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Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland in:

Katharina Kühn

Brachflächenrecycling, page 25 - 38

Verringerung der Neuflächeninanspruchnahme am Beispiel der ehemaligen Kokerei Hassel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4476-6, ISBN online: 978-3-8288-7507-4, https://doi.org/10.5771/9783828875074-25

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
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25 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland Vor dem Hintergrund der Folgen der Flächeninanspruchnahme von natürlichen, nicht überbauten Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke gilt eine Verringerung der Neuflächeninanspruchnahme in Deutschland seit Jahren als ein primäres Ziel einer nachhaltigen Entwicklung. Zentrales Element dieser nachhaltigen Entwicklung ist eine „sparsame, natur- und sozialverträgliche Flächennutzung“, zu der sich die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1996 auf der Weltsiedlungskonferenz „Habitat II“ zusammen mit anderen Staaten bekannte (UBA, 2004, S. 1). Die Bundesregierung forderte bereits im Jahre 1985 in ihrer verabschiedeten Bodenschutzkonzeption neben der „Minimierung von qualitativ oder quantitativ problematischen Stoffeinträgen aus Industrie, Gewerbe, Verkehr, Landwirtschaft und Haushalten“ eine „Trendwende im Landverbrauch“. Demnach sollen Bodennutzungen verstärkt den natürlichen Standortbedingungen angepasst und „noch vorhandene natürliche und naturnah genutzte Flächen gesichert werden“ (Bundesminister des Innern, 1985, S. 8). Eine Konkretisierung dessen erfolgte im Jahr 1998 durch den Entwurf eines „Umweltpolitischen Schwerpunktprogramms“ der Bundesregierung. Dort wurde das Ziel ausgegeben, eine zusätzliche Flächeninanspruchnahme für Verkehrs- und Siedlungszwecke auf 30 ha/Tag bis 2020 zu beschränken. Dieses Handlungsziel hat die damalige Bundesregierung 2002 in ihre Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland übernommen (Jörissen & Coenen, 2007, S. 14) und folgende Zielstellungen forciert (UBA, 2004, S. 1): • Freiraum schützen • Siedlungsentwicklung flächenschonend steuern • Siedlungsentwicklung im Bestand attraktiv und ökologisch steuern. Vor dem Hintergrund der nachhaltigen Entwicklung ist daher eine Begrenzung und Verringerung der Flächeninanspruchnahme fundamental notwendig. Es besteht weiterhin Bedarf, mit der begrenzt verfügbaren Ressource „Fläche“ effizient und sparsam umzugehen. Unter den Synonymen Flächeninanspruchnahme und Flächenverbrauch wird jede nichtstoffliche Bodenbelastung, die durch anthropogene Einflüsse auf die Bodenqualität verursacht wird, verstanden (KBU, 2009, S. 4). Darunter fallen jegliche „Veränderungen der gewachsenen Bodenprofile und der Grundwasserverhältnisse durch bauliche Maßnahmen, Zerschneidungswirkungen durch linienhafte Infrastrukturen, klein- und mesoklimatische Verschlechterungen durch Bebauung bis hin zu Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes“ (Bückmann, 1992, S. 8). 26 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland 2.1 Zur Bedeutung der Ressource Boden „Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist der Boden ein Teil der Ökosphäre – ein nicht reproduzierbares und nur sehr begrenzt vermehrbares, undurchschaubar komplexes System aus anorganischen und organischen Einzelsubstanzen und Substanzkonglomeraten, die an der Oberfläche fester Bodenpartikel, im Bodenwasser und in der Bodenluft aufeinander einwirken oder miteinander reagieren“ (Bückmann et al, 1997, S. 104). Das Umweltmedium Boden gehört zum endlichen Naturkapital der Menschheit. Böden bilden die obere Schicht der Erdkruste, einschließlich der flüssigen Bestandsteile und der gasförmigen Bestandteile ausgenommen jedoch sind das Grundwasser und die Gewässerbetten (§ 2 Abs. 1 BBodSchG) und erfüllen eine Vielzahl von unentbehrlichen und kaum mit monetären Zahlen belegbaren Funktionen (s. Tab. 2). Seit 1999 stellt das Bundes-Bodenschutz (BBodschG) diese wertvollen Funktionen unter besonderen Schutz. Aufgrund seiner besonderen Eigenschaften im Vergleich zu anderen Umweltmedien ist der Boden „somit gleichsam das Gegenteil von dem, was Politik und Gesellschaft in der Vergangenheit, in der sie den Boden als Schadstoffsenke benutzte, annahmen“ (Bückmann, 1992, S. 3). Der Erhalt aller Bodenfunktionen ist damit eine „wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige ökologische, ökonomische und soziale Entwicklung unserer Gesellschaft“ (Stadt Reutlingen, 2019). Denn bereits 1972 wurde in der Europäischen Bodencharta festgehalten: „Der Boden ist eines der kostbarsten Güter der Menschheit“ (Europarat, 1972). 27 2.1 Zur Bedeutung der Ressource Boden Tabelle 2: Funktionen des Bodens im Sinne des BBodSchG (§ 2 II BBodSchG; eigene Darstellung). Natürliche Fuktionen Archivfunktionen Nutzungsfunktionen Lebensgrundlage und -raum für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen Bestandteil des Naturhaushalts, insbesondere mit seinen Wasser- und Nährstoffkreisläufen Abbau-, Ausgleichsund Aufbaumedium für stoffliche Einwirkungen auf Grund der Filter-, Puffer- und Stoffumwandlungseigenschaften, insbesondere auch zum Schutz des Grundwassers Natur- und Kulturgeschichte Rohstofflagerstätte Fläche für Siedlung und Erholung Standort für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung Standort für sonstige wirtschaftliche und öffentliche Nutzungen, Verkehr, Ver- und Entsorgung Die Ressource Boden kann zwar im eigentlichen Sinne nicht „verbraucht“ werden, jedoch kann sie nach Art und Weise der Nutzung nachhaltig erheblich in ihrer zukünftigen Nutzungsmöglichkeit eingeschränkt werden (Jörissen & Coenen, 2007, S. 9). Aus diesem Grund ist es bei keiner anderen Ressource so offensichtlich, dass eine dauerhafte Inanspruchnahme nicht möglich und keinesfalls im Interesse künftiger Generationen steht (Wissenschaftlicher Beirat Bodenschutz, 2000, S. 23ff.). Als Ursache für die Degradation und den Verlust der 28 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland natürlichen Bodenfunktionen wird im Wesentlichen die Bewirtschaftung durch den Menschen angeführt (Jörissen & Coenen, 2007, S. 34). Gerade Deutschland verfügt über Boden mit guten Eigenschaften. Diese fruchtbaren, ertragsreichen Böden sind unbedingt vor Schadstoffeintrag zu schützen. Durch das Einbringen von Schadstoffen, unsachgemäßer Bearbeitung oder die übermäßige Düngung sind diese schützenswerten Böden bereits bedroht, sodass eine Neuflächeninanspruchnahme solcher Böden als Industrie- oder Siedlungsflächen auch vor dem Hintergrund der begrenzten Verfügbarkeit vermieden werden sollte (Harjes & Walter, 1999, S. 244f.). Im Unterschied zu den Schutzgütern Luft und Wasser bestehen jedoch an der Ressource Boden private Verfügungsrechte, die eine Herausforderung für den Bodenschutz darstellen. Das Interesse des Eigentümers an der Nutzung und das Interesse der Allgemeinheit an der Erhaltung dieser Ressource bilden oft einen Zielkonflikt, den es zu lösen gilt (Jörissen & Coenen, 2007, S. 35). Böden spielen zudem auch eine zentrale Rolle im Hinblick auf die Thematik Klima. Als Lebensgrundlage für den Menschen wie auch als zentraler Bestandteil von Ökosysteme sind sie unmittelbar von Klimaänderungen betroffen. Des Weiteren haben Eingriffe und Ver- änderungen der Bodeneigenschaften Auswirkungen auf das (Stadt-) Klima (Stadt Reutlingen, 2019). 2.2 Folgen der Flächeninanspruchnahme Der Flächenverbrauch hat aufgrund der ausgeprägten Multifunktionalität des Umweltmediums Boden (s. Kap. 2.1) zahlreiche soziale, ökonomische als auch ökologische Folgen. Diese Multifunktionalität führt jedoch auch dazu, dass der Flächenverbrauch häufig vielschichtige, nicht vorhersehbare Folgewirkungen mit sich bringt, die durch Synergieeffekte oder komplexe Wirkungsketten ausgelöst 29 2.2 Folgen der Flächeninanspruchnahme werden (Siedentop, 2005, S. 21f.). Nachkommend werden daher die wesentlichen Folgen der Flächeninanspruchnahme für Kommunen und deren Bevölkerung erläutert, diese Darstellung ist vor dem Hintergrund der vielfältigen Funktionen des Bodens und der nicht kalkulierbaren Folgewirkungen nicht abschließend. Die Inanspruchnahme neuer Flächen für Siedlungs- und Verkehrsflächen vollzieht sich vor allem auf zuvor landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die Potenzierung erfolgte in der Vergangenheit oft auf regional fruchtbaren Böden. Dieser Aspekt führt zu einer der bedeutsamen Folgen der Flächeninanspruchnahme: Der Verlust hochwertiger landschaftlicher Böden, verbunden mit dem Problem der Irreversibilität. Besonders die zunehmende Bebauung sowie Versiegelung der Böden begünstigt diese weitreichenden Konsequenzen. Sie schädigen die natürlichen Bodenfunktionen und Archivfunktionen unwiederbringlich (UBA, 2004, S. 93). Ist der Boden einmal bebaut, bleibt seine Funktion im Ökosystem langanhaltend unveränderlich gehemmt. Einzig mit Maßnahmen, die technisch sowie finanziell mit großem Aufwand verbunden sind, lassen sich Böden mitunter wiederherstellen (Neite & Frieling, 2016, S. 39). Daneben zählen der Beitrag zur Verschärfung von Hochwasserereignissen und Reduzierung der biologischen Vielfalt zu den wichtigsten ökologischen Folgen der Flächeninanspruchnahme (Siedentop, 2005, S. 21f.). Die Beeinträchtigung des Wasserhaushalts führt neben der Verschärfung von Hochwasserereignissen außerdem zu Störungen bei der Neubildung von Grundwasser sowie zur Erhöhung des Schadenspotenzials in Wasserrückhaltebereichen (UBA, 2004, S. 72f.). Böden „bilden die unabdingbare Voraussetzung für eine wirksame und gefährdungsfreie Grundwassererneuerung“. Insbesondere durch die Zunahme Versiegelung auf intensiv genutzten Flächen lassen sich „nicht hinreichend beachtete Zusammenhänge zwischen städtebaulichen Aktivitäten und der hydrogeologischen Situation“ erkennen (Bückmann, 1992, S. 12ff.). Die ökologischen Folgen erstrecken sich 30 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland folglich von lokalen Umweltauswirkungen, wie z. B. dem Bodenabtrag bis hin zu „synergetischen Belastungs- und Schädigungsformen“. Nennenswert sind hier vor allem stadtklimatische Phänomene oder die „Verringerung des Genpools infolge zunehmender Zerschneidung der Landschaft“, der charakteristisch für die Folgen des Flächenverbrauchs ist, „da oftmals nicht der Verlust einzelner Flächen von entscheidender Bedeutung ist, sondern die kombinierte Wirkung aus dem Verlust einer Vielzahl von Flächen, die in ihrer Gesamtheit eine erhebliche Umweltbeeinträchtigung darstellen können“ (Holländer et al., 2010, S. 13). Soziale Folgen betreffen insbesondere die Spaltung der Gesellschaft zulasten der Stadtzentren und zugunsten des Umlandes, da einkommensstarke Bevölkerungsgruppen das Wohnen auf der „grünen Wiese“ bevorzugen oder die zunehmende Abhängigkeit von motorisierten Verkehrsmitteln, um nur einige Beispiele zu benennen (Holländer et al., 2010, S. 15). Die Lebensqualität wird durch das erhöhte Verkehrsaufkommen erheblich beeinträchtigt und fördert das Abwandern der einkommensstarken Bevölkerung. Der Trend der sozialen Entmischung wurde bereits von der Politik erkannt und unter anderen in der Novellierung des Baugesetzbuches im Rahmen der Thematik „Stadtumbau“ (§§ 171aff. BauGB) aufgegriffen. Auch die direkten und indirekten ökonomischen Folgewirkungen sind signifikant. Ökonomische Folgen sind insbesondere (Niedersächsisches Ministerium für Umwelt und Klimaschutz, S. 12): • Übermäßige Investitionen in Neubauten, die Unternutzung und Verfall bestehender Gebäude mit einhergehendem Werteverlust begünstigen, • Hohe Erschließungskosten und infrastrukturelle Folgekosten durch abnehmende bauliche Dichte, • Dauerhafte Kosten für Kommunen, die Zwischenerwerber für Brachflächen werden. 31 2.2 Folgen der Flächeninanspruchnahme Die langjährige intensive Wohnungsbautätigkeit bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang führt zu erheblichen Wohnungsleerständen. Die Flächen mit leerstehenden Gebäuden verlieren langfristig ihre Nutzung und es entstehen „Siedlungsbrachen“ (UBA, 2004, S. 95). Die Inanspruchnahme neuer Flächen hat damit eher langfristige bzw. nicht sofort spürbare Folgen. Dies hat auch zur Konsequenz, dass die Folgen lange nicht wahrgenommen wurden, da auf Umweltbelastungen, deren Folgen unmittelbar spürbar für den Einzelnen sind, schneller reagiert wird (Aden, 2012, S. 39f.). Für einen nachhaltigen Umgang mit Umweltressourcen ist die sparsame und schonende Nutzung von Grund und Boden jedoch ein unverzichtbarer Bestandteil. 2.3 Die Situation der Kommunen Neben der Herausforderung der Verringerung der Neuflächeninanspruchnahme sind die Kommunen aber auch bereits durch fehlende Flächenreserven in dicht besiedelten Gebieten gezwungen, den Schwerpunkt der städtebaulichen Planung auf die Innenentwicklung zu legen. Gerade durch die gezielte Revitalisierung von nicht mehr genutzten Flächen, können natürliche Ressourcen geschützt und der Bedarf an Flächen gedeckt werden (Koch & Schneider, 1997, S. 25). Das Erreichen des 30-Hektar-Ziels gemäß der Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland in der Neuauflage aus dem Jahr 2016 ist in erster Linie eine Aufgabe der Länder und Kommunen. Die Maßnahmen der Bundesregierung tragen größtenteils nur mittelbar zur Zielerreichung bei (Die Bundesregierung, 2016, S. 159). Kommunen haben bereits vor allem in den Innenbereichen zahlreiche Anstrengungen unternommen, um vorgenutzte Flächen für neue Nutzungen zu entwickeln. Auch wenn eine genaue Benennung des Brachflächenbestandes mangels präziser Daten derzeit nicht möglich ist, kann das 32 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland verfügbare Flächenpotential jedoch nach wie vor als erheblich eingeschätzt werden (IBoMa & AKOPLAN, 2002, S. 20ff.). Daneben ergreifen Kommunen noch weitere Maßnahmen, um das Flächen einzusparen (Hartmund, 2005, S. 34): • Günstige Zuordnung der Flächennutzung in der Bauleitplanung, • Weiterentwicklung von Siedlungen sowie Schließen von Baulücken sowie • städtebauliche Verdichtung in gut angebundenen Bereichen. Die Kommunen sind zudem einem interkommunalen Wettbewerb um Einwohner, Beschäftigte und Gewerbetreibende ausgesetzt, indem die Bereitstellung von Flächen als wesentlicher Motor angesehen wird. Dieser interkommunale Standortwettbewerb wird jedoch primär durch die schwierige finanzielle Lage der Kommunen getrieben, die sich durch die Ansiedlung von neuen Einwohnern und Gewerbetreibenden ein erhöhtes Gewerbe- und Grundsteueraufkommen erhoffen (Jörissen & Coenen, 2007, S. 13). Einige Kommunen nutzen jedoch auch Synergien, in dem Sie z. B. interkommunale Gewerbegebiete planen und umsetzen, um hierdurch eine Flächenreduzierung für Gewerbe zu erreichen. Nach Art. 20a GG ist Adressat des Schutzes der natürlichen Lebensgrundlagen der „Staat“. Damit werden sowohl der Bund als auch die Länder umfasst, die Kommunen werden jedoch aufgrund ihrer staatsorganisationsrechtlichen Zugehörigkeit zu den Ländern auch verpflichtet zum Schutz der Ressource Boden als grundgesetzunmittelbare Aufgabe beizutragen (Hebeler, Hendler, Proelß & Reiff, 2015, S. 14). Die Kommunen sind somit nicht die Hauptakteure des Umweltschutzes, können aber durch die Konkretisierung von Umweltschutzanforderungen in Form von Satzungen ihren eignen Gestaltungsspielraum ausnutzen (Aden, 2012, S. 68f.). Der Planung hinsichtlich der Bebauung sowie Grün- und Erholungsflächen wird durch die Kom- 33 2.3 Die Situation der Kommunen munen im Bebauungsplan festgehalten, den sie als Satzung beschließt (§ 10 Abs. 1 BauGB). Die kommunale Bauleitplanung dient damit im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung (Art. 28 Abs. 2 GG) als „Lösung von raumbedeutsamen Bodenkonflikten“ (Hebeler et al., 2015, S. 33). Wie eingangs beschrieben, sind die Kommunen einem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, sodass viele Planungsvorhaben durch einflussreiche Interessenvertreter im Konflikt mit Belangen des Umweltschutzes stehen (Aden, 2012, S. 69). Kommunen sind schlussendlich in einer Schlüsselposition, da die Stadtentwicklungssowie Bauleitplanung kraft Gesetzes zu ihren hoheitlichen Aufgaben zählen (LAG NRW 21, 2008, S. 5). Allerdings muss auch kritisch angemerkt werden, dass Kommune zwar im Rahmen der Bauleitplanung gesetzlich verpflichtet sind mit Grund und Boden sparsam umzugehen, aber in Folge ihrer Ermessensausübung anderen Belangen, wie z. B. der Ansiedlung von Gewerbe und damit der Schaffung von Arbeitsplätzen, den Vorrang geben können. Es kann von einer Kommune nicht verlangt werden, „dass sie ihre konkreten Interessen zugunsten eines abstrakten, bundesweiten Flächensparziels zurückstellt“ (UBA, 2004, S. 98). Die notwendige Verringerung der Neuflächeninanspruchnahme ist mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven sowie den Interessen der Ausweisung nach Wohn-, Gewerbe- und Industriegebieten einer Kommune zu koordinieren. Grundlage für die Flächenpolitik der Kommunen muss damit ein allumfassender Ansatz, der die verschiedensten Interessen berücksichtigt und ausgleicht, sein. Gleichwohl bestehen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sowie hoher Kosten für die Schaffung der Infrastruktur Bedenken, ob eine weitere Flächeninanspruchnahme für Siedlungsflächen mit erheblichen Vorteilen zu begründen ist. Aufgrund dessen sollte den Kommunen exakt vorgegeben werden, wie viele Flächen sie in Bezug auf das bundesweite Ziel in Anspruch nehmen dürfen. 34 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland 2.4 Ziele einer nachhaltigen Flächennutzung Im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung, die in Deutschland mit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt wird, gewinnt das Thema „Flächennutzung“ immer größerer Bedeutung. Allein der oftmals verwendete Begriff „Flächenverbrauch“ macht die Problematik deutlich, da die Ressource Fläche im eigentlichen Sinne nicht verbraucht werden kann (s. Kap. 2.1), sondern nur unterschiedlichen Nutzungen zugeführt wird. Mit der Unterzeichnung der Deklaration der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung hat sich Deutschland verpflichtet, den dort gestellten Anforderungen „gerecht“ zu werden. Ungeachtet dessen ist vor dem Hintergrund der begrenzten Verfügbarkeit von Fläche und Boden ein schonender Umgang notwendig, um die Generationengerechtigkeit und eine natürliche Ökologie der Flächen zu gewährleisten (Scharp, 2005, S. 14f.). Denn eine nachhaltige Entwicklung, wie sie bereits auf dem Klimagipfel im Jahre 1992 in Rio de Janeiro gefordert wurde, „beinhaltet die Verantwortung für zukünftige Generationen und die Notwendigkeit des schonenden Umgangs mit der Natur und mündet in der Aufgabe, den Faktor Umwelt in das wirtschafts- und gesellschaftspolitische Handeln zu integrieren“ (Hartmund, 2005, S. 23). Das Ziel einer nachhaltigen Flächennutzung, die auch im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung (Sustainable Development) ist, muss es demnach sein, die immer knapper werdenden Flächen besser zu nutzen und die Umwandlung unbebauter, natürlicher Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen deutlich reduzieren. Unter dem Begriff „Sustainable Development“ wird eine nachhaltige Entwicklung verstanden, welche die Bedürfnisse der jetzigen Generationen befriedigt, ohne jedoch dabei die Befriedung der Bedürfnisse künftiger Generationen riskieren (Bauer, 2008, S. 1). 35 2.4 Ziele einer nachhaltigen Flächennutzung Die nachhaltige Flächennutzung im Rahmen der nachhaltigen Entwicklung kann damit nicht als statisch angesehen werden, sondern als „veränderbarer Prozess, in dem die Nutzung der Ressource [Boden], die Richtung der Investitionen, die Orientierung der technischen Entwicklung und die institutionellen Änderungen in Einklang mit zukünftigen und den gegenwärtigen Bedürfnissen gebracht werden“ (United Nations, 1987, S. 24ff.). Eine wichtige Rolle bei der Konkretisierung der Zielsetzung nehmen die drei Nachhaltigkeitsfaktoren Ökologie, Ökonomie und Soziales ein. Aufgabe ist es, die noch vorhandenen Freiflächen mit ihren natürlichen Bodenfunktionen zu schützen (ökologische Dimension), bebaute Flächen bestmöglich zu nutzen (ökonomische Dimension) sowie Erholungsflächen für die Bevölkerung zu erhalten (soziale Dimension). Der (vorsorgende und nachhaltige) Bodenschutz ist zudem weiterhin ein – auch per Gesetz festgeschriebenes – Ziel. „Aufgabe des Bodenschutzes ist es, den Flächenverbrauch und die Versiegelung von Böden zu vermindern, Bodenverdichtungen und Erosionsprozesse zu vermeiden sowie schädliche Stoffeinträge und die Auswirkungen bestehender Schadstoffbelastungen des Bodens zu minimieren“ (Hartmund, 2005, S. 7), wobei die vorliegende Publikation sich auf die Thematik des Flächenverbrauchs beschränkt. Der Schutz des Bodens kann beispielweise vor dem Hintergrund der Wiedernutzbarmachung von ehemaligen Flächen des Bergbaus sehr kostspielig sein, sodass vermeidbare Schäden an Böden in Zukunft verhindert werden sollten. Dies setzt einen verantwortungsvollen Umgang jedes Individuums „ gegenüber der Gesellschaft und ihrer Umwelt voraus, die über die Beachtung gesetzlicher Vorschriften hinausgeht“ (Fiedler, 1990, S. 12). Die Komplexität der Zielsetzung macht deutlich, dass eine nachhaltige Flächennutzung nur mit einer Vielzahl zukunftsfähiger Instrumente und Strategien erreichbar ist und eine allumfassende Betrach- 36 Kapitel 2 – Flächenverbrauch in Deutschland tung und Einbeziehung aller potenziellen Akteure gewährleistet ist. Das Ziel der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, welches ein quantitatives Handlungsziel darstellt, kann damit als Orientierung dienen, um die ersten Schritte in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung objektiv messbar zu machen (Jörisson & Coenen, 2007, S. 59). 37 2.4 Ziele einer nachhaltigen Flächennutzung

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References

Abstract

As part of the German Sustainability Strategy, the Federal Government has set a nationwide goal for the reduction of land use. The effects on the natural functions of the soil, the economic structure of a municipality and the impact on the society are often underestimated. The revitalization of now unused urban areas in particular has a great potential. This publication provides a basis for a more in-depth discussion and supports impulses for a resource-conserving use of land and the practical implementation based on the project of the former Hassel coking plant, so that the needs of future generations can be satisfied.

Zusammenfassung

Die Bundesregierung hat im Rahmen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel ausgegeben, die Inanspruchnahme von Flächen zu reduzieren. Die Auswirkungen auf die natürlichen Funktionen des Bodens, die wirtschaftliche Struktur einer Kommune und die soziale Spaltung der Gesellschaft werden häufig unterschätzt. Insbesondere die Revitalisierung von Brachflächen stellt ein großes Potenzial dar. Die Publikation bietet eine Diskussionsgrundlage für eine vertiefte Auseinandersetzung und unterstützt Anstöße für einen ressourcenschonenden Umgang mit Flächen sowie die praktische Umsetzung anhand des Projekts der ehemaligen Kokerei Hassel, damit auch für künftige Generationen die Befriedung ihrer Bedürfnisse gewährleistet ist.