksformen wollte er erforschen. Und Sprache ist Einladung zum Gespräch, wie Humboldt sagt. In der Kommunikation ermöglicht sie ein Mitdenken. Diese theoretischen Überlegungen führten Humboldt zu dem systematischen Vergleich vieler verschiedener Sprachen, ihres Satzaufbaus, ihrer Poesie und Grammatik. Während sein Bruder in Südamerika eine riesige biologische Materialsammlung zusammenfügte, entdeckte Wilhelm von Humboldt in Spanien die baskische Sprache. „Da ich nun schon des Spanischen recht gut mächtig bin, Portugiesisch zulerne und auch das Altprovenzalische nicht versäume, das eigentlich die Muttersprache des neueren Italienischen, Französischen und Spanischen ist, so kann ich nunmehr diesen ganzen Stamm der südwestlichen Sprachen Europas übersehen und von ihnen aus Vergleichungen auch zwischen der Literatur und dem Nationalcharakter dieser Völker anstellen“ schreibt Humboldt an Schiller. Humboldt sah in der Sprache die „äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker.“ (WvH2, S. 312) Er plante, die baskische Sprache tiefer zu analysieren, führte diese Arbeit jedoch nicht zuende, da er sich in Rom mit den amerikanischen Sprachen beschäftigte, wozu ihm Alexander eine Sammlung von Wörterbüchern und Grammatiken mitgebracht hatte, als er 1804 nach Europa zurückkehrte. „Mein Sprachstudium treibe ich hartnäckiger als je. Der innere, geheimnisvoll-wunderbare Zusammenhang aller Sprachen, aber vor allem der hohe Genuss, mit jeder neuen Sprache in ein neues Gedanken- und Empfindungssystem einzugehen, ziehen mich unendlich an.“ Die Forschungsarbeit an den südamerikanischen Sprachen – Humboldt beschäftigte sich bis zu seinem Lebensende fortlaufend mit seinen Sprachstudien – konnte nicht so vollendet werden, wie Humboldt selbst erhofft hatte, da er keinen Zugang zu Texten dieser Länder hatte und keine Möglichkeit, die Spra- Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 141 chen zu hören. So wusste er nicht, wie sich die Dichter in ihren regionalen Sprachen ausdrückten. (Trabant, S. 66) Seine Sprachstudien, der Vergleich der Sprachen und das Studium der Nationalcharaktere, machten ihn zu einem Mitbegründer der vergleichenden und analytischen Sprachwissenschaften. Alexander von Humboldt, der sich nach dem Tod des Bruders mit dessen Sprachforschungen beschäftigte, schrieb über ihn: (…) „Er war derjenige, welcher die meisten Sprachen grammatikalisch studiert hatte; er war auch der, welcher den Zusammenhang aller Sprachformen und ihren Einfluss auf die geistige Bildung der Menschheit am tiefsten und sinnigsten ergründete.“ Die Welt erforschen, Wissen mitteilen 142

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References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.