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I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann  und Ex Machina in:

Johannes Otte

Erschöpftes Bewusstsein, page 1 - 6

Sichtbarkeit, Macht und Subjektivität in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Alex Garlands "Ex Machina"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4477-3, ISBN online: 978-3-8288-7508-1, https://doi.org/10.5771/9783828875081-1

Series: Literatur und Medien, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina Dass mit dem Protagonisten Nathanel in Der Sandmann eine Kritik des nach autonomer Subjektivität strebenden romantischen Künstlers dargestellt ist, wurde schon mehrfach beschrieben.1 Hoffmanns Erzählung kann so als eine kritische Auseinandersetzung mit der romantischen Vorstellung eines autonomen Subjekts und einem künstlerischen Genie, das ohne traditionelle Verbundenheit aus sich selbst heraus Kunst schöpft, verstanden werden.2 Mit Nathanaels Schreiben wird in Der Sandmann somit eine Dichtungsauffassung dargestellt, die das künstlerische Schaffen in der Vorstellungskraft und dem Phantasma sucht, ohne dieses mit der Lebensrealität abzugleichen.3 Die Selbstverletzung Nathanaels am Ende der Erzählung kann so als ein unvollständiger Subjektivierungsprozess verstanden werden,4 welcher der Autonomie des Subjekts eine Absage erteilt. Individualität und Subjektivität sind aber auch abseits der literarischen Bestrebungen von Nathanael ein Kernthema der Erzählung, da dieser sein Innenleben und damit sein „Begehren nach Subjektivität“5 in die Leere des Automaten Olimpia projiziert und diese so ‚zum Leben erweckt‘.6 Wenn Nathanael sich dann durch die Zerstörung Olimpias deren Automatenwesens bewusst wird, treibt ihn dies zum ersten Mal in den Wahnsinn. In dieser Passage scheint die Maschinenartigkeit des Menschen dargestellt zu sein, da Nathanael dieser Subjektivität I 1 Vgl. z.B. Schmidt: Die Krise der romantischen Subjektivität; Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus; Tabbert: Die erleuchtete Maschine, S. 109– 111; Merkl: Der paralysierte Engel, S. 188 ff. 2 Vgl. Schmidt: Die Krise der romantischen Subjektivität, S. 359. 3 Drux: Marionette Mensch, S. 94. 4 Vgl. auch Reckwitz: Subjekt, S. 94. 5 Greschonig: Divination Lost, S. 351. 6 Vgl. auch Drux: Marionette Mensch, S. 90. 1 zugestanden hat7 und damit „eine Erschütterung des menschlichen Selbstverständnis“8 einhergeht. Die Labilität des Menschen als epistemologischer Entwurf macht es dem vermeintlichen Gattungswesen zunehmend schwer zu unterscheiden, wo denn eigentlich die Grenzen zwischen ihm und der Maschine im Sinne einer integrativen subjektiven Einheit liegen könnten.9 Die in Der Sandmann dargestellte Dezentrierung des Subjekts stellt somit eine frühe Verhandlung der Krise des Individuums10 und „die faktische Nichtintegrationsfähigkeit des Subjektentwurfs der Aufklärung in die soziale Ordnung einer vorscheinenden Moderne“11 dar. Mit der Zerstörung Olimpias wird aber nicht nur das Menschenbild in die Nähe einer Maschine gerückt, sondern auch Nathanael wird sich bewusst, dass die Vorstellung seiner Subjektivität eine Täuschung und Manipulation durch die Alchemisten Coppelius und Spalanzani war. Die Subjektivität Nathanaels wird von Beginn der Erzählung an mit dem Motiv der Augen und des Sehens verbunden, die für „‚das geistige Anschauungsvermögen, Einbildungskraft, Verstand‘“12 und Urteilsvermögen stehen. Zunächst ist es das Ammenmärchen des Sandmanns, der den Kindern die Augen raubt, welches Nathanael traumatisiert, und später ist es die imaginierte Reinkarnation der Märchenfigur des Sandmanns Coppelius/Coppola, der „den Sehsinn Nathanaels durch optische Apparaturen zu manipulieren versucht.“13 Mit der Motivkette der Augen und der optischen Geräte verweist Hoffmanns Text dabei nicht so sehr auf das Beobachtete als auf das Beobachten selbst. Ständig wird in der Erzählung das Problem verhandelt, wer unter welchen Bedingungen was sieht und worin sich diese Bedingungen unterscheiden. Der Text macht also das Beobachten selbst beobachtbar.14 7 Vgl. Tabbert: Die erleuchtete Maschine, S. 111. 8 Tabbert: Die erleuchtete Maschine, S. 113. 9 Greschonig: Divination Lost, S. 346. 10 Vgl. auch Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 73. 11 Greschonig: Divination Lost, S. 352. 12 Drux: Erläuterungen und Dokumente, S. 59 f. 13 Brandes: Optische Täuschungen, S. 129. 14 Kirchmeier: Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur, S. 171. I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina 2 Den andauernden Manipulationen seiner Wahrnehmung ausgesetzt äußert Nathanael dann sein Subjektverständnis gegenüber Clara so, als dass „jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene.“15 Diese Verbindung von beobachtenden Blicken und optischen Apparaten, die die Wahrnehmung verändern und das Handlungsfeld des Protagonisten strukturieren, sowie dessen Auffassung des Menschen als unfreiem Subjekt, welches Mächten zu unterliegen scheint, erinnert stark an Michel Foucaults Beschreibung der um 1800 einsetzenden Disziplinargesellschaft, wie dieser sie in Überwachen und Strafen16 dargestellt hat. Foucault beschreibt mit dem Panoptismus das Machtprinzip in einer Gesellschaft, welches auf einem Sichtbar-Machen der Individuen beruht, das wiederum eine Anpassung des Verhaltens evoziert und diese so zu Subjekten unterwirft, die das Gefühl beobachtet zu werden internalisiert haben. In dieser Studie wird der Subjektivierungsprozess Nathanaels anhand des Panoptismus untersucht und die Macht der Sichtbarkeit und der Sichtbarkeitsmotive in der Erzählung dargestellt und ausgeführt werden, dass der Selbstmord Nathanaels als fehlende Reflexion über seinen Status als ‚unterworfenes Subjekt‘ verstanden werden kann. In einem zweiten Teil wird Der Sandmann als prämedialer Vorgänger von Alex Garlands Science-Fiction-Film Ex Machina17 ausgewiesen werden.18 Hierfür soll zunächst dargestellt werden, dass Der Sandmann als Science-Fiction-Literatur eingeordnet werden kann und beschrieben werden,19 dass Nathanaels Begegnung mit Olimpia als eine frühe literarische Darstellung eines Turing-Tests verstanden werden kann. Der Turing-Test bildet den thematischen Kern von Ex Machina, da der Protagonist Caleb in eine Forschungseinrichtung manövriert wird, um die Androidin Ava auf menschliches Bewusstsein zu testen. 15 Hoffmann: Der Sandmann, S. 100. 16 Foucault: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, 1993. 17 Ex Machina. Regie: Alex Garland. Drehbuch: Alex Garland. UK: Universal Pictures International, Film 4, DNA Films. 2015. 18 Vgl. auch Henke, Jennifer: “Ava’s body is a good one”, S. 138. 19 Vgl. Kreuzer.: Künstliche Menschen und menschliche Künstlichkeit. E. T. A. Hoffmanns Automaten im Kontext eines SF-Motivkomplexes; Wittig: Maschinenmenschen, S. 63–81. I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina 3 Während des Tests verliebt sich Caleb in Ava, ähnlich wie das Begehren Nathanaels für Olimpia geweckt wird. Um mit der Verhandlung des Panoptismus in Ex Machina einen weiteren thematischen Bogen zu Hoffmanns Sandmann zu schlagen, soll dann aber zunächst die Frage nach der Aktualität und Relevanz von Foucaults Konzept in der heutigen Zeit behandelt werden. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung, die in Garlands Film auf verschiedene Weise im Mittelpunkt der Handlung steht, scheint die Theorie des Panoptismus an die veränderten technischen Vorzeichen und Beobachtungssituationen angepasst werden zu müssen, um als Analyseinstrument zielführend angewandt werden zu können. Diese Überführung des Panoptismus in die heutige Zeit wird durch eine Diskussion geleistet, in der exemplarisch die Kritikpunkte Kevin Haggertys, wie er sie in seinem vielzitierten Aufsatz Tear down the walls: on demolishing the Panopticon20 beschrieben hat, mit ebenfalls vielbeachteten Gegenstimmen abgeglichen werden. Mit der hieraus gewonnenen Einschätzung, dass der Panoptismus möglicherweise heutzutage noch relevanter und omnipräsenter ist, als er es im 19. und 20. Jahrhundert war, werden dann die Beobachtungssituationen und Machtverhältnisse in Ex Machina erläutert. Ähnlich wie auch im Sandmann wird auch in Ex Machina Sichtbarkeit als Ausgangspunkt menschlicher Subjektivität verhandelt. Das Anwesen, in dem der Turing-Test stattfindet, ist mit Überwachungskameras ausgestattet, der Protagonist Caleb und die Androidin Ava sind der ständigen Beobachtung des Initiators des Tests, Nathan, ausgesetzt. Dass die Forschungseinrichtung so einem Panopticon gleicht, wurde schon mehrfach angemerkt.21 Der Protagonist Caleb erhebt sich am Ende des Films gegen seinen Überwacher, indem er sich dessen Beobachtung entzieht und den Wächter Nathan zu einem Überwachten degradiert. Es kann also argumentiert werden, dass Caleb aus der Reflexion über seinen Zustand als unterworfenes Subjekt in einem panoptischen Machtverhältnis seinen 20 Haggerty, Kevin D.: Tear down the walls: on demolishing the Panopticon. In: Lyon, David (Hg.): Theorizing Surveillance – The Panopticon and Beyond, Willan Publishing, 2006, S. 23–45. 21 Vgl. Di Minico: Ex-Machina and the Feminine Body, S. 73; Jacobson: Ex Machina in the Garden, S. 31. I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina 4 eigenen Subjektivierungsprozess vollzieht. Der Film wendet diese ‚Machtergreifung‘ aber am Ende ein letztes Mal um und stellt dar, dass es die ganze Zeit die Androidin Ava war, die sich aus ihrem Gefängnis befreien wollte und dafür Caleb und Nathan manipuliert und gegeneinander ausgespielt hat. Ava wird so als ein posthumanes Subjekt gezeichnet, welches menschliche Subjektivierungsprozesse imitiert, um sich letztlich über den Menschen zu erheben und seine eigene Evolution in Gang zu setzen. An der Figur Ava ist somit das Machtverhältnis des Panoptismus ablesbar, aber auch ihre Weiblichkeit dient lediglich dem Zweck der Manipulation und wird so nur als Maskerade vorgeführt,22 was mit Judith Butlers Konzept der Performativität beschrieben werden soll. Sowohl das panoptische Machtverhältnis als auch das Konzept der Performativität suggerieren, dass es für den Menschen keinen aktiven Zugriff auf diese geben kann, dass es kein ‚außerhalb‘ zu diesen Konzepten gibt, da deren Mechanismen für den Menschen opak ablaufen.23 Mit Ava wird in Ex Machina jedoch ein posthumanes Subjekt gezeichnet, dass menschliche Subjektivierungsprozesse imitiert und diese so ablesbar gemacht werden. Da Ava als posthumanes Subjekt gezeichnet wird, steht sie ‚außerhalb‘ der menschlichen Subjektivierungsprozesse, so dass diese durch ihre Aneignung als (Überlebens-) Strategien exemplifiziert werden. Die Erschaffung des künstlichen Menschen Olimpia in Der Sandmann stellt eine „fundamentale Infragestellung der Substantialität des Individuums“24 dar und hat am Ende der Erzählung eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit Automaten und gesellschaftlichen Umgangsformen zur Verifizierung von Menschlichkeit zur Folge.25 Diese Debatte um die Frage nach dem Verbleib des Humanismus im Angesicht eines künstlichen Menschen, wird auch in Garlands Film verhandelt. Die Erschaffung des künstlichen Menschen in Der Sandmann nimmt zudem Bezug zu den naturwissenschaftlichen Debatten um 22 Vgl. Henke: “Ava’s body is a good one”, S. 133. 23 Vgl. Sich: Foucault – Eine Einführung, S. 99; vgl. Reckwitz: Subjekt, S. 89. 24 Innenhofer: Die technische Modernisierung des künstlichen Menschen in der Literatur zwischen 1800 und 1900, S. 97. 25 Vgl. Hoffmann: Der Sandmann, S. 115 f. I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina 5 180026 und scheint besonders von der anthropologischen Diskussion um La Mettries L‘homme machine27 (1748) geprägt zu sein, die beschreibt, „dass auch der Mensch nur eine sehr komplizierte Maschine ist, es also keine eigene Substanzform der Seele gibt.“28 An Ex Machina kann mit der Verhandlung des naturwissenschaftlichen Konzepts der Singularität eine Aktualisierung dieser Debatte nachvollzogen werden. Die Singularität beschreibt einen Zeitpunkt, an dem eine ‚starke Künstliche Intelligenz‘ entsteht, die dem Menschen überlegen ist und sich selbstständig erneuert und verbessert.29 Zum Schluss dieser Arbeit soll dargestellt werden, dass die fiktionale Beschreibung eines singulären posthumanen Subjekts in Ex Machina als Angriff auf die Integrität des humanistischen Subjekts beschreibt,30 und dass die Befürchtungen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die damit einhergehen, in Der Sandmann mit der Erschaffung Olimpias bereits andeutungsweise verhandelt worden sind. Zu Beginn dieser Arbeit soll Foucaults Beschreibung der Entstehung des ‚Menschen‘ als Objekt der Wissenschaft und der Panoptismus dargestellt werden. 26 Vgl. Thums: Absorptionen und Transformationen anderer Texte und Medien in ‚Der Sandmann‘, S. 156. 27 La Mettrie: Die Maschine Mensch, 1748. 28 Kirchmeier: Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur, S. 169. 29 Vgl. Kurzweil: Menschheit 2.0, S. 27. 30 Vgl. auch Herbrechter: Posthumanismus, S. 83. I Einleitung: Zeitlose Fragen zu künstlicher Intelligenz in Der Sandmann und Ex Machina 6

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References

Abstract

Almost 200 years have passed since the publication of E.T.A. Hoffmann's Der Sandmann and Alex Garland's science fiction film Ex Machina. And yet both ask amazingly similar questions about human integrity in the face of artificial intelligence. The humanoid machines act as objects of reflection, from which it can be seen that the essence of human beings is always only contoured in an omnipresent network of power relations and by imitating normative behavior patterns. These power relations and performative acts are discussed in more detail in this work, among other things, by referring back to the concepts of panoptism and performativity. Posthuman subjects are thus negotiated as both a danger and an enlightenment for the human being.

Zusammenfassung

Fast 200 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Alex Garlands Science-Fiction-Film Ex Machina. Und doch stellen beide verblüffend ähnliche Fragen zu der Integrität des Menschen im Angesicht einer künstlichen Intelligenz. Die humanoiden Maschinen fungieren als Reflexionsgegenstände, an denen abgelesen werden kann, dass sich das Wesen des Menschen immer erst in einem allgegenwärtigen Geflecht aus Machtbeziehungen und aus dem Nachahmen normativer Verhaltensmuster konturiert. Diese Machtverhältnisse und performativen Akte werden in dieser Arbeit unter anderem durch einen Rückbezug auf die Konzepte des Panoptismus und der Performativität näher erörtert. Posthumane Subjekte werden somit gleichermaßen als Gefahr wie auch Erhellung für das menschliche Wesen verhandelt.