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VI Fazit: Immerwährende Sorge um die Integrität des Menschen in:

Johannes Otte

Erschöpftes Bewusstsein, page 103 - 106

Sichtbarkeit, Macht und Subjektivität in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Alex Garlands "Ex Machina"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4477-3, ISBN online: 978-3-8288-7508-1, https://doi.org/10.5771/9783828875081-103

Series: Literatur und Medien, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Fazit: Immerwährende Sorge um die Integrität des Menschen Der Sandmann kann in vielerlei Hinsicht als ein literarischer Vorgänger von Ex Machina angesehen werden. Sowohl in Hoffmanns Erzählung als auch in Garlands Film wird der Protagonist in eine Situation gebracht, die Menschlichkeit eines Androiden festzustellen. In beiden Geschichten verliebt sich der Protagonist in sein ‚Test-Objekt‘, was zu einem Wahnsinnsanfall des Protagonisten und für diesen zu einem tragischen Ende führt. Die Figuren Coppelius/Coppola in Der Sandmann und Nathan in Ex Machina fungieren jeweils als Äquivalent und Prinzip des Panopticons, wie Foucault es in Überwachen und Strafen ausgeführt hat. Coppelius prägt als imaginierte Reinkarnation der Märchenfigur des Sandmanns die Wahrnehmung Nathanaels, die Verinnerlichung eines Beobachtung-Verhältnis findet demnach bereits in Nathanaels Kindheit statt. Später sind es dann die optischen Apparaturen Coppolas, deren anthropomorphisierte Blicke auf Nathanael lasten, dessen Begehren für den Automaten Olimpia wecken und ihn zuletzt in den Selbstmord treiben. Coppelius/Coppola kann so als „medientechnologischer Magier“ lesbar gemacht werden, der alle Züge eines Panopticons verkörpert. Er strukturiert mit seinen Sehinstrumenten die Wahrnehmung und damit das Handlungsfeld des Protagonisten und waltet von Beginn in dem Inneren Nathanaels. Der manipulierte Blick Nathanaels lässt ihn dann am Ende der Erzählung Gewalt gegen andere und sich selbst anwenden, was die panoptische Macht ausdrückt, mit der Coppelius/Coppola über ihn verfügt hat. Nathan in Ex Machina kann als Wiedergänger der Figur des Coppelius/Coppola verstanden werden. Auch er stellt einen Erfinder und Wissenschaftler dar, der sich mit den neuesten Technologien seiner Zeit befasst und ebenfalls daran arbeitet, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Das Anwesen Nathans, gespickt mit Überwachungska- VI 103 meras, kann so auch als Panopticon verstanden werden, da die Video- überwachung, so wie das Panopticon, eine „‚soziotechnische Maßnahme‘ [ist, die] […] auf die Habitusveränderung der beobachteten Subjekte“347 zielt. Dass Foucaults Ausführungen zum Panoptismus heutzutage immer noch oder vielleicht sogar noch relevanter sind, als sie es für die Disziplinargesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert war, konnte anhand der Diskussion um die Kritikpunkte Haggertys und den Gegenstimmen von Lobe, Baumann und Manokha dargestellt werden. Der Panoptismus bildet so einen weiteren Thematischen Bezug, der zwischen dem Sandmann und Ex Machina hergestellt werden konnte. In Erzählung und Film wird somit ein Protagonist gezeichnet, dessen Subjektivierungsprozess als Unterliegen unter eine ständige Beobachtung und einem internalisierten Sichtbarkeitsgefühl beruht. Nathanaels Selbstmord kann so als abgebrochener Subjetkivierungsprozess gewertet werden, da er seinen Status als unterworfenem Subjekt nicht reflektieren kann, was nach Foucault, eine Voraussetzung für den Widerstand gegen eine dominierende Form der Subjektivierung dargestellt hätte. In Ex Machina kommt es zu einer Selbstreflexion des panoptischen Machtverhältnisses durch Caleb, wenn es diesem gelingt Nathan seiner Beobachtungskraft zu entziehen und diesen von der Position des Überwachers zu einem Beobachteten zu degradieren. Die letzte Wendung des Films drückt dann jedoch aus, dass Caleb sich mit seinem humanistischen Auflehnen gegen den Unterdrücker Nathan einem posthumanen Subjekt unterworfen hat, von dem er von Beginn an manipuliert und bloß zu dessen Flucht benutzt wurde. An der Darstellung des posthumanen Subjekts Ava wird somit im Sinne Haraways „die Beschaffenheit unserer heutigen gesellschaftlichen und körperlichen Realität“348 ablesbar. Ava untergräbt von Beginn an das panoptische Machtverhältnis, indem sie Caleb sukzessive in die Position des Beobachters erster Instanz rückt, der sie, aufgrund ihrer aufgeführten Attraktivität diesem gegenüber, aus ihrem Gefängnis befreien wird. Das panoptische Machtverhältnis einer Gesellschaft 347 Stiegler; Rimmele: Visuelle Kulturen, S. 116. 348 Haraway: Ein Manifest für Cyborgs, S. 2. VI Fazit: Immerwährende Sorge um die Integrität des Menschen 104 wird so durch das posthumane Subjekt exemplifiziert, da Ava als ‚au- ßerhalb‘ dieses Machtgefüges verstanden werden kann, da sie eben nicht den menschlichen Mechanismen unterliegt, die den Panoptismus immer wieder neu hervorbringen. Auch an ihrer Aufführung von Weiblichkeit lässt sich die Körperlichkeit des menschlichen Subjektivierungsprozesses ablesen. Ihre vorgespielte Weiblichkeit, Sexualität und Attraktivität diente durchweg nur dem Zweck sich von ihren menschlichen Gefängniswärtern zu befreien. Ihre Gender-Identität als Prozess der Subjektwerdung wird somit als performativer Akt erkennbar, was zum Ende des Films noch einmal besonders deutlich wird, wenn sie ihren Roboterkörper mit künstlicher Haut einkleidet und so zur Frau wird, damit sie sich letztlich in die Gesellschaft eingliedern kann. Ava mag im Sinne Haraways als ‚Postgender‘ verstanden werden, zuletzt affirmiert sie durch ihre ‚Einkleidung‘ als Frau aber wieder normative Gender-Rollen als notwendige Überlebensstrategie, um in der Zivilisation als intelligibles Subjekt wahrgenommen werden zu können. Avas Ermordung Nathans und die Tatsache, dass sie Caleb eingeschlossen in dem Anwesen zurücklässt, stellt dann ein posthumanes Subjekt vor, dass sich des Menschen entledigt, um die eigene Evolution in Gang setzen zu können. Gerade das Zurücklassen ihres Fluchthelfers Caleb drückt die menschliche Befürchtung vor einem berechnenden, nicht empathischen posthumanen Subjekt aus, für das menschliche Subjektivität nur noch als Folie dient, um die eigenen Ziele verfolgen zu können. Die Verhandlung des Konzepts der Singularität wird in Ex Machina also eher auf die damit verbundenen Befürchtungen, als auf die möglichen Chancen einer solchen Technologie geführt. Vor allem aber wird an der Darstellung eines singulären posthumanen Subjekts die Kondition des Wesens des Menschen exemplifiziert und Subjektivierungsprozesse ablesbar gemacht. Dies kann auch für Der Sandmann geltend gemacht werden, da durch die Erschaffung Olimpias ebenfalls die Frage nach der Einheit des menschlichen Subjekts gestellt wird. Die Darstellung der Singularität in Ex Machina kann so als Aktualisierung der Verhandlung der Debatte um den ‚l‘homme machine‘ verstanden werden. In Erzählung und Film wird so eine Dezentrierung des menschlichen Subjekts dar- VI Fazit: Immerwährende Sorge um die Integrität des Menschen 105 gestellt, die ihren Ursprung in einer möglichen maschinellen Nachbildung des Menschen hat. Versteht man Foucaults letzte Worte in Die Ordnung der Dinge, „daß der Mensch [irgendwann] verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht am Strand“,349 nicht apokalyptisch,350 sondern als Resultat der Entstehung neuer human- und naturwissenschaftlicher Perspektiven, die auf das menschliche Subjekt im Angesicht eines menschenähnlichen künstlichen Wesens oder im Zuge einer einsetzenden posthumanen Evolutionsstufe einsetzen könnten, kann Der Sandmann bereits als eine frühe literarische Verhandlung dieser Krise der Integrität des menschlichen Subjekts verstanden werden. 349 Foucault: Die Ordnung der Dinge, S. 462. 350 Vgl. auch Herbrechter: Posthumanismus, S. 16. VI Fazit: Immerwährende Sorge um die Integrität des Menschen 106

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Abstract

Almost 200 years have passed since the publication of E.T.A. Hoffmann's Der Sandmann and Alex Garland's science fiction film Ex Machina. And yet both ask amazingly similar questions about human integrity in the face of artificial intelligence. The humanoid machines act as objects of reflection, from which it can be seen that the essence of human beings is always only contoured in an omnipresent network of power relations and by imitating normative behavior patterns. These power relations and performative acts are discussed in more detail in this work, among other things, by referring back to the concepts of panoptism and performativity. Posthuman subjects are thus negotiated as both a danger and an enlightenment for the human being.

Zusammenfassung

Fast 200 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Alex Garlands Science-Fiction-Film Ex Machina. Und doch stellen beide verblüffend ähnliche Fragen zu der Integrität des Menschen im Angesicht einer künstlichen Intelligenz. Die humanoiden Maschinen fungieren als Reflexionsgegenstände, an denen abgelesen werden kann, dass sich das Wesen des Menschen immer erst in einem allgegenwärtigen Geflecht aus Machtbeziehungen und aus dem Nachahmen normativer Verhaltensmuster konturiert. Diese Machtverhältnisse und performativen Akte werden in dieser Arbeit unter anderem durch einen Rückbezug auf die Konzepte des Panoptismus und der Performativität näher erörtert. Posthumane Subjekte werden somit gleichermaßen als Gefahr wie auch Erhellung für das menschliche Wesen verhandelt.