Jutta Ströter-Bender, Traditionslinien des Danke-Buches. Poesiealben und Glanzbilder in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (Ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 55 - 62

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-55

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
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55 Jutta Ströter-Bender Traditionslinien des Danke-Buches. Poesiealben und Glanzbilder Die Nachkriegsjahre von 1945–1949 nehmen eine besondere historische Bedeutung ein in der ausgeschmückten Gestaltung von Danke- Büchern, Danke-Briefen und Danke-Bildern. Was konnten die Kinder und die Jugendlichen in ihren vom Krieg gezeichneten Lebenswelten den weitgehend unbekannten Wohltätern der internationalen Hilfsorganisationen überreichen, wie den verschiedenen Ländern für die große Unterstützung in Hunger und Not danken? In den Zeiten äußerster Knappheit und Not kam somit das traditionelle Medium der Danke-Bilder auf Papier und Pappen zum Einsatz, so wie 1946 im „Saarbrücker Danke-Buch“ komprimiert zusammengebunden. Das Rote Kreuz ermunterte die Schulen zu dieser Form des Dankens, welche den Hilfsorganisationen der Geberländer persönlich und bewegend, unmittelbar und direkt die konkreten Auswirkungen ihrer Großzügigkeit vor Augen stellte. In verschiedenen Archiven des Roten Kreuzes und weiteren Kinderzeichnungsarchiven wie dem Pestalozzianum in Zürich lassen sich Danke-Bilder aus diesen Jahren in unterschiedlichster Ausgestaltung entdecken. Viele solcher Dokumente sind noch nicht gefunden oder auch entsprechend erforscht und untersucht. Denn ebenso verfassten in anderen europäischen Ländern Heranwachsende, denen die internationale Lebensmittelhilfe zu Teil wurde, kunstvolle Werke des Dankes (vgl. Haunfelder 2010: 148–151). In diesen Konvoluten hebt sich das „Saarbrücker Danke-Buch“ durch seine Dichte, Intensität und Aussagekraft in besonderer Weise hervor. In Deutschland geht die Tradition von gemalten und beschrifteten Danke-Heften, Zeichnungen und Stickereien in schulischen Kontexten bis weit in die wilhelminische Zeit zurück. So war es von Seiten der Schüler und Schülerinnen vielerorts üblich, den verantwortlichen Lehrer*innen bei der Schulentlassung ein Danke-Heft oder Buch mit Texten in Schönschrift und Verzierungen als Anerkennung zu überreichen. Das Archiv des Nürnberger Schulmuseums besitzt in sei- 56 Jutta Ströter-Bender nem Bestand noch das komplette Abschiedsheft der Abschlussklasse einer Volksschule aus dem Jahre 1930. Der Lehrer bewahrte es sein Leben lang als wertvolles Andenken auf, bevor es dann in das Archiv gelangte. Dieses Heft ist reich mit Ornamenten ausgeschmückt, sorgfältig beschriftet und ähnlich wie ein Poesiealbum mit eigenen kleinen Geschichten, Gedichten und Sprüchen für die Lehrperson ausgestaltet. Abb. 1: Mädchen (12 Jahre alt), „Österreichische Kinder danken der Schweiz“, 1949, Scherenschnitt, Wettbewerbsbeitrag für den Pestalozzi-Kalender. Mit freundlicher Genehmigung des Kinderzeichnungsarchivs des Pestalozzianums, Zürich. 57 Traditionslinien des Danke-Buches. Poesiealben und Glanzbilder Bis heute hat sich diese Kultur des Dankens vor allem im Kindergarten und in der Grundschule bewahrt. Zahlreiche Blogs geben im Internet Anregungen, wie ein solches Heft für die Lehrer*innen und Erzieher*innen gebastelt werden kann. Ebenso bieten Verlage vorproduzierte Danke-Bücher zur weiteren Ausgestaltung an. Zum Muttertag werden Danke-Bilder mit Herzen und Blumen gemalt. In den Gesprächen mit den Saarbrücker Zeitzeuginnen wurden noch weitere Inspirationsquellen für die Gestaltung des Danke- Buches deutlich. Es ist vor allem das Vorbild des Poesiealbums und die ästhetische Faszination für die sogenannten Glanzbilder, die hier Spuren hinterlassen haben. Dies muss auch vor dem Hintergrund einer Zeit gesehen werden, in welcher die Familien meist nur wenige Bücher besaßen und den Her- Abb. 2 u. 3: Eingangsseite und Gedicht im Danke- Heft für einen Nürnberger Lehrer, 1930, Foto: Jutta Ströter-Bender. Mit freundlicher Genehmigung des Schulmuseums der Universität Erlangen, Nürnberg. 58 Jutta Ströter-Bender anwachsenden nur wenig visuelles Material an Illustrationen und Bildwerken zur Verfügung stand. Poesiealben und Glanzbilder Über die Jahrzehnte der wilhelminischen Ära, die Weimarer Republik und auch die NS-Zeit hinaus – bis in die Gegenwart hinein, behielt das Poesiealbum als populäres Erinnerungsund Freundschaftsbuch der späten Kindheit weitgehend unverändert seine spezifische Ausgestaltungsform. Poesiealben sind ein Generationen übergreifendes Kommunikationsmedium, wurden in den Familien sorgsam aufbewahrt und vererbt. Da die Poesiealben bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein für viele Familien kostspielig waren, wurden sie in der Regel zur Kommunion oder zu einem Geburtstag am Ende der Grundschulzeit (9 bis 10 Jahre) als Geschenk überreicht. Vor allem Mädchen widmeten sich diesem Medium mit großer Hingabe und Eifer. Auf den weißen Seiten der oft quadratischen, in Leder gebundenen Bücher (und oftmals mit Goldschnitt versehen), trugen sich Schulkamerad*innen, Lehrpersonen, Geschwister und Familienangehörige mit einem kleinen Widmungsspruch zur gemeinsamen Erinnerung ein (vgl. Methler 2012). Zu dem Text in der obligatorischen Schönschrift, in der Regel auf der rechten Seite, gesellten sich kleine Zeichnungen, Scherenschnitte und gepresste Blumen. Wer wenig Zeit hatte oder nicht so begabt war, wählte dann aufgeklebte Glanz – oder sogar Andachtsbildchen, so dass sich die Poesiealben im Laufe der Jahre zu einem individuellen Andenkenbuch entwickelten. Mit dem Eintritt in das Jugendalter endeten meistens die Einträge. Eine der Saarbrücker Zeitzeuginnen Helga Morlo, geb. Henkel, erinnert sich, dass sie sehr gut zeichnen konnte. Da ihr Klassenverband mit über 40 Schüler*innen sehr groß war, erhielt sie zahlreiche Anfragen für das Gestalten von Poesiealben. So hat sie viele Nachmittage damit verbracht und: „Überall rein gemalt“, was den Unmut der Mutter hervorrief (aus dem Gespräch vom 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet und J. Ströter-Bender). Die Texte waren meist Standardverse, oftmals mit normativen oder auch humorvollen Akzenten, die sich über Jahrzehnte wiederholten, zumal die Poesiealben der vorangegangenen Generation ausführlich studiert wurden, so auch in Saarbrücken. Christine (Christl) Reinhardt, geb. Silbernagel, erzählt, dass die darin vorkommenden Sprüche häufig auswendig gelernt wurden. Ein beliebter Vers lautete: „Bleibe gesund, bis drei Kirschen wiegen ein Pfund“. In ihrer Familie gab es ansonsten nur zwei Bücher, zum einen das Alte und Neue Testament mit schönen Illustrationen und ein Werk über das Haus von Oranienburg (aus dem Gespräch vom 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet und J. Ströter-Bender). Roswitha Schönborn (Jahrgang 1935), geb. Hämmerling, ist gleichfalls eine der Zeitzeuginnen und Mitschöpferinnen des Danke- Buches. Sie berichtet, dass es im Haushalt Abb. 4 u. 5: Zwei Seiten aus dem Poesiealbum von Helga Morlo, geb. Henkel (mit freundlicher Genehmigung 2019). Fotos: Jutta Ströter-Bender. 59 Traditionslinien des Danke-Buches. Poesiealben und Glanzbilder 60 Jutta Ströter-Bender ihrer Familie mit sieben weiteren Geschwistern keine Bücher gab. Daher wurde das Poesiealbum der Mutter aus dem ersten Weltkrieg immer wieder angeschaut und gelesen, die Gedichte gleichfalls auswendig gelernt. Die Mutter sah es nicht so gerne, wenn die Mädchen das Poesiealbum herausholten und es ausführlich studierten. Sie befürchtete, das wertvolle Buch könne darunter leiden (aus dem Gespräch vom 21. August 2019 in Saarbücken mit B. Kollet, N. Pisginoglu, J. Ströter-Bender). Gerade für die Generation der Kriegskinder haben heute die noch erhaltenen Poesiealben beim Durchsehen der Seiten noch einen zusätzlichen Wert der Erinnerung, da hier auch die Texte der im Krieg gefallenen Angehörigen zu finden sind. Helga Morlo zeigte uns bei dem Besuch in ihrer Wohnung in Saarbrücken auch das Poesiealbum ihrer Mutter von 1923. Sie verwies auf den bewegenden Eintrag des Bruders Franz, der später in russischer Kriegsgefangenschaft verhungerte. Er war der Patenonkel von Frau Morlo. Die farbenprächtigen und sinnlichen Glanzbilder waren ebenfalls ein Bestandteil der Poesiealben-Kultur. Ihre romantische Motivik findet sich in Blumen und Kindergestalten auch im Danke-Buch wieder. Die Glanz-Bilder haben regional unterschiedliche Namen, auch werden sie Rosen-Bilder, Stamper-Bilder oder Poesie-Bilder genannt. Diese dekorativen, meistens mit abtrennbaren Einzelmotiven ausgestalteten Bilderbögen gehörten in den Kriegsjahren und danach zu beliebten Sammlungsobjekten von Mädchen. Erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden sie von der Sticker-Kultur abgelöst. Im Reliefdruck detailreich ausgearbeitet und oftmals mit Glitter verziert, visualisierten diese kleinen Bilder eine imaginäre Welt der Schönheit, Harmonie, eine zauberhafte Gegenwelt in Miniaturform vor allem auch während der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Bis heute können sich einzelne Zeitzeuginnen noch genau an die Ästhetik der Glanzbilder erinnern. Die Bildchen wurden auf Briefbögen, in Hefte und in die Poesiealben teilweise collagenartig aufgeklebt. Christine Reinhardt sammelte und tauschte wie einige andere ihrer Schulkameradinnen die Glanzbildchen. Am liebsten waren ihr die Rosenbilder. „Es war unser Ein und Alles.“ Aufbewahrt wurden diese Schätze in einem Kästchen, Buch oder Heft. „Das musste sein.“ (aus dem Gespräch vom 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet und J. Ströter-Bender). Hingegen erinnert sich Helga Morlo, dass sie keine Glanzbildchen gesammelt hat. „Sie haben mir nicht gefallen.“ Sie durften auch nicht in ihr Poesiealbum geklebt werden, sie mochte die dicke Oberfläche nicht (aus dem Gespräch vom 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet und J. Ströter-Bender). Somit sind Elemente der Schrift- und Sprachkultur aus den Poesiealben und die bunte romantische Motivwelt der Rosenbilder in das Danke-Buch eingegangen. Die Freude am Verfassen der kleinen Gedichte und Briefe, die sorgfältige Aufteilung der Seiten in Schrift und Bild, die ausgiebige Gestaltung der dekorativen Ranken und Blumenornamente, all das findet sich hier wieder und macht das Danke-Buch zu einem verdichteten Dokument der damaligen Lebenswelt der 61 Traditionslinien des Danke-Buches. Poesiealben und Glanzbilder Abb. 6 u. 7: Traditionelle Glanz- und Rosenbilder. Fotos: Jutta Ströter-Bender. Abb. 8: Blatt Nr. 43 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Irmgard Biet. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. 62 Jutta Ströter-Bender Schülerinnen. Mit Blick auf die Widmungskultur der Poesiealben entwarfen die Mädchen eine angemessene Sprache für ihre Kultur des Dankens in einer Zeit der großen Not. „Man ist so erzogen worden, dass man sich für etwas zu bedanken habe. Das Geld hatte nicht die Bedeutung wie heute. Es zählten andere Werte.“ – Helga Morlo Literatur Haunfelder, B.: Schweizer Hilfe für Deutschland. Aufrufe / Berichte / Briefe / Erinnerungen / Reden 1917– 1933 und 1944–1957. Münster: Aschendorff Verlag 2010. Methler, Eckehard; Walter Methler. Eckehard: Poesiealbum und Glanzbild. Was Menschen bewegt(e). Mit einem Beitrag „Poesie im Poesiealbum“ von Jürgen Uebelgünn. (Poesiealbenausstellung vom 3. Dezember 2011 – 8. Januar 2012 im Henriette-Davidis-Museum Wetter (Ruhr)). Wetter (Ruhr): HDM-Verlag 2012. Ströter-Bender, Jutta; Annette Wiegelmann-Bals (Hrsg.): Historische und aktuelle Kinderzeichnungen. Eine Forschungswerkstatt. Marburg: Tectum Verlag 2017. Unveröffentlichte Interviews mit Zeitzeuginnen Interview mit Helga Morlo am 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet, J. Ströter-Bender. Interview mit Christine Reinhardt am 28. August 2019 in Saarbücken mit V. Bierhenke, B. Kollet, J. Ströter- Bender. Interview mit Roswitha Schönborn am 21. August 2019 in Saarbücken mit B. Kollet, N. Pisginoglu, J. Ströter- Bender. Abbildung Abb. 1: Mädchen (12 Jahre alt), „Österreichische Kinder danken der Schweiz“, 1949, Scherenschnitt, Wettbewerbsbeitrag für den Pestalozzi-Kalender. Mit freundlicher Genehmigung des Kinderzeichnungsarchivs des Pestalozzianums, Zürich. Abb. 2 u. 3: Eingangsseite und Gedicht im Danke- Heft für einen Nürnberger Lehrer, 1930, Foto: Jutta Ströter-Bender. Mit freundlicher Genehmigung des Schul museums der Universität Erlangen, Nürnberg. Abb. 4 u. 5: Zwei Seiten aus dem Poesiealbum von Helga Morlo, geb. Henkel (mit freundlicher Genehmigung 2019). Fotos: Jutta Ströter-Bender. Abb. 6 u. 7: Traditionelle Glanz- und Rosenbilder. Fotos: Jutta Ströter-Bender. Abb. 8: Blatt Nr. 43 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Irmgard Biet. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland.

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu