Christine Reinhardt (geb. Silbernagel), Eine Zeitzeugin berichtet in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 7 - 10

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-7

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 Christine Reinhardt (geb. Silbernagel) Eine Zeitzeugin berichtet Christine Reinhardt (geb. Silbernagel) im Zeitzeuginnengespräch am 28. August 2019 im Kulturamt Saarbrücken, Foto: Viviane Bierhenke. Zur Person Christine Reinhardt geb. Silbernagel, geboren am 30. Oktober 1933 zusammen mit meiner Zwillingsschwester Maria als 8. und 9. Kind unserer Eltern Peter u. Maria Silbernagel, geb. Kasper. Sie bekamen dann noch 3 Kinder, zusammen also 11. Sie waren streng gläubig und röm. kath. erzogen. Da meine Zwillingsschwester und ich noch keine 5 Pfund wogen, kam ich, als das kräftigere Kind, mit drei Monaten nach Saarbrücken zu einer Schwester meiner Mutter, die keine Kinder bekommen konnte. Mein Verbleib dort sollte nur kurz sein; aber sie wurden dann meine Pflegeeltern, sagten mir das auch immer: „Hier hast Du Papa und Mama, und auf dem Hunsrück Deinen richtigen Vater Peter und Deine Mutter Maria.“ So war ich ein richtiges Glückskind, das mit viel Liebe aufwuchs und zweimal im Jahr auf den Hunsrück zu den anderen Geschwistern kam. Auch während der 1. Evakuierung 1939–40 und bei der 2. Evakuierung 1944–46 war ich ganz dort! 8 Christine Reinhardt 1. Leben in der Kriegszeit Das war ein Leben zwischen Normalität und Fliegeralarm, man mußte immer zum nächsten Bunker laufen, bei Tag und bei Nacht. Ich hatte 4 Brüder an der Front, der erste fiel 1941 in ELAILAMEIN in Ägypten, der zweite in Russland, der dritte starb später an Kriegsleiden (MS), der vierte war verschollen, kam aber 1948 aus Gefangenschaft nach Hause und übernahm später unseren Bauernhof. Wir haben immer Ball gespielt oder „Himmel & Hölle“, haben aus Stoffresten Kleider für unsere Puppen geschnitten. Als Kinderbücher hatte ich nur das Alte und Neue Testament, aber es gab Rosenbildchen, die wir sammelten und Handel (Tausch) damit trieben. Kinostars waren: Heinz Rühmann; Marika Rökk und Ilse Werner. Die Befreiung durch die Alliierten war das Allerbeste in unserem bisherigen Leben! 2. Bombardements, Ruinen und Stadtbild Vor einem Luftangriff riefen uns alle Sirenen in den Bunker, bei Tag oder Nacht, aus der Schule oder von zuhause! Wir saßen bei der Mama auf dem Schoß und hatten Angst vor dem, was kommt. Ich hatte aber immer meinen Teddy und meine Baby-Puppe dabei, sonst wäre ich nie mitgelaufen in den Bunker. Am 5. Oktober 1944, am frühen Abend, gingen wieder alle Sirenen; Papa, Mama und ich liefen schnell in den Bunker; aber alles blieb ruhig, und es gab Entwarnung; mein Papa lief dann zu seiner Arbeitsstelle über die Saar zum Straßenbahn-Büro. Aber dann gings los, Bomben über Bomben auf Saarbrücken, ohne Unterlaß, Spreng- und Phosphor-Bomben (alleine auf unseren Bunker 28 an der Zahl; jedesmal dachte man, die Lunge zerbirst?). Als wir gegen Morgen aus dem Bunker kamen, war Saarbrücken dem Boden gleichgemacht. Unsere große St. Josefs-Kirche brannte schon im Glockenturm lichterloh und stürzte am nächsten Tag ein. In unserer Straße waren nur noch drei Häuser ganz, alle anderen waren in Schutt und Asche niedergebrandt. Unseres stand Gott sei Dank noch; aber alles Porzellan etc. war kaputt! → (aber es war noch heimatlich) Dann kam im Herbst die totale Evakuierung nach Deutschland. Mama und ich konnten in ihr Elternhaus auf den Hunsrück kommen, und ich dazu noch zu Vater und Mutter und Geschwistern, das war meine schönste Zeit. Dort gab es auch noch Fliegerangriffe, aber wir blieben verschont. Sahen nachts das Feuer über Ludwigshafen, Mainz und Mannheim und beteten für die armen Menschen dort! Die Nachkriegszeit war ruhig gegenüber der durcherlebten Zeit! 9 Eine Zeitzeugin berichtet Man mußte morgens schon um 6.00 h beim Bäcker anstehen, um noch ein Brot zu bekommen; man mußte „hamstern“ fahren in die Pfalz oder in den Hunsrück. Die Wohnsituation war schlimm, unser Haus war von Fremden besetzt, aber Mama hatte eine gute Freundin in unserer Straße, bei der wir dann leben durften bis 1961. Da kamen sie zu mir nach St. Ingbert 1961. Mein Mann war dort Polizist. Die großen Probleme waren die Hungersnöte und die Kälte im Winter. Aber bei unserem Hause fuhren die Kohlewaggons Richtung Frankreich vorbei, und es gab nur 1 Gleis und lange Wartezeiten, da stiegen die alten Männer auf die Waggons und schmissen uns dicke Brocken runter, fast jede Nacht, das war unsere Überlebenschance. 3. Die Schulzeit der Kriegs- und Nachkriegszeit Vor der Evakuierung hatte ich schon meine Aufnahmeprüfung am Königin-Luisen-Gymnasium bestanden; aber das war in Schutt und Asche untergegangen, als wir zurückkamen. Blieb also nur die Mittelschule, die nur 50 m von unserer Wohnung stand. Das schulische Leben war streng geordnet. Ideale und Werte wurden uns prima vermittelt. Unsere Klassenlehrerin, Frl. André, hat uns zur Literatur und gutem Benehmen geführt. Unser Klassenraum war der schönste, weil er halbrund gebaut war: aber bei Regen mußten wir immer Blech-Milch-Dosen unterstellen, weil wir sonst im Wasser gestanden wären. Wir verfügten nur über wenig Materialien. Die Lehrer/innen hatten Kreide für die Wandtafel und wir Kinder einen Griffel für unsere Schiefertafel. Zu den einzelnen Fächern wurden halt die Säle gewechselt. Es mußte Schulgeld bezahlt werden (wir hatten ja die reichsten Saarbrücker Schülerinnen – alles Geschäftsleute wie Neufang-Brauerei, Eisen-Becker oder Pelzhaus Korn – in der Klasse). Ich als beste Zeugnis-Schülerin blieb jedes Jahr, wenn der Schulrat im Hause war, vom Schulgeld befreit. Der Schulweg fand nur über Trümmer und Geröll statt, aber das waren wir gewöhnt! Die Kriegserlebnisse wurden nur kurz erwähnt, weil wir alle noch traumatisiert waren. Es wurde nicht Klassen übergreifend gelernt: nur im Religions-Unterricht. Aber es fanden schon Musik- und Sport-Stunden regelmäßig statt, auf die unsere Direktorin, Frau Bauer, neben Religion großen Wert legte. 10 Christine Reinhardt 4. Der Kunstunterricht und das Danke-Buch Es gab ja wenig Material für Kunst und Zeichnen. Nur die Lehrer hatten ein solches. Wenn die nächste Schulstunde Biologie oder Geographie lautete, mußte ich immer während der Pause einen Fisch oder einen bestimmten Fluß an die große Tafel malen, weil wir keine Vorlagen hatten. Von Plastizieren war noch gar keine Rede. Aber wir hatten schöne Handarbeitstunden, wir häkelten, strickten, stichelten u. s. w. Dann hatten wir auch viel Sport, im Freien u. im Sportsaal; aber viel Freistunden gab’s nicht. Jetzt kommt das große Dankeschön-Buch nach Irland zur Sprache. Eines Tages sagte unsere Klassenlehrerin und die „Direx“, wir sollten doch mal alle ein schönes Bild malen und uns damit bei unseren speisenden Menschen bedanken, was wir dann auch taten. Die „dünnen“ bekamen ja 6 x wöchentlich, die „mittleren“ // 4 x // // , die „mittel //“ // 2 x // // , und die „Dicken“ // keine Speisung! Ich habe ja 2 Bilder gemalt, weil ich noch schrieb: „und unser Herrgott wird es Euch […] danken“. Kunstbücher und Inspirationsquellen gab es erst viel später. Alles weitere noch mündlich!! Ihre dankbare Christine Silbernagel!

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu