Neslihan Pisginoglu, Solidarität in Kinderzeichnungen in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (Ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 83 - 86

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-83

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
83 Neslihan Pisginoglu Solidarität in Kinderzeichnungen Das kleine Album mit den Dank-Bildern, welches im Herbst 1946 von den Schülerinnen der Cecilienschule gestaltet wurde und 88 unterschiedlich gestaltete Szenen der Lebensmittelhilfe und der Schulspeisung im Alltagsleben der Schülerinnen beinhaltet, gibt nicht nur einen bewegenden Einblick in diese Zeit, es weist auch auf den Dank der Schülerinnen gegenüber den Hilfsländern hin. Darüber hinaus weist es den Betrachter/die Betrachterin auf einen wichtigen Aspekt, welcher in der heutigen Zeit kaum beachtet wird: die Solidarität. Nicht nur die Alltagssituationen der Schülerinnen werden durch die Bilder zum Ausdruck gebracht, sondern auch die Solidarität der Hilfsländer. Ebenso wird die Solidarität der Schülerinnen selbst in den Bildern anhand von unterschiedlichen Motiven verdeutlicht. Doch was heißt eigentlich Solidarität und wie nehmen Kinder den Terminus Solidarität wahr? Um diese Eingangsfragen hinreichend zu beantworten, soll zunächst der Begriff der Solidarität in Kürze untersucht werden. Zuerst in seiner allgemeinen Bedeutung und dann mit Blick auf die Kinderwahrnehmung bzw. die Kinderzeichnung. Der Begriff Solidarität Der Begriff Solidarität ist etymologisch vom lateinischen Wort solidus abgeleitet, welches „gediegen“, „echt“ oder „fest“ bedeutet. Heute wird mit diesem Begriff zumeist eine Haltung der Verbundenheit im ethisch-politischen Kontext ausgedrückt. Darüber hinaus bezeichnet Solidarität den Zusammenhalt gleichgesinnter oder gleichgestellter Individuen bzw. Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte (vgl. Hilpert 1991: 72; Schubert/Klein 2006). Allerdings schreibt der aktuelle Papst Franziskus in einem Apostolischen Schreiben, der Ausdruck „Solidarität“ habe sich ein wenig abgenutzt und werde manchmal falsch interpretiert. Es erfordere mehr als einige gelegentliche großherzige Taten, nämlich eine neue Mentalität, „die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt.“ (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2013) Solidarität sei eine spontane Reaktion jenem/jener, der/die die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung 84 Neslihan Pisginoglu der Güter – die älter seien als der Privatbesitz – als Wirklichkeiten erkennt. Weil sich das Hüten und Vermehren des privaten Besitzes nur dadurch rechtfertige, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen, „deshalb muss die Solidarität als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht.“ (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2013) Wie können diese entwickelten Definitionen des Begriffes nun auf Formen der Solidarität unter Kindern angewendet werden? Solidarität bei Kindern und in Kinderzeichnungen Solidarität sei ein Wort, das für Kinder kompliziert erscheine, steht beispielsweise auf der Homepage von Humanium e. V. (vgl. Humanium e. V. 2014). Man solle sich diesbezüglich jedoch auch nicht täuschen lassen, denn Kinder wüssten sehr genau, was Solidarität bedeutet und was sich durch jene im Leben der Kinder verändern könne. „Solidarität heißt, anderen Menschen gern zu helfen“ (Ebd.) sagen die acht und neun Jahre alten Nelle und Lisa. Maxence, ebenfalls neun Jahre, sagt dazu: „Es ist, jemandem eine Freude zu machen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten“ (Ebd.) und die achteinhalbjährige Louna wird mit den Worten zitiert: „Solidarität ist, sich gegenseitig zu helfen, um voran zu kommen“. (Ebd.) Diese Aussagen von Kindern machen also deutlich, wie sehr sie sich darüber bewusst sind, dass Solidarität wichtig ist und sich positiv auf ihr Leben auswirken kann. Demgemäß ist vielleicht die Solidarität bei Kindern etwas, was sie in sich tragen und wovon Erwachsene sogar noch lernen können, indem sie sich die vielen Kinder zum Vorbild nehmen. Denn die Kinder zögern nicht, ihre Emotionen in ihren Zeichnungen darzustellen, da sie ihr Mitgefühl noch unbeschädigt spüren und wahrheitsgemäß in den Kinderzeichnungen zum Ausdruck bringen (vgl. ebd.). Ein Beispiel hierfür ist das Danke-Buch der Schülerinnen der Cecilienschule, denn sie zögerten nicht, auf die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs aufmerksam zu machen, indem sie kleine Textpassagen zu den Trümmern des Krieges in ihren Bildern einfügten. Auf vielen dieser Bilder verwenden die Schülerinnen immer wieder das Pronomen wir und das Substantiv Kinder, was darauf hindeutet, dass viele dieser Schülerinnen sich als Gemeinschaft verstehen – „wir Kinder“. Diese unbewusste Einordnung der Schülerinnen führt dazu, dass sie bereits früh den ersten Baustein der Solidarität legen, denn wie auch im Eingang erwähnt, braucht die Solidarität Nähe, die durch Gruppen vertreten wird, die mit ähnlichen sozialen Interessen und oft einer gemeinsam erlebten Geschichte hervorgeht. Dieses Gemeinschaftsgefühl der Schülerinnen ist aber nicht nur durch das Pronomen zu erkennen, sondern auch durch die Aufstellungen ihrer Bildmotive, wie im folgenden Bildbeispiel (vgl. Abb. 2 im vorangegangenen Beitrag von Sabine Weichel-Kickert). Im Vordergrund (von dem Betrachter/der Betrachterin aus oben rechts) des Werkes der Schülerin ist ein Text beigefügt, der die solidarische Tat des Hilfslandes Irland darstellt. Als Hauptmotiv wählte die Schülerin im Vordergrund (von dem Betrachter/der 85 Solidarität in Kinderzeichnungen Betrachterin aus links unten) Mädchenfiguren, die Hand in Hand einen weißen Turm (evtl. Zuckerhut), der durch Arme und ein Gesicht im Mittelgrund personalisiert wird, umkreisen. Die Mädchenfigur, die vom Betrachter aus links unten zu sehen ist, trägt ein grünes Kleid mit weißen langen Socken und roten Schuhen. Hierbei werden wiederum die Farben der irischen Flagge aufgegriffen. Möglicherweise verbindet sich die Zeichnerin mit dieser Figur, um ihren Dank und ihre Hingabe gegenüber Irland zu verdeutlichen. Die Handlung, dass die Mädchenfiguren Hand in Hand im Kreis sind, zeigt die solidarische Haltung der Schülerinnen der Cecilienschule gegenüber dem irischen Volk, denn sie weist auf den gemeinschaftlichen Grundgedanken hin, dass sie nicht nur im Einzelnen, sondern in einer Gemeinschaft dem irischen Volk zu danken haben. Der personalisierte Turm (evtl. Zuckerhut) hält in der rechten Hand eine irische Flagge hoch und ist im Mittelgrund überdimensional groß gezeichnet. Er nimmt vom Betrachter/von der Betrachterin aus die linke Bildhälfte komplett ein. Diese Überdimensionalität des Turmes verweist vermutlich wieder auf den großen Dank der Schülerin gegenüber Irland. Im Hintergrund (vom Betrachter/von der Betrachterin aus rechts unten) ist ein Eintopf, der vermutlich verzehrfertig ist, dargestellt, da der Inhalt noch am Dampfen ist. Dieser Dampf wird von der Zeichnerin durch wellenartige Striche nach oben verdeutlicht. Des Weiteren nutzt die Zeichnerin harmonierende Farben wie Rot, Orange und Gelb in ihrer Arbeit. Dadurch entsteht nicht nur eine ausgeglichene Stimmung, die gewählten Farben vermitteln dar- über hinaus den Eindruck, dass das Mädchen trotz der erlebten Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs eine Freude beim Malen empfindet und diese nicht nur durch die Farben, sondern auch durch die Handlung im Bild zum Ausdruck bringt. Somit ist anzunehmen, dass Kinderbilder nicht Gefühle oder Gedanken frei formulieren, sondern auch solidarische Botschaften beinhalten können und Möglichkeiten bieten, sich der aktuellen Alltagssituation erneut zu stellen, um Reflexionen voranzutreiben, wie zum Beispiel über die gegenwärtige Freundschaft zwischen Irland und Deutschland. Literatur Hilpert, Konrad: Solidarität. In: Neues Handbuch Theologischer Grundbegriffe. 5 (1991) 68–75. Schubert, Klaus; Martina Klein: Das Politiklexikon. 4., aktualisierte Auflage. Bonn: Dietz Verlag 2006. Internet Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Apostolisches Schreiben EVANGELII GAUDIUM des Heiligen Vaters Papst Franziskus an die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die Personen geweihten Lebens und an die christgläubigen Laien über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute. Bonn 2013 (online), unter: https://www.dbk-shop.de/ media/files_public/whvnunisb/DBK_2194.pdf. Humanium e. V. (online): Solidarität aus der Sicht von Kindern betrachtet, unter: https://www.humanium.org/de/solidaritat-aus-der-sicht-von-kindern-betrachtet (abgerufen am 04.08.2019).

Chapter Preview

References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu