8. Die Beobachtung in der Praxis in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 69 - 80

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-69

Tectum, Baden-Baden
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69 8. Die Beobachtung in der Praxis Die Beobachtung als Methode wissenschaftlichen Arbeitens ermöglicht erst durch entsprechend genaue Planung, Umsetzung und Dokumentation fruchtbringende als auch glaubwürdige Ergebnisse. Dieser Aufwand für eine Genauigkeit im Ablauf der Beobachtung ist in der Praxis der Sozialen Arbeit nicht – oder nur selten – gegeben. Einerseits treffen im Alltäglichen unzählige Handlungserfordernisse aufeinander, die SozialarbeiterINNEN in mehrfacher Weise beschäftigen müssen, andererseits ist der Druck in der Arbeit mit Klientinnen und Klienten stets steigend. Somit ist in vielerlei Hinsicht die Beobachtung als wissenschaftliche Methode zwar vorbildlich, aber im praktischen Tun nur beschränkt umsetzbar. Die Grundlagen der Beobachtung und die daraus ableitenden Maßstäbe sind jedoch maßgeblich und daher auch in der praktischen Beobachtung als Handlungsweise zu beachten. Die praktische Beobachtung kann sich dabei auf die Signifikanz beschränken, die sowohl in der Kürze eines Beobachtungszeitraumes als auch unter erschwerten Umständen der Durchführung nachvollziehbar als auch umsetzbar erscheinen. 8.1. Klarheit Die stattfindende Beobachtung wird bewusst – als willentlicher Akt – vorgenommen. Die sich ereignende beziehungsweise vollziehende Situation wird als ein Beobachtungsmoment für sich selbst beziehungsweise für andere kenntlich gemacht. Die Klarheit bedeutet auch, dass die Sequenz (Zeit, Ort, Personen etc.) der Beobachtung den Maßgaben entsprechend eingeschränkt wird. Die praktische Beobachtung geschieht gleichsam in einem Auftragsrahmen, also es liegt eine Notwendigkeit der Beobachtung vor. Diese Notwendigkeit ist maßgebend für die Sequenz in Dauer und Umfang. Denn diese Klarheit beinhaltet ebenso das Faktum, dass die Beobachtung Grenzen einer Aufmerksamkeit unterliegen und somit nicht beliebig weitreichend und beliebig lang andauernd verlaufen kann. In der praktischen Beobachtung als Handlungserfordernis ist es ausschlaggebend für die Qualität der Beobachtung, den situativen Emotionen ein möglichst starkes Moment der Beweisführung entgegenzuhalten. Dies bedeutet, klare Formen, Personen und Situationen der Beobachtungen zu benennen, die eine sachliche Rekonstruktion der Geschehnisse ermöglichen. Dabei kann eine Abfolge von Situationen als auch eine Differenzierung von Handlungsweise der Personen elementar wichtig sein. Diese Abfolgen können durch emotionale und/oder sensorische Eindrücke Erweiterung, aber gleichsam Unschärfe erfahren. 8.2. Nachvollziehbarkeit Die praktischen Beobachtungen benötigen eine nachvollziehbare Rekonstruktionsfähigkeit, also Personen, Situationen oder Organisati- 70 Die Beobachtung in der Praxis onen sollen dem Beobachtungszwecks entsprechend, nachvollziehbar bleiben. Diese Nachvollziehbarkeit bezieht sich zumindest auf zeitliche und räumliche Dimensionen. Je nach Zweck der praktischen Beobachtungen können diese und weitere Kategorien geschaffen werden, wobei jeweils die Rekonstruktion – also eine protokollarische Wiedergabe der Situation – leitend sein sollte. Diese grundlegende Ordnung einer Beobachtung – also eine praktisch-methodische Sortierung der Momente – kann eben weiterführende Kategorien aufweisen, wenn diese eine nachvollziehbare Strukturbildung ermöglichen. Ähnlich der wissenschaftlich-methodischen Beobachtung ist es, unerkennbare, unkenntliche und unverstandene Beobachtungen als solche zu benennen und diese keiner mutmaßlichen Interpretation zu unterziehen. Die Nachvollziehbarkeit durch Dritte impliziert gleichsam eine Rekonstruktion dieser Momente und damit folgend entsprechende Ableitungen von Interventionen, Maßnahmen oder Konsequenzen. 8.3. Dokumentation Die Besonderheiten von praktischen Beobachtungen umfassen einerseits eine Spontanität des Moments wie auch eine Komplexität von Situationen und andererseits zeitlichen Druck sowie Handlungsnotwendigkeiten in den stattfindenden Momenten. In diesem Konglomerat der Anforderungen an den/die SozialarbeiterIN fehlen oftmals die Ressourcen, an entsprechende Dokumentationen zu denken. Zusätzlich sind – gerne vielseitige – Dokumentationsverpflichtungen in der fachlichen Tätigkeit gegeben, die zumeist Parametern einer Organisation entsprechen und nicht immer dem Handlungsverständnis der agierenden Fachkraft. In der praktischen Beobachtung kann daher die Dokumentation in unterschiedlicher Weise – ähnlich der wissenschaftlichen Beobach- 71 Dokumentation tung – gestaltet werden und neben der im Moment stattfindenden Notiz gleichsam ein Schriftstück in post-momentaner Weise protokolliert werden. Natürlich sind ebenso Audioaufzeichnungen möglich, die direkt im Anschluss einer Situation entstehen können. Wichtig ist, bereits in der Dokumentation die Klarheit und Nachvollziehbarkeit vor Augen zu halten. Ebenso unerlässlich für die Wahrung von Mindeststandards des Datenschutzes ist es, erstellte Dokumentationen: • zu anonymisieren, wenn persönliche Daten als irrelevant anzunehmen sind. • zu sichern und somit vor unerlaubten Zugriffen zu schützen. • zu vernichten, wenn es für den Erhalt der erhobenen Daten keine Notwendigkeit mehr gibt. 8.4. Umgang mit Beobachtungsdaten Dokumentationen umfassen Notizen sowie erstellte Protokolle, also jegliche Form der Verschriftlichung und Digitalisierung von Beobachtungen. Sollten die praktischen Beobachtungen einem beruflichen Zweck dienen, so sind folgende Kriterien ausschlaggebend: • Dem beruflichen Zweck dienliche Beobachtungen sind für die Organisationen erstellte Dokumente, die idealerweise vorgegebenen Mustern entsprechen und anhand interner Prozesse zu verwalten sind. Die Speicherung und Vernichtung geschieht nach formulierten Kriterien, denen zu entsprechen ist. Eine private Dokumentation ist hierbei unzulässig. • Dem beruflichen Zweck dienliche Beobachtungen, aber der privaten Aufbewahrung überlassene Dokumentationen sollten den genannten Standards – und in Absprache mit der Organisation – 72 Die Beobachtung in der Praxis entsprechend verarbeitet, gespeichert beziehungsweise gelöscht werden. Die privaten Dokumentationen sollten gelöscht werden, wenn es für die Aufbewahrung der erhobenen Daten keine Notwendigkeit mehr gibt. • Dem ehrenamtlichen Zweck oder der Selbstständigkeit dienliche Beobachtungen unterliegen den genannten Mindeststandards. Hierbei ist es unerlässlich, entsprechende Standards zu beachten. Die Richtlinie für die Verarbeitung personenbezogener Daten der Europäischen Union nennt spezifisch – gleichsam bezogen auf Beobachtungen – relevante Definition und Kriterien: „1. ‚personenbezogene Daten‘ alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person (im Folgenden ‚betroffene Person‘) beziehen; als identifizierbar wird eine natürliche Person angesehen, die direkt oder indirekt, insbesondere mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, zu einer Kennnummer, zu Standortdaten, zu einer Online-Kennung oder zu einem oder mehreren besonderen Merkmalen, die Ausdruck der physischen, physiologischen, genetischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Identität dieser natürlichen Person sind, identifiziert werden kann; 2. ‚Verarbeitung‘ jeden mit oder ohne Hilfe automatisierter Verfahren ausgeführten Vorgang oder jede solche Vorgangsreihe im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten wie das Erheben, das Erfassen, die Organisation, das Ordnen, die Speicherung, die Anpassung oder Veränderung, das Auslesen, das Abfragen, die Verwendung, die Offenlegung durch Übermittlung, Verbreitung oder eine andere Form der Bereitstellung, den Abgleich oder die Verknüpfung, die Einschränkung, das Löschen oder die Vernichtung; 73 Umgang mit Beobachtungsdaten […] 6. ‚Dateisystem‘ jede strukturierte Sammlung personenbezogener Daten, die nach bestimmten Kriterien zugänglich sind, unabhängig davon, ob diese Sammlung zentral, dezentral oder nach funktionalen oder geografischen Gesichtspunkten geordnet geführt wird; […] Die Verarbeitung personenbezogener Daten, aus denen die rassische oder ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen oder die Gewerkschaftszugehörigkeit hervorgehen, sowie die Verarbeitung von genetischen Daten, biometrischen Daten zur eindeutigen Identifizierung einer natürlichen Person, Gesundheitsdaten oder Daten zum Sexualleben oder der sexuellen Orientierung ist nur dann erlaubt, wenn sie unbedingt erforderlich ist und vorbehaltlich geeigneter Garantien für die Rechte und Freiheiten der betroffenen Person erfolgt und a) wenn sie nach dem Unionsrecht oder dem Recht der Mitgliedstaaten zulässig ist b) der Wahrung lebenswichtiger Interessen der betroffenen oder einer anderen natürlichen Person dient oder c) wenn sie sich auf Daten bezieht, die die betroffene Person offensichtlich öffentlich gemacht hat.“49 49 Richtlinie (EU) 2016/680 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. April 2016 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten durch die zuständigen Behörden zum Zwecke der Verhütung, Ermittlung, Aufdeckung oder Verfolgung von Straftaten oder der Strafvollstreckung 74 Die Beobachtung in der Praxis Wie aus der Bestimmung der Europäischen Union ersichtlich, sind Daten und deren Verarbeitung von hoher rechtlicher Relevanz und daher spezifisch bei nicht anonymisierter Verwendung von größter Sensibilität. Eine unüberlegte Erhebung und daraus folgende Speicherung und Verarbeitung von Daten ist ohne entsprechender Berücksichtigung der Datenschutzgrundverordnung fahrlässig. Im Besonderen wird dies verdeutlicht durch die Definition von personenbezogenen beziehungsweise besonders sensiblen personenbezogenen Daten, welche überproportional in die Tätigkeiten der Sozialen Arbeit hineinragen. 8.5. Standards der Sozialen Arbeit Die Erfüllung übergeordneter Rahmenbedingungen leitet direkt über zu Standards der Profession einer Sozialen Arbeit. Dabei wird die Reflexion als ein elementarer Bestandteil einer professionellen Identität der Sozialen Arbeit benannt. Melissa Desjarlais und Peter Smith greifen hierbei die Ideen der Psychologin Dannelle Stevens und der Erziehungswissenschaftlerin Joanne Cooper betreffend eines Konzepts des effektiven Zirkels auf, wobei die diesbezügliche Grundlage von John Dewey und Donald Schon erstellt wurde: „[…] to perform effective reflection, describing it as an active, intentional, and journalistic cycle.“50 Weiter heißt es: „[…] aspects of reflective thought include perplexity, elaboration, generating hypotheses, comparing hypotheses, and taking action.“51 sowie zum freien Datenverkehr und zur Aufhebung des Rahmenbeschlusses 2008/977/JI des Rates (Amtsblatt der Europäischen Union, 4.5.2016, L119/89); 50 Desjarlais, Melissa, Smith, Peter, A Comparative Analysis of Reflection and Self- Assessment, in: International Journal of Process Education, Vol. 3, Issue 1 (2011), S. 3, https://doi.org/10.1111/j.1467–9647.2010.00656.x; 51 Desjarlais, Melissa, Smith, Peter, A Comparative Analysis of Reflection and Self- Assessment, in: International Journal of Process Education, Vol. 3, Issue 1 (2011), S. 3, https://doi.org/10.1111/j.1467–9647.2010.00656.x; 75 Standards der Sozialen Arbeit Diese reflektierenden Zirkel finden im Rahmen der Standards einer internationalen Sozialen Arbeit ihre Anwendung und definieren sich wie folgt: „Social work is a practice-based profession and an academic discipline that promotes social change and development, social cohesion, and the empowerment and liberation of people. Principles of social justice, human rights, collective responsibility and respect for diversities are central to social work. Underpinned by theories of social work, social sciences, humanities and indigenous knowledge, social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing. The above definition may be amplified at national and/or regional levels.“52 Denn – so die gemeinsame Verabschiedung der International Federation of Social Workers: „The uniqueness of social work research and theories is that they are applied and emancipatory. Much of social work research and theory is co-constructed with service users in an interactive, dialogic process and therefore informed by specific practice environments.“53 Diese vielfältigen Ansprüche sind dabei in der wissenschaftlichen und praxisorientierten Vorgehensweise ineinandergreifend; mehr noch, die Standards verweisen in kongruenter Weise auf die zentralen Aspekte sozialarbeiterischer Erhebungs- und Handlungsweisen. Sie geben leitende Grundsätze vor, die sowohl eine Spezifikum der Sozialen Arbeit bilden und gleichermaßen den Ethos der Profession stark abbilden. Somit steht die Integrität des Individuum neben einem rechtlichen Verständnis von Datenzugehörigkeit auch in einem ethischen Verständnis im zentralen Fokus, wodurch sich gerade die Beobachtung von Individuen immer als eine ethisch-relevante Methode klassifiziert, die durch den/die BeobachterIN in verantwortungsvoller Weise 52 IFSW Hauptversammlung, Globale Definition für Soziale Arbeit (genehmigt bei der IASSW Generalversammlung im Juli 2014), https://www.ifsw.org/what-is-social-work/global-definition-of-social-work/; 53 IFSW Hauptversammlung, Globale Definition für Soziale Arbeit (genehmigt bei der IASSW Generalversammlung im Juli 2014), https://www.ifsw.org/what-is-social-work/global-definition-of-social-work/; 76 Die Beobachtung in der Praxis zur Umsetzung gebracht wird. Mehr als andere Professionen ist es die Soziale Arbeit, die ihre Erhebungen den sozialarbeiterischen Aspekten widmet und dadurch Menschen nicht aus reiner Neugier beobachtet, sondern entsprechende Zwecke damit in Verbindung bringt. Wenn also andere wissenschaftliche Disziplinen die Zweckfrage auf den reinen Wissensgewinn reduzieren können, so ist es der Soziale Arbeit unmöglich, sich auf diese Reduktion zu beschränken. 77 Standards der Sozialen Arbeit „Wenn wir Zeuge irgend einer tiefen Erregung sind, so wird unser Mitgefühl so stark erregt, daß wir vergessen oder daß es uns fast unmöglich wird, eine sorgfältige Beobachtung anzustellen.“54 54 Darwin, Charles, Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren (Stuttgart 1877), S. 11; 79

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References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.