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IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? in:

Johannes Otte

Erschöpftes Bewusstsein, page 33 - 44

Sichtbarkeit, Macht und Subjektivität in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Alex Garlands "Ex Machina"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4477-3, ISBN online: 978-3-8288-7508-1, https://doi.org/10.5771/9783828875081-33

Series: Literatur und Medien, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Debatten in Der Sandmann In Maschinenmenschen stellt Frank Wittig dar, dass Hoffmann in Der Sandmann thematisch und auch in der Namensgebung der Wissenschaftler Bezug zu den Naturwissenschaftlichen Diskursen des 18. und 19. Jahrhunderts nimmt. Der Physikprofessor Spalanzani scheint somit ein literarischer Wiederläufer des Embryologen Lazzaro Spallanzani (1729–1799), dem als erster Wissenschaftler die künstliche Befruchtung eines Tieres gelang.130 Die künstliche Animation eines Automaten in Der Sandmann scheint an dessen Versuche und Experimente angelehnt zu sein. E.T.A. Hoffmann hat immer wieder bedeutende Vertreter des Wissenschaftsgeschichte in seinen Werken auftreten lassen und ihre Namen jeweils um einen Buchstaben vermehrt oder vermindert: So treten die bedeutenden holländischen Naturforscher Leeuvenhoek und Swammerdam in Hoffmanns Meister Floh als Leuvenhoek und Swammerdamm auf.131 Auch den Naturwissenschaftler Lorenz Oken (1779–1851) sieht Wittig in Coppolas Ausruf „Sköne Oken“ wiederkehren, der einen wissenschaftlichen Disput mit Goethe in Fachzeitschriften austrug und sich unter anderem einer spekulativen Lichtphysik widmete, die einen Zusammenhang zwischen der Struktur und des Ausdrucks des Lichts mit der Struktur des menschlichen Nervensystems behauptete.132 Erst vor IV 1. 130 Vgl. Wittig: Maschinenmenschen, S. 66. 131 Wittig: Maschinenmenschen, S. 68. 132 Vgl. Wittig: Maschinenmenschen, S. 71. 33 dem Hintergrund der magischen Naturphilosophie Okens seien die metaphysischen Aspekte in Der Sandmann gänzlich zu würdigen.133 Die Animation Olimpias durch den Blick Nathanaels oder die manipulierte Sichtweise Nathanaels durch Coppolas Ferngläser können im Sinne Okens als eine direkte Übertragung innerer Prozesse (des Nervensystems) über das Medium des Lichtstrahls durch das Auge auf ein Objekt verstanden werden. „In dieser ‚Kontinuation des Lichtprozesses vom Hirn durch das Auge, […] längs des Lichtstrahls‘ tritt uns die physikalische/metaphysische Grundvorstellung entgegen, auf der Hoffmanns fiktive opto-psychische Technologie basiert.“134 Der Einfluss wissenschaftlicher Theorien auf die Handlung in Der Sandmann kommt für Wittig auch in der Beschreibung der „flammenden Blicke“ Nathanaels und seines „zündenden Liebesblicks“ zum Ausdruck, die er auf die 1800/01 entdeckten ultravioletten und infraroten Strahlen im Spektrum weißen Lichts zurückführt.135 „Das Perspektiv als optisches Interface und die künstlichen Augen der Automate als Akkumulatoren für die geborgte Seelenenergie haben […] im Zusammenhang mit dem Motiv des künstlichen Menschen […] konkrete technoide Präsenz.“136 Der Einfluss zeitgenössischer Naturwissenschaft auf die Handlung und die damit einhergehende Verquickung von ‚Science‘ und ‚Fiction‘ findet also auch subtil und nicht nur durch das Sujet des menschlichen Automaten Eingang in die Erzählung. Foucaults Feststellung, dass die Erfindung und Weiterentwicklung optischer Instrumente mit dem Einsetzen der beobachtenden Blicke der Disziplinarmacht einherging, findet auch in dem Auftreten der unterschiedlichen Sehhilfen Coppolas Eingang in die Erzählung.137 Brandes sieht in Coppelius/Coppola einen „medientechnologischen Magier“138 und in dessen Perspektiv-Geräten Wiedergänger der Laterna Magica und der Camera Obscura.139 Die Manipulation der Wahrnehmung Nathanaels kann so als phantasmagorische Praktik verstanden 133 Vgl. Wittig: Maschinenmenschen, S. 68. 134 Wittig: Maschinenmenschen, S. 71. 135 Vgl. Wittig: Maschinenmenschen, S. 70. 136 Wittig: Maschinenmenschen, S. 73. 137 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 221. 138 Brandes: Optische Täuschungen, S. 129. 139 Vgl. ebd. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 34 werden, durch die Olimpia als Geistererscheinung hervorgerufen wird.140 Die wohl augenscheinlichste technologische Entwicklung zu Hoffmanns Lebenszeit, die prominent in der Erzählung aufgegriffen ist, bildet der Automat. Hoffmann hatte sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Sandmanns schon seit über zehn Jahren mit menschenähnlichen Automaten auseinandergesetzt und hatte diese als Sujet bereits in seiner 1814 erschienenen Erzählung Die Automate verwendet.141 In Ausstellungen und auf Jahrmärkten hatten solche Automaten schon Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Publikum gefunden, besonders die Automaten von Jacques Vaucanson (1709–1786) erfreuten sich großer Beliebtheit in der Bevölkerung.142 Aber auch zur Entstehungszeit des Sandmanns schien das Interesse an Automaten noch nicht gänzlich abgeebbt, „so waren beispielsweise die Automaten der Jaquet- Droz gleichwohl noch 1825 auf der Pariser Weltausstellung vertreten und in den Jahren 1880–1881 in Köln und Dresden zu sehen.“143 Ein Automat, der besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, war der von Wolfgang von Kempelen (1734–1804) konstruierte ‚Schachtürke‘ (1768).144 Er bestand aus einem Tisch mit Schachbrett, an dem ein menschenähnlicher Automat saß und mit jedem Herausforderer eine Partie spielte. Der ‚Automat‘ schlug die meisten auch geübten seiner Gegner und rief so Erstaunen und Anerkennung in der Bevölkerung hervor, da in ihm eine maschinell konstruierte Form menschlicher Vernunft gesehen wurde.145 Dass in dem Automaten ein Mensch und Schachspieler versteckt war, wurde erst spät herausgefunden und beförderte den Skeptizismus gegenüber menschenähnlichen Automaten, eine Diskussion, die in Der Sandmann mit der gesellschaftlichen Diskussion über den Umgang mit roboterartigen Automaten auch aufgegriffen worden zu sein scheint. „Mit dem ‚Türken‘ beginnt schon die Zeit des Niedergangs der Automatenkultur. Immer mehr vergleichbare Trickautomaten tauchen auf, deren Fähigkeit […] auf der Manipulati- 140 Vgl. ebd. 141 Vgl. Tabbert: Menschmaschinengötter, S. 110. 142 Vgl. ebd., S. 111. 143 Ebd. 144 Wittig: Maschinenmenschen, S. 55. 145 Vgl. ebd., S. 56. 1. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Debatten in Der Sandmann 35 on durch ihren Betreiber […] beruhen, und bringen die Androiden [dadurch] in Verruf.“146 Auch über die Erschaffung eines künstlichen Menschen hinaus kann demnach durch verschiedene Motive in Der Sandmann eine Genre-Zuweisung als Science-Fiction gerechtfertigt werden. Im Folgenden sollen noch einige Motive dargestellt werden, welche die These, dass es sich bei Der Sandmann um eine frühe Science- Fiction-Erzählung handelt, stützen und beschreiben, dass die Erzählung als ein prämedialer Vorgänger des Films Ex Machina betrachtet werden kann. Der Turing-Test in Der Sandmann Die Annäherung zwischen Nathanel und Olimpia in Der Sandmann kann als eine frühe literarische Darstellung eines Turing-Tests gelesen werden. Das von Spalanzani und Coppelius arrangierte Aufeinandertreffen der Beiden diente schließlich auch dem Zweck festzustellen, ob der Student herausfindet, dass es sich bei Olimpia um einen Automaten und keinen Menschen handelt. Allen Turing hatte einen solchen Test in den 1950er Jahren formuliert,147 der die Frage beantworten sollte, ob einer Maschine menschliches Bewusstsein zuerkannt werden könnte.148 Der von Turing ‚the imitation game‘ genannte Test war so konzipiert, dass ein Mensch und eine Maschine räumlich voneinander getrennt per Teleprompter miteinander kommunizieren und der Mensch am Ende der Kommunikation entscheiden soll, ob es sich bei seinem Gegenüber um Mensch oder Maschine gehandelt hat.149 Die Kriterien für die Feststellung menschlichen Bewusstseins werden in der Forschung bis heute kontrovers diskutiert. Der Philosoph Thomas Metzinger hat in seiner Weiterentwicklung des Turing-Tests, dem Metzinger-Test, das Vorhandensein von ‚Self-Consciousness‘, also einer Maschine die sich ihrer eigenen Existenz bewusst ist als zentralen 2. 146 Ebd., S. 57. 147 Vgl. Turing: Computing Machinery and Intelligence, 1950. 148 Vgl. Donders: On the possibility of thinking machines, S. 116. 149 Ebd. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 36 Aspekt eines menschlichen Bewusstseins hervorgehoben.150 Als Kriterium für das Bestehen des Metzinger-Tests sieht dieser die Fähigkeit einer Künstlichen Intelligenz an, argumentativ über das eigene Bewusstsein zu reflektieren und in „die Diskussion um künstliches Bewusstsein einzugreifen“.151 Dies würde ausdrücken, dass ‚Bewusstsein‘ als Konzept für die Maschine selbst zu einem Problem geworden sei.152 Entscheidend für die Beurteilung von menschlichem Bewusstsein scheint darüber hinaus zu sein, dass der Befragte kulturelle Praktiken befolgt und den kulturellen Kontext eines Gesprächs einzuordnen weiß.153 Wie z.B. reagiert der Befragte auf Witze, kann eine Geschichte über sich selbst erzählt werden, wie wird eine eigene Meinung formuliert und argumentiert.154 Wendet man diese Kriterien auf die Interaktion Nathanels mit Olimpia an, müsste sich der Automaten-Status der Holzpuppe eigentlich schnell offenbaren. Sie ist selbst nie Sprachführerin und kann auf die Auslassungen Nathanaels ausschließlich mit der Interjektion „Ach“ und dem Satz „Gute Nacht, mein Geliebter“155 antworten. Dass der Student dennoch einen Menschen in der Puppe zu sehen meint, scheint in der Projektion seines eigenen Wunsches nach Subjektivität begründet zu sein.156 Das fehlende Bewusstsein Olimpias wird von Nathanel mit der Projektion seines eigenen Gefühlslebens ausgefüllt, „er projiziert sich in die innere Leere der Puppe.“157 Die Zuerkennung von Bewusstsein ist in Der Sandmann demnach das Resultat einer sich autonom wähnenden Selbstbespiegelung, die letztlich in eine „wahnhafte Isolation“158 führt. 150 Vgl. Donders: On the possibility of thinking machines, S. 119. 151 Metzinger: Postbiotisches Bewusstsein, S. 87. 152 Vgl. ebd. 153 Vgl. Donders: On the possibility of thinking machines, S. 122. 154 Ebd. 155 Vgl. Hoffmann, Der Sandmann, S. 113 und Drux: Marionette Mensch, S. 88. 156 Greschonig: Divination Lost, S. 351. 157 Drux: Marionette Mensch, S. 90. 158 Schmidt: Die Krise der romantischen Subjektivität, S. 365. 2. Der Turing-Test in Der Sandmann 37 Künstliche Menschen Das Motiv der künstlichen Erschaffung eines menschlichen Wesens reicht bis zu den Anfängen der Literatur zurück. Der Pygmalionmythos in Ovids Metamorphosen, aber auch die biblische Schöpfung Evas aus einer Rippe Adams können als Beispiele einer langen Tradition angeführt werden.159 Die Schöpfung eines Menschen als Merkmal einer Science-Fiction Genre-Zuweisung zu betrachten wäre jedoch verkürzt.160 Erst die Einbeziehung von Wissenschaft in die künstliche Schöpfung eines Menschen würde das Kriterium erfüllen einen literarischen Text der Science-Fiction zuordnen. Mary Shelleys Frankenstein oder der in einem Laborexperiment entstehende Homunculus in Faust II würden diesem Kriterium entsprechen.161 Allerdings ist die Figur des Homunculus nicht prägend für die Handlung des Faust II, wohingegen Frankensteins Monster thematisch den Kern von Shelleys Roman ausmacht. So würde man den Homunculus eher als Science-Fiction Motiv betrachten, Frankenstein aber als frühen Science-Fiction Roman einordnen.162 Die künstliche Schöpfung der Puppe Olimpia ist in diesem Sinne mit der Erschaffung Frankensteins Monsters vergleichbar. Sie ist eindeutig das Resultat eines wissenschaftlichen Experiments – Spalanzani erschuf ihre Motorik und Gestalt und Coppelius/Coppola ihre Augen – und sie bildet den thematischen Angelpunkt in Der Sandmann. Die im vorangegangenen Kapitel dargestellte Einbeziehung naturwissenschaftlicher Debatten und Kenntnisse zur Zeit der Entstehung der Erzählung stellt zudem eine „SF-typische Extrapolation des zeitgenössischen Wissenstandes dar.“163 Ein weiterer Aspekt, der die Erzählung dem Genre der Science- Fiction zuordnet, ist die gesellschaftliche Diskussion zum Umgang mit der neu entstandenen Technik. Spalanzani wird, nachdem die Künstlichkeit seiner vorgeblichen Tochter Olimpia publik wird, von der Uni- 3. 159 Vgl. auch Lange: Einführung in die Filmwissenschaft, S. 116. 160 Vgl. Kreuzer: Künstliche Menschen und menschliche Künstlichkeit, S. 32. 161 Vgl. ebd. 162 Vgl. ebd., S. 33. 163 Ebd., S. 37. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 38 versität entlassen, da sich die Gesellschaft eines bewussten Täuschungsversuchs ausgesetzt sieht.164 Interessant ist auch, dass rückblickend analysiert wird, wie der Android in die Gesellschaft integriert wurde und dass gewisse Züge der Künstlichkeit des vermeintlichen Menschen hätten erkannt werden können. Der Erzähler beschreibt, dass Juristen die Täuschung der Gesellschaft als „feinen und umso härter zu bestrafenden Betrug“165 ansehen, da niemand den Androiden als solchen hätte erkennen können. In der Gesellschaft selbst wird aber spekuliert, dass das Gähnen Olimpias der Moment gewesen sein könnte, in dem ihr Triebwerk neu aufgezogen worden sein könnte.166 Das ganze Vorkommnis hat zur Folge, dass ein „abscheuliches Mißtrauen gegen menschliche Figuren“167 in der Gesellschaft entsteht. Von Frauen würde seitdem erwartet, dass sie nicht ganz zu (roboterartig) rythmisch tanzen und zu exakt singen sollen und dass in ihrem „Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden“168 festzustellen sein soll. Die Künstlichkeit der Androiden soll durch menschliche Fehlerhaftigkeit zum Vorschein gebracht und so angezeigt werden können.169 In dieser Diskussion kommt das Streben nach einem Wunsch der Verifizierbarkeit von menschlicher Subjektivität zum Ausdruck. Auch wenn diese Beschreibung des gesellschaftlichen Umgangs mit künstlicher Intelligenz durchaus als „sarkastische Gesellschaftskritik“170 verstanden werden kann, zeigt sich deutlich, dass die Erzählung ein Problembewusstsein thematisiert, was den Einfluss neuartiger Technologien auf die Gesellschaft betrifft. „Durch das Motiv des künstlichen Menschen werden die Gefahren aufgezeigt, die in einer menschlichen Künstlichkeit liegen. [Der Sandmann steht somit] am Anfang einer zukunftskritisch ausgerichteten SF-Genretradition“.171 164 Vgl. Hoffmann: Der Sandmann, S. 115. 165 Ebd. 166 Vgl. ebd. 167 Ebd., S. 116. 168 Ebd. 169 Vgl. auch Kreuzer: Künstliche Menschen und menschliche Künstlichkeit, S. 38. 170 Ebd. 171 Kreuzer: Künstliche Menschen und menschliche Künstlichkeit, S. 39. 3. Künstliche Menschen 39 Künstliche Intelligenz und Subjektivität Ein weiterer zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Bezug in Der Sandmann stellt die anthropologische Auffassung des Menschen als Maschinenwesen dar. Der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) vertrat in seinem Werk L‘homme machine (1748) die Auffassung, dass der Mensch in seiner Materialität einer Maschine gleiche und auch die Einbildungskraft nur ein Resultat der mechanischen Materie des Körpers sei.172 Der Mensch sei dadurch nicht mehr als eine ‚erleuchtete‘ Maschine, deren Bewegungsablauf eine Konsequenz der „Selbstreizbarkeit der Muskelfasern“173 sei, die wiederum Gefühle und letztlich auch Vernunft evoziere. „Mechanisches Wissen wurde auf diese Weise zu einem hermeneutischen Schlüssel für das Verständnis des menschlichen Lebens überhaupt.“174 Die These, dass der Mensch über einen maschinenhaften Aufziehmechanismus verfüge, scheint in Der Sandmann aufgegriffen zu sein, wenn in der gesellschaftlichen Diskussion über Olimpia spekuliert wird, dass ihr Gähnen, also ein menschlicher Impuls, der Moment gewesen sein könnte, in dem ihr inneres Triebwerk aufgezogen würde. Die Frage, wie maschinenhaft der Mensch an sich ist, wird in der Erzählung aber auch durch die Ununterscheidbarkeit von Mensch und Maschine verhandelt. Wie beschrieben wird Nathanael durch die mechanischen Perspektive von Coppola fremdgesteuert, der Mensch also als mechanisch determinierbar dargestellt. Letztlich stürzt Nathanael sich dann auch wie auf Befehl von Coppola in den Tod.175 Auch die wiederkehrende Iteration von Nathanaels Wahnsinnsausrufen „Feuerkreis – Feuerkreis“ und „Holzpüppchen dreh Dich“, die er nach der Zerstörung Olimpias und vor seinem Gewaltausbruch gegen Clara äu- ßert, tragen Züge einer maschinenartigen Wiederholungsschleife. Noch bevor Nathanael sich über das künstliche Wesen Olimpias bewusst wird, bezeichnet er Clara in einem Wutanfall als Automaten. Nachdem er dieser sein Gedicht vorgetragen hatte, welches sie darauf- 4. 172 Vgl. Tabbert: Menschmaschinengötter, S. 124. 173 Ebd. 174 Brandes: Optische Täuschungen, S. 134. 175 Vgl. Kirchmeier: Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur, S. 170. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 40 hin als „unsinnige[s] – wahnsinnige[s] Mährchen“176 bezeichnet, dass er vernichten solle, wendet er das erste Mal Gewalt gegen sie an. „Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: Du lebloses, verdammtes Automat!“177 Christian Kirchmeier hat angemerkt, dass Clara als Repräsentantin der Aufklärung verstanden werden kann, welche aus Sicht des Romantikers Nathanael den Menschen nicht befreit und zu Selbstbestimmung führt, sondern nur eine „besonders ausgefeilte Apparatur“178 darstellt. Nicht nur Olimpia ist demnach klar als Automat auszumachen, auch Clara und Nathanael selbst weisen in ihrer Menschlichkeit maschinenartige Momente auf. „Liest man den Text […] genauer, ist gar nicht mehr so klar, wer eigentlich kein Automat ist.“179 Diese Feststellung gilt mit Vorbehalten auch für die Figur Coppelius/Coppola. Dieser scheint mit dem Schluss der Erzählung die Figur zu sein, welche ihr selbstbestimmtes Ziel erlangt und daraufhin wieder unerkannt zurück in die Gesellschaft verschwindet. Wenn die versammelte Menge den tobenden Nathanael von dem Turm herunter holen möchte, entgegnet Coppelius/Coppola „‘ha ha – wartet nur, der kommt schon herunter von selbst‘“,180 woraufhin Nathanael sich herabstürzt. Folgt man allerdings der Lesart, dass es sich bei Coppelius/Coppola um das panoptische Machtprinzip in einer Gesellschaft handelt, ist dieser wiederum auch als ein technisches Konstrukt zu verstehen. Diese Äquivalenzbeziehung von Coppelius/Coppola zu Machtmechanismen, die auf seiner Funktion als Sichtbarkeitsmotiv beruhen, wird auch von Clara angezeigt, wenn sie ihn als „böses feindliches Prinzip“181 bezeichnet und ihn damit von einem Menschen auf eine gesellschaftliche Funktion reduziert. Die Ununterscheidbarkeit von Mensch und Maschine, die in dem Wahnsinnsanfall Nathanaels beim Anblick der herausgerissenen Au- 176 Hoffmann: Der Sandmann, S. 103. 177 Ebd. 178 Kirchmeier: Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur, S. 170. 179 Kirchmeier: Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur, S. 169. 180 Hoffmann: Der Sandmann, S. 118. 181 Hoffmann: Der Sandmann, S. 100. 4. Künstliche Intelligenz und Subjektivität 41 gen Olimpias kulminiert, scheint demnach bereits in anderen Figuren der Erzählung angelegt zu sein. In der vermeintlichen Menschlichkeit des Automaten Olimpia ist somit schon eine frühe literarische Auseinandersetzung des Menschen mit einem posthumanen Subjekt angelegt. Olimpia wird ‚zum Leben erweckt‘, wenn Nathanael sie durch das Perspektiv von Coppola betrachtet und so versucht sein Begehren nach eigener menschlicher Subjektivität auf sie zu projizieren.182 In Bezug zu Foucaults Machttheorie kann man sagen, dass Olimpia durch den panoptischen Blick Nathanaels – da er sie durch das Fernglas des Panopticons ‚Coppelius‘ ansieht – Teil der Disziplinargesellschaft wird und in Folge dessen Subjektivität erlangt. Der Blick Nathanaels kann so als schöpferischer Akt verstanden werden. „Nicht mehr nur Spalanzani und Coppola sind demnach die Schöpfer der Automate Olimpia, sondern Nathanael ist es, der die Maschine durch seinen divinatorischen Blick zum Leben erweckt.“183 Die Erzählung beschreibt demnach, dass die Innenwelt des Menschen durch eine Maschine repliziert werden kann.184 Die Indifferenz von Mensch und Maschine wirft einerseits die Frage auf, wie maschinenhaft der Mensch ist, aber auch die Frage, wie menschlich die Maschine werden kann. „Die gesellschaftskritische Dimension der Realität gewordenen Sciencefiction enthüllt sich in ihrem Kern als philosophische Frage nach dem Wesen des Menschen.“185 Der Sandmann kann so als eine frühe Science-Fiction typische Technologiekritik und Diskussion um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie auf das Menschenbild verstanden werden. Die Verhandlung der anthropologischen und technischen Debatten des 18. Jahrhunderts in der Erzählung weisen somit schon auf die „Androiden aus Alien- oder Terminatorfilmen des 20. und 21. Jahrhunderts“186 hinaus. Die Verschiebungen bezüglich des Menschenbildes […] lassen sich somit gerade aufgrund der Austauschbarkeit von Mensch und Maschine in 182 Vgl. auch Greschonig: Divination Lost, S. 351. 183 Greschonig: Divination Lost, S. 350. 184 Vgl. Tabbert: Menschmaschinengötter, S. 171 f. 185 Lange: Einführung in die Filmwissenschaft, S. 116. 186 Thums: Absorptionen und Transformationen anderer Texte und Medien in ‚Der Sandmann‘, S. 156. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 42 Hoffmanns Erzählung als kritische Stellungnahme zu einem bis in die Gegenwart hinein einflußreichen Menschenbild verstehen.187 In seinem Aufsatz Divination Lost188 stellt Steffen Greschonig einen thematischen Bezug zwischen Der Sandmann und Ridley Scotts Blade Runner (1982) dar. Er führt aus, dass Hoffmanns Erzählung, besonders in seiner Darstellung eines fragilen Menschenbilds und unsouveränen Subjekts, als literarischer Vorläufer dieses Science-Fiction Films verstanden werden kann.189 Die anthropologische Ausdifferenzierung des Konzepts des Menschen bei Hoffmann, welches auch aus der humanwissenschaftlichen Beleuchtung des Menschen in der Sattelzeit herrührte, würde in Blade Runner erneut verhandelt.190 Die humanistische Frage nach dem Wesen des Menschen sei reflektorisch an dem Beispiel von „Automate, der Menschmaschine, des Roboters, Androiden oder Cyborgs“191 nachvollzogen. Die künstlichen Menschen oder menschenähnlichen Maschinen würden so immer die Frage nach der Integrität und der Ontologie des Subjekts stellen. Im literarischen Gegendiskurs gilt […] je leistungsfähiger und ähnlicher die Maschine dem Menschen (oder der Mensch der Maschine) wird, sieht sich die vermeintliche Krone der Schöpfung auch die eigene Insuffizienz als subjektive Einheit um so eindringlicher vor Augen geführt. Die Labilität des Menschen als epistemologischer Entwurf macht es dem vermeintlichen Gattungswesen zunehmend schwer zu unterscheiden, wo denn eigentliche die Grenze zwischen ihm und der Maschine im Sinne einer integrativen subjektiven Einheit liegen könnte.192 Greschonik sieht in der Verwendung des Motivs der Augen als Erkenntnisorgan eine weitere Parallele der beiden Geschichten, die auf eine posthumane Subjektivierung vorausweist. In dem Moment, wo Nathanael sich des Automatenwesens Olimpias bewusst wird, werden ihm die herausgerissenen Augen der Puppe an die Brust geschmissen und Olimpia so die imaginierte Einsichtskraft geraubt.193 In Blade 187 Tabbert: Menschmaschinengötter, S. 173. 188 Greschonig, Steffen: Divination Lost: Blickauslöschung von Geschöpf und Schöpfer in E. T. A. Hoffmanns Sandmann und Ridley Scotts Blade Runner, 2005. 189 Vgl. Greschonig: Divination Lost, S. 345. 190 Ebd., S. 346. 191 Ebd. 192 Ebd. 193 Ebd., S. 345. 4. Künstliche Intelligenz und Subjektivität 43 Runner sei die Passage chiastisch verkehrt, wenn „die Maschine in Form des Replikanten […] seinen Schöpfer erst blendet und schließlich gar tötet, indem er ihm die Augen in den Schädel drückt.“194 Die Unterscheidung zwischen dem Wesen von Mensch und Maschine hat somit in Hoffmanns Erzählung und in Scotts Film „im Auge einen fundamentalen Bezugspunkt.“195 Blade Runner stellt somit die konkrete Frage nach der evolutionären Vorherrschaft des Menschen. Eine Frage, die in Der Sandmann noch subtil verhandelt wird. Welchen Blick kann der Mensch […] in die Welt schweifen lassen, wenn er Furcht haben muß, daß die wahre Einsicht, das erkennende Sehen möglicherweise bald nurmehr die Maschinen haben werden; daß jene von ihm geschaffenen Geschöpfe (nicht nur) den Blick gegen ihren Schöpfer richten, sondern sich selbst als neue Krone einer Schöpfung […] definierend, ihm gar den Rang ablaufen könnten?196 Auch Alex Garlands Science-Fiction Film Ex Machina (2015) weist viele Gemeinsamkeiten mit Der Sandmann auf. Einerseits können auf Handlungsebene viele Parallelen zu Hoffmanns Erzählung aufgezeigt werden, aber auch in Bezug zu der Frage, wie menschliche Subjektivität konstruiert wird und von einer künstlichen Intelligenz repliziert werden kann, bietet der Film Antworten an, die in Der Sandmann bereits vorgezeichnet zu sein scheinen. 194 Ebd. 195 Ebd., S. 346. 196 Ebd., S. 346 f. IV Der Sandmann – Ein früher Science-Fiction-Roman? 44

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References

Abstract

Almost 200 years have passed since the publication of E.T.A. Hoffmann's Der Sandmann and Alex Garland's science fiction film Ex Machina. And yet both ask amazingly similar questions about human integrity in the face of artificial intelligence. The humanoid machines act as objects of reflection, from which it can be seen that the essence of human beings is always only contoured in an omnipresent network of power relations and by imitating normative behavior patterns. These power relations and performative acts are discussed in more detail in this work, among other things, by referring back to the concepts of panoptism and performativity. Posthuman subjects are thus negotiated as both a danger and an enlightenment for the human being.

Zusammenfassung

Fast 200 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Alex Garlands Science-Fiction-Film Ex Machina. Und doch stellen beide verblüffend ähnliche Fragen zu der Integrität des Menschen im Angesicht einer künstlichen Intelligenz. Die humanoiden Maschinen fungieren als Reflexionsgegenstände, an denen abgelesen werden kann, dass sich das Wesen des Menschen immer erst in einem allgegenwärtigen Geflecht aus Machtbeziehungen und aus dem Nachahmen normativer Verhaltensmuster konturiert. Diese Machtverhältnisse und performativen Akte werden in dieser Arbeit unter anderem durch einen Rückbezug auf die Konzepte des Panoptismus und der Performativität näher erörtert. Posthumane Subjekte werden somit gleichermaßen als Gefahr wie auch Erhellung für das menschliche Wesen verhandelt.