2. Philosophie der Beobachtung in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 9 - 16

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-9

Tectum, Baden-Baden
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9 2. Philosophie der Beobachtung 2.1. Allgemeines Die Beobachtung als Methode der Erhebung und Format des Erkenntnisgewinns bedarf einer gleichermaßen fachspezifischen – der Sozialen Arbeit entsprechenden – wie philosophischen Verortung. Die Einbeziehung von Eindrücken und Wahrnehmungen als Quelle für den Schaffungsprozess wissenschaftlicher Entwicklungen darf nicht von den elementar-philosophischen Beiträgen für eine kritische Auseinandersetzung von Erlebtem und Wahrgenommenem ablenken, sondern muss vielmehr als Inspiration verstanden werden. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein konnte mit dem Tractatus logicopilosophicus7 dem 20. Jahrhundert die Grenzen des Sagbaren und gleichsam die Grenzen dieser Welt entgegenhalten. Mit äußerster Strenge in der Sprache tritt er in logischer Klarheit für die Grenzziehung von Sinn und Unsinn ein und befördert so die kritische Auseinandersetzung mit den Potentialen und ebenso Grenzen von Wahrnehmbarem. „Auf keine Weise kann aus dem Bestehen irgendeiner Sachlage auf das Bestehen einer von ihr gänzlich verschiedenen Sachlage geschlos- 7 Wittgenstein, Ludwig, Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung (Frankfurt am Main 2003); sen werden. […] Die Ereignisse der Zukunft können wir nicht aus den gegenwärtigen erschließen. […] Die Willensfreiheit besteht darin, dass zukünftige Handlungen jetzt nicht gewusst werden können. Nur dann könnten wir sie wissen, wenn die Kausalität eine innere Notwendigkeit wäre, wie die des logischen Schlusses.“8 Ableitend aus diesen Sätzen von Wittgenstein ist die Projektion von zukünftigen Ereignissen – egal wie häufig eine Erfahrung mit ähnlichen Beobachtungen gemacht wurde – unmöglich. Zukünftige Ereignisse können sich aus der gegenwärtigen Beobachtung nicht eindeutig erschließen, sondern sind somit stets Mutmaßungen. Die vollziehende Beobachtung kann also nur das Gegenwärtige beschreiben und innere Notwendigkeiten – also dem logischen Schluss folgend – benennen (unter Berücksichtigung der Sachlage). Wittgenstein hält dabei fest: „Einen Komplex wahrnehmen heißt wahrnehmen, dass sich seine Bestandteile so und so zu einander verhalten.“9 Dieser Komplex kann, nach Wittgenstein, somit einer Logik folgend in mehrfacher Weise als richtig und verschieden wahrgenommen werden. Zwei Antworten können für ein und dieselbe komplexe Beobachtung richtig sein, je nachdem wie sich die Bestandteile der Beobachtung aus der Perspektive in der Beobachtung verhalten. Diese Klarstellungen erweiternd, konstatiert der systematische Musikwissenschaftler Helmut Rösing: „Je mehr Dimensionen ein Wahrnehmungsangebot enthält, umso vielfältiger sind die Assoziations- und Verknüpfungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung der jeweils gegebenen intra- wie intersubjektiven Erfahrungsinventare. Oder, mehr metaphorisch gesagt, umso reichhaltiger wird die Bilderwelt der Klänge und 8 Wittgenstein, Ludwig, Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung (Frankfurt am Main 2003), S. 62f.; 9 Wittgenstein, Ludwig, Tractatus Logico-Philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung (Frankfurt am Main 2003), S. 86; 10 Philosophie der Beobachtung die Klangwelt der Sinne.“10 Ähnlich der Musik und dem Film sind auch reale Beobachtungen Wahrnehmungsangebote, die mit jeweiligen Assoziationen verknüpft werden und damit individuelle Interpretationen – wenn auch eventuell nur in feinen Nuancen – mit sich bringen. Somit wird der Logik der Wahrnehmung noch zusätzlich eine Ebene der Assoziation hinzugefügt, wobei beide Faktoren a priori auf die Beobachtung einwirken. Dieses Dilemma gelingt nur in einer kritischem Rationalismus entsprechenden Aufschlüsselung, wie der Philosoph Karl R. Popper zu argumentieren in der Lage war: „Wissenschaftliche Theorien sind nicht einfach Ergebnisse der Beobachtung. Sie sind in der Hauptsache Produkte der Mythenbildung und ihrer Überprüfung. Die Prüfungen erfolgen teilweise durch Beobachtungen, deshalb ist die Beobachtung auch sehr wichtig; aber sie spielt oft keine Rolle bei der Bildung von Theorien. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Theorien zu verwerfen, zu eliminieren und zu kritisieren; und sie fordert uns auf, neue Mythen zu schaffen, neue Theorien, die dieser Art von prüfender Beobachtung standhalten können. Nur wenn wir das verstehen, können wir verstehen, wie wichtig die Tradition für die Wissenschaft ist.“11 Popper folgend ist eine Beobachtung also nur dann zielführend in der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung, wenn vorhandene theoretische Konzepte einer Prüfung unterzogen werden. Die wissenschaftliche Beobachtung setzt also voraus, dass Mythen und Theorien bereits 10 Rösing, Helmut, Bilderwelt der Klänge – Klangwelt der Bilder. Beobachtung zur Konvergenz der Sinne; in: Helms, Phleps (Hg.), Clipped Differences (Bielefeld 2015), S. 22; 11 Popper, Karl R., Vermutungen und Widerlegungen: das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, herausgegeben von Herbert Keuth, 2. Aufl. (Tübingen 2009), S. 197; 11 Allgemeines im Raum stehen und den/die BeobachterIN in seiner/ihrer Neugier fordern. Insofern ist die Beobachtung eine elementare Werkzeugform, um vorhandene Hypothese und Theorien (Mythen) zu falsifizieren und damit zur Neubildung von entsprechenden Hypothese und Theorien (Mythen) beizutragen. Gerade hinsichtlich der Sozialen Arbeit ist sie eine elementare Zugangsform für soziale und kulturelle Aspekte des menschlichen Zusammenspiels. Jegliche Theorie – oder jegliches Konzept – kann in seiner scheinbaren Allgemeingültigkeit durch eine Beobachtung, die einen Widerspruch mit sich bringt, falsifiziert werden und eine Neuanpassung erforderlich machen. „Die kritische Einstellung kann man als den bewußten Versuch beschreiben, an Stelle unserer Person unsere Theorien, unsere Hypothesen, unsere Vermutungen, dem Kampf ums Dasein auszusetzen. Sie ermöglicht uns, die Ausmerzung einer unzulänglichen Hypothese zu überleben – während eine dogmatische Einstellung dazu führt, daß unser Hypothese dadurch ausgemerzt wird, daß wir, ihre Träger ausgemerzt werden. […] Auf diese Weise gelangen wir durch die Ausmerzung aller jener Theorien, die weniger tauglich sind, zur tauglichsten Theorie, die uns zugänglich ist.“12 Somit schließt die Beobachtung stets an einen Diskurs an, welcher unweigerlich den Philosophen Michel Foucault miteinschließt. Foucault prägt dabei den Begriff der Archäologie von Diskursen, der zufolge: „[…] der Diskurs nicht für die Gesamtheit der Dinge gehalten werden darf, die man sagt, und auch nicht für die Art und Weise, wie man sie sagt. Der Diskurs ist genauso in dem, was man nicht sagt, oder was sich in Gesten, Haltungen, Seinsweisen, Verhaltensschemata und Gestal- 12 Popper, Karl R., Vermutungen und Widerlegungen: das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, herausgegeben von Herbert Keuth, 2. Aufl. (Tübingen 2009), S. 78f.; 12 Philosophie der Beobachtung tungen von Räumen ausprägt. Der Diskurs ist die Gesamtheit erzwungener und erzwingender Bedeutungen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse durchziehen.“13 Diese Breite eines Diskurs-Verständnisses verdeutlicht die gleichsam notwendig zu denkende Breite eines Beobachtungsbegriffs und eine ebenso essentielle Funktionsfähigkeit gerade für die Soziale Arbeit. Denn: „Zum anderen glaube ich, dass man unter unterworfenem Wissen etwas anderes und, in gewissem Sinne, völlig anderes verstehen muss: eine ganze Reihe von Wissensarten, die nicht sachgerecht oder als unzureichend ausgearbeitet disqualifiziert wurden: naive, am unteren Ende der Hierarchie, unterhalb des erforderlichen Wissens- oder Wissenschaftlichkeitsniveaus rangierende Wissensarten. Und gerade über diese aus der Tiefe wieder auftauchenden Wissensarten, diese nicht qualifizierten, ja geradezu disqualifizierten Wissensarten (das Wissen der Psychiatrisierten, des Kranken, des Krankenwärters, das des Arztes – das jedoch parallel und marginal zum Wissen der Medizin besteht –, das Wissen der Delinquenten usw.), die ich als Wissen der Leute bezeichnen würde und die nicht zu verwechseln sind mit Allgemeinwissen oder gesundem Menschenverstand, sondern im Gegenteil ein besonderes, lokales, regionales Wissen, ein differentielles, von anderem Wissen stets unterschiedenes Wissen darstellen, das seine Stärke nur aus der Härte bezieht, mit dem es sich allem widersetzt, was es umgibt; über das Wiederauftauchen dieses Wissens also, dieses lokalen Wissens der Leute, dieser disqualifizierten Wissensarten, erfolgte die Kritik.“14 13 Foucault, Michel, Der Diskurs darf nicht gehalten werden für , in: Defert, Ewald, Lagrange (Hg.), Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Bd. 3, 1976–1979 (Frankfurt am Main 2003), S. 164; 14 Foucault, Michel, Dispositive der Macht: Über Sexualität, Wissen und Wahrheit (Berlin 1978), S. 60f.; 13 Allgemeines 2.2. Angewandtes „Die qualitative und kritisch emanzipatorische Sozialforschung folgt dem Verständnis einer qualitativen Methodologie, geht aber in ihrem kritischen und emanzipatorischen Standpunkt auch über sie hinaus. Sie fügt der qualitativen Methodologie die explizit definierte Perspektivität hinzu, genauer eine kritische emanzipatorische und damit partizipative Sicht. Die nichtaufhebbare Perspektivität in jeder Beobachtung wie jeder Äußerung wird im Sinne der konstruktivistischen Positionen qualitativer Sozialforschung bewusst reflektiert und zielgerichtet genutzt. Um ihrem Anspruch gerecht zu werden, muss sie Gegenstand und qualitative Methode so wählen, dass sie die emanzipatorische und partizipative Aneignung durch die Gesellschaft optimal bedienen.“15 Die vorhandene Spannung zwischen einem philosophischen Ideal und der Anwendung führt zur Konstruktion entsprechender Methodengebäude, welche in der Lage sind, die Umsetzungsmethode der Beobachtung möglich zu machen. Dies führt unweigerlich das Konzept der Grounded Theory ins Treffen: „[…] two important principles drawn from them are built into it. The first principle pertains to change. Since phenomena are not conceived of as static but as continually changing in response to evolving conditions, an important component of the method is to build change, through process, into the method. The second principle pertains to a clear stand on the issue of ‚determinism.‘ Strict determin- 15 Freikamp, Ulrike, Bewertungskriterien für eine qualitative und kritisch-emanzipatorische Sozialforschung, in: Freikamp, Leanza, Mende, Müller, Ullrich, Voß (Hg.), Kritik mit Methode? Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik (Berlin 2008), S. 217; 14 Philosophie der Beobachtung ism is rejected, as is nondeterminism. Actors are seen as having, though not always utilizing, the means of controlling their destinies by their responses to conditions. They are able to make choices according to their perceptions, which are often accurate, about the options they encounter. Both Pragmatism and Symbolic Interactionism share this stance. Thus, grounded theory seeks not only to uncover relevant conditions, but also to determine how the actors respond to changing conditions and to the consequences of their actions. It is the researcher’s responsibility to catch this interplay. This interactive approach is necessary whether the focus of a study is microscopic, say of workers’ interactions in a laboratory, or macroscopic, as in a study of the health industry or the AIDS policy arena.“16 Der/Die BeobachterIN mit einer Hypothese und Fragestellung im Gepäck unterliegt der Notwendigkeit, als AkteurIN vorhandene Bedingungen zu analysieren und gegebenenfalls durch Flexibilität auf die Situation zu reagieren. Oder dem Soziologen Fritz Schütze folgend: „Um ihre eigenen Handlungsbeiträge und Verstrickungen zu durchschauen, benötigt die Sozialarbeit neben der Supervision auch die Fundierung durch eine im Kern interdisziplinäre Grundlagen- und Anwendungssozialwissenschaft. Diese muß sowohl dazu befähigen, allgemeine Merkmale sozialer Prozesse in individuellen Einzelfällen und deren Besonderheit in allgemeinen Termini festzuhalten, als auch in der Lage zu sein, (historisch-situativ) singuläre und allgemeine Aussagen über kollektive Zustände sozialer Welten und Subwelten zu machen, in denen Betroffene leben.“17 16 Corbin, Juliet, Strauss, Anselm, Grounded Theory Research: Procedures, Canons, and Evaluative Criteria, in: Qualitative Sociology, Vol. 13, No. 1 (1990), S. 5; 17 Schütze, Fritz, Die Fallanalyse. Zur wissenschaftlichen Fundierung einer klassischen Methode der Sozialen Arbeit, in: Fiedler, Krüger (Hg.), Schütze, Sozialwissenschaftliche Prozessanalyse, Grundlagen der qualitativen Sozialforschung (Opladen, Berlin, Toronto 2016), S. 220; 15 Angewandtes Somit stellt Schütze klar, dass gerade die Soziale Arbeit als Handlungs-, aber eben auch als Wissenschaftsprofession in einer sozialwissenschaftlichen Tradition, aber gleichsam in – den eigenen Standards entsprechender – Verantwortung steht. Diese angesprochene Tradition kann leitend, sollte jedoch keinesfalls einschränkend wirken. Gerade das breite Wissenschaftsverständnis einer internationalen Scientific Community bietet einer unabhängigen und fundierten Sozialarbeitswissenschaft eine Vielzahl an potentiellen Verortungen für traditionelle Selbstverständnisse. Und diesem Selbstverständnis folgend, trägt die Beobachtung als Methode die eigentliche Chance in sich, soziale Prozesse fern einer individuellen oder kollektiven Artikulation (und damit einer Wortwerdung und folglich Wahrnehmung), zu erkennen und diese als Erkenntnis für die Wissensgewinnung zu nutzen. 16 Philosophie der Beobachtung

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References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.