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2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament in:

Hilmar Gumbrecht

Der Logos, page 85 - 132

Das universale göttliche Grundprinzip und der Mensch gewordene Gott

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4468-1, ISBN online: 978-3-8288-7494-7, https://doi.org/10.5771/9783828874947-85

Tectum, Baden-Baden
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Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums Der Johannes-Evangelist stellt ein Lied vom Logos an den Anfang seines Evangeliums. Dieser Logos-Hymnus hebt sich durch seinen Inhalt und durch seine poetische Form deutlich vom nachfolgenden Text des Evangeliums ab. Zwei Einschübe über Johannes den Täufer – ebenfalls poetisch geformt – unterbrechen den Zusammenhang. Weiter schreibt Gese dazu:51 Die frühantike Weisheit (bzw. Philosophie), ein internationales Phänomen, das von einer bestimmten menschlichen Kulturstufe an greifbar ist, ist die Frühform der Wissenschaft. Die Möglichkeit des Menschen, feste Ordnungen in der Welt zu entdecken, führt zu einer entsprechenden Welterkenntnis. Diese Weltordnung trat dem erkennenden Menschen in göttlicher Autorität entgegen, allerdings nicht in der Autorität der einzelnen regionalen oder nationalen Götter, sondern in der Autorität „des Gottes“. Einzelne Übernahmen aus Ägypten, Syrien, usw. durch Israel hält Gese für denkbar. Insbesondere in der Zeit Salomos begegnete Israel der altorientalischen Kultur und der dortigen Weisheit in besonderer Weise. Nach der Babylonischen Verschleppung wird das Verhältnis Gottes zur Weltordnung von der Jahwe-Offenbarung her geprägt. War der Gott Israels der Schöpfergott, so war die Erfahrung der Schöpfungsordnung Erfahrung Jahwes. Welterkenntnis wird so zur Gotteserkenntnis, die ursprünglich weltliche Weisheit wird zur göttlichen Weisheit, sie wird zu einer Person, die schon vor der Schöpfung existierte. Eine ebensolche Weisheit ist der Logos der frühgriechischen Denker. Der Logos der Bibel hat letztlich vorchristliche Vorläufer, zum Beispiel bei Heraklit!52 2 2.1 51 Zur biblischen Theologie, 1989, Seiten 173-181. 52 …so Justin der Märtyrer und Philosoph (100-165, Rom). 85 Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Verse 1–5.9–14.16–18 (ohne Verse 6–8 und 15, nach der Zürcher Übersetzung von 2007, leicht abgeändert nach Hartmut Gese 1989, mit Markierung des strukturellen Aufbaus ebenfalls nach Hartmut Gese): Das Gott-Sein des Logos A a 1 Am Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, b und Gott war der Logos; 2 dieser war am Anfang bei Gott. c 3 Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist auch nicht eines geworden. Das Licht – allgemeines Offenbarungshandeln B a Was geworden, 4 in ihm war er das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. b 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. [6–8] Menschliche Aneignung c 9 Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, indem es in die Welt kommt. Die Nichterfüllung C a 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt. b 11 Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 86 Die Gottgeburt des Gläubigen D a 12 Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, b denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Wollen des Fleisches c und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott gezeugt sind. Die Inkarnation – Ziel des Offenbarungshandelns E a 14 Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, b eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit. [15] Menschliche Aneignung c 16 Aus seiner Fülle haben wir ja alle empfangen Gnade um Gnade. Die Erfüllung F a 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. b 18 Niemand hat Gott je gesehen. Als Einziggeborener, als Gott, der jetzt im Schoß des Vaters ruht, hat er Kunde gebracht. 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 87 Der Logos des Johannes und des Heraklit und die Weisheit Salomos Walther Kranz, ein Altsprachler und Philosophie-Geschichtsforscher, ist der erste Universitäts-Fachlehrer der alten Sprachen. Er machte die antike Bildung populär. Er übernahm auch die Herausgabe der „Fragmente der Vorsokratiker“ von Hermann Diels, ab der 5. Auflage ganz. Seine Ehefrau war Jüdin, deswegen wurde er 1935 an eine Hauptschule versetzt und verlor 1937 seine Lehrberechtigung vollständig. Er nahm 1943 den Lehrstuhl der Universität Istanbul an. Dieser Walther Kranz schreibt 1949 zum Thema Logos: Nach der Tradition lebte der Evangelist Johannes eine Zeitlang in Ephesus und starb dort. Hat aber jener Johannes auch nur eine Zeitlang in Ephesus gelebt, so versteht es sich von selbst, dass er die Schrift des berühmtesten seiner vormaligen Mitbürger, Heraklit, gelesen hat, dessen Statue in Ephesus stand, und dessen Bild nach dieser Statue die Stadt in römischer Zeit auf ihre Münzen setzte. Aber auch wenn Johannes kein Epheser war – Ist es vorstellbar, dass ein griechisch denkender und schreibender gebildeter Mann des so gebildeten 1./2. Jahrhunderts n. Chr., der eine neue Verkündigung des Logos bringt, die berühmteste griechische Logos-Lehre nicht kennt? Dies war ja auch ungefähr die Epoche, in der der Stoiker Epiktet (ca. 50–135 n. Chr.) als Christ gelten konnte, so nahe kamen gewisse seiner Lehren den christlichen. Ein Vergleich des Logos des Johannes mit dem Logos des Heraklit zeigt, dass der Gedankengang parallel läuft: Beide Male ist der erste Gedanke: Der Logos ist seit Ewigkeit, „immer“ sagt Heraklit, „am Anfang“ Johannes. Beide Male geschieht oder geschah alles gemäß diesem Logos oder durch diesen Logos, mit beinahe wörtlichem Gleichklang. Beide Male hören wir als Gegensatzgedanken: trotzdem haben die Menschen kein Verständnis dafür. 2.1.1 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 88 Beide – und das ist besonders erstaunlich – wiederholen sogar diesen Gegensatzgedanken noch einmal: „sie gleichen Unerfahrenen“ sagt Heraklit, „und die Welt hat ihn nicht erkannt“ sagt Johannes. Aber auch die Ineinandersetzung von Logos und Licht ist bereits Heraklitisch: nicht nur das „ewig lebendige Feuer“, sondern auch das „nie untergehende Licht“, der „Blitzstrahl“, ist ihm Symbol, Anschauungsform des Logos. „Und Gott war der Logos“ sagt Johannes, und Göttlichkeit offenbarte auch Heraklit: Logos und Gott ist bei ihm dasselbe. Aber wir besitzen ja sogar Zeugnisse, dass die philosophisch gebildeten Christen der ersten Jahrhunderte selbst Johannes mit Heraklit verglichen haben, so Justin der Märtyrer und Philosoph. Dass der Evangelist Johannes, der diesen Prolog (Vorwort) niederschrieb, nicht eine „Mittelquelle“ benutzte, sondern das Original Heraklit, erscheint notwendig. Es ist klar, dass damit nur e i n e Komponente in diesem komplizierten Gebilde benannt ist. Eine andere Komponente ist sicherlich nicht griechischen, sondern orientalischen Ursprungs. Diese Komponente arbeitet Hartmut Gese detailliert heraus. Er ist Alttestamentler und schreibt in seinen „Alttestamentlichen Vorträgen“, so der Untertitel von „Zur biblischen Theologie“, auch ein Kapitel über den Johannes-Prolog. Gese hatte Theologie und Orientalistik studiert. In seiner Promotion untersuchte er Hesekiel 40–48 und seine Habilitation war eine Arbeit zur altorientalischen und alttestamentlichen (altjüdischen) Weisheit. In Tübingen hatte er später den Lehrstuhl für Altes Testament (hebräische bzw. erster Teil der christlichen Bibel) inne. Wie seine Veröffentlichungen zeigen, ist er nicht nur Experte für das alte Israel und das Alte Testament, sondern auch für die Religionen Kanaans, Altsyriens und Mesopotamiens. Nach Gese bilden Altes und Neues Testament ein einheitliches Ganzes biblischer Tradition, zu der unabdingbar auch die „Alttestamentlichen Spätschriften“ der sogenannten zwischentestamentlichen Epoche gehörten. Das Neue Testament erweise sich als Ziel und Abschluss dieses Traditionsprozesses. So sind in Christus alle alttestamentlichen Traditionen zusammenge- 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 89 fasst und abgeschlossen. Der poetische Aufbau des Logos-Liedes am Anfang des Johannes-Evangeliums habe seine Parallele in der poetischsprachlichen Komposition der Schöpfungs-Erzählung in 1. Buch Mose, Kapitel 1. Diese poetische Struktur habe ich zwar oben beim Abdruck des Textes visuell dargestellt, ich möchte aber weder hier, noch im Kapitel 4.4 (Der Logos und das Universum) näher darauf eingehen. Walther Kranz weiter: Jedoch zu selbständigem Urteil auf diesem außer-hellenischen Gebiete unfähig, müssen wir uns begnügen, lediglich das griechische Element im Johannesprolog herauszuheben, müssen aber auch betonen, dass, wenn man dieses übersieht, nach unserer Ansicht das eigentliche Wesen dieses Hymnus sicher nicht ganz erfasst wird. Man muss nachzudenken versuchen, was der empfand, der dieses griechische Wort als philosophisch-religiösen Begriff niederschrieb oder hörte, ein Wort, das ein hohes Erbe griechischen Geistes in sich vereinte. Noch etwas anderes ist zu bedenken. Seit dem 5. Jahrhundert vor Christus tritt in Griechenland der Gedanke auf, der Logos sei ein Gottessohn, nämlich Hermes/Merkur. Und nicht nur Augustus konnte in der Gestalt des Merkur als Retter der Welt erscheinen (so bei Horaz), sondern sogar Paulus wurde ja von den Einwohnern Lystras spontan als Hermes verehrt. Auch gegen eine solche, damals offenbar weitverbreitete volkstümliche Vergötterung des Logos wendet sich Johannes mit seinem Logos-Hymnus: Niemand anderes als Jesus sei der Logos, der Sohn Gottes, der Retter der Welt. Heraklit schrieb ca. 500 v. Chr.: Für den Logos sind die Menschen ohne Verständnis, sowohl bevor sie von ihm gehört haben, als auch wenn sie von ihm gehört haben. Aber Wahrheits-Erkenntnis und Durchblick durch die Erscheinungswelt wird möglich nur für den, der den Logos hat. Wer den Logos hat, der kommt zum Verständnis der Absicht, die alles steuert – durch alles hindurch, der sagt und tut das Treffende, der gerät in Sprache und Handeln in Einklang. Und wer mit diesem Logos eins geworden ist, kann dann auch die letztmögliche Wahrheit erkennen: die Verfugtheit von Gegensätzlichem – dass alle Dinge eins sind. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 90 Das Johannes-Evangelium spricht auch vom Logos, mit ähnlichen Stichworten: Er – der Logos – war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, … Parmenides (ca. 500 v. Chr.) hörte: „Nicht dem geblendeten Auge, dem tauben Gehör, noch der Zunge darfst du vertrauen: Allein durch den Logos entscheide die These, die so häufig umstritten und die von mir hier widerlegt wird“ und entdeckte am Ende seines Denkweges: Die menschliche Erkenntnis unterliegt dem Wechsel von Licht und Finsternis. Wenn man mit dem Urlicht in Verbindung tritt, kommt durch göttliche Gnade die völlige Erleuchtung, die Allein-Herrschaft des Lichts. Die übrige Welt ist das Haus der Finsternis. Johannes-Evangelium: In ihm – dem Logos – war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet […]. Dazu Ulrich Wilckens (deutscher Theologie-Professor und Bischof, geb. 1928)53: „Der Sinn des griechischen Wortes „Logos“ V1 und V14 ist mit keinem deutschen Wort in seinem Vollsinn wiederzugeben. Luther übersetzte mit „Wort“, weil er als Ausleger der Meinung war, dass hier vom Schöpfungswort Gottes (1. Mose 1,3 „und Gott sprach“) die Rede sei. Aber weder dieses ist hier gemeint, noch das Wort Gottes, das Jesus selbst in seiner Verkündigung geredet hat […]“ Die johanneische Gemeinde sah in dem Logos, von dem sie in diesem Hymnus sang, Jesus Christus, ihren Herrn, den Sohn und Gesandten Gottes. Darum bezog sie alles, was die Philosophen über das universa- 53 Das Neue Testament, übersetzt und kommentiert, Seite 311–312. 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 91 le göttliche Grundprinzip (die Vorsokratiker, speziell: Heraklit) oder über die „Weltvernunft“ (die Stoiker) sagten (vor allem in Vers 1–4), wie auch alles, was die jüdische Überlieferung von Gottes Weisheit lehrte (vor allem in den Versen 9–13) auf Christus. In Jesus, dem Mensch gewordenen Gott, kommt folglich alles Heil zusammen, das Gott schon vor der Schöpfung seiner geliebten Welt zukommen lassen wollte. Hans Bruns (deutscher Theologe und Bibelübersetzer, 1895– 1971)54 schreibt: „[…] Für die griechischen Leser klang noch etwas anderes mit: sie sprachen von einem Logos als dem Urprinzip, als der „Weltvernunft“. Dazu sagt Johannes: Was ihr in eurer Philosophie meint und ahnt, ist in Jesus da. Er ist auch das Licht, er scheint jetzt in die dunkle Welt hinein. […]“ Hier fließt auch ein, was die jüdische Überlieferung von der Weisheit Gottes sagt, teils auch als eine selbständige Person, die wie ein Kind auf Gottes Schoß sitzt und zu den Menschen geschickt wurde (ich beschränke mich hier auf die generell anerkannte innerbiblische Literatur, obwohl die „zwischentestamentliche“ jüdische Weisheitsliteratur viel umfangreicher darüber schreibt): Die Sprüche Salomos, aus Kapitel 8, Verse 12a, 22 und 29c-31: Ich, die Weisheit wohne bei der Klugheit. […] Der Herr hat mich geschaffen am Anfang seines Wegs, vor seinen anderen Werken, vor aller Zeit. […] Als er die Grundfesten der Erde festsetzte, war ich bei ihm auf dem Schoß (gehalten) (Hartmut Gese)/da stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite (Zürcher Bibel) und war seine Freude Tag für Tag, spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Freude an den Menschen. Die Sprüche Salomos, Kap. 8, Verse 29c-30a, 31 (Neue Genfer Übersetzung): als er das Fundament der Erde legte – da war ich als Kind an seiner Seite. […] Ich spielte auf seiner weiten Erde und hatte meine Freude an den Menschen. 54 Am 23. Oktober 2018 stellte mir mein Schwiegervater Hanspeter Jauslin ein „Neues Testament, neu übertragen …von Hans Bruns“ von 1959 zur Verfügung. Im Kommentar findet sich das folgende Zitat. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 92 Johannes-Evangelium: Am Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos. Alles ist durch ihn geworden. Als Einziggeborener, als Gott, der jetzt im Schoß des Vaters ruht, hat er Kunde gebracht. Der jüdische Theologe Philon von Alexandria hat diese Weisheit Gottes zusammengesehen mit der göttlichen Weltvernunft (Logos), von der die griechischen Philosophen damals vielfach als von der schöpferischen Urkraft der Welt sprachen. Der gläubige Jude konnte darin aber nichts anderes sehen als die Kraft seines Gottes, des einen einzigen Schöpfergottes Israels. Klaus Berger (deutscher Theologe, geb. 1940) schreibt dazu55: „Die „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzt „der Logos“ mit „die Weisheit“. Aber warum hat der Autor von Joh 1 nicht „die sophia/die Weisheit“ statt „der logos/der Weltsinn/Weltverstand“ geschrieben? 1. Im Milieu der Griechen verstand man Logos besser, weil es den Weltsinn/die Weltvernunft bezeichnete. 2. Jesus, der Mensch gewordene Logos, war männlich. Deshalb wollte Johannes Jesus nicht die Sophia/die Weisheit nennen.“ Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.)56 schreibt: „Jesus Christus – die fleischgewordene Liebe Gottes: Das eigentlich Neue im Neuen Testament sind nicht neue Ideen, sondern die Gestalt Jesus Christus selber, der den Gedanken, auch den Gedanken der Liebe, dadurch dass er Fleisch (und Blut) wird, außergewöhnliche Realität gibt. In seinem Tod am Kreuz verschenkt sich Gott selber, um den Menschen zu retten. Liebe in ihrer radikalsten Form.“ 1. Johannes-Brief, Kapitel 4, Verse 8–10: 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. 9 Und Gottes Liebe zu uns ist daran sichtbar geworden, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns durch ihn das Leben zu geben. 55 in seinem Kommentar zum Neuen Testament 2011. 56 in „Gott ist die Liebe“, Seiten 32–36 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 93 10 Das ist das Fundament der Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden57 zu uns gesandt hat. Das Kreuz von Jesus Christus ist die Liebe Gottes zum Anschauen. Im Letzten Abendmahl nahm Jesus seinen Tod und seine Auferstehung schon bildhaft vorweg, indem er seinen Jüngern in Brot und Wein sich selbst, seinen Leib und sein Blut, gibt. Wenn die antike Welt davon geträumt hatte, dass letztlich die eigentliche Nahrung des Menschen – das, wovon er als Mensch lebt – der Logos, die ewige Vernunft, der höchste Sinn von allem, das universale göttliche Grundprinzip, ist: Nun ist dieser Logos wirklich Speise für uns geworden – als Liebe. Darin empfangen die Jünger nicht nur statisch den fleisch- (und blut-) gewordenen Logos, sondern sie werden in die Dynamik seiner Hingabe mit hineingenommen. Und diese Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt, sie zieht mich hinein in die Einheit mit allen Christen. Gottesliebe und Nächstenliebe sind vereint. Der fleischgewordene Gott, der fleischgewordene Logos, zieht uns alle an sich. Das Bedeutungsfeld des altgriechischen Wortes „logos“ Zufällig kaufte ich mir im Januar 2017 den neuen „Nestle/Aland“, 28. Auflage mit griechischem Wörterbuch im Anhang, und stellte zuhause mit Entsetzen fest, dass im Wörterbuch bei logos lediglich die Bedeutungsfelder „Reden“, allenfalls noch „Rechenschaft“ vertreten sind. Was vollständig fehlt, ist alles, was mit Sinn, Zweck, Grund oder Vernunft, Verstand, Denken, Weisheit zu tun hat. Ich meldete mich daraufhin beim Institut für neutestamentliche Textforschung in Münster, ich erreichte nur per mail jemand (Dr. Klaus Wachtel antwortete). 2.1.2 57 Der Tod von Jesus Christus am Kreuz war ein stellvertretendes Opfer: Als Schuldloser sühnte er die Schuld der Menschen, indem er die Strafe für das von ihnen begangene Unrecht auf sich nahm – eine Stellvertretung, die allen zugute kommt, die an ihn glauben. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 94 17. Januar 2017 Sehr geehrte Damen und Herren, letzten Samstag kaufte ich das NT graece mit Wörterbuch. Weshalb wird das Bedeutungsfeld von logos dermaßen "amputiert" dargestellt? Es fehlt m.E. so etwas wie Sinn, Zweck, Verstand, Vernunft, Weisheit, zumindest aber Sinn, Vernunft. Gibt es Gründe dafür oder ist dies schlicht Unkenntnis der restlichen antik-griechischen Literatur beim Autor? Zumindest der Vorsokratiker und der jüdisch-hellenistischen Weisheitsphilosophie? Freundliche Grüße Hilmar Gumbrecht 18. Januar 2017 Sehr geehrter Herr Gumbrecht, das Wörterbuch von Rudolf Kassühlke ist ein kleines, wie auch der Titel sagt. Es enthält die Grundbedeutungen der aufgenommenen Wörter. Wenn Sie weitere Aufschlüsselung der Bedeutungen nach dem jeweiligen Kontext brauchen, sollten Sie ein Spezialwörterbuch wie den Bauer/Aland, „Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments”, zu Rate ziehen. Freundliche Grüße, Klaus Wachtel Am 19.01.2017 schrieb ich: Sehr geehrter Herr Wachtel, ich ging tatsächlich gestern kurz in meiner Mittagspause zu Poertgen&Herder und schaute bei Bauer/Aland (6.Aufl. 1988!) nach. Da 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 95 wird auf 3 Seiten bzw 5 Spalten in äußerster Ausführlichkeit das Bedeutungsfeld von logos für das NT dargelegt, aber dieses ist auch hier völlig ohne "Sinn" und "Vernunft" auf Wort, Rede u. ä. amputiert, absolut analog zu Kassühlke, als habe er einfach Bauer/Alands Grundgerüst übernommen. Das mag ja vielleicht für alle sonstigen Vorkommen von logos im NT zutreffen, aber sicher nicht für Joh 1. Hier zeigen sich offenbar die "Scheuklappen" von Theologen, die sich zeitlebens so gut wie nur mit den biblischen Schriften befassen und nicht wie Althistoriker, Altphilologen, Philosophen bzw. entsprechend interessierte Laien über einen Überblick über das gesamte antike Schrifttum verfügen. Ulrich Wilckens z. B. schreibt in seinem Neuen Testament: Der jüdische Theologe Philon von Alexandrien hat diese (zuvor in seinem Kommentar skizzierte) Weisheit Gottes zusammengesehen mit der göttlichen Weltvernunft (logos), von der die griechischen Philosophen damals vielfach als von der schöpferischen Urkraft der Welt sprachen… Sehr geehrter Herr Walker, hier fehlt im Wörterbuch das Wichtigste! Freundliche Grüße H Gumbrecht 19.01.2018 Sehr geehrter Herr Gumbrecht, es ist natürlich möglich, logos in Joh 1 mit „göttliche Weltvernunft“ zu übersetzen, Übersetzung ist Interpretation. Allerdings wird dadurch „Vernunft“ nicht zu einer Grundbedeutung von logos. Im Greek-English Lexicon von Liddell/Scott/Jones, immer noch das in der klassischen Philologie verwendete Standardlexikon ist (und sicherlich theologischer Voreingenommenheit unverdächtig), erscheint die Bedeutung „Word or Wisdom of God“ mit Belegen aus biblischen Zusammenhängen erst unter X. Als Grundbedeutung notieren LSJ „verbal 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 96 noun of λέγω with senses corresponding to λέγω II and III“. Die Hauptbedeutungen dort sind „count, tell“ und „say, speak“. Logos mit seinem gewaltigen Bedeutungsspektrum ist eines der interessantesten Wörter überhaupt, aber am Anfang stand wohl doch das „Wort“:-) Freundliche Grüße Klaus Wachtel In der 5. Auflage des Bauer, 1958, ist logos mit ca. 5 Spalten vertreten: 1. Sprechen, Wort, mündlich, Aussage, Ausspruch, Frage, Gebet, Aussprache, Zuspruch, Predigt, Weissagung, Befehl, Kunde, Gerücht, Erzählung, Geschichte, gelten, Verkündigung, Belehrung, Unterricht, Rede, Ausspruch, Gespräch, Lehre, Ausführungen, wortreich, Gegenstand, Sache, Buch, schriftl. Ermahnungswort, Schriftwort, Inhalt, Offenbarung, Auftrag, Verheißung, Gebot, Gesetz. 2. Berechnen, Rechenschaft, Abrechnung, Berücksichtigung, Rücksicht, Hinblick, Grund (vernünftiger Grund, Beweggrund), zu tun haben. 3. Der Logos (das verselbständigte, personifizierte „Wort“ (Gottes), Gleichsetzung einer Gottheit mit einem Abstraktum, das sie personifiziert). KEIN: Sinn, KEIN: Verstand, KEINE: Vernunft, KEINE: Weisheit, KEIN: universales göttliches Grundprinzip. Im Griechisch-Lehrbuch für die Gymnasien in Bayern namens „OR- GANON“58: logos Wort, Rede, Sinn, Vernunft. 58 Das ist das Altgriechisch-Lehrwerk (Vorwort von 1971), mit dem ich ab der 9. Klasse eintauchte in die griechische Antike, und in der gymnasialen Oberstufe (Kollegstufe) mit Griechisch als Leistungskurs Abitur machte. 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 97 Ähnlich auch in „Hellas – Lehrgang des Griechischen“59: logos das Wort, die Rede; die Vernunft, die Begründung, der Sinn Für den geneigten Leser möchte ich hier noch einmal die „Grundbedeutung“ von Logos darstellen60: Die Grundbedeutung der griechischen Wurzel „leg“- (und dann substantivisch „log“-) ist deutsch: (zusammen-) leg-en bzw. „sammeln“. Das ergibt sich aus dem Griechischen (leg-o/leg-ein, sammeln etc), ähnlich im Lateinischen (leg-ere: der Reihe nach Buchstaben oder Namen einer Liste oder dgl. aufnehmen/ aufsammeln = (Schriftliches) „lesen“, s.a. auflesen wie in Wein“lese“, etc.). Sammeln meint hier: der Reihe nach Dinge nehmen, die unter einem bestimmten Gesichtspunkt gleichartig sind, es enthält also 2 Bestandteile: 1. Das Nacheinander, die Wiederholung. 2. Die Beurteilung, die verstandesmäßige Sonderung. Beide Bestandteile sind bei leg-o und log-os zu breiter Entfaltung gekommen. Über die Grundbedeutung „sammeln“ hinaus weiterführende Bedeutungen sind: „zählen“, „aufzählen“, dann „erzählen, sagen“. Die Bedeutungsentwicklung von „logos“ folgt in den großen Zügen und in vielen Einzelheiten der von lego überraschend genau: a) „Sammlung“ ist für eine Anzahl von Zusammensetzungen und Ableitungen belegt. b) „Zählung, Rechnung“, hier ist für logos „Rechnung“ viel wichtiger, während lego mehr oder weniger nur „zählen“ entspricht. c) kata-logos: Aufzählung, Verzeichnis, Liste („Katalog“). d) Erzählung, Wort, Rede usw. 59 von 1996, 3. Auflage 2005 60 in Anlehnung an Gerhard Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 98 „Wort“ ist also auch bei logos nicht die Grundbedeutung, sondern ähnlich wie bei lego: „Sammlung“, dann Zählung/Rechnung, dann Aufzählung, dann Erzählung, in dieser Reihenfolge!, auch wenn in allen möglichen Wörterbüchern, Wortkunden, Lexika, etc., speziell denen zum Neuen Testament, I. Wort/Reden als Grundbedeutung proklamiert wird, ggf. noch II. Zählen/Rechnen etc., allenfalls noch, wenn überhaupt III. Rechenschaft/Denken etc. (in dieser Reihenfolge). Die Wortbedeutung von Logos in ihrer Vielfalt wird dann im Kittel noch einmal, auch im Hinblick auf seine historische Entwicklung im Griechentum und im Hellenismus dargestellt: Typisch für den Rationalisierungsprozess des griechischen Geistes ist Logos ein symbolischer Begriff geworden für das griechische Welt- und Daseinsverständnis überhaupt. Ausgehend von „Zählen, Rechnen, Explizieren“: a) Aufzählen, Erzählung, Rechenschaftsbericht, Rede, Sprache (in Prosa, im Gegensatz zu poiesis), Satz, Wort, Sache (im Gegensatz zur erfundenen Erzählung: mythos), (guter oder schlechter) Ruf, Ruhm, Sage, Geschichte. b) Rechnung, Berechnung, Rechnungsergebnis, (metaphysisches) Prinzip oder Gesetz, (der aus dem Denken oder Rechnen hervorgegangene) Grund, Begründung, Erklärung (z. B. logon didonai: Rechenschaft abgeben über, Rede stehen für), Abrechnung, Kasse, Fiskus, Konto. c) Proportion, Verhältnis, Beziehung (in Mathematik und Philosophie, allgemeiner:) Sinn, Ordnung, Maß. d) Seit ca. 450 v. Chr.: die ratio des Menschen, das Denkvermögen (ab da gleichbedeutend mit „nous“), Vernunft, Geist, Gedanke, Definition, Begriffsbestimmung, Wesen. e) Für den Griechen ist Logos alles andere als Anrede, Befehl, schöpferisches Machtwort. Auch wenn Logos im Sinne von Wort/Rede/ Reden verwendet wird, aber immer nur zusammen mit dem Zusammenhängenden, dem Sinnhaft-Vernünftigen des Redens. Wenn es hingegen um den Wohlklang oder die Schönheit des Wortes/ Redens geht, verwendet der Grieche „epos“ oder „rhema“, „rhema“ als dem mehr affektbetonten Ausdruck oder Spruch, so dass es hier eher um die Tatsache geht, dass überhaupt geredet wird, und bei 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 99 „logos“ eher um den Sinngehalt, das Explizierende des Wortes/ Redens. Verdenius61 führt im Rahmen einer exzellenten Darstellung der Bedeutungsfeld-Entwicklung von „logos“ darüber hinaus auch noch aus: „Zuerst ist festzustellen, dass logos [im Original mit griech. Buchstaben] ursprünglich nicht das einzelne Wort bedeutet […]. Die Bedeutung „Wort“ kommt wahrscheinlich erst bei Aristoteles [384–322 v. Chr., 150 Jahre nach Heraklit] vor und hat sich wohl aus der Bedeutung „Definition“ entwickelt, die selbst auf die Bedeutung „Rechenschaft“ zurückgeht.“ Und: „Auch bei Parmenides gibt es (so wie bei Heraklit) kein eindeutiges Beispiel der Bedeutung „Wort“.“ Infolge seiner Struktur wurde „logos“ im Laufe seiner Entwicklung auch mit verschiedentlichen philosophisch-theologischen Begriffen gleichgesetzt: a) aletheia: Wahrheit. b) episteme: Erkenntnis, Wissen, Wissenschaft c) arete: Tüchtigkeit, Tugend d) ananke: Zwangsläufigkeit, Bedürfnis e) kosmos: Welt, Universum, Kosmos f) zoe: Leben g) eidos und morphe: Bild, Abbild, Gestalt h) physis: Das Wesen/Die „Natur“ von etwas i) pneuma: Atem, Luft, Geist j) theos: Gott k) arithmos: Zahl Die systematische Beschneidung von Wortbedeutungsfeldern Weiterführend möchte ich hier ein weiteres aktuelles Beispiel anführen für das Prinzip der Verengung, Beschränkung bzw. Beschneidung der Sprache der Bibel, das letztlich eine Ignorierung dieser anderen älteren Kultur widerspiegelt: 2.1.3 61 „Der Logosbegriff … I“ 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 100 In „akzente für Theologie und Dienst“62 findet sich ein Artikel von Prof. Dr. Volker Gäckle63 mit dem Titel: „Die Lehre vom allgemeinen Priestertum und das Problem ihrer biblischen Grundlage“. Dieser Artikel ist eine ganz kurze Zusammenfassung seiner 769 Seiten umfassenden Habilitationsschrift, die im Jahr 2014 von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich angenommen wurde: In der Einleitung des Artikels wird die Fragestellung präzisiert: „Wer darf in einer Gemeinde unter welchen Voraussetzungen welche Ämter bekleiden und welche Handlungen vollziehen? Hier hat sich gegenüber der römisch-katholischen Auffassung des Hoch- und Spätmittelalters in der Reformationszeit die Überzeugung durchgesetzt, dass grundsätzlich jeder Christ berechtigt ist, das Wort Gottes auszulegen und die Sakramente zu spenden. […] Zur Begründung dieser reformatorischen Lehrfigur wurden fünf ntl. Belege (1Petr 2,5.9; Offb 1,6; 5,10; 20,6) herangezogen, in denen entweder die ganze Gemeinde oder einzelne Christen als Priester bzw. als Priesterschaft bezeichnet werden. […] Das Problem ist nun aber, dass die so bezeichnete Lehre [gemeint ist das „Priestertum aller Gläubigen“] in keiner Weise das Thema dieser Belege in ihrem ursprünglichen antiken Kontext ist.“ In Abschnitt II.2.1 dieses Artikels geht es um „Die Gemeinde als Königliche Priesterschaft“, dabei wird Bezug genommen auf: Erster Petrusbrief, Kapitel 2, die Verse 5 und 9 (Übersetzung wie in „akzente“): 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. [6–8] 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; […]. 62 Biblisch-theologische Dreimonatsschrift der RGAV-Dienstgemeinschaft für Verkündigung und Seelsorge e. V. (RGAV = Reichsgottesarbeitervereinigung), Nr. 3/2017. 63 Pfarrer der Württembergischen Landeskirche und seit 2011 Professor an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) und deren Rektor. 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 101 Gäckle schreibt dazu: „Alle Tätigkeiten, die hier berichtet werden, das Opfern von geistlichen Opfern oder das Verkündigen der Wohltaten dessen, „der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“, beziehen sich nicht auf Dritte, sondern nur auf Gott selbst. Das ist v. a. für den Begriff „verkündigen“ (griech: exaggeilete) V. 9 wichtig. In ausnahmslos allen Vorkommen dieses Begriffes in der Septuaginta geht es um das Lob Gottes. Gott wird gepriesen für das, was er getan hat. Alle Tätigkeiten, welche hier von der Gemeinde ausgesagt werden, beziehen sich auf das Binnenverhältnis zu Gott, nicht auf Dritte. Auch aus allen anderen in V. 9 zitierten Ehrenprädikaten Israels ergeben sich keine Funktionen gegenüber Dritten.“ Soweit Gäckle. Er beschränkt infolgedessen die biblische Legitimation eines Allgemeinen Priestertums auf die Beziehung zu Gott und schließt priesterliche Aufgaben für „Laien“ gegenüber Dritten aus. Unabhängig davon, ob ich seinen Gedankengängen im Allgemeinen und im Einzelnen folgen möchte, soll es hier nur um sein Argument gehen, exaggeilete („verkündigen“) müsse vom Neuen Testament her auf das Lob Gottes beschränkt und die Verkündigung gegenüber Dritten müsse ausgeschlossen sein, denn: „In ausnahmslos allen Vorkommen dieses Begriffes in der Septuaginta [das ist das Alte Testament in griechischer Sprache] geht es um das Lob Gottes.“ Grundsätzlich kann exaggelo/-eilete aber heißen: etw. öffentlich verkünden, verraten, ausplaudern, berichten, melden, proklamieren, etc. Das Prinzip, das hier angewendet wird, besteht darin, die Bedeutung eines griechischen Wortes an einer Stelle im Neuen Testament davon herzuleiten, welche Bedeutung es an den meisten anderen oder auch an allen anderen Stellen im Neuen Testament hat. Wenn man dieses Prinzip konsequent anwenden würde, dann würde man in einem griechischen Wörterbuch zum Neuen Testament jede griechische Vokabel auf genau eine Übersetzungsmöglichkeit in deutscher Sprache zusammenstreichen, und zwar bei allen griechischen Wörtern, die in diesem Wörterbuch vorkommen. So ähnlich ist es ja bereits mit „logos“ gemacht worden. Genau darum geht es ja auch in diesem Büchlein. Und Gäckle toppt dies noch dadurch, dass er sich auf die Vorkommen dieses griechischen Wortes im griechischen Alten Testament (ers- 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 102 ter Teil der christlichen Bibel, ursprünglich in Hebräisch, teils Aramäisch) bezieht. Andere Vorkommen des Wortes „logos“ im Neuen Testament Logos soll 331 mal im Neuen Testament vorkommen. Außerhalb der johanneischen Schriften ist grundsätzlich Wort/Rede u.ä. gemeint. Im Johannes-Evangelium kommt es (außer in Zusammensetzungen), im Sinne von Wort nicht vor. Nachdem einmal am Anfang des Evangeliums Jesus als der Logos proklamiert war, scheute sich der Evangelist, im weiteren Verlauf des Evangeliums von logos ganz lapidar als Wort/ Rede zu schreiben, es wäre auch seltsam, wenn der Logos (der mensch-gewordene Weltenschöpfer und Weltlenker, der Sinn und die Weisheit der Welt in Person) ständig einen Logos (ein Wort, eine Rede) an seine Jünger oder an andere richten würde. Der Anfang des 1. Johannes-Briefes knüpft an diesen Anfang des Johannes-Evangeliums an, sowohl mit dem Begriff „logos“, als auch mit dem Stichwort „Anfang“. Der Logos, um den es hier geht, wurde nicht nur gehört (wie ein Wort oder eine Rede), sondern dieser Logos wurde auch mit den Augen gesehen, mit den Händen betastet (Blindenschrift gab es wohl noch nicht): 1. Johannes-Brief, Kapitel 1, Verse 1–10 (Luther-Bibel 1984 mit Modifikationen) 1 Wer von Anfang an war, wen wir gehört haben, wen wir gesehen haben mit unsern Augen, wen wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, der Logos des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, 3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. 5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. 2.1.4 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 103 6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. 7 Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. 8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. 9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Logos ist nicht in uns. … und in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 19, Vers 13 11 Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. 12 Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. 13 Und er war angetan mit einem Gewand, das in Blut getaucht war, und sein Name ist: Der Logos Gottes. 14 Und ihm folgten die Heere im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer, reiner Seide. 15 Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Völker schlage; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter, voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes, des Allmächtigen, 16 und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren. Die althebräische Entsprechung zum griechischen „logos“ Das griechische Wort „logos“ (Wortwurzel „leg-“ bzw „log-“) stellt in seiner Sinnweite eine gewisse Entsprechung zum hebräischen Wort „Amen“ bzw. der hebräischen Wortwurzel „’mn“ (amen) dar: „Wort, 2.1.5 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 104 Sinn, Vernunft, Wahrheit“ sind sowohl in der Bedeutungsbreite von Logos, als auch von Amen mit eingeschlossen.64 Die Bedeutung von ’mn (amen) umfasst in erster Linie: Wahrheit, Festigkeit, fester Grund, Boden, stehen, Treue, trauen, sich anvertrauen, sich auf etwas stellen, an etwas glauben. Das bedeutet doch: Das, worauf der Mensch im letzten stehen und was ihm Sinn sein kann, darf allein die Wahrheit selbst sein. Nur die Wahrheit ist der feste Grund zum Stehen. Der sinngebende Grund (der „Logos“), auf den wir uns im christlichen Glauben stellen, ist als „Sinn“ auch „die Wahrheit“. Sinn, der nicht die Wahrheit wäre, wäre Un-Sinn. Die Verbundenheit bzw. Untrennbarkeit von „Sinn, Grund, Wahrheit“, die sich ebenso im hebräischen Wort „Amen“ wie im griechischen „Logos“ ausdrückt, sagt zugleich ein ganzes Weltbild an. In der Untrennbarkeit von Sinn, Grund und Wahrheit zeigt sich das ganze Koordinatensystem, durch das christlicher Glaube die Welt betrachtet und sich ihr stellt. Das bedeutet aber auch, dass Glaube keine blinde Häufung unverstehbarer Ungereimtheiten/Paradoxien sein kann, die dann vielleicht auch noch mit Verweis auf das Versagen des Verstandes entschuldigt oder sogar zu Glaubenssätzen/Dogmen hochstilisiert werden. Hier läge ein geistlicher Missbrauch vor, der den Logos (Sinn und Verstand) zerstören, anstatt den Glauben als Verstehen ermöglichen will. Die Wahrheit des Seins ist nur durch Verstehen des Sinns erfassbar. Nur im Stehen (auf festem Grund, auf dem Boden des Gottes der Bibel) eröffnet sich das Verstehen, denn Verstehen bedeutet, den Sinn, den man als Grund empfangen hat, als Sinn zu begreifen. Verstehen ist, dass wir den Grund, auf den wir uns gestellt haben, als Sinn und als Wahrheit begreifen lernen, dass wir erkennen lernen, dass der Grund Sinn ist. So ist Denken/Verstehen die ureigenste Sache des Glaubens, deshalb ist Theologie als verstehende, logoshafte (denkende) Rede von Gott eine Uraufgabe christlichen Glaubens. Und die Rede von Gott zielt auf Jesus, der die Anwesenheit des Ewigen selbst in dieser Welt ist, 64 Diese Gedanken habe ich der hier verwendeten Literatur von Joseph Ratzinger entnommen. 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 105 und damit auf den personalen Charakter des christlichen Glaubens in der Person von Jesus. In ihm ist der Sinn der Welt Gegenwart. So ist Glaube das Finden eines Du, das mich trägt und die Verheißung unzerstörbarer Liebe schenkt. Christlicher Glaube gibt nicht nur objektiven „Sinn“, sondern er gibt auch, dass dieser „Sinn“ mich kennt und liebt. Alle Überlegungen dieses Buches kreisen letztlich um das Bekenntnis: „Ich glaube an dich, Jesus von Nazareth als den Sinn („den Logos“, „das Amen“) der Welt und meines Lebens. „Amen“ als Name für Gott in der Bibel (Beispiele): Jesaja, Kapitel 65, Vers 16 Wer sich im Land segnet, wird sich segnen beim Gott „Amen“ (beim „Gott der Treue“), und wer im Land schwört, wird schwören beim Gott „Amen“ (beim „Gott der Treue“). Johannes-Evangelium, Kapitel 5, Verse 19 und 24–25; Kapitel 6, Verse 26, 32,47 und 53; Kapitel 8, Verse 34,51 und 58: Da entgegnete ihnen Jesus: „Amen“, „Amen“, ICH sage („lego“[„ich bin der logos“ für]) euch: […]. Zweiter Korintherbrief, Kapitel 1, Vers 20 Denn was immer Gott verheißen hat – in ihm ist das Ja und so auch durch ihn das „Amen“, damit Gott verherrlicht werde durch uns. Offenbarung des Johannes, Kapitel 3, Vers 14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht, der das „Amen“ ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: […]. Letzteres ist am schönsten parallel zu Johannes-Evangelium, Kapitel 1: Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 3 Alles ist durch ihn [den „Logos“] geworden, und ohne ihn ist auch nicht eines geworden, das geworden ist. Offenbarung des Johannes, Kapitel 3, Vers 14b So spricht, der das „Amen“ ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: […]. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 106 In der Septuaginta (Altes Testament in Griechisch) ist es allerdings so, dass die hebräischen Wörter dabar und millah (Wort, Rede, usw.) durch die griechischen Wörter logos und rhema wiedergegeben werden, wobei sich nur in den prophetischen und weisheitlichen Büchern ein Übergewicht von logos ergibt. Dies liegt u.a. daran, dass diese Bücher später als die 5 Bücher Mose ins Griechische übersetzt worden sind und deshalb auch stärker dem Einfluss hellenistischer Kultur mit ihrer Betonung des Logos ausgesetzt waren. Knüpft „logos“ am Schöpfungswort Gottes in 1. Buch Mose, Kap. 1 an? Grundbotschaft von Johannes-Evangelium, Kapitel 1 ist, dass der vor aller Zeit bereits existierende Logos und Jesus Christus identisch sind. Sie zielt letztlich auf den personalen Logos-Gebrauch für Jesus selbst ab (Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Verse 1–18; 1. Johannes-Brief, Kapitel 1, Vers 1; Offenbarung des Johannes, Kapitel 19, Vers 13). Logos ist hier in ein dreidimensionales Beziehungsgeflecht (Gott – Welt – Menschen) hineingestellt (Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Verse 1– 18), und dieser Text ist dem Johannes-Evangelium (den Worten und Taten von Jesus) vorangestellt, und erklärt dadurch auch, dass dieser Abschnitt vor den Worten und Taten von Jesus sich auf die Frage nach dem Woher von Jesus Christus (Herkunft, Anfang, genesis, arche) beschränkt. Dieses „Vorwort“ des Johannes-Evangeliums will wohl das Evangelium vor falschen Auslegungen schützen; den entsprechenden konkreten gemeindegeschichtlichen „Kommentar“ dazu65 liefert der 1. Johannes-Brief mit seiner Argumentation gegen Leute, die Jesus Christus nicht „als im Fleisch gekommen“ bekennen (Kapitel 4, Vers 2 und 2. Johannes-Brief, Vers 7). Nach 1. Johannes-Brief, Kapitel 2, Verse 19–20 ist es unter anderem über dieser christologischen Frage bereits zu einer Spaltung gekommen. Der Begriff „Logos“ bezeichnet also Jesus im Hinblick auf seine Gottheit und Existenz bereits vor der Schöpfung, „Jesus“ bezeichnet den Menschen Jesus und „Christus“ zielt auf sein er- 2.1.6 65 siehe auch Neugebauer: Die Entstehung des Johannes-Evangeliums 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 107 lösendes Heilshandeln ab. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich, und als Logos bereits vor der Menschwerdung, ja sogar vor aller Schöpfung existent. Beim Nachdenken über diesen Abschnitt am Anfang des Johannes-Evangeliums ist aber daran zu erinnern, dass er nur Einleitung zum im Evangelium erzählten Leben des Jesus sein will. Diese Worte und Taten von Jesus sind der aufgegebene Gegenstand des Nachdenkens und nicht etwa philosophisch-theologische Spekulationen über den Logos. Trotzdem sind fast überall sanfte, trickreiche Rettungsversuche von „Der Logos“ = „Das Wort“ zu beobachten, so auch über viele Seiten im „Kittel“, und es ist immer wieder erstaunlich, wie ausschließlich oder zumindest eben unter anderem auch der Logos von Johannes- Evangelium, Kapitel 1 an das „Wort“ Gottes in 1. Buch Mose, Kapitel 1 angeknüpft wird („Am Anfang schuf Gott … und Gott sprach: …“), wobei doch offensichtlich Jesus nicht gleichzeitig Gott und das von Gott gesprochene Wort sein kann (weder das Wort Gottes bei der Schöpfung, noch das Wort Gottes als die Botschaft des Evangeliums). Und ein „Wort“ kann man ja doch eigentlich nicht (1. Johannes-Brief, Kapitel 1, Vers 1) „mit den Augen sehen“, „schauen“, „mit Händen betasten“, wobei im „Kittel“ dem Schreiber „eine echte Empfindung einer ganzen vollen Paradoxie“ zugesprochen wird, sowie eine „Abwehr gegen eine etwaige mythologische Mißdeutung“. Auch die Anknüpfung mittels „Am Anfang“ verfängt zunächst einmal nicht, denn genau so begannen auch einige frühe griechische Denker bis Heraklit („Am Anfang war das Wasser“. „Am Anfang war die Luft“. „Am Anfang war das Apeiron“. Und sinngemäß: „Am Anfang war das Feuer“ bzw. „Am Anfang war der Logos“ im Hinblick auf Heraklit). Auch wenn in 1. Johannes-Brief, Kapitel 1, vom „Anfang“ die Rede ist, knüpft dies nicht in erster Linie an 1. Mose, Kapitel 1 an, sondern am Johannes-Evangelium, Kapitel 1. Selbstverständlich ist das „Am Anfang“ von Johannes-Evangelium, Kapitel 1, bewusst auch parallel zu dem „Am Anfang“ von 1. Buch Mose, Kapitel 1 formuliert und knüpft an die Schöpfung an, es geht ja beim Logos auch um Schöpfung, aber das „Gott sprach“ von 1. Buch Mose, Kapitel 1 ist trotzdem nicht der Logos als das gesprochene Wort Gottes, sondern der Logos ist der Gott, der kreativ ist, und Gott und das, was er spricht, können nicht dasselbe sein. Deswegen wäre das Jo- 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 108 hannes-Evangelium ja auch ein gutes Erstes Evangelium, denn dann würde das Neue Testament genauso beginnen wie das Alte: „Am Anfang…“ (und die Apostelgeschichte des Lukas folgte auf sein Evangelium). Konrad Haldimann aus dem Übersetzerteam der neuen Zürcher Bibel antwortete mir auf meine Anfragen am 17.12.18 und am 21.12.18 – mit dem Hinweis, dass dabei ein Theologe über Theologen spricht – und das Ganze immer also auch selbstkritisch gemeint ist: Sehr geehrter Herr Gumbrecht, ja, da gebe ich Ihnen gerne Auskunft. Im allerersten Satzteil haben wir den Logos-Begriff doppelt übersetzt (Im Anfang war das Wort, der Logos), danach haben wir mit einfachem Logos weitergeführt. Sie haben das Grundproblem angeschnitten (Stichwort Heraklit): Logos heisst eben auch viel mehr als Wort. In der griechischen Antike begegnet Logos als philosophischer oder religiöser Begriff vor Johannes vor allem in drei geistigen Bewegungen: Bei Heraklit, in der Stoa und beim jüdischen Religionsphilosophen Philo von Alexandrien. In allen drei geistigen Bewegungen ist die Verwendung des Begriffs kompliziert und befrachtet. Bereits Goethe hat bei seiner berühmten Übersetzung im Faust nicht bei Wort stehen bleiben mögen – zu Recht. Wir wollten mit der Doppelwiedergabe an die Tradition der Bibelübersetzungen (Wort) anknüpfen, zugleich aber sichtbar machen, dass hier an viel weitere Zusammenhänge zu denken ist. Sie haben das offenbar ganz in diesem Sinn wahrgenommen. Mit freundlichen Grüssen Konrad Haldimann 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 109 Sehr geehrter Herr Haldimann, ganz, ganz herzlichen Dank für Ihre Antwort, Sie haben mir damit sehr geholfen und mich in meinem Denken bestätigt. Das ist bei Theologen nach meiner Erfahrung nicht die Regel, da besteht nach meiner Wahrnehmung oft ein innerer Drang, Logos letztendlich doch noch auf "Wort" hinzubiegen, und speziell auf das schöpferische "Wort" Gottes in Gen 1, so z. B. auch im "Kittel", obwohl es m.E. völlig un"log"isch ist, dass Gott und das Wort, das er spricht, identisch sein sollen, das geht doch gar nicht. Herzliche Grüße, Hilmar Gumbrecht, Kardiologe, Münster/Westfalen und Muttenz/BL Sehr geehrter Herr Gumbrecht, Haben Sie vielen Dank für Ihre Überlegungen. Theologen und Kirchen haben oftmals einen Hang, traditionelle liebgewordene Formulierungen, Wendungen und Vorstellungen zu konservieren und abzuschotten, ohne sie zu interpretieren oder zum Anlass zu nehmen, den Bogen der Gedanken weiter zu spannen. Sie sagen zu Recht: 'hinbiegen'. Dann braucht es immer wieder mitdenkende und weiterdenkende Menschen, die zurechtrücken und aufrütteln. Und, nicht zuletzt, Akademikerinnen und Akademiker aus den anderen Fächern, die die Theologie befruchten. Haben Sie vielen Dank! Mit herzlichen Grüssen aus Zürich, Konrad Haldimann 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 110 Äußerst spannend sind auch Gedanken, die ich einer persönlichen Mitteilung von Pfarrer Thomas Plaz-Lutz (Winterthur) verdanke: Das „Am Anfang“ in 1. Buch Mose, Kapitel 1 kann auch heißen: 1.Buch Mose, Kapitel 1, Vers 1: Durch/Mithilfe des Anfänglichen/Erstlings [nämlich der „Weisheit“] schuf Gott Himmel und Erde. In Sprüche Salomos, Kapitel 8, ist von der Weisheit die Rede, in Sprüche 8,22 steht auch „am Anfang“: Sprüche, Kapitel 8, Vers 22: Der HERR hat mich geschaffen66 am Anfang seines Wegs, vor seinen anderen Werken, vor aller Zeit. Oder anders übersetzt: Der Herr schuf mich [die Weisheit] als seines Waltens Erstling, vor seinen anderen Werken, vor aller Zeit. Die jüdische Weisheitsspekulation hat daraus eine Schöpfung vor der Schöpfung herausgelesen: die Weisheit war sozusagen Erstlingswerk der Schöpfung und danach Partnerin Gottes bei der Erschaffung der Welt: 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 1: „Durch, d.h. mit Hilfe des Erstlings (der Weisheit) schuf Gott Himmel und Erde.“ Daran schließt Johannes-Evangelium, Kapitel 1, an und identifiziert die Weisheit mit dem Logos, dessen Aufscheinen in der Welt dann im Hauptteil des Evangeliums geschildert wird. Der Kern der Logos-Aussage von Johannes-Evangelium, Kapitel 1, und damit das Neue, das über alle anderen Logos-Aussagen Hinausgehende, ist, dass dieser Logos/Christus schon vor Erschaffung der Welt bei Gott war, und dass der Übergang von dort in die Geschichte (Menschwerdung) hier zum Thema wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass dieses Thema hier, am Anfang des Evangeliums, stark hervortritt. Vorhanden ist es aber auch sonst, durch das ganze Evangelium hindurch, z. B.: 66 Wörtlich: "Der HERR hat mich erworben …" 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 111 Johannes-Evangelium, Kapitel 17, Vers 5 Und nun, Vater, gib mir, wenn ich wieder bei dir bin, von neuem die Herrlichkeit, die ich schon vor der Erschaffung der Welt bei dir hatte. Kommt auch der Logos-Name aus den besprochenen Gründen nicht mehr vor, so ist doch das Wissen von dem vorzeitlichen Sein des „Sohnes“ einer der wesentlichsten Hintergründe des ganzen Vierten Evangeliums. Dieses Thema ist aber auch nicht erst von diesem Evangelisten eingeführt worden. Aussagen über die vorzeitliche Existenz von Christus beim Vater sind fester Bestandteil der gesamten Schriften des Paulus, z. B.: Philipper-Brief, Kapitel 2, Verse 6–7 Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, […]. Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. 1. Korinther-Brief, Kapitel 8, Vers 6c […] – Jesus Christus, durch den alles geschaffen wurde und durch den auch wir das Leben haben. Kolosser-Brief, Kapitel 1, Verse 15–17: Der Sohn ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn. Nicht um seiner selbst willen wird von diesem Hintergrund des Christus geredet, sondern um die ethische Forderung in Philipper-Brief, Kapitel 2, Verse 1 und die folgenden, oder die Aussage über die Erlösung in Kolosser-Brief, Kapitel 1, Verse 12 und die folgenden, zu beleuchten und zu unterstreichen. Das Wissen des Paulus von der Vorzeitlichkeit von Jesus liegt viel tiefer als die Folgerungen daraus. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 112 Selbst das Stichwort „Erstling“ taucht bei Paulus bereits auf, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang: 1. Korinther-Brief, Kapitel 15, Verse 20–23 (Zürcher Bibel) Christus, der Erstling der Auferstandenen 20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, als Erstling derer, die entschlafen sind. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod kam, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus auch alle zum Leben erweckt werden. 23 Jeder aber an dem ihm gebührenden Platz: als Erstling Christus, dann die, die zu Christus gehören, wenn er kommt. Aber auch andere Brief-Autoren der Bibel schreiben davon: Hebräer-Brief, Kapitel 1, Vers 2 Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch ‚seinen eigenen‘ Sohn zu uns gesprochen. Der Sohn ist der von Gott bestimmte Erbe aller Dinge. Durch ihn hat Gott die ganze Welt erschaffen. 1.Petrus-Brief, Kapitel 1, Vers 20 Schon vor der Erschaffung der Welt war Christus ‚als Opferlamm‘ ausersehen, und jetzt, am Ende der Zeit, ist er euretwegen ‚auf dieser Erde‘ erschienen. Auch Jesus selbst sprach offen oder andeutend aus, dass er vor aller Zeit bei Gott dem Vater war. Das Besondere an Johannes-Evangelium, Kapitel 1, ist also nicht der Inhalt, der auch an vielen anderen Stellen im Neuen Testament begegnet, sondern dass dies programmartig einer Beschreibung des irdischen Lebens des Jesus von Nazareth vorangestellt ist und dass dies dort unter das Stichwort „Logos“ gestellt ist. Der Autor greift den Logos als Stichwort aus der philosophischen Umwelt seiner Zeit heraus und macht ihn zum Themawort seines „Vorworts“, verbindet ihn mit der urchristlichen Sicht des geschichtlichen Jesus und der ewigen göttlichen Vorzeitlichkeit des Christus und dem jüdisch-weisheitlichen Wissen um die Beteiligung der göttlichen Weisheit an der Schöpfung (die Weisheit, die von Philon von Alexandria mit dem stoischen Logos identifiziert wurde), und bekommt dadurch 2.1 Der Mensch gewordene Logos des Johannes-Evangeliums 113 bei ihm einen ganz neuen Platz: Er wird vom philosophischen göttlichen Sein zur in Jesus offenbaren Person. Die johanneische Gemeinde proklamierte mit der Bezeichnung „Logos“ Jesus als den Erfüller aller [dieser] Heilserwartungen67. Das ganze Johannes-Evangelium entfaltet diese Ansage in der Mitte des „Vorworts“: Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit. Aber auch die Teile des Evangeliums können schon aus diesem „Vorwort“ vernommen werden; die drei ersten Hauptteile entsprechen den Teilen des Satzes der Verse 11–12, Teil 4 entspricht Teil 14: Kap. 3–6: Er kam in das Seine, Kap. 7–12: Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Kap. 13–17: Die ihn aber aufnahmen, … Kap. 18–21: Der Logos wurde Fleisch Der Anfang des Johannes-Evangeliums (unter Auslassung der Einschübe, die sich mit Johannes dem Täufer befassen) ist ein Lied, das leicht auswendig zu lernen ist: Meist nimmt die neue Zeile den zweiten Begriff der ersten auf und führt ihn weiter: der Logos am Anfang bei Gott (Verse 1–2), durch ihn die Schöpfung, Leben und Licht (3–4) – und nun der Kontrast: Licht-Finsternis (5,9–10) und daraus das Drama der Heilsgeschichte (11–12). Der zweite Teil ist Bekenntnis derer, die es erfahren haben (14 und die folgenden). Sie müssen es bezeugen, und das geschieht in dem nachfolgenden Evangelium.68 67 Helmut Merkel, ordentlicher Professor für Neues Testament an der Universität Osnabrück, in: Reclams Bibellexikon, 7. Auflage 2004, Stuttgart, Stichwort „Logos“. 68 Claus Westermann: Abriß der Bibelkunde, Stuttgart, 13. Auflage 1991, Seiten 162– 163. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 114 Griechische Bildung im Neuen Testament Die Auslegung des Alten Testaments durch den Apostel Paulus weist auf ein sehr hohes Maß an schriftgelehrter Schulung hin69. Die starken Parallelen zur rabbinischen Auslegung, die in Methodik und Thematik sichtbar werden, beweisen, dass Paulus dieses Wissen und Können nicht erst als christlicher Missionar erworben haben kann. Es gilt auch weiterhin das Urteil von A. Oepke: „Ein Diasporajude, der zwar durchweg LXX [die Septuaginta, die hebräische Bibel bzw. das Alte Testament, in griechischer Übersetzung] zitiert, aber den hebräischen/ aramäischen Urtext zweifellos auch kennt, ist keine alltägliche Erscheinung. So wird die lukanische Behauptung eines Studiums unter Gamaliel dem Älteren (Apostelgeschichte, Kapitel 22, Vers 3) zumindest indirekt bestätigt. Paulus hatte nicht nur seine akademische Ausbildung in der „heiligen Stadt“ erhalten, sondern auch seine Elementarschulzeit in Jerusalem erlebt: Apostelgeschichte, Kapitel 22, Vers 3 Ich bin ein Jude wie ihr. Geboren wurde ich in Tarsus in der Provinz Zilizien, aber aufgewachsen bin ich hier in Jerusalem. Mein Lehrer war kein geringerer als Gamaliel. Bei ihm erhielt ich eine gründliche Ausbildung in dem Gesetz, das uns von unseren Vorfahren her überliefert ist, und ich kämpfe leidenschaftlich für Gottes Ehre – genauso wie ihr alle es heute tut. …und als Folge stößt man gelegentlich auf das Denken des Apostels in aramäischen Sprachformen. Bestimmt wurde Paulus auch schon im Lehrhaus des Gamaliel mit dem Alten Testament in griechischer Sprache (der Septuaginta, LXX) vertraut gemacht, und Lukas zeigt Paulus im engen Kontakt zu griechisch-sprachigen Juden: Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 29 (vgl. auch Kapitel 6, Vers 9) Er unterhielt sich mit den Juden, die aus griechischsprachigen Ländern stammten und führte lange Streitgespräche mit ihnen. Doch statt sich überzeugen zu lassen, versuchten sie ihn umzubringen. 2.2 69 Über die Bildung des Apostels Paulus finden sich in Rainer Riesners „Die Frühzeit des Apostels Paulus“ umfassende Angaben (Seite 136 und 238). 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 115 Aber sicher hat er seine profunde Kenntnis der griechischen Übersetzung inklusive ihrer Wirkungsgeschichte später in Tarsus weiter vertieft. Selbst noch für die Zeit in Syrien-Kilikien gilt es das Urteil von M. Hengel zu bedenken: „Es ist durchaus möglich, ja wahrscheinlich, dass der frühe Paulus sich als Missionar noch nicht mit so eindeutig ausschließlichem Vorrang wie in späterer Zeit, vor und nach dem „Apostelkonzil“ [siehe hierzu Apostelgeschichte, Kapitel 15, Verse 1– 35], zu den Nichtjuden gesandt wusste. In den ersten Jahren nach seiner Berufung dürfte er auch – vermutlich weitgehend fruchtlose – Versuche gemacht haben, jüdische Volksgenossen für sein Evangelium zu gewinnen, unbeschadet seiner grundsätzlichen gesetzesfreien Heilsbotschaft.“ Aber wie konnte der junge Saulus seine Ausbildung finanzieren? Entweder war er begütert, das würde dann die Annahme einer vornehmen Herkunft stützen, oder er musste seinen Lebensunterhalt durch Berufsarbeit bestreiten. Schon eine wohl auf Schemaja und Abtaljon (ca. 47–20 v. Chr.) zurückgehende Tradition fordert vom Gelehrten: „Liebe die Arbeit, hasse das Herr-Sein!“ Außerdem war für die zu gro- ßen Teilen aus der Mittelschicht stammenden Pharisäer Berufsarbeit eine pure Notwendigkeit, wenn sie ihren Unterhalt als Gelehrtenschüler selbst erwerben mussten. Es ist auch durchaus möglich, dass in einzelnen Lehrhäusern im 1. Jh. n. Chr. noch Entgelt bezahlt werden musste. An dieser Stelle kann auch noch ein Wort über die Transport-/ Verkehrs-Infrastruktur des Römischen Reiches eingefügt werden, die neben der globalisierten griechischen Kultur und Sprache ebenfalls die Ausbreitung des christlichen Glaubens sicherlich ganz enorm begünstigte70: Das erste und zweite christliche Jahrhundert stellten eine Zeit gro- ßer Mobilität dar und eine der beweglichsten Bevölkerungsgruppen bildeten die frühen Christen. Das Reisen über weite Strecken war seit der Regierung des Augustus möglich geworden wie niemals zuvor und auch lange Zeit danach nicht mehr. Die Pax Romana (die über 200 Jahre anhaltende innere Friedenszeit des Römischen Reichs) hatte die meisten Landesgrenzen beseitigt und sorgte mindestens auf den 70 Riesner, die Frühzeit des Apostels Paulus, Seiten 273–274 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 116 Hauptverkehrsrouten für relative Sicherheit vor Räubern. Dass wirklich nur von einer relativen Sicherheit gesprochen werden kann, zeigt nicht zuletzt das Neue Testament: Lukas-Evangelium, Kapitel 10, Vers 30 Daraufhin erzählte Jesus folgende Geschichte: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinunter. Unterwegs wurde er von Wegelagerern überfallen. Sie plünderten ihn bis aufs Hemd aus, schlugen ihn zusammen und lie- ßen ihn halbtot liegen; dann machten sie sich davon. Ein expandierendes Straßennetz verband die entferntesten Reichsteile mit der Hauptstadt, wo am „Goldenen Meilenstein“ alle Wege ihren symbolischen Ausgangspunkt nahmen. Seit Pompejus (Gegenspieler Caesars) war die Herrschaft der Piraten im östlichen Mittelmeer gebrochen und ein regelmäßiger Schiffsverkehr sorgte vor allem für den sicheren Getreideimport aus Ägypten und Syrien nach Rom. Ganz ungefährlich wurde das Reisen natürlich auch unter römischer Herrschaft nicht, wie gerade die Erfahrungen des Paulus zeigen: 2. Korinther-Brief, Kapitel 11, Verse 25–27 Dreimal wurde ich mit der Rute geschlagen, einmal wurde ich gesteinigt, dreimal habe ich einen Schiffbruch erlebt, und einmal trieb ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem offenen Meer. Ich habe viele beschwerliche Reisen unternommen und war dabei ständig Gefahren ausgesetzt: Gefahren durch reißende Flüsse, Gefahren durch Wegelagerer, Gefahren durch Menschen aus meinem eigenen Volk, Gefahren durch Menschen aus anderen Völkern, Gefahren in den Städten, Gefahren in der Wüste, Gefahren auf hoher See, Gefahren durch Leute, die sich als meine Geschwister ausgaben. Ich nahm Mühen und Anstrengungen auf mich, musste oft ohne Schlaf auskommen, litt Hunger und Durst, war häufig zum Fasten gezwungen, ertrug bittere Kälte und hatte nichts anzuziehen. Vor allem setzten jahreszeitliche Faktoren und die antiken Verkehrsmittel der Mobilität Grenzen, sogar Angaben über die damalige Reisegeschwindigkeit sind möglich: für die Fußwanderleistung 20–30 km pro Tag, für Reisen mit Reittier oder Wagen: z. B. von Caesarea nach Jerusalem (z. B. Apostelgeschichte, Kapitel 21, Verse 15–17) über 100 km, in 2 Tagen. Für einen Privatmann war es nicht möglich die hohen Geschwindigkeiten der offiziellen Post zu nutzen. Es stand aber auch ein organisiertes privates Verkehrswesen zur Verfügung, mit durch- 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 117 schnittlichen Fahrzeuggeschwindigkeiten von 40–45 km und Höchstgeschwindigkeiten bis über 60 km pro Tag. Hier soll es im Weiteren ganz grundsätzlich um die Begegnung zweier Welten gehen: des Urchristentums und der griechischen Kultur zu dieser Zeit, und zwar der Begegnung dieser beiden Welten in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Ich bediene mich in diesem und in den folgenden 3 Unterkapiteln (3.1, 3.2 und 3.3) des hervorragenden Überblicks in Werner Jaegers „Das frühe Christentum und die griechische Bildung“. Das Griechentum übte einen tiefen Einfluss aus auf die entscheidenden Faktoren für die endgültige Gestalt der christlichen Überlieferung. Der christliche Glaube stieß die Tore Israels weit auf, um die umgebende Welt zu durchdringen. Diese Welt aber war vereinheitlicht worden unter der Herrschaft der griechischen Sprache und Kultur. Dies war eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung der christlichen Mission und ihrer Ausdehnung innerhalb Israels und weit über seine Grenzen hinaus. Drei Jahrhunderte einer Ausdehnung der griechischen Zivilisation während der Zeit des Hellenismus (ca. 330– 30 v. Chr.) waren vorausgegangen. Ohne diese wäre die Ausbreitung des christlichen Glaubens, wie sie geschehen ist, unmöglich gewesen. Dieser Vorgang der Christianisierung der griechisch sprechenden Welt innerhalb des Römischen Reichs blieb selbstverständlich nicht auf diese Richtung beschränkt. Denn gleichzeitig bedeutete dies auch die Hellenisierung des Christentums. In der Zeit der Apostel und ihrer Schüler/Mitarbeiter geschah das erste Stadium eines christlichen Hellenismus durch den Gebrauch der griechischen Sprache. Wir sehen sie in den Schriften des Neuen Testaments und auch bei den großen christlichen Autoren danach. Das ist auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Hellenismus. Die Sprachenfrage war nicht ganz unbedeutend. Mit der griechischen Sprache eroberte aber auch eine ganze Welt von Vorstellungen, Begriffssystemen, geerbten Bildern und feinen Bedeutungsnuancen das christliche Denken. Das Christentum hat sich sehr schnell an seine Umgebung angepasst, schon von der allerersten Generation an. Die Gründe dafür sind offensichtlich. Erstens natürlich, weil das Christentum eine jüdische Bewegung war. Die Juden waren aber zur Zeit des Paulus helleni- 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 118 siert, nicht nur die Juden in der Zerstreuung, sondern zum ganz überwiegenden Teil auch in Israel. Zweitens war es gerade der hellenisierte Teil des jüdischen Volkes, an den sich die christlichen Missionare zuerst wendeten. Diese Gruppe der Jerusalemer Gemeinde – sie erhielt nach Apostelgeschichte, Kapitel 6 von den Aposteln die Bezeichnung „die Hellenisten“ – wurde nach dem Märtyrertod ihres Führers Stephanus über ganz Palästina zerstreut und von ihr ging die Missionstätigkeit der nächsten Generation aus. Apostelgeschichte, Kapitel 6, Vers 1, Neue Genfer Übersetzung Die Zahl der Jünger wuchs unaufhörlich. Allerdings wurden in dieser Zeit auch Klagen ‚innerhalb der Gemeinde‘ laut, und zwar vonseiten der Jünger, die aus griechischsprachigen Ländern stammten. Sie waren der Meinung, dass ihre Witwen bei der täglichen Versorgung mit Lebensmitteln benachteiligt wurden, und beschwerten sich darüber bei den einheimischen Jüngern. Zürcher Bibel 2007 In diesen Tagen aber, als die Jünger immer zahlreicher wurden, kam es dazu, dass die Hellenisten unter ihnen71 gegen die Hebräer aufbegehrten, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung vernachlässigt wurden. Das Wort „Hellenisten“ begegnet hier im Unterschied zu „Hebräern“, aber es bedeutet nicht „Griechen“ (ein Wort, das für „Heiden“ im Neuen Testament gebraucht wird): es ist der offizielle Ausdruck für das Griechisch sprechende Element unter den Juden, und so auch in der frühchristlichen Gemeinde in Jerusalem zur Zeit der Apostel. Es meint nicht in Jerusalem geborene oder erzogene Juden, die sich griechische Bildung zu eigen gemacht hatten, sondern Leute, die zuhause nicht mehr ihre aramäische Muttersprache sprachen, auch wenn sie sie noch verstanden, sondern Griechisch, weil sie oder ihre Familien lange auswärts in hellenisierten Städten gelebt hatten, und später in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Sie hatten, sofern sie nicht Christen geworden waren, ihre eigenen hellenistischen Synagogen in Jerusalem. Wir begegnen einem christlichen Hellenisten, Stephanus, in langen religiösen 71 Mit 'Hellenisten' sind vermutlich griechisch sprechende Diasporajuden gemeint, vgl. auch 6,9; mit dem Gegenbegriff 'Hebräer', aramäisch sprechende Juden. 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 119 Erörterungen mit ihnen. Die Synagogen der Libertinoi, der Cyrenäer, der Alexandriner, der Cilicier und die der Kleinasiaten werden ausdrücklich erwähnt: Apostelgeschichte, Kapitel 6, Verse 8–9, Neue Genfer Übersetzung Von Gottes Gnade geleitet und mit seiner Kraft erfüllt, vollbrachte Stephanus unter der Bevölkerung große Wunder und außergewöhnliche Dinge. Aber es regte sich auch Widerstand gegen ihn, und zwar in der so genannten Synagoge der Freigelassenen72, zu der Juden aus der Gegend von Zyrene, aus Alexandria und aus den Provinzen Zilizien und Asien gehörten. Einige Mitglieder dieser Synagoge fingen Streitgespräche mit Stephanus an. Zürcher Bibel 2007 Stephanus, erfüllt von Gnade und Kraft, tat grosse Wunder und Zeichen im Volk. Es traten aber einige auf von der sogenannten Synagoge der Libertiner, Kyrener und Alexandriner und einige von denen aus Kilikien und der Provinz Asia, die diskutierten mit Stephanus, […]. Es war ganz natürlich, dass die christlichen Hellenisten, solange sie noch in Jerusalem vor dem Tod des Stephanus Mission trieben, sich zuerst an diese nicht-christlichen Hellenisten unter den Juden und an ihre Schulen wandten, weil sie mit ihnen durch das Band der griechischen Sprache und Erziehung verbunden waren. Dass sie eine im Wachsen begriffene starke Minderheit in der Urgemeinde darstellten, muss aus ihrer Forderung nach eigenen Griechisch sprechenden Vertretern bei dem täglichen Verteilen von Nahrungsmitteln und anderer Unterstützung für ihre Witwen gefolgert werden. Sie konnten bei den zwölf Aposteln das wichtige Zugeständnis der Errichtung des neuen Diakonen-Amtes durchsetzen. Da die ersten in Apostelgeschichte, Kapitel 6, Vers 5 aufgeführten Diakone sämtlich griechische Namen tragen, dürfte feststehen, dass sie nur die Griechisch sprechenden Glieder der Gemeinde vertraten und in erster Linie diesen Teil betreuen sollten. Die Apostel hoben bei der Bekanntmachung dieser Neuerung hervor, dass für sie allein die Arbeit im ganzen Umfang zu groß sein würde. Wenn jedoch die neue Einrichtung des Diakonen-Amtes so zu verstehen ist, dass sie die Fürsorge für die ganze Gemeinschaft, Hellenisten und Hebräer zusammen, übernehmen sollten, so würde die Bedeutung 72 Wahrscheinlich freigelassene jüdische Sklaven oder deren Nachkommen. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 120 der Hellenisten in der frühen christlichen Gemeinde sich noch vergrö- ßern, denn die sieben erwählten Diakone waren sämtlich Hellenisten. Wie Stephanus selbst trugen sie alle gut griechische Namen: z. B. Philippos, Nikanor, Prochoros, Timon, Parmenas, Nikolaos; und sie stammten meist aus jüdischen Familien, die mindestens schon eine Generation vorher, wenn nicht früher, hellenisiert worden waren. Nur Nikolaos war kein Jude von Geburt, sondern war vor seiner Bekehrung zum christlichen Glauben ein dem jüdischen Glauben Zugewandter („Proselyt“, so in der Zürcher Bibel 2007) aus Antiochien gewesen: Apostelgeschichte, Kapitel 6, Verse 2–6 Da beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und erklärten: »Es wäre nicht gut, wenn wir ‚Apostel‘ uns persönlich um den Dienst der Verteilung der Lebensmittel kümmern müssten und darüber die Verkündigung von Gottes Botschaft vernachlässigen würden. Seht euch daher, liebe Geschwister, in eurer Mitte nach sieben Männern um, die einen guten Ruf haben, mit dem Heiligen Geist erfüllt sind und von Gott Weisheit und Einsicht bekommen haben. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. Wir selbst aber werden uns weiterhin ganz auf das Gebet und den Dienst der Verkündigung des Evangeliums konzentrieren.« Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, und die Gemeinde wählte folgende sieben Männer aus: Stephanus, einen Mann mit einem festen Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Nichtjuden aus Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. Man ließ sie vor die Apostel treten, und die Apostel beteten für sie und legten ihnen die Hände auf. Die Botschaft Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem stieg sprunghaft an. Auch zahlreiche Priester nahmen das Evangelium an und glaubten an Jesus. Der Name der neuen „Sekte“, Christianoi/Christen hatte seinen Ursprung in der griechischen Stadt Antiochia, wo diese hellenisierten Juden das erste große Tätigkeitsfeld für ihre christliche Mission fanden: Apostelgeschichte, Kapitel 11, Verse 19–26 Die ‚Christen‘, die sich in der Verfolgungszeit nach dem Tod des Stephanus ‚über ganz Judäa und Samarien hin‘ zerstreut hatten, zogen ‚zum Teil‘ noch 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 121 weiter und kamen bis nach Phönizien und Zypern und bis nach Antiochia73, aber sie machten die Botschaft Gottes nach wie vor ausschließlich unter Juden bekannt. Doch einige von ihnen – Männer von Zypern und aus der Gegend von Zyrene – wandten sich, als sie nach Antiochia kamen, auch an die nichtjüdischen Einwohner der Stadt und verkündeten ihnen das Evangelium von Jesus, dem Herrn. Und Gott wirkte so mächtig durch sie, dass eine große Zahl ‚Nichtjuden ihrer Botschaft‘ glaubte und sich dem Herrn zuwandte. Von dieser Entwicklung erfuhr auch die Gemeinde in Jerusalem, und Barnabas reiste in ihrem Auftrag nach Antiochia. Als er sah, was dort durch Gottes Gnade geschah, war er glücklich. Er machte allen Mut und forderte sie dazu auf, dem Herrn mit ungeteilter Hingabe treu zu bleiben. Denn er hatte einen edlen Charakter, war mit dem Heiligen Geist erfüllt und hatte einen festen Glauben. Durch seinen Dienst stieg die Zahl derer, die an den Herrn glaubten, ständig an. Schließlich reiste er nach Tarsus, um Saulus zu suchen, und als er ihn gefunden hatte, nahm er ihn mit nach Antiochia. Die beiden waren dann ein ganzes Jahr miteinander in der Gemeinde ‚tätig‘ und unterrichteten viele Menschen ‚im Glauben‘. Hier in Antiochia wurden die Jünger ‚des Herrn‘ zum ersten Mal Christen genannt. Griechisch wurde in allen Synagogen rund ums Mittelmeer gesprochen. Das zeigt sich auch an Philon von Alexandria, der sein literarisches Griechisch nicht für Heiden, sondern für seine hochgebildeten jüdischen Anhänger schrieb. Es hätte sich kein Zustrom von Heiden entwickelt, wenn sie die Sprache im jüdischen Synagogen-Gottesdienst nicht verstanden hätten. Die Missionstätigkeit des Paulus beruhte ganz auf dieser Voraussetzung. Seine Auseinandersetzungen mit den Juden, an die er sich auf seinen Reisen als erste wendete und denen er das Evangelium von Christus bringen wollte, wurden griechisch geführt, mit allen Feinheiten der griechischen Logik. Beide Seiten zitierten in der Regel das Alte Testament nicht nach dem hebräischen Original, sondern nach der griechischen Übersetzung der Septuaginta. 73 Antiochia in Syrien, eine der bedeutendsten Städte des Römischen Reiches, wurde zum Ausgangspunkt der drei Missionsreisen des Apostels Paulus (Kapitel 13,1–3; 15,40; 18,23). Davon zu unterscheiden ist das pisidische Antiochia (Kapitel 13,14). 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 122 Abgesehen von den neuartigen Evangelien haben die Schriftsteller des Neuen Testaments die griechische Literaturform der Briefe und der „Geschichte(n)“ (das waren die Taten und die Lehren berühmter weiser Männer in Berichten ihrer Schüler, hier: „die Geschichte der Apostel“) angewendet. Die weitere Entwicklung der christlichen Literatur in der Zeit nach den Autoren des Neuen Testaments (das sind die Apostel und deren Schüler bzw. Mitarbeiter) folgte zuerst diesen Grundlinien, fügte aber andere Typen hinzu wie die Didache („Belehrung“, die erste christliche Kirchenordnung, Ende des 1. Jahrhunderts, die den Titel „Die Lehre der zwölf Apostel“ erhielt, erst 1873 wiederentdeckt), die Apokalypse („Offenbarung“) und die Predigt. Die Predigt übernahm die Form der moral-philosophischen Rede aus der griechischen Popular-Philosophie, die versucht hatte, die Lehren der Stoiker, Epikureer und Kyniker unters Volk zu bringen. Selbst die Form der Märtyrer-Akte war schon von den Heiden in Ägypten benutzt worden. Wir müssen auch damit rechnen, dass es in hellenistischer Zeit eine religiöse Kleinliteratur gab, Flugblätter der Glaubenspropaganda mancher Sekten, obwohl sich diese, nur für einen Tag bestimmte, Produktion natürlich nicht erhalten hat. Platon erwähnt orphische Traktate, die durch Mitglieder der Sekte von Haus zu Haus getragen wurden, er spricht sogar von einem „Haufen von Traktaten“, die von den „wandernden Propheten“ angeboten wurden, in denen sie eine Religion mitsamt ihren „Einweihungshandlungen“ genannten Riten verkündigten. Etwas vorher hieß es, dass diese Propheten an die Türen der Reichen kämen, um sie zu ihrer Sekte zu bekehren, und sie über Riten und Opfer belehrten, mit deren Hilfe sie Vergebung ihrer alten Sünden oder der von ihren Vorfahren begangenen erhalten könnten. Die Traktate enthielten die Gebrauchsanweisung für verschiedene zweckdienliche Mittel. Plutarch (um 45–125 n. Chr., griechischer Schriftsteller) belehrt in seinen „Regeln für Jungverheiratete“ die junge Frau darüber, sie dürfe keine Fremden durch die Hintertür einlassen, die ihre Zettel mit Empfehlungen für eine fremde Religion einschmuggeln wollten, weil dies ihrem Manne das Haus verleiden könnte. Im Jakobusbrief lesen wir die uns aus der orphischen Religion bekannte Wendung vom „Rad der Geburt“ (Zürcher Bibel 2007: „Rad des Lebens“): 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 123 Jakobusbrief, Kapitel 3, Vers 6 (Zürcher Bibel 2007) Auch die Zunge ist ein Feuer – als die Welt des Unrechts erweist sich die Zunge unter unseren Gliedern: Sie macht den ganzen Leib schmutzig, sie steckt das Rad des Lebens74 in Brand und wird ihrerseits von der Hölle in Brand gesteckt. Der Verfasser muss diesen Begriff aus einem orphischen Traktätchen der geschilderten Art aufgelesen haben. Diese beiden Glaubensrichtungen hatten eine gewisse „Familienähnlichkeit“ und machten gelegentlich beieinander Anleihen. Eine dieser Gruppen waren die sog. Pythagoreer. Sie predigten den „pythagoreischen“ Weg des Lebens und gebrauchten als ihr Symbol ein Y, das Zeichen des „Kreuzwegs“, wo sich der Mensch zu entscheiden hatte, welchen Weg er einschlagen wolle, den guten oder den schlechten. In der hellenistischen Zeit ist diese Lehre von den beiden Wegen verbreitet gewesen, aber sie ist natürlich viel älter und findet sich z. B. schon bei Hesiod (um 700 v. Chr.). Für den Hellenismus sei auf einen populär-philosophischen Traktat verwiesen, die Pindax des Cebes. Hier wird ein Gemälde der beiden Wege beschrieben, das sich unter den Votivgaben eines Tempels befand. Es bildet den Ausgangspunkt für eine moral-philosophische Predigt, ganz ähnlich, wie Paulus den Altar des unbekannten Gottes und seine Inschrift (Apostelgeschichte, Kapitel 17) als Anknüpfungspunkt für seine Predigt benutzt. Der älteste christliche Katechismus, der im 19. Jahrhundert entdeckt wurde, und der sich selbst die „Didache der 12 Apostel“ nennt, enthält dieselbe Lehre von den zwei Wegen. Er stellt sie als das Wesen des Christentums dar und verbindet damit die Sakramente der Taufe und des Abendmahls. Augenscheinlich sind diese „charakteristisch christlichen“ Elemente erst hinzugefügt und die zwei Wege aus dem vorchristlichen Traktat herübergenommen worden. Dieselbe ausführliche Behandlung der „zwei Wege“ findet sich im Barnabas-Brief. Die direkte Quelle für beides scheint eine jüdische Schrift ethischen Inhalts gewesen zu sein. Tatsächlich enthält die Lehre der zwei Wege an sich wenig oder nichts spezifisch Christliches. Die neupythagoreische Pindax des Cebes enthält dieselbe ethische Unterweisung und beweist ohne jeden Zweifel, dass diese 74 Andere Übersetzungsmöglichkeit: "…, sie steckt den Kreislauf des Werdens in Brand und wird …" 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 124 letztlich aus einer hellenistischen Quelle stammt, die weder jüdisch, noch christlich, sondern heidnisch war. Diese Art von vorchristlicher Kleinliteratur umfasste Bücher mit ethischen Lehrsprüchen, wie der altgriechische Traktat Demokrits, des Vaters der Atomphilosophie, über die „Heiterkeit des Gemüts“. Er begann mit dem Spruch: „Wenn du Seelenruhe genießen willst, so lasse dich nicht auf zu viel Geschäftigkeit ein.“ Das Buch war hochberühmt und wurde weithin gelesen. Auch hier ist es total überraschend, dass sich diese Vorschrift in eine christliche verwandelt. Sie findet sich im „Hirten des Hermas“ in folgender Fassung: „Halte dich fern von zu viel Geschäftigkeit, und du wirst nicht in die Irre gehen. Denn alle, die sich auf vielerlei einlassen, machen vielerlei Fehler, und versessen auf ihre verschiedenen Tätigkeiten dienen sie nicht ihrem Herrn.“ So ist, wie Philon es aus eigener Erfahrung auszudrücken pflegte, „die alte Münze durch neue Prägung zu neuem Gebrauch bereitgestellt.“ So war es die älteste christliche Mission, die die Missionare oder Apostel dazu zwang, die Formen der griechischen Literatur und der Rede zu gebrauchen, wenn sie sich an die hellenisierten Juden als ihre ersten Hörer und ihre Partner in allen großen Städten der Mittelmeerwelt wendeten. Dies wurde noch viel nötiger, seitdem Paulus den Übergang zu den Heiden vollzog und den Anfang mit ihrer Bekehrung machte. Diese Tätigkeit der Werbung, in allgemein-verständlicher Sprache und Argumentation das Interesse der Mitmenschen zu wecken und ihnen eine erste Einführung zu geben, war an sich schon eine charakteristische Eigenheit der griechischen Philosophie in hellenistischer Zeit. Die verschiedenen Schulen versuchten Anhänger durch Reden in allgemeinverständlicher Sprache zu werben und empfahlen ihnen darin ihr philosophisches Wissen oder Dogma als den einzigen Weg zur Glückseligkeit. Wir begegnen dieser Art von Beredsamkeit zuerst in der Lehre der griechischen Sophisten und bei Sokrates, so wie er in den platonischen Dialogen erscheint. Sogar das Wort „Bekehrung“ stammt von Platon, denn die Wendung zur Philosophie meint in erster Linie den Wechsel der Lebenshaltung. Trotz unterschiedlicher Motivierung des Übertritts sprach auch die christliche Predigt von der Unwissenheit der Menschen und verhieß ihnen ein besseres Wissen. Genau wie alle Philosophie bezog es sich auf einen Meister und Lehrer 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 125 zurück, der die Wahrheit besaß und offenbarte. Diese Entsprechung zur Situation der griechischen Philosophen veranlasste christliche Missionare, daraus ihren Vorteil zu ziehen. Auch der Gott der Philosophen war verschieden von den Olympischen Göttern der heidnischen Überlieferung, und die philosophischen Systeme des Hellenismus boten für ihre Anhänger eine Art von geistlichem Schutz. Die christlichen Missionare folgten in ihren Fußstapfen. Wenn wir den Berichten der Apostelgeschichte vertrauen dürfen, so entlehnten sie zeitweilig die Argumente von ihren Vorgängern, insbesondere dann, wenn sie sich an ein gebildetes griechisches Publikum wendeten. Später natürlich borgten die Apologeten („Rechenschaftsgeber und Verteidiger des Glaubens“) bei den hellenistischen Philosophen in großem Umfang, zum Beispiel, wenn sie die Polemik der Philosophen gegen die Götter der griechischen und römischen Volksreligion benutzten. Apologie/Apologet: Verteidigung/Verteidiger des Christentums als vernünftige Religion gegen Angriffe anderer Religionen und Philosophien. Anfänge der Apologie/Apologeten: Paulus-Briefe Lukas: Lukas-Evangelium, Apostelgeschichte Johannes-Evangelium, Johannes-Briefe, Johannes-Offenbarung Weitere antike christliche Apologeten: Justin der Märtyrer, gest. 165 Irenäus von Lyon, 135–202 Hermias, um 200 Clemens von Alexandria, gestorben nach 215 Tertullian, gestorben um 230 Origenes, gestorben 253 Eusebius von Caesarea, ca. 260–340 Augustinus, gestorben 430. Von den ältesten christlichen Schriftstellern nach der Zeit des Neuen Testaments (die auch „Kirchenväter“ genannt wurden), stammen Angaben zu den Verfassern der Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes). Die ältesten erhaltenen Aussagen stammen von Papias, einem Angehörigen der 2. Generation, (≈ 80/110 n.Chr.), der die Töchter des 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 126 Evangelisten Philippus (Apostelgeschichte, Kapitel 21, Vers 9) ebenso persönlich kannte, wie Polykarp, einen Schüler des Evangelisten Johannes. Darüber hinaus gibt es wichtige Aussagen bei Irenäus von Lyon (ca. 180, er hat auch noch Polykarp, den Schüler des Johannes, gekannt), Clemens von Alexandria (≈200) und Origenes (≈ 250). Es war der entscheidende Augenblick in der Begegnung von Griechen und Christen. Die Zukunft des Christentums als einer Weltreligion hing von ihm ab. Der Verfasser der Apostelgeschichte hatte einen klaren Blick dafür: Der Apostel Paulus besucht Athen, den geistigen und kulturellen Mittelpunkt der klassischen griechischen Welt und das Symbol ihrer geschichtlichen Überlieferung; und er predigt über den unbekannten Gott an der altehrwürdigen Stätte, dem Areopag, vor einem Auditorium von stoischen und epikureischen Philosophen: Apostelgeschichte, Kapitel 17, Verse 16–34 Paulus in Athen: Begegnung mit griechischen Philosophen 16 Während Paulus nun in Athen auf die beiden wartete, sah er sich in der Stadt um. Empört und erschüttert stellte er fest, dass ihre Straßen von zahllosen Götterstatuen gesäumt waren, 17 und er begann, ‚mit den Leuten Gespräche zu führen‘. In der Synagoge redete er mit den Juden und mit denen, die sich zur jüdischen Gemeinde hielten, und auf dem Marktplatz unterhielt er sich Tag für Tag mit denen, die er dort antraf. 18 Dabei kam es auch zu Diskussionen mit epikureischen und stoischen Philosophen. Einige von ihnen spotteten: »Was will eigentlich dieser sonderbare Vogel mit seinen aufgepickten Weisheiten? Glaubt er, er könne uns etwas beibringen?« Andere meinten: »Es scheint, als wolle er Propaganda für irgendwelche fremden Götter machen!« ‚Zu diesem Schluss kamen sie,‘ weil sie Paulus, als er das Evangelium verkündete, von Jesus und von der Auferstehung reden hörten.75 19 Schließlich nahmen sie Paulus in ihre Mitte und führten ihn vor den Areopag, ‚den Stadtrat von Athen‘. »Dürften wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du da vertrittst?«, sagten sie. 20 »Du redest über Dinge, die uns bisher noch nie zu Ohren gekommen sind, und es würde uns interessieren, worum es dabei eigentlich geht.« 75 Möglicherweise hielten die Zuhörer »Anástasis« (das griechische Wort für Auferstehung) für den Namen einer weiblichen Gottheit, die zusammen mit Jesus ein Götterpaar bildete. 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 127 21 (‚Man muss dazu wissen, dass‘ sich sämtliche Einwohner Athens und sogar die Fremden, die sich nur vorübergehend in dieser Stadt aufhalten, ihre Zeit am liebsten damit vertreiben, stets das Allerneuste in Erfahrung zu bringen und es weiterzuerzählen.) Aufruf an die Bürger von Athen, zum wahren Gott umzukehren 22 Da trat Paulus vor die Ratsmitglieder und alle anderen, die zusammengekommen waren, und begann: »Bürger von Athen! Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. 23 Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. Ihr verehrt also ‚ein göttliches Wesen‘, ohne es zu kennen. Nun, gerade diese ‚euch unbekannte Gottheit‘ verkünde ich euch. 24 ‚Meine Botschaft handelt von‘ dem Gott, der die ganze Welt mit allem, was darin ist, geschaffen hat. Er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen erbaut wurden. 25 Er ist auch nicht darauf angewiesen, dass wir Menschen ihm dienen. Nicht er ist von uns abhängig, ‚sondern wir von ihm‘. Er ist es, der uns allen das Leben und die Luft zum Atmen gibt und uns mit allem versorgt, ‚was wir zum Leben brauchen‘. 26 Aus einem einzigen ‚Menschen‘ hat er alle Völker hervorgehen lassen. Er hat bestimmt, dass sich die Menschen über die ganze Erde ausbreiten, und hat festgelegt, wie lange jedes Volk bestehen und in welchem Gebiet es leben soll. 27 ‚Mit allem, was er tat,‘ wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Er ist ja für keinen von uns in ‚unerreichbarer‘ Ferne. 28 Denn in ihm, ‚dessen Gegenwart alles durchdringt,‘ leben wir, bestehen wir und sind wir.76 Oder, wie es einige eurer eigenen Dichter ausgedrückt haben: ›Er ist es, von dem wir abstammen.‹77 76 Vers28a enthält Anklänge an einen Ausspruch, der dem kretischen, zeitweise in Athen wirkenden Dichter Epimenides (6.Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben wird. 77 Zitat aus den Werken der beiden kleinasiatischen Dichter Aratus und Kleanthes, die im 4./3.Jahrhundert v. Chr. lebten und beide den griechischen Stoikern nahestanden. 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 128 29 Wenn wir nun aber von Gott abstammen, dürfen wir nicht meinen, die Gottheit gleiche ‚jenen Statuen aus‘ Gold, Silber oder Stein, die das Produkt menschlicher Erfindungskraft und Kunstfertigkeit sind. 30 In der Vergangenheit hat Gott gnädig über die Verfehlungen hinweggesehen, die die Menschen in ihrer Unwissenheit begangen haben. Doch jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten zur Umkehr auf. 31 Er hat nämlich einen Tag festgesetzt, an dem er durch einen von ihm bestimmten Mann über die ganze Menschheit Gericht halten und über alle ein gerechtes Urteil sprechen wird. Diesen Mann hat er vor aller Welt ‚als den künftigen Richter‘ bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.« Unterschiedliche Reaktionen 32 Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, brach ein Teil der Zuhörer in Gelächter aus, und andere sagten: »Über dieses Thema wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt mehr von dir erfahren.« 33 Damit endete die Anhörung, und Paulus verließ die Ratsversammlung. 34 Doch einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, so zum Beispiel Dionysios, ein Mitglied des Stadtrats, und eine Frau namens Damaris; und es gab noch andere, die zusammen mit diesen beiden ‚an Jesus glaubten‘. Paulus sprach zu den Juden und Proselyten (dem Judentum zugewandte Nichtjuden) von Athen in der Synagoge, wie uns der Verfasser erzählt, aber er redete zu den Heiden auf dem Areopag. Damit wird auf eine recht typische Situation in der Missionstätigkeit des Apostels angespielt. Die Predigten in der Synagoge werden nur kurz erwähnt, aber Paulus konnte sie natürlich nicht unterlassen haben: die Synagoge war der gewöhnliche Ort für seine Predigten. Aber diesmal liegt der Nachdruck deutlich bei der Ansprache auf dem Areopag. Sie schildert die neue Lage, in welcher der große Anführer des Christentums, selbst wohl Hellenist und früherer Jude, auf das letzte Ziel der Christen weist, die klassische Welt des Griechentums. Er zitiert den Vers eines griechischen Dichters „Wir sind seines Geschlechts“ („er ist es, von dem wir abstammen“). Seine Beweise sind weithin stoisch und darauf berechnet, einen philosophisch Gebildeten zu überzeugen. Eine Analyse des Gedankengangs in Paulus’ Rede in Athen und ihres Verhältnisses zur alten griechischen Tradition, besonders zu 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 129 ihrem stoischen Element, ist schon oft unternommen worden. Im Neuen Testament begegnen Zitate aus griechischer Dichtung mehrfach. Solchen literarischen Spuren in den neutestamentlichen Büchern hat erstmalig Clemens von Alexandria Aufmerksamkeit gezollt. Dieser christliche Schriftsteller (und Apologet) füllte selbst seine Werke mit Zitaten von griechischen Dichtern, teils aus deren Texten selbst, teils aus Zitaten-Sammlungen. Da er ein Mann von hoher Bildung war, interessierte ihn die Frage nach der hellenistischen Bildung bei den biblischen Schriftstellern ganz besonders. Er identifiziert das Zitat … Apostelgeschichte,Kapitel 17, Vers 28 Denn in ihm, ‚dessen Gegenwart alles durchdringt,‘ leben wir, bestehen wir und sind wir. richtig als aus Aratus’ astronomischem Werk Phaenomena, Zeile 5, stammend. Ebenso weist er hin auf die Anführung eines Verses aus des Kreters Epimenides epischem Gedicht, Die Orakel (F1 DK I, 31), im … Titus-Brief, Kapitel 1, Vers 12 Jemand, den die Kreter als Propheten verehren, einer von ihren eigenen Landsleuten78, hat einmal gesagt: »Notorische Lügner sind die Kreter79, Raubtiere und Faulpelze, die nur an ihren Bauch denken.« Und weiter weist er hin auf einen anderen Anklang in… 1. Korinther-Brief, Kapitel 15, Vers 33 Lasst euch ‚durch solche Reden‘ nicht täuschen! »Schlechter Umgang verdirbt auch den besten Charakter.«80 …an den sehr gerühmten Dichter der Neuen Attischen Komödie Menander (Thais F218) – ein sehr passendes Zitat in einem Brief des Paulus an die sehr gebildete Gemeinde in Korinth. Die unvergessliche Szene auf dem Areopag in Athen (Apostelgeschichte 17, siehe oben) macht mit ihrer ganzen dramatischen Ausge- 78 Der kretische Dichter Epimenides (6.Jahrhundert vor Christus). 79 Im Griechischen gab es für »lügen« den Ausdruck kretizein (wörtlich: »sich wie ein Kreter verhalten«). 80 Ein damals geläufiges Sprichwort, ursprünglich wohl eine Aussage des griechischen Dichters Menander (um 270 v. Chr.). 2 Der Logos und die griechische Bildung im Neuen Testament 130 staltung sehr anschaulich klar und deutlich, wie sehr die historische Situation des beginnenden Ringens zwischen Christentum und klassischer Welt schon im ersten Jahrhundert anbrach. Diese Auseinandersetzung erforderte eine gemeinsame Basis, sonst wäre sie nicht möglich gewesen. Als diese Basis wählte Paulus die griechische philosophische Tradition, die am lebendigsten das vertrat, was zu seiner Zeit von der griechischen Kultur vorhanden war. Genau das war die Absicht des Verfassers der Apostelgeschichte, die Offenbarung der „Erziehung Christi“ in Athen als eine Fortsetzung der klassischen Erziehung darzustellen. So sollte der Übertritt von der griechischen Bildung zum christlichen Glauben quasi zwingend werden. 2.2 Griechische Bildung im Neuen Testament 131

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References

Abstract

Logos = Word? This traditional translation at the beginning of the Gospel of John falls short. In 500 BC, early Greek thinker Heraclitus defined Logos as the universal basic principle that creates and guides everything. It marks the ancient Greek path "From Myth to Logos" and thus the first enlightenment in Europe.

John the Evangelist took up this idea and thus invited his philosophically educated Greek contemporaries to read his gospel. This in turn is an indicator of the fundamental interweaving of the New Testament with Greek culture. Conceived as ultimate meaning and supreme reason, the Logos term broadens our horizon even today and helps us rediscover the Bible.

Zusammenfassung

Logos = Wort? Diese traditionelle Übersetzung am Beginn des Johannes-Evangeliums greift zu kurz. Bei dem frühen griechischen Denker Heraklit, 500 v. Chr., ist Logos das universale Grundprinzip, das alles schafft und alles leitet. Er markiert den Weg „Vom Mythos zum Logos“ bei den alten Griechen und damit der ersten Aufklärung in Europa.

Der Johannes-Evangelist nahm diese Vorstellung auf und lud damit seine philosophisch gebildeten griechischen Zeitgenossen zum Lesen seines Evangeliums ein. Dies wiederum ist ein Indikator für die grundsätzliche Verwobenheit des Neuen Testaments mit der griechischen Kultur. Verstanden als letzter Sinn und höchste Vernunft weitet der Logos-Begriff auch heute den Horizont und hilft, die Bibel neu zu entdecken.