Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Geschichte erzählen. Das Danke-Buch als Dokumentenerbe in:

Tony O'Herlihy, Jutta Ströter-Bender, Kulturamt Saarbrücken (ed.)

Das Danke-Buch aus Saarbrücken, 1946, page 11 - 16

Eine Erinnerung an den Hungerwinter

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4471-1, ISBN online: 978-3-8288-7501-2, https://doi.org/10.5771/9783828875012-11

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender Geschichte erzählen. Das Danke-Buch als Dokumentenerbe „To value the cultural heritage and to care for it as a treasure bequeathed to us by our ancestors that it is our duty to transmit as wholly as possible to our children, is a sign of wisdom.“ (Koïchiro Matsuura, Generaldirektor der UNESCO von 1999–2009) Im Herbst 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule, Saarbrücken auf Anregung der Schulleitung und ihrer Lehrerinnen das Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für bisher unbekannte Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe. Die Mädchen im Alter zwischen 10 und 12 Jahren schlossen in ihren künstlerischen Dank gleichzeitig auch Verweise auf die Hilfen der Schweiz mit ein (vgl. dazu den Text von Bernd Haunfelder). Die humanitäre Aktion der Geberländer sicherte vielen unterernährten und kranken Kindern das Überleben. Sie wurde ein wichtiger Baustein in der Geschichte der Freundschaft zwischen Irland und Deutschland. Saarbrücken war in dieser Zeit zu 90 % zerstört. Es herrschten Hunger und bedrückende Not in der Bevölkerung. Erst im Jahre 2013 gelangte das Danke-Buch wieder in das Licht der Saarbrücker Öffentlichkeit durch die Initiative von Tony O’Herlihy, in dessen Besitz es sich befindet (vgl. den Text von Tony O’Herlihy). Im April 2019 war es ein besonderer Moment, als Tony O’Herlihy in Dublin das Original des Danke- Buches aus einer schlichten schwarzen Mappe herausnahm und zeigte. In seiner Präsenz und Authentizität holte das Werk mit seinem verblichenen und braunen Pappdeckel die Nachkriegszeit unmittelbar in die Gegenwart. Vergilbte und unterschiedlich beschnittene Seiten aus Heften, Urkundenblättern und Einpackpapieren, insgesamt 88 Seiten, lagen vor uns als kleines, materielles Archiv, kompakt und komprimiert. Die Seiten waren weitgehend mit Bleistift beschrieben, die Zeichnungen mit Buntstiften koloriert, changierend zwischen bildhaften Zeichen und sorgfältiger Schrift. Die Spuren der Zeichengesten und durchgedrückten Linien zeigten sich ebenso wie die reichen Gestaltungsweisen der Motive von Schulspeisung, Freude, Dankbarkeit wie Würdigung 12 Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender 13 Geschichte erzählen. Das Danke-Buch als Dokumentenerbe der Lebensmittelhilfe und Blicke auf die zerstörte Heimat (vgl. dazu den Text von Viviane Bierhenke). Auf diesen Blättern stand uns direkt und unmittelbar die bewegende Geschichte der Hungerjahre im Nachkriegsdeutschland vor Augen sowie die persönlichen Erfahrungen der Mädchen. Historische Kinder- und Jugendzeichnungen werden erst in jüngerer Zeit als aussagefähige Dokumente und Vermächtnisse im Kontext der Gedenk- und Erinnerungskultur wahrgenommen. Inzwischen sind sie als ein bedeutendes wie schützenswertes Kulturgut anerkannt, das in seiner Vielfalt die Sehweisen vorangegangener Generationen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen widerspiegelt. Die historischen Zeichnungen stellen in ihrer Unmittelbarkeit wertvolle Kommentare zum jeweiligen Zeitgeschehen, zum Alltagsleben, zu Wünschen und Sehnsüchten von Heranwachsenden und zu ihren Biographien dar. In ihnen ist als Erkenntnisquelle geschichtlicher Wandel ablesbar, ebenso können Erziehungssysteme, kulturpolitische und soziale Bedingungen wahrgenommen werden. Tatsächlich sind es oft diese Zeichnungen, meist auf wertlosem Papier und mit wenigen Materialien gestaltet, in denen sich individuell durchlebte Momente von bedeutenden historischen Ereignissen wiederfinden und die dadurch einen wertvollen Beitrag für eine kollektive Geschichtserfahrung leisten können. Bereits 1965 charakterisierte der französische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater Daniel Widlöcher Kinderzeichnungen als eine Art privilegierter Ausdrucksweise der Vorstellungstätigkeit und des menschlichen Ausdrucksvermögens, „eine unerschöpfliche Quelle der Bedeutung für uns“ (Widlöcher 1974: 90). Dabei ist zu bedenken, dass historische Kinder- und Jugendzeichnungen spätestens nach circa 100 Jahren verblassen und das empfindliche und leicht zerstörbare Material vergilbt oder aber brüchig wird. Das gilt als bedeutende Herausforderung für die Bewahrung des Danke-Buches, das bisher noch nicht als Digitalisat der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Dies ist auch im Allgemeinen ein wichtiges Thema für eine zukünftige Digitalisierung zahlreicher weiterer Archivbestände von Kinder- und Jugendzeichnungen des 19. und des 20. Jahrhunderts, die in Museen und Kulturinstitutionen ohne Erfassung lagern. Mit der Betrachtung des Danke-Buches und seiner Motive treten wir direkt in die konkreten Beobachtungen, Gedanken und Gefühle der Saarbrücker Mädchen ein, die sich in den Zeichnungen und Versen verdichten. Auch wenn es individuelle Momente und Perspektiven sind, die hier festgehalten sind, erweist sich das Danke-Buch als ein aussagefähiges Dokument für eine ganze Generation und ihrer darin festgehaltenen kollektiven Erfahrung von Krieg, Zerstörung und dem Überleben. Glücklicherweise konnten noch Zeitzeuginnen von der Entstehung des Danke- Buches berichten, von ihrer damaligen Lebenssituation, ihren Emotionen, Wünschen und Hoffnungen. Sie haben somit einen noch tieferen Einblick in die Kontexte und die Abb. 1 u. 2: Einband und Blatt Nr. 7 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Anita Reinhart. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland. 14 Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender Motivfindungen des Werkes gestattet. Das Danke-Buch ist somit ein wertvolles Dokument für die Erinnerungskultur der Stadt Saarbrücken und weit darüber hinaus auch für die Hilfeleistungen der Geberländer. Neben anderen weiteren historischen Quellen ermöglicht es durch seine universelle Botschaft eine direkte und unmittelbare Konfrontation mit dem Zeitgeschehen sowie eine besondere Identifikation mit den Erlebnissen der Schülerinnen. Es erzählt Geschichte. Der Begriff „Manuskripte des Extremen“ (Manuscrits de L’EXTREME) wurde von der Nationalbibliothek, Paris (Mai 2019) für eine Ausstellung mit Schriftstücken aus Krisenzeiten verwendet und schloss mit diesem Titel auch dort gezeigte Kinderzeichnungen aus den Jahren des II. Weltkrieges ein. Das Danke-Buch, das durch seine Verse, Ornamente und Mädchen-Bilder elementare Situationen der Nachkriegsjahre beschwört, kann ebenso unter dieser Begrifflichkeit wahrgenommen werden. Das Buch markiert zugleich eine bedeutsame historische Schwelle. Es gibt mit seinen Bilderfolgen und Widmungsversen noch einmal konkrete Verweise auf das Jahr 1946, bevor dann in den meisten Familien der Austausch über das Erlebte in den Kriegs- und Hungerjahren weitgehend verstummte. Die weitere Aufarbeitung der Kriegserlebnisse wurde durch den Wiederaufbau verdrängt. Auch Ruinendarstellungen sollten folgend nicht mehr in den Schulen gemalt werden. Es rückten friedvolle und heitere Themenstellungen in den Vordergrund. Das Glück Heranwachsender, Harmonie und innere Heiterkeit wurde zur Zielsetzung eines musisch orientierten Kunstunterrichtes. Im Jahre 1946, in der Entstehungszeit des Danke-Buches, formulierte Ernest Jouhy (eigentlich: Ernst Leopold Jablonski; * 1913; † 1988), der spätere Begründer der interkulturellen Pädagogik an der Universität Frankfurt am Main, in Paris den Begriff der „Augenzeugenschaft“ direkt in Bezug auf Aussagen in Zeichnungen traumatisierter und verfolgter Kinder und Jugendlicher. Durch seine Erfahrungen als Leiter von jüdischen Waisenhäusern in den Kriegsjahren und in der Zeit danach erkannte er die historische Bedeutung der Zeichnungen seiner Schützlinge (vgl. Jouhy 1976: 151–204). In diesem Sinn kann auch das Saarbrücker Danke-Buch wichtige Beiträge durch seine „Augenzeugenschaft“ im Rahmen einer internationalen Erinnerungskultur leisten. Es bleibt zu hoffen, dass dieses bedeutende Vermächtnis der Saarbrücker Mädchen zukünftig Aufnahme in das UNESCO Weltdokumentenerbe (Memory of the World Programme) findet, der weltweit bedeutenden Rangliste von Dokumenten für das „Gedächtnis der Menschheit“. 15 Geschichte erzählen. Das Danke-Buch als Dokumentenerbe Literatur Baer, Udo; Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. 5. Aufl. Weinheim: Beltz 2018. Henning, Aubel u. a.: Das Gedächtnis der Menschheit. Das Dokumentenerbe der UNESCO. Bücher, Handschriftenpartituren, Bild-, Ton-, und Filmarchive. München: Verlag Wolfgang Kunth 2010. Häusser, Aleander; Gordian Maugg: Hungerwinter. Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47. Berlin: Ullstein Buchverlag 2009. Jouhy, Ernest: Das Programmierte Ich. Motivationslernen in der Krisengesellschaft. Frankfurt am Main: Syndikat 1976. Le Bras, Laurence: Manuscrits de L’EXTREME. Paris: Bibliothèque nationale de France 2019. Ströter-Bender, Jutta; Annette Wiegelmann-Bals (Hrsg.): Historische und aktuelle Kinderzeichnungen. Eine Forschungswerkstatt. Marburg: Tectum Verlag 2017 (= KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung, Bd. 15). Trümper, Herbert: Allgemeine Grundlagen der Kunstpädagogik. 2. Aufl. Berlin: Rembrandt-Verlag GMBH Konrad Lemmer 1953 (= Handbuch der Kunst- und Werkerziehung, Bd. 2). Widlöcher, Daniel: Was eine Kinderzeichnung verrät. Methode und Beispiele psychoanalytischer Deutung. München: Kindler Verlag 1974. Internet Deutsche UNESCO-Kommission e. V. (online): Weltdokumentenerbe weltweit, unter: https://www.unesco. de/kultur-und-natur/weltdokumentenerbe/memoryworld (abgerufen am 20.10.2019, 14:00 Uhr). Abbildung Abb. 1 u. 2: Einband und Blatt Nr. 7 aus dem „Saarbrücker Danke-Buch“ (1946). Anita Reinhart. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tony O’Herlihy, Privatsammlung, Irland.

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References

Abstract

In the winter of 1946, pupils from Cecilienschule, a girls’ school in Saarbrücken, Germany, created a little Danke-Buch, a ‘thank you’ book with drawings, letters and poems for representatives of the Irish food aid, because this humanitarian deed saved numerous children’s lives. In 2013, due to the initiative of today’s owner of the Danke-Buch, the rediscovery of this important cultural heritage began. In 2019, the book was included into a catalogue of outstanding drawings by children and adolescents from Europe, and the intention is to have the book nominated for the Memory of the World Register. This volume shows the Danke-Buch and addresses aspects of the post-war years. With contributions by Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu

Zusammenfassung

Im Winter 1946 gestalteten Schülerinnen der Cecilienschule in Saarbrücken ein Danke-Buch mit Zeichnungen, Briefen und Gedichten für Repräsentanten der irischen Lebensmittelhilfe, denn die humanitäre Aktion Irlands sicherte vielen Kindern das Überleben. Aufgrund der Initiative des heutigen Besitzers des Buches begann 2013 eine länderübergreifende Wiederentdeckung des bedeutenden kulturellen Erbes. Im Jahr 2019 wurde das Buch wegen seiner universellen und zeitlich übergreifenden Botschaft in einen Katalog außergewöhnlicher Kinder- und Jugendzeichnungen aus Europa aufgenommen – mit der Intention einer Nominierung für das UNESCO Weltdokumentenerbe. Der Band zeigt das Danke-Buch und befasst sich mit Aspekten der damaligen Zeit voller Umbrüche. Mit Beiträgen von Tony O’Herlihy, Christine Reinhardt, Kunibert Bering, Jutta Ströter-Bender, Bernd Haunfelder, Birgit Kollet, Viviane Bierhenke, Juliane Kurz, Iris Kolhoff-Kahl, Sabine Weichel-Kickert, Neslian Pisginoglu