Iris Kolhoff-Kahl, „Schönzeichnen“. Kleidung und Mode in den Mädchenzeichnungen des Danke-Buches in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (Ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 69 - 74

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-69

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
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69 Iris Kolhoff-Kahl „Schönzeichnen“. Kleidung und Mode in den Mädchenzeichnungen des Danke-Buches In der Not wird das Kleid besonders rot … Danke sagt „frau“ immer im schönsten Kleide … und so taten es auch die Schülerinnen der Saarbrücker Cecilienschule 1946 in dem Danke-Buch an ihre irischen Spender St. Patrick, die ihnen in der Nachkriegszeit mit Lebensmittelpaketen das Überleben ermöglichten. Die modischen Darstellungen der Danksagerinnen des kleinen Danke-Buches sind Ausdruck des Sehnens in Zeiten des Mangels: das Schöne, Zauberhafte, Leichte und Modische wird in den Mädchenzeichnungen wunschhaft herbeigemalt, im Kontrast zu Hunger, Lumpen und Not des Alltags in den Großstädten. Hüte mit Blumen; Gestrickte Spitzensöckchen; Rote Schuhe mit Schleifen und Absätzen; Gürtel und Saumverzierungen; Schürzen, Kragen, Spangen, Haarschleifen; kunstvoll geflochtene Zöpfe; schwingende, knielange Röcke beim Tanz; Blusen mit Puffärmeln; Samtbesatz und Baskenmützen; Hellblau, violett, rosa und orange; Gepunktete, geblümte, gestreifte Stoffmuster. Diese Aufzählung klingt wie ein Gedicht, eine Vision, ein Durst nach dem Schönen und Verschwenderischen, dem „New Look“ der Nachkriegszeit (vgl. Zeichnung im Danke-Buch, S. 13). „New Look“ Das neue Aussehen der Nachkriegszeit beherrschte mit den französischen Linien Christian Diors die Damenmode. Im Danke-Buch sind die Silhouetten der Figuren hauptsächlich in Diors „Blütenkelchlinie“ gezeichnet, die an eine umgedrehte Blume erinnert. Ein weiter abstehender Rock, oft mit Petticoats unterfüttert; ein enger Taillengürtel; runde, weiche Schultern und eine betonte Oberweite prägen die Blütenkelchlinie, die damals in Zeiten des ersten Aufbaus große Proteste 70 Iris Kolhoff-Kahl 71 „Schönzeichnen“. Kleidung und Mode in den Mädchenzeichnungen wegen der hohen Stoffverschwendung auslöste (vgl. Loschek 1994: 363 f.). Aber gerade dieses Schwelgen in gemusterten Stoffen war eine Rückerinnerung an die luxuriösen Modeentwürfe der Vorkriegsjahre und lenkte von den eher rationalen und funktionellen Arbeitskleidern der Trümmerfrauen ab. Frauen und Mädchen durften nun wieder als „Grand Dame“ oder mädchenhafte Prinzessin ihre Weiblichkeit und Verführungskräfte darstellen. Die Dior Entwürfe erhoben gar nicht den Anspruch alltagstauglich zu sein, sondern die Frau wurde eher wieder auf ihr Aussehen reduziert. Dies passt in die Zeit der Nachkriegsjahre, in denen die im Krieg beruflich engagierten Frauen (Arbeiterfrauen, Trümmerfrauen, alleinerziehende Mütter), die die abwesenden Männer in Fabriken, Feldarbeit, Büro und als Haupternährer der Familien ersetzt hatten, zurück in den Bereich von Haushalt, Familie und Repräsentation gedrängt wurden. Dieses neue Frauenbild wurde durch Plakate an Litfaßsäulen, in Werbeanzeigen, z. B. im Spiegel präsentiert, welches sich die durchschnittliche deutsche Frau erträumen sollte (vgl. Saryusz/Labentz 2017: 10). Es sind Bilder der neuen Hausfrau und Verführerin, die als Normalisierung über diese Bildikonografie visualisiert wurden, welche Mädchen des Danke-Buches aufgegriffen haben. Die irische Lebensmittelhilfe machte also nicht nur das Überleben möglich, sondern schuf gleichzeitig Raum für das Schöne und Fantasievolle in kindlichen Worten und Bildern des Dankes. Die vestimentäre Realität der Mädchen sah vermutlich anders aus. „Aus zwei mach eins“ Stoffe und Kleidung waren in den Kriegsjahren Mangelware und streng rationiert. Selbst kleinste Stoffreste wurden erfinderisch verwertet und Kinder standen am Ende der textilen Versorgungskette. Seit 1939 wurden für Kleidung und Schuhe Bezugsscheine ausgegeben und Kleiderkarten mit komplizierten Punktsystemen sollten den Bedarf an Kleidung bei zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten anpassen. Es gab Nähkurse der NS-Frauenschaft, in denen gezeigt wurde, wie aus alten Kleidern neue entstehen und man sich damit wichtige Zusatzpunkte auf der Kleiderkarte erarbeiten konnte (vgl. Zander-Seidel 1997). „Als selbst für diese Form der Materialbeschaffung (aus alten Kleidern neue zu nähen) Beschränkungen notwendig wurden, war die Bevölkerung gehalten, jedes verbrauchte Kleidungsstück zuerst auf seine Verwendbarkeit für Erwachsene zu überprüfen, ehe es zu Kinderkleidung verarbeitet wurde; denn, so formulierte es eine 1944 von der ‚Arbeitsgemeinschaft Deutsche Textilstoffe beim Reichsausschuß für volkswirtschaftliche Aufklärung‘ herausgegebene Broschüre, ‚große Kleidungsstücke für Kinder zu verschneiden ist ein Luxus, den wir uns heute nicht leisten können‘.“ (Zander-Seidel 1997: 7) Abb. 1: Blatt Nr. 78 aus dem „Saarbrücker Danke- Buch“ (1946). Ch. Onfermann. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. Abb. 2: Blatt Nr. 63 aus dem „Saarbrücker Danke- Buch“ (1946). Schülerin Kiefer. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. 72 Iris Kolhoff-Kahl Auch Frau Christine Reinhardt (geb. Silbernagel), die am Danke-Buch aktiv als Schülerin mitgewirkt hat, berichtet über diese Zeit: „Wir haben aus allem etwas gemacht.“ (Auszug aus dem Interviewtranskript zum Danke- Buch, 28. August 2019) „Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen“, so lässt sich die persönliche Erinnerung der Nachkriegszeit zusammenfassen. Die Großmutter der Autorin dieses Beitrages, eine eifrige Strickerin, die in der Nachkriegszeit vier Kinder einkleiden musste, erzählte mir, dass sie die roten Socken, die sie selbst ihrem Vater einmal als Kind mühsam aus dicker Wolle zum Geburtstag gestrickt hatte, aufribbelte und daraus einen Babystrampler stricken konnte. Und ihre Töchter, unter anderem meine Mutter (geb. 1940) musste im Kindergarten Fäden aus alter Kleidung zupfen, um diese wieder zu verwenden. Es wurde in beinah jedem Haushalt genäht, gestopft, gestrickt und gehäkelt, sobald freie Zeit zur Verfügung stand. Gib alles, um schön zu erscheinen Die Mädchen des Danke-Buches haben vestimentäre Kreationen in ihren Zeichnungen erschaffen, die einen ästhetisch stereotypen Modezeitgeist umsetzten, die in der Realität wohl so nicht stattgefunden hat, bzw. wie Frau Reinhard berichtet nur von den reichen Mädchen der Schule getragen wurden. Ingeborg Weber-Kellermann stellt in ihrem Buch „Der Kinder neue Kleider“ an historischen Quellen sehr ausführlich dar, was für eine enorme Belastung es für die Mädchen aus ärmeren Verhältnissen dieser Zeit war, das zu leben, was die reicheren ihnen an vestimentären Schönheitsidealen vorführten (vgl. Weber-Kellermann 1985: 241–245). Die realen Kleidungsprodukte gediehen nicht immer zur Freude der Mädchen, wie Angela Meckel (geb. 1943) erinnert: „Ich stand (in der Badeanstalt) in meinem grünen Wollbadeanzug, den Mama aus alten Pullovern geschneidert hatte, der sich im Becken voll Wasser sog, schwer und formlos wurde.“ (Ebd.: 242) Die Saarbrücker Mädchen hatten die Modevorlagen und Weiblichkeitsbilder ihrer Zeit bzw. die Visualisierung des neuen Frauenbildes dennoch genau im Blick, um sich selbst zeichnerisch top-modisch in der Blütenkelchlinie oder wie im Sonntagskleid darzustellen. Sie geben alles, um schön zu erscheinen, sich von der besten Seite zu zeigen und so zeichnen hier nicht nur Kinder ihre Wunschkleider, sondern die Zeichnungen prägen auch die Mädchen und ihre Selbstdarstellung bzw. Körperwahrnehmung im Umkehrschluss (vgl. Kolhoff-Kahl 2019: 7–15). Sie werden zu wohlerzogenen, gut gekleideten Mädchen, im Gegensatz zu den Männern in ihren Zeichnungen. Diese übernehmen wieder die schweren körperlichen Arbeiten der Berufswelt und werden in typischer Arbeitskleidung mit Hose und Jacke, dicken Schuhen, kurzem Haarschnitt und Schirmmützen am Hafen oder beim Ausladen der Lebensmittelhilfen dargestellt (vgl. Zeichnung im Danke-Buch, S. 26). Die vestimentären Geschlechtsunterschiede der Vorkriegszeit sind in den Mädchenzeichnungen im Jahr 1946 wieder aufgegriffen worden. Kleidungsrealität und Modewüsche verhalten sich in den Mädchenzeichnung diametral 73 „Schönzeichnen“. Kleidung und Mode in den Mädchenzeichnungen zueinander, könnte ein Fazit sein. Um dieses Fazit handfester zu belegen, wäre es wünschenswert, noch mehr Menschen wie Frau Reinhardt befragen zu können und anhand von Fotomaterial die Kleidungsrealität mit den gezeichneten Modevisionen der Mädchen in der Nachkriegszeit zu vergleichen. Oder an Kafkas Überlegungen zu „Kleider“ (s. u.) angelehnt, Mode und Kleidung sind immer vergänglich und das Danke-Buch erinnert an eine vergangene Zeit, in der die Saarbrücker Mädchen die schönen, neuen Frauenkleider herbeisehnten und zeichnerisch kreierten und gleichzeitig damit ihre Weiblichkeitsvorstellungen modisch normalisierten und standardisierten. Und genau da beginnt die Geburt von neuen Moden – denn Mode ist, wo Abweichung das Normale ist (vgl. Kahl 1997: 139–148), und in diesem Spiel von Anpassung und Abhebung entwarf jedes einzelne Mädchen vestimentär das, was die anderen machen, um anders zu sein (vgl. Esposito 2004: 81). So wie jede Zeichnung wie in einem natürlichen Maskenanzug erscheint und doch eine individuelle Handschrift trägt und damit eine paradoxe Modereflexion aufleben lässt. Franz Kafkas „Kleider“ „Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, daß sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu glätten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist, und daß niemand so traurig und lächerlich sich machen wollen, täglich das gleiche kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn. Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen, und doch alltäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel wiedererscheinen lassen. Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar.“ (Kafka 2019: 10) 74 Iris Kolhoff-Kahl Literaturverzeichnis Esposito, Elena: Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2004. Kafka, Franz: Kleider. In: Die Erzählungen, Originalfassung. 13. Auflage. Hg. v. Franz Kafka. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2019, S. 10. Kahl, Iris: Mode – wo Abweichung das Normale ist. In: Textilarbeit + Unterricht 3 (1997), S. 139–148. Kolhoff-Kahl, Iris: Kleider machen Kinder machen Kleider. In: Kleider und Kinder 7 (2019), S. 7–15. Loschek, Ingrid: Reclams Mode- und Kostümlexikon. 3. Auflage. Stuttgart: Reclam Verlag 1994, S. 363–364. Saryusz, Magdalene; Anna Labentz: Bilder der Normalisierung, Gesundheit, Ernährung Haushalt in der visuellen Kultur Deutschland 1945–1948. Bielefeld: transkript Verlag 2017. Zander-Seidel, Jutta: Ein Kindermantel von 1946. In: Monatsanzeiger Germanisches Nationalmuseum 1 (1997), 6 f. Weber-Kellermann, Ingeborg: Der Kinder neue Kleider. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1985. Unveröffentlichtes Interview mit einer Zeitzeugin Interview mit Christine Reinhardt am 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, Prof. Dr. J. Ströter- Bender (beide Universität Paderborn/Kunst) und B. Kollet (M.A., Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken). Abbildungen Abb. 1: Blatt Nr. 78 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Ch. Onfermann. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. Abb. 2: Blatt Nr. 63 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Schülerin Kiefer. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland.

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu