7. Die abgeschlossene Beobachtung in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 65 - 68

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-65

Tectum, Baden-Baden
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65 7. Die abgeschlossene Beobachtung Sobald der/die ForscherIN den Menschen in den Fokus hebt, sind intime Momente vielfältiger Lebenswelt betroffen. In der Sozialen Arbeit ist dies besonders der Fall, da – je nach Mandatslage – auch Kontexte entstehen können, die mit Konsequenzen verbunden sind oder als moralische oder juristische Graubereiche verstanden werden können. Neben einer säkularen Demut, also Respekt und Dankbarkeit für die Teilhabe am Leben anderer Menschen, darf niemals die Sensibilität von Daten in Vergessenheit geraten. Erhobenes Material erlaubt ein wissenschaftliches Wachstum, welches von essentieller Bedeutung für den Erkenntnisgewinn ist, doch ist dieses Material auch eine Darstellungsfläche, die sich der betroffenen Biografie entzieht. Plötzlich werden durch Erhebungen Ereignisse dokumentiert und so für lange Zeit – oder gar für immer – für unbeteiligte Personen erfahrbar. Als WissenschaftlerIN ist man der aktive Dreh- und Angelpunkt in dieser Schaffung von Dokumentationen, weswegen man der Einhaltung einer der Objektivität möglichst nahekommenden Intersubjektivität und dem Versuch einer Darstellung von Wahrheit verpflichtet sein muss. Nichts Erhobenes ist dabei irrelevant, gerade nicht in einem Jahrhundert, in welchem die Daten zur eigentlichen Macht avancieren. Verfälschende sentimentale Gefühlsregungen, moralisch-wertende Haltungen, aber auch persönlich-spirituelle Wertungen (und vieles mehr) sind relevante Gefahren für jedeN ForscherIN. Gerade die Soziale Arbeit ist neben einer angewandten Wissenschaftsprofession auch eine Handlungsprofession, welche Erwartungen beim Gegenüber zu erwecken in der Lage ist. Ähnlich der Medizin ist das Individuum in einer Begegnung mit Wünschen, Erwartungen und Hoffnungen beladen, die sich alleine aufgrund der Profession ergeben können. Darüber hinaus kann der/die BeobachterIN eine Projektionsfläche vorhandener Ängste und von Schamgefühl sein, welches sich von Beginn an oder situativ im Moment einstellen kann. Besonders bedeutsam im Sinne einer säkularen Demut ist die Wertfreiheit als WissenschaftlerIN gegenüber Personen, Situationen und Organisationen in Beobachtungen angespannter Lebensbereiche, wie jene im Feld der Sexualität, Armut, Krankheit etc. Hierbei werden allzu schnell unbewusste oder gar bewusste Wertungen geschaffen und zur Anwendung gebracht. So kann eine Beobachtung in einem Sexclub, in welchem ungeschützter Geschlechtsverkehr praktiziert wird, auf viele Ebenen Irritationen hervorrufen: Widersprüche, Übertreibungen, Klischees, aber auch Unerwartetes können eine solche Situation emotional belasten, da die eigene Moral von verantwortungsvollem Sex sich gedanklich aufdrängt. Als BeobachterIN ist es hierbei nicht die Aufgabe, einen Wertekanon zu vertreten oder die ‚natürliche‘ Intelligenz einzufordern. Es ist auch nicht die Aufgabe von BeobachterINNEN, Diagnosen zu erstellen und Krankhaftigkeiten festzustellen. Die weltliche Demut dieser Situation umschließt eine Verschwiegenheit, eine Wertfreiheit und schließlich auch die Dankbarkeit, beobachten zu können. Die Rolle als erhebendeR ForscherIN ist somit mehrdimensional – nicht nur in der eigenen, sondern gleichsam in der fremden Wahrnehmung. Eine säkulare Demut beinhaltet in der Klarheit dieser bedürfnisorientierten Mehrdimensionalität im Spezifikum der Sozialen Arbeit neben Respekt und Dankbarkeit für die erforschten Personen, Situa- 66 Die abgeschlossene Beobachtung tionen und Organisationen somit auch eine Offenheit für das Individuum. Diese Offenheit kann bedeuten, dass dem Erhebungsprozess weitere Maßnahmen – die außerhalb des Forschungssettings liegen – wie Gespräche, die Bereitstellung oder Einholung von Fachexpertise oder gleichsam die Bitte um eine fachspezifische Intervention oder gar um ein klar formulierte Hilfestellung, folgen können. Auch Fragen nach monetären Hilfeleistungen können auf den/die BeobachterIN treffen, da am Ende das Gefühl vorhanden sein kann, etwas gegeben zu haben, für das etwas zurückkommen muss. Die Soziale Arbeit als Wissenschaftsprofession und als Handlungsprofession kann diesen Bedürfnissen nur mit entsprechender Transparenz begegnen und Erwartungen relativieren. Hierbei ist es notwendig, sowohl ausgesprochene als auch unausgesprochene, Erwartungen in Erhebungssituationen zu analysieren und, wenn es angebracht erscheint, mit entsprechenden Expertinnen und Experten des Feldes vorab zu besprechen. Im Erhebungsprozess muss Professionistinnen und Professionisten der Sozialen Arbeit bewusst sein, dass es für beide Seiten in einem Forschungsprozess Motivationen gibt, an etwas teilzunehmen oder jemanden beobachtend teilhaben zu lassen. Deswegen sollte im Rahmen der Forschung eine persönliche Reflexion auch die eigene Handlungsmacht umfassen und Möglichkeiten definieren, wann und wie eine professionelle Intervention im Rahmen des Erhebungsprozesses – oder idealerweise danach – umsetzungsfähig erscheint. Der solide Mehrwert einer Erkenntnis kann nur dann in einer intersubjektiven Weise gelingen, wenn Wahrnehmungswelten anhand der vorherrschenden und nicht anhand der eigenen Logik reproduziert werden und dadurch in der Analyse wachsen können. 67 Die abgeschlossene Beobachtung

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References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.