Juliane Kurz, Schriften, Texte und Ornamente in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (Ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 63 - 68

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-63

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
63 Juliane Kurz Schriften, Texte und Ornamente Um Konturen unserer Umwelt zeichnerisch zu dokumentieren, bedienen wir uns der Linien, die vermögen, Objekte oder Bilder für das menschliche Auge wahrnehmbar festzuhalten. Es wird instinktiv versucht, jeder Linie eine logische Kontinuität und Richtung zu geben, die möglichst zu einer „visuelle[n] Form oder optische[n] Einheit“ (Prette 2009: 21) führt, welche eine sinngebende Betrachtung ermöglicht (vgl. ebd.). Dabei definiert die Linie, die als zarte Erscheinung im Dialog zur Fläche steht, nicht das gezeichnete Objekt selbst, sondern seine Grenzen. Die Umrisslinie, welche eine Fläche umfasst, ist „eigentlich eine seltsame Abstraktion“ (Scheinberger 2019: 7). „Denn diese Linie existiert in Wirklichkeit gar nicht. Sie definiert nichts weiter als die Grenze, die das Objekt von seiner Umgebung trennt – aber Menschen haben nun mal keine Umrisslinien[.]“ (Ebd.: 7 ff.) Die Linien des Danke-Buches, die in ihren individuellen Ausführungen und vermehr harmonischen Konstellationen die spezifische Ästhetik des Werkes prägen, zeugen nicht nur von einer zeichnerischen sowie schriftlichen Qualität, sondern vermitteln eindrucksvoll das Bild einer Gesellschaft in höchst schwierigen Zeiten und ihrem großen Dank für die ihnen zukommende Unterstützung. Die Linien bilden den Menschen ab, die Person, das Mädchen, welches ihren Dank für die Lebensmittelspenden der Irländer zum Ausdruck bringt. Dabei verknüpft die Linie, als Ausgangspunkt zeichnerischer wie schriftlicher Fixierungen, Schrift und Bild miteinander, die im Rahmen des Danke-Buches nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. So ist bei der nachfolgenden pointierten und exemplarischen Auseinandersetzung mit den Schriften, Texten und Ornamenten des Danke-Buches die Verbindung, Wirkung und Bedingtheit der zwei Ausdrucksmittel (Schrift und Bild) im Hinterkopf zu behalten. „Schweizer Suppe und Kakao tut Saarbrücker Kindern schlau. Doch Irlands Fett und Zucker macht, dass uns das Herz im Leibe lacht! [Herv. Kurz]“ (siehe Abb. 1) schreibt Sigrid Thomas mit großer Schrift und in Form eines Regenbogens mittig über ihre zeichnerische Ausführung, in der zwei Kinder (Junge und Mädchen) vor der in Trümmern liegenden Stadt Saarbrücken freudig die Lebensmittelspenden aus Irland, welche aus Tüten 64 Juliane Kurz Abb. 1: Sigrid Thomas, Schülerin der Cecilienschule Saarbrücken, Zeichnung aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. Abb. 2: Lieselotte Kurz, Schülerin der Cecilienschule Saarbrücken, Zeichnung aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. 65 Schriften, Texte und Ornamente in zwei überdimensional große, in der Luft schwebende Töpfe gefüllt werden, begrüßen. Vermutlich unbewusst, dennoch treffend, stehen in dem zweizeiligen Reim die Wörter Suppe und Fett sowie Kakao und Zucker untereinander. Es lässt sich darauf schlie- ßen, dass Sigrid Thomas genau diese Zutaten und Gerichte in ihrer Zeichnung aufgreift. Im linken Topf wird Fett zur Suppe hinzugegeben und im rechten Topf Zucker zum Kakao. Der Inhalt des Geschriebenen ermöglicht in diesem Fall eine explizite Beschriftung des zeichnerischen Niederschlags, unter Einbeziehung der Form und Farbigkeit des Gezeichneten. Hier verbirgt sich einer der wohl zentralsten Aspekte – wenn auch in seiner minimalsten Form –, warum das Danke-Buch als Zeitzeugendokument eine besondere Vorbildfunktion erfüllt. Dass Kinder- und Jugendzeichnungen historisch bedeutende Dokumente unserer Kultur darstellen, ist in Fachkreisen unbestritten, doch muss vielerorts unsere sozial-kulturelle Gesellschaft für das Medium sensibilisiert werden. Die Schriften und Texte auf den Zeichnungen der Kinder und Jugendlichen – u. a. in den Mädchenzeichnungen aus Saarbrücken – ermöglichen einen ersten Zugang, der neben visuellen Eindrücken den Betrachter/die Betrachterin im Rahmen des schriftlichen Inhaltes abholt. In seiner künstlerischen Kreativität sticht der Reim durch seine in Plakatschrift geschriebene Form hervor, die mit den folgenden, im Beispiel zutreffenden Aspekten charakterisiert wird: Geschrieben in Druckbuchstaben, in einer großen, sauberen und klaren Handschrift – die auch aus einer weiteren Entfernung leserlich bleibt – und eine Schriftgestaltung, die in ansprechenden oder abwechslungsreichen Farben gestaltet ist. So wurde von Sigrid Thomas mit einem Bleistift, auf einer mit freier Hand gezogenen und nach oben gebogenen Hilfslinie, vorgeschrieben und die Buchstaben, der Punkt und das Ausrufezeichen am jeweiligen Satzende mit einem roten sowie einem blauen Buntstift nachgezogen, wobei die Großbuchstaben in Blau gehalten sind ebenso wie die ersten zwei nachfolgenden Buchstaben des ersten Wortes (siehe Abb. 1: „Schweizer“). Die Plakatschrift als Unterrichtsbestandteil der Kunsterziehung im Dritten Reich gehörte ebenso in den Lehrplan wie die Übungen zur Ausbildung einer guten Handschrift (vgl. Walter 1938: 97 ff.). Die Schönschriften der Mädchen im Danke-Buch sind mit ihren individuellen Charakteren ein fester Bestandteil der spezifischen Ästhetik. So zieht Lieselotte Kurz ihre fein säuberlich und mit blauer Farbe zu Papier gebrachten Buchstaben in doppelter Ausführung, womit die übereinander gelagerten Linien den Eindruck eines kräftigen Duktus vermitteln. Sie schreibt und reimt im Herbst 1946: „Meine lieben Iren! Die [F]reude war gross, als uns traf das Los, der irische Speck, der schmeckte famos. Beim Kakao und Griessbreiessen, kann man selbst das Lernen vergessen! Der irische Zucker schmeckt süß u. gut[,] er gibt Kraft und neuen Mut. Für Eure reichen Gaben danken Euch allen[,] es ist wahr, die vielen Kinder an der Saar! [Herv. Kurz]“ (siehe Abb. 2) Mit ihrem Dank, der die Freude über die Lebensmittelspenden wie Speck und Zucker sowie den daraus zubereiteten Speisen aufgreift und ihre Bedeutung für die physische und psychische Gesundheit der Kinder her- 66 Juliane Kurz vorhebt, stärkt sie das Bild der großen Notwendigkeit dieser Spenden nach dem Krieg. Den Dank umrahmend angelegt ist ein Blumenornament, das aus wiederkehrenden kleinen Blumen und Blättern gefertigt ist. Mit verschieden farbigen Buntstiften koloriert (in den Farben: Rot, Gelb, Blau, Braun, Dunkel- und Hellgrün), zieht es sich waagerecht wie senkrecht von der linken oberen Ecke zum jeweiligen gegenüberliegenden Seitenrand am Geschriebenen vorbei. Dabei markiert eine rote Schleife den Ausgangpunkt des Ornaments. Aus seinem Variationsreichtum heraus, ergebend durch die Formenvielfalt, öffnet sich das Blumenornament den Umriss- und Innenformen, die sich durch reduzierte Kontraste (Form, Größe, Richtung und Helligkeit) auszeichnen (vgl. Ott- Peerenboom/Wünsch 1978: 15). Die Schlichtheit des ornamentalen Arrangements greift das Mädchen in ihrem gezeichneten Blumenstrauß rechts unterhalb des Textes wieder auf. Das Ornament besteht „aus einem Geflecht fortlaufender Linien, [das in seinen] Windungen [einen] Buchstaben des Alphabets verbirgt.“ (Prette 2009: 22) Der erste Buchstabe des ersten Wortes nach der Anrede wird von Lieselotte Kurz bewusst in das Ornament mit eingebunden, insbesondere erkennbar an der abweichenden Farbigkeit der Blumenblätter, welche die zwei Blumen innerhalb des Buchstabens „D“ aufweisen. Die dadurch auf dem Papier geschaffene Brücke zwischen Bild und Schrift hebt ein weiteres Detail hervor, welches bei der Betrachtung der Schrift auf Kinder- und Jugendzeichnungen Erwähnung finden muss: die Initiale. Sie steht (lat. initialis) für den Anfang, für etwas, dass den Beginn eines Kapitels oder Absatzes markiert und das Handgeschriebene strukturiert. Bereits im 7. Jahrhundert entwickelte sich die „Buchstabenmalerei in Handschriften“ (Beinert 2019) und zeigt sich vermehrt durch ausgeschmückte sowie vergrößerte Majuskeln (vgl. Beinert 2019). Sie ist ein in Kinder- und Jugendzeichnungen immer wiederkehrendes Element, das durch ihre Vielfalt und Möglichkeit zur kreativen Erprobung hervorsticht. Bereits in dieser kurzen und exemplarischen, auf zwei Mädchenzeichnungen des Danke-Buches reduzierten, Ausführung zur Schrift, zum Text und zum Ornament zeigt sich, welches Potenzial in der Untersuchung und Verknüpfung von Schrift und Bild steckt. Wenn dem Danke-Buch und seiner spezifischen Ästhetik sowie seiner Verwurzelung in u. a. der Kultur des Poesiealbenschreibens und der Postkartenkultur mit offenen Augen begegnet wird, finden sich weitere spannende Untersuchungsmerkmale (z. B. Individualität und ihre Zuordnung; der Name/die Signatur in den Mädchenzeichnungen des Danke-Buches), die das Bild der Kinder- und Jugendzeichnungen als bedeutende Medien hervorheben. Unter Einbeziehung der Schrift und ihren Auswirkungen auf die Zeichnungen, öffnet sich ein breites Feld für gewinnbringende Dialoge. 67 Schriften, Texte und Ornamente Literatur Ott-Peerenboom, Helga und Karl Wünsch: Muster und Ornament. Ein Bilder- und Lehrbuch. München: Don-Bosco-Verlag 1978. Prette, Maria Carla: Kunst verstehen. Alles über Epochen, Stile, Bildsprache, Aufbau und mehr in über 1000 farbigen Abbildungen. (Aus dem Italienischen von Manuela Eder und Mag. Ruth Karzel). Köln: Naumann & Göbel 2009. Scheinberger, Felix: Drainting. Die Kunst Malen und Zeichnen zu verbinden. Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2018. Walter, Fritz: Der neue Lehrplan für die Kunsterziehung an den höheren Schulen im Reich. In: Kunst und Jugend. Monatsschrift des NSLB für Bildnerische Erziehung 5 (1938), S. 97–99. Internet Beinert, Wolfgang (online): Initiale (23.08.2019), unter: Typolexikon, unter: https://www.typolexikon.de/ initiale/ (abgerufen am 17.11.2019). Abbildung Abb. 1: Sigrid Thomas, Schülerin der Cecilienschule Saarbrücken, Zeichnung aus dem „Saarbrücker Danke- Buch“. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. Abb. 2: Lieselotte Kurz, Schülerin der Cecilienschule Saarbrücken, Zeichnung aus dem „Saarbrücker Danke- Buch“. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland.

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu