Content

Vorgeschichte in Kürze; darin: der erste Schritt zu Englands Größe in:

Joachim-Friedrich Kapp

Die Gründung der Moderne, page 1 - 24

Die Welt im 18. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4484-1, ISBN online: 978-3-8288-7517-3, https://doi.org/10.5771/9783828875173-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 46

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Vorgeschichte in Kürze; darin: der erste Schritt zu Englands Größe Der König brauchte Geld. Englands Adel war zwar bereit, die Kriege seines Königs zu finanzieren, aber die Barone forderten Rechte, die ihnen schließlich mit der Magna Charta 1215 zugestanden wurden. Seitdem konnte der Monarch Steuern nur auf Beschluss des „allgemeinen Rats“, dem Vorläufer des Parlaments, erheben. So war England früher als jedes andere Land auf dem Weg zum Parlamentarismus, ein Absolutismus, wie auf dem Kontinent, würde sich dort nicht halten können. Karl I. wurde 1649 enthauptet, als er ohne Parlament, absolut, regieren wollte. Selbstbewusst hieß es: „Gott hat das Volk nicht für die Fürsten gemacht, vielmehr hat er die Fürsten für den Dienst an ihrem Volk und dessen Wohlfahrt gemacht.“ (Simms, S. 29) Dass sich England zudem gegen die katholische Kirche wandte, war zunächst nur ein persönlicher Konflikt zwischen König und Papst gewesen. Heinrich VIII. (1491–1547), ein treuer Katholik, brach mit Rom als der Papst der Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon nicht zustimmen wollte. Der König gründete um 1520 die protestantische anglikanische Kirche, war seitdem deren Oberhaupt und heiratete Anne Boleyn. Die Trennung von Rom, die Herrschaft des Königs über die Kirche, die Auflösung der Klöster und die Aneignung des Kirchenvermögens verbesserten die finanzielle Situation des Landes, ein sehr willkommener Nebeneffekt. Die Macht des Papstes und dessen Recht, Steuern zu erheben, Kirchenämter zu besetzen, und überhaupt der immense Reichtum der Kirche waren dem König schon länger ein Grund, an die Kirche anders als nur gehorsam gläubig zu denken. Im siebzehnten Jahrhundert wurden die alten Konflikte um die Religionszugehörigkeit und die Macht des Königs erneut ausgetragen. Jetzt ging die Opposition vor allem vom Unterhaus aus und dort von protestantischen Kräften (den Puritanern, Presbyterianern und Angli- 1 kanern). Selten in der Geschichte war die Sorge vor der Geburt eines männlichen Thronfolgers Grund für einen Aufstand gegen den regierenden König. In England aber fürchtete man, dass ein Sohn Jakobs II. den Katholizismus verfestigen würde. Der König war katholisch, in zweiter Ehe mit Maria von Modena katholisch verheiratet und versuchte außerdem absolutistisch ohne Parlament zu regieren. Die „glorreiche Revolution“ 1688/1689 beendete sein Regiment. Das war konsequent, und es wäre doch vollkommen unvorstellbar gewesen, dass die Bürger von einer seit langem eingehegten Königsmacht und dem etablierten Protestantismus calvinistischer Art, der ihr Denken und Handeln bestimmte, ablassen, sozusagen die Geschichte zurücknehmen würden. Sie, die Bürger, würden nicht wieder unterdrückt leben wollen. Ein weiterer Grund für diese Revolution war die in England mit Sorge verfolgte Expansionspolitik Ludwigs XIV., der durch seine fortwährenden Kriege auf dem Kontinent zu stark zu werden drohte und eine neue Gefahr für die innere Stabilität Englands darstellen könnte. Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, verheiratet mit seiner Cousine Maria, der protestantischen Tochter Jakobs II. aus erster Ehe, eingeladen durch eine Londoner Parlamentsverschwörung, übernahm durch einen Staatsstreich – unterstützt durch gewaltige Truppen der Niederlande (53 Kriegsschiffe, 40 Transportschiffe, fast 15 000 Mann Truppen) – die Macht und regierte nach der Krönung beider als Wilhelm III. gemeinsam und gleichberechtigt mit seiner Frau Maria II., nach deren Tod allein, als König über England, Schottland und Irland. England hatte sich nun unwiderruflich als ein protestantischer Machtfaktor im Norden Europas etabliert. An Bord desselben Schiffs, auf dem Wilhelm von Oranien von Holland nach London segelte, befand sich auch John Locke, der 1682 seinem Gönner Anthony Shaftesbury ins Exil nach Holland gefolgt war und nun sehr bald nach seiner Rückkehr eine Reihe von Büchern veröffentlichen konnte, in denen er Grundlagen zur Gewaltenteilung, der Staatsphilosophie überhaupt und der Religionsphilosophie legte und über die Toleranz schrieb, den richtigen Gebrauch des Verstandes und die Erziehung der Menschen. Die Legislative ist nach Locke die höchste Gewalt in einem Staat, auch oder gerade, weil sie vom Volk verliehen wird. Sie muss ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft wirksam werden. Sein Buch Second Treatise of Government aber hatte Vorgeschichte in Kürze 2 Locke bereits 1679 veröffentlicht. Locke hatte dort zwei Gewalten, die legislative Macht des Parlaments und die exekutive Macht des Königs, beschrieben. Die Rechtsprechung stellte für Locke keine eigene unabhängige Gewalt dar, sie als dritte unabhängige Gewalt zu beschreiben, war der Beitrag von Charles-Louis Montesquieu. Die „glorious revolution“ und die früheren Aufstände im 17. Jahrhundert, die das Parlament gestärkt hatten, waren der erste Schritt zu Englands Größe, d. h. auch zur Dominanz gegenüber Frankreich, denn indem der Parlamentarismus gestärkt wurde, gewannen die Bürger an Einfluss, Selbstbewusstsein und Initiative. In England gab es nun ein Machtgleichgewicht zwischen konstitutioneller Monarchie als Exekutive und republikanischem Parlament als Legislative, auch wenn noch für längere Zeit nicht alle Bürger ein Wahlrecht hatten. „Der König von England herrschte nicht mehr kraft königlichen Rechts, das allem überlegen war, sondern kraft eines Vertrags, den er mit seinem Volk eigegangen war.“ (Gaxotte, S. 271) Dieser Sieg des Parlaments war gleichzeitig der Sieg der Freiheit und des Protestantismus, verwirklicht durch Wilhelm von Oranien, der nun der moderne Held und Widerpart des im Orthodoxen verhafteten Ludwig XIV. war. Shaftesbury hatte bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts festgestellt: „Was uns Briten betrifft, wir haben, dem Himmel sei Dank, aus ererbter Tradition ein richtigeres Gefühl für Regierung. Wir haben den Begriff Volk und den der Verfassung; wir kennen den Aufbau der gesetzgebenden und den der Exekutivgewalt.“ (Hazard, S. 108, zitiert Shaftesbury). Der protestantische Glaube, speziell die calvinistische Glaubensrichtung, hatte Versprechungen, die die katholische Kirche nicht bot: zwar könne Gottes Gnade nicht auf Grund eigener Verdienste erworben werden, aber er würde doch die von ihm Auserwählten vor allen anderen – eigentlich erst im Jenseits, so Calvin – auszeichnen. Dies wurde aber doch so verstanden, dass es der Erfolgreiche, der Tüchtige sei, den Gott schon auf Erden sichtbar auserwählt und mit Erfolg belohnt habe. Jedermann konnte nun versuchen herauszufinden, ob er zu diesen Auserwählten gehörte. Calvins frohe Botschaft leistete einen Beitrag zu einer langsamen Veränderung der Gesellschaft, einer freiheitlichen Entwicklung, die schließlich in ein neues Wirtschaften, einen ausgeprägten Kapitalismus führte. Die Freiheit des englischen Volkes und die verbrieften Rechte der Bürger setzten, wie schon zuvor in den unabhän- Vorgeschichte in Kürze 3 gigen Niederlanden und später in Amerika zu beobachten, ungeheure Kräfte frei. Besonders wichtig für die ökonomische Entwicklung Englands war, dass sich das zuvor auf Ständeprivilegien gegründete Parlament mit der Zeit in ein Parlament des Bürgertums wandelte. (Kunisch, S. 111) Denn die Bürgerschaft nutzte ihre Freiheit und ihren Einfluss, eine Kaufmannsschaft zu werden. Die „glorious revolution“ setzte in England eine Dynamik frei, die während des achtzehnten Jahrhunderts wie selbstverständlich zu der erneut die Gesellschaft tiefgreifend verändernden industriellen Revolution führte. „Unter der Führung Wilhelms III. wurden sie (die Engländer, d. V.) zu Verbündeten der Handelsherren in Amsterdam, der deutschen Fürsten, des katholischen Spaniens, zu Verbündeten des Kaisers und des Papstes, zu Verbündeten wessen immer, um schließlich an die Spitze der antifranzösischen Liga zu treten. Die Gegnerschaft der beiden Nationen hielt über ein Jahrhundert an und reichte bis 1815, das heißt bis zum Sturz Napoleons, zur Vernichtung der französischen Flotte und dem Verlust des ersten französischen Kolonialreiches. (…) Der Einsatz, um den es dabei ging, war die Vorherrschaft in den Kolonien, auf den Meeren und im Handel.“ (Gaxotte, S. 273) Die Marine hatte für England immer schon im Vordergrund des Interesses gestanden, allein, um sich gegen Angriffe Frankreichs zur Wehr setzen zu können. England investierte in die Flotte, nicht so sehr in ein Heer auf dem Land. Ein stehendes Heer ist stets ein großer Kostenfaktor und bleibt oft längere Zeit ungenutzt, mit der Flotte hat man ein Instrument in der Hand, mit dem sich Handelswege kontrollieren lassen. Die Flotte trägt zum Wohlstand des Landes bei und wird auch im Frieden aktiv. Selbst wenn sie die Handelswege anderer Länder nicht stört, kann sie zumindest gegen die Piraterie eingesetzt werden. England als Inselstaat hat diese Bedingungen der Ausprägung von Herrschaft früh verstanden und konsequent eingesetzt. (Münkler, S. 59) Anders als die Staaten des Kontinents hatte Großbritannien keine Gegner auf der Insel, so dass es sich dort nicht verteidigen und zu diesem Zweck ein großes Herr vorhalten musste, es brauchte auch keine Armee, um sein Territorium etwa auf dem Landweg auszudehnen. So hatte es gegenüber allen anderen Ländern Europas den großen Vorteil, sich auf seine Ziele in Übersee, in Ost und West konzentrieren zu können. (Mahan, S. 29) Um 1710 hatte England eine Armee von 75 000, Frankreich von 350 000 Mann. Entscheidend für Englands Sicherheit und globale Überlegenheit aber war, Vorgeschichte in Kürze 4 dass Frankreich auf dem Kontinent nicht zu stark würde. Anders ausgedrückt: England musste immer wieder Frankreichs militärische Kräfte auf dem Kontinent binden (lassen) und durch Allianzen, auch finanzielle Unterstützungen, eingrenzen, wenn es dieses von möglichen Zielen auf See und in Übersee ablenken und dort schwächen wollte. (Kennedy, S. 165) Nach Wilhelms III. Tod (1702), übernahm Anne, die jüngere Schwester Marias, als letzte Königin aus dem Hause Stuart die Krone. Anne führte, wie alle ihre Vorgänger aus dem Hause Stuart seit 1603, die drei Länder in Personalunion, bis England und Schottland 1707 durch den act of union zum Königreich Großbritannien vereinigt wurden, dessen Herrscherin Anne bis zu ihrem Tod 1714 war. Sie regierte über Irland weiterhin in Personalunion. Zur Vereinigung mit Irland, der Zusammenführung des irischen mit dem Londoner Parlament, kam es erst im Jahr 1801 aus der Sorge vor einer Bedrohung durch Napoleon, nach dem irischen Aufstand von 1798 und dessen Unterstützung durch Frankreich. Ein immer wieder genutztes Einfallstor über Irland nach England sollte geschlossen werden. Unter dem Druck von Frankreich war Irland nun Teil von Großbritannien geworden, das von nun an das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland hieß. (Simms, S. 167) England hatte die Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche, der Revolutionen, des blutigen Bürgerkrieges, der wüsten politischen Kämpfe und nicht endenden politischen Morde im 17. Jahrhundert durchlebt, als es um Auseinandersetzungen in Glaubensfragen und die Einhegung absolutistischer Macht ging. Parlament kämpfte gegen Krone, Katholiken gegen Protestanten und innerhalb des Protestantismus rangen die Anglikaner, Presbyterianer, Puritaner und Dissenter um die Vorherrschaft ihrer Glaubensrichtung. In Frankreich kam es in dem Konflikt zwischen Monarchie, Kirche und Bürgerschaft erst 1789 und danach zu Ereignissen, die – auch wenn Geschichte sich eigentlich nicht wiederholt – in ihrem Geschehen nach dem gleichen Muster abliefen wie einhundertfünfzig Jahre zuvor in England. Dies ist zwar nur eine Eigentümlichkeit der Geschichte, jedoch ein Hinweis darauf, dass große gesellschaftliche Umwälzungen eine über Jahrzehnte anhaltende Instabilität bewirken, die zu strukturellen Experimenten mit dem Versprechen der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung im Staat führen: Revolution, Hinrichtung des Königs, Ausrufung der Republik, danach Vorgeschichte in Kürze 5 bald eine Militärdiktatur, Wiedereinsetzung des Königshauses, gefolgt von einer Zeit der Restauration, abgelöst von einer weiteren Revolution. (Tab. 1) Dass schließlich Brüder des jeweils hingerichteten Königs als Herrscher eingesetzt wurden, ist als eine kollektive Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ anzusehen, ein gesellschafts-psychologisches Phänomen, das Karl Marx so beschreibt: „Und wenn sie eben damit beschäftigt schienen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser eroberten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ Parallelität des Gesellschaftlichen Umsturzes in England und Frankreich Ereignis England Frankreich Revolution 1640 1789 Hinrichtung des Königs Karl I., 1649 Ludwig XVI., 1793 Ausrufung der Republik Regierung des Parlaments Nationalversammlung Militärdiktatur bzw. „der starke Mann“ Oliver Cromwell (1653) Napoleon Wiedereinsetzung des Königshauses Karl II., Bruder Karls I. Ludwig XVIII., Bruder Ludwigs XVI. Nachfolge Jakob II., Bruder beider Vorgänger (1685, Katholizismus, Absolutismus) Karl X., Bruder beider Vorgänger (1824, Restauration) Revolution Glorious revolution (1688) Juli-Revolution, les trois glorieuses (1830) Neue Regierung Wilhelm von Oranien Louis-Philippe von Orléans Tab. 1: Vorgeschichte in Kürze 6 Lagen etwa einhundertfünfzig Jahre zwischen den Revolutionen in England und Frankreich, so dauerte es – die Geschichte eilt nicht – von 1789 bis 1918 weitere 130 Jahre, bis Revolutionen in Russland, Deutschland und Österreich das gesamte Feudalsystem in diesen Ländern hinwegfegten. Auch dort hatte die Monarchie schließlich ihre Legitimität verloren, sie überlebte die Kriegsniederlage nicht. Selbst wenn 1649 und 1789 nicht mit den Gegebenheiten von 1918 vergleichbar sind, so ist es doch aufschlussreich, dass auch in Deutschland wegen der extremen gesellschaftlichen Verwerfungen nach dem Abdanken der Monarchie und der kurzen Phase einer fragilen Demokratie eine Diktatur folgte. Am Ende des 17. Jahrhunderts gab es keinen größeren Gegensatz zwischen zwei Ländern als den zwischen England und Frankreich. Hier das calvinistisch-protestantisch-anglikanische Land, dessen selbstbewusste Bürger sich ihre Rechte gegenüber der Monarchie gesichert hatten, dort das tief katholische Land, das nach den Erfolgen im dreißigjährigen Krieg die Blütezeit des Absolutismus erlebte, zu einer Hegemonialmacht auf dem Kontinent aufgestiegen war, jedoch die Bürger in Abhängigkeit hielt. Ich habe bereits angedeutet, welches Land besser auf die Zukunft vorbereitet war. Das „glorreiche“ Frankreich war nach dem dreißigjährigen Krieg die vorherrschende Macht auf dem europäischen Kontinent geworden und hatte seine Führungsposition gegen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation durchsetzen können. Kardinal Richelieu, Erster Minister Ludwigs XIII., hatte zu diesem Ziel gemeinsam mit dem protestantischen Schweden auf deutschem Boden gegen das katholische Habsburg kämpfen lassen. Am Ende war Europas Norden protestantisch, der Süden katholisch, Habsburg und der Papst geschwächt. Das nach außen so brillant und großartig scheinende Zeitalter des Absolutismus erreichte seinen Höhepunkt unter Ludwig XIV., der den Absolutismus in seiner reinsten Form, ganz nach den Vorstellungen von Thomas Hobbes (1588–1679), vorlebte. Hobbes hatte in seinem Werk Leviathan eine Staatstheorie formuliert, in der er die Übertragung aller Macht auf den Souverän fordert, der über den Parteien steht. Zwar sollte die freie Entfaltung des Individuums garantiert werden, der Mensch als Mensch frei, als Bürger aber Untertan sein. Der Leviathan ist für Hobbes „der sterbliche Gott, dem wir unter dem unsterblichen Vorgeschichte in Kürze 7 Gotte unseren Frieden und Schutz verdanken.“ Die Rechte der Menschen müssten auf den Souverän übertragen werden, der im Gegenzug als oberste Verpflichtung den Schutz der Bürger zu gewährleisten habe. Dies waren kluge, idealistische Gedanken. Wirklichkeit konnten sie nicht werden. Im Absolutismus lief alles auf den Monarchen zu, alle Gewalten – Legislative, Exekutive, Jurisdiktion – waren in Ludwigs XIV. Hand. Sein Hof bildete den Mittelpunkt der Herrschaft, hier wurden der größte Pomp, höfische Sitten und Zeremonien entfaltet. Die Etikette an Ludwigs Hof gab der Selbstdarstellung des Adels eine feste Form, nur mit ihr konnte die Aristokratie ihre Existenz am königlichen Hof mit allem, was ihrem Leben Sinn und Identität gab, aufrechterhalten. Die höfischen Sitten, Moden, aber auch Literatur und Musik galten dem kontinentalen Europa als vorbildlich und wurden eifrig kopiert. Ludwig XIV. war aber überzeugt und wollte auch in dieser Hinsicht Vorbild sein, dass der Anspruch des Herrschers auf unumschränkte Macht und die durch Geburt erlangte Stellung durch die Bereitschaft zu harter Arbeit und gründlichem Fleiß erfüllt werden müsse. Für sich selbst und für das Volk müsse der König nach Größe (grandeur) und Ruhm (gloire) streben, dies müsse das eigentliche Ziel seines Handelns sein. Zahlreiche kleinere Höfe, vor allem in Deutschland, nahmen sich Versailles zum Vorbild, ließen prächtige Barockschlösser errichten und lebten meist über ihre Verhältnisse, so auch Friedrich I. in Preußen. Dessen Sohn, Friedrich Wilhelm I., der zwar ebenfalls einen absoluten Herrschaftsanspruch hatte, hielt jedoch nichts von Prachtentfaltung und Verschwendung. Er verkaufte das königliche Silber und den Krönungsmantel seines Vaters, reduzierte das Hofpersonal, er gab dem Staat Struktur und eine wirkungsvolle Verwaltung, erwirtschaftete und hortete mit der Zeit einen beträchtlichen Staatsschatz und unterhielt ein großes, tüchtiges Heer, das doch zu Lebzeiten des Königs nie in einen Krieg geführt wurde. Friedrich Wilhelm I. lebte einen Absolutismus ohne Prunk und Leichtsinn vor. Adam Smith, der den damaligen Schuldenstand in fast allen europäischen Staaten beklagte, schrieb (S. 783): „Der regierende (Friedrich II.) und der verstorbene König (Friedrich Wilhelm I.) sollen angeblich die einzigen großen Herrscher in Europa gewesen sein, die seit dem Tode Heinrichs IV. von Frankreich im Jahre 1610 einen beachtlichen Staatsschatz angesammelt ha- Vorgeschichte in Kürze 8 ben.“ Ludwig XIV. aber ruinierte die Staatsfinanzen, seine Nachfolger konnten das Blatt nicht wenden. Ludwig XIV. wurde 1638 geboren, nach dem Tod seines Vaters im Alter von vier Jahren zum König gekrönt. Er stand jedoch bis 1661 unter der doppelten Vormundschaft seiner Mutter Anna Maria von Österreich (aus der spanischen Linie der Habsburger) und des Kardinals Mazarin (Giulio Mazarini). Unmittelbar nach Mazarins Tod übernahm Ludwig die Regierung, beanspruchte die absolute Macht gegen- über dem Adel und verweigerte ihm und dem Parlament jedes Mitspracherecht. Der König suchte Ruhm und Größe – daher seine Kriege; er hatte ein großes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation – daher seine Bauten, vor allem in Versailles und die von ihm geliebte und geförderte ungeheure Präsenz in den damaligen Medien (Burke). Ludwig förderte Kunst und Wissenschaften: Durch Molière, Racine, Corneille, La Fontaine, Madame de Lafayette und andere wurde die französische Sprache, deren hohe Form und Reinheit von der Académie Française überwacht wurde, zur Leitsprache in Europa. Die Akademie der Wissenschaften, die Ludwig 1666 gründete, verfügte über ein physikalisches Labor, die 1667 erbaute Sternwarte erlaubte in ihren Räumlichkeiten die Durchführung physikalischer und chemischer Experimente. (Tab. 7, S. 109) Es gelang, Physiker und Astronomen aus dem Ausland nach Paris zu holen. Ludwig förderte aber auch den Handel und handwerkliche Kunstfertigkeit: „Ganz unerträglich auf die Dauer war die Tatsache, dass die Venetianer Arbeiter hatten, die im Spiegelgießen geschickt und voller Kunstfertigkeit waren, während es dem König an solchen Arbeitern fehlte. Man versuchte sie zu werben, zur Ansiedlung in Frankreich zu bestimmen und gewann einige von ihnen um teures Geld für die königliche Manufaktur. Auf dieselbe Weise warb man in Lüttich Kupfergießer, in Spanien Hutmacher, in Italien Sticker, Spitzenmacher und Kunstarbeiter, holte aus Holland Papiermüller und Leinweber, aus Deutschland Schmelzer, Hüttenfachleute, Grubenarbeiter, Kunststecher und Goldarbeiter und sicherte sich Teerbrenner aus Skandinavien.“ (Gaxotte, S. 57) Ludwigs Glaube an die allein selig machende katholische Kirche führte ihn dazu, 1685 das Edikt von Nantes aufzuheben und die Hugenotten sehr schwer zu bedrängen. Viele verließen das Land und wurden wegen ihrer guten Ausbildung von den umliegenden Ländern be- Vorgeschichte in Kürze 9 gierig aufgenommen. Das calvinistische Arbeitsethos der protestantischen Flüchtlinge machte diese zu sehr gern gesehenen Bürgern in den Nachbarländern, in denen sie zu wirtschaftlichem Aufschwung beitrugen. Dort wurden sie aber auch zu Zentren einer Stimmung gegen Frankreich, während die im Lande verbliebenen Protestanten den Kern der Opposition gegen die Monarchie und die staatskirchliche Zwangskultur der Bourbonen bildeten. Frankreich wurde durch die feste Verbindung von Katholizismus und Absolutismus zu einem reaktionären Staat, die beginnende Aufklärung konnte sich gewissermaßen nur im Untergrund entwickeln. Nicht nur seine Frömmigkeit bewog Ludwig XIV. dazu, der katholischen Kirche eine Alleinstellungsposition einzuräumen, denn der absolute Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche, ihre Dogmatik und Inquisition, passten gut zu Ludwigs Staatsführung. Auch mag der König, dem die Kirchenspaltung in der Folge des dreißigjährigen Kriegs ein Greul und bedrohlich war, Sorge vor einer zu starken protestantischen, aufgeklärten Bürgerschaft im eigenen Land gehabt haben. Mit absoluter Macht und unterstützt durch die Kirche wollte er seinem Staat innere Sicherheit und seiner Krone Bestand garantieren und erreichte doch auf lange Sicht das Gegenteil. Denn beide zusammen, Kirche und weltliche Macht, führten das Land direkt auf die gro- ße Revolution 1789 zu. Es kam hinzu, dass das abschreckende Beispiel der Hugenottenverfolgung dazu führte, dass Ludwig XIV. die religiöse Spaltung in Europa förderte. Nur drei Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes kam es in England zur „Glorreichen Revolution“, durch die der Protestantismus gestärkt und der Absolutismus dort endgültig beseitigt wurde. Leibniz schrieb am 18. April 1692 an Bossuet: „Nunmehr stellt sich gleichsam der ganze Norden Europas dem Süden, der größte Teil der germanischen Völker den romanischen entgegen.“ Dies ist bis heute so geblieben, besonders deutlich erkennbar in der sehr unterschiedlichen Ordnungspolitik und wirtschaftspolitischen Strategie der nördlichen und südlichen Länder. Solange Ludwig XIV. erfolgreich war, oder jedenfalls die Bevölkerung darüber informiert wurde, dass er seine Kriege überragend siegreich abgeschlossen habe, störte sich niemand daran, dass sich in Versailles ein Paralleluniversum entwickelt hatte. Das Blatt wendete sich, Vorgeschichte in Kürze 10 als England, Holland und Habsburg schon während des Pfälzischen Krieges eine Allianz bildeten – Frankreich musste im Frieden von Rijswijk auf Lothringen verzichten und (das heutige) Luxemburg an Spanien zurückgeben – und ganz dramatisch, als Frankreich 1708 während des Spanischen Erbfolgekrieges am Abgrund stand. Der berühmte Colbert hatte über viele Jahre durch seine geschickte Finanz- und Handelspolitik immer wieder Gelder für Ludwigs Kriege bereitstellen können. Doch die wegen der Staatsschulden immer drückender auferlegten Steuern, die die Bevölkerung überforderten, von denen aber die privilegierten Schichten befreit waren, befeuerten den Unmut im Volk und stärkten oppositionelle Kräfte. Anders als England, das durch ein selbstbewusstes Bürgertum auf die Zukunft vorbereitet war, verharrte das französische Volk in einer durch das absolutistische Regime bedingten Abhängigkeit, ohne jede Mitwirkung an politischer Entscheidungsfindung. Die Zukunft wurde aber durch freie Bürger, weltweiten Handel, eine starke Flotte, solide Finanzen und Innovationen bestimmt. Auch der Besitz von Kolonien konnte sich zumindest vorrübergehend positiv auf die Erfolgsbilanz eines Staates auswirken. Frankreich versuchte sich zwar auf allen Feldern, England aber siegte. Ständig desolate Staatsfinanzen waren Frankreichs größte Schwäche. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte bereits 1664 gemahnt und gefordert: „Die Macht des Staates und der Glanz des Königtums bestehen darin, dass große Einnahmen große Ausgaben ermöglichen und dass zuletzt ein Überschuss an Geld verbleibt. Im selben Ausmaß, in dem wir das Bargeld vermehren, vermehren wir Macht, Größe und Reichtum des Staates.“ (zitiert aus Gaxotte, S. 54) Durch seine Kriege auf dem europäischen Kontinent stärkte Ludwig zwar die französische Stellung in Europa ein wenig, jedoch zerrüttete er durch diese und seine ausschweifende Lebensführung die Finanzen des Landes: 1667 und 1668 der Devolutionskrieg, mit dem Frankreich Teile der Spanischen Niederlande beanspruchte und erhielt; von 1672 bis 1679 der Holländische Krieg, in dem Ludwig XIV. zum ersten Mal seinem von nun an dauerhaften Gegner Wilhelm von Oranien gegenüberstand, 1683 und 1684 der Reunionskrieg, mit dem er Luxemburg gewann, von 1688 bis 1697 der verlustreiche Pfälzische Erbfolgekrieg und von 1701 bis 1714 der Spanische Erbfolgekrieg. Vorgeschichte in Kürze 11 Ludwigs Gegner war in allen Fällen eine Allianz verschiedener Staaten und immer das Deutsche Reich. Die Rivalität zwischen Frankreich (zunächst die Familie Valois, ab 1589 dann mit Heinrich IV. die Bourbonen) und Habsburg hatte schon mit dem Burgundischen Erbfolgekrieg (1477–1493) begonnen und sich vertieft, seit Karl V. Herzog der Burgundischen Niederlande wurde, 1516 die Herrschaft in Spanien und 1519 die Erbschaft über das Herzogtum Österreich übernommen hatte. Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, war auf dem Kontinent Herr über alle Gebiete, die Frankreich umgaben. Und so war schon der Dreißigjährige Krieg nicht allein ein Religionskrieg gewesen, sondern vor allem ein Krieg Frankreichs gegen die Vorherrschaft der Habsburger in Europa. Und Amerika, der Kontinent jenseits des Meeres? Nachdem Columbus sein „Indien“ entdeckt hatte, waren zunächst die Engländer gekommen und hatten die Ostküste von Süd nach Nord befahren, waren aber nicht geblieben. Sie würden später wiederkommen. Frankreich unterhielt seit dem späten 16. Jahrhundert Handelsbeziehungen mit den im Osten Kanadas lebenden Indianerstämmen der Huronen und den zu jener Zeit mit ihnen befreundeten Irokesen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden Québec und Montréal gegründet und hatten sich zum Umschlagplatz für den Handel mit Fellen, vor allem aber mit dem begehrten Biberpelz entwickelt. Die Franzosen blieben nicht allein, jetzt kamen auch die anderen europäischen Seefahrernationen in diesen riesigen, weiten, von Ureinwohnern bewohnten Kontinent, ließen sich nieder und errichteten feste Siedlungen, um von dort aus das Landesinnere zu erkunden und für den Pelzhandel zu bejagen. Zunehmend wuchs das Interesse der einzelnen Siedler, das von ihnen bewirtschaftete Land in Besitz zu nehmen. Die Spanier beschränkten sich bewusst auf Florida, denn ihr Interesse lag an den an Edelmetall reichen Gebieten Mittel- und Südamerikas. Frankreich dagegen kolonisierte den Norden und ein weites Gebiet westlich des Mississippi, das sie Louisiana nannten. Die französischen – ausschließlich katholischen – Siedler, nur katholische Siedler durften nach Amerika auswandern, hatten keine Möglichkeit, ihr koloniales Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. „Sie mussten die zentralistische Staatsorganisation, die feudalistische Gesellschaftsordnung und die Herrschaft der katho- Vorgeschichte in Kürze 12 lischen Kirche über das tägliche Leben mit nach Amerika nehmen. Lebensführung und Erziehung blieben der Aufsicht durch die katholische Kirche unterworfen.“ (Riege, S. 46) Ganz anders die auswandernden Engländer. Die Puritaner (Calvinisten) landeten 1620 auf Cape Cod, sie hatten England verlassen, da die anglikanische Kirche nach ihrer Auffassung zu viele römisch-katholische Elemente enthielt. Kongregationalisten und andere Separatisten hatten sich entschlossen auszuwandern, da sie ein unabhängiges Gemeindeleben führen wollten und aus diesem Grund als eine Bedrohung für die Staatskirche angesehen und verfolgt wurden. So landeten mit der Mayflower Protestanten, freie Bürger, die sich „als Missionare in ihrer Gemeinde verstanden und deren Ziel eine bessere Gesellschaft war.“ (Pelizaeus, S. 146) Im Mayflower Vertrag hatten sie ihre Form des Zusammenlebens schon während der Überfahrt festgelegt. Als sie in ihrer neuen Heimat ankamen, mussten sie sich nicht erst von einer herrschenden Klasse befreien. Es war alles neu und alles konnte neu entstehen. Tocqueville2 schreibt schon in seiner Einleitung zu seinem Werk Über die Demokratie in Amerika: „Von allem Neuen, das während meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, hat mich nichts so lebhaft beeindruckt wie die Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen. Alsbald wurde mir der erstaunliche Einfluss klar, den diese bedeutende Tatsache auf das Leben der Gesellschaft ausübt; sie gibt dem öffentlichen Geist eine bestimmte Richtung und den Gesetzen ein bestimmtes Wesen; sie gibt den Regierenden neue Grundsätze und den Regierten besondere Gewohnheiten.“ Als die Pilgrimfathers aus England auswanderten, nahmen sie neben ihrer puritanischen Glaubensrichtung zwei Überzeugungen mit: sie waren treue Anhänger des Königs, aber sie waren sich auch ihrer bürgerlichen Rechte gegenüber der Krone bewusst. Wir werden sehen, was aus diesem Rechtsbewusstsein erwuchs, mit tiefen Wirkungen auch zurück nach Europa. Die Siedler waren zwar ausgewandert, jedoch fühlten sie sich als Engländer, ausgestattet mit allen Rechten der Bürger im Heimatland, vor allem, wie sich noch genauer zeigen wird, vertrauend auf die „no taxation without representation“ – Vereinbarung zwischen König und Parlament. Vorgeschichte in Kürze 13 Alle hatten (oder nahmen sich) genug Platz in diesem riesigen Land, so dass die Menschen der verschiedenen Glaubensrichtungen nach Süden und Westen ziehen konnten und nach und nach Rhode Island, Connecticut und Pennsylvanien gründeten. In Maryland ließen sich vorwiegend Katholiken nieder. Auch Bürger anderer europäischer Länder kamen früh nach Amerika: Die Holländer gründeten Neu Amsterdam am Hudson Fluss, das die Engländer später New York nannten, Franzosen siedelten entlang dem Mississippi und westlich des Flusses. Deutschland, in hunderte kleine weltliche und kirchliche Fürstentümer unterteilt und integraler Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, war verwüstet und hatte mit der Überwindung der schrecklichen Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu tun. Der Protestantismus in Deutschland aber war von Schweden und paradoxerweise von dem katholischen Frankreich gerettet worden, das sich gegen das katholische Habsburg gewandt hatte, um es zu schwächen. Am Ende hatte der Papst großen Kirchenbesitz und Einfluss verloren, und vom Kaiser konnte – auch als eine Folge der Glaubensspaltung – keine starke Führung mehr ausgehen, denn die Rechte der Fürsten und ihre Souveränität waren mit dem Westfälischen Frieden erneut gestärkt worden. Der Kaiser musste zu allen wichtigen Entscheidungen die Zustimmung der Stände einholen. „Damit aber vorgesorgt sei, dass künftig in der politischen Ordnung keine Streitigkeiten entstehen, sollen alle und jede Kurfürsten, Fürsten und Stände des Römischen Reiches in ihren alten Rechten, Vorzügen, Freiheiten, Privilegien und der freien Ausübung der Landeshoheit sowohl in geistlichen als auch weltlichen Angelegenheiten, in ihren Gebieten, Regalien und deren aller Besitz kraft dieses Vertrages so befestigt und bestätigt sein, dass sie von niemandem jemals unter irgendeinem Vorwand tätlich gestört werden können oder dürfen.“ (Dickmann) Niemand sollte also die Rechte und Privilegien der Fürsten stören. Kein Land hatte das Recht, sich in die Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen. Aber: auch wenn Bündnisse gegen „Kaiser und Reich“ durch den Treueeid und weitere Paragraphen des Westfälischen Friedens ausgeschlossen waren, war die oben genannte Vertragsklausel geradezu eine Einladung an einen starken Fürsten, die Macht des Kaisers he- Vorgeschichte in Kürze 14 rauszufordern und in einem nur losen Reichsverband selbst eine Führungsrolle zu übernehmen, die sie gerne absolutistisch ausübten. „Die Fürsten waren die Repräsentanten der Reichsnation, doch seit dem Spätmittelalter betrieben sie eine eigene territoriale Staatsbildung gegen das Reich. Sie verhinderten auch, dass die politischen Partizipationsrechte auf weitere Schichten, z. B. das entwickelte Bürgertum, ausgedehnt wurden.“ (Dann, S. 63) Seit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs verlagerte sich der Schwerpunkt der Entscheidungsfindung von Wien in die großen Reichsstände, die jetzt selbst aktiv Politik betrieben: „Sah man von den Ländern des Kaisers in Wien ab, handelte es sich dabei um Staaten mittlerer Größe, unter denen Sachsen, Hannover, Brandenburg und Bayern als die wichtigsten zu nennen sind. Sie alle standen nun vor der Alternative, entweder Trabanten Österreichs oder einer anderen europäischen Großmacht zu werden oder durch Expansion über den prekären Status als Mächte mittlerer Größe hinauszuwachsen. Dass keine von ihnen die außenpolitische Oberhoheit des Reiches abgeschüttelt hatte, nur um sich anschließend dauerhaft an eine der europäischen Großmächte anzulehnen, verstand sich freilich von selbst.“ (Hanke2, S. 10) So kam es in einigen deutschen Herrscherhäusern zu großem Bedeutungszuwachs. Der Hohenzoller Kurfürst Friedrich III. rang dem Kaiser die Zusage ab, sich in Ostpreußen, einem Gebiet außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, 1701 in Königsberg zum König (Friedrich I.) krönen zu dürfen, zum König in Preußen wohlgemerkt. Dies war der Kompromiss und des Kaisers Dank für die militärische Unterstützung durch Brandenburg im Spanischen Erbfolgekrieg. August der Starke, der Wettiner Kurfürst in Dresden, konnte sich 1697 die Königswürde in Polen sichern, und der Welfe Georg August, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, wurde, da er ein protestantischer Urenkel Jakobs I. war, 1714 zum König Georg I. von Großbritannien gekrönt und führte das englische Königreich und das deutsche Kurfürstentum in Personalunion. (Tab. 5, S. 71) Bayerns Versuche, die Königswürde zu erringen, blieben dagegen im 18. Jahrhundert noch ohne Erfolg. Erst Napoleon verlieh dem Land diese Würde, ebenso wie er Sachsen zum Königreich erhob, das nach dem Tod König Augusts II. (1763) den polnischen Thron und den Titel nicht mehr besaß. Bei dieser Stärkung regionaler Fürsten war an die Vorgeschichte in Kürze 15 Entstehung eines Nationalstaats, der mit Frankreich und Großbritannien konkurrieren könnte, in jener Zeit nicht zu denken. Dazu trug auch das seinerzeit geltende merkantilistische System bei, das die einzelnen Fürstentümer verführte, in der Wirtschaftspolitik stets auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, den Rohstoffimport und den Fertigwarenexport zu fördern, das Gegenteil zu benachteiligen, Zölle als Regulativ zu nutzen. Fachkräfte wurden angeworben, deren Abwanderung behindert. Kulturell, in der Architektur, der Musik und der Literatur entstand an vielen Höfen ein reiches Leben. Schlösser und Kirchen erhielten großartige Freskenausstattungen, die Schlösser herrliche Decken- und Wandmalerei. Giovanni Battista Tiepolo schuf das Deckenfresko im Treppenaufgang der Würzburger Residenz, auf dem er sich selbst, den Architekten des Bauwerks, Balthasar Neumann, und den Stuckateur Antonio Giuseppe Bossi darstellte. (Abb. 1) „Die Stuck- und Freskenausstattung diente in den Kirchen, Klöstern und Schlössern zur Darstellung einer hierarchisch gestuften, Himmel und Erde umfassenden Weltordnung. Die Decken der Räume waren als Wolkenhimmel gebildet und von allerlei Gestalten bevölkert. Er gestattete dem Gläubigen in der Kirche einen Blick in die Sphären des christlichen Himmelreichs, dem Besucher und Bewohner der Schlösser und Stifte in denjenigen des antiken mythologischen Himmels oder der allegorisch dargestellten göttlichen Ideen, die der jeweiligen Herrschaft als ideelle Legitimation dienten.“ (Eschenburg, S. 83) Germaine de Staël schrieb später: „Diese Zerrissenheit Deutschlands aber, die seiner politischen Kraft verderblich war, war allen möglichen Versuchen, die Genie und Einbildungskraft wagen mochten, äußerst förderlich.“ (Staël, S. 56) Deutschland begann erst jetzt seine eigene Hochsprache zu entwickeln und war intellektuell – ganz anders als Frankreich – nicht ausgerichtet, gegen die kirchliche und feudale Obrigkeit zu argumentieren, sondern suchte in seiner Literatur das Ideal, das Gefühl und den Reichtum des Herzens. Vorgeschichte in Kürze 16 Tiepolo: Deckenfresko des Treppenhauses, Residenz Würzburg Die Republik der Vereinigten Niederlande war im 17. Jahrhundert eine starke, äußerst erfolgreiche Handelsnation geworden. Diese nördlichen sieben Provinzen, in denen sich der Calvinismus durchgesetzt hatte, kämpften seit 1568 gegen den orthodoxen Katholizismus Philipps II. von Spanien, um Religionsfreiheit zu erlangen. 1581 sagten sie sich von Spanien los, sie wollten protestantisch sein. Mit dem Westfälischen Frieden und dem Vertrag von Münster erhielten sie schließlich die Unabhängigkeit. Freiheit, die protestantische Religion und eine starke Bürgerschaft bestimmten die Zukunft. Die Republik besaß bald die größte Handelsflotte, erwirtschaftete bedeutende Einkünfte aus dem Warenexport, hatte den stärksten Kapitalmarkt der Welt, förderte Künste und Wissenschaften, und so erlebte das Land eine Blüte, die man das Goldene Zeitalter der Niederlande genannt hat. Die Niederlande fertigten Produkte aus importierten Rohstoffen und Halbfabrikaten und unterhielten einen blühenden innereuropäischen Handel mit Heringen aus der Nordsee, Getreide, Salz, Holz, Metallen und Wolltuch. Aus dem europäischen entwickelte sich ein Welthandel. Die Ostindienkompanie, über die der gesamte Außenhandel abgewickelt wurde, beschäftigte zeitweise 12 000 Personen. Amsterdam wurde zu dem internationalen Abb. 1: Vorgeschichte in Kürze 17 Stapelplatz für Waren aller Art, es war der Finanzplatz. Von dort aus konnte praktisch alles geliefert werden. Da die Niederländer keine europäischen Waren in Asien – vor allem in Indien und China – verkaufen konnten, denn an diesen bestand dort kein Interesse, mussten die Importe von dort mit Silber bezahlt werden, das aus dem Handel mit Spanien und Portugal erworben wurde. Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert auch die größten Waffenhändler, sie versorgten bevorzugt die protestantische Seite der kriegführenden Länder und stellten die erforderlichen Kredite zur Verfügung. Auf der anderen Seite verfügte das politisch liberale Land über eine einzigartige Verlags- und Druckereiindustrie. Hier wurden Manuskripte, Bücher und Flugschriften übersetzt und veröffentlicht, die anderswo auf dem Index standen. (Menzel, S. 605) Zum ersten Mal gab es in einem Land Europas religiöse und politische Toleranz, auch Pressefreiheit. Die Universität Leiden war bereits 1575 gegründet worden. Die reichen protestantischen Bürger der Niederlande förderten die Kunst, sie kauften jedoch keine traditionellen Werke mit kirchlichen Bildthemen mehr, sie wollten sich selbst, auch zum Nachweis ihres gesellschaftlichen Status, im Portrait dargestellt sehen. Seit dem 17. Jahrhundert war die Darstellung von Personen und deren Tätigkeiten ein Hauptthema der Malerei in den Niederlanden. Aber auch die Landschaftsmalerei spielte eine wichtige Rolle und nahm einen großen Aufschwung. Die Jahreszeiten wurden gemalt, reale und idealisierte, fantastische und romantische Landschaften, dramatische Gebirgsszenen, Motive aus anderen Ländern, alles wurde gemalt und gerne gekauft. Auf die Bewegung der Wolken am Himmel, Licht und Schatten wurde geachtet, Abbildungen von Menschen und Tieren in die Szene aufgenommen. Stillleben und Portraits fanden große Nachfrage, und Bilder, die ein wichtiges Geschehen, ein zeitgenössisches Ereignis, eine Schlacht zu Wasser oder zu Land, auch Geschichten aus den Testamenten, der Mythologie und der klassischen Literatur darstellten, waren sehr begehrt. Der Anspruch an die Künstler war, das Gefühl anzusprechen, Affekte und Leidenschaften auszudrücken. Oftmals wurde das Gefühl der dargestellten Person durch den Hintergrund verdeutlicht, so auch durch ein Bild an der Wand, das eine bestimmte Situation wiedergab: eine ruhige oder eine raue See, ein Schiff, das ruhig gleitet oder in Seenot gerät. (Haak, S. 65) In der Architektur bildete sich der Klassizismus in Vorgeschichte in Kürze 18 den Niederlanden bereits im 17. Jahrhundert aus, während anderswo der Barockstil noch vorherrschte. Das 17. Jahrhundert war ein goldenes Zeitalter für die Niederlande, aber Frankreich und vor allem England verwickelten das Land immer wieder in Kriege, die aus wirtschaftlichen Gründen geführt wurden. Beide Länder holten auf, in Europa und in Asien. So wie Holland Portugals Vormacht im Asienhandel gebrochen hatte, so drängten jetzt England und Frankreich Holland an die Seite, ebenso, wie später England dann mit Frankreich verfuhr. Als Wilhelm von Oranien 1688 nach England übersetzte, hätte Frankreich dies unbedingt verhindern müssen, wenn es ein Interesse daran gehabt hätte, eine Seemacht zu werden. Nur als Seemacht hätte Frankreich, das auf dem Kontinent stark war, eine Chance gehabt, gegen England um die Vorherrschaft in der Welt antreten zu können. Um Seemacht zu werden, wäre Holland der ideale Partner gewesen, mit dem Frankreich gemeinsame Sache hätte machen müssen. Ludwig XIV. hat diese Notwendigkeit nicht nur nicht erkannt, um seinen Einflussbereich nach Norden auszudehnen, bekriegte er den, der eigentlich sein Partner hätte sein müssen. „In Englands Interesse lag es, dass die Vereinigten Provinzen nicht von Frankreich niedergeworfen wurden, noch mehr aber musste es im Interesse Frankreichs liegen, sie nicht unter englischer Herrschaft zu sehen. England, das unabhängig vom Festland war, konnte auf der See mit Frankreich allein fertig werden; Frankreich aber, das durch seine Politik auf dem Festland gefesselt war, hatte keine Aussicht, England ohne einen Verbündeten die Seeherrschaft zu entrei- ßen. Diesen möglichen Verbündeten zu vernichten, war aber Ludwigs Absicht.“ (Mahan, S. 51) Gegen Frankreich und England konnte Holland die Spitzenposition in der Welt nicht halten. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs spielten die Niederlande in Europa und im weltweiten Handel nur noch eine zweitrangige Rolle, die Führung auf den Weltmeeren ging mit der Zeit an England über. Karl V. war Herr über viele Länder, auch über Spanien und die Niederlande gewesen. Als er sich von der politischen Bühne verabschiedete und ins Kloster ging, übergab er den österreichischen Besitz seinem jüngeren Bruder Ferdinand, Spanien und seine Länder seinem ältesten Sohn Philipp II. (1555). „Spanien besaß die reichen Landschaften, Me- Vorgeschichte in Kürze 19 xico und Peru, das Gold der neuen Welt und fast das ganze südliche Amerika“, so schreibt fast wehmütig zurückblickend Guillaume Raynal. Denn Spanien hatte sich im 17. Jahrhundert statt die Zukunft zu gestalten, eine eigene Wirtschaft aufzubauen und Handel zu treiben, sehr auf das aus Amerika importierte Gold und Silber verlassen und erlebte nun eine unaufhaltsame Schwächephase, die sich schließlich nach dem Spanischen Erbfolgekrieg manifestierte. „Der immense Reichtum der Spanier war nicht erwirtschaftet, sondern ging auf die Knochen der Zwangsarbeiter in Peru und Mexiko. Doch wie gewonnen so zerronnen. (…) Spanien ist der Hybris der Macht erlegen. Es wollte alles. Die Herrschaft über das Reich, die Zurückdrängung der Reformation und damit der Autonomie-Ansprüche der Fürsten, den Kampf gegen die Muslime, es wollte die wirtschaftlichen Zentren Europas in Oberitalien und den Niederlanden kontrollieren, wollte Landmacht und Seemacht sein und war doch nur der im kastilischen Kern arme Wolllieferant für die Textilindustrie Europas.“ (Menzel, S. 519) Philipp II., der 1571 die osmanische Flotte bei Lepanto vernichtet hatte, war der Anführer der Gegenreformation, bekämpfte die protestantischen Niederlande und schickte seine Armada auch gegen England. Deren Befehlshaber sollte im Krieg gegen England dessen protestantische Königin Elisabeth I., Tochter von Heinrich VIII. und Anne Boleyn, stürzen und ihre Flotte zerstören. Es kam anders. Francis Drake, der Freibeuter der Königin, dessen primäre Aufgabe es gewesen war, den Silbertransport von Südamerika nach Spanien zu behindern, vernichtete 1588 die spanische Armada und Spaniens englischen Traum. Die Armada war geschlagen, der Abstieg Spaniens zu ahnen. Am Ende des 17. Jahrhunderts verfügte Spanien über keine international bedeutende Handels- und Bankenstadt, es konnte keine Waren- und Geldströme kontrollieren und den Aufstieg Englands nicht verhindern. Aber der schwerwiegendste Fehler war der achtzigjährige Religionskrieg (1568 bis 1648) gegen die reichen Niederlande, der Spanien schon vor dem Erbfolgekrieg finanziell erschöpfte. Auch Polen hatte eine große Vergangenheit. Jagiello, Großfürst von Litauen und gewählter König von Polen, begründete nach der Zeit der Piasten eine neue Dynastie, unter der Litauen-Polen während des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts zu einer blühenden und einflussreichen Macht aufstieg, mit zeitweise der größten Ländermasse in Vorgeschichte in Kürze 20 Europa, weit nach Osten und Süden ausgedehnt. Der Westen und Südwesten der Rus (im Wesentlichen der Westteil der Ukraine) waren schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts an Polen-Litauen gekommen. Durch die Ehe mit Elisabeth von Habsburg (1454) erhielt der polnische König Ansprüche auf die Throne von Böhmen und Ungarn, die jedoch durch Erbschaftsverträge bald (1526) wieder an Habsburg zurückfielen. Das sechszehnte Jahrhundert galt als das „goldene Jahrhundert“ des großen Landes, kulturell gab es keinen wesentlichen Unterschied zum europäischen Westen. Krakau wurde als Sitz des Hofes und durch seine Universität natürliches Zentrum des Landes. Neben dem in der Wissenschaft (z. B. Kopernikus) gesprochenen Latein hatte sich aus der Volkssprache eine eigene polnische Literatursprache entwickelt. Unter den Jagiellonen galt zwar das freie Königswahlrecht, auf das der Adel besonders stolz war, es wurde aber nicht praktiziert. Als dann 1572 der letzte Herrscher aus dem Haus der Jagiellonen ohne männlichen Nachfolger verstarb, bestand der Adel auf das Recht der Königswahl als Zeichen der eigenen Würde und beschwor damit den Untergang des Landes. Denn das Wahlrecht wurde zum Ausgangspunkt nicht nur für Bestechung und Korruption, sondern auch für den Einfluss anderer Staaten und Fremdherrschaft. Es ging nicht mehr um das Bewahren eines starken Staates, sondern um die Wahrnehmung von Gruppeninteressen und die Selbstbedienung des Adels und seiner Familien. Der polnische Adel hatte „den Gedanken des Dienstes für den Staat, der im Westen als Kern des aufgeklärten Absolutismus aufkam, für sich verworfen.“ (Alexander, S. 106) Durch die im 17. Jahrhundert fortdauernden Kriege gegen Schweden, Russland und das Osmanische Reich verlor Polen im Norden Land an Schweden, im Norden und Osten an Russland, im Süden an das Osmanische Reich. Im 18. Jahrhundert wurde die innere Schwäche Polens auch eine Schwäche nach außen, das Land wurde zu einem Spielball von Russland, Habsburg und Sachsen, Frankreich und Preu- ßen, die immer wieder eingriffen und schließlich auch bestimmten, wer zum König gekrönt werden sollte. In der Wissenschaft führte der Blick in den Himmel und zum Apfelbaum im Garten zu bahnbrachenden Erkenntnissen. In der Dunkelheit der Nacht auf die Sterne in einem klaren, wolkenlosen Himmel zu schauen, hatte schon die Völker der Antike fragen lassen, was wohl Vorgeschichte in Kürze 21 dieses von ihnen beobachtete große Kunstwerk so unverändert hielt. Was hält die Planeten auf ihren Bahnen? Zunächst hatte man in den Sternen göttliche Wesen vermutet, die als beseelte Gestirne aus eigener Kraft ihre Bahnen zögen. Jeder der großen Denker hatte seine eigene Theorie zu den Sternen und ihren Bewegungen. Aber schon Aristarch von Samos konnte zeigen, dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht. Seleukos von Seleukia (Babylon) lehrte, dass sich die Erde um ihre eigene Achse und um die Sonne dreht und eine Kraft des Mondes Ebbe und Flut auf der Erde bewirkt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. schrieb Plutarch, dass der Mond nicht auf die Erde fiele, „weil er wie ein Stein in der Schleuder durch das kreisförmige Herumwirbeln am Fallen gehindert wird. Denn jedes Ding wird durch seine natürliche Bewegung davongetragen, solange es nicht durch etwas anderes abgelenkt wird.“ (Görgemanns) Kepler ging davon aus, dass die Sonne die Planeten mit einer bestimmten Anziehungskraft um sich herumführe. Aber, auch wenn er diesen Befund durch die richtige mathematische Formel beschrieb, verwarf er diese bald wieder, ja amüsierte sich darüber, so fehlerhaft gedacht zu haben. (Heuser) Damit überließ er Newton das Feld, der exakt dieselbe Formel wiederbelebte und mathematisch begründete. Newtons Erkenntnis war, dass ein und dieselbe Kraft das Fallen des Apfels und die Bewegung des Mondes bestimmen müsse. „Der Mond wird zur Erde hin angezogen und von der Schwerkraft beständig von seiner geradlinigen Bewegung abgelenkt und auf seiner tatsächlichen Bahn gehalten. Die Kraft, die die Himmelskörper in ihren Umlaufbahnen hält, ist bisher zentripetale Kraft genannt worden; aber nachdem es nun ganz klargemacht worden ist, dass es sich um keine andere als eine Kraft der Schwereanziehung handelt, wollen wir sie von nun an Gravitation nennen. Diese verhält sich proportional zu der Materie, welche die Planeten enthalten.“ (Newton). Der Mond verschwindet nicht im Weltall, weil die Erde ihn auf seiner Umlaufbahn hält. Newton zeigte, dass auch die Kometen mit ihren scheinbar erratischen Bahnen diesem Gesetz unterworfen sind. Was für Planeten und Kometen gilt, ist auch für die heutigen Satelliten richtig: Jeder Satellit, der auf seine Umlaufbahn geschickt wird und die Erde umkreist, bestätigt die Newtonschen Gesetze. Auch wenn Newton selbst streng gläubig dem Alten Testament anhing – Newton vereinte in sich an dieser Zeitenwende den Mystiker und Alchemisten ebenso wie den rigo- Vorgeschichte in Kürze 22 rosen Naturwissenschaftler, er hat mehr über theologische und auch alchemistische als über naturwissenschaftliche Themen publiziert – haben seine Befunde über die Gesetzmäßigkeiten in der Natur mit der Zeit Fragen nach der Rolle Gottes aufkommen lassen, wenn doch offenbar alles universell geltenden Gesetzen unterworfen ist. Newtons naturwissenschaftliches Werk belegte, dass sich der Kosmos aus eigener Kraft ordnet. Und so dachte man, göttliche Willkür könne es nicht mehr geben, ein Gott könne zwar als Schöpfer gedacht werden, als Lenker des Kosmos würde er nicht gebraucht. Kant3 hat dies so formuliert: „Wenn der Weltbau mit aller Ordnung und Schönheit nur eine Wirkung der ihren allgemeinen Bewegungsgesetzen überlassenen Materie ist, wenn die blinde Mechanik der Naturkräfte sich aus dem Chaos so herrlich zu entwickeln weiß und zu solcher Vollkommenheit von selbst gelangt, so ist der Beweis des göttlichen Urhebers, den man aus dem Anblicke der Schönheit des Weltgebäudes zieht, völlig entkräftet, die Natur ist sich selbst genugsam, die göttliche Regierung unnötig.“ Es war ein neues Weltbild entstanden, das Bild einer Welt, in der unveränderliche mathematisch-physikalische Gesetze wirken, nach denen sich die Erde im Weltall mit allen anderen Sternen und Planeten geordnet bewegt. Der strenge christliche Glaube verlor seine bindende Kraft, man zweifelte an einem göttlichen Plan, in den sich frühere Generationen fromm und furchtsam eingeordnet hatten. Newton selbst quälten solche an Gott zweifelnden Fragen nicht. Er, dessen Gesetze die Bewegung der Himmelskörper ebenso wie die des Pendels, die Gezeitenfolge ebenso wie die Form der Erde beschreiben und erfassen ließen, erhoffte sich wie Goethes Faust von der Alchemie weit mehr als von der Naturwissenschaft, nämlich die wirkliche Einsicht in das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, die „wirksamen Kräfte“, die „aktiven Prinzipien“, die „geistigen Bänder“. Es war der alchemistische Versuch, an der göttlichen Weisheit teilzuhaben. Newton war überzeugt: „Das alles ist so kunstreich, dass es nur durch die Weisheit und Intelligenz eines mächtigen und unsterblichen Wesens, das allgegenwärtig ist, bewirkt sein kann.“ Auf seine Zeit und das nachfolgende Jahrhundert jedoch hatten seine großen physikalischen Erkenntnisse, z. B. auch die Beschreibung der Zusammensetzung des weißen Lichts, womit er die Farbgebung des Regenbogens erklären konnte, auch die unabhängig von Leibniz und mit Vorgeschichte in Kürze 23 einem kleinen zeitlichen Vorsprung vor ihm beschriebene Infinitesimalrechnung eine ungeheure Wirkung, denn man begann zu erkennen, dass die Natur und das Wesen der Welt einfachen, unveränderlichen mathematischen Gesetzen gehorchen. „Die zunehmende Gewissheit, das unendliche und übermächtige Universum durch das Experiment und die autonome Vernunft begreifen zu können, seine Bahnen und Gesetze berechnen und damit die gesamte Natur beherrschen zu können, verhalf ihm (dem Menschen) zu einem grenzenlosen Selbstgefühl.“ (Kunisch, S. 16) Die wissenschaftliche Methodik änderte sich. Die neuen Methoden des Erkenntnisgewinns beruhten auf Untersuchungen, dem Experiment. Der Befund musste bewiesen werden, überprüfbar und zu bestätigen sein. Die Naturwissenschaft erhielt einen starken Impuls, aber es würde noch weitere zweihundertfünfzig Jahre dauern, bis das Rätsel des Lebens (die DNA) auf molekularer Ebene entschlüsselt werden würde. So war für das nun beginnende 18. Jahrhundert bestimmend, dass die konfessionelle Spaltung, grunderschütternde Erkenntnisse der Wissenschaften, sowie revolutionäre Schriften der Philosophen die alten Ordnungsvorstellungen in Europa stürzten. Ein durch seine Beiträge zum Wohlstand der Gesellschaft erstarktes, selbstbewusstes Bürgertum stellte zunehmend bislang gültige Prinzipien monarchischer und kirchlicher Obrigkeit in Frage und forderte Rechte, die ihre Pflichten aufwogen. Dies waren die Kräfte, die unterhalb der politischen Ebene in den Gedanken wirkten und große gesellschaftliche Veränderungen bewirken würden. Machtpolitisch hatten Schweden, Polen, die Niederlande den Zenit ihrer Möglichkeiten bereits überschritten, Spanien war stark geschwächt und finanziell überfordert. Frankreich versuchte weiterhin, seine Position auf dem Kontinent vor allem gegenüber Habsburg zu stärken, statt sich im Wettlauf um die Weltherrschaft strategisch gegen England zu richten, das zielgerichtet seine Macht auf den Meeren ausbaute. Die größeren Länder des Heiligen Römischen Reichs suchten nach Landund Machtgewinn, Russland drängte nach Westen und musste den Zugang zur Ostsee gewinnen, um am Welthandel teilzunehmen, das Osmanische Reich hatte vor Wien eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Aus den Ländern Asiens ragte China heraus, für das wirtschaftlich und kulturell ein blühendes Jahrhundert begann. Vorgeschichte in Kürze 24

Chapter Preview

References

Abstract

The 18th century marked the beginning of an age of innovation that continues to this day. At first glance, conflicts between old and the emergence of new powers as well as the beginning of a completely new, industrialized economy seem to be defining for this era. But preceding these, there were fundamental upheavals in art, culture, science and philosophy. It was this new way of thinking and feeling that enabled the emergence of modernity in the first place.

“Die Gründung der Moderne” therefore not only offers a comprehensive overview of an underestimated century, its events and effects on all the powers of an already interconnected world. Rather, Joachim-Friedrich Kapp brings an entire epoch and its outstanding minds to new life.

Zusammenfassung

Das 18. Jahrhundert markiert den Beginn eines bis heute andauernden Zeitalters der Innovation. Vordergründig scheinen Konflikte alter und das Entstehen neuer Mächte sowie das Aufkeimen einer neuen, industrialisierten Ökonomie prägend für diese Epoche zu sein. Dahinter aber stehen fundamentale Umwälzungen in Kunst, Kultur, Naturwissenschaft und Philosophie. Diese neue Art zu denken und zu fühlen ist es, die die Entstehung der Moderne überhaupt erst ermöglicht.

„Die Gründung der Moderne“ bietet daher nicht nur einen umfassenden Überblick über ein unterschätztes Jahrhundert, seine Ereignisse und Auswirkungen auf alle Mächte einer bereits vernetzten Welt. Vielmehr wird hier eine ganze Epoche samt ihrer herausragenden Köpfe zu neuem Leben erweckt.