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II Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus in:

Johannes Otte

Erschöpftes Bewusstsein, page 7 - 16

Sichtbarkeit, Macht und Subjektivität in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Alex Garlands "Ex Machina"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4477-3, ISBN online: 978-3-8288-7508-1, https://doi.org/10.5771/9783828875081-7

Series: Literatur und Medien, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus ‚Die Erfindung des Menschen‘ Die Veröffentlichung von Der Sandmann (1816) fällt in eine Zeitspanne, die Foucault in Bezug zum humanistischen Menschenbild als Paradigmenwechsel beschreibt. In Die Ordnung der Dinge31 führt Foucault aus, dass im Zuge der aufklärerischen Philosophie der Mensch erstmals erkenntnistheoretisch ins Zentrum der Humanwissenschaften rückt.3233 Er beschreibt, dass um 1800 der Mensch als Kategorie zum ersten Mal als wissenschaftliches Objekt untersucht wird, der Mensch also gleichermaßen als erkennendes Subjekt sowie als Gegenstand der Wissenschaft, als Objekt des Wissens, in Erscheinung tritt.3435 Foucault kritisiert in diesem Zusammenhang allerdings auch die Vorgehensweise der Humanwissenschaften, da diese ihre Erkenntnisse als absolut und universal setzen und dadurch ihren „sekundären und abgeleiteten Charakter“,36 der sich aus der Unsicherheit und der Dezentrierung des Konzepts ‚Mensch‘ ergibt, nicht reflektieren würden. Foucault führt aus, dass der Status des Menschen als ‚freies‘ Subjekt seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts fraglich geworden ist. Er leitet diese These unter anderem aus dem philosophischen Verhältnis des Menschen zu Leben, Arbeit und der Benutzung von Sprache ab. Wie kann der Mensch dieses Leben sein, dessen Netz, dessen Pulsieren, dessen verborgene Kraft unendlich die Erfahrung überschreiten, die ihm davon unmittelbar gegeben ist? Wie kann er jene Arbeit sein, deren Erfor- II 1. 31 Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1991. 32 Vgl. Foucault: Die Ordnung der Dinge, S. 413. 33 Vgl. auch Sarasin: Michel Foucault – Zur Einführung, S. 84. 34 Vgl. Foucault: Die Ordnung der Dinge, S. 414. 35 Vgl. auch Tschugnall: ‚Der Mensch ist eine Erfindung‘, S. 251. 36 Foucault: Die Ordnung der Dinge, S. 418. 7 dernisse und Gesetze sich ihm als fremder Zwang auferlegen? Wie kann er das Subjekt einer Sprache sein, die seit Jahrtausenden ohne ihn gebildet worden ist […] innerhalb deren er von Anfang an sein Sprechen und sein Denken platzieren muss?37 Die erkenntnistheoretische Unsicherheit des Konzepts des ‚Menschen‘, die Foucault zufolge um 1800 stattfand, ergänzt er in Überwachen und Strafen um die auch um 1800 einsetzende Technik der Disziplinarmacht.38 Foucault beschreibt, dass die Machtmechanismen der Disziplinargesellschaft – wie in dem nächsten Kapitel ausgeführt werden wird – erst Subjekte hervorbringen und der Ausgangspunkt dieser Disziplinierung in Techniken der Sichtbarkeit liegt. Solche Verfeinerungen der Technologien des Sehens und des Beobachtens seien auch gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden und haben die Disziplinargesellschaft erst ermöglicht. Die Durchsetzung der Disziplin erfordert die Einrichtung des zwingenden Blicks: eine Anlage, in der die Techniken des Sehens Machteffekte herbeiführen und in der umgekehrt die Zwangsmittel die Gezwungenen deutlich sichtbar machen. Langsam bauen sich im Laufe des klassischen Zeitalters jene ‚Observatorien‘ der menschlichen Vielfältigkeit auf, denen die Wissenschaftsgeschichte so wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat. Neben der großen Technologie der Fernrohre, der Linsen, der Lichtkegel […] entstanden die kleinen Techniken der vielfältigen und überkreuzten Überwachungen, der Blicke, die sehen ohne gesehen zu werden.39 Die Entstehungszeit von Der Sandmann (entstanden 1815 und veröffentlicht 1816)40 fällt demnach mit einem Paradigmenwechsel der wissenschaftlichen Beschreibung des Menschen und gleichzeitig auch mit der Entstehung der Disziplinargesellschaft zusammen. Beide Aspekte, die Frage nach der Autonomie des Subjekts und eine Machtausübung, die sich auf die Disziplinierung durch Sichtbarkeit gründet, können in der Erzählung gefunden und beschrieben werden. 37 Foucault: Die Ordnung der Dinge, S. 390. 38 Vgl. auch Meschnig: Die Seele: Gefängnis des Körpers, S. 53. 39 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 221. 40 Vgl. Drux: Nachwort, S. 61. II Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus 8 Der Panoptismus Foucault prägte den Begriff des Panoptismus in seinem Buch Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses41 und leitete diesen aus der Architektur eines Gefängnisentwurfs von Jeremy Bentham ab. Das Panopticon, wie Bentham es konzipiert hatte, ist ein ringförmiges Gebäude, in dessen Mitte ein Überwachungsturm steht, der mit einem durchgehenden Fensterband ausgestattet ist, so dass die ihn umgebenden Mauern jederzeit betrachtet werden können.42 Dieses Ringgebäude, das den Turm kreisförmig umgibt, ist in gleichförmige Zellen unterteilt, die auf der Außenseite und der Innenseite (in Richtung des Turms) mit bodentiefen Fenstern ausgestattet sind, so dass beide Seiten der Zellen von Licht durchdrungen werden können und so immer erhellt sind. Zu den Seiten sind die Zellen vermauert, so dass keine Kommunikation zwischen den Inhaftierten stattfinden kann. Im Unterschied zu klassischen Gefängnissen sind die Gefangenen in dem Panopticon so einer ständigen, totalen Sichtbarkeit durch die Wächter in dem Mittelturm ausgesetzt. Die disziplinierende Wirkung des Panopticons ist somit ein Resultat aus der ständigen Sichtbarkeit der Zelleninsassen. Die Gefangenen fühlen sich zu jeder Zeit überwacht, auch und gerade weil sie nicht sicher wissen, ob sie beobachtet werden. Die Struktur des Panopticons evoziert so ein internalisiertes Gefühl der Sichtbarkeit in den Inhaftierten, das zu einer (Auto-) Disziplinierung führt. Damit die Überwachungsinstanz für die Inhaftierten nicht einsehbar ist, hat Bentham für das Fensterband des Mittelturms Jalousinen vorgesehen.43 Die Disziplinierung ist dadurch unabhängig von einer tatsächlichen Überwachung, die für den Überwachten immer diffus und nicht verifizierbar bleibt. Die Gestalt dieses Gefängnis automatisiert so ein Machtverhältnis, das die Überwachten gleichförmig parzelliert und die Instanz der Überwacher überflüssig bzw. willkürlich und spontan besetzbar macht. „Das Prinzip der Macht liegt weniger in einer Person als viel- 2. 41 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses, Suhrkamp, 1993. 42 Vgl. Foucault: Überwachen und Strafen, S. 256 ff. 43 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 258 f. 2. Der Panoptismus 9 mehr in einer konzertierten Anordnung von Körpern, Oberflächen, Lichtern und Blicken.“44 Skzizze des Panopticons von Jeremy Bentham Foucault sieht in der Machtstruktur, die das Panopticon aufgrund seiner Architektur entwickelt, das Prinzip eines Machtverhältnisses, das in den meisten Bereichen einer Gesellschaft zum Ausdruck kommt, also einem „verallgemeinerungsfähige[m] Funktionsmodell […], das die Abbildung 1: 44 Ebd., S. 259. II Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus 10 Beziehungen der Macht zum Alltagsleben der Menschen definiert.“45 Somit enthebt Foucault das Machtverhältnis, welches die architektonische Gestalt des Panopticons entwirft, den (disziplinierenden) Institutionen und überträgt es als ideales Machtinstrument auf den gesamten Gesellschaftskörper. Zwar beschreibt Foucault die Möglichkeiten der Anwendung der panopticalen Struktur in verschiedenen institutionellen Bereichen, wie Schulen, Krankenhäusern, Werkstätten etc., also Einschließungsmillieus, in denen eine Verhaltensveränderung hervorgerufen werden soll,46 aber sein Hauptanliegen bleibt das Prinzip des disziplinierenden diffusen Sichtbarkeitsgefühls, das eine Gesellschaft auch außerhalb einer offensichtlichen Überwachungssituation strukturiert.47 Der Panoptismus ist somit das verallgemeinerte Prinzip der Machtausübung, das sich aus dem Gefängnisentwurf von Bentham ergibt, welches sich aufgrund seiner egalitären Verteilung im ganzen Gesellschaftskörper ausbreitet. Wie in der Architektur des Gefängnisses vorgesehen, bleibt die überwachende Instanz opak und kann theoretisch von unterschiedlichen Akteuren der Gesellschaft ausgeübt werden. Entscheidend ist lediglich die Positionierung im Gesellschaftskörper. Die Disziplinierung wird somit demokratisiert, die „Ausübung der Macht [kann] von der gesamten Gesellschaft durchschaut und kontrolliert werden“.48 Das Prinzip dieses Machtmechanismus beruht auf der Unterscheidung des Paares Sehen und Gesehen-Werden. Die Gesellschaft wird ausgeleuchtet, internalisiert so das Gefühl des Gesehen- Werdens, während die beobachtende Instanz diffus im Verborgenen bleibt.49 Foucaults Panoptismus ist somit eine Modalität der Machtaus- übung in einer Gesellschaft, die er aus einer Technologie, einer Architektur, ableitet und die ohne institutionelle Verankerung immer in einer Gesellschaft waltet. Die Vorstellung einer Gesellschaft, in der keine Machtbeziehungen herrschen, bleibt demnach eine Abstraktion.50 45 Ebd., S. 263. 46 Vgl. ebd., S. 264. 47 Vgl. ebd., S. 266 f. 48 Ebd., S. 267. 49 Ebd., S. 274. 50 Vgl. Foucault: Subjekt und Macht, S. 289. 2. Der Panoptismus 11 Die Feststellung, dass eine Gesellschaft reziprok und multilateral seine eigene Disziplinierung betreibt und ausweitet, konturiert den Subjekt-Begriff Foucaults und dessen Blick auf Individualität. „Unsere Gesellschaft ist nicht eine des Schauspiels, sondern eine Gesellschaft der Überwachung. […] Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, die wir selber in Gang halten – jeder ein Rädchen.“51 Hier wird deutlich, was Foucault in seinem späteren Essay Subjekt und Macht52 noch einmal betont: Die Analyse der Machtverhältnisse und Machtphänomene in einer Gesellschaft ist zugleich eine Untersuchung, wie die Teilnehmer einer Gesellschaft zu Subjekten werden. Das Subjekt der Macht In dem Panoptismus ist jeder Teilnehmer einer Gesellschaft immer Überwacher und Überwachter zugleich. Er wird diszipliniert, bewirkt und multipliziert aber durch sein Reagieren und Handeln eine erneute Disziplinierung eines anderen. Das Machtverhältnis in einer Gesellschaft ist ein „dynamisches Geflecht von Beziehungen“53 und jede Unterwerfung und jeder Widerstand dagegen generieren neue Machtverhältnisse. Foucault beschreibt die Individuen eines Gesellschaftskörpers mehrfach als Unterworfene und den Panoptismus als eine Technologie zur Unterwerfung/Subjektivierung.54 Das Subjekt konstituiert sich demnach aus dem Verhältnis zwischen „Macht und Gegenmacht“55 und weniger aus einem Streben nach Freiheit und Autonomie. Das immer präsente panoptische Machtverhältnis in einer Gesellschaft bindet Individuen an ihre Identität und ordnet sie dadurch einer bestimmten Kategorie zu. Erst durch dieses Machtverhältnis werden 3. 51 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 278 f. 52 Foucault, Michel: Subjekt und Macht, In: Schriften in vier Bänden – Dits et Ecrits, Band IV – 1980–1988, Hrsg. Defert, D.; Ewald, F., Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2005, S. 269–294. 53 Sich, P.: Genealogie der Macht, S. 100. 54 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 283. 55 Sich, Peter: Genealogie der Macht, S. 102. II Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus 12 Individuen zu Subjekten.56 Subjekt ist hier einerseits als Unterwerfung unter eine gewisse Herrschaft und eine Abhängigkeit dieser gegenüber zu verstehen und andererseits als Subjekt, das durch „Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist. In beiden Fällen suggeriert das Wort eine Form von Macht, die unterjocht und unterwirft.“57 Foucault untersucht in seinem Essay auch die Möglichkeiten des Widerstandes gegen eine solche Subjektivierung, die immer auch eine Objektivierung der Individuen bedeutet.58 Inwiefern überhaupt eine Möglichkeit des Widerstandes gegen eine solche Subjektivierung stattfinden kann, bleibt in Überwachen und Strafen noch fraglich. Das komplexe panoptische Machtverhältnis, das zwangsläufig aus jeder, auch widerständigen, Bewegung und Handlung neue Machtausübungen generiert, suggeriert, dass es kein ‚Äußeres‘ zu diesem Machtverhältnis geben kann.59 In Subjekt und Macht stellt Foucault dann jedoch die Überlegung an, dass es verschiedene Subjektivitäten gibt und z.B. der Versuch unternommen werden kann, sich der Einordnung als Individuum einer Institution oder eines Staates zu entziehen.60 Es gibt demnach zwar kein Außerhalb des panoptischen Machtverhältnisses an sich, aber „ein Außerhalb der derzeit dominierenden Machtformen.“61 Foucault sieht demnach die Möglichkeit, dass ein Subjekt, welches sich seines Status‘ als unterworfenes Subjekt bewusst ist und die Machtbeziehungen versteht, die es von einem Individuum zu einem Subjekt machen, den Versuch unternehmen kann, sich gegen eine bestimmte Form der Subjektivierung aufzulehnen: „Wir müssen nach neuen Formen der Subjektivität suchen und die Art von Individualität zurückweisen, die man uns seit Jahrhunderten aufzwingt.“62 Subjektivität ist demnach erst nach einem Moment der Unterwerfung zu denken, aber in dem Bewusstsein seines eigenen Status als unterworfenes 56 Foucault: Subjekt und Macht, S. 275. 57 Ebd. 58 Vgl. ebd., S. 276. 59 Vgl. Sich, Peter: Genealogie der Macht, S. 99. 60 Vgl. Foucault: Subjekt und Macht, S. 280. 61 Sich, Peter: Genealogie der Macht, S. 99. 62 Foucault: Subjekt und Macht, S. 280. 3. Das Subjekt der Macht 13 Subjekt scheint eine gewisse Form des Widerstandes gegen die eigene Kategorisierung möglich zu sein. Um die Möglichkeit eines Widerstandes gegen eine Subjektivierung auszuloten unterscheidet Foucault die Machtbeziehungen von bloßen Gewaltausübungen. Eine Gewaltausübung wirkt immer direkt auf Körper oder Gegenstände ein. Gewalt erfordert demnach ein unmittelbares bestimmtes Resultat und lässt, was dieses angestrebte Resultat angeht, keine Alternativen zu.63 Als Beispiel hierfür führt Foucault die Sklaverei an, deren Machtausübung immer als physische Gewalteinwirkung eingeordnet werden muss, da es kein Handlungsfeld der Unterworfenen gibt und nur die Möglichkeit einer Fügung besteht, will man sich nicht körperlicher Gewalt aussetzen.64 Eine Machtbeziehung hingegen betrachtet das Gegenüber, auf welches Macht angewendet wird, immer als handelndes Subjekt.65 Die Reaktion auf die Machtausübung bleibt demnach vielschichtig, es eröffnet sich „ein ganzes Feld möglicher Antworten, Reaktionen, Wirkungen und Erfindungen“.66 Machtausübungen sind also Handlungen, die sich auf ein handlungsfähiges Subjekt beziehen. Foucault beschreibt Machtausübungen folglich als Formen der Führung und Regierung, die als Konsequenz ein neues Handlungsfeld schaffen.67 Dieses Handlungsfeld impliziert verschiedene Reaktionen auf eine Machtausübung. Deshalb erfordert eine Machtausübung ‚freie Subjekte‘, auf welche die Macht angewendet werden kann. Dass Subjekte als ‚frei‘ betrachtet werden müssen, um sich in einem panoptischen Machtverhältnis zu befinden, führt zu der paradoxal anmutenden Feststellung, dass Freiheit eine Voraussetzung für die Möglichkeit einer Unterwerfung unter eine Machtausübung darstellt.68 Die beschriebene Freiheit bezieht sich jedoch nur auf den Handlungsspielraum, der dem unterliegenden Subjekt in einer Machtbeziehung eingeräumt sein muss und ändert nichts an der Feststellung, dass jedem Subjekt immer der Status des Unterworfen-Seins voraus- 63 Vgl. ebd., S. 285. 64 Vgl. ebd., S. 287. 65 Vgl. ebd. 66 Ebd. 67 Vgl. ebd., S. 286. 68 Vgl. ebd. II Foucault: Der Mensch als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus 14 geht. Als Definitionsansatz von Macht bleibt festzuhalten, dass Macht immer das Handlungsfeld eines Subjekts strukturiert.69 Foucaults Analyse von Machtphänomen nimmt seinen Ausgangspunkt in der Verallgemeinerung des Überwachungs-Prinzips von Benthams Panopticon, dessen technologische Struktur er als Modus der Machtbeziehungen einer Gesellschaft beschreibt. Es gibt demnach kein Äußeres zu diesem Machtverhältnis, Macht bildet „keine zusätzliche Struktur oberhalb der ‚Gesellschaft‘“.70 Die internalisierte Sichtbarkeit der Teilnehmer einer Gesellschaft bleibt die Basis des Machtverhältnisses. Foucaults Analyse von den Machtverhältnissen in einer Gesellschaft ist demnach auch eine Analyse von Subjektivierungssprozessen. Diese Form der „neuzeitliche[n] Subjektivität“71 fußt zunächst auf einem internalisierten Sichtbarkeitsgefühl des Individuums. Dieser Status eines sich permanent beobachtet fühlenden Individuums ist das Prinzip des Machtverhältnisses einer Gesellschaft, das diffus ist und disziplinierend wirkt. Das Individuum erlangt erst nach Unterwerfung unter die permanenten Machtverhältnisse einer Gesellschaft Subjektivität, welche als zwanghafte Bindung und Identifizierung mit der eigenen Identität beschrieben werden kann.72 Foucaults Subjektbegriff ist somit ein Resultat aus der Unterwerfung unter Machtverhältnisse einer Gesellschaft, deren Funktionieren auf einem allgegenwärtigen Sichtbarkeitsgefühl beruht. Sichtbarkeit, Macht und Subjektivität bedingen sich in dieser Theorie also gegenseitig. Der abgebrochene Subjektivierungsprozess Nathanaels in Der Sandmann kann anhand der Beleuchtung von Aspekten der Sichtbarkeit und der daraus resultierenden Machtausübung zu beschreiben versucht werden. 69 Vgl. ebd., S. 288. 70 Ebd., S. 289. 71 Sich: Foucault: eine Einführung, S. 103. 72 Vgl. Sich: Foucault: eine Einführung, S. 103. 3. Das Subjekt der Macht 15

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References

Abstract

Almost 200 years have passed since the publication of E.T.A. Hoffmann's Der Sandmann and Alex Garland's science fiction film Ex Machina. And yet both ask amazingly similar questions about human integrity in the face of artificial intelligence. The humanoid machines act as objects of reflection, from which it can be seen that the essence of human beings is always only contoured in an omnipresent network of power relations and by imitating normative behavior patterns. These power relations and performative acts are discussed in more detail in this work, among other things, by referring back to the concepts of panoptism and performativity. Posthuman subjects are thus negotiated as both a danger and an enlightenment for the human being.

Zusammenfassung

Fast 200 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Alex Garlands Science-Fiction-Film Ex Machina. Und doch stellen beide verblüffend ähnliche Fragen zu der Integrität des Menschen im Angesicht einer künstlichen Intelligenz. Die humanoiden Maschinen fungieren als Reflexionsgegenstände, an denen abgelesen werden kann, dass sich das Wesen des Menschen immer erst in einem allgegenwärtigen Geflecht aus Machtbeziehungen und aus dem Nachahmen normativer Verhaltensmuster konturiert. Diese Machtverhältnisse und performativen Akte werden in dieser Arbeit unter anderem durch einen Rückbezug auf die Konzepte des Panoptismus und der Performativität näher erörtert. Posthumane Subjekte werden somit gleichermaßen als Gefahr wie auch Erhellung für das menschliche Wesen verhandelt.