1. Einleitung in:

Martin J. Gössl

Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit, page 1 - 8

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4483-4, ISBN online: 978-3-8288-7516-6, https://doi.org/10.5771/9783828875166-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1. Einleitung 1.1. Verortung Viele etablierte Wissenschaftsformen bedienen sich der Methode einer Beobachtung – sowohl Natur- als auch Sozial- wie auch Geisteswissenschaften. Die Geschichte der Beobachtungsmethode ist dabei genauso reichhaltig wie weit zurückliegend. Dabei sind die persönlichen Färbungen durch die BeobachterINNEN aber auch die Potentiale in der Generierung von Erkenntnissen tiefgreifend reflektiert und zeigen die Möglichkeiten, aber auch Gefahren der Beobachtung deutlich. Fortwährend wurde dem Argument einer persönlichen Interpretation im Besonderen in der Beobachtung Aufmerksamkeit zuteil. Dieser berechtigten Kritik muss daher im Rahmen einer philosophischen Aufarbeitung Platz geboten werden um – ähnlich einer Würdigung von Dokumenten oder einer Interpretation von Ergebnissen – entsprechende Einwirkungskraft für die Qualitätssicherung zu ermöglichen. Denn so – und nur so – generiert diese Art und Weise der methodischen Erschließung einer wissenschaftlichen Fragestellung einen relevanten Erkenntnisgewinn. Die Beobachtung als Methode kann dabei Grundlegendes wie Aufbauendes darstellen und somit Essentielles zu einem Thema beitragen. Sie wird dabei immer eine Methode der persönlichen Wahrnehmung bleiben, exponiert als ein Wahrnehmen durch Sinne, und damit Grenzen, aber ebenso Offenheit in sich tragen. Jedoch kann hierbei eine provokante Frage einer Einordnung dieser Methode zur Hilfe eilen, nämlich: Welche wissenschaftliche Methode benötigt keine menschlichen Sinne in der Wahrnehmung? Der Reiz einer Beobachtung als Methode liegt somit in deren Klarheit, selbst das Erhebungsinstrument zu sein, wodurch ein Zugang in die Tiefen einer menschlichen Existenz und eines menschlichen Zusammenspiels ermöglicht wird. In der Fachdisziplin der Sozialen Arbeit wären eine wissenschaftliche Unternehmung wie auch ein professionelles Handeln ohne eine methodische Beobachtung nicht möglich. Sowohl Sozialanamnesen als auch fachspezifische Einschätzungen von Situationen benötigen die Beobachtung als elementares Moment der fachlichen Wahrnehmung. Diese Anwendungsanfordernisse der Beobachtung können situativ, ziellos, gleichsam Standards abgleichend sein, jedenfalls sind Beobachtungen der notwendigen Professionalität einer Sozialen Arbeit unterliegend. Personen, Situationen und Organisationen werden beobachtet, begutachtet, eingeschätzt und am Ende in ein professionelles Raster verpackt, um Anteile der Prävention, Intervention und gesellschaftlichen Kritik zu identifizieren. Dabei fungiert die Beobachtung als eine zentrale Auffassungsmethode für die aufbauenden fachspezifischen Analysen und Handlungsleitlinien. Ähnlich einer pragmatischen Anthropologie1 strebt die Soziale Arbeit (abgesehen von den Handlungsfolgen als angewandte Profession) danach, den Menschen und seine kulturellen und sozialen Verhaltensweisen zu beobachten und zu analysieren. Am Ende sollen die Erhebungen ein Erkennen und Verstehen von Personen und Gruppen ermöglichen, um zu einem erfolgreichen Agieren zu befähigen. 1 Becker, Wolfgang, Einleitung, Kants pragmatische Anthropologie; in: Kant, Immanuel, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (Stuttgart 1983), S. 24; 2 Einleitung Somit ist es wenig überraschend, dass in den letzten Jahren die Methode der Beobachtung in manchen wissenschaftlichen Disziplinen zu einer additiven Herangehensweise, in manchen Professionen sogar zu einer zentralen Erhebungsart aufrücken konnte. Neben der Soziologie, der Psychologie oder der Zoologie setzen sich nun gleichsam Disziplinen wie die Elementarpädagogik oder auch die Soziale Arbeit mit der Wahrnehmung der Welt und ihrer Lebewesen auseinander. Gerade jene Disziplinen, welche ein komplexes Zusammenspiel verstehen wollen und müssen – wie beispielsweise gruppendynamische Prozesse oder eigenwillige Verhaltensweisen von Individuen –, konnten lange Zeit nur auf die methodische Beobachtung zurückgreifen, um Erklärungsansätze zu formulieren. Selbst in der aktuellen Zeit sind einer technischen Verarbeitung und Messung Grenzen gesetzt, weswegen den sensorischen Wahrnehmungen weiterhin entsprechende Notwendigkeit zugesprochen werden muss. Dies gilt im Besonderen auch für die menschliche Interaktion mit der Technik und mit der Verwendung dieser. Dies ist Grund genug, sich der Methode einer Beobachtung tiefgreifend anzunähern, um eine Grundlage zu bilden, welche der Sozialarbeitswissenschaft zweckdienlich ist. Mehr noch: Diese Annäherung bietet ebenfalls eine entsprechende Anwendungsmodalität für eine anwendungsorientierte Profession der Sozialen Arbeit, in welcher bereits aktuell der Wahrnehmung von Situativem, Kollektivem und Individuellem handlungsweisende Wichtigkeit beigemessen wird. Die folgende Abhandlung stellt die methodischen Herausforderungen der Beobachtung in der Sozialarbeitswissenschaft in den Vordergrund, um dabei transparente Grundlagen, umsetzungsrelevante Notwendigkeiten und stabile Erkenntnisgewinne darzulegen und in Verbindung zu setzen. Diese Beschränkung auf das Fachgebiet der Sozialen Arbeit erscheint zwingend, da das angewandte Wissenschaftsver- 3 Verortung ständnis dieser Profession sowohl den Menschen als soziales Wesen umfasst, wobei im selben die Mandate für ein professionelles Handeln maßgeblich einflussnehmend wirken, als auch die Notwendigkeiten einer Anwendung, also einer aktiven und reaktiven Folgewirkung von Erkenntnis, einen immanenten Bestandteil darstellen. Die Sozialarbeitswissenschaft muss somit dem Anspruch gerecht werden, sowohl angewandt als auch dem Menschen zugewandt zu agieren. Die Beobachtung in der Sozialen Arbeit als Wissenschaft und Profession ist somit zweckgebunden und mit einem systematischen Auftrag versehen. Sie dient einem Erhebungszweck, dem entsprechende Konsequenzen folgen. Somit handelt es sich bei der methodischen Form der Beobachtung in der Sozialen Arbeit um ein Format, dessen Zyklus mit der Erhebung und Interpretation nicht endet, sondern eine Reaktion als drittes Glied hinzufügt. Dies bedeutet, dass die Beobachtung einem zweckdienlichen Erkenntnisgewinn unterliegen muss und – in einem induktiven wie auch deduktiven Zugang – Handlungsweisen ermöglichen oder verhindern sollte. Dies bedeutet weiters, dass die Interpretation von Beobachtungen zielführende Erklärungen für individuelle und gesellschaftliche Formationen liefern muss. „Soziale Evolution als solche ist für [Jürgen] Habermas zunächst einmal ein anthropologisches Faktum, das heißt erst mit dem Menschen eröffnet sich ein Spielraum für die Entwicklung von Gesellschaftsformationen. Damit gelangt zugleich auch der natürliche Evolutionsmechanismus zum Stillstand.“2 2 Jörke, Dirk, Anthropologische Motive im Werk von Jürgen Habermas; in: ARSP: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol. 92, Nr. 3 (2006), S. 311, https:// www.jstor.org/stable/23681600; 4 Einleitung 1.2. Kritische Aspekte In der vorliegenden Abhandlung muss der Beobachtungsmethode ebenso Raum für eine Kritik hinsichtlich der Zuschreibungskonsequenz und Kategorisierungsfolge geboten werden. Wahrnehmungen, egal ob vergnüglich oder einem wissenschaftlichen Zweck folgend, ziehen Zuschreibungen für das Beobachtete nach sich, wobei dies unweigerlich die Bildung von Kategorien bedingt. Sowohl die externale Zuschreibung von etwas als auch die Klassifikation dessen offenbaren zu einem relevanten Anteil die Denkstruktur und Kultur der Beobachterin beziehungsweise des Beobachters. Gerade in der vergnüglichen Beobachtung erfahren jene Beobachtungspunkte eine wahrnehmbare Brisanz, die dem eigenen Interesse entsprechen. Dieses persönliche Interesse lässt sich auch in einem wissenschaftlichen Erhebungssetting nur zum Teil reflektieren oder gar ausschalten. Die methodische Beobachtung unterwirft Personen, Situationen und Organisationen einer (inter-)subjektiven Ordnungsstruktur, wobei die Lesbarkeit dieser Momente immer eine individuelle Konnotation in sich trägt: Menschen, Situationen und Organisationen werden wahrgenommen, gelesen, kategorisiert, vermessen und in eine systematische Matrix verschoben. Diese Matrix erfährt bereits in der Befüllung von Wahrnehmungen eine Prägung anhand eigener Prämissen, hinzufügend ist diese Matrix nur scheinbar klar formuliert: Bei Beobachtungen handelt es sich um wahrgenommene gesellschaftliche Performanzen, deren Lesbarkeit eine kulturelle, soziale und politische Verortung beinhaltet. Es sind keine allgemeingültigen Grundsätze, die eine geografische oder chronologische Eindeutigkeit aufweisen, sondern soziokulturelle Momente einer hermeneutischen Fluidität sowohl in der Verursachung einer Beobachtung als auch in deren Wahrnehmung. Denn die individuellen und fachlichen Kriterien, welche Ursachen 5 Kritische Aspekte entsprechende Personen, Situationen und Organisationen beobachtungswürdig erklären, sind ebenso vielfältig wie die eigenen Prägungen als BeobachterIN. Diese Ambivalenzen bergen fortwährend Gefahren in sich, wenn allzu schnell kulturelle Kategorien beispielsweise einer ‚Normalität‘ eine ungefilterte und unreflektierte Anwendung finden. Die renommierte Gender-Wissenschaftlerin Judith Butler sieht – exemplarisch für die Relevanz dieser Gefahr einer kulturellen Kategorisierung – die geschlechtliche Performanz weitreichend und tiefgreifend dem wertenden Kulturkanon unterworfen und damit als einen jener Relevanzbereiche, die einer kritischen Annäherung bedürfen: „Wir sollten auch beachten, daß die Kategorie ‚Geschlecht‘ und die naturalisierte Institution der Heterosexualität Konstrukte, gesellschaftlich instituierte und regulierte Phantasien oder ‚Fetische‘ sind – d. h. keine natürliche, sondern politische Kategorien (Kategorien, die zeigen, daß der Rückgriff auf das Natürliche in solchen Zusammenhängen stets politisch ist). Der zerrissene Körper, die Kriege der Frauen sind daher als textuelle Gewalt bzw. als Dekonstruktion von Konstrukten zu verstehen, die immer schon eine Gewalt gegen die Möglichkeiten des Körpers darstellten.“3 Butler benennt Kategorien, welche sowohl einschränkend als auch wertend fungieren und über den Bereich Geschlecht hinausgehen (können), jedenfalls jedoch einem Machtdiskurs unterworfen sind. Eine heteronormative Matrix scheint dabei ebenso festgeschrieben, unreflektiert und wertend zu sein wie die Konstruktion vieler allgegenwärtiger Zuschreibungen und Vermessungen von Personen, Situationen und Organisationen. Diese Klarstellung verdeutlicht offenkundig, wie relevant die Reflexion der Beobachtung und der angewandten Kriterien einer Wahrnehmung sind. Beides, so Butler, sollte „in tief- 3 Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter (Frankfurt am Main 1991), S. 187; 6 Einleitung greifender Aneignung und Wieder-Einsetzung der Identitätskategorien selbst, indem man nicht nur die Kategorie ‚Geschlecht‘ anficht, sondern die Überschneidung vielfältiger Diskurse am Schauplatz der ‚Identität‘ artikuliert, um diese Kategorie, gleichgültig in welcher Form sie auftreten mag, dauerhaft problematisch zu machen.“4 Dieses Problematisieren von Kategorien dient somit als eine vorangestellte Methode zur Methode der Beobachtung, um dem Prozess der professionellen Wahrnehmung eine kulturelle Dechiffrierung zu unterwerfen. Aus der Differenz zwischen Realität und Fiktion resultiert die Reaktion. Judith Butler spricht von einer Begrenzung des Körpers und von der Ausstoßung bzw. der Umwertung von nicht der geschaffenen Norm entsprechenden Realitäten. Es handelt sich dabei um die „[…] Verwerfung wegen […] Geschlechts, […] Sexualität, und/oder Farbe eine ‚Austreibung‘ […] gefolgt von einer ‚Abstoßung‘ […], die die kulturelle hegemonialen Identitäten an der Achse der Differenzierung von Geschlecht/ Rasse/Sexualität entlang begründen und festigen.“5 Diese spezifische Klarstellung erweiternd, sind gerade hegemoniale Einflussfaktoren in der Beobachtung von essentieller Relevanz. Diese zu erkennen und die sich daraus ergebenden Einflüsse für die Wahrnehmung zu reflektieren, kann erst eine professionelle und wissenschaftliche Beobachtung erforderlich machen. Denn: „Die Geschlechtsidentitäten können weder wahr noch falsch, weder wirklich noch scheinbar, weder ursprünglich noch abgeleitet sein. Als glaubwürdiger Träger solcher Attribute können sie jedoch gründlich und radikal unglaubwürdig gemacht werden.“6 4 Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter (Frankfurt am Main 1991), S. 189; 5 Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter (Frankfurt am Main 1991), S. 197; 6 Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter (Frankfurt am Main 1991), S. 208; 7 Kritische Aspekte Dabei darf mit der Dekonstruktion von Kategorien und Zuschreibungen keinesfalls die Erhebung und die Rekonstruktion von Erkenntnissen verhindert werden. Im Sinne einer individuellen und gesellschaftlichen Vermessung ist es daher wichtig, die Bezugspunkte der Beobachtung einer kritischen Reflexion zu unterziehen, um einen Erkenntnisgewinn in Bezug zu einer Wirkungsmacht der erstellten Kategorien zu setzen. Oder – dem Beispiel folgend – dargelegt: Die Ablehnung von Geschlecht als Kategorie darf nicht dazu führen, Erkenntnisgewinne über geschlechtliche Gewalt zu verhindern. So ist es essentiell zu erheben, wer Gewalt ausübt, wer öffentlichen Raum einnimmt und wer unbezahlte Arbeit verrichtet. Hier sind Kategorien, die eine kulturelle Lesbarkeit aufweisen – wie Geschlecht, Alter, Ethnie, Behinderung etc. – notwendig und zwingen BeobachterINNEN, mit und in diesem Bewertungsrahmen zu agieren. Dies entbindet den/die BeobachterIN jedoch nicht von der benannten redlichen Pflicht, Diskursmächte und hegemoniale Machtstrukturen zu hinterfragen und diese im eigenen Forschungsprozess kritisch zu reflektieren. Zusätzlich ist die Schaffung von neuen beziehungsweise das Heranziehen von bestehenden Beobachtungspunkten mit entsprechender Weitsichtigkeit und ethischer Verantwortung durchzuführen. 8 Einleitung

Chapter Preview

References

Abstract

This book takes up the observation method as a survey instrument of interdisciplinary branches of science in order to adapt it for social work. It is dedicated to both self-criticism regarding the dangers of observational attributions and the potential for applied and practical social work. The framework ranges from the forthcoming observation to be carried out to the completed observation. It includes preparatory and reflective reflections, descriptions of types of observation and the evaluation of the results.

The appendix contains many practical examples, which offer much of the theory mentioned in the previous section in a vividly illustrative way, thereby providing patterns of action that enable a practical implementation of the observation method. This makes the publication ideal for students and practitioners in social work, while at the same time lecturers can offer comprehensible written research instructions.

Zusammenfassung

Dieses Buch greift die Beobachtungsmethode als Erhebungsinstrument interdisziplinärer Wissenschaftszweige auf, um diese für die Soziale Arbeit zu adaptieren. Dabei widmet es sich sowohl einer Selbstkritik im Hinblick auf die Gefahren von beobachtenden Zuschreibungen als auch den Potentialen für eine angewandte und praktische Sozialarbeit. Der Rahmen wird von der bevorstehenden, durchzuführenden, bis hin zur abgeschlossenen Beobachtung gespannt. Hierbei kommen sowohl vorbereitend-reflexive Überlegungen zum Tragen, als auch Beschreibungen von Beobachtungsarten und die Auswertung der Ergebnisse.

Im Anhang befinden sich einige Beispiele, die eine praktische Umsetzung der Beobachtungsmethode ermöglichen.