10. Anhänge in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 87 - 102

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-87

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
87 10. Anhänge • Beobachtungspfad • Forschungsdesign Beobachtung • Gedankliches Situationsprotokoll (naive, teilnehmende, offene Beobachtung) • Gesprächsbeobachtung (Teilerhebung einer qualitativen Befragung) • Beobachtungsprotokoll (naive, teilnehmende, offene Beobachtung) • Beobachtungsprotokoll (systematische, teilnehmende, offene Beobachtung) • Auswertung nach der hermeneutischen Beobachtungsanalyse Die im Anhang befindlichen Dokumente stehen frei zur Nutzung und Vervielfältigung, ebenso können diese adaptiert und weiterverbreitet werden. Beobachtungspfad Leitfaden für die Planung einer Beobachtung Ei ge ne S ta nd or tk lä ru ng a) Wer beobachtet mit welcher Motivation und mit welchem persönlichen Hintergrund? b) Welche Perspektiven müssen/können/dürfen eingenommen werden? c) Warum wird beobachtet? Zu gä ng e a) naive Beobachtung • nachvollziehbar dokumentiert jedoch ergebnisoffen gestaltet. b) wissenschaftliche Beobachtung • Was ist der Inhalt der Beobachtung? • Wie sieht die Umsetzung der Beobachtung aus? • Wie wird die Beobachtung dokumentiert? • Welchen Einfluss hat der/die BeobachterIN im Forschungsprozess? 88 Anhänge Ve rla uf a) Wiederholung • Schaffung einer Chronologie: Die Beobachtung wird mehrfach wiederholt. b) Fokussierung • Konzentration auf die Einmaligkeit: Der Moment ist ausschlaggebend. An w en du ng a) Beobachtung • Die Beobachtung bildet die hauptsächliche Methode der Anwendung. b) Gesprächsbeobachtung • Die Beobachtung geschieht additiv, während eine andere Methode zur Anwendung gelangt. c) Beobachtungswahrnehmung • Die prä- oder post-momentane Beobachtung von audio-visuelle, sensorische und olfaktorische Wahrnehmungen. d) gedankliches Situationsprotokoll • Post-momentane Rekonstruktionen von Beobachtungen 89 Anhänge Kl as si fik at io n a) systematische (strukturierte) Beobachtung Erstellung von grob- bis feinteiligen Parametern. b) unsystematische (unstrukturierte) Beobachtung Wahrnehmung vorhandener Systeme durch Flexibilität und Freiheit in den Situationen. a) teilnehmende Beobachtung aktive oder passive Teilnahme im Beobachtungssetting. b) nicht-teilnehmende Beobachtung keine offenkundige Teilnahme an der vorhandenen Beobachtungssituation. a) offene Beobachtung für andere sichtbare Position in der Beobachtungssituation. b) verdeckte Beobachtung für andere unsichtbare Position in der Beobachtungssituation. a) standardisierte Beobachtung Definition von Standards, die eine absolute Vergleichbarkeit schaffen. b) nicht-standardisierte Beobachtung keine Standards der absoluten Vergleichbarkeit gegeben. 90 Anhänge Kr ite rie n de r B eo ba ch tr un g Wertfreiheit Respekt Datenschutz/Verschwiegenheit Verantwortung Nachvollziehbarkeit und Wahrheitstreue Transparenz 91 Anhänge Forschungsdesign Beobachtung 1. Themenstellung Fragestellungen Welche Hauptfrage steht im Zentrum? Welche Unterfragen spezifizieren die Hauptfrage? Hypothesen Welche Hypothesen ergeben sich aufgrund der Fragestellungen? 2. Eigene Verortung Themenstellung Eigene Bezüge zum Thema? Interessenlagen zum Thema? Persönliche Zumutbarkeit des Themas? Profession Vorhandene Zugänge in der Tätigkeit. Vorhandene Zugänge als Professionistin/Professionist. Fallzugänglichkeit Umsetzungspotentiale Welche Ressourcen (für Zeit, Personen, Budget etc.) stehen für die Erhebung zur Verfügung? ↪ ↪ ↪ ↪ ↪ ↪ 92 Anhänge 3. Methodenspezifikation der Beobachtung Zeitlicher Umsetzungsrahmen der Gesamterhebung. Benennung des Erhebungszwecks (in Korrelation mit den Fragestellungen). Festlegung der Beobachtungsmethode. Festlegung der Auswertungsmethode. 4. Erste Umsetzungsphase Erste Beobachtungsergebnisse werden bezogen auf ihren Gehalt betreffend den Erhebungszweck reflektiert: Liefern die erhobenen Beobachtungen Daten, die dem Erhebungszweck entsprechen? Dienen die Daten einer Antwortfindung der Fragestellungen? Ist die konzipierte Methode der Beobachtung in dieser Weise persönlich, praktisch und wissenschaftlich umsetzbar? Ist der Aufwand in der Umsetzung der Planung entsprechend (Zeit, Personen, Budget etc.)? Wenn alles den Erwartungen entspricht, wird die Erhebung fortgesetzt. Gibt es Änderungsbedarfe, zurück zu Punkt 3 für eine erneute Methodenspezifikation. ↪ ↪ ↪ ↪ ↪ ↪ 93 Anhänge 5. Zweite Umsetzungsphase (Erhebungsabschluss) Die Erhebungen können erfolgreich durchgeführt werden: Sind die erhobenen Daten in der Qualität den Anforderungen guter wissenschaftlicher Praxis (der Sozialen Arbeit) entsprechend? Können die Daten in einer Form verarbeitet werden, die keine Rückschlüsse auf Personen und Organisationen ermöglicht? Könnten weitere Detailerhebungen – falls notwendig – notwendige Fragen beantworten? 6. Anwendung der Auswertungsmethode Die Daten werden transparent ausgewertet. Das Datenmaterial wird den Anforderungen guter wissenschaftlicher Praxis (der Sozialen Arbeit) entsprechend archiviert. ↪ ↪ ↪ 94 Anhänge Auswertung nach der hermeneutischen Beobachtungsanalyse Der Analyse liegen zehn Beobachtungsprotokolle (systematische, teilnehmende, offene Beobachtung) einer Cocktailbar (jeweils 19:00 bis 20:00 an aufeinander folgenden Abenden) zugrunde, wobei die Themen Geschlechteraufteilung und das Trinkverhalten einer systematischen Erhebung unterzogen wurde. Abschließend wurde in den Protokollen Raum für offene Wahrnehmungen zur Verfügung gestellt. Die Beobachtungen (BP2–9) wurden achtmal wiederholend und fokussiert durchgeführt. Das erste Beobachtungsprotokoll (BP1) diente für eine räumliche Orientierung. Strukturierte Wahrnehmungspunkte: Geschlechteraufteilung (1) und Alkoholkonsum (2) Die in Midtown von New York City, Manhattan, befindliche Cocktailbar umfasst neben einem lang-gezogenen Tresen und davor befindlichen acht Hockern sieben niedrige Tische mit jeweils zwei Stühlen. Die einseitigen großflächigen Fenster reichen vom Boden bis zur Decke, wodurch das Lokal gut von außen einsehbar ist. In der unmittelbaren Nachbarschaft befinden sich Theaterhäuser und Kinos.55 Die Umgebung ist für das entsprechende Kulturangebot populär.56 Im Beobachtungszeitraum befanden sich sowohl Frauen als auch Männer im Etablissement, wobei Frauen nur selten alleine Platz nahmen, um auf jemanden zu warten. Meistens betraten Frauen die Bars in 55 Vgl. BP1; 56 Vgl. MTA.info, Midtown West (Theater District, Times Square, Central Park, Columbus Circle, Port Authority, Clinton), http://web.mta.info/maps/neighborhoods/mn/M10_midtown_west_2015.pdf (9/2019); 95 Anhänge Begleitung (nahezu gleich viele in weiblicher wie männlicher Begleitung) und wählten dabei ausschließlich die Tische.57 Dieses Erscheinungsphänomen ist nicht überraschend, gilt doch eine Bar als konzentrierter Raum öffentlicher Geselligkeit und wird damit einem öffentlichen Raum zugesprochen. Gerade die geschlechtliche Zuschreibungen von öffentlichen und privaten Räumen führt die in postmodernen Gesellschaften historische Segregationen einer Geschlechtertrennung vor Augen.58 Die eintreffenden Männer betraten die Bar sowohl in Begleitung als auch alleine.59 In weiblicher Begleitung wurden die Tische bevorzugt.60 Kamen männliche Gäste alleine oder in männlicher Begleitung, so wurde ausschließlich am Tresen Platz genommen.61 Die in männlicher Begleitung befindlichen Frauen tranken überwiegend Weine62, in weiblicher Begleitung hingegen Cocktails.63 Männer hingegen griffen unabhängig von ihrer Begleitung zu Bier, Wein oder Cocktails.64 Heino Stoever von der Universität Frankfurt stellte in seiner Veröffentlichung von Suchtarbeit fest: „Männliche Jugendliche und Erwachsene konsumieren Alkohol und illegale Suchtmittel häufiger, in grösseren Mengen und öffentlicher als weibliche Personen.“65 57 Vgl. BP2 Z. 5, BP3 Z. 4, BP4 Z. 7, BP5 Z. 4, BP6 Z. 6, BP7 Z. 5, BP8 Z. 7, BP9 Z. 4, 8, BP10 Z. 3, 4, 12; 58 Vgl. Ruhne, Renate, Raum Macht Geschlecht, Zur Soziologie eines Wirkungsgefüges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im öffentlichen Raum (Opladen 2003); 59 BP2 Z. 3, 5, 7, BP3 Z. 2, 3, BP4 Z. 6, 7, 9, BP5 Z. 2, 3, BP6 Z. 3, 6, 8, 12, BP7 Z. 2, 3, 4, 5, 7, 9, BP8 Z. 1, 5, 7, BP9 Z. 2, 7, 8, 9, 10, BP10 Z. 2, 3, 6, 13; 60 BP2 Z. 5, BP4 Z. 7, BP6 Z. 6, BP7 Z. 5, BP8 Z. 7, BP9 Z. 8, BP10 Z. 3; 61 BP2 Z. 3, 7, BP3 Z. 2, 3, BP4 Z. 6, 9, BP5 Z. 2, 3, BP6 Z. 3, 8, 12, BP7 Z. 2, 3, 4, 7, 9, BP8 Z. 1, 5, BP9 Z. 2, 7, 9, 10, BP10 Z. 2, 6, 13; 62 BP3 Z. 5, BP4 Z. 8, BP7 Z. 6, BP8 Z. 8, BP10 Z. 5, 14; 63 BP2 Z. 8, BP5 Z. 5, BP6 Z. 7, BP9 Z. 5, 11; 64 BP2 Z. 8, BP3 Z. 6, 8, BP4 Z. 8, 10, BP5 Z. 6, 8, BP6 Z. 4, 7, 9, 13, BP7 Z. 6, 10, 11, BP8 Z. 2, 6, 9, BP9 Z. 3, 4, 11, 12, BP10 Z. 4, 7, 8, 15, 16; 65 Stoever, Heino, Mann, Rausch, Sucht: Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten; in: Suchttherapie (2007), https://www.researchgate.net/publication/247476939; 96 Anhänge Niemand hat in dem angesprochenen Zeitrahmen ein anti-alkoholisches Getränk zu sich genommen.66 In der vorliegenden Untersuchung konnte bestätigt werden, dass der öffentliche Gesellschaftsraum in Form einer Bar in einem urbanen und liberalen Umfeld eine historische Segregation aufweist. Des Weiteren spielt der Konsum von Alkohol im geselligen Miteinander eine einflussnehmende und verbindende Rolle. 66 BP2–BP10; 97 Anhänge Gedankliches Situationsprotokoll - post-faktische, naive, teilnehmende, offene Beobachtung - Beobachtungsthemen: BeobachterIn: Datum: Zeitrahmen: Situative Rekonstruktion: Ort: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. Martin J. Gössl von 90 9398 Anhänge Gesprächsbeobachtung Begleiterhebung einer qualitativen Befragung Thema: BeobachterIn: Datum: Zeitrahmen: Situation: Ort: Beobachtung 1. 2. 3. 4. 5. 6. Gesprächsbeobachtungen (nach Min. der Aufzeichnung) Martin J. Gössl von 91 9399 Anhänge Beobachtungsprotokoll - naive, teilnehmende, offene Beobachtung - Thema: BeobachterIn: Datum: Zeitrahmen: Situationsfokus: Ort: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. Martin J. Gössl von 92 93100 Anhänge Beobachtungsprotokoll - systematische, teilnehmende, offene Beobachtung - Thema: BeobachterIn: Datum: Zeitrahmen: Situation: Ort: 1. Beobachtungsthema A: 2. 3. 4. 5. 6. Beobachtungsthema B: 7. 8. 9. 10. 11. 12. Beobachtungsthema C: 13. 14. 15. 16. 17. 18. Offene Wahrnehmung: 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. Martin J. Gössl von 93 93 101 Anhänge

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References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.