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Ausblick in:

Hilmar Gumbrecht

Der Logos, page 217 - 222

Das universale göttliche Grundprinzip und der Mensch gewordene Gott

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4468-1, ISBN online: 978-3-8288-7494-7, https://doi.org/10.5771/9783828874947-217

Tectum, Baden-Baden
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Ausblick Ich hoffe, ausführlich und verständlich dargestellt zu haben, dass der Autor des Johannes-Evangeliums den christlichen Logos (den Menschgewordenen Gott Jesus Christus) anknüpft an den Logos (das universale göttliche Grundprinzip) des frühgriechischen Denkers Heraklit, und vermutlich an den Logos der Stoiker (das göttliche Weltgesetz der Vernunft, die göttliche Vernunft), auf jeden Fall aber auch an die jüdische bzw. jüdisch-hellenistische „Weisheit Gottes“. Für diesen Ausblick ist es mir wichtig zu zeigen, dass ein Herausreißen der Schriften des Neuen Testaments, insbesondere des Johannes- Evangeliums, aus der griechischen Umwelt, der griechischen Bildung, Kultur und Philosophie zwar versucht werden kann, aber letzten Endes keine Berechtigung hat und auch nicht zielführend ist. Denn die Schriften des Neuen Testaments wurden nun mal in griechischer Sprache und in der griechischen Lebenswirklichkeit und in der griechischen Gedankenwelt verfasst und überliefert. Das ist kein Zufall oder Versehen. Hingegen ist es durchaus berechtigt und erstrebenswert, die Überformung der christlichen Lehre durch den Platonismus ab dem 4. Jahrhundert (und durch den Aristotelismus ab dem 10. Jahrhundert) zu analysieren und zu überdenken, dies ist aber ganz bewusst nicht Gegenstand dieses Büchleins. Es wurden Mechanismen aufgezeigt, mit denen es zu ganz erheblichen Bedeutungseinschränkungen beim Verstehen und beim Übersetzen der Bibel kommen kann, beispielsweise wenn bei den Übersetzungsmöglichkeiten des griechischen Wortes logos ganze Bedeutungsfelder eliminiert werden, möglicherweise, weil sie von vorneherein als allzu suspekt auf Platonismus oder jegliche andere griechische Philosophie erscheinen. Damit wird aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Oder der Mechanismus, sich bei der Bedeutung eines Wortes an den anderen Vorkommen in der Bibel zu orientieren und so systematisch das Bedeutungsfeld auch für alle anderen Vorkommen zu am- 217 putieren. Ganz abgesehen davon, dass der Inhalt der altgriechischen Wörterbücher allesamt sehr alt, zum Teil veraltet ist. Als beeindruckendes Gegenbeispiel konnte ich das Übersetzerteam der Zürcher Bibel von 2007 anführen: Der griechische Logos bleibt grundsätzlich stehen. Dies markiert einerseits, dass „logos“ aufgrund der großen Fülle seines Bedeutungsfeldes nicht wirklich übersetzbar ist. Und andererseits wird dadurch auch angedeutet, dass der Zusammenhang zwischen Heraklit, den Stoikern und Philon auf der einen Seite und dem Evangelisten Johannes auf der anderen Seite sehr wohl auch heute noch gesehen werden kann und auch gesehen wird. Ich möchte bei diesem Ausblick noch ein paar Anmerkungen zu den Stichworten „die Rolle der Frau“ und „Sexualität“ machen. Denn bei diesen beiden Themen wurden und werden einzelne Sätze aus der Bibel zu Gesetzen gesetzt, ohne den biblisch-kulturellen Zusammenhang zu berücksichtigen, ohne die Grundgedanken zu erfassen: ohne Sinn und Vernunft, ohne den Logos. „Die Frau schweige in der Gemeinde“ ist längst wissenschaftlich als Glosse entlarvt (siehe auch Fußnoten dazu in der Zürcher Bibel von 2007): Als Randnotiz an den biblischen Text geschrieben, die dann bei Abschriften an etwas unterschiedlichen Stellen in den Text hineingerutscht ist – und ja auch deshalb etwas „sperrig“ ist, weil im gleichen Text erklärt wird, wie in der Gemeinde weissagende Prophetinnen verfahren sollten. Die Apostelin Junia (vermutlich die Johanna, die drei Jahre lang als Jüngerin mit Jesus und „den Zwölf “ (und anderen Frauen) durchs Land gezogen ist), wurde in mittelalterlichen Zeiten zu Junias (einem Mann) verfälscht. Dies alles ist inzwischen bestens bekannt, sickert aber erstaunlich langsam in das Repertoire mancher Theologen ein, mal ganz abgesehen von den Diakoninnen, Missionarinnen, Gemeindeleiterinnen, Lehrerinnen und weiblichen Coaches für Leiter im Neuen Testament (s. a. Welt und Umwelt der Bibel 4/2015). Ein anderer Brennpunkt ist Sexualität und Ehe und Familie, sexuelle Orientierung und sexueller Missbrauch. Jesus zog mit Männern und Frauen drei Jahre lang durchs Land, sagt aber zum Thema Erotik offenbar nichts. Er nimmt aber Stellung zu Streitfragen zwischen den Rabbiner-Schulen zum Thema Scheidung, und zwar gegen eine leichtfertige Praxis, und mit Hinweisen, dass den Frauen ähnliche Rechte Ausblick 218 wie den Männern zugestanden werden sollten. Jesus spricht sich gegen die Todesstrafe bei Ehebruch aus. Jesus äußert sich auch nicht zu vertrauensvollen, von gegenseitiger Liebe geprägten homosexuellen Beziehungen bzw. Ehen auf Augenhöhe; das verwundert nicht, schon allein, weil es das zur Zeit von Jesus überhaupt nicht gegeben hat und folglich gar nicht sinnvoll thematisiert werden konnte. Allerdings gab es homosexuelle Gewalt bzw. Praktiken aus einem Machtgefälle heraus. Zu diesem Thema gibt es ein paar wenige Anmerkungen in der Bibel134 (aber nicht von Jesus).135 Trotzdem glauben manche Theologen ganz genau zu wissen, dass es sich um Aussagen zu heutigen Formen homosexueller Beziehungen auf Augenhöhe handele, weil das Wort, dass da stehe, ganz genau dies meine. Zum Glück kann der aufmerksame Leser bereits innerhalb der Bibel einige logos-gemäße Entwicklungen beobachten. Dazu nur ein ganz einfaches Beispiel: 5. Buch Mose, Kap. 23, Vers 2: In die Versammlung des HERRN darf niemand kommen, dessen Hoden zerquetscht oder dessen Glied abgeschnitten ist. Der Sinn dieses Gesetzes war möglicherweise ursprünglich, die damals übliche Praxis der Kastration von Kindern zum Zweck der Vorbereitung auf eine hohe Beamtenlaufbahn einzudämmen und Eltern zu entmutigen, dies anzustreben. De facto führte dieses Gesetz aber zu einer Diskriminierung dieser Eunuchen. 134 z. B. über männliche Tempelprostitution: 1 Kön 14,24; homosexuelle Vergewaltigung: 1 Mose 19,4f; Päderastie: „Knabenschänder“, „Lustknaben“ (Luther-Übersetzungen 1956, 1984, 2017), bzw. „[…] homosexuelle Beziehungen mit Minderjährigen […]. Im Griechischen stehen hier zwei Ausdrücke: der eine bezeichnet wahrscheinlich den passiven, der andere den aktiven Partner in einer homosexuellen Beziehung.“ (Übersetzungs-Alternative in der Neuen Genfer Übersetzung von 2011): 1 Kor 6,9ff, 1 Tim 1,10, Jud 7. 135 siehe z. B. auch Jürgen Roloff, Artikel „Homosexualität“, in: Reclams Bibellexikon 1978, 7., überarbeitete und erweiterte Auflage 2004, Stuttgart: „[…] Röm 1,22–27 […] Paulus verurteilt hier nicht die H.[omosexualität] als isoliertes Vergehen […].Hier wird wohl auch das heutige theologische Urteil über die H. anzuknüpfen haben: die zentrale Frage ist, ob und wie H. in sittlicher Verantwortung gemeistert werden kann.“ Ausblick 219 Deshalb heißt es in Jesaja, Kap. 56, Verse 3–8: 3 Und der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Gewiss wird der HERR mich ausschliessen aus seinem Volk! Und der Eunuch soll nicht sagen: Sieh, ich bin ein vertrockneter Baum! 4 Denn so spricht der HERR: Den Eunuchen, die meine Sabbate halten und wählen, woran ich Gefallen habe, und die an meinem Bund festhalten, 5 ihnen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern Denkmal und Name136, was mehr ist als Söhne und als Töchter. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht getilgt wird. 6 Und die Fremden, die sich dem HERRN anschliessen, um ihm zu dienen und um den Namen des HERRN zu lieben, um ihm Diener zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, 7 sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen, und in meinem Bethaus werde ich sie erfreuen. Ihre Brandopfer und ihre Schlachtopfer werden ein Wohlgefallen sein auf meinem Altar, denn mein Haus soll Bethaus genannt werden – für alle Völker. 8 Spruch Gottes des HERRN, der die Versprengten Israels sammelt: Noch mehr werde ich zu ihm137 sammeln, zu seinen Gesammelten. Der Prophet Jesaja rehabilitiert hier also im Auftrag Gottes, des HERRN, alle Eunuchen ganz ausdrücklich, die nach 5. Mose, Kap. 23 nachhaltig zur Gottesferne verdammt gewesen wären. Den Eunuchen, die am Bund Gottes festhalten, gibt Gott laut Jesaja, Kap. 56 „Denkmal und Namen“, was sogar noch mehr wert ist als Söhne und als Töchter. Dies alles hat viel später zwiespältige Auswirkungen auf den äthiopischen Finanzbeamten aus Apostelgeschichte 8, Verse 27–39: ein Eunuch, der in Jerusalem gewesen war, um den Gott Israels anzubeten. Aber er durfte aus den oben genannten Gründen sicher nicht rein in den Tempel in Jerusalem und bricht enttäuscht zur Rückreise auf. Er konnte offenbar eine Jesaja-Rolle erwerben und liest darin auf der Rückreise. Er stößt sicher auch auf Jesaja, Kap. 56. Aber nicht nur das. Philippus bekommt den Auftrag, am Weg auf ihn zu warten und erklärt ihm dann anhand Jesaja, Kap. 53 das Evangelium von Jesus. Da- 136 "Denkmal und Name": wörtlich: "Hand und Name", hebräisch: 'jad waschem'; so lautet auch der Name der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. 137 Mit 'ihm' ist das Haus gemeint. Ausblick 220 raufhin lässt sich der Eunuch von Philippus taufen und es erfüllte ihn eine tiefe Freude: Apostelgeschichte, Kap. 8, Verse 27–39: 27 Philippus machte sich auf den Weg; und als er diese Straße entlangging, kam dort in seinem Reisewagen ein Äthiopier gefahren, ein Eunuch138. Es handelte sich um einen hohen Würdenträger, den Finanzminister der Kandake, der äthiopischen Königin.139 Der Mann war in Jerusalem gewesen, um ‚den Gott Israels‘ anzubeten, 28 und befand sich jetzt auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja. 29 Der ‚Heilige‘ Geist sagte zu Philippus: »Geh zu dem Wagen dort und halte dich dicht neben ihm!« 30 Philippus lief hin, und als er neben dem Wagen herging, hörte er den Mann laut aus dem Buch des Propheten Jesaja lesen. »Verstehst du denn, was du da liest?«, fragte er ihn. 31 »Wie kann ich es verstehen, wenn niemand es mir erklärt?«, erwiderte der Mann. Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32 Der Abschnitt der Schrift, den er eben gelesen hatte, lautete: »Man hat ihn weggeführt wie ein Schaf, das geschlachtet werden soll. Und wie ein Lamm beim Scheren keinen Laut von sich gibt, so kam auch über seine Lippen kein Laut ‚der Klage‘. 33 Er wurde erniedrigt und all seiner Rechte beraubt. Niemand wird über Nachkommen von ihm berichten können, denn sein Leben auf der Erde wurde ihm genommen.« 34 Der Äthiopier wandte sich an Philippus: »Bitte sag mir, von wem ist hier die Rede? Spricht der Prophet von sich selbst, oder spricht er von jemand anders?« 35 Da ergriff Philippus die Gelegenheit und erklärte ihm, von dieser Schriftstelle ausgehend, das Evangelium von Jesus. 36 Als sie nun, ‚ins Gespräch vertieft,‘ die Straße entlangfuhren, kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. »Hier ist Wasser!«, rief der Äthiopier. »Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?« [37] 38 Und er befahl, den Wagen anzuhalten. Beide, Philippus und der Äthiopier, stiegen ins Wasser, und Philippus taufte den Mann. 39 Als sie wieder aus dem Wasser stiegen, wurde Philippus plötzlich vom Geist des Herrn ergriffen und an einen anderen Ort versetzt, 138 Als Eunuch (zeugungsunfähig gemachter Mann) wird der Äthiopier im griechischen Text auch in den Versen 34, 36, 38 und 39 bezeichnet. Wegen 5.Mose 23,2 durften Eunuchen lediglich den äußeren Vorhof des jüdischen Tempels betreten, aber nicht am Gottesdienst teilnehmen. Hier wird nun die in Jesaja 56,3–5 angekündigte Aufnahme von Eunuchen in Gottes Gemeinde Wirklichkeit. 139 Das Königreich Äthiopien war in der oberen Nilregion gelegen, im Gebiet des heutigen Sudan. Kandake ist kein Eigenname, sondern war der Titel der äthiopischen Königinnen. Ausblick 221 und der Äthiopier sah ihn nicht mehr. Trotzdem erfüllte ihn eine tiefe Freude, als er nun seine Reise fortsetzte. Nach 5. Mose, Kap. 23 durften Eunuchen nicht am Tempel-Gottesdienst teilnehmen. Die in Jesaja, Kap. 56 angekündigte Aufnahme von Eunuchen in Gottes Gemeinde wird aber mit Christus und den Christen Wirklichkeit. Ausblick 222

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References

Abstract

Logos = Word? This traditional translation at the beginning of the Gospel of John falls short. In 500 BC, early Greek thinker Heraclitus defined Logos as the universal basic principle that creates and guides everything. It marks the ancient Greek path "From Myth to Logos" and thus the first enlightenment in Europe.

John the Evangelist took up this idea and thus invited his philosophically educated Greek contemporaries to read his gospel. This in turn is an indicator of the fundamental interweaving of the New Testament with Greek culture. Conceived as ultimate meaning and supreme reason, the Logos term broadens our horizon even today and helps us rediscover the Bible.

Zusammenfassung

Logos = Wort? Diese traditionelle Übersetzung am Beginn des Johannes-Evangeliums greift zu kurz. Bei dem frühen griechischen Denker Heraklit, 500 v. Chr., ist Logos das universale Grundprinzip, das alles schafft und alles leitet. Er markiert den Weg „Vom Mythos zum Logos“ bei den alten Griechen und damit der ersten Aufklärung in Europa.

Der Johannes-Evangelist nahm diese Vorstellung auf und lud damit seine philosophisch gebildeten griechischen Zeitgenossen zum Lesen seines Evangeliums ein. Dies wiederum ist ein Indikator für die grundsätzliche Verwobenheit des Neuen Testaments mit der griechischen Kultur. Verstanden als letzter Sinn und höchste Vernunft weitet der Logos-Begriff auch heute den Horizont und hilft, die Bibel neu zu entdecken.