5. Mit der Beobachtung in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 47 - 54

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-47

Tectum, Baden-Baden
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47 5. Mit der Beobachtung Die Dokumentationen von Beobachtungssituationen unterscheiden sich je nach BeobachterIN und Profession weitreichend in Aufbau, Detailgrad und Struktur. In der Tat muss die Dokumentation in Form von Protokollen, Notizen oder Dateien den zuvor beschriebenen Rahmenbedingungen entsprechen und eine eigene Verarbeitung ermöglichen, um einer kritischen Nachvollziehbarkeit von Dritten standzuhalten. Die Sozialpädagoginnen Rebekka Streck, Ursula Unterkofler und Anja Reinecke-Terner stellen im Resümee ihrer eigenen methodischen Handlungen fest: „So konnten wir anschaulich machen, dass beispielsweise eine klare Trennung zwischen Beobachtungen und Interpretationen nicht möglich ist. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie diese Trennung vollzogen, kenntlich gemacht und genutzt wird. Genauso ist die Forderung nach einer möglichst detaillierten Beschreibung des Beobachteten zu pauschal und kann nur vor dem Hintergrund des Anspruchs einer reflektierten Selektion verwirklicht werden. Jede Forschende hat eine eigene Schreibweise, die von verschiedenen Bedingtheiten geprägt wird. Das Aufschreiben von Beobachtetem ist zwangsweise ein selektiver und eigensinniger Prozess. Es ist jedoch notwendig zu fragen, wie die Selektionen vorgenommen werden. Bei der Reflexion der Spezifik des eigenen Selektionsprozesses profitierten wir vom Vergleich der eigenen mit anderen Beobachtungsprotokollen sowie von einem intensiven, analytisch geprägten Austausch. Erst im Vergleich und durch den Blick der anderen wurde das eigene Protokoll in gewisser Weise ‚fremd‘, weil eigene selbstverständliche, durch (kulturelle) Vorannahmen geprägte Schreibpraxen bewusst wurden. Insofern plädieren wir dafür, die Fähigkeiten des kontrastierenden Vergleichens, die wir im Zuge der Datenanalyse entwickelt haben, auch in Bezug auf Beobachtungsprotokolle und Schreibpraxen zu nutzen. Im Hinblick auf die Qualität ethnografischer Forschung können wir auf die so gewonnenen Reflexionsgewinne kaum verzichten.“37 Die hierbei vertretenen kontrastierenden Vergleiche sind gerade auch im Rahmen der Sozialen Arbeit eine qualitätssichernde Vorgehensweise, um das Eigene in ein fremdes Licht zu tauchen. Erst diese reflektierenden Vergleiche in einem diskursiven Prozess können eigene Selbstverständlichkeiten und blinde Flecken entlarven. Die Soziologen Leonard Schatzman and Anselm Strauss38 empfahlen bereits 1974, das erhobene Material im ersten Analyseschritt auf signifikante Parameter von Ereignissen, Personen oder Dingen zu durchforschen und gleichzeitig die Charakteristika dieser Fälle zu notieren. Im Anschluss daran sollten Verbindungen zwischen diesen gesucht werden. In der Sozialarbeitswissenschaft scheint diese Zugangsweise der Auswertung dienlich, da solche Signifikanzen dem Erhebungszweck entsprechen können. 37 Streck, Rebekka, Unterkofler, Ursula, Reinecke-Terner, Anja, Das „Fremdwerden“ eigener Beobachtungsprotokolle – Rekonstruktionen von Schreibpraxen als methodische Reflexion; in: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, Vol. 14, Nr. 1, Art. 16 (2013), o.S., http://nbn-resolving.de/ urn:nbn:de:0114-fqs1301160; 38 Vgl. Schatzman, Leonard, Strauss, Anselm, Field Research, Strategies for a Natural Sociology; in: Social Forces, Vol. 53, Issue 2 (1974), https://doi.org/10.1093/ sf/53.2.342-a; 48 Mit der Beobachtung „Die Auswertung von Protokollen teilnehmender Beobachter hängt eng mit der theoretischen Konzeption der teilnehmenden Beobachtung, dem speziellen Beobachtungsauftrag und dem Ziel der jeweiligen Untersuchung zusammen. Auswertung sowie Darstellung der Resultate erfolgen daher in einem Kontext, der nicht nur aus der Perspektive der forschungsmethodischen Ökonomie, sondern ebenso sehr aus der Wissenschaftstheorie sowie der theoretischen Rahmung geprägt wird.“39 Grundlegende Faktoren der dokumentierten Beobachtung stellen Zeit- und Ortsangaben dar sowie die Nennung von BeobachterIN und ErstellerIN des Protokolls. Ebenso gilt es die Struktur der Beobachtung bereits in der Dokumentation darzulegen. In der Form einer naiven Beobachtung sind dies neben den grundlegenden Angaben entsprechende Notizen zu den Eindrücken. Hierbei ist es wichtig, den situativen Moment – gerade hinsichtlich sozialarbeiterischer Interventionsformen –, also welche Situation macht die Beobachtung möglich (z. B. Hausbesuch, Visite, Beratungs- oder gar Zwangskontext etc.), zu beschreiben. Die Naivität entbehrt keinesfalls einer Dokumentation, ebenso wenig sind damit die bereits dargelegte Standards zu unterschreiten. Die Naivität beschreibt lediglich den Zugang ins Feld, also die Direktheit einer Beobachtung. Die wissenschaftliche Beobachtung kann sich hingegen in unterschiedlicher Weise detaillieren, je nach Art des Vorgehens. Eine Checkliste mit positiven oder negativen Antwortmöglichkeiten stellt dabei die strengste Auslegungsweise dar, genauso können zu beobachtende Leitfragen einen Pflichtrahmen bilden. Hier verhält es sich ähnlich einer quantitativen Untersuchung, nämlich dass die Fragen eine 39 Merkens, Hans, Teilnehmende Beobachtung, Analyse von Protokollen teilnehmender Beobachter; in: Hoffmeyer-Zlotnik (Hg.), Analyse verbaler Daten. Über den Umgang mit qualitativen Daten (Opladen 1992), S. 243; 49 Mit der Beobachtung klare Eindeutigkeit in sich tragen und eventuell in Beobachtungsteams ähnlich – idealerweise gleich – verstanden werden oder selbst in einem chronologischen Beobachtungszeitraum in gleicher Weise interpretiert werden können. Sowohl in der naiven als auch in der wissenschaftlichen Form ist die Erstellung einer Dokumentation notwendig, wobei die Digitalisierung von Dokumentationen und eine Zeilennummerierung – nun ähnlich der qualitativen Erhebungsmethode – die solideste Form der Nachvollziehbarkeit mit sich bringen. Dies bedeutet, dass Erhebungen durchaus handschriftlich verfasst werden können und in weiterer Folge digitalisiert werden. Gleichsam können bereits in der Erhebungssituation digitale Notizen oder gesamte Dokumentationen erstellt werden. Gegebenenfalls sind grafische Darstellungen erhellend, die davor, währenddessen oder danach angefertigt werden. Entsprechende methodische Triangulationen40 sind möglich, benötigen jedoch bei einem Methodenmix im Fachgebiet der Beobachtung erkennbare Differenzierungen im Erhebungs-, Dokumentations- und Auswertungsprozess. In manchen Fällen ist eine direkte Notierung der Beobachtung – selbst bei Klarheit der Struktur und Form für den/die BeobachterIN – nicht möglich wegen beispielsweise unzureichender Lichtverhältnisse, formalen Ambientes, zu erwartender Irritationen in der Gruppe etc. Hierbei kommen immer wieder gedankliche Rekonstruktionen von Beobachtungssituationen zum Tragen, also protokollarische Anfertigungen nach den erlebten Situationen. In der Tat sind solche der Beobachtung nachfolgende Notizen von Personen, Situationen und Organisationen möglich, jedoch als solche kenntlich zu machen (bereits im Protokoll) und von beschränkter Wiedergabekraft. Die Aufnahmefä- 40 Dies ist die Anwendung von mehreren Methoden (auch unterschiedlicher Beobachtungsmethoden) im Forschungsprozess; 50 Mit der Beobachtung higkeit bestimmter Beobachtungsfaktoren ohne entsprechende Notizen fordert die Merkfähigkeit der Beobachterin und des Beobachters. In Worten des weltberühmtes Neurowissenschaftlers und Nobelpreisträger Eric Kandel zum Ausdruck gebracht, welcher sich intensiv mit dem Gedächtnis auseinandersetzt: „[ ] we found that in all three forms of learning, the duration of shortterm memory storage depends on the length of time a synapse is weakened or strengthened. […] Short-term memory lasts minutes, while long-term memory lasts many days or even longer. Behavioral experiments suggest that short-term memory grades naturally into long-term memory and, moreover, that it does so through repetition. Practice does make perfect.“41 Selbst wenn die eigene Einschätzung der Merkfähigkeit eine andere sein mag, so bleibt die biochemische Gedächtnisbildung eine zu berücksichtigende neurologische Konstante. Kurzzeitige Ereignisse, wie jene innerhalb einer Beobachtungssituation, haben einerseits nur eine beschränkte Dauerhaftigkeit und können somit relativ schnell verloren gehen und andererseits ist das Abrufen solcher Gedächtnisbausteine bereits ein kognitiver Prozess der Erinnerung. Dies ins Treffen führend müssen Protokolle, die sich aus einer Erinnerung ergeben über eingeschränkte Erhebungsparameter verfügen, die eine Erinnerung möglich machen und darüber hinaus zeitnah eine Dokumentation erfahren. Dem Argument Kandels folgend kann sich die Merkfähigkeit über Personen, Situationen und Organisationen in der Übung als BeobachterIN verbessern, wenn also die Methode der Beobachtung und die damit verbundenen kognitiven Fähigkeiten ein ständiges gedankliches Erfordernis darstellen. 41 Kandel, Eric R., In Search of Memory, The Emergence of a New Science of Mind (New York 2006), S. 204ff.; 51 Mit der Beobachtung Die Beobachtung als hauptsächliche Datenquelle einer Forschungsfrage sollte mit einem durchdachten Zeitplan versehen werden. Oftmals sind Beobachtungsorte weniger gut geeignet für die Erhebung als gedacht oder der Zeitfaktor weiter zu legen als angenommen. Gleichsam ist der Aufwand dem Forschungsvorhaben angemessen zu gestalten. Die Beobachtung selbst stellt nur einen Zeitfaktor im gesamten Forschungsvorhaben dar. Der zeitliche Rahmen sollte eine ordnungsgemäße Vorbereitung und Dokumentation berücksichtigen, wobei ein Drittel der geplanten Beobachtungszeit für die Vorbereitungen und nachfolgend ein weiteres Drittel für die Nachbearbeitungen einkalkuliert werden sollte. Dies bedeutet bei einer dreistündigen Beobachtung, eine Stunde Vorbereitung und eine Stunde Nachbereitung zu veranschlagen. Wie in vielen Erhebungsmethoden der Sozialen Arbeit ist auch bei Beobachtungen der Zugang zu den Fällen – also zu Personen, Situationen und Organisationen – von essentieller Wichtigkeit. Daher ist synchron mit der wissenschaftlichen Standortbestimmung die Beobachtung als Methode zu wählen, auch die Feldzugänglichkeit zu klären. Hierbei sind in der Vorbereitung folgende Fragen leitend: • Ist eine Beobachtung gestattet und unter welchen Voraussetzungen? • Ist unter den gebotenen Möglichkeiten eine ergiebige Beobachtung möglich? • Welche Formate der Beobachtungen sind aus fachlicher Perspektive in diesem Setting möglich? • Sind die Rahmenbedingungen der Beobachtung aus persönlicher Sicht umsetzbar und braucht es unterstützende Faktoren (wie weitere BeobachterINNEN etc.)? 52 Mit der Beobachtung In vielen Lebensbereichen, die mit der Sozialen Arbeit in Berührung stehen, können sich problematische Zugänge ergeben, weswegen im Sinne einer Klarheit der Umsetzbarkeit im Vorfeld entsprechende Abstimmungen erfolgen sollten. Zusätzlich können mit der Beobachtung unangenehme Situationen einhergehen, auf die es sich mit Klarheit über eigene Ressourcen vorzubereiten gilt. 53 Mit der Beobachtung

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References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.