Viviane Bierhenke, „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine in den Kinderzeichnungen der Cecilienschülerinnen in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (Ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 43 - 54

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-43

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
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43 Viviane Bierhenke „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine in den Kinderzeichnungen der Cecilienschülerinnen „Obgleich die Ruine für den ,Zusammenbruch‘ steht, haben Ruinen im Grunde eher mit Überresten und Erinnerungen zu tun. Das Besichtigen von Ruinen führt uns in ein Labyrinth ambivalenter Verhältniswörter, die mit Kausalitäten spielen – ,nicht mehr‘ und ,noch nicht‘, ,dennoch‘ und ,obgleich‘. Ruinen lassen uns an die Vergangenheit denken, die hätte sein können, und die Zukunft, die nie stattgefunden hat […].“ (Boym 2019: 35)1 Diese Ambivalenzen verdeutlichen das Spannungsverhältnis, das dem Ruinenmotiv innewohnt. Seit Jahrhunderten führt dies zu einer andauernden Faszination für Ruinen und deren Rezeption in der Kunst, beispielhaft sei die Begeisterung für antike Ruinen während der Romantik genannt (vgl. Apel 2015: 12; vgl. Frenzel 1999: 619). 1 Anlehnung an: Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1928, S. 176. Die Saarbrücker Mädchen skizzierten die Ruinen in ihren Bildern jedoch nicht, weil sie von der puren „Ruinenlust“ (Apel 2015: 12 f.) ergriffen wurden, sondern, weil die Ruinen und Trümmerlandschaften in der Nachkriegszeit fester Bestandteil ihrer städtischen Lebensumwelt waren (vgl. Grolman 1946: 9). Viele Schülerinnen der Cecilienschule haben ihre ersten bewussten Erinnerungen in den Kriegsjahren gesammelt, so dass die Luftangriffe und der allgemeine Notstand für sie „Normalität“ waren. Die irischen Nahrungsmittelspenden sind in dieser entbehrungsreichen Zeit ein Lichtblick für die Mädchen. In ihren Bild- und Textbeiträgen für das Danke- Buch drücken die Schülerinnen nicht nur ihre Dankbarkeit aus, sondern geben auch ganz persönliche Einblicke. Die Beiträge eröffnen im Zusammenspiel mit den Erzählungen der Zeitzeuginnen einen authentischen Zugang zum Zeitgeschehen, der es ermöglicht, sich der kindlichen Lebenswelt der Nachkriegszeit anzunähern. Das Ruinenmotiv findet sich in vielen Bildbeiträgen des Danke-Buches und 44 Viviane Bierhenke sollte auf Grund seiner besonderen Bedeutsamkeit in den narrativen Zusammenhängen der Bilder spezifisch betrachtet werden. Das Ruinenmotiv in der Kinderzeichnung Das Ruinenmotiv findet sich jedoch nicht nur in den Saarbrücker Kinderzeichnungen, sondern auch in Kinderzeichnungen aus unterschiedlichsten historischen und geographischen Entstehungskontexten. Aber genauso gibt es auch Kinderzeichnungen aus aktuellen Konfliktregionen wie z. B. Syrien, die eine anhaltende Aktualität des Ruinenmotivs verdeutlichen und eine spezifische Betrachtung dringlich erfordern. Die Darstellung einer Ruine orientiert sich nicht nur an den realen Begebenheiten der Außenwelt, sondern ist auch durch den Zustand der kindlichen Innenwelt beeinflusst. Die Kriegsruinen in Saarbrücken Saarbrücken, das bereits ab 1939 zur „roten Zone“ zählte, war auf Grund seiner kriegswichtigen Montanindustrie und verkehrstragenden Bahnstrecken vor allem ab 1942 immer wieder Ziel alliierter Bombardements (vgl. Staatskanzlei Saarland). Die Luftangriffe auf Saarbrücken zerstörten ca. 11.000 Häuser, was über „[…] 70 % der Industrie- und Wohngebäude“ (Behringer/Clemens 2009: 108) waren. Im Stadtgebiet gab es neben diesem erheblichen Sachschaden aber auch über 1200 Todesopfer in Folge der Luftangriffe (vgl. ebd.; vgl. Landeshauptstadt Saarbrücken). Eine Besonderheit bei der Beseitigung der Schäden ist die Saarbrücker Trümmerbahn, die kurz nach Kriegsende zum Zweck des Abtransports von Schutt auf improvisierten Schienen verkehrte (vgl. Kipp/Fuchs 2015). Denn bevor der Wiederaufbau beginnen konnte, galt es, zwei Millionen Kubikmeter Trümmer und Schutt zu beseitigen (vgl. ebd.). Das Ausmaß dieser Zerstörung findet seinen Ursprung in der alliierten Kriegsstrategie des „moral bombing“, die im Verlauf des Krieges vermehrt gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wurde (vgl. Fritze 2007: 55). Die Strategie des „moral bombing“ Während des Krieges gab es nicht nur strategische Luftangriffe auf die deutsche Wirtschaft, sondern auch bewusste Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die folglich auch Kinder und Jugendliche zu den Zielen ihrer Angriffe machten (vgl. ebd.). Das strategische Vorgehen des „moral bombing“ wollte die feindliche Moral brechen, so dass sich die Bevölkerung gegen ihre politische Führung wendet und nahm dafür zivile Opfer billigend in Kauf (vgl. ebd.: 50 f./57/85). Für die Bevölkerung bedeutete solch ein Angriff das angstvolle Ausharren in den Luftschutzkellern und Bunkern, den Verlust von Hab und Gut, für manche den Verlust des eigenen Zuhauses und besonders schmerzvoll den Verlust von Freunden und Verwandten (vgl. Schröder 2015: 44). Die langfristigen Nachwirkungen solcher Erlebnisse haben weniger mit den materiellen Verlusten als mit den seelischen Verletzungen zu tun, da- 45 „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine bei können traumatische Erfahrungen auch „[…] transgenerational auf die nächste Generation“ (Alberti 2010: 10 f.), wirken. Die Ruinen der Nachkriegszeit in der Erinnerung der Cecilienschülerinnen Den Schilderungen der Zeitzeuginnen ist zu entnehmen, dass die Ruinen von den Kindern ganz unterschiedlich wahrgenommen und genutzt wurden. Während einige Mädchen kaum Ruinen sahen, weil ihr Viertel wenig zerstört war und der Schulweg durch größtenteils unbeschadete Stadtteile führte, sahen andere die Trümmerberge und Ruinen direkt vor ihrer Haustür oder sogar das eigene Haus nahm Schaden bei den Fliegerangriffen. Einerseits wohnte den Ruinen der Nachhall der vergangenen Kriegsschrecken inne, doch andererseits machten sich die Mädchen genau wie Generationen vor und nach ihnen ihre städtische Lebensumwelt zu eigen. Sie nutzten dabei die Ruinen für das ausgelassene Spiel und Abenteuer am Wegesrand. Die Zeitzeuginnen berichteten unter anderem, wie sie in den Ruinen zu „In the mood“ von Glenn Miller tanzten, Zirkus spielten und Hüpf- und Springspiele machten. Dabei ging von Blindgängern, spitzen Trümmerteilen oder einbruchgefährdeten Ruinen eine nicht unerhebliche Gefahr aus. Aber als Ort zum Spielen mit der Möglichkeit, unerwartete Entdeckungen zu machen, übten die Ruinen einen besonderen Reiz auf die Kinder und Jugendlichen aus. Bei vielen Kindern war auch das Sammeln von Granatsplittern in den Trümmerbergen beliebt, besonders große Exemplare wurden zum Prachtstück einer solchen Sammlung (vgl. Genger 2016: 73). Eine Jungenzeichnung im Danke-Buch der Mädchenschule – Betrachtung einer Ruinenzeichnung Auf den ersten Blick wird die Zeichnung (vgl. Abb. 1) auch für den Akribischen sein wahres Geheimnis nicht offenbaren. Denn es ist zwar mit dem Namen Roswitha Schönborn unterschrieben, doch gezeichnet wurde dieses Bild von ihrem zwei Jahre älteren Bruder, einem späteren Architekten. Erst ein Zeitzeugeninterview mit Frau Schönborn hat dieses Detail über 70 Jahre nach Entstehung des Bildes hervorgebracht. Ihr Bruder, der gut Perspektiven zeichnen konnte, hat ihr bei der Hausaufgabe geholfen.2 Eine Jungenzeichnung im Danke-Buch der Mädchenschule, eine unerwartete Wendung, die zeigt, für wie viel mehr als sein Bildmotiv eine Zeichnung stehen kann. Die Zeichnung ist nicht nur ein Dankeschön für die Iren gewesen, sondern auch die Hilfe eines älteren Bruders bei der Hausaufgabe seiner Schwester. Im Gegensatz zu Roswitha Schönborn führte der Schulweg ihres Bruders direkt an den Trümmerbergen, die durch alliierte Bombardements entstanden waren, vorbei. Der für ihn vertraute Anblick der Ruine findet künstlerische Verarbeitung in seinem Beitrag für das Danke-Buch. 2 Die Mädchen konnten als freiwillige Hausaufgabe einen Beitrag für das Danke-Buch an die Iren gestalten. 46 Viviane Bierhenke Die Zeichnung zeigt im Hintergrund eine Ruinenlandschaft, die keine klar abgegrenzten Gebäude erkennen lässt, dafür aber einzelne architektonische Elemente wie z. B. einen Industrieschornstein, Fenster und Reste von Fassaden. Die Linienführung der Ruinen ist zittrig und vorsichtig. Die einzelnen Trümmerelemente werden nur leicht umrissen, viele Linien laufen einfach aus und auch die das Mauerwerk imitierenden Schraffuren und Schattierungen finden sich lediglich stellenweise. Vor dieser Ruinenlandschaft steht eine eingeschossige Baracke mit Satteldach als Schrägbild abgebildet. Unter dem Giebel der Frontseite steht „Schweizer Irische Spende“, wie die Zeitzeugin berichtet, in der Handschrift ihres Bruders. Unterhalb davon befindet sich eine mit der Überschrift „Arzt“ versehene Tür, neben der sich rechts und links zwei quadratische Fenster mit Fensterkreuz und Fensterläden befinden. Die Fassade des Hauses ist mit feinen Längslinien durchgearbeitet, die eine Holzbauweise imitieren. In der Mitte der Längsseite des Hauses befindet sich eine zweite Tür mit der Überschrift „Küche“, links daneben ist ein weiteres Fenster platziert und rechts etwas das aussieht wie ein Schwarzes Brett für Aushänge. Von der Rückseite der Baracke führt ein Weg oder Geländer am rechten Rand aus dem Bild hinaus. Die Li- Abb. 1: Roswitha Schönborn und ihr Bruder zeichneten als Beitrag für das Danke-Buch die schweize rirische Hilfsbaracke vor einer Ruinenlandschaft. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. 47 „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine nienführung an der Baracke und insbesondere die Konturlinien sind wesentlich klarer und kräftiger gezogen als die Linien innerhalb der Ruinenlandschaft. Besonders stechen die handschriftlich aufgebrachten Beschriftungen auf der Baracke hervor, da sie dunkel nachgezogen wurden. Seine spätere berufliche Laufbahn als Architekt lässt sich bereits in seiner zeichnerischen Tätigkeit als Jugendlicher erahnen. Seine zielstrebige und geradlinige Linienführung sowie seine auf das Wesentliche konzentrierte und monochrom ausgeführte Hauszeichnung weisen auf sein späteres Arbeitsfeld hin. Ein Vergleich der Zeichnung mit einer aktuellen Fotografie zeigt, wie exakt der Junge z. B. die Holzbauweise, die Bauform und die Platzierung des Eingangs abgebildet hat. Der erzählerische Inhalt der Zeichnung Die Kinderzeichnung stellt einen narrativen Zusammenhang zwischen den einzelnen Bildelementen dar. Die narrativen Zusammenhänge der Bildelemente verweisen auf die von den Textbeiträgen im Danke- Buch und den Zeitzeuginnen beschriebene Praxis bei der Zuteilung der Schulspeisung. Die Aufschrift „Schweizer-Irisches-Hilfswerk“ im Giebel der Baracke verweist auf die Zusammenarbeit der beiden Verbünde. So wurden die Nahrungsmittel durch das irische Hilfswerk gespendet, aber vor Ort durch das schweizerische Hilfswerk zubereitet und ausgegeben. „Die häufig im Danke-Buch dargestellte Arzt- und Küchenbaracke aus Holz stand am Ilse Platz, sie gibt es heute noch. Dort hat es auch Nähkurse gegeben, denn die Schweiz hatte Maschinen gespendet.“ (Auszug aus dem Interviewtranskript zum Danke-Buch, 21. August 2019) Die Schülerinnen der Cecilienschule wurden in der Schweizer-Irischen-Hilfsbaracke am Ilseplatz von einem Arzt untersucht, der den Ernährungszustand und die körperliche Konstitution der Kinder feststellte. Auf diese Praxis weist die linke Tür mit der Überschrift „Arzt“ auf der Zeichnung hin. Basierend auf diesem ärztlichen Gutachten wurden den Mädchen mit kritischem Ernährungszustand bis zu sechs Schulspeisungen pro Woche zuteilt. Einige der Schülerinnen bekamen aber auch keine Schulspeisung zugeteilt, da ihr körperlicher Zustand als ausreichend gut empfunden wurde. Die Schulspeisung wurde dann in der Küche – erkenntlich durch die rechte Tür auf dem Bild – zubereitet und an die Schülerinnen ausgegeben. Die Baracke war also der Ort, der für die Kinder eine Anlaufstelle für Unterstützung und Hilfe bot. Die Kommunikationsfunktion des Bildes richtete sich wie das gesamte Danke-Buch an die irischen Spender, die Kinder wollten ihre Erkenntlichkeit für die Gaben zum Ausdruck bringen. Im Gegensatz zu vielen anderen Bildern rückt dieses Bild nicht die Schulspeisung als solche in den Fokus, sondern macht die Baracke zum zentralen Bildelement. Ihre architektonische Form war für den jungen Zeichner besonders spannend. Doch was möchte das Bild den Iren zeigen? Das Bild kontrastiert die Saarbrücker Ruinen, die sinnbildlich für das Leid der Saarbrücker stehen, mit der Hilfsbaracke räumt 48 Viviane Bierhenke dieser so eine besondere Wertigkeit ein und zeigt den Iren den Ort, an dem ihre Spenden in Saarbrücken ankommen. Die kontrastierenden Bildelemente: Die Baracke vor der Trümmerlandschaft Die Aufteilung des Bildes in die Bildteile Ruinenlandschaft und Baracke des Hilfswerks macht einen inhaltlichen sowie formalen Kontrast deutlich. Die Hausdarstellung ist ein sehr häufiges Motiv in der Kinderzeichnung (vgl. Urner 1993). Das Haus ist ein Schutz- und Rückzugsort, dessen Darstellungsweise innerhalb der Kinderzeichnung in besonderer Weise die emotionalen Befindlichkeiten der Kinder und den Zustand ihrer Lebenswelt dokumentiert (vgl. ebd.: 25 f.). Die Hausbetrachtung liefert bei diesem Bild ein kontrastives Nebeneinander von schützender Baracke, dem klassischen Haustypus und den zerstörten Häusern in Form der Ruinen. In diesem Bild wird die mit starken Linien betonte Standhaftigkeit der Baracke mit ihren für die Kinder wichtigen Anlaufstellen (dem Arzt und der Küche) vor der Landschaft der Zerstörung dargestellt. Die etwas statische Wirkungsweise des Hauses steht im Kontrast zu den zur Gänze im Hintergrund platzierten Ruinen, die mit ihren bewegten, auslaufenden und zaghaft gezogenen Linien zu einer Trümmerlandschaft verschmelzen. Die Baracke des Hilfswerks zeigt eine geradlinigere und souveräne Linienführung sowie größere Detailreiche als bei der Ruinenlandschaft. Die Baracke wird als standhafter und zentraler Ort gezeigt. Die Aufschriften „Arzt“ und „Küche“ an der Baracke verweisen auf die funktionale Rolle der Einrichtung. Dabei verzichtet der Zeichner auf zusätzliche Ausschmückungen oder Personendarstellungen. Da der Schulweg des Jungen ihn alltäglich durch die Saarbrücker Ruinen führte, war ihm der Anblick der Ruinen bekannt und vertraut, dennoch entschied er sich für eine stilisierte Darstellung des Motivs. Das reduzierte Bildmotiv entwickelt dadurch seine besondere Wirkungsweise. Der Einfluss lebensweltlicher Sehgewohnheiten Der Entstehungszeitpunkt des Bildes im Jahr 1946 und das Alter der Geschwister Schönborn führt vor Augen, dass der Großteil ihrer ästhetischen Sozialisation durch die Kriegszeit und die nationalsozialistische Bildwelt, die in Alltag und Medien so präsent war, geprägt wurde. Die Ruinenlandschaft und die Baracke sind zwei lebensweltliche Motive, die in ihrem persönlichen Alltag verankert waren. Doch die Anlage und Komposition des Bildmotivs weisen Parallelen zu dem Bildtypus der Landschaftsbilder mit Bergpanorama auf. Die hölzerne Baracke gleicht einer Almhütte und die Ruinenlandschaft ähnelt einem alpinen Bergpanorama. Die Parallelen werden durch den direkten Vergleich der Kinderzeichnung mit einer Postkarte (vgl. Abb. 2) aus dem Jahr 1935 deutlich, die das Haus Wachenfeld zeigt, welches später umgebaut und zum Teil des Führersperrgebiets 49 „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine (vgl. Institut für Zeitgeschichte München – Berlin) gemacht wurde. An dieser Stelle lässt sich die These aufstellen, dass die lebensweltlichen Sehgewohnheiten die Darstellungsformen des Ruinenmotivs prägten. Der Junge scheint sich einem bekannten Bildmotiv bedient zu haben, um die für ihn so schwer darstellbaren Ruinen visuell greifbar zu machen. War es der Zivilbevölkerung während des Kriegs noch streng verboten, die Ruinen zu fotografieren (vgl. Steinacker 2003: 33), so hatte es sich nun ein Kind zur Aufgabe gemacht, die Ruinen der Saarbrücker Stadtwelt für die Iren in seinem Beitrag für das Danke-Buch zu dokumentieren. Abb. 2: Das Haus Wachenfeld vor dem alpinen Bergpanorama im Jahr 1935. Die „Grosse Deutsche Kunstausstellung“, die zwischen den Jahren 1937–1944 stattfand, spiegelte den staatlichen Kunstgeschmack während der nationalsozialistischen Regierungszeit wider. Die Vielzahl der dort gezeigten (Alpen-)Landschaftsbilder belegt die Allgegenwärtigkeit alpiner Bergwelten in der Kunst der vorhergegangenen Jahre (vgl. GDK Research). Auch die Errichtung des Führersperrgebiets in Obersalzberg sorgte dafür, dass die Bergwelt mediale Aufmerksamkeit erfuhr, da Hitler sich bevorzugt vor dieser Kulisse inszenierte (vgl. Institut für Zeitgeschichte München – Berlin). Ob diese Bildwelten als unbewusste Orientierung für die Gestaltung dieser Kinderzeichnung dienten, lässt sich jedoch nicht abschließend beantworten. Festzuhalten ist aber, dass es dem Bild gelingt, die tradierten Sehgewohnheiten eines bekannten Bildmotives zu dekonstruieren und in neuen Zusammenhängen darzustellen. Anstatt eines alpinen Bergidylls zeigt das Bild eine Baracke vor einer Nekropole aus Kriegstrümmern und Ruinen. Die Ruinenbilder im Danke-Buch „Es gibt ja im Buch eigentlich so zwei Richtungen, den freundlichen lieben Dank, ich sag mal hell mit den Zeichnungen von den Kindern, die etwas zu essen bekommen oder auch mit diesen bunten Blumen, die sie gemalt haben. Und dann eher ein Stück dunkle Realität mit den Ruinen, und so hat sie das damals sehr beschäftigt, sie war ja schon bisschen größer.“3 Mit dieser sehr präzisen Beobachtung beschreibt die Schwester der Zeitzeugin Schönborn die zwei gestalterischen Richtungen, die im Danke-Buch zu beobachten sind, und ordnet das Bild ihrer Schwester bzw. ihrer Geschwister eher den nachdenklichen Bildern zu, die auch die düsteren Seiten der Nachkriegsrealität aufzeigen. Die als freiwillige Hausaufgabe erarbeiteten Beiträge des Danke-Buchs zeigen von den Kindern 3 Eine Aussage der Schwester von Frau Schönborn (Auszug aus dem Interviewtranskript zum Danke- Buch, 21. August 2019). 50 Viviane Bierhenke selbstständig ausgewählte und umgesetzte Bildmotive. Das häufige Auftreten des Ruinenmotivs verdeutlicht, dass die Kinder sich (un)bewusst zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ruinenmotiv entschieden haben. Dabei sind die Formen der Ruinendarstellungen von einer großen Diversität gekennzeichnet und bedürfen einer genaueren Betrachtung. Unterschiedliche Faktoren beeinflussten die Darstellungsform der Ruine, z. B. die altersbedingte zeichnerische Entwicklung und Erprobung der Fähigkeiten, die ästhetische Sozialisation, die subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen sowie auch das Format und das Material. Betrachtet man die in der Grafik (vgl. Abb. 3) zusammengestellten unterschiedlichen Arten der Ruinendarstellung, so wird deutlich, dass die Ruinen des Danke-Buchs von abstrakt geometrischen Darstellungsweisen einzelner Häuser bis hin zu realitätsnachahmenden Ruinenlandschaften reichen. Dabei unterscheiden sich die Ruinen z. B. klar in Farb- und Formgebung sowie in ihrer kompositorischen Platzierung und ihrer Bedeutung für das Erzählmotiv. Daran wird deutlich, dass die Zeichnungen einen hohen individuellen Eigenwert haben. Dies lässt sich wahrscheinlich auf den Entstehungskontext der Bilder als freiwillige Hausaufgabe zurückführen, bei der der Einfluss der Lerngruppe, z. B. durch gegenseitiges Betrachten der Zeichnungen gering ist und die Kinder eigenmotiviert arbeiteten. An den diversen bildnerischen Darstellungsformen des Ruinenmotivs wird deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung und Ästhetisierung des Motivs bei den einzelnen Schülerinnen verlief. Nicht nur scheinen die Kinder mit der Trümmerlandschaft unterschiedliche Bedeutungen verknüpft zu haben, auch sind sie zu vollkommen unterschiedlichen zeichnerischen Lösungen gekommen. Ähnlich wie in dem bereits betrachteten Bildbeitrag von Frau Schönborn wird die Ruine in den Narrativen der Zeichnungen häufig als Kontrast zu den positiv konnotierten Bildinhalten wie z. B. Schule oder Schulspeisung gesetzt. Mit Hilfe des Ruinenmotivs versuchen die Kinder den mit der Zeichnung angesprochenen Iren zu vermitteln, wie notwendig die irische Spende in Anbetracht der allgegenwärtigen Trümmer ist. Dabei findet sich immer wieder das Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freude auf der einen Seite und die Zerstörung auf der anderen Seite. Setzt man die Erzählungen der Zeitzeuginnen mit den Ruinenzeichnungen in Verbindung, so ist auffällig, dass die positiven Erfahrungen, wie z. B. das Spiel der Kinder in den Ruinen, in keinem der Bildbeiträge zu sehen ist. Es besteht also eine Ambivalenz zwischen den erzählten Erlebnissen und gemalten Ruinen. Interessant ist, wie viele Kinder in ihren Beiträgen die Ruinen zeichneten, aber wie wenig Kinder im Verhältnis dazu die Ruinen in ihren Textbeiträgen ansprachen. Für die Kinder scheint das Bildmedium ein Kommunikations- und Ausdrucksweg gewesen zu sein, der eine Aushandlung mit den Ruinen ermöglicht hat und Inhalte transportieren konnte, die sprachlich nur schwer fassbar oder aussprechbar waren. Abb. 3: Vergleichende Darstellung beispielhafter Ruinenzeichnungen aus dem Danke-Buch. 51 „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine 52 Viviane Bierhenke Abschließende Betrachtungen Auch heute noch steht die ehemalige Baracke des Schweizer-Irischen Hilfswerks auf dem Ilseplatz in Saarbrücken (vgl. Abb. 4). Das in auffälligem Hellblau gestrichene Haus beherbergt die „Deutsch-Griechische Gesellschaft Saar e. V.“. Daran wird deutlich, wie präsent die Nachkriegszeit auch in der heutigen Stadtlandschaft ist, obwohl von den Kriegsruinen heute nichts mehr zu sehen ist. Für die Saarbrücker findet sich am Ilseplatz aber ein Stück Regionalgeschichte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Ruinenmotiv im Danke-Buch eine besondere Rolle einnimmt und eine eigenständige Auseinandersetzung mit den Ruinen der heimischen Lebenswelt durch das Medium Zeichnung dokumentiert. In der bisherigen Forschungsgeschichte haben die Kinderzeichnungen der Nachkriegszeit kaum Beachtung erfahren, anhand ihrer Bildwelten und der lebendigen Berichte der Zeitzeugen kann jedoch eine individuumsnahe Annäherung an die Lebens- und Gefühlswelt der Nachkriegskinder geschehen. In Anbetracht der immer weniger werdenden Zeitzeugen hat ein Projekt wie dieses zum heutigen Zeitpunkt eine besondere Wertigkeit. Der Wegfall der Zeitzeugen in einigen Jahren wird zu einem Umbruch in der Erinnerungskultur führen, doch das Saarbrücker Danke-Buch wird auch dann einen Zugang zum Zeitgeschehen der Nachkriegszeit eröffnen. Abb. 4: Heute wird die Baracke von der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Saar e. V. genutzt. (Die Bildrechte liegen bei der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Saar e. V.) 53 „In unserer großen Trümmerstadt“ – Die Lebenswelt Ruine Literatur Alberti, Bettina: Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren. Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. München: Kösel 2010. Apel, Dora: Beautiful terrible ruins. Detroit and the anxiety of decline. New Brunswick: Rutgers Univ. Press 2015. Behringer, Wolfgang; Gabriele Clemens: Geschichte des Saarlandes. München: Beck 2009. Boym, Svetlana: Tatlin oder Ruinophilie. In: Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine. Hg. v. Werkleitz Gesellschaft e. V. Halle (Saale) 2019, S. 35–47. Fritze, Lothar: Die Moral des Bombenterrors. Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg. München: Olzog 2007. Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner 1999. Genger, Angela: Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Krieg. Zeitzeugen der Weltkriegsjahre erinnern sich (Bericht der Zeitzeugin Helga W.). In: Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939–1945. Hg. v. Bastian Fleermann und Benedikt Mauer. Düsseldorf: Droste Verlag 2015, S. 58–122. Grolman, Adolf von: Karlsruhe. Oder vom Wesen der Ruine und den kulturellen Möglichkeiten Ihrer Bewohner. Karlsruhe: Badenia 1946. Schröder, Joachim: Volksgemeinschaft“ im Krieg: Terror und Zerstörung in Düsseldorf (1939–1945). In: Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939– 1945. Bastian Fleermann und Benedikt Mauer. Düsseldorf: Droste Verlag 2015, S. 32–49. Steinacker, Olaf: Bombenkrieg in Düsseldorf. Nach einer Serie der Westdeutschen Zeitung von Marc Herringer und René Schleucher. Gudensberg: Wartberg- Verlag 2003. Urner, Erika: Häuser erzählen Geschichten. Die Bedeutung des Hauses in der Kinderzeichnung. Zürich: Verlag Pro Juventute 1993. Unveröffentlichtes Interview mit einer Zeitzeugin Interview mit Roswitha Schönborn am 21. August 2019 in Saarbücken mit B. Kollet, N. Pisginoglu, J. Ströter-Bender. Internet GDK Research (online): Große Deutsche Kunstausstellung 1937–1944, unter: http://www.gdk-research.de/ db/apsisa.dll/ete?action=addFilter&filter=filter_themen02&term=Alpenlandschaft|Landschaften&sstate=eJylVetOE0EUZlsToBTBoSqCqCmJEsRmd- 1pKCz9ULjEoKlr5 12Qz3Z22Y_fmzKxA4g- P4Dj6IT-Gr-Aye2UvtCtUQ_535vu9c5sw5u1MaogVE7aDyKaT8vCIk8WzC7fkf377_LC5q5YLwuTSJ0wndtQn8uDDXZY6k3JR96lJPN1DxCDy- E1SddSb2l_PM3--W8dAbrEw3tWenlVBpw6atWWF- B5HN8fhMEwEfojIF6aKK_8mQUjTQc8L3tyf- WJNu1oZpd3r619G2XKpkDsAj9j3tS_ZZ6puWsgfG- DrSDLBnlW2ga33fVdS8OmI0KX2rcuY6gDxS SBXd69kDrBvGk4D7dmhJ5nsVLsS5kNSt2MO otThqUdmbKH9ORcrU4WZg31L2Fpp9T0XoyGNOBfUk4DMKb6Ac1tOimuiaw4TipuEW- 0BgM5gIwWEcjb5VkwwbKE2El6mqcbA7MGprsvwUHiCqJHewmSS5DXb9wqMAoZrWyLYZ0Du- ANtGNDrEG28aGscM8YiX9vBtRJUEDwon0ec- QP2aWIReouQGB9R1CHWpKqelYjbhkASC4zAbaHAZLMUQBsbNT037Gv7F8zNur_4183Nhoj_n- _ - X L E L i T t V 7 W P k N D l F o y m Y F 7 P o f E 0 x P P X U v P 3 m Q n W c W i K b I 4 i d x R S R _ P w Z N E q m z z y V p O G F LW F p p n 3 W 1 5 U - WAPlLVekp2Z6gnloYZSz00QwWiOJFhVio D k X o r M g r V L E A 9 r C e D i g k W s V T d p U - E u a I 1 LV 2 m a s q E W- i 6 W h 4 z X h k Z x RW T- Z S V Y i H 9 U a B m p c F g v l t V d E c D z 2 7 R 7 z e_jC3Kq6qZ4qrGqPFzYNnDU11OWWSns- Xbl2ttpSlvwqFxcUMfFGbsrgkLEcC-iOHiDEJPSIdyUNzPKq6nCkLDbiRYzQpQIoCvY48KMwAM- ROWs6EZW1KP-PwN1SHg6PpCkVt9jAzPa6jElJ5rxmQYk7AbQP8Hd8aL0kx2nGtO_VASKlayimCgkj5X4_gwS99M6FMm-wGzZMhpnGhMNSO- 6 a P 1 m Q e S S s 5 g V S G s C - q 4 w w z w G E - Cy07KNn7fbT9t52mwSibXfaL_Zfmccnu0eHebx-7f7J3sfDt--MbFeAwEokj9E-5R2uO9L5bGo_ QI8GxBd (abgerufen am 10.11.2019). Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (online): Obersalzberg 1933 – 1945: Zweiter Regierungssitz des Dritten Reiches und Ort der Propaganda, unter: https://www.obersalzberg.de/der-historische-ort/obersalzberg-1933-1945/ (abgerufen am 10.11.2019). 54 Viviane Bierhenke Kipp, Michael; Tobias Fuchs (online): Ludwigspark – Die Geschickte eines Stadions: Auf dem Schutt des 2. Weltkriegs, Saarbrücker Zeitung (11.12.2015), unter: https://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-serien/ludwigsparkstadion/ludwigspark-die-geschichte-eines-stadions-und-des-1-fc-saarbruecken_aid-1638227 (abgerufen am 10.11.2019). Landeshauptstadt Saarbrücken (online): Chronik von Saarbrücken. Zweiter Weltkrieg 1939/1944, unter: https://www.saarbruecken.de/kultur/stadtgeschichte/ chronik (abgerufen am 10.11.2019). Staatskanzlei Saarland (online): Diktatur und Krieg: Die Saar im Dritten Reich, unter: https://www.saarland.de/122956.htm (abgerufen am 10.11.2019). Abbildung Abb. 1: Roswitha Schönborn und ihr Bruder zeichneten als Beitrag für das Danke-Buch die schweizer-irische Hilfsbaracke vor einer Ruinenlandschaft. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. Abb. 2: Das Haus Wachenfeld vor dem alpinen Bergpanorama im Jahr 1935. Abb. 3: Vergleichende Darstellung beispielhafter Ruinenzeichnungen aus dem Danke-Buch. Abb. 4: Heute wird die Baracke von der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Saar e. V. genutzt. (Die Bildrechte liegen bei der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Saar e. V.).

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu