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David Funk

Jugend und Europa

Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4466-7, ISBN online: 978-3-8288-7489-3, https://doi.org/10.5771/9783828874893

Tectum, Baden-Baden
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David Funk Jugend und Europa David Funk Jugend und Europa Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa Tectum Verlag David Funk Jugend und Europa. Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 eBook 978-3-8288-7489-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4466-7 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 337371569 von DenisProduction.com | www. shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. V Vorwort Carl Berning Die Krisen der letzten Jahre betonen schlaglichtartig die Bedeutung der Europäischen Union für die Mitgliedsstaaten. Die Verantwortung der einzelnen Länder wurde in Zeiten der Finanzmarkt-, Flüchtlingsoder Coronakrise gefordert und strapaziert. Die Politik appelliert in solchen Zeiten immer gerne an die europäische Solidarität und das Wir-Gefühl der Bürger. Die politischen Entscheidungen sind nicht allein mit nationalen wirtschaftlichen Interessen in einer Freihandelszone oder der gemeinsamen Währung zu legitimieren. Für „europäische Lösungen“ von politischen und gesellschaftlichen Krisen ist die Identifikation der Bürger mit Europa der entscheidende Pfeiler. Ein Pfeiler, der in den letzten Jahren viele milliardenschwere Vorhaben stützte. Das Verständnis für Europa, die Begegnung mit dem europäischen Nachbarn und ein gemeinsamer europäischer Gedanke wird aktiv durch zahlreiche internationale Jugend- und Begegnungsprogramme gefördert. Ob diese Programme tatsächlich dabei helfen, die Identifikation mit Europa zu stärken, ist überraschender Weise weitgehend unerforscht und Anlass für die vorliegende Arbeit. Herr Funk geht mit seiner Studie der Frage nach, welche Effekte internationale Jugendbegegnungen auf die europäische Identifikation der teilnehmenden Jugendlichen haben. Er entwickelt und präsentiert ein umfangreiches Modell der Wirkungsmechanismen und verbindet in dieser Arbeit viele unterschiedliche Literaturstränge. Die Studie basiert auf der Logik der Kontakthypothese. Diese vermutet, dass Intergruppenkontakte zur Reduktion von Vorurteilen führen. VI Die theoretischen Überlegungen leiten die empirische Evaluation der europäischen Begegnungsproprogramme. Die Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass gerade der interkulturelle Kontakt zwischen jungen Menschen aus verschiedenen europäischen Staaten zu einer Steigerung der Identifikation der Teilnehmenden mit Europa führt. Maßgeblich für die positive Wirkung des interkulturellen Kontakts ist die freiwillige Teilnahme an den Jugend- und Begegnungsprogrammen. Die positiven Effekte der Begegnungen sind sogar noch Wochen nach der Teilnahme nachweisbar. Die Studie zeigt außerdem, dass internationale Jugendbegegnungen einen positiven Einfluss auf Toleranz und Offenheit der Jugendlichen haben. Das vorliegende Buch basiert auf der Masterarbeit des Autors. Der interdisziplinäre Charakter der Arbeit bietet Erkenntnisse sowohl für die Politikwissenschaft als auch für die Erziehungswissenschaft. Natürlich und offensichtlich sind die Erkenntnisse ein praktischer Mehrwert für die Durchführung und Evaluation von europäischen Jugend- und Begegnungsprogrammen. Mainz, im April 2020 Carl Berning VII Danksagung Diese Arbeit, die am Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angefertigt wurde, war nur durch die Mitwirkung und Unterstützung vieler Menschen möglich. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Besonders bedanken möchte ich mich bei dem Betreuer Dr. Carl Berning, der mir mit seinem fachlichen Rat stets zur Seite stand. Für seine fachliche und persönliche Unterstützung sowie die Möglichkeit, meine Arbeit interdisziplinär zu gestalten, möchte ich mich herzlich bei Prof. Marius Harring bedanken. Mein besonderer Dank gilt János Gebhardt, der mich schon in der Vorbereitung der Studie unterstützte und mir in der Auswertungsphase half, einige statistikinduzierte Knoten zu lösen. Für die Unterstützung bei der Durchführung meiner Studie bedanke ich mich bei Franz Bittner, Europäische Vereinigung für Eifel und Ardennen, Peter Winter, Kirchengemeinde Saarburg und Anna Marx, ehemals Schulleiterin der Albrecht Dürer-Schule Wiesbaden. Für die Unterstützung vor der Feldphase und beim letzten Feinschliff danke ich besonders Theresa Bauer, Annika Seebach, Katrin May, Werner Funk, und Michael Dahmen, der im Übrigen auch für das Entzünden meiner Flamme für die interkulturelle Jugendarbeit verantwortlich war. Mein besonderer und tiefer Dank für all Unterstützung und die Geborgenheit, die ihr mir gebt und gegeben habt, gilt meinen lieben Eltern, Julianne und Werner, meiner „kleinen“ Schwester Julia, und natürlich Olga und Filli sowie meinen lieben Freunden. Vieles von dem, was ich bin, kann ich nur sein, weil ich mich auf euch verlassen kann! VIII IX Inhalt Abbildungsverzeichnis ................................................................. XII Tabellenverzeichnis ....................................................................... XII Abkürzungsverzeichnis ............................................................... XIII 1 Einleitung .................................................................................. 1 2 Die Europäische Bürgerschaft ............................................... 5 2.1 Die Schaffung der Europäischen Bürgerschaft.......................... 5 2.2 Europäische Bürgerschaft und Europäische Identität ............... 8 2.2.1 Konzeptualisierung der Europäischen Identität ............. 9 2.2.2 Genügt die Europäische Bürgerschaft zur Entstehung eines europäischen Demos? ....................................... 10 3 Grundlagen von Zugehörigkeitsgefühlen und Identität ..... 13 3.1 Personale und soziale/kollektive Identität ................................ 13 3.2 Soziales Kategorisieren ........................................................... 15 3.3 Auswirkungen der sozialen Kategorisierung ............................ 20 4 Welchen Einfluss hat intergruppaler Kontakt auf die Kategorisierung? Die Kontakthypothese ............................ 27 4.1 Wann wirkt Kontakt? Die Bedingungen für das Wirken von Kontakt auf Intergruppenbeziehungen ..................................... 28 X 4.2 Warum wirkt Kontakt? Mechanismus und Mediatoren für die Wirkung auf Intergruppenbeziehungen .................................... 30 4.2.1 Mechanismus ............................................................... 31 4.2.2 Mediatoren ................................................................... 36 4.3 Wie wirkt Kontakt? Auswirkungen von positivem Intergruppenkontakt auf die Intergruppenbeziehung ............... 39 5 Jugend in Kontakt: Warum ist Kontakt gerade bei Jugendlichen wirksam? ........................................................ 43 5.1 Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener sozialer Gruppen allgemein ................................................................... 43 5.2 Interkultureller Kontakt zwischen Jugendlichen im Rahmen von Jugendbegegnungen ............................................................... 46 6 Synopse: Jugendbegegnungen als Mittel der Förderung der europäischen Identität .................................................... 49 7 Hypothesen ............................................................................ 51 8 Empirischer Teil ..................................................................... 55 8.1 Das Forschungsdesign ............................................................ 55 8.2 Messinstrumente ...................................................................... 59 8.2.1 Europäische Identifikation ............................................ 59 8.2.2 Toleranz ....................................................................... 61 8.2.3 Persönlichkeitsdimensionen ......................................... 63 8.2.4 Intensität des Intergruppenkontakts ............................. 63 8.2.5 Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt .... 64 8.3 Deskriptive Statistik .................................................................. 64 8.3.1 Demographische Merkmale ......................................... 64 8.3.2 Europäische Identifikation ............................................ 66 8.3.3 Toleranz ....................................................................... 67 8.3.4 Persönlichkeitsdimensionen ......................................... 68 XI 8.3.5 Identifikation Deutschland und Korrelation Deutschland – Europa....................................................................... 69 8.4 Inferenzstatistik ........................................................................ 69 8.4.1 Umgang mit der kleinen Stichprobe ............................. 69 8.4.2 Hypothesentestung ...................................................... 70 8.5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse ..................... 74 9 Diskussion der Ergebnisse und Implikationen ................... 75 10 Fazit ......................................................................................... 81 Literaturverzeichnis ....................................................................... 83 XII Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Rings of Inclusion 18 Abbildung 2: Zusammenhang Kategorisierung und Identität 19 Abbildung 3: Effekt von Intergruppenkontakt auf die Verringerung von Vorurteilen 27 Abbildung 4: Bedingungen für den Abbau von Vorurteilen 30 Abbildung 5: Anschließende Prozesse 33 Abbildung 6: Mediatoren des Prozesses 38 Abbildung 7: Wirkung von Kontakt auf die Bildung einer gemeinsamen Kategorie 42 Abbildung 8: Typische Übung zur Etablierung eines Wir-Gefühls im Rahmen von internationalen Jugendbegegnungen. 61 Abbildung 9: Veränderungsmaß für die Mittelwerte für die Identifikation mit Europa in den verschiedenen Testgruppen 66 Abbildung 10: Boxplot-Vergleich der einzelnen Skalen des Big Five Inventorys für EVEA und Kontrollgruppe 68 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Darstellung des Forschungsdesigns 56 Tabelle 2: Antwortraten für alle Gruppen 58 Tabelle 3: Formulierung der Items im Konstrukt Europäische Identifikation 60 Tabelle 4: Formulierung des Items im Konstrukt Deutsche Identifikation 60 Tabelle 5: Formulierung der Items im Konstrukt Toleranz 62 Tabelle 6: Formulierung der Items im Konstrukt Intensität 63 Tabelle 7: Formulierung des Items im Konstrukt Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt 64 Tabelle 8: Demographische Merkmale 65 Tabelle 9: Mittelwerte für weitere Indikatoren für Veränderung der Identifikation mit Europa 67 Tabelle 10: Mittelwerte der Skala Toleranz für t0 und t1 68 Tabelle 11: t-Test für die Veränderungsmaße I und II 71 Tabelle 12: Regressionsanalysen für Hypothesen H5 und H6 73 XIII Abkürzungsverzeichnis ADS Albrecht Dürer-Schule Wiesbaden E I Experimentalgruppe I E II Experimentalgruppe II EGKS Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl EGV Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft EKKT Evangelischer Kirchenkreis Trier EU Europäische Union EVEA Europäische Vereinigung für Eifel und Ardennen EWGV Vertrag zur Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft KG Kontrollgruppe SIT Social Identity Theory of Intergroup Behavior XIV 1 1 Einleitung Ungeachtet der kontroversen Debatten über die Zukunft Europas scheint es einen umfassenden Konsens in der öffentlichen Debatte darüber zu geben, dass zur Legitimation und zum Fortschreiten des Prozesses der politischen europäischen Integration ein Sinn für Europäische Identität notwendig ist (Fuß 2006: 25; übersetzt). Europäische Identität1 muss also als eines der zentralen Standbeine der Europäischen Union verstanden werden. Mit dem Ziel Schaffung und Stärkung einer Europäischen Identität etablierte die Europäische Union die Europäische Bürgerschaft, die neben der Einräumung von politischen Partizipationsrechten vor allem auch Möglichkeiten von europaweiter Mobilität und Austausch schafft. Eine darauf aufbauende Maßnahme besteht darin, dass die Europäische Union Förderung für Programme bereitstellt, die gezielt die Interaktion von europäischen Bürgern fördern sollen; dies insbesondere im Hinblick auf die Förderung des Dialoges über gemeinsame Werte, kulturelle und sprachliche Vielfalt (Europäische Kommission 2013: 13f.). Eines dieser Programme ist ERAS- MUS+, durch welches unter anderem Jugendbegegnungen als Maßnahmen der non-formalen Jugendbildung gefördert werden. Im Rahmen dieser Jugendbegegnungen treffen Jugendliche aus verschiedenen Ländern zusammen und gestalten gemeinsam ihren Alltag, tauschen sich aus und arbeiten an der Erreichung 1 Es sei angemerkt, dass die Begrifflichkeit Europäische Identität im eigentlichen Sinne ungenau ist; tatsächlich ist hiermit die Identifikation mit Europa gemeint. Der Begriff wird im Rahmen dieser Arbeit dennoch verwendet, weil er sich im Diskurs als feststehender Begriff etabliert hat. 2 gemeinsamer Ziele; kurzum, sie stehen für einige Zeit in einem intensiven Kontakt miteinander. Dieser Kontakt im Rahmen von Jugendbegegnungen soll dazu beitragen, das „[...] interkulturelle Verständnis und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft [...]“ (Europäische Kommission 2016:6) von Jugendlichen aus verschiedenen europäischen Ländern zu stärken. Genau an dieser Zielformulierung setzt die vorliegende Arbeit an; ihre zentrale Fragestellung lautet: Trägt die Teilnahme an europäischen Jugendbegegnungen zur Stärkung eines Zugehörigkeitsgefühls respektive der Identifikation mit Europa bei? Eng mit dieser Fragestellung verknüpft ist, ob mögliche Veränderungen der Identifikation mit Europa einen Einfluss auf die Identifikation mit dem Heimatland haben, beziehungsweise ob die Stärkung der europäischen Identität schwächend auf die nationale Identität wirkt. Neben der zentralen Fragestellung soll weiter fokussiert werden, ob die Teilnahme an Jugendbegegnungen Veränderungen der Einstellungen zu Andersartigkeit auslöst beziehungsweise Toleranz und gegenseitiges Verständnis fördert. Wenngleich die Relevanz der Fragestellung aktuell aufgrund der Herausbildung antieuropäischer Strömungen in Europa besonders ins Auge sticht, so müssen diese Entwicklungen auch in dem Licht gesehen werden, dass der von diesen Strömungen gewonnene Einfluss gleichzeitig ein Indiz für einen Mangel an Europäischer Identität ist. Insofern ist es unbedingt notwendig, gerade für Jugendliche Berührungspunkte mit Europa und seinen gemeinsamen Werten, seiner kulturellen Vielfalt und den damit verbundenen Möglichkeiten zu schaffen. Im Rahmen dieser Arbeit wird angenommen, dass Jugendbegegnungen hierfür ein adäquates Mittel sein könnten. Es ist denkbar, dass durch ein breites europäisches Zugehörigkeitsgefühl, das bereits in der Jugend herausgebildet wird, eine stabile proeuropäische Haltung entwickelt wird, an die wiederum, wie eingangs erwähnt, die politische Legitimität der Europäischen Union gekoppelt ist. Zur Beantwortung der Fragestellung ist die vorliegende Arbeit zweigeteilt. Ziel des theoretischen ersten Teils ist es, einerseits die zugrundeliegenden Mechanismen der Genese von Identität im Allgemeinen wie auch speziell im Jugendalter und durch Jugendbegegnungen im 3 Besonderen zu beleuchten. Anderseits werden die Besonderheiten der Europäischen Identität ins Auge gefasst. Für den zweiten Teil wurde zur empirischen Annäherung an die zentrale Fragestellung eine Studie mit Teilnehmern von Jugendbegegnungen sowie Teilnehmern einer Jugendfreizeit ohne Begegnungscharakter durchgeführt, in der untersucht wird, ob die Begegnungen eine Veränderung auslösen. Durch die Studie sollen erste Erkenntnisse über Tendenzen gewonnen werden, die dann Grundlage für weitere Untersuchungen zur Wirkung von Jugendprojekten mit europäischer Dimension bieten. Das sich anschließende Kapitel 2 (Die Europäische Bürgerschaft) widmet sich erstens der Schaffung der Europäischen Bürgerschaft als Grundlage einer Europäischen Identität und der Konzeptualisierung ebendieser. Zweitens wird kurz der bisher stattgefundene europäische Einigungsprozess sowie die Fragestellung, ob mit der Einräumung bestimmter Rechte eine Identitätsstiftung möglich ist, thematisiert. In Kapitel 3 (Grundlagen von Zugehörigkeitsgefühlen und Identität) wird als theoretischer Unterbau der Identitätsbegriff im Allgemeinen diskutiert, der Mechanismus der Genese von Identität durch Kategorisierungsprozesse dargelegt und die sich an Kategorisierung anschlie- ßenden positiven wie negativen Wirkungen erläutert. Kapitel 4 (Welchen Einfluss hat intergruppaler Kontakt auf die Kategorisierung? Die Kontakthypothese) greift auf den in Kapitel 3 beleuchteten Mechanismus zurück. Die grundlegende Idee hinter dem theoretischen Konstrukt, das auf Allports Kontakthypothese (1979 [1954]) basiert, liegt darin, dass Kontakt zwischen Gruppen Vorurteile vermindern beziehungsweise Toleranz erhöhen und gleichzeitig einen Einfluss auf die Selbstkategorisierung haben kann. Dieser vorgestellte und diskutierte Prozess wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit als Grundlage der Genese einer Europäischen Identität verstanden. Kapitel 5 (Jugend in Kontakt: Warum ist Kontakt gerade bei Jugendlichen wirksam?) wendet das theoretische Fundament, das in Kapitel 3 und 4 geschaffen wurde, auf Jugendliche allgemein und im Besonderen im Rahmen von interkulturellen Jugendbegegnungen an und zeigt, warum gerade im Jugendalter Intergruppenkontakt eine hohe Wirksamkeit aufweist. Kapitel 6 (Synopse: Jugendbegegnungen als Mittel der Förderung der Europäischen Identität) zieht in Hinblick auf das sich anschließende 4 Kapitel 7 (Hypothesen) die verschiedenen Argumentationsstränge und die wesentlichen Befunde zusammen. In Kapitel 8 (Empirischer Teil) wird zunächst das Forschungsdesign der durchgeführten Studie vorgestellt, woran sich die Operationalisierung anschließt. Nach der deskriptiven Beschreibung der erhobenen Daten folgt der inferenzstatistische Teil, in dessen Rahmen der Umgang mit der kleinen Stichprobe erörtert und schließlich die Hypothesentestung durchgeführt wird. Abschließend werden die empirischen Befunde zusammengefasst. Kapitel 9 (Diskussion der Ergebnisse und Implikationen) dient dazu, abschließend die theoretischen und empirischen Befunde zusammenzuziehen und diese zu diskutieren. Da diese Arbeit als Basis für weitere Untersuchungen dienen soll, werden in diesem Rahmen auch die angewandten Methoden und das mögliche weitere Vorgehen nebst Implikationen für die Praxis erörtert. 5 2 Die Europäische Bürgerschaft »Nous ne coalisions pas des Etats, nous unissons des hommes« [Wir einigen keine Staaten, wir bringen Menschen einander näher] Jean Monnet2 Europa ist auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene in den letzten sieben Jahrzehnten immer stärker zusammengewachsen. Nach und nach wurden verschiedene Institutionen der intergouvernementalen und supranationalen Zusammenarbeit installiert. Wie allerdings schon aus oben dargestelltem Zitat Jean Monnets ersichtlich ist, ging und geht es bei der Europäischen Integration nicht nur um die Dimension der politischen Institutionen, sondern vielmehr auch darum, ein Europa zu schaffen, welches seinen Geist und seinen Gemeinsinn aus den in ihm lebenden Menschen bezieht. Die Installation der Europäischen Bürgerschaft war eines der Mittel, die für diesen Zweck vorgesehen waren. Im folgenden Kapitel werden summarisch die Geschichte und die Bestandteile der Europäischen Bürgerschaft erläutert, um an späterer Stelle (Kapitel 2.2: Europäische Bürgerschaft und Europäische Identität) diskutieren zu können, inwiefern Europäische Bürgerschaft zu einer Europäischen Identität beiträgt. 2.1 Die Schaffung der Europäischen Bürgerschaft Die Annäherung der europäischen Staaten nach dem zweiten Weltkrieg war vor allem von der Frage geprägt, wie sich ein langfristiger innereuropäischer Frieden errichten und aufrechterhalten lässt. Robert Schumann schlug dazu in seiner Erklärung vom 9. Mai 1950 die Schaffung eines wirtschaftlichen Bündnisses in Form der 2 in seiner Rede im National Press Club vom 30. April 1952, Washington DC. 6 Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vor. Diesem Vorschlag folgend, wurde 1952 die hohe Behörde der EGKS als erste supranationale Organisation installiert und damit der Grundstein für wirtschaftliche Zusammenarbeit der europäischen Staaten gelegt (vgl. Wessels 2008: 55,61ff.). In der Folge wurde die ökonomische Zusammenarbeit 1957 durch den Vertrag von Rom3 und die resultierende Errichtung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft deutlich ausgeweitet. Das Ziel der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft lag in der Schaffung eines gemeinsamen Marktes (Art. 2 EWGV). Maßnahmen, die zur Umsetzung dieses Ziels ergriffen wurden, waren unter anderem die schrittweise Einführung und Erweiterung eines freien Waren- (Art. 9–17 EWGV), Dienstleistungs- (Art. 59–66 EWGV) und Kapitalverkehrs (Art. 67– 73 EWGV) sowie weitere politische infrastrukturelle Maßnahmen. Wegbereitend für die Europäische Bürgerschaft war neben dem Diskriminierungsverbot (Art.7 EWGV) aber vor allem der Aspekt der Freizügigkeit (Art. 49–51 EWGV). Das Privileg der Freizügigkeit ist im Rahmen des Vertrags von Rom allerdings an die Eigenschaft als Arbeitnehmer geknüpft. Dieser übt das Recht der Freizügigkeit aus, um sich wirtschaftlich in anderen Mitgliedsländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu betätigen; deswegen wird hierfür oft der Begriff Marktbürgerschaft4 verwendet. Insgesamt lässt sich an diesem Punkt aus der Einräumung der Arbeitnehmerrechte nur schwerlich eine umfassende bürgerschaftliche Dimension herleiten. Eine Vertiefung des Einbezugs der Bürger in einem „immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker“ (Präambel EWGV) folgte in den 1970er-Jahren: Es wurden Zielvereinbarungen getroffen, die eine über den ökonomischen Aspekt hinausgehende Unionsbürgerschaft begründen. Zu diesen gehört das im Rahmen des Gipfels von Kopenhagen (1973) ausgearbeitete Dokument zur Europäischen Identität, das zwar keine normative, aber eine hohe ideelle Tiefe aufweist. 3 Vertrag zur Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, im Folgenden: EWGV. 4 in Abgrenzung zu einer umfassenden bürgerschaftlichen Dimension, die mehr als ökonomisch bezogene Rechte einschließt; vgl. u.a. Wiener (2006) und Clemens (2014). 7 Dort heißt es: In dem Wunsch, die Geltung der rechtlichen, politischen und geistigen Werte zu sichern, zu denen sie [die europäischen Staaten] sich bekennen, in dem Bemühen, die reiche Vielfalt ihrer nationalen Kulturen zu erhalten, im Bewusstsein einer gemeinsamen Lebensauffassung, [...], wollen sie die Grundsätze der repräsentativen Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, die das Ziel des wirtschaftlichen Fortschritts ist, sowie der Achtung der Menschenrechte als die Grundelemente der europäischen Identität wahren. Aufgeladen wird die Europäische Identität hier insbesondere mit dem Anspruch einer plurikulturell ausgerichteten gemeinsamen Lebensauffassung sowie der Wahrung und Stärkung eines demokratischen Zusammenlebens. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Europäischen Identität stellt insofern eine zentrale Säule unseres heutigen Verständnisses von Europäischer Bürgerschaft dar. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Unionsbürgerschaft war die auf dem Gipfel von Paris (1974) beschlossene Schaffung einer Passunion5 und die Einräumung besonderer Rechte6 für die Bürger der Mitgliedsstaaten. Hierdurch wird eine weitere Säule, nämlich die politische Partizipation der Unionsbürger, errichtet. Auch wenn festzuhalten ist, dass die Europäische Bürgerschaft weiterhin stark auf die Entstehung eines gemeinsamen Marktes ausgerichtet war, so schufen diese Entscheidungen doch die Grundlage für das heutige Verständnis von europäischer Bürgerschaft (vgl. Wiener 2007:26f.). Die Rechte der Bürger in Bezug auf Europa wurden in dieser Phase durch einzelne Rechtsakte festgeschrieben; eine institutionalisierte Unionsbürgerschaft, die auch als solche benannt ist, wurde erst 1992 durch den Vertrag von Maastricht7 (Art.8 EGV) eingeführt. Zu diesen Rechten, die bis heute in fast 5 eine einheitliche Gestaltung der Reisepässe der europäischen Staaten wurde zwar bereits 1981 „in dem Bestreben [beschlossen] , den Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten auf jede erdenkliche Weise verstärkt das Gefühl zu geben, dass sie ein und derselben Gemeinschaft angehören“ (Amtsblatt C241 1981:1), die Umsetzung einer tatsächlichen unkontrollierten Reisefreiheit wurde allerdings erst später unter Umgehung der europäischen Organe als Abkommen einzelner Staaten (Schengener Abkommen) ermöglicht und sukzessive erweitert. 6 besondere Rechte fasst hier insbesondere Rechte der politischen Partizipation; insbesondere das aktive und passive Wahlrecht zum europäischen Parlament (erste Wahl durch die Bürger der europäischen Mitgliedsstaaten 1979). 7 Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, im Folgenden: EGV; Nummerierung nach der Fassung vom 31.8.1992. 8 unveränderter Form Bestand haben8, gehört die Freizügigkeit (Art. 8a EGV), das kommunale und europäische Wahlrecht am Wohnort (Art. 8b EGV), der diplomatische und konsularische Schutz (Art. 8c EGV), das Petitionsrecht beim Europäischen Parlament (Art. 8d) sowie das weiter bestehende, aber an anderer Stelle aufgeführte Diskriminierungsverbot (Art. 6). Diese Rechte sind, anders als im EWGV, nicht mehr an die Eigenschaft als Arbeitnehmer, sondern an die Unionsbürgerschaft geknüpft („Unionsbürger ist, wer die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates besitzt“ (Art. 8 Abs. 1 S. 2)). Hierdurch ist der Erwerb der Europäischen Bürgerschaft nur noch an die Staatsangehörigkeit in einem Mitgliedsstaat gebunden. Durch den Vertrag von Amsterdam9 wurde die Rechtsstellung der Unionsbürgerschaft gegenüber den Staatsbürgerschaften der einzelnen Mitgliedstaaten in den EGV aufgenommen: „Die Unionsbürgerschaft ergänzt die nationale Staatsbürgerschaft, ersetzt sie aber nicht“ (Art. 8 Abs. 1 S. 3). Durch diesen Umstand und weiter dadurch, dass sie ohne das Vorhandensein einer breiten Bürgerschaftsbewegung »von oben« eingeführt wurde, unterscheidet sich die Europäische Bürgerschaft von jeder anderen Bürgerschaft. (Wiener 2007a:261f.) Ergänzend sei angemerkt, dass neben der Europäischen Bürgerschaft einige weitere Maßnahmen mit dem Zweck der Identitätsstiftung umgesetzt wurden. Hierzu zählen beispielsweise symbolische Akte wie die Einführung der Flagge, der Hymne, des Europatages, aber auch die gemeinsame europäische Währung (vgl. Lingenberg 2010:93) 2.2 Europäische Bürgerschaft und Europäische Identität Wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt, liegt einer der zentralen Zwecke der Europäischen Bürgerschaft in der Schaffung einer gemeinsamen Europäischen Identität. In welchem Umfang dieses Ziel erreicht ist, wurde und wird im öffentlichen Diskurs und der Literatur kontrovers diskutiert. Die Positionen erstrecken sich hierbei von der „schwach ausgeprägt[en]“ (Thalmaier 2006, 4, vgl. auch Walkenhorst (1999: 158) Europäischen Identität bis hin zur „wahrnehmbare[n] Realität“ (Delory-Momberger/Dupont 2011:30). Hierbei merken Delory-Momberger und Dupont (ibd.) allerdings auch an, dass die 8 seit Vertrag von Lissabon 2009 geregelt im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (Art. 20ff. / Diskriminierungsverbot Art.18) 9 Abl. Nr. C 340 10/11/1997 9 Ausprägung in hohem Maße davon abhängig ist, „ob die Bürger von der Existenz Europas direkt betroffen sind, indem ihnen dadurch Vorteile erwachsen [...] oder ob sie Nachteile [...] zu spüren bekommen und ob sie in Gebieten wohnen und arbeiten, die sich dem Einfluss und der Gesetzgebung zu entziehen scheinen [...].10“ Die Frage nach der Stärke der Europäischen Identität ist deswegen so zentral, weil in ihr mitunter auch der Grad der Legitimation beziehungsweise der diffusen Unterstützung der Europäischen Union durch ihre Bürger abhängt (vgl. Thalmaier 2006: 5; Walkenhorst 1999: 158; Easton 1965: 267f.). Ein Grund für die verschiedenen Antworten auf die Frage hin, wie stark die Europäische Identität ausgeprägt ist, liegt auch in den teils divergierenden Konzeptualisierungen, die im nächsten Unterkapitel erläutert werden. 2.2.1 Konzeptualisierung der Europäischen Identität Bis zur Jahrtausendwende „wurden in der empirischen Sozialforschung nationale und europäische Identitäten als alternative Formen kollektiver Identifikationen konzeptualisiert“ (Spohn 2015:437), also ein direkter Vergleich zwischen den nationalen und der europäischen Identität gezogen, bei dem mit der Stärkung der europäischen Identität die nationale geschwächt wird. Unter der Annahme einer exklusiven Identität ist es offensichtlich, dass die nationale Identität deutlich stärker ausgeprägt sein muss als die europäische. Hierbei handelt es sich aber um einen Trugschluss: Die Identität eines Individuums kann mehrere Bezugspunkte nebeneinander aufweisen, ohne dass diese gegenseitig aufeinander einwirken.11 Ausgehend davon, dass europäische Bürgerschaft die nationale ergänzen und nicht ersetzen soll, muss europäische Identität gleichermaßen als Teilbestandteil dieser Dimension von Identität verstanden werden (vgl. Müller 2011:34). 10 Als Beispiel stellen sie eine von ihnen durchgeführte Studie mit Kindern in einer Pariser Banlieue vor; für diese Kinder war Europa als diffuses Konstrukt nur schwer greifbar, weil Europa für sie keine alltägliche Selbstverständlichkeit darstellt und kaum Berührungspunkte vorhanden sind (vgl. Delory-Momberger/ Dupont 2011:31). 11 Diese Erkenntnis ermöglicht die in Kapitel 4.3. (Wie wirkt Kontakt?) angenommene duale Identität. 10 2.2.2 Genügt die Europäische Bürgerschaft zur Entstehung eines europäischen Demos? Wenngleich Bürgerschaft und Demos auf lexikalischer Ebene eine analoge Konzeption bezeichnen, so muss die Europäische Bürgerschaft deutlich von dieser abgegrenzt werden. Die folgende Definition von Demos (in Abgrenzung zum Ethnos) trägt zu einer besseren Unterscheidbarkeit der beiden Kontexte bei: Ethnos ist ein generischer Begriff für nicht-gewollte Gruppenmitgliedschaft, die sich gleichermaßen in einfachen, historischen und modernen Gesellschaften findet (Jenkins 1997). Auch die moderne Nation kommt nicht ohne ethnische Formen der Gruppenzugehörigkeit aus. Wir erwerben und erlernen unsere Mitgliedschaft als soziale Wesen immer und notwendig über partikulare Bindungen, über die Mutter, die Familie und Verwandtschaft, den Ort, wo man aufwächst. Zum Mitglied eines Demos werden wir erst, wenn wir zu einem Bürger einer politischen Gemeinschaft werden wollen, zu »Staatsbürgern«. Allerdings müssen eine solche Entscheidung nur wenige fällen: die meisten bleiben, wo sie sind und werden automatisch Teil eines Demos, das sich dann leicht mit dem Ethnos, aus dem man kommt, bis zur Unkenntlichkeit vermischt (Eder 2006: 41). In diesem Sinne kann Demos als eine mitunter aus einem Zugehörigkeitsgefühl entstehende Gemeinschaft (beziehungsweise Zivilgesellschaft) verstanden werden. Zugehörigkeitsgefühle sind, wie in Kapitel 3 (Grundlagen von Zugehörigkeitsgefühlen und Identität) gezeigt werden wird, die Grundlage für soziale Identität. Für Nationalstaaten ist dieser Prozess recht leicht nachvollziehbar, weil sich diese zumeist als Zwitter aus Ethnos und Demos darstellen (vgl. Eder 2000: 40). In Bezug auf Europa beziehungsweise die Europäische Union ist dies allerdings deutlich diffiziler, da kein gemeinsames Ethnos zugrunde gelegt werden kann. Hieraus folgt, dass sich ein europäisches Demos unabhängig von einem bestehenden Ethnos entwickeln muss. Zwar besteht eine formale Zugehörigkeit zur Europäischen Union für fast jeden Angehörigen eines der Mitgliedsstaaten der EU, allerdings ist diese über die nationale Staatsangehörigkeit vermittelt und auch an diese gebunden. Die formale Zugehörigkeit zu Europa kann von einem Individuum, das kein affektives Zugehörigkeitsgefühl aufweist, als sekundäre Nebenfolge der Zugehörigkeit zu seinem Nationalstaat interpretiert werden, gerade auch, weil aus der Europäischen 11 Bürgerschaft keine persönlichen Pflichten für den jeweiligen Bürger erwachsen. Der Weg von der Europäischen Bürgerschaft hin zu einem europäischen Demos kann also mitnichten quasi-automatisch ablaufen. Vielmehr ist es nach Dürr (2011: 21) notwendig, dass die „Bürger zu informierten, kritischen, partizipativen und verantwortungsbewussten Unionsbürgern [...]“ werden, also ein europäisches Bewusstsein in ihre Lebenswirklichkeit implementieren, und damit ein Gefühl von Zugehörigkeit und geteilten Werten zu erschaffen, woraus ein europäisches Demos entsteht. Die Frage, ob die Einführung von spezifischen Rechten für die Europäischen Bürger (neben der Schaffung der politischen Institutionen) genügt, um ein Zugehörigkeitsgefühl beziehungsweise eine europäisch ausgerichtete Identität zu schaffen, muss an dieser Stelle klar verneint werden. Trotzdem können die Rechte als Basis für die Förderung einer gemeinsamen Europäischen Identität gesehen werden, da durch sie, bei tatsächlicher Nutzung, für die breite Öffentlichkeit zugängliche Kontakt- und Kommunikationsräume entstehen können. Um die grundlegenden Mechanismen der Genese von Identität zu beleuchten, wird sich das nachfolgende Kapitel in deduktiver Form der personalen und sozialen Identität, Identifikationsprozessen und den psychologischen Grundlagen der Kategorisierung sowie deren Folgen widmen. 12 13 3 Grundlagen von Zugehörigkeitsgefühlen und Identität Sich des Begriffes Identität zu bedienen, führt aufgrund der im Feld der Sozialwissenschaften multivalent und teils auch konträr (vgl. Brubaker und Cooper 2000, 8) angelegten Konzeptualisierungen zu der Notwendigkeit, diesen Identitätsbegriff für den Rahmen der vorliegenden Arbeit zu definieren. Zweck der Definition kann es nicht sein, einen möglichst umfassenden Überblick über die verschiedenen Identitätstheorien zu geben, sondern eine für diese Arbeit funktionale Arbeitsdefinition zu entwerfen. 12 Der Definitionsproblematik widmet sich der erste Teil des nächsten Kapitels, um von hier aus deduktiv zu den Grundlagen der Identitätsgenese fortzuschreiten. 3.1 Personale und soziale/kollektive Identität Das Fundament einer Identität ist grundsätzlich die Abgrenzbarkeit und Unterscheidbarkeit eines Objektes durch seine Eigenschaften. Eine Identifikation geht aus der Interaktion eines Bezugsobjekts mit einem Individuum hervor und tritt dann auf, wenn ein Individuum eine positive Bewertung des Bezugsobjekts gepaart mit einer affektiven Verbundenheit zu ihm vornimmt (vgl. Mühler/Opp 2006: 18f.; Esser 1987: 109; Thomas 2015: 187). Identität ist also das Resultat und die Summe aller vergangenen Identifizierungsprozesse (vgl. Loth 2002: 93). Eine „Identifikation in diesem Sinne ist scharf zu unterscheiden von einer bloßen kognitiven Überzeugung“, sondern bedeutet 12 Eine ausführliche Übersicht über die mit dem Begriff Identität verbundenen Konzepte und die akademische Debatte findet sich unter anderem bei Brubaker/Cooper (2000) und Schildberg (2010); die Debatte wird an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. 14 vielmehr, dass eine Person sich „[...] verbunden fühlt oder [...] eine mehr oder weniger starke affektive oder emotionale Beziehung bzw. Bindung [zu einem Bezugsobjekt] hat“ (Mühler/Opp 2006:18). Kollektive Identitäten beziehungsweise soziale Identitäten bezeichnen all jene Identifikationsobjekte, die durch größere gesellschaftliche Gruppen gebildet werden. Eine gesellschaftliche beziehungsweise „soziale Gruppe stellt eine Anzahl von Individuen dar, die miteinander interagieren, Beziehungen unterhalten, sich als Einheit wahrnehmen, gemeinsame Ziele verfolgen und Strukturen [...] ausbilden, kurzum, die eine soziale wie psychologische Realität darstellen“ (Beelmann/Jonas 2009: 21). Zu den kollektiven Identitäten gehören insbesondere auch die nationale und europäische Identität. Diese und auch weitere soziale Identitäten bilden mit der personalen Identität die Grundlage für die »Ich-Identität« eines Individuums. Nach dem Identitätskonzept Eriksons (1966) ist es die „primäre Aufgabe des Ichs [...], eine gelungene Internalisierung sozialer Identitäten [...]“ vorzunehmen und „diese in eine persönlich konsistente [und kohärente] Form zu bringen und aufrechtzuerhalten [...]“ (Schildberg 2010:49). Dies deckt sich mit den Annahmen der Social Identity Theory13 von Tajfel und Turner (1986:16), die soziale Identitäten, welche auf der Selbstkategorisierung in bestimmte Gruppen beruhen, als zentralen Teil des Selbstkonzepts verstehen. Damit ist die zentrale Annahme verbunden, dass Individuen nach dem Erhalt oder der Verbesserung ihres Selbstkonzepts streben. Hierdurch wird allerdings die Annahme unbedingter Konsistenz bereits teilweise relativiert; zusätzlich hängt es durchaus auch von personalen und situationellen Faktoren ab, welche Aspekte des Selbstkonzepts in einem Moment mehr oder weniger zum Tragen kommen (vgl. Miller/Harrington 1997:204). Thomas (2015: 188) beschreibt Identität insofern als ein „Wechselspiel von Stabilität und Veränderungen, Kontinuität und Diskontinuität, Konsistenz und Inkonsistenz; Festigkeit, Gleichem, Bleibendem und Umstellung, Veränderung, Verlust, Verflüssigung und Neuentwicklung.“ „Sie stellt keinen abgeschlossenen Zustand dar, sondern akzentuiert sich in einem fortlaufenden Konflikt- und Differenzierungsprozess zwischen sozialer Erwartung und personaler Einzigartigkeit immer 13 Die Social Identity Theory of Intergroup Behavior (SIT) wird im nächsten Kapitel noch einmal genauer zur Sprache kommen. 15 wieder neu“ (Loth 2002: 93). Der Idee einer fortlaufenden Entwicklung von Identität folgt auch diese Arbeit. Wie eingangs erwähnt, basiert Identität im Allgemeinen auf der Abgrenzbarkeit und Unterscheidbarkeit des Bezugsobjekts. Um eine Unterscheidung vorzunehmen, ist es folglich notwendig, dass mindestens ein weiteres Objekt vorhanden ist, von dem sich das Bezugsobjekt unterscheidet. Im Feld der sozialen Gruppen wird also die eigene Bezugsgruppe, auch Ingroup genannt, von mindestens einer Outgroup mit divergierend wahrgenommenen Eigenschaften abgegrenzt. Dies stellt im sozialen Raum keine besondere Herausforderung dar, da sich eine Vielzahl von Gruppen und somit auch Identitäten anbietet. Es wird hierbei angenommen, dass (a) jede soziale Gruppe identitätsfähig ist und (b) jedes Individuum in der Lage ist, sich mit mehreren Bezugsobjekten gleichzeitig zu identifizieren (vgl. Walkenhorst 1999: 134; Mühler/Opp 2006:10; Thomas 2015, 189) Das Selbstkonzept eines Individuums wird also mitunter durch soziale Identitäten ausgebildet, welche sich wiederum durch die affektive Bindung an soziale Gruppen ausprägen. Grundlage der Entstehung solcher Gruppen ist die Schaffung von sozialen Kategorien, die ebendiese anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten voneinander unterscheidbar machen. Das nächste Unterkapitel wird insofern die Grundannahmen des sozialen Kategorisierens behandeln. 3.2 Soziales Kategorisieren Soziale Kategorien stellen für den Menschen das psychologische Ordnungssystem der Welt dar (vgl. Allport 1971 [1954]: 23; Gaertner/Dovidio 2000: 5). Es ermöglicht die „[...] Gliederung der Umwelt nach Gruppen von Elementen, die für bestimmte Zwecke gleichwertig sind und die sich unter Bezug auf diese Zwecke von anderen Gruppen von Elementen unterscheiden [...]“ (Tajfel 1975: 347). Hierbei besteht eine wechselseitige Beeinflussung zwischen der Wahrnehmung der Merkmale des zu kategorisierenden Elements und dem Kategoriensystem. Angemerkt sei, dass Merkmale von Elementen in aller Regel relational zu anderen Elementen betrachtet werden, die Wahrnehmung also vor allem durch Vergleich mit relevanten anderen Elementen beziehungsweise Kategorien vorgenommen wird (vgl. Tajfel 1975: 351). Es bestehen hierbei zwei verschiedene Wege: 16 Die erste Möglichkeit ist die induktive Kategorisierung, das heißt, dass „ein Element einer Kategorie aufgrund seiner Merkmale zugeordnet wird, wenn auch bestimmte Unvereinbarkeiten bestehen bleiben können“ (Tajfel 1975: 348). Als zweite Möglichkeit besteht der Weg der deduktiven Kategorisierung, was bedeutet, dass das Element mit Merkmalen angereichert wird, die auf andere Elemente einer Kategorie zutreffen, mit denen eine Ähnlichkeit angenommen wird (vgl. ibd.). Um die fast unendliche Zahl an Elementen zu gliedern, ist es unbedingt notwendig, dass während der Systematisierung in unserem mentalen System bestimmte Vereinfachungen vorgenommen werden. Einerseits führt dies dazu, dass wir überhaupt in der Lage sind, unsere Umwelt zu erfassen. Andererseits folgt aus dieser Simplifizierung aber auch, dass wir in der Lage sein müssen, unsere Umwelt in ihrer Komplexität in verhältnismäßig wenigen Kategorien abzubilden. Dies geschieht durch die Abgrenzung verschiedener Kategorien. 14 Hierdurch ist es vonnöten, die Merkmale der zu kategorisierenden Elemente so anzupassen, dass sie möglichst gut in das eigene mentale System einzuordnen sind. Dies führt zu sowohl Überschätzung der Ähnlichkeit von Individuen, die der gleichen sozialen Kategorie zugeordnet werden, als auch zur Überschätzung der Verschiedenheit von Individuen, die verschiedenen Kategorien zugeordnet werden. Dieser Umstand ist deswegen problematisch, weil einmal vorgenommene Kategorisierungen eine gewisse Wehrhaftigkeit gegenüber späteren Veränderungen aufweisen (vgl. Tajfel 1975: 348ff.). Dies geschieht durch „[...] Selektion, Akzentuierung und Interpretation [...]“ der abweichenden Informationen, „[...] bis sie die Kategorie wieder zu bestätigen scheint“ (Allport 1971 [1954] :185). Eine weitere Problematik ist dadurch gegeben, dass für bestehende Kategorien ein pars pro toto Rückschluss in Form einer Generalisierung vorgenommen wird, also die Eigenschaften einer ganzen Kategorie aus den Eigenschaften einiger weniger Repräsentanten abgeleitet werden (Gaertner/Dovidio 2000: 49). Im Umkehrschluss bedeutet dies: Solange wir eine Person nicht näher kennen, schreiben wir ihr die Eigenschaften der Kategorie beziehungsweise sozialen Gruppe zu, mit der wir sie in Verbindung bringen (vgl. Tajfel 1975: 351). 14 Ein gutes Beispiel für die Funktionsweise von Selbstkategorisierungen gibt Eder (2000: 43): Ein Individuum, dass sich vor einer Kontaktsituation mit französischen Frauen als Frau identifiziert hat, identifiziert sich nach der Kontaktsituation als deutsche Frau, weil die Abgrenzung über das Geschlecht situativ nicht genügt, um eine wahrgenommene Divergenz abzubilden. 17 Im Rahmen dieser Arbeit sind vor allem solche Kategorien relevant, mit denen sich die Individuen selbst ausstatten, um eine Einordnung an sich selbst vorzunehmen (Selbstkategorien) und die auf einer wahrgenommenen gemeinsamen Gruppenidentität (common identity) beruhen (»Ich fühle mich mit Europa verbunden«; »Wir Europäer«). Eine Selbstkategorisierung muss unterschieden werden von einer rein kognitiven Zuschreibung zu einer Kategorie; sie beruht vor allem auf einem affektiven Zugehörigkeitsgefühl (vgl. Beelmann/Jonas 2009: 22f.; Phinney/Ong 2007: 272) Der zugrunde liegende Mechanismus der Selbstkategorisierung und der darauf beruhenden sozialen Identität als Teil des Selbstkonzepts wurde von Tajfel und Turner (1986) im Rahmen ihrer Social Identity Theory of Intergroup Behavior15 beschrieben. Eine wesentliche Neuerung der Theorie besteht darin, dass die Betrachtung der intraindividuellen beziehungsweise interpersonalen Ebene um die intergruppale Ebene erweitert wird und angenommen wird, dass keine Beziehung lediglich auf einer der Ebenen ausgeprägt ist, sondern grundsätzlich beide Ebenen einen Einfluss aufweisen. Die Annahme, dass der intergruppale Fokus in einer Situation durch einen vorhandenen Konflikt zwischen den Gruppen verstärkt wird, wird insofern relativiert, als dass eine intergruppale Sichtweise auch ohne einen Konflikt oder unterschiedlich gelagerte Interessen vorliegen kann 16 (Tajfel/Turner 1986: 17). Die Theorie rückt außerdem den evaluativen Aspekt in den Blickpunkt: Sie geht erstens davon aus, dass jedes Individuum danach strebt, seine Selbsteinschätzung und damit seine Identität zu erhalten oder nach Möglichkeit zu verbessern. Zweitens wird angenommen, dass soziale Kategorien beziehungsweise soziale Gruppen mit einer Bewertung konnotiert werden, die von einem sehr positiven bis zu einem sehr negativen Spektrum reichen und diese Bewertungen einen Einfluss auf die soziale Identität des Individuums haben. Drittens erfolgt die Bewertung der eigenen Gruppe, wie bereits angesprochen, im Vergleich zu relevanten anderen Gruppen (Tajfel/Turner 1986: 17). Relevant bedeutet in diesem Kontext, dass die Bezugsgruppe des Vergleichs als ähnlich genug und damit vergleichbar wahrgenommen wird, und gleichzeitig die Verschiedenheit in der Situation als stark 15 Der grundlegende Mechanismus findet sich bereits bei Tajfel (1975). 16 Siehe hierzu das im nächsten Kapitel erläuterte minimal group-Experiment. 18 genug wahrgenommen wird, um eine Unterscheidung treffen zu können. Dieser Umstand lässt sich mithilfe der Selbstkategorisierungstheorie (Turner 1987) erklären: Diese geht unter anderem davon aus, dass Kategorisierungen auf verschiedenen Ebenen, die hierarchisch miteinander verbunden sind, angelegt werden. Hierbei ist jede Unterkategorie gänzlich in die nächst höhere inkludiert. Eine Differenzierung ist also genau dann möglich, wenn zwei Elemente auf einer superordinierten Ebene der gleichen Kategorie angehören, auf einer untergeordneten Ebene aber Divergenzen wahrgenommen werden (vgl. ibd: 45). Dieses Prinzip lässt sich mit Allports (1971 [1954]: 56) Rings of Inclusion verdeutlichen, der beispielhaft einige Zugehörigkeiten in ihrer hierarchischen Ordnung von innen nach außen zeigt. Abbildung 1: Rings of Inclusion. Quelle: Allport (1971 [1954]: 56; modifiziert: Der Begriff „Rasse“ wurde durch „Ethnie“ ersetzt). Ferner nimmt die Selbstkategorisierungstheorie an, dass auch die Situation, in der die Kategorisierung getroffen wird, dafür entscheidend ist, ob die Differenzierbarkeit relevant ist: So ist der Farbton der Haare zumeist kein relevantes Merkmal für eine Kategorisierung, trotzdem tritt es bei einem Friseur bei der Beratung seines Kunden eher in den Vordergrund als sonst. Turner (1987: 54f.) bezeichnet dies als relative Zugänglichkeit einer Kategorie; diese ist entscheidend, ob eine Unterscheidung in der Situation nach dieser grundsätzlich zur Verfügung stehenden Kategorie vorgenommen wird. Neben der Situation ist die Passung in eine Kategorie wichtig, also die Frage danach, wie gut ein Element durch seine Merkmale in eine Kategorie passt. Hierdurch wird das Element bei mehreren zur Verfügung stehenden Kategorien der ‚passenderen’ zugeordnet. Insgesamt ergibt sich, dass bei positiv verlaufenden Vergleichen die jeweilige Dimension der sozialen Identität gestärkt wird (Tajfel/Turner 1986:16f.). Im Falle eines negativ verlaufenden Vergleiches versuchen Individuen entweder, die eigene Gruppe durch 19 verschiedene Strategien aufzuwerten (soziale Veränderung) oder die Gruppe und damit das Identifikationsobjekt zu wechseln (soziale Mobilität) (Tajfel/Turner 1986: 9)17. Zusammenfassend muss Kategorisierung so verstanden werden, dass ihr eine gleichsam positive wie negative Rolle zufällt: Einerseits ist die Kategorisierung Grundlage dafür, dass wir uns selbst einer Gruppe zugehörig fühlen können (Ingroup); hierbei sind solche Zugehörigkeitsgefühle ein Teil der Grundlage unserer Identität. Andererseits negiert das Individuum die Zuordnung zur relevanten Vergleichskategorie in dem Moment, in dem es sich einer Kategorie zuordnet. Es entsteht jeweils eine Kategorie wir und eine die anderen. Insofern dienen Kategorien eben auch als Technik zur Aufrechterhaltung von Vorurteilen trotz ihnen widersprechender Informationen über die Outgroup (vgl. Allport 1971 [1954]: 37). Abbildung 2: Zusammenhang Kategorisierung und Identität. 17 Zum Beispiel durch den Wechsel der Vergleichsdimension, die Veränderung der Interpretation der Eigenschaften oder den Wechsel der Vergleichsgruppe (vgl. Tajfel und Turner 1986: 19ff.). Zwei weitere Strategien, nämlich die Dekategorisierung und die Rekategorisierung, werden im Rahmen der Kontakthypothese und der darauf aufbauenden Theorien behandelt. 20 Der in Kapitel 3.1. (personale und soziale/kollektive Identität) dargestellte Weg der Anlage von Identität muss also um die initiale Bildung von Kategorien erweitert werden, auf deren Grundlage dann Identifizierungen möglich sind. Hierbei sind weder Kategorien noch Identitäten starre Konstrukte, sondern müssen als fluide, situationell, relational, interaktiv und affektiv verstanden werden (vgl. Miller/Harrington 1997: 204). Im folgenden Unterkapitel wird dargestellt, welche Auswirkungen der Prozess der sozialen Kategorisierung und der damit verbundenen Identifizierung auf gruppale Prozesse hat. 3.3 Auswirkungen der sozialen Kategorisierung Um den Mechanismus der sozialen Kategorisierung und seine Auswirkungen besser verstehen zu können, seien zu Anfang zwei Experimente angeführt. Das erste Experiment, das hier vorgestellt wird, wurde von Sherif et al. (1954) im Zuge eines Jugendzeltlagers durchgeführt. Im Rahmen des Experiments wurde aus jeweils elf sich vorher unbekannten Kindern eine Campgruppe gebildet. In der ersten Phase hatten die zwei so entstandenen Gruppen keinerlei Begegnungspunkte; die Campleiter förderten in dieser Phase durch entsprechende Aktivitäten und durch Benennung18 gezielt die Ausformung von Gruppen mit engem sozialem Gefüge. Nach einer Woche trafen die beiden Gruppen in der zweiten Phase aufeinander; diese Situationen waren kompetitiv angelegt. Schnell zeigte sich, dass die Kinder nicht nur ihre eigene Gruppe bevorzugten, sondern auch Feindseligkeit gegenüber der anderen Gruppe aufbauten. In der dritten Woche wurden die kompetitiven Elemente des Camplebens zuerst durch non-kompetitive Elemente ersetzt, wodurch sich die Konfliktsituation allerdings nicht entschärfte. Erst durch einige Aufgaben, die nur durch Kooperation der Gruppen zum Erfolg geführt werden konnten, wurde das Verhältnis zwischen den Gruppen wieder harmonischer (vgl. auch Gaertner/Dovidio 2000: 6). Am hier beschriebenen Experiment von Sherif et al. zeigt sich, dass bereits in kurzer Zeit durch entsprechende Maßnahmen eine 18 Das Führen einer gemeinsamen Bezeichnung hat zur Folge, dass eine vorher diffuse mentale Repräsentation einer Gruppe deutlicher und vor allem leichter zu kommunizieren wird. 21 Selbstkategorisierung und eine Identifizierung mit einer willkürlichen Gruppe, die aus sich vorher Fremden gebildet wurde, möglich ist. Die Gruppenzugehörigkeit als Teil der Identität bleibt auch nach Absetzen der entsprechenden Maßnahmen stabil; der intergruppale Konflikt bleibt bestehen, genauso wie die Vermeidung der interpersonalen Ebene. Das „Faktum der Gruppenzugehörigkeit [ist in diesem Moment] wichtiger als die Eigenarten des Einzelnen“ (Thomas 2004: 164). Lediglich das aktive Gegensteuern durch Aktivitäten, die eine Zusammenarbeit der Gruppen notwendig macht, konnte die Gruppenzugehörigkeiten im Experiment teilweise relativieren. [Zusammenfassend] bleibt festzuhalten, dass im Verlauf des Zusammenlebens eine Gruppenstruktur mit einem Gefühl der Nähe und Zusammengehörigkeit herausgebildet wird und dass gleichzeitig mit wachsendem Zusammenhalt innerhalb der Gruppe eine Zunahme der Spannungen gegenüber anderen Gruppen zu verzeichnen ist (Thomas 2004: 164). Das zweite Experiment von Tajfel et al. (1971) zeigt noch deutlicher, wie wenig notwendig sein kann, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe mit allen sich daran anschließenden Folgen herzustellen. Für das Experiment wurden Schüler, die sich allesamt kannten, zwei verschiedenen Gruppen zugeteilt, die darauf beruhten, ob die jeweiligen Schüler eher Werke von Kandinski oder von Klee bevorzugten. Diese Gruppenzuweisung ist im Sinne des Experiments vollkommen willkürlich; es ist keine Echtsituation vorstellbar, in der ein solches Kriterium ein separierendes Potential haben könnte. Anschließend sollten die Versuchspersonen Geld nach bestimmten Schlüsseln unter zwei anderen Versuchspersonen aufteilen, von denen sie nur wussten, dass die eine Versuchsperson der eigenen Gruppe und die andere der anderen Gruppe angehört. Da sich die Gruppen weder im Vorfeld der Verteilung noch danach vorgestellt wurden und die Versuchspersonen die Konditionen des Experiments kannten, hatten die jeweiligen Gruppen in der Realität weder Repräsentanz noch Relevanz. Trotzdem zeigte sich, dass 72,3 Prozent der Versuchspersonen Mitglieder ihrer vermeintlich eigenen Gruppe bevorzugten (Tajfel et al. 1971:167f.). Das Experiment zeigt, dass Zugehörigkeitsgefühle zu einer Gruppe einen recht ausgeprägten Effekt haben, selbst wenn an die Mitgliedschaft keinerlei (positive oder negative) Erwartungen geknüpft werden können. Entscheidend für das Auftreten des Effekts ist lediglich, dass eine Identifizierung mit der Gruppe stattfindet. Diese ist im Rahmen des Experimentes zwar schwach, fragil und im Allgemeinen 22 unbedeutend, stellt aber das einzige verfügbare Unterscheidungskriterium für die Verteilung dar und erlangt so eine situative Wirkkraft.19 Die Konsequenz der vorgenommenen Kategorisierung liegt primär in der Bevorzugung der eigenen Gruppe und der Überhöhung der Ähnlichkeit innerhalb dieser (Ingroup-Bias) (vgl. Gaertner/Dovidio 2000:35). Dies führt dazu, dass Mitglieder unserer eigenen Gruppe bei uns ein höheres Ansehen genießen, beispielsweise Arbeitsergebnisse und Entscheidungen besser bewertet werden, wir eine höhere Empathie sowie mehr Toleranz und Kooperationsbereitschaft gegenüber ihnen aufbringen und generell eine geringere psychologische Distanz zu ihnen aufweisen; es entsteht ein Wir-Gefühl (Gaertner/Dovidio 2000: 38). Analog hierzu tritt außerdem eine Benachteiligung und die Überhöhung der Verschiedenheit der eigenen Selbst zur Fremdgruppe (»Outgroup-Bias«) auf, wobei die Ingroup-Bias deutlich dominanter ist (vgl. Allport 1971 [1954] ;55f.; Gaertner/Dovidio 2000:40). 20 Dollase (2001: 20) fasst dies treffend zusammen: „Das Wir-Gefühl führt dazu, dass innerhalb der Gruppe die Motivation, die Unterstützung, die Sympathie steigt bzw. größer wird [...]– die Schattenseite [dieser] Integration ist die Abgrenzung, die Desintegration von der Outgroup.“ Wie am Experiment von Sherif et al. (1954) ersichtlich, können Intergroup-Biases durch intergruppale Konflikte entstehen. Diese können prinzipiell durch jedwedes zufällige Merkmal entstehen, das eine Abtrennung zulässt und gleichzeitig ausreichend augenfällig ist (vgl. Gaertner und Dovidio 2000: 6). Allerdings zeigen Tajfel et al. (1971) mit ihrem minimal-group-Experiment, dass ein realer Konflikt, bei dem die jeweiligen Individuen bestimmte Interessen verfolgen oder feindselige Einstellungen gegenüber der anderen Gruppe hegen, nicht nötig zu sein scheint, damit eine Ungleichbehandlung zugunsten der eigenen Ingroup stattfindet. Es wurde bereits gezeigt, dass Kategorien und soziale Gruppen der Ordnung unserer Welt dienen. Sie ermöglichen uns, in einem bestimmten Rahmen Annahmen zu treffen, welche Eigenschaften Menschen, die zu einer bestimmten Gruppe gehören, wahrscheinlich auf- 19 Dieser Wirkmechanismus wird von Tajfel und Billig (1973) später als »minimal group paradigm« bezeichnet. 20 Dieser Zusammenhang wurde von Brewer (1999) treffend auf die Formel »Ingroup Love ≠ Outgroup Hate« gebracht. 23 weisen. Eine solche Annahme wird als Stereotyp bezeichnet und verknüpft unser Wissen, unsere Überzeugungen und unsere Erwartungen an und über eine Gruppe mit einem spezifischen Individuum (vgl. Degner et al. 2009:76f.). So nützlich dieser Mechanismus zur Schaffung einer mentalen Ordnung ist, so problembeladen ist er auf der anderen Seite, denn: desto weniger Berührungsfelder wir mit Individuen einer sozialen Gruppe haben, desto weniger (eigene) Erfahrungen stehen uns zur Verfügung, um eine Einschätzung über bestimmte Merkmale der Gruppe zu treffen und desto schlechter können wir einschätzen, wie übergreifend dieses Merkmal für die Gruppe ist. Es ist dadurch wahrscheinlich, dass eine Überzeugung, die wir zum Beispiel durch die Beobachtung eines Mitglieds einer Gruppe in einer spezifischen Situation gewonnen haben, zu einer allgemeinen Überzeugung in Bezug auf alle Gruppenmitglieder wird21. Hierbei ist es zwar so, dass Informationen über Individuen, die nicht konsistent mit den bereits vorhandenen gruppenspezifischen Stereotypen sind, besser memoriert werden, allerdings wird die Menge der Informationen, welche die gruppenspezifischen Stereotypen untermauern, tendenziell überschätzt (vgl. Degner et al 2009: 84). Außerdem wird noch gezeigt werden, dass bei zu starken Abweichungen von gruppenspezifischen Stereotypen Ausnahmen und Subgruppen gebildet werden. Hinzu kommt, dass soziale Gruppen in vielen Fällen nicht nur mit bestimmten Eigenschaften in unserem mentalen System verknüpft werden, sondern diese Eigenschaften und damit auch die Gruppen mit einer direkten und starken Bewertung versehen werden. Wir sprechen dann von Vorurteilen. Nicklas (2006:109) unterteilt Vorurteile in vier Aspekte: 1 Der kognitive Aspekt: Das Vorurteil behauptet eine »Erkenntnis« vom beurteilten Objekt [...]. 2 Der affektive Aspekt: Vorurteile sind mit einer starken gefühlsmäßigen Ablehnung verbunden [...]. 3 Der evaluative Aspekt: Das Vorurteil bewertet das Objekt negativ [...]. 4 Der konative Aspekt: Vorurteile sind Dispositionen für das Handeln [...]. Durch das Zusammenspiel aller vier Aspekte entsteht eine recht stabile und umfassende mentale Repräsentation einer Gruppe und der zugehörigen Individuen. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass die 21 Korrespondenzverzerrung, siehe Degner et al. (2009: 77). 24 Perspektive der Vorurteilsforschung der 1920er-Jahre, dass nämlich das Vorurteil ein „[...] gesellschaftlich auftretender, individuell verankerter Tumor [ist], den es zu identifizieren und eliminieren gilt“ (Reinders 2004: 93), sich in den 1950er-Jahren mitunter durch Allports Werk The Nature of Prejudice (1971 [1954]) radikal verändert hat. Fortan wurden Vorurteile als „normale [und teils notwendige] Prozesse der Identitätsentwicklung“ (Reinders 2004: 93) verstanden. Trotzdem weist auch Allport (1971 [1954]:28f.) auf die besondere Problematik des konativen Aspekts von Vorurteilen hin und stellt eine Fünf-Stufen-Skala bei, welche die Grade der von Vorurteilen motivierten Handlungen verdeutlichen soll. Diese reicht von Verleugnung über Vermeidung und Diskriminierung hin zu körperlicher Gewaltanwendung und Vernichtung. Weiterhin stellt er fest, dass „jede negative Einstellung dazu neigt, sich irgendwann und irgendwo auch in einer Handlung auszudrücken [...]. Und je größer die Abneigung ist, desto heftiger wird sie sich auch in feindselige Handlungen umsetzen“ (ibd.: 28). Damit Vorurteile eine Wirkung auf das Handeln von Individuen haben, müssen diese dem Individuum nicht einmal bewusst sein: Es kann vorkommen, dass eine Person, die sich für frei von Vorurteilen hält, trotzdem unintendierte Ablehnungsreaktionen in Form von situativem Diskomfort oder sogar Angst gegenüber anderen Individuen aufweist. Das Vorurteil wird hierbei nicht bewusst, sondern unterschwellig auf der affektiven Ebene verarbeitet. Gaertner und Dovidio (2000: 3) benennen dieses Phänomen als aversiven Rassismus und merken an, dass in dem Moment, in dem das Vorurteil und das damit verknüpfte Handeln von der vorbewussten Ebene auf die bewusste Ebene wechselt, ein Konflikt zwischen dem positiven Selbstbild (»ich bin frei von Vorurteilen«) und den eigenen aversiven Gefühlen auftreten kann. Dies könnte im Sinne der Theorie der sozialen Identität zu einer entsprechenden Reaktion führen (siehe Kapitel 3.2: soziales Kategorisieren). Im Rahmen dieser Arbeit wird Toleranz als Gegensatz beziehungsweise als Auflösung von Vorurteilen verstanden, wenngleich aktuell eine akademische Debatte um die Konzeptualisierung von Toleranz geführt wird. Beispielsweise vertreten Klein und Zick (2013:284ff.) die Auffassung, Toleranz müsse in verschiedene Dimensionen segmentiert werden, von denen nur die Dimension Wertschätzung schwächend auf Vorurteile wirkt. Hinzu kommt, dass sie Toleranz als 25 Ablehnung des Bezugsobjekts ohne das Auftreten einer konativen Folge verstehen (ibd.: 280). Toleranz im Rahmen dieser Arbeit ist vielmehr so zu verstehen, dass eine (möglicherweise nicht auflösbare) Unterschiedlichkeit beobachtet wird und evaluativ mindestens neutral, keinesfalls aber negativ bewertet wird. In dieser Konzeption können Toleranz und Vorurteile als negativ korrelierend angenommen werden. Als letzter Punkt sei noch der folgende Zusammenhang angemerkt: Es wurde aufgezeigt, dass das Fühlen von Zugehörigkeit zu Gruppen neben der ordnenden Funktion für Individuen mit einer hohen affektiven Bedeutsamkeit ausgestattet ist und sich hieraus eine positive Zugewandtheit zur eigenen Gruppe ergibt. Hieraus ergibt sich allerdings ein entscheidendes Dilemma: Wenn eine Situation genug Unterscheidbarkeit aufweist, dass sich eine Ingroup bildet, so entsteht gleichzeitig eine Outgroup in unserem mentalen System, da Kategorisierung durch Vergleich stattfindet. Hierdurch können, wie dargestellt, erhebliche negative Potentiale freigesetzt werden. Zusammenfassend zeigt sich, dass Kategorisierungen allgemein, sowohl solche zur Ingroup wie auch solche zur Outgroup, Verzerrungen im mentalen System hervorrufen. Es muss anerkannt werden, dass das Prinzip der Kategorisierung und die damit verbundenen Identifikationsprozesse, die in sozialen Identitäten münden, welche ihrerseits wiederum einen Teil des Selbstkonzepts eines Individuums ausmachen, unabänderlich ist. Worauf allerdings Einfluss genommen werden kann, ist, wie die Kategorien gebildet werden und in welchem Maße diese inklusiv sind. Eben dieser Problemstellung widmet sich das nächste Kapitel. 26 27 4 Welchen Einfluss hat intergruppaler Kontakt auf die Kategorisierung? Die Kontakthypothese An dieser Stelle sei noch einmal kurz auf das Experiment von Sherif et al. (1954) eingegangen: Hierbei trat der Effekt auf, dass sich in der ersten Phase durch Übungen mit einer kooperativen Ausrichtung binnen kürzester Zeit eine soziale Gruppe (Wir-Gruppe) mit dem Gefühl der Nähe und Zusammengehörigkeit erschaffen ließ. Mit dieser waren ihre Mitglieder stark genug identifiziert, damit in der zweiten Phase durch das Einbringen einiger kompetitiv ausgerichteter Aspekte Feindseligkeiten zu einer anderen Gruppe entstehen konnten. Viel mehr noch: Die Spannungen zur anderen Gruppe stärken den Zusammenhalt der eigenen Gruppe, „das Faktum der Gruppenzugehörigkeit wird wichtiger als die Eigenarten des Einzelnen“ (Thomas 2004, 164). Die dritte Phase des Experimentes zeigt dann, dass durch die gemeinsame Arbeit an übergeordneten Zielen, bei der eine gegenseitige Abhängigkeit besteht, die erworbene Ablehnung der Outgroup wieder relativieren kann. Allen drei Phasen ist gemein, dass es sich um Kontaktsituationen handelt, unterschiedlich sind allerdings die Bedingungen, unter denen die Individuen zusammentreffen. Abbildung 3: Effekt von Intergruppenkontakt auf die Verringerung von Vorurteilen. 28 Das nächste Kapitel befasst sich folglich damit, ob und unter welchen Bedingungen Kontakt einen Einfluss auf die Bildung von In- und Outgroups beziehungsweise eine mögliche Neuordnung (Rekategorisierung) von sozialen Gruppen hat. 4.1 Wann wirkt Kontakt? Die Bedingungen für das Wirken von Kontakt auf Intergruppenbeziehungen Die bahnbrechende Neuerung in Gordon W. Allports Werk The Nature of Prejudice (1971 [1954])22 liegt darin, dass durch sie ein Paradigmenwechsel 23 in der Vorurteilsforschung eingeläutet wurde. Hinzu kommt, dass erstmals Allport eine Systematisierung der Bedingungsfelder für positiven und gegen Vorurteile wirksamen Intergruppenkontakt vornimmt, die bis heute Gültigkeit beanspruchen kann. Dies ist deswegen so bedeutsam, weil der Kontakt zwischen Individuen, die verschiedenen Gruppen angehören, zwar einerseits zu einer Verbesserung der intergruppalen Beziehungen führen kann, aber ebenso auch zu intergruppaler Feindseligkeit. Dies ist beispielsweise am Experiment von Sherif et al. (1954) belegbar. Wenngleich Allport in seiner ursprünglichen Kontakthypothese hauptsächlich die Reduzierung von Vorurteilen ins Auge fasste, so wurde die Kontakthypothese durch die weitere Forschung dahingehend erweitert, dass sich an die Reduzierung von Vorurteilen auch Prozesse anschließen können, die zur Verschiebung der Gruppengrenzen führen können. Zu Unrecht wird Allport des Öfteren in der in der Folge publizierten Literatur mit dem Vorwurf belegt, er nähme an, Kontakt alleine führe zu einer besseren Intergruppenbeziehung. Dieser Irrtum führt bei mehreren Autoren zur generellen Ablehnung der Kontakthypothese24 (vgl. z.B. Engelbert/Herlth 200825). Vielmehr weist er (Allport 1971 [1954]: 230) darauf hin, dass Kontakt keine oder sogar negative Intergruppenprozesse zur Folge haben kann, wenn die Kontaktsituation nicht bestimmte Bedingungen aufweist: 22 Alle Belege im Rahmen dieser Arbeit rekurrieren auf die von Carl F. Graumann herausgegebene Ausgabe von 1971. 23 In Kapitel 3.3. (Auswirkungen von sozialer Kategorisierung) erläutert. 24 Im Folgenden wird die gesamte Theorieschule, die aus der Kontakthypothese hervorgeht, durch die Bezeichnungen »Kontakthypothese« beziehungsweise »Kontakttheorie« adressiert. 25 Bei Engelbert und Herlth (2008:454ff.) wird die Gruppenhypothese (siehe Winter 1984) als alternativer Wirkmechanismus angenommen. Hierbei wird lediglich der Gruppenkontext als Bereitstellung einer Lernsituation entscheidend. 29 Vorurteile [beziehungsweise intergruppale Störungen] können (außer sie sind zu tief in der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen verwurzelt) durch Kontakt mit gleichem Status [...] in der Verfolgung gemeinsamer Ziele verringert werden. Der Effekt wird größer, wenn der Kontakt durch die institutionelle Unterstützung sanktioniert wird (das heißt durch Gesetze, Sitten und örtliche Atmosphäre) und so angelegt ist, dass er zu einer Wahrnehmung gemeinsamer Interessen und allgemeiner Menschlichkeit beider Gruppen führt (Allport 1979 [1954]: 281; übersetzt, eigene Hervorhebungen). Diese Bedingungen werden von Allport zwar nicht weiter ausgeführt, in der weiteren akademischen Debatte um die Kontakthypothese aber immer wieder aufgegriffen: Die Bedingung gleicher Status bezieht sich bei Allport weitestgehend auf den Umgang von Minoritäten- und Majoritätengruppen, kann aber auch weiter ausgelegt werden und rekurriert auf eine erwartete und wahrgenommene Hierarchiefreiheit der Beziehung der aufeinandertreffenden Gruppen (vgl. Pettigrew 1998, 66). Die Verfolgung gemeinsamer Ziele meint, dass beide Gruppen eine gemeinsame und übergeordnete Zielsetzung ausweisen und die Individuen gleichzeitig bemüht sind, zur Erreichung dieser beizutragen (vgl. Pettigrew 1998, 66). Eng damit verbunden ist die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen, also eine Zusammenarbeit mit einem kooperativen Charakter (vgl. Pettigrew 1998, 67). Institutionelle Unterstützung durch Autoritäten, aber eben auch durch Sitten und eine Atmosphäre, die eine kooperative Kommunikationssituation erleichtern, tragen zur Etablierung von Normen der Akzeptanz bei (vgl. Pettigrew 1998, 67). Diese vier Bedingungen werden von den meisten Autoren als weiterhin gültig betrachtet (vgl. Aronson et al. 2010: 518; Brown/Hewstone 2005: 258; Pettigrew und Tropp 2006: 751), allerdings werden ihnen von verschiedenen Autoren unzählige weitere Bedingungen zur Seite gestellt.26 Diesbezüglich weist Pettigrew (1997: 173,182; 1998: 69f.) darauf hin, dass eine zu große Segmentierung dieser Bedingungen die Kontakthypothese beträchtlich schwächt und damit die allgemeine 26 Siehe hierzu beispielsweise Amir (1976: 288). 30 Gültigkeit verloren geht. Deswegen schlägt er unter Anerkennung der Korrektheit der Allport-Bedingungen weiter vor, die vier Bedingungen zu einer einzigen zusammenzufassen; nämlich dem intergruppalen Freundschaftspotential. Dieser Überlegung liegt zugrunde, dass die von Allport beschriebenen Bedingungen (und auch die vieler weiterer Autoren) durch die Bedingung »Freundschaftspotential der Kontaktsituation« inkludiert werden. (Pettigrew 1997: 182; Pettigrew und Tropp 2006: 751). Sinnvoll könnten die Allport-Bedingungen allerdings um einen Zusatz (Thomas 1991: 10) ergänzt werden, nämlich, dass gegenseitige Einstellungen zu Beginn des Kontaktes weder zu extrem noch zu negativ ausgeprägt sein sollten; diese Ergänzung lässt sich allerdings ohne weiteres unter Pettigrews Freundschaftspotential subsumieren. Abbildung 4: Bedingungen für den Abbau von Vorurteilen. Die Frage, wann Kontakt auf Intergruppenbeziehungen wirkt, wird von Allport (1971 [1954]) mit seiner Kontakthypothese zwar beantwortet, allerdings weist seine Theorie ein ganz erhebliches Defizit auf. Dieses liegt in der fehlenden Klärung der Fragestellung, durch welchen Mechanismus (warum?) und in welcher Form (wie?) Effekte auftreten. Dieser Fragestellung widmen sich die beiden nächsten Kapitel. 4.2 Warum wirkt Kontakt? Mechanismus und Mediatoren für die Wirkung auf Intergruppenbeziehungen Makroskopisch lässt sich der grundlegende Mechanismus der Kontakthypothese folgendermaßen beschreiben: Ein Individuum beziehungsweise eine Gruppe von Individuen wird einer Kontaktsituation mit einer Fremdgruppe ausgesetzt, die bestimmten Bedingungen genügt. Hierdurch verändern sich die Einstellungen der Individuen gegenüber der Outgroup. Um die Fragestellung zu klären, warum 31 Kontakt wirkt, muss der Wirkzusammenhang allerdings detaillierter untersucht werden. Kapitel 4.2.1. befasst sich daher mit dem Mechanismus der Kontakthypothese wie auch den anschließenden Prozessen, während Kapitel 4.2.2. die bei Allport fehlenden Mediatoren fokussiert. 4.2.1 Mechanismus In einer unter den angeführten Bedingungen stattfindenden Kontaktsituation wirken spezifische Mediatoren darauf hin, dass das Individuum Vorurteile abbaut beziehungsweise generell eine positivere Einstellung zu den Mitgliedern der anderen Gruppe gewinnt. Hinzu kommt, dass die entwickelten positiven Einstellungen nicht nur auf die in der Kontaktsituation anwesenden Mitglieder der Fremdgruppe angewendet werden, sondern unter bestimmten Bedingungen27 auf alle Mitglieder der Fremdgruppe generalisiert werden können. Die Generalisierung macht sich den Umkehrschluss der Annahme zunutze, dass wir einem Individuum, das wir nicht kennen28, zunächst einmal die Eigenschaften zuschreiben, die wir auch seiner sozialen Gruppe (beziehungsweise der kategorialen Repräsentation, der wir es zuordnen) zuschreiben. Durch diesen Mechanismus werden Vorurteile abgebaut beziehungsweise Intergroup-Biases reduziert (vgl. Allport 1971 [1954]: 285f.; Gaertner und Dovidio 2000: 49). Dieser grundlegende Zusammenhang wird unter anderem durch das Common Ingroup Identity Model (Gaertner et al. 1994; Gaertner/Dovidio 2000) und die Arbeiten von Brewer und Miller (1984;1988) um zwei weitere Mechanismen erweitert: Rekategorisierung Es besteht ein mutueller Zusammenhang zwischen der Veränderung von Einstellungen zur Outgroup und unserem kategorialen System. Im Rahmen dieser Wechselbeziehung ist es möglich, dass sich eben nicht nur Einstellungen zu bestimmten Gruppen beziehungsweise Kategorien verändern, sondern das kategoriale System selbst verändert wird. Hierbei werden die bisher herangezogenen Kategorien dahingehend inklusiver gestaltet werden, dass sie die Selbst gleichzeitig mit dem Anderen einschließen. Dieser Vorgang wird als Rekategorisierung 27 Die Typikalität der Outgroup-Mitglieder und die in der Kontaktsituation vorliegende Salienz werden an späterer Stelle in diesem Kapitel diskutiert. 28 In diesem Falle Individuen, die zwar der entsprechenden Outgroup angehören, aber nicht selbst Teil der Kontaktsituation sind. 32 bezeichnet (vgl. Gaertner und Dovidio 2000: 40). Einen Ansatz, mit dem dieser Umstand zu erklären ist, bietet das Selbsterweiterungsmodell von Aron et al. (2004). Die Grundannahmen besagen, dass 1 die zentrale Motivation menschlichen Handelns die Selbsterweiterung ist und 2 dass der Weg, über den Menschen eine solche Selbsterweiterung suchen, über enge Bindungen vermittelt ist, die den Anderen in die Selbst inkludieren (Aron et al. 2004: 103; übersetzt). Nach Aron (2004: 120,123) ist sowohl die Selbstkategorisierung in eine soziale Gruppe wie auch die Erhöhung der Inklusivität einer Kategorie unseres mentalen Systems zur Einbindung einer vormaligen Outgroup eine Selbsterweiterung. Bei einer Rekategorisierung bleibt das Prinzip der Kategorisierung als solches stabil, es wird lediglich die Ingroup erweitert beziehungsweise eine höhergeordnete Kategorie bemüht, die die ehemalige In- und Outgroup einschließt. Hierbei bleibt die Wahrnehmung auf einem gruppalen Level bestehen. Die Rekategorisierung stellt zugleich eine Strategie in Folge eines nicht zufriedenstellenden Vergleiches im Sinne der Theorie der sozialen Identität (Tajfel/Turner 1979) dar (vgl. Gaertner und Dovidio 2000: 42,46). Dekategorisierung Anders als bei der Rekategorisierung, bei der die Wahrnehmung auf dem intergruppalen Level bestehen bleibt, verlagert sich der Fokus bei der Dekategorisierung auf die interpersonale Ebene. Dies geschieht dadurch, dass in unserer Selbstwahrnehmung das Bewusstsein, Teil einer Gruppe zu sein, in den Hintergrund tritt und wir uns selbst als eigenständiges Individuum betrachten. Während unsere Selbstwahrnehmung das Level wechselt, verändert sich auch unsere Fremdwahrnehmung: Wir sehen eine Person, die wir zuvor als Mitglied einer Outgroup wahrgenommen haben, weniger als Bestandteil ihrer Gruppe mit den ebendiesen zugeschriebenen Eigenschaften, als vielmehr als eigenständige Person.29 Es kommt darauf folgend ein interpersonaler Kontakt zustande; insofern sprechen Brewer und Miller (1988: 318) in diesem Zusammenhang von einer Personalisation. Die 29 Dass durch Kontakt die Wahrnehmung von einer intergruppalen auf eine interpersonale Ebene wechseln kann, zeigen auch schon frühere Studien (z.B. van Til und Raths 1944). 33 gruppenbasierte Zuschreibung von Eigenschaften durch Stereotype verliert in diesem Moment ihre Validität, weil sie sich nicht gegen den Austausch auf der personalen Ebene behaupten kann. Dies steht damit in Zusammenhang, dass einer der originären Zwecke des kategorialen Systems, wie bereits gezeigt, die Simplifizierung unserer Realität ist und die Flut von nun einströmenden individuellen Informationen mit dem System nicht mehr zu verarbeiten ist. Hinzu kommt, dass die interagierenden Individuen wahrscheinlich in anderen Kategorien eine Similarität aufweisen, beispielsweise eine gemeinsame Leidenschaft für eine Sportart oder eine Musikgruppe, welche die Differenz in der zunächst in den Blick genommenen Kategorie relativieren.30 In Bezug auf die Outgroup führt dies, eine Generalisierung vorausgesetzt, zu einer Verringerung der Intragruppenhomogenität beziehungsweise einer stärkeren Differenzierung der Outgroup und der eventuellen Falsifizierung von Stereotypen (vgl. Brown und Hewstone 2005: 262f.). Abbildung 5: Anschließende Prozesse. Typikalität Wenngleich beide Mechanismen auf zwei verschiedenen Ebenen stattfinden, so ist es dennoch möglich, dass Rekategorisierung und Dekategorisierung parallel und in einer sich gegenseitig ergänzenden Form ablaufen (Gaertner/Dovidio 2000: 46). Damit die beiden Prozesse aber auch generalisierend wirken, ist es vonnöten, dass die Outgroup- Mitglieder eine gewisse Typikalität für ihre Gruppe aufweisen. Das bedeutet, dass die Outgroup-Mitglieder lediglich eine „[...] dosierte Diskrepanz zu den stereotypen Erwartungen aufweisen [...]“ (Degner et al. 2009:87) dürfen, weil sie sonst nicht als typisches Mitglied beziehungsweise Vertreter ihrer Gruppe gesehen werden und insofern 30 Brown und Hewstone (2005: 263) sprechen hier von einer »crosscategorization«, siehe hierzu auch Stößel et al. (2009:102f.). 34 eine kategoriale Ausnahme gebildet wird. Diese wird dann in Form eines eigenen »Subtyps« verarbeitet, der einen deutlich geringeren Einfluss auf die Wahrnehmung der gesamten Gruppe hat (vgl. ibd.; Allport 1979 [1954]: 37). Gaertner und Dovidio (2000: 49) sehen in der mangelnden Typikalität sogar den Hauptgrund für das Scheitern von Generalisierungen. Daran schließt unmittelbar die nachfolgend zur Sprache gebrachte Salienz-Debatte an. Salienz Eine wesentliche Debatte, die im Rahmen des Mechanismus noch angesprochen werden muss, liegt in der Fragestellung, inwiefern eine Kontaktsituation Salienz aufweisen muss. Hierbei wird zwischen der intergruppalen Salienz, also eine augenscheinliche Sichtbarkeit der Gruppenzugehörigkeit der verschiedenen Individuen, und der interpersonalen Salienz, also die Unterscheidbarkeit der Individuen, unterschieden. Die Diskussion bezieht sich zumeist auf die intergruppale Salienz und hängt eng mit der relativen Zugänglichkeit31 der jeweiligen Kategorie zusammen. Die Positionen sind hierbei hochgradig divergent und reichen von der Notwendigkeit der Reduzierung bis zur unbedingten Erhöhung der Salienz, damit eine Generalisierung stattfinden kann. So vertreten vor allem Brown und Hewstone (2005: 257,270) die Auffassung, dass Salienz eine zentrale Rolle bei der durch eine Kontaktsituation herbeigeführten Intragruppen-Differenzierung und Intergruppen-Assimilierung sowie der Generalisierung einnimmt. Dies begründen sie damit, dass die im mentalen System des Rezipierenden bestehende Verbindung zwischen dem Individuum, das einer Outgroup angehört und der Outgroup nur dann dem interpersonalen Austausch standhält, wenn die wahrgenommene Zugehörigkeit offensichtlich erkennbar bleibt. Eine starke Dekategorisierung als Grundlage für eine generalisierte Veränderung von Stereotypen wird von ihnen wegen der damit verbundenen massiven Schwächung des Rückschlusses auf die Ursprungsgruppen abgelehnt; insofern wird Salienz als Moderator angenommen (vgl. Brown und Hewstone 2005: 276,320). Eine anfänglich angenommene negative Wirkung von hoher intergruppaler Salienz mit geringer interpersonaler Nähe wird später von ihnen verworfen (ibd.: 288). 31 Siehe hierzu Kapitel 3.2. (soziales Kategorisieren). 35 Die Gegenposition hierzu nehmen Brewer und Miller (1984, 287ff.) ein. Sie gehen davon aus, dass Intergruppen-Biases nur dadurch abgebaut werden können, dass ein persönlicher Kontakt zwischen den Mitgliedern ohne die Betonung der verschiedenen Herkunftsgruppen stattfindet. Hierdurch soll verhindert werden, dass initial das Gefühl von Unterschiedlichkeit verstärkt wird, das sich negativ auf die Kontaktsituation auswirken könnte. Der fortschreitende interpersonale Kontakt kann nach Brewer und Miller (1984: 288f.) „[...] die Verfügbarkeit und Nützlichkeit von kategorialer Identität als Basis für zukünftige Begegnungen mit denselben oder anderen Individuen unterminieren“ [...; übersetzt]. Pettigrew (1998) führte im Rahmen seiner Intergroup Contact Theory eine sequenzierte Integration der beiden Positionen durch, dies durch einen initialen Kontakt bei niedriger intergruppaler Salienz gefolgt von einer Phase mit hoher Salienz zur Herausbildung einer höhergeordneten gemeinsamen Identität. Das Problem hierbei ist offensichtlich: Es dürfte kaum möglich sein, eine tatsächliche Kontaktsituation in einer so filigranen Art zu sequenzieren, vielmehr laufen die Prozesse in der Echtsituation parallel ab (vgl. Brown und Hewstone 2005:328). Eine letzte Position, nämlich, dass die Salienz auch unbeeinflusst in aller Regel hoch genug ist, um eine Generalisierung zuzulassen, bieten unter anderem Aron et al. (2004: 123) und Rothbart und John (1985; nach Pettigrew 1997:182) an. Gestützt wird diese Position durch das erste Kontinuum der SIT (Tajfel/Turner 1986: 8), das besagt, dass weder rein interpersonale noch rein intergruppale Beziehungen in der Realität auftreten, sondern beide Aspekte in jeder Interaktion wirken. Empirisch lässt sich dies durch Pettigrew und Tropp (2006:751) untermauern, die in ihrer breit angelegten Metaanalyse zu dem Schluss kommen, dass Kontakt typischerweise generalisierende Effekte nach sich zieht, ohne dabei die intergruppale Salienz näher ins Auge zu fassen. Dieser Position folgend, wird intergruppale Salienz als Kriterium für den empirischen Teil dieser Arbeit verworfen. Nachdem im vorangegangenen Kapitel die Bedingungen für das Wirken von Kontakt und in diesem Kapitel der Pfad des Einflusses von Kontakt auf intergruppale Einstellungen beziehungsweise die Verlagerung von Gruppengrenzen geklärt wurden, wird das nächste Kapitel diskutieren, welche Faktoren zwischen Kontakt und der Veränderung intergruppaler Einstellungen vermitteln. 36 4.2.2 Mediatoren Gordon W. Allport (1971 [1954]:281) postulierte in seiner Kontakthypothese, dass es ganz wesentlich [...] zu sein [scheint], dass der Kontakt unter die Oberfläche dringt, um Vorurteile wirksam zu ändern. Einzig jene Art von Kontakt, die Leute dazu bringt, gemeinsam etwas zu tun, scheint eine Chance zur Änderung von Einstellungen zu haben. Eine Erklärung, warum Kontakt zu den besagten Veränderungen führt, bleibt er allerdings schuldig. Hieraus ergibt sich das bereits angesprochene, vielfach kritisierte (vgl. Pettigrew 1998: 70) theoretische Defizit der ursprünglichen Kontakthypothese: Sie gibt keine Auskunft über mediierende Prozesse. Einen wesentlichen Beitrag zur Klärung dieses Desiderates leisten Pettigrew und Tropp (2008) mit ihrer metaanalytischen Testung verschiedener Mediatoren. Ihnen ist gemein, dass durch positiven Kontakt ein Dissens zwischen der eigenen Wahrnehmung beziehungsweise dem eigenen Empfinden und einer vor der Situation erworbenen negativen Einstellung (Vorurteil) entsteht und das Individuum nach Auflösung dieses Widerspruches strebt (vgl. Petigrew 1998: 71). Im Folgenden werden die Mediatoren kurz vorgestellt: Erhöhung des Wissens über die Outgroup Der erste von Pettigrew und Tropp (2008) untersuchte Mediator liegt auf der kognitiven Ebene und besteht im Lernen beziehungsweise der Erhöhung des Wissens über die Outgroup. Wenngleich Allport (1971 [1954]:272) keine Mediatoren benannt hat, so lässt er im Zusammenhang mit einer von ihm angeführten Studie durchblicken, dass er im Wissen über die Outgroup einen wichtigen Faktor sieht („Die Wirkung dieser Kenntnisse erweiternden Kontaktes war positiv und anhaltend“). Grundlegend hierfür ist die Annahme, dass, wenn negative Einstellungen gegenüber einer Outgroup erlernt werden können, dies auch für positive Einstellungen gelten muss. Der mediierende Effekt begründet sich dadurch, dass durch das Erlangen von Informationen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Gruppen hervortreten und hieraus ein gegenseitiges Verständnis erwächst (vgl. Stephan und Stephan 1984: 238). Gleichzeitig wird Anxiety32 reduziert; es ent- 32 Der Begriff »Anxiety« enthält anders als der deutsche Begiff »Angst« auch vorbewusste und diffuse Zustände von Unwohlsein und wird deswegen im Rahmen dieser Arbeit beibehalten. 37 steht Sicherheit durch einen zutreffenderen Pool an Informationen (vgl. ibd: 249; Zick 1998: 9). Allerdings: Während Pettigrew (1998: 71) die Erhöhung des Wissens über die Outgroup für einen wichtigen Prozess unter einigen anderen hielt und damit der Tradition der Kontaktforschung folgte, zeigen Pettigrew und Tropp (2008: 927; 2011: 80) durch ihre Metaanalyse, dass „Erhöhung des Wissens bestenfalls einen geringen Effekt auf die Reduktion von Vorurteilen hat“ (2008:80). Generierung affektiver Bindungen /Empathie Der zweite als mediierend angenommene Prozess liegt in der Erzeugung von affektiven Bindungen zwischen Mitgliedern der In- und Outgroup beziehungsweise der Entstehung von mutueller Empathie. Nach Pettigrew und Tropp (2008: 927) versetzt enger Kontakt die in der Situation inbegriffenen Individuen in die Lage, die Perspektive des Anderen einzunehmen und Empathie für die Belange der Outgroup aufzubauen. Die Begründung, warum affektive Bindungen ein Mediator im Prozess Intergruppenkontakt→ Verringerung von Vorurteilen sind, liefert unter anderem die in Kapitel 4.2.1. (Mechanismus) angesprochene Selbsterweiterungshypothese von Aron et al. (2004:103). Der Zusammenhang besteht insofern, als dass Menschen nach Selbsterweiterung streben, die wiederum auf Grundlage enger Bindungen vorgenommen wird. Hierbei würde die Beibehaltung von Vorurteilen und ausgrenzendem Verhalten gegen den Erhalt eines positiven Selbstbildes im Sinne der Social Identity Theory (Tajfel/Turner 1986) verstoßen. Nach Pettigrew und Tropp (2011: 83) verlaufen circa 30 Prozent des Prozesses über den Pfad Intergruppenkontakt→ Empathie → Verringerung von Vorurteilen; die Effektstärke ist zwar nicht ganz so ausgeprägt wie bei der eng mit ihr verbundenen Reduktion von Anxiety, aber dennoch deutlich stärker als für die Erhöhung des Wissens. Reduzierte intergruppale Anxiety Als dritten Mediator führen Pettigrew und Tropp (2008:923) die reduzierte intergruppale Anxiety an. Anxiety gegenüber einer Fremdgruppe kann als diffuses und vorbewusstes Gefühl bestehen und in einer entsprechenden Situation aktiviert werden, zum Beispiel zu Beginn einer Kontaktsituation mit Mitgliedern der Fremdgruppe. Die Folge von intergruppaler Anxiety ist vor allem eine geringere Varianzwahrnehmung in Bezug auf die Outgroup (vgl. Brown/Hewstone 38 2005:287f.).33 Durch verschiedene Studien (siehe hierzu Pettigrew/ Tropp 2011: 81) konnte sowohl auf der subjektiven Ebene wie auch über Messung von körperlichen Indikatoren gezeigt werden, dass Individuen, die sich bereits in einer Kontaktsituation mit der Fremdgruppe befunden haben, eine reduzierte intergruppale Anxiety aufweisen. Da der Prozess sukzessive abläuft, ist er auch auf länger andauernde Kontaktsituationen übertragbar; es besteht generell eine negative Korrelation zwischen positivem Kontakt und Anxiety (Pettigrew und Tropp 2008:767). Die reduzierte intergruppale Anxiety mediiert ungefähr 31 Prozent des Prozesses und weist mit Abstand die größte Effektstärke auf (Pettigrew/Tropp 2011: 83).34 Abbildung 6: Mediatoren des Prozesses. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Prozess des Abbaus von Vorurteilen durch Intergruppenkontakt hauptsächlich über affektive und nicht über kognitive Pfade verläuft. Pettigrew und Tropp (2005:1147) sehen als maßgeblichen Grund hierfür, dass Stereotypen 33 ein Modell des Wirkzusammenhangs zwischen Kontakt, Anxiety und Bewertung der Outgroup findet sich ebenda. 34 In der akademischen Debatte wurden eine Vielzahl weiterer Mediatoren angenommen, allerdings sind diese nicht ohne ähnlich aufwändige Metastudien wie die von Pettigrew und Tropp (2006) zu prüfen; einige der diskutierten Mediatoren (Verhaltensänderung gegenüber der Outgroup; Neubewertung der Eigengruppe (vgl. Zick 1998: 9f)) dürften zudem eher als Outcome betrachtet werden. 39 und Kategorien auf der kognitiven Ebene träger sind. Hinzu kommt, dass die beiden affektiv ausgerichteten Mediatoren reduzierte Anxiety und Empathie positiv miteinander korreliert sind (Pettigrew und Tropp 2008: 928). In diesem Zusammenhang weisen Pettigrew und Tropp (2008:929; 2011:84) die Fragestellung, ob beide Mediatoren in einer Kausalkette (Abbau von initialer Anxiety, anschließend Aufbau von Empathie) angeordnet werden können, als Desiderat aus. 4.3 Wie wirkt Kontakt? Auswirkungen von positivem Intergruppenkontakt auf die Intergruppenbeziehung Der Abbau von Vorurteilen durch Intergruppenkontakt als Basis der Kontakthypothese und aller auf ihr aufbauenden Theorien, wurde im Rahmen dieser Arbeit bereits hinlänglich diskutiert. Dieses Kapitel widmet sich noch einmal den bereits auf der funktionalen Ebene betrachteten Folgemechanismen Dekategorisierung und Rekategoriserung und deren Auswirkungen auf die soziale Kategorisierung, die Basis unserer sozialen Identität ist. Deren Effekte werden im Sinne der Anschaulichkeit anhand der Untersuchung von Sassenberg und Matschke (2009) diskutiert. Sie untersuchten, inwiefern ein Auslandsjahr auf die soziale Identität der entsprechenden Schüler wirkt. Es bildete sich bei einem großen Anteil der Versuchspersonen eine neue soziale Identität heraus (ibd.: 150). Diesem Vorgang liegen sowohl die De- als auch die Rekategorisierung zugrunde: Die Schüler sind während ihres Auslandsjahres unzähligen Kontaktsituationen ausgesetzt, die ein großes vergleichend-evaluatives Potential in Bezug auf Normen und Gebräuche der eigenen Herkunftsgruppe und der Fremdgruppe aufweisen. Hieraus wird in aller Regel folgen, dass die eigene Kultur nicht mehr als alleiniges Modell, sondern als eines von vielen möglichen betrachtet wird. Diese Reduktion von Ethnozentrismus bezeichnet Pettigrew (1997) als Deprovinzialisierung. Mit diesem Prozess geht einher, dass die jeweiligen Individuen immer besser in der Lage sind, sich in der vormals fremden Kultur zu bewegen; das beklemmende Gefühl, das mitunter aus der Unsicherheit, welches Verhalten kulturell angemessen ist, entsteht, schwindet (vgl. Brown und Hewstone 2005: 286). Hieraus eröffnet sich das Potential für die Herausbildung von Cross-Group-Freundschaften. Durch das Entstehen solcher Freundschaften wird der bereits angesprochene Mechanismus der Selbsterweiterung angeregt (vgl. Aron et al. 2004). Hierdurch öffnet sich gleichzeitig das Feld für eine positivere 40 Bewertung der gesamten Outgroup durch Generalisierung (vgl. Tropp/Pettigrew 2005: 1146; Brown/Hewstone 2005: 267). Weiterhin zeichnen sich durch den längerfristigen Kontakt mit einer vormals fremden Kultur und die Involvierung in die Aktivitäten und den Alltag zwar sicherlich, wie oben erwähnt, einige Differenzerfahrungen zur eigenen Kultur ab, aber das Gros der Alltagserfahrungen weist zumindest Ähnlichkeiten zum bisherigen Erfahrungshorizont auf. Hinzu kommt, dass bei einer längerfristigen gemeinsamen Gestaltung des Alltags eine gewisse Assimilation in Richtung der Hostkultur erwartbar ist. Dies kann insgesamt dazu führen, dass die Gastschüler eine gewisse normative Passung ihrer Selbst (ein hohes Maß an Zugänglichkeit ist schließlich erwartbar) in die vormalige Outgroup empfinden („Wenn ich wie sie handle, bin ich wie sie“ (Sassenberg/Matschke 2009: 149; übersetzt)). Dieser Problemstellung ist in aller Regel nicht durch soziale Mobilität im Sinne von Tajfel und Turner (186: 9f.) zu begegnen, insbesondere, weil ein hohes Maß an Identifizierung mit der Herkunftsgruppe verbunden ist. Gleichzeitig würde die Beibehaltung einer die vormalige Fremdgruppe ausschlie- ßenden Identität das Prinzip der Selbsterweiterung (Aron et al. 2004) und das Streben nach einer positiven sozialen Identität (Tajfel/Turner 1986) verletzen. Einen Weg, dieser Problematik zu begegnen, bieten Gaertner und Dovidio (2000:33;42) mit dem »Common Ingroup Identity Model« an: Sie nehmen an, dass eine Rekategorisierung unter der gleichzeitigen Beibehaltung der Herkunftsidentität vorgenommen wird, sich also eine duale Identität herausbildet. Die neue gemeinsame Identität wird auf einer höheren, beide Gruppen mit einschließenden kategorialen Ebene (siehe Abbildung 1: Rings of Inclusion) gebildet. Angewendet auf das Zusammenspiel zwischen nationaler und europäischer Identität bleibt also die nationale Identität bestehen und wird durch die höhergeordnete inklusivere europäische Identität ergänzt. Anders als bei einem Wechsel der sozialen Gruppe wird die Selbstkategorisierung des Individuums durch eine duale Identität lediglich erweitert, wodurch eine Dissonanz zwischen beiden Identitäten praktisch ausgeschlossen wird, es seid denn, die Ursprungsgruppe wäre hochgradig exklusiv angelegt. Hieran kann sich sogar ein weiterer Effekt anschließen: Wright et al. (1997) vertreten die Annahme, dass bereits genügt, dass es in der 41 eigenen Gruppe Individuen gibt, die Freundschaften zu einer Outgroup unterhalten, um die Einstellung von anderen Mitgliedern zur Outgroup positiv zu beeinflussen (Erweiterte Kontakthypothese). Ferner zeigt Pettigrew über die Messung der Einstellung zu Migration (1998: 75), dass Individuen, die eine Freundschaft mit einem Outgroup-Mitglied führen, auch positivere Einstellungen gegenüber anderen Outgroups aufweisen. Es ergeben sich insofern weit über die Kontaktsituation hinausgehende Generalisierungen; dies untermauert noch einmal, wie wirkmächtig positiver Intergruppenkontakt ist. Im Zusammenhang mit exklusiven, nach außen stark abgegrenzten Gruppen und den zugehörigen Individuen findet sich eine letzte zu bedenkende Schwierigkeit in der Forschung zu Intergruppenkontakt: So konnten Pettigrew und Tropp (2006: 753f.) zeigen, dass Individuen, die mit starken Vorurteilen behaftet sind, eine deutlich höhere Aversion dagegen aufweisen, sich einer Kontaktsituation mit einer Fremdgruppe auszusetzen. Gleichzeitig ist der Effekt in den Settings, in denen die Teilnahme nicht freiwillig geschieht, am höchsten. Pettigrew (1998:69) nennt diesen Effekt Selection Bias. Dies lässt darauf schließen, dass die psychologische Disposition von Individuen einen Einfluss darauf hat, ob sie freiwillig an solchen Kontaktsituationen teilnehmen. Ein derartiger Zusammenhang findet sich auch bei Stößel et al. (2009: 101): Je höher die Offenheit für Erfahrung ausgeprägt ist, desto geringer sind die Vorurteile, und zwar weitgehend vermittelt über eine geringere Ausprägung in Autoritarismus. Je höher die Verträglichkeit ausgeprägt ist, desto geringer sind die Vorurteile, und zwar weitgehend vermittelt über eine geringere Ausprägung in der sozialen Dominanzorientierung. Zusammenfassend ist Intergruppenkontakt, der so angelegt ist, dass sich aus ihm potentiell Freundschaften ergeben können, in der Lage, Einstellungen von Individuen gegenüber einer Outgroup positiv zu verändern. Dies geschieht über die Pfade Erhöhung von Wissen über die Outgroup, Erhöhung von Empathie und Reduktion von Anxiety. Hierbei werden unter der Bedingung, dass die in der Kontaktsituation stehenden Outgroup-Mitglieder als ausreichend typisch für ihre Gruppe wahrgenommen werden, Generalisierungen auf die gesamte Outgroup und teilweise auch auf andere Outgroups vorgenommen. Überdies können durch Intergruppenkontakt über den Weg der De- und Rekategorisierung Gruppengrenzen übergreifende Freundschaften sowie gemeinsame, übergreifende Kategorien ausgebildet werden. 42 Das nächste Kapitel wird sich damit befassen, warum die hier diskutierte Kontakthypothese gerade für Jugendliche wirksam ist; ferner, warum Jugendbegegnungen besonders dafür geeignet sind, Kontaktsituationen zwischen Jugendlichen zu ermöglichen. Abbildung 7: Wirkung von Kontakt auf die Bildung einer gemeinsamen Kategorie. 43 5 Jugend in Kontakt: Warum ist Kontakt gerade bei Jugendlichen wirksam? Das Jugendalter ist nach Erikson (1966: 105) in Bezug auf die bisher erworbene Identität eine Phase des Umbruchs, in der „[...] alle Identifizierungen und Sicherungen, auf die man sich früher verlassen konnte, [...] erneut in Frage gestellt [werden]“ (Erikson 1966: 105). Einerseits lösen die daraus resultierenden Unsicherheiten gewisse Krisen aus, andererseits ist gerade durch sie die Möglichkeit gegeben, dass der Jugendliche sich in einem reflexiven Prozess auf die Suche nach seiner Selbst macht. Das nachfolgende Kapitel setzt sich insofern mit der Identitätsbildung und dem Einfluss, den intergruppaler Kontakt in dieser Lebensphase haben kann, auseinander. Im zweiten Teil des Kapitels wird hieran anschließend die besondere Kontaktsituation Jugendbegegnung diskutiert. 5.1 Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener sozialer Gruppen allgemein Thomas (2015: 189) beschreibt die Jugend als besondere Phase des Umbruchs und der Neuordnung wie folgt: Die Aufgabe von Jugendlichen ist es, in der Realität relevante Verpflichtungen einzugehen, was sich darin zeigt, dass sie Entscheidungen treffen [...] und sich mit Werten, Normen, Sitten, Gebräuchen, Alltagsroutinen und Selbstverständlichkeiten identifizieren und so eine eigene Art der Lebensführung entwickeln. Besonders in der Entwicklungsphase der mittleren Adoleszenz, also der Lebensphase von 13–17 Jahren, kommt es oft zu Konflikten zwischen bereits entwickelten individuellen Identitäten, an anderen beobachteten und für relevant gehaltenen Identitäten, der Diffusion 44 von Identitäten und einer bewussten Auseinandersetzung mit einer durchaus noch labilen Selbstdefinition [...]. In jedem Fall geht es immer um soziale Vergleichsprozesse mit bedeutsamen Personen und Gruppen und mit Vergleichsprozessen innerhalb der eigenen Gruppe (Zugehörigkeitsgruppe, in-group) sowie von Fremdgruppe (out-group)“ Aus der labilen Selbstdefinition gepaart mit der Suche nach Zugehörigkeit und der hohen Experimentierfreude des Jugendalters ergibt sich gleichzeitig ein großes Potential, aber eben auch eine genauso große Gefahr. Für die Jugendlichen ist es leicht, in dieser Lebensphase inklusive Selbstkategorien anzunehmen, solange diese eine Repräsentation in der Realität haben und aus ihnen gleichzeitig ein positives Selbstbild geschöpft werden kann. Gleichzeitig zeigt aber schon Erikson (1966: 110f.), dass sich Jugendliche bis zur völligen Aufgabe ihrer Selbst mit Gruppen identifizieren können, die hochgradig exklusiv und intolerant gegen andere aufgestellt sind, ihre Eigengruppe überhöhen und gleichzeitig in Fremdgruppen Feindbilder erschaffen. Er sieht in Intoleranz eine aus Sicht des Jugendlichen „notwendige Abwehr gegen ein Gefühl der Identitätsdiffusion“ (ibd.). Genau hierin liegt der Grund, warum gerade bei Jugendlichen Intergruppenkontakt eine wichtige Funktion einnehmen kann: Erstens erlangt der Jugendliche in einer Phase der Unsicherheit die Möglichkeit, ein sowohl von ihm als auch von Fremden positiv evaluiertes Bild seiner Selbst zu gestalten; hiermit bietet sich ihm eine Alternative zu der von Erikson beschriebenen exkludierenden Strategie. Zweitens bieten sich Jugendlichen durch den Intergruppenkontakt mit einer Peergroup Möglichkeiten, viele verschiedene mögliche soziale Rollen und Identifizierungen einerseits kennenzulernen und an anderen zu beobachten und andererseits selbst mit ihnen zu experimentieren. Das Jugendalter ist weiter ideal, weil Kinder erst im Alter von zehn bis elf Jahren die Fähigkeit entwickeln, Identitäten auf verschiedenen Hierarchieebenen zu antizipieren und anzunehmen (Allport 1971 [1954]: 58); hierdurch ist die Konstruktion von dualen Identitäten ohnehin erst kurz vor dem Jugendalter möglich. Reinders (2004, 98f.) untermauert die besonders hohe Wirksamkeit der Kontakthypothese bei Jugendlichen durch eine Metaanalyse, in die er Studien mit Jugendlichen, Studierenden und Erwachsenen mit einbezieht. Während alle analysierten Studien mit Jugendlichen die Kontakthypothese bestätigen, ergibt sich aus den Studien mit Studierenden und Erwachsenen ein anderes Bild: So bestätigen nur ein Drittel dieser 45 Studien die Kontakthypothese, während die übrigen zwei Drittel entweder keinen systematischen Effekt belegen können oder die Kontakthypothese als widerlegt ansehen. Dies „[...] legt die Vermutung nahe, dass die Kontakthypothese gerade bei Jugendlichen Gültigkeit besitzt“ (ibd.: 99) und begründet sie, in Anlehnung an Erikson, damit, dass „Vorurteile bei Jugendlichen aufgrund der noch stattfindenden Aushandlung ihres Wertesystems weniger stark gefestigt [sind] als bei Erwachsenen“ (ibd.: 98). Insgesamt ist also gerade das Jugendalter eine Phase, in der Intergruppenkontakt eine stark positive Wirkung auf die in dieser Zeit stattfindende Konstruktion des kategorialen Systems und der sozialen Identität des Jugendlichen hat. Gleichzeitig werden bestehende Vorurteile verringert beziehungsweise teilweise der Bildung neuer Vorurteile vorgebeugt. Hieran schließt sich, bezogen auf die zentrale Fragestellung, das Problem an, in welchen Settings die Möglichkeit besteht, dass Jugendliche intergruppale Kontakterfahrungen mit Personen aus anderen europäischen Ländern machen können, mit denen sich die benannten Effekte erzielen lassen. Schlussendlich ist es möglich, dass Kontaktsituationen in Alltagssituationen oder durch touristisches Reisen zufällig auftreten. Allerdings ist recht unwahrscheinlich, dass hierbei die Kontaktsituation quantitativ und qualitativ ausreichend ist und gleichzeitig die Bedingungen der Kontakthypothese erfüllt werden. Dabei ist zu beachten, dass Kontaktsituationen, die nicht unter bestimmten Bedingungen stattfinden, durchaus auch negative Wirkungen zur Folge haben können. Sowohl Brown und Hewstone (2005: 259) als auch Tropp und Pettigrew (2006: 753;766) weisen überdies darauf hin, dass die Wirkung von strukturiertem Kontakt deutlich höher ist. Eine solche Strukturierung liegt in Alltagssituationen in der Regel nicht vor, sondern ist vor allem im Bereich von speziell hierfür vorgesehenen interkulturellen Programmen für Jugendliche zu finden. Zu diesen zählen beispielsweise Austauschprogramme, Auslandsaufenthalte sowie Jugendbegegnungen. Das sich anschließende Kapitel wird sich, gerafft und an den untersuchten Gruppen veranschaulicht, den Rahmenbedingungen interkultureller Jugendbegegnungen und deren methodischer Herangehensweise widmen. 46 5.2 Interkultureller Kontakt zwischen Jugendlichen im Rahmen von Jugendbegegnungen Interkulturalität im Sinne der interkulturellen Jugendarbeit meint einen gleichberechtigten und gleichwertigen Austausch über Weltanschauungen, Lebensrealitäten und Kulturen im Allgemeinen. Die breite Heterogenität der Menschen und ihrer kulturellen Hintergründe wird als Bereicherung verstanden. Es geht darum, „über sein eigenes kulturelles System hinauszugehen– nicht es aufzugeben– und es auf die anderen bestehenden Systeme abzustimmen, damit Konflikte und Uneinigkeiten nicht mehr als Bedrohung, sondern als Herausforderung angenommen werden [...]“ (Funk et al. 2016: 29). Mit »interkulturellen Jugendbegegnungen« 35 sind Programme bezeichnet, in deren Rahmen Jugendliche aus verschiedenen Ländern und Kulturen für eine definierte Zeitspanne (meist eine bis drei Wochen) an einem Ort gemeinsam leben. In Abgrenzung zu Austauschen und Auslandsaufenthalten sind sie damit zeitlich wesentlich kürzer angelegt, gleichzeitig aber mit einem deutlich intensiveren Gruppenbezug ausgestattet. Oft weisen sie eine übergeordnete thematische Ausrichtung und Zielsetzung auf, wie beispielsweise die gemeinsame musikalische Gestaltung eines Konzertabends oder die Herstellung eines Films. Neben solchen übergreifenden Zielsetzungen ist das Programm so gestaltet, dass es gruppendynamische Prozesse, die zu einem intragruppalen Zugehörigkeitsgefühl führen, durch den Einsatz entsprechender Methoden fördert. Hierbei werden vor allem solche Elemente eingesetzt, die eine kooperative Ausrichtung der Gesamtgruppe erfordern. Das Zusammenleben und das gemeinsame Arbeiten in der Gruppe werden durch das Betreuerteam so gestaltet, dass die Jugendlichen partizipativ in die Planung und Gestaltung der Gruppenprozesse eingebunden sind. Durch diese Praxis der Gleichberechtigung können Identifizierungsprozesse sowohl mit dem Projekt und der kulturellen Vielfalt als auch mit der Gruppe selbst angestoßen werden (Funk et al. 2016: 45). 35 Der Markt an Anbietern für interkulturelle Jugendbegegnungen ist unüberschaubar groß. Es ist anzunehmen, dass, auch wenn die Konzepte der verschiedenen Anbieter im Kern eine ähnliche Zielsetzung aufweisen, konzeptionelle Unterschiede vorhanden sind. Die folgenden Ausführungen sind zwar recht allgemein gehalten, beziehen sich aber auf die Konzeption von interkulturellen Jugendbegegnungen der »Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen« und ihrer Partnerorganisationen in der Großregion. 47 Eine besondere Bedeutung wird in Jugendbegegnungen der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen (EVEA) der Sprache beigemessen: Zum einen werden spezielle Programmbausteine eingesetzt, die es den Teilnehmenden ermöglichen, einige Wörter beziehungsweise Phrasen der anderen Sprachen zu lernen und ihre eigenen Hemmungen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, spielerisch zu überwinden. Zum anderen wird nach Möglichkeit nicht auf eine Suprasprache zurückgegriffen, sondern in alle Sprachen übersetzt; auch hier wird der kulturellen Gleichwertigkeit Ausdruck verliehen (ibd.: 73ff.). Insgesamt wird im Rahmen der Begegnungen darauf geachtet, dass sowohl ein interpersonaler wie auch ein intergruppaler Austausch ermöglicht ist. Hierzu werden verschiedene Methoden angewandt, die den Fokus auf die Teilnehmer als separate Individuen legen und einen Austausch über Hobbies, Erfahrungen, Interessen und dergleichen fördern. Im Kontext anderer Übungen setzen sich die Teilnehmer mit ihrer eigenen und den Kulturen der anderen Teilnehmer auseinander; dies geschieht zum Beispiel in Form von interkulturellen Abenden, bei denen die Jugendlichen ihr Land und ihre Kultur vorstellen (ibd.: 131). Zuletzt sind in allen Programmen Elemente enthalten, die einen reflexiven Umgang in Bezug auf das Erleben der eigenen und der fremden Kulturen und damit verbundener Vorurteile und Stereotypen zum Ziel haben. Durch die Verquickung von interpersonaler und intergruppaler Ebene soll zudem ein Bewusstsein dafür gestärkt werden, wie viele Gemeinsamkeiten trotz anfänglich vermuteter Andersartigkeit zwischen den Teilnehmern aus den verschiedenen Ländern bestehen.36 Gleichzeitig soll die Andersartigkeit als Reichtum ausgedeutet werden, wodurch sich für die Jugendlichen ein breiter Experimentalraum für ihre eigene Rollenkonstruktion eröffnet. In Bezug auf die Bedingungen der Kontakthypothese ist davon auszugehen, dass alle in 4.1. (Wann wirkt Kontakt?) angenommenen Bedingungen durch die Kontaktsituation interkulturelle Jugendbegegnung erfüllt werden. Der gleiche Status wird dadurch gewährleistet, dass strikt darauf geachtet wird, dass die jeweiligen Gruppen gleichberechtigt in die Interaktion eintreten. Hierzu gehört auch, dass nach 36 Ein Beispiel für die Verflechtung der interpersonalen und der intergruppalen Ebene ist der Vorschlag an die Teilnehmergruppe, die Schlafräume so zu verteilen, dass sie jeweils multinational sind. Hierdurch entsteht auch in der informellen Zeit ein Austausch. 48 Möglichkeit die Teilnehmergruppen aus den verschiedenen Ländern ähnlich groß sind, damit keine Ungleichheitseffekte durch den dominanten Einsatz einer Sprache auftreten. Der Grundstein für die Notwendigkeit der Verfolgung gemeinsamer Ziele und die kooperative Ausrichtung wird in aller Regel bereits in der Planungsphase durch die Festlegung eines Globalziels für die Begegnung gelegt. Die verschiedenen Ziele, die verständlicherweise einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der gesamten Begegnung haben, sind für die Teilnehmer neben anderen Faktoren ein entscheidendes Kriterium für die Auswahl des Projekts. Es ist also davon auszugehen, dass sich bei den Projekten solche Teilnehmer anmelden, die sich beim Erreichen dieser Ziele einbringen möchten. Die institutionelle Unterstützung ist vor allem durch die Betreuer gegeben. Viele der Betreuer, die in der EVEA mitarbeiten, haben als Jugendliche selbst Erfahrung mit interkulturellen Begegnungen gemacht, und haben dadurch, zusammen mit einer intensiven Ausbildung, die nötige Sensibilität sowohl für die Bedürfnisse der Jugendlichen als auch für die Erfordernisse der interkulturellen Kontaktsituation. Dass auch die subsumierende Bedingung Freundschaftspotential erfüllt ist, zeigt sich vor allem ex post daran, dass aus den Begegnungen regelmäßig langjährige Freundschaften hervorgehen. Neben verschiedenen Projekten der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen wurde zusätzlich eine Schülerbegegnung der Albrecht Dürer-Schule (ADS) in Wiesbaden untersucht. Diese ist in vielen Punkten analog zu den Jugendbegegnungen der EVEA gestaltet und folgt ebenfalls den Prinzipien der non-formalen Bildung, unterscheidet sich aber in zwei Punkten: Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Begegnung im Schulprogramm festgeschrieben und die Teilnahme an ihr verpflichtend ist. Hierdurch kann in diesem Projekt eine Selection Bias ausgeschlossen werden. Hieraus ergibt sich als zweiter Punkt eine planerische Modifikation: Um möglichst vielen der teilnehmenden Schüler in ihren Interessen gerecht zu werden, wurden im Rahmen der Begegnung verschiedene Workshops angeboten, wodurch die Kooperation beim Erreichen gemeinsamer Ziele vor allem in den jeweiligen Untergruppen gefördert wurde. Hierbei waren die einzelnen Workshops so aufgeteilt, dass jeweils ungefähr dieselbe Anzahl Schüler aus den verschiedenen Ländern in jeder Gruppe waren. 49 6 Synopse: Jugendbegegnungen als Mittel der Förderung der europäischen Identität Kapitel 2.2 dieser Arbeit konnte zeigen, dass allein die formale Einräumung bürgerschaftlicher Rechte nicht ausreicht, damit daraus eine Europäische Identität erwachsen kann. Der Grund hierfür liegt, wie in Kapitel 3 dargelegt, darin, dass soziale Identität als Teil der Ich- Identität auf der Grundlage einer affektiven Verbundenheit (Identifikation) zu einer relevanten sozialen Bezugskategorie entsteht. Daneben wird in Kapitel 4 ausgeführt, dass unter bestimmten Bedingungen durch intergruppalen Kontakt negative Einstellungen reduziert werden können, dies primär gegenüber der in Kontakt stehenden Gruppe, sekundär aber auch gegenüber anderen Fremdgruppen. Außerdem können hierdurch bestehende Kategorisierungen so abgeändert werden, dass zusätzlich zu den bestehenden Kategorien eine gemeinsame Kategorie der in Kontakt stehenden Gruppen entsteht. Hinzu kommt, dass Jugendliche, so konnte Kapitel 5.1 zeigen, für die Wirkung von intergruppalem Kontakt besonders empfänglich sind. Dies legt auf der theoretischen Ebene insgesamt nahe, dass durch europäische Jugendbegegnungen die Europäische Identität von Jugendlichen gesteigert werden kann und daran anknüpfend Andersartigkeit eher als Bereicherung denn als Bedrohung gesehen wird. Bezogen auf das Verhältnis zwischen nationaler und europäischer Identität kann aus der Theorie (Kapitel 3.2) geschlussfolgert werden, dass sich beide Identitäten gegenseitig nicht abwerten, weil sie auf zwei verschiedenen Ebenen angelegt sind. Dies ist kongruent mit der in Kapitel 2.1. erläuterten Ausgestaltung der Europäischen Bürgerschaft, welche die nationale ergänzen, aber nicht ersetzen soll (Art. 8 Abs. 1 S. 3 EGV). 50 Die Verbindung zwischen Europäischer Bürgerschaft und europäisch ausgerichteten Jugendbegegnungen kann folgendermaßen gesehen werden: Eine europäische Jugendbegegnung versieht den Kern der Europäischen Bürgerschaft mit einem Bezugspunkt in der Lebensrealität der Jugendlichen. Der Kontakt mit Jugendlichen aus anderen europäischen Ländern und die daraus resultierende angenommene Selbstkategorisierung als Europäer führt dazu, dass Europa näher an die Selbst herangerückt wird. Hierdurch wird es wahrscheinlicher, dass die eingeräumten Rechte auch tatsächlich genutzt werden und sich die eigene Lebenswelt auf den Bezugsrahmen Europa ausdehnt. Dieser Erweiterung folgend ist eine weitere Stärkung der Europäischen Identität wahrscheinlich. Diesen Annahmen wiederum folgend, können Jugendbegegnungen als initialer Anreiz für eine aktiv gelebte Europäische Bürgerschaft gesehen werden. Insofern kann es nicht verwundern, dass fast zeitgleich mit der Einführung der Europäischen Bürgerschaft Anfang der 1990er Jahre mit dem Programm JUGEND ein Förderprogramm geschaffen wurde, durch welches unter anderem interkulturelle Jugendbegegnungen gefördert wurden. Dies wurde bis heute stark ausgebaut: das Programm ERASMUS+, welches unter anderem Maßnahmen der europäischen Jugendarbeit fördert, wurde für den Projektzeitraum 2014 bis 2020 von der Europäischen Union mit Fördermitteln von knapp 15 Milliarden Euro ausgestattet, davon rund 1,5 Milliarden Euro für europäische Jugendbegegnungen (Europäisches Parlament/Europäischer Rat 2013: 47f.). So findet sich in Bezug auf Europäische Bürgerschaft und Europäische Identität im Programmleitfaden von ERASMUS+ (Europäische Kommission 2019: 31) folgende Zielsetzung: Bei den Teilnehmern ein Bewusstsein und Verständnis für andere Kulturen und Länder schaffen; ihnen Chancen zur internationalen Vernetzung, zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft und zur Entwicklung eines Sinns für bürgerschaftliches Verhalten in Europa und für eine europäische Identität eröffnen. Auf Grundlage der theoretisch angestellten Überlegungen sollte das Ziel, bürgerschaftliches Verhalten und Europäische Identität zu fördern, durch interkulturelle Jugendbegegnungen erreichbar sein; aus den Überlegungen werden im folgenden Kapitel Hypothesen abgeleitet, anhand derer empirisch geprüft werden soll, inwiefern Europäische Jugendbegegnungen tatsächlich zu einer Steigerung der Europäischen Identität und der Erhöhung von Toleranz beitragen. 51 7 Hypothesen In der vorangehenden theoretischen Betrachtung wurde gezeigt, dass unter bestimmten Bedingungen stattfindender Intergruppenkontakt in der Lage ist, Vorurteile zu verringern und durch Veränderung der mentalen Repräsentation der Gruppen eine duale Identität zu erschaffen. Angewendet auf Jugendliche, deren hauptsächliche Entwicklungsaufgabe in der Neubildung ihrer Identität liegt, und auf den Rahmen von interkulturellen Jugendbegegnungen, die den Rahmen für einen strukturierten Intergruppenkontakt37 bieten, leitet sich folgende Kernhypothese ab: H1: Jugendliche, die an einer europäischen Jugendbegegnung teilnehmen, weisen nach der Teilnahme eine stärkere Identifikation mit Europa auf als vor der Begegnung. Direkt mit der Kernhypothese verbunden ist die Annahme, dass, wie in Kapitel 4.3 gezeigt, eine Veränderung von Einstellungen gegenüber einer Gruppe durch Intergruppenkontakt auch einen Einfluss auf die Einstellung gegenüber anderen Gruppen und generell Andersartigkeit haben kann. H2: Jugendliche, die an einer europäischen Jugendbegegnung teilnehmen, weisen nach der Teilnahme eine höhere Toleranz auf als vor der Begegnung. Die folgenden Hypothesen nehmen die theoretische Annahme in den Fokus, dass sich die Persönlichkeit beziehungsweise die psychologische Disposition von Jugendlichen, die gezielt Kontaktsituationen aufsuchen (hier also freiwillige Teilnehmer einer Jugendbegegnung), 37 Im Folgenden meint Intergruppenkontakt, soweit nicht anders ausgewiesen, immer den unter den diskutierten Bedingungen stattfindenden, strukturierten Intergruppenkontakt. 52 in der Tendenz unterschiedlich ist zu der von Jugendlichen, die dies nicht tun. Gleichzeitig wird auf theoretischer Ebene gezeigt, dass bei Personen, die aus sich heraus Kontaktsituationen eher meiden, der potentielle Effekt von Intergruppenkontakt tendenziell größer ist (Selection Bias). H3.1: Jugendliche, die freiwillig an europäischen Jugendbegegnungen teilnehmen, weisen in Bezug auf ihre Persönlichkeit ein höheres Maß an Offenheit für Erfahrungen auf als Jugendliche, die nicht an europäischen Jugendbegegnungen teilnehmen. H3.2: Jugendliche, die freiwillig an europäischen Jugendbegegnungen teilnehmen, weisen in Bezug auf ihre Persönlichkeit ein höheres Maß an Verträglichkeit auf als Jugendliche, die nicht an europäischen Jugendbegegnungen teilnehmen H4: Jugendliche, die nicht freiwillig an einer europäischen Jugendbegegnung teilnehmen, weisen durch die Maßnahme eine stärkere positive Ver- änderung ihrer Identifikation auf als Jugendliche, die freiwillig an der Maßnahme teilnehmen. Aus der theoretischen Betrachtung geht hervor, dass die Dauer der Kontaktsituation einen Einfluss auf die Effektstärke von Intergruppenkontakt hat. Analog ist anzunehmen, dass damit auch die Häufigkeit von Kontaktsituationen eine Auswirkung auf die Effektstärke hat, da beide Faktoren das Zeitmaß für die Gesamtdauer von Intergruppenkontakten steigern. Aus der Annahme, dass jeder Intergruppenkontakt potentiell zu einer Verringerung von Vorurteilen und damit verbunden der Erhöhung von Toleranz führen kann, leitet sich die folgende Hypothese ab, die abhängig von der Bestätigung von H2 geprüft werden muss: H5: Je häufiger Jugendliche Erfahrungen in interkulturellen Gruppen im Rahmen von Begegnungen machen, desto höher ist ihre Toleranz. Ferner wird angenommen, dass auch die Intensität der Auseinandersetzung mit der fremden Gruppe und ihrer Individuen während der Jugendbegegnung einen Einfluss auf den Effekt der Jugendbegegnung auf die Identifikation mit Europa hat. Die Prüfung der entsprechenden Hypothese ist an die Bestätigung von H1 gebunden. H6: Je größer die Intensität des intergruppalen Kontakts während der Jugendbegegnung ist, desto stärker ist der positive Effekt auf die Identifikation mit Europa. 53 Im Kapitel 2.2.1. wurde auf theoretischer Ebene dargelegt, dass nationale und europäische Identität kein negative Korrelation zueinander aufweisen, sondern verschiedene Hierarchieebenen repräsentieren. Insofern sollte die Steigerung der europäischen Identität kein Abfallen der nationalen Identität zur Folge haben. Unter der Prämisse, dass die Steigerung der Identifikation mit Europa mitunter über das Erfahren von Gemeinsamkeiten mit anderen Europäern abläuft, kann angenommen werden, dass mögliche Differenzen mit anderen Europäern der eigenen nationalen Kultur als Merkmal zugeschrieben werden. Hieraus ließe sich dann sogar eine parallele Steigerung der europäischen und der nationalen Identität vermuten. Es ergeben sich die folgenden Hypothesen: H7.1: Es besteht keine negative Korrelation zwischen der Identifikation mit Europa und der Identifikation mit dem Heimatland. H7.2: Jugendliche, die an einer europäischen Jugendbegegnung teilnehmen, weisen nach der Teilnahme eine stärkere Identifikation mit ihrem Heimatland auf als vor der Begegnung. 54 55 8 Empirischer Teil Im empirischen Teil dieser Arbeit werden die aus der theoretischen Betrachtung abgeleiteten Hypothesen geprüft. In Kapitel 8.1. wird das Forschungsdesign vorgestellt, Kapitel 8.2. widmet sich den entwickelten Messinstrumenten. Hierauf folgt in Kapitel 8.3. die deskriptive und in 8.4. die Inferenzstatistik. Kapitel 8.5. wird die Ergebnisse noch einmal übersichtlich zusammenstellen, woran sich die Diskussion der Ergebnisse in Kapitel 8.6. anschließt. 8.1 Das Forschungsdesign Die Untersuchung ist in einem quasi-experimentellen Design angelegt. Dies hat einerseits den Vorteil, dass auf Jugendbegegnungen zurückgegriffen werden kann, die auch unabhängig von der Forschung an ihnen durchgeführt werden. Hierdurch werden, entsprechend der Fragestellung, tatsächliche Projekte auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Andererseits muss der Nachteil in Kauf genommen werden, dass, wie in den meisten sozialwissenschaftlichen Studien, keine Randomisierung der Verteilung von Experimental- und Kontrollgruppe vorgenommen werden kann. Es muss davon ausgegangen werden, dass durch den Umstand, dass keine speziell für die Untersuchung konstruierte Situation gegeben ist und Jugendbegegnungen von der Entwicklung einer starken Gruppendynamik leben, erhebliche unkontrollierbare Störfaktoren auftreten. Dieser Problemstellung wird durch Konstanthaltung begegnet (vgl. Stein 2014: 140). So wurde als Kontrollgruppe die Teilnehmergruppe einer Jugendfreizeit ohne Begegnungscharakter ausgewählt, die bis 56 auf den fehlenden interkulturellen Kontakt konzeptionell eine hohe Ähnlichkeit mit den Projekten der Experimentalgruppe aufweist.38 Der Ablauf der Untersuchung war folgendermaßen aufgebaut: Vor der Teilnahme an den jeweiligen Projekten wurden beide Gruppen mit einem Fragebogen befragt (t0). Die Teilnehmer der Jugendbegegnungsgruppe wurden dem Treatment »Intergruppenkontakt« ausgesetzt, die Jugendfreizeitgruppe nahm an einem Projekt ohne Intergruppenkontakt teil. Unmittelbar nach Abschluss der Projekte wurden sowohl die Teilnehmer der Jugendbegegnungen (Experimentalgruppen) als auch die Teilnehmer der Jugendfreizeit (Kontrollgruppe) erneut befragt (t1). Um kontrollieren zu können, ob mögliche Effekte langfristiger Natur sind beziehungsweise Effekte mit einiger Verzögerung auftreten, wurde circa einen Monat nach der zweiten Messung (t1) eine dritte Messung durchgeführt (t2). Befragung vor Maßnahme Treatment: Intergruppenkontakt Erste Befragung nach Maßnahme Zweite Befragung nach Maßnahme Experimentalgruppe t0 X t1 t2 * Kontrollgruppe t0 - t1 t2 Tabelle 1: Darstellung des Forschungsdesigns. *Die zweite Befragung nach der Maßnahme wurde für alle Projekte, die durch die EVEA ausgerichtet wurden, durchgeführt, nicht aber für die Schülerbegegnung der Albrecht Dürer Schule. Der größte Teil der Befragungen wurde mittels eines Online- Fragebogens auf der Plattform »EFS Survey/Unipark« durchgeführt, lediglich die Befragung eines Teils der Experimentalgruppe, nämlich die Teilnehmer der Schülerbegegnung der Albrecht Dürer-Schule, wurde mittels eines Befragungsbogens realisiert. Der Grund hierfür 38 Die Jugendfreizeit des Evangelischen Kirchenkreises Trier (im folgenden EKKT) war nach dem übergeordneten Thema »Respekt und Toleranz« ausgerichtet. 57 lag in einem komplizierten datenschutzrechtlichen Verfahren, durch welches der Einsatz des Online-Fragebogens nicht möglich war; durch den Rückgriff auf Papierfragebögen war außerdem keine dritte Messung möglich, da diese in die Ferienzeit gefallen wäre. Der Papierfragebogen konnte gegenüber der Onlineversion deutlich reduziert werden, da die Unterscheidung zwischen freiwilliger und nicht freiwilliger Teilnahme lediglich für H4 relevant ist. Der Einsatz eines Online- Fragebogens ist dadurch begründet, dass die Teilnehmer so bereits weit im Vorfeld zur Durchführung ihres jeweiligen Projekts an der Befragung teilnehmen konnten und der Aufwand eines Rückversands für die Teilnehmer entfällt. Gegen die Durchführung zu Beginn des Projekts sprach, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits erste Gruppenprozesse eingesetzt haben. Die Teilnahme an beiden Erhebungen war freiwillig; die Daten wurden in anonymisierter Form verarbeitet. Die Einladungsschreiben zur Befragung t0 mit den Zeitpunkten aller weiteren Befragungen erhielten die Teilnehmer mindestens zwei Wochen vor Beginn des jeweiligen Projekts mit den sonstigen Teilnahmeunterlagen per Post; die Teilnehmer der Gruppe ADS bearbeiteten die Papierfragebögen zwei Wochen vor Beginn der Schülerbegegnung in einer dafür eingeräumten Schulstunde. Am Zeitpunkt t0 der EVEA- Gruppen und der EKKT-Gruppe wurde eine E-Mailadresse abgefragt, sodass sich die Teilnehmer an die weiteren Befragungszeitpunkte t1 und t2 auf Wunsch erinnern lassen konnten; hiervon machten beinahe alle Befragten Gebrauch. Für t1 wurde die erste Erinnerung zwei Tage nach Rückkehr und die zweite Erinnerung sieben Tage später versendet, für t2 wurde die erste Erinnerung 30 Tage nach Rückkehr verschickt, die zweite wiederum sieben Tage später. Die Befragung t1 wurde bei der Gruppe ADS drei Tage nach Rückkehr abermals im Rahmen einer Schulstunde durchgeführt. Tabelle 2 zeigt die Antwortraten für alle Gruppen. In der Experimentalgruppe I (EVEA) nehmen von 84 eingeladenen Begegnungsteilnehmern nur 44 Prozent an der Befragung teil, nur 39 Prozent beenden die Befragung. Auch die weitere Panelsterblichkeit fällt in dieser Gruppe recht hoch aus. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (EKKT), weist eine ähnlich hohe Panelsterblichkeit auf, allerdings nehmen initial mehr eingeladene Teilnehmer (58 Prozent) an der Befragung teil, und immerhin beendete die Hälfte der eingeladenen Teilnehmer die Studie. Die Teilnehmer der EVEA-Gruppe und der EKKT-Gruppe 58 erhielten einen Brief, in dem die geplante Studie erläutert und um die Teilnahme gebeten wurde. Zusätzlich wurde die geplante Studie bei der EKKT-Gruppe im Rahmen eines Vorbereitungstreffens vorgestellt und persönlich um die Teilnahme gebeten. Die hohe Panelsterblichkeit lässt sich dadurch erklären, dass die Motivation trotz der drei Befragungszeitpunkte einzig auf der Mitwirkung an der Studie selbst beruhte und keine weiteren Motivationsmechanismen eingesetzt wurden. Die sehr hohe Antwortrate (92 beziehungsweise 82 Prozent) der Experimentalgruppe II (ADS) ist dadurch zu erklären, dass während des Schultages jeweils ein Zeitfenster zur Bearbeitung der Fragebögen eingeräumt wurde. Die fehlenden Fälle entstanden hier krankheitsbedingt. Experimentalgruppe I EVEA Experimentalgruppe II ADS Kontrollgruppe EKKT t0 t1 t2 t0 t1 t2 t0 t1 t2 eingeladen 84 37 37 39 39 - 112 65 65 Befragung begonnen 37 (44%) 21 (57%) 16 (43%) 36 (92%) 32 (82%) - 65 (58%) 39 (60%) 24 (37%) Befragung beendet 33 (39%) 17 (45%) 14 (38%) 36 (92%) 32 (82%) - 56 (50%) 34 (52%) 19 (29%) (t0+t1)* 16 30 32 (t0+t1+t2) 13 - 18 Tabelle 2: Antwortraten für alle Gruppen. Quelle: eigene Darstellung. *Nur Datensätze, für die mindestens Daten für die Zeitpunkte t0 und t1 vorhanden sind, wurden in die Analyse einbezogen. Die Experimentalgruppe I (EVEA) setzt sich aus Teilnehmern mehrerer Projekte der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen zusammen. Eingeladen wurden hierbei alle Teilnehmer, die (a) an einem Projekt teilnahmen, an dem mindestens Jugendliche aus zwei verschiedenen europäischen Ländern teilnehmen und (b) sich über die deutsche Sektion der EVEA angemeldet hatten. Durch Bedingung (b) soll sichergestellt werden, dass die Experimentalgruppe eine möglichst große Ähnlichkeit mit der Kontrollgruppe aufweist und gleichzeitig keine Störfaktoren wie beispielsweise europabezogene politi- 59 sche Stimmungen39 die Messung beeinflussen. Es wird davon ausgegangen, dass die Teilnehmer der EVEA und der Kontrollgruppe freiwillig an dem jeweiligen Projekt teilnahmen. Experimentalgruppe II (ADS) besteht aus den Teilnehmern einer binationalen Begegnung, die im Fahrtenkonzept der Schule festgeschrieben ist und die Teilnahme somit verpflichtend ist. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Experimentalgruppen besteht also darin, dass die Teilnehmer der Experimentalgruppe I freiwillig an der Begegnung teilnahmen, während dies bei den Teilnehmern der Experimentalgruppe II nicht vorausgesetzt werden kann. Ansonsten ist die Gestaltung der Projekte weitestgehend analog. 8.2 Messinstrumente Im Folgenden werden die Operationalisierungen der Konstrukte beschrieben, die in dieser Arbeit untersucht werden. Die Messungen erfolgen über vier- bis siebenstufige Rating-Skalen, die in den einzelnen Konstrukten genauer erläutert werden. Der höchste Skalenwert drückt dabei eine maximale Zustimmung aus, der niedrigste Skalenwert maximale Ablehnung. Eine Übersicht über alle Items und deren Zusammenfassung in Skalen befindet sich im Appendix. 8.2.1 Europäische Identifikation Der im Zentrum angenommene Effekt europäischer Jugendbegegnungen liegt in der Erhöhung der Identifikation mit Europa. Wie in Kapitel 3.1. gezeigt, sind Identifikationsprozesse in weiten Teilen durch das Fühlen einer affektiven Verbundenheit zu einem Bezugsobjekt vermittelt. Diese wird durch eine direkte Abfrage der Verbundenheit mit Europa operationalisiert. Als Nebenaspekte werden die Indikatoren kognitive Auseinandersetzung mit Europa und empfundene politische Legitimität in Items umgesetzt. Eine Übersicht zu den Items für das Konstrukt Europäische Identifikation findet sich in Tabelle 3. 39 Als Beispiel: bei einer Messung, die luxemburgische Jugendliche inkludiert, müsste aufgrund der stark europazentrierten luxemburgischen Politik davon ausgegangen werden, dass die Messung zu anderen Ergebnissen führt als die an deutschen Jugendlichen. 60 Indikator Formulierung Skalierung Quelle affektive Verbundenheit Ich fühle mich verbunden mit... Europa. 1 (gar nicht) – 5 (sehr stark) Schmidt-Denter et al. 2005: 30f., modifiziert kognitive Auseinandersetzung Würdest du sagen, dass du an europäischen Themen sehr interessiert, ziemlich interessiert, nicht sehr interessiert oder gar nicht interessiert bist? 1 (sehr interessiert) – 4 (gar nicht interessiert) EUROBAROMETER 84.1 2016, modifiziert empfundene politische Legitimität Die Auflösung der EU würde mich freuen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 33, modifiziert Tabelle 3: Formulierung der Items im Konstrukt Europäische Identifikation. Analog zur affektiven Verbundenheit mit Europa wird die affektive Verbundenheit mit Deutschland operationalisiert, um die Annahme, dass keine negative Korrelation zwischen beiden Identifikationen besteht, prüfen zu können. Das dazugehörige Item wird in Tabelle 4 dargestellt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle affektive Verbundenheit Ich fühle mich verbunden mit... Deutschland. 1 (gar nicht) – 5 (sehr stark) Schmidt-Denter et al. 2005: 30f., modifiziert Tabelle 4: Formulierung des Items im Konstrukt Deutsche Identifikation. 61 8.2.2 Toleranz Der Pfad Intergruppenkontakt → Rekategorisierung in eine gemeinsame Gruppe verläuft, wie in Kapitel 4 gezeigt, über den Mediator Verringerung von Vorurteilen. Es kann angenommen werden, dass gleichzeitig mit der Verringerung von Vorurteilen die Toleranz steigt. Insofern ist es sinnvoll, die Erhöhung von Toleranz direkt zu messen, da sie als Konterpart der Bildung von Vorurteilen einen vermittelnden Effekt auf die anschließenden Prozesse hat.40 Toleranz wird im Rahmen dieser Arbeit in Anlehnung an die Skala von Schmidt-Denter et al. (2005: 33) operationalisiert. Diese wurde, wie in Tabelle 5 dargestellt, für Jugendliche angepasst und erweitert. Abbildung 8: Typische Übung (Das Band/Metalog) zur Etablierung eines Wir- Gefühls im Rahmen von internationalen Jugendbegegnungen. 40 Zur Diskussion über die Konzeptualisierung von Toleranz siehe Kapitel 3.3. 62 Indikator Formulierung Skalierung Quelle Skala Toleranz α= 0.84 Toleranz Kultur Ich kann Menschen tolerieren, die einer Kultur angehören, die mir fremd ist. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Religion Ich kann Menschen tolerieren, die eine Religion haben, die nicht meine eigene ist. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Nationalität Ich kann Menschen tolerieren, die aus einem Land kommen, über das ich nicht viel weiß. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Weltanschauung Ich kann Menschen tolerieren, die eine Weltanschauung haben, der ich nicht zustimmen kann. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Werteempfinden Ich kann Menschen tolerieren, die eine Idee von Gerechtigkeit haben, der ich nicht zustimmen kann. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Toleranz andere Meinungen Ich kann Menschen tolerieren, die eine andere Meinung haben, ohne sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Tabelle 5: Formulierung der Items im Konstrukt Toleranz. 63 8.2.3 Persönlichkeitsdimensionen In Kapitel 4.3. wird diskutiert, inwiefern Teilnehmer von interkulturellen Begegnungen eine besondere Persönlichkeitsstruktur aufweisen und inwiefern hierdurch eine Stichprobenverzerrung in Form einer Selbstselektion ausgelöst wird. Diese Annahme wird im Rahmen dieser Arbeit durch das Big Five Inventory geprüft. In der Abwägung des Umfangs versus Messgenauigkeit fiel die Entscheidung auf das Instrument BFI-SOEP (Schupp/Gerlitz 2008), dessen Skalen zwar nur ein Cronbachs α zwischen .53 und .74 aufweisen41, dem aber durch die Prüfung der konvergenten Validität zum BFI-25 eine ausreichende Validität nachgewiesen wurde (Schupp/Gerlitz 2005: 24). 8.2.4 Intensität des Intergruppenkontakts Es besteht die Annahme, dass der Outcome einer Kontaktsituation, die unter den in Kapitel 4.1. diskutierten Bedingungen stattfindet, davon abhängt, wie intensiv sich der Kontakt gestaltet. Hierzu werden drei Items operationalisiert, die zu erwartende Dimensionen der Intensität von Intergruppenkontakt in den Fokus nehmen. Diese sind in Tabelle 6 dargestellt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle Skala Intensität α= 0.62 Erlernen einer fremden Sprache Ich konnte einige Worte einer fremden Sprache lernen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Lernen über eine fremde Kultur Ich konnte etwas über eine fremde Kultur lernen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Schließen von Freundschaften Ich habe Freunde unter den Menschen aus anderen Ländern gefunden 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Tabelle 6: Formulierung der Items im Konstrukt Intensität. 41 In der eigenen Messung α zwischen .47 und .69. 64 8.2.5 Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt Zur Überprüfung, ob die Anzahl von Intergruppenkontakten in der Vergangenheit Auswirkungen auf die Toleranz der Teilnehmer hat, muss zusätzlich die Häufigkeit von intergruppalen Kontaktsituationen operationalisiert werden. Das entsprechende Item wird in Tabelle 7 gezeigt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle Häufigkeit Intergruppenkontakt Wie oft waren bei den Jugendfreizeiten, an denen du teilgenommen hast, Teilnehmergruppen aus anderen Ländern dabei? 1 (gar nicht), 2 (einmal), 3 (zweimal), 4 (dreimal), 5 (viermal) 6 (mehr als viermal) eigenes Item Tabelle 7: Formulierung des Items im Konstrukt Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt. 8.3 Deskriptive Statistik Dem inferenzstatistischen Teil vorangestellt sei ein Überblick über die einzelnen Gruppen der gezogenen Stichproben und die deskriptive Beschreibung der erhobenen Daten. 8.3.1 Demographische Merkmale Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe I (EVEA) sind zum Messzeitpunkt to im Mittel 17.56 Jahre alt, die hohe Standardabweichung (SD=5.2) kommt dadurch zustande, dass das Teilnehmerspektrum der Organisation recht hoch gestreut ist. Die Geschlechter der Gruppe sind gleichverteilt, ein sehr hoher Anteil strebt einen höheren Schulabschluss an. Alle Teilnehmer besitzen die deutsche, ein Teilnehmer hat zusätzlich die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe II (ADS) sind durchschnittlich 15.53 Jahre alt. Da die Gruppe aus einer Jahrgangskohorte einer Schule zusammengesetzt ist, ist die Standardabweichung (SD=.68) sehr gering. Ein Drittel der Teilnehmer ist weiblich, zwei Drittel männlich. In dieser Gruppe besitzen deutlich mehr Teilnehmer 65 (36.7 Prozent) neben der deutschen eine weitere Staatsbürgerschaft.42 Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (EKKT) sind im Durchschnitt 15.77 Jahre alt, die Standardabweichung (SD=3.91) kommt durch verschiedene Untergruppen der Jugendfreizeit zustande. Etwa die Hälfte der Teilnehmer ist weiblich, ein Drittel männlich, die verbleibenden Teilnehmer machten keine Angabe. Der größte Anteil der Versuchsgruppe besucht ein Gymnasium, ein weiterer großer Anteil die Realschule, ungefähr 15 Prozent sind Hauptschüler oder haben sonstige Schulform angegeben. Zwei Teilnehmer gaben an, neben der deutschen Staatsbürgerschaft eine weitere (russische, ohne Angabe) zu besitzen. Die demographischen Daten sind überblickshalber in Tabelle 8 dargestellt. Experimentalgruppe I Experimentalgruppe II Kontrollgruppe Alter 17.56 (SD=5.2) 15.53 (SD=0.68) 15.77 (SD=3.91) Geschlecht männlich weiblich n/a 43.8% 43.8% 12.5% 66.7% 33.3% - 32.3% 51.6% 16.1% Schulform Hauptschule Realschule Gymnasium sonstige - 6.3% 93.8% - - 100% - - 6.5% 29.0% 54.8% 9.7% Staatsbürgerschaften deutsche sonstige 100% 6.3% 100% 36.7% 100% 6.5% Tabelle 8: Demographische Merkmale. N: EVEA=16, ADS=30 EKKT=31. 42 Folgende Staatsbürgerschaften wurden angegeben: türkische, marokkanische, pakistanische, thailändische, brasilianische und kroatische 66 8.3.2 Europäische Identifikation Aus dem zu allen drei Messzeitpunkten erhobenen Indikator »affektive Verbundenheit zu Europa« wurden zwei Veränderungsmaße folgendermaßen berechnet: Yaffektive Verbundenheit zu Europa t1 - Yaffektive Verbundenheit zu Europa t0 = Y Veränderungsmaß Europa t0 t1 Yaffektive Verbundenheit zu Europa t2 - Yaffektive Verbundenheit zu Europa t0 = Y Veränderungsmaß Europa t0 t2 Das erste Veränderungsmaß drückt die Progression der affektiven Verbundenheit mit Europa von Messzeitpunkt t0 nach t1 aus und misst damit die intraindividuellen Veränderungen vor und nach dem Treatment aus. Das zweite Veränderungsmaß arbeitet analog und misst, ob Veränderungen über einen längeren Zeitraum auftreten. Das Veränderungsmaß nimmt einen positiven Wert an, wenn die affektive Verbundenheit mit Europa steigt, und einen negativen, wenn diese sinkt. Der Skalenwert 0 repräsentiert somit Gleichheit der affektiven Verbundenheit mit Europa an beiden Messzeitpunkten. In der Experimentalgruppe I (EVEA) beträgt der Anstieg für den von t0 nach t1 0.33 (SD=0.72), von t0 nach t2 0.46 (SD=.88). In der Experimentalgruppe II (ADS), für die nur Messerwerte von t0 und t1 vorliegen, beträgt der Anstieg 0.48 (SD=1.42). In der Kontrollgruppe ist eine diametrale Entwicklung zu verzeichnen: So weist das erste Veränderungsmaß (t0 → t1) den Wert -0.23 (SD=1.03) auf, das zweite Veränderungsmaß (t0 → t2) den Wert -.83 (SD=.78). Die Veränderungen sind in Abbildung 8 dargestellt. Abbildung 9: Veränderungsmaß für die Mittelwerte für die Identifikation mit Europa in den verschiedenen Testgruppen. Min. N: EVEA=13, ADS=27, KG=18. -1 -0,8 -0,6 -0,4 -0,2 0 0,2 0,4 0,6 Veränderungsmaß der Identifikation mit Europa t0 → t1 t0 → t2 KG EVEA ADS EVEA + ADS 67 Der Mittelwert des negativ gepolten Indikators kognitive Auseinandersetzung fällt, wie in Tabelle 9 gezeigt, in Experimentalgruppe I von t0 nach t1 und sinkt weiter zu t2. Gleichzeitig steigt der Mittelwert der Kontrollgruppe, der ohnehin einen höheren Basiswert (t0) aufweist, deutlich an und erreicht zum Messzeitpunkt t2 wieder ungefähr den Ausgangswert. Auch der Indikator empfundene politische Legitimität ist negativ gepolt; ein niedriger Skalenwert beschreibt also auch hier eine hohe Ausprägung der Empfindung politischer Legitimität der Europäischen Union. Von Messzeitpunkt t0 nach t1 fällt der Skalenwert in der Experimentalgruppe I stark ab (das Legitimitätsempfinden erhöht sich also), während er in der Kontrollgruppe ansteigt. Indikator Experimentalgruppe I EVEA Kontrollgruppe EKKT t0 t1 t2 t0 t1 t2 kognitive Auseinandersetzung 2.50 (SD=.89) 2.38 (SD=.96) 2.25 (SD=.75) 2.97 (SD=1.20) 3.26 (SD=1.25) 2.91 (SD=.92) empfundene politische Legitimität (-) 1,56 (SD=1.15) 1,14 (SD=.363) - 1,39 (SD=.61) 1,54 (SD=.78) - Tabelle 9: Mittelwerte für weitere Indikatoren für Veränderung der Identifikation mit Europa. Min. N: EVEA=14, KG=24. 8.3.3 Toleranz In Bezug auf die Skala Toleranz, die aus sechs Items gebildet wird und ein Cronbachs α=0.84 aufweist, zeigt sich bei Durchsicht der Daten, dass Experimentalgruppe I und Kontrollgruppe beide den Basiswert (t0) 3.83 aufweisen, sich der Mittelwert zum Zeitpunkt t1 in der Experimentalgruppe mit 4.12 aber stärker erhöht hat als in der Kontrollgruppe (3.99). Die Standardabweichungen finden sich in Tabelle 10. 68 Indikator Experimentalgruppe I EVEA Kontrollgruppe Ev. Kirchenkreis Trier t0 t1 t0 t1 Skala Toleranz α= 0.84 3.83 (SD=.39) 4.12 (SD=.51) 3.83 (SD=.81) 3.99 (SD=.67) Tabelle 10: Mittelwerte der Skala Toleranz für t0 und t1. N: EVEA=13, KG=23. 8.3.4 Persönlichkeitsdimensionen Die Daten der BFI-Skalen Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit und Neurotizismus für die Experimentalgruppe I (EVEA) und die Kontrollgruppe sind in Abbildung 9 in Form eines Boxplots abgetragen. Dieser zeigt für die Skalen Gewissenhaftigkeit und Offenheit divergente Mediane zwischen den Gruppen. Ansonsten sind keine Abweichungen augenfällig. Inwiefern für diese oder für andere BFI-Skalen tatsächlich ein signifikanter Unterschied zwischen Experimentalgruppe I und der Kontrollgruppe besteht, wird an späterer Stelle im Rahmen der Inferenzstatistik geprüft. Abbildung 10: Boxplot-Vergleich der einzelnen Skalen des Big Five Inventorys für EVEA und Kontrollgruppe. 0 1 2 3 4 5 6 7 EVEA KG EVEA KG EVEA KG EVEA KG EVEA KG Au sp rä gu m g Gewissenhaftigkeit Extraversion Verträglichkeit Offenheit Neurotizismus 69 8.3.5 Identifikation Deutschland und Korrelation Deutschland – Europa Analog zu dem in Unterkapitel 8.3.2 vorgestellten Veränderungsmaß für Europa wurde auch für die affektive Verbundenheit mit Deutschland ein Veränderungsmaß errechnet. Die Experimentalgruppen weisen für dieses einen Mittelwert von .95 (SD=1.08; N=42) auf, dieser drückt eine gestiegene affektive Verbundenheit aus, während der Mittelwert der Kontrollgruppe bei -0.27 (SD=.92; N=26) liegt. Zwischen der »affektiven Verbundenheit mit Europa« und der »affektiven Verbundenheit mit Deutschland« besteht in beiden Gruppen eine positive Korrelation (Experimentalgruppe r=.640; Kontrollgruppe r=.396); diese werden im nächsten Kapitel auf Signifikanz geprüft. 8.4 Inferenzstatistik Das folgende Kapitel wird sich zunächst dem Umgang mit der recht kleinen Stichprobe der freiwilligen Teilnehmer von europäischen Begegnungen (Experimentalgruppe I/EVEA) widmen, um anschließend die in Kapitel 7 aufgestellten Hypothesen zu prüfen. 8.4.1 Umgang mit der kleinen Stichprobe Wie in Kapitel 8.1 dargestellt, liegen für die Stichprobe der freiwilligen Teilnehmer von europäischen Jugendbegegnungen für die Messreihe t0→t1 lediglich 16, für die Messreihe t0→t1→t2 sogar nur 13 Datensätze43 vor. Fan (2001: 276) weist darauf hin, dass die statistische Signifikanz überabhängig von der Größe der gezogenen Stichprobe ist. Hierdurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines β-Fehlers bei kleinen Stichproben enorm; obgleich gleichzeitig auch vermieden werden muss, dass durch einen α-Fehler eine Nullhypothese fälschlicherweise abgelehnt wird. Zwar ist statistische Signifikanz als Größe der Irrtumswahrscheinlichkeit auch bei kleinen Stichproben relevant, die Effektgröße ist aber nicht minder wichtig: Fan und Konold (2010: 448) nehmen an, dass ein „unter der Gegebenheit einer kleinen Stichprobe die Annahme eines zufälligen Auftretens eines bedeutsamem (mittleren oder sogar großen) Effektes nicht glaubwürdig“ [übersetzt] sei. Insofern wird im Rahmen dieser Arbeit, wie von Fan und Konold (2010) impliziert, ein kombiniertes Prüfverfahren angewendet, dass neben der statistischen Signifikanz auch die praktische Signifikanz in 43 Dies entspricht 19 beziehungsweise 15 Prozent der eingeladenen Teilnehmer. 70 Form der Effektstärke mit einbezieht. Die im Folgenden angewandte Irrtumswahrscheinlichkeit wird unter der Bedingung, dass mindestens ein mittlerer Effekt vorliegt (d>|0.5|), auf α=.10 festgelegt. Ansonsten gilt das konventionelle Konfidenzintervall von α=.05. 8.4.2 Hypothesentestung Zur inferenzstatistischen Prüfung der Hypothesen H1 bis H4 sowie H7.2 werden gepaarte und ungepaarte Zweistichproben-t-Tests verwendet, für die Hypothesen H5 und H6 werden Regressionsanalysen verwendet. Die für beide Verfahren vorausgesetzte Intervallskalierung der verwendeten Likert-Skalen wird hierbei angenommen (vgl. Bortz/Schuster 2010: 23). Hypothese H7.1 wird durch einen bivariaten Korrelationstest geprüft. Hypothese H1 Anhand mehrerer ungepaarter Zweistichproben-t-Tests wurde die Signifikanz der Veränderung des Aspekts affektive Verbundenheit mit den in Kapitel 8.3.2. vorgestellten Veränderungsmaßen geprüft. Im Vergleich mit der Kontrollgruppe als Referenz weisen Experimentalgruppe II und die Gesamtheit der Treatmentgruppen eine signifikante Steigerung der affektiven Verbundenheit mit Europa auf. Experimentalgruppe I weist ebenso eine Steigerung auf; diese ist auf dem 10- Prozent-Niveau gepaart mit einer mittleren Effektstärke44 (d=.61) signifikant. Gleiches gilt für die langfristige Veränderung, die Effektstärke liegt hier bei .67. Die statistischen Werte sind in Tabelle 11 abgetragen. 44 Die Effektstärkemaße werden im Folgenden nach Cohen (1988) angegeben. 71 EG I KG EG II KG EG I+II KG t0→t1 (*) ** ** M .33 -.23 .48 -.23 .43 -.23 t (df) -1.87 (39) -2.08 (51) -2.30 d .61 .57 .57 t0→t2 (*) M .46 -.83 - - - t (df) -1.949 (35) - d .67 - - Tabelle 11: t-Test für die Veränderungsmaße I und II. N: EI=15; EII=27 KG=26. (*) p < .10, ** p < .05. Bezogen auf den Aspekt kognitive Auseinandersetzung ist der negativ gepolte Skalenwert in Experimentalgruppe I zu den Zeitpunkten t1 (p=.036, d=.76) und t2 (p=.042, d=.76) signifikant niedriger als in der Referenzgruppe, gleichzeitig besteht ein mittlerer Effekt. Der Unterschied zum Messzeitpunkt t0 ist nicht signifikant (p=.176). Für den Aspekt politische Legitimität sinkt der negativ gepolte Skalenwert der Experimentalgruppe I signifikant (p=.039), die Effektstärke liegt bei d=.-72. Es besteht also für alle geprüften Aspekte ein signifikanter Unterschied zur Referenzgruppe. Die Nullhypothese für Hypothese H1 wird folglich abgelehnt. Allerdings muss angemerkt werden, dass die posthoc berechneten Teststärken aufgrund der geringen Stichprobengröße lediglich zwischen .62 und .44 liegen; hierdurch besteht die Notwendigkeit, trotz der durchgehend mindestens mittleren Effekte die Hypothese an einer größeren Stichprobe erneut zu prüfen. 72 Hypothese H2 Beide Gruppen wiesen zum Zeitpunkt t0 den gleichen Mittelwert (M=3.83) auf. Für die Experimentalgruppe I besteht eine signifikante (p=.044) Steigerung des Skalenwertes auf der Skala Toleranz gepaart mit einem großen Effekt (d=.88). In der Kontrollgruppe besteht keine signifikante Steigerung (p=.25). Hieraus ergibt sich die Ablehnung der Nullhypothese. Die Teststärke liegt trotz der kleinen Stichprobe (N=36) für H2 bei .83. Hypothesen H3.1 und H3.2 Für die einzelnen Skalen wurden t-Tests durchgeführt. Hierbei ergibt sich, dass lediglich die Skala Offenheit einen Unterschied zwischen Experimentalgruppe I und Referenzgruppe auf einem Signifikanzniveau von α=.10 (p=.083) aufweist. Die Effektstärke liegt für diese Skala bei d=.55; hierdurch wird der Unterschied, wie in Kapitel 8.4.1. erläutert, im Sinne einer Tendenz interpretiert und die Hypothese H3.1 bestätigt. Die Mittelwerte der Skala Verträglichkeit weisen für die Experimentalgruppe keine statistisch signifikante Differenz auf (p=.413), auch eine praktische Signifikanz ist kaum gegeben (d=.26) insofern muss die Nullhypothese für H3.2 beibehalten werden. Hypothese H4 Die Hypothese H4 war von der Bestätigung der Hypothese H1 abhängig. Zur Prüfung wurden die Mittelwerte des Veränderungsmaßes (t0 → t1) für die Experimentalgruppe I und Experimentalgruppe II mittels eines t-Tests verglichen. Der Unterschied zwischen den Mittelwerten ist weder signifikant (p=.709) noch kann die Effektstärke als Indikator für das Vorliegen eines Zusammenhangs dienen (d=.12). Daraus folgt, dass für H4 die Nullhypothese beibehalten werden muss. Hypothesen H5 und H6 Die Ergebnisse der zur Überprüfung der Hypothesen H5 und H6 verwendeten Regressionsanalysen finden sich in Tabelle 12. In Hinblick auf Hypothese H5 besteht ein statistisch und praktisch signifikanter (p=.011, f=.40) positiver Effekt von Erfahrung mit interkulturellen Gruppen auf Toleranz. Somit kann die Hypothese H5 bestätigt werden. Gleiches gilt auch für Hypothese H6: Sie kann durch die Regressionsanalyse bestätigt werden und weist einen sehr großen Effekt auf (f=.66, p=.050). 73 Tabelle 12: Regressionsanalysen für Hypothesen H5 und H6. f = Effektstärke. Hypothesen H7.1 und H7.2 Hypothese H7.1 wird mithilfe einer bivariaten Korrelationsanalyse geprüft. Für die Gesamtheit der Treatmentgruppen besteht eine hoch signifikante (p<.001) positive Korrelation (Pearsons r=.64) zwischen dem Veränderungsmaß (t0→t1) Europa und dem Veränderungsmaß (t0→t1) Deutschland, wobei beide Veränderungmaße Werte größer Null aufweisen. Insofern kann die Hypothese, dass keine negative Korrelation besteht, bestätigt werden. Auch für die Kontrollgruppe besteht eine positive Korrelation (r= .40, p=.045), allerdings weisen hier beide Veränderungsmaße einen negativen Wert auf. Modell für: H5 Toleranz H6 Verbundenheit zu Europa Variable: Erfahrung mit interkulturellen Gruppen Konstante Intensität des Intergruppenkontakts Konstante b .18 3.31 .52 -1.62 SE .067 .208 .234 .894 β .37 - .55 t 2.67 15.88 -1.81 2.21 p .011 <.001 .050 .097 95% CI LL .04 2.89 .001 -3.59 UL .31 3.72 1.03 .35 R2 .136 .306 F (p) 7.11 (.011) 4.86 (.050) f .40 .66 N 47 13 74 Zur Prüfung von Hypothese H7.2 wurde ein Zweistichproben t-Test durchgeführt. Es besteht eine Differenz in den Mittelwerten der Treatmentgruppe und der Kontrollgruppe, dies allerdings auf einem nicht signifikanten Niveau (p=.16). Die Effektstärke beläuft sich auf d=.36, was einem mittleren Effekt entsprechen würde. Zwar kann die Hypothese H7.2 somit nicht bestätigt werden, dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass deswegen davon ausgegangen werden darf, dass die Nullhypothese wahr ist. Die post-hoc-Analyse der Teststärke ergibt mit .29 einen sehr geringen Wert, die Wahrscheinlichkeit eines β-Fehlers liegt im Umkehrschluss bei 71 Prozent. 8.5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse Es konnte gezeigt werden, dass die Teilnahme an europäischen Jugendbegegnungen einen positiven Einfluss auf die Identifikation mit Europa (H1) und auf die Toleranz (H2) von Jugendlichen hat. Als Einflussfaktor auf die Erhöhung von Toleranz konnte die Häufigkeit von Intergruppenkontakten bestätigt werden (H5), als Einflussfaktor für die europäische Identifikation die Intensität des Intergruppenkontakts (H6). Die Untersuchung der Persönlichkeitsstruktur von Jugendlichen, die an Jugendbegegnungen teilnahmen und solchen, die nicht an Jugendfreizeiten teilnahmen ergab, dass lediglich in der Dimension Offenheit für neue Erfahrungen eine leichte Tendenz der Teilnehmer von Jugendbegegnungen zu höheren Werten vorliegt (H3.1). Für alle anderen Dimensionen, auch nicht für die als unterschiedlich angenommene Dimension Verträglichkeit (H3.2), liegen keine signifikanten Unterschiede vor. Die Hypothese, dass Jugendliche, die nicht freiwillig an einer Jugendbegegnung teilnehmen, eine höhere positive Veränderung ihrer Identifikation mit Europa aufweisen als solche, die freiwillig teilnehmen (H4), muss zurückgewiesen werden. Ausgehend von der Hypothese, dass keine negative Korrelation zwischen europäischer und nationaler Identifikation besteht, zeigte sich, dass sogar eine stark positive Korrelation zwischen beiden Identifikationen vorliegt (H7.1) Abweichend hiervon konnte nicht bestätigt werden, dass Teilnehmer von Jugendbegegnungen nach der Teilnahme eine höhere nationale Identität aufweisen; dies obwohl die Entwicklung für beide Identifikationen positiv verläuft (H7.2). Allerdings ist dies unter dem Gesichtspunkt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen β-Fehler bei 71 Prozent liegt, nicht hinreichend, um die Nullhypothese anzunehmen. 75 9 Diskussion der Ergebnisse und Implikationen Pettigrew und Tropp (2006: 753) wiesen in ihrer Metastudie einen für den Pfad Intergruppenkontakt → Verringerung von Vorurteilen unter den in Kapitel 4.1. diskutierten Moderatoren eine durchschnittliche Effektstärke (r=.30) nach. Wie in Kapitel 3.3. erläutert, wird Toleranz im Rahmen dieser Arbeit als Antagonist von Vorurteilen konzeptualisiert. Für den Wirkzusammenhang Intergruppenkontakt 45 → Erhöhung von Toleranz besteht ein Effekt von d=.88 ≙ r=.40. Unter der Annahme, dass sich Vorurteile und Toleranz tatsächlich antagonisieren, ist der Effekt von Intergruppenkontakt für Jugendbegegnungen stärker ausgeprägt als für Kontaktsituationen allgemein. Ein Grund hierfür könnte unter anderem sein, dass die vorrangige Entwicklungsaufgabe des Jugendalters die Herausbildung eines stabilen kategorialen Systems ist (vgl. Thomas 2015: 189). Jugendliche sind in dieser Phase besonders beeinflussbar und auf der ständigen Suche nach Zugehörigkeit. 46 Die Erfahrungen in Jugendbegegnungen können als Angebot für die inklusive Anlage des eigenen kategorialen Systems verstanden werden. Die inklusive Anlage des kategorialen Systems steht in engem Zusammenhang mit der durch diese Arbeit empirisch gesicherten Stärkung der Europäischen Identifikation durch Jugendbegegnungen: Die theoretische Betrachtung konnte zeigen, dass nationale und europäische Identifikation auf zwei verschiedenen Hierarchieebenen ablaufen. Die europäische Identifikation bildet zur nationalen Identifikation die inklusivere Ebene, da sie Individuen verschiedener Nationalitäten mit einschließen kann. Wie in der theoretischen Betrachtung diskutiert, lösen positive Kontakte, in diesem Fall mit Angehörigen anderer 45 ebenfalls unter den genannten Bedingungen. 46 zur Diskussion siehe Kapitel 5.1. 76 europäischer Staaten, den Wunsch nach Selbsterweiterung aus (Aron et al: 2004). Daraus leitet sich das Bestreben der Selbstkategorisierung in eine gemeinsame Gruppe ab; eine im Kontext von Jugendbegegnungen hochverfügbare und zugängliche Kategorie bietet Europa beziehungsweise die Gruppe der Europäer an. Die Fragstellung dieser Arbeit bezog sich auf die Identifikation mit Europa47: Hierdurch entsteht eine gewisse Unschärfe zwischen der Identifikation mit der Gruppe der Europäer und der Identifikation mit dem politischen Europa beziehungsweise der Europäischen Union, die sich sowohl in der öffentlichen wie auch akademischen Debatte wiederfindet (vgl. Stöckel 2015: 247). Um dieser Unschärfe gerecht zu werden, wurde die europäische Identifikation einmal direkt über den Indikator affektive Verbundenheit gemessen, gleichzeitig aber auch über die kognitive Auseinandersetzung und die empfundene politische Legitimität. Die Teilnehmer europäischer Jugendbegegnungen zeigten für alle drei Indikatoren im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikante Anstiege, insofern ist die erzeugte Unschärfe hinnehmbar. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die drei Indikatoren nicht geeignet waren, aus ihnen eine Skala zu bilden. Der Diskussion zu den Erhebungsinstrumenten vorweggreifend, macht dies für die weitere Forschung ein Instrument notwendig, durch das sich die Facetten der Identifikation mit Europa besser abbilden lassen. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass europäische und nationale Identifikation nicht negativ miteinander korrelieren. Dies konnte durch die empirische Untersuchung gestützt werden. Im Rahmen dieser Untersuchung zeigte sich sogar eine starke positive Korrelation. Angemerkt sei, dass zwar die Hypothese, dass Jugendliche nach der Teilnahme an einer europäischen Begegnung eine höhere Identifikation mit ihrem Heimatland aufweisen, durch mangelnde Signifikanz nicht bestätigt werden konnte. Der Grund wird allerdings, wie später in diesem Kapitel diskutiert, in der zu geringen Stichprobengröße vermutet. Aus der Theorie lässt sich die positive Korrelation dadurch herleiten, dass die Entstehung einer dualen Identität mit dem Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden verbunden ist (vgl. Gaertner/Dovidio 2000: 50). Ebendiesen Mechanismus identifiziert auch Kuhl (2015) in ihrer Studie zur Veränderung der nationalen Iden- 47 die, wie dargelegt, oft kurz als Europäische Identität bezeichnet wird. 77 tität bei Jugendlichen über den Zeitraum eines Austauschjahres. Kuhl (2015) verwendet für die Messung der nationalen Identität unter anderem das von Phinney und Ong (2007) konstruierte und vielfach validierte Instrument MEIM-R.48 Allerdings zeigte sich, dass dieses Instrument nicht geeignet ist, um europäische Identität zu messen, da diese, wie in Kapitel 2.2.2. diskutiert wird, kaum eine ethnische Dimension aufweist. Gleichzeitig eignet sich das Instrument zur Messung langfristiger Prozesse, weniger jedoch für die Messung in kurzen Abständen. Für die weitere Forschung zur europäischen Identität wäre die Konstruktion eines Instruments, das in der Lage ist, die verschiedenen Dimensionen ebendieser wie auch von nationaler Identität abzubilden, hilfreich. Gleichzeitig muss dieses Instrument eine ausreichende Sensibilität aufweisen, um auch durch kurze Maßnahmen auftretende Veränderungen erfassen zu können. Thomas (2013) gibt durch seine Langzeitstudie Anlass zu der Vermutung, dass neben den kurzfristig auftretenden Effekten durch interkulturelle Jugendprogramme langfristige Veränderungen erwartbar sind. Insofern wäre es interessant, nach einem Jahr oder einem noch längeren zeitlichen Abstand eine weitere Erhebung mit der gleichen Teilnehmergruppe durchzuführen; hierbei würde sich möglicherweise der Effekt abzeichnen, dass die Jugendbegegnung für einige Teilnehmer als initialer Impuls für weitere Prozesse diente (vgl. ibd.: 99). Bezüglich der Freiwilligkeit der Teilnahme an Kontaktsituationen führte Pettigrew (1998:69) an, dass der Effekt49 von positivem Intergruppenkontakt für Individuen, die nicht freiwillig an der Kontaktsituation teilnehmen, größer ist. Begründet werden kann diese Annahme dadurch, dass die freiwillige Entscheidung zur Teilnahme an einer Kontaktsituation bereits einen Prädiktor für die Offenheit gegenüber der anderen Gruppe darstellt. Bei einer unfreiwilligen Teilnahme entfällt dieser; gleichzeitig findet eine geringere Vorselektion statt. In dieser Untersuchung zeigte sich im Kontrast dazu keine signifikante Abweichung zwischen der freiwilligen und der unfreiwilligen Gruppe in der Veränderung der Identifikation mit Europa. Dies könnte 48 Multigroup Ethnic Identity Measure-Revised. 49 Pettigrew bezieht sich hierbei auf den Abbau von Vorurteilen. Allerdings wurde in Kapitel 4 gezeigt, dass die Reduktion von Vorurteilen in direkter Linie auf dem Pfad Intergruppenkontakt → Bildung einer gemeinsamen Kategorie liegt. Insofern wurde angenommen, dass auch für die Bildung einer gemeinsamen Kategorie eine höhere Ausprägung vorliegt. 78 verschiedene Ursachen haben: De facto war die Teilnahme an der Begegnung für Experimentalgruppe II zwar verpflichtend, allerdings könnte es sein, dass das Bewusstsein der Unfreiwilligkeit der Teilnahme durch die hohe Motivation der Gruppe in Bezug auf die Begegnung überlagert wurde. Zu prüfen wäre, ob das schulgebundene Setting der unfreiwilligen Gruppe spezifische Faktoren enthält, die im schulischen Kontext, nicht aber in der non-formalen Bildung zu verorten sind, und die gleichzeitig für den Intergruppenkontakt relevant sind. Die geringe Effektstärke zusammen mit der niedrigen Signifikanz in der Hypothesenprüfung lässt den Schluss zu, dass kein relevanter Unterschied in Hinblick auf die Veränderung der Identifikation mit Europa zwischen den beiden Gruppen vorliegt. Ob dieser Befund generalisierbar ist beziehungsweise Pettigrews Annahme eventuell nur eingeschränkt für das Jugendalter gilt, sollte anhand einer größeren Stichprobe geprüft werden. Zur Frage, ob Jugendliche, die sich entschließen, an einer Jugendbegegnung teilzunehmen, eine andere Tendenz in ihrer Persönlichkeitsstruktur aufweisen als solche, die freiwillig an einer vergleichbaren Maßnahme ohne Intergruppenkontakt partizipieren, wurde folgendes festgestellt: Für die gezogene Stichprobe ergab sich lediglich eine signifikante Abweichung in der Dimension Offenheit. Eine ursprünglich angenommene höhere Ausprägung der Experimentalgruppe in der Dimension Verträglichkeit, die von Stößel et al. (2009:101) mit einer „geringere[n] Ausprägung in der sozialen Dominanzorientierung“ in Verbindung gebracht wird, kann durch diese Arbeit nicht bestätigt werden. Dies kann durch die besondere Kontrollgruppe erklärt werden: Auch diese nehmen an einer Jugendfreizeit teil, die sich von den Jugendbegegnungen vor allem dadurch unterscheidet, das sie nicht das Treatment Intergruppenkontakt aufweist. Auch im Rahmen der untersuchten Jugendfreizeit und ähnlicher Projekte wird explizit gefordert, dass die Teilnehmer sich in eine Gruppe, die auf der Basis von Gleichheit funktioniert, integrieren. Jugendfreizeiten dürften generell keine Orte sein, die Menschen mit einer ausgeprägten Dominanzorientierung im Sinne Prattos (1999) anziehen. Es bietet sich an, diesen Ansatz insofern weiterzuverfolgen, als dass zusätzlich Versuchspersonen ohne den Einfluss einer gerichteten Gruppensituation mit in nachfolgende Studien einbezogen werden. Ein Erfolg dieser Arbeit liegt darin, dass sie zeigen konnte, dass die Intensität des Intergruppenkontakts einen signifikanten Einfluss auf 79 die Identifikation mit Europa hat. Zwar ist es notwendig, durch Modifikation der Skala ihre interne Konsistenz zu erhöhen (Cronbachs α= 0.62), jedoch schließen sich bereits an diesen Befund praktische Implikationen für die Durchführung von Jugendbegegnungen an: Angebote, die einen Austausch über die jeweiligen Kulturen der Teilnehmer ermöglichen und solche, die Teilnehmer in die Lage versetzen, in der Sprache des anderen zu kommunizieren, sind im Rahmen von Jugendbegegnungen von besonderem Wert. Gleichzeitig konnte auch der Einfluss von intergruppaler Freundschaft auf die Identifikation mit Europa nachgewiesen werden. Hieraus ergibt sich, dass ein besonderer Fokus darauf gelegt werden sollte, dass tatsächlich ein tiefgreifendes gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht wird. Weiterhin konnte diese Arbeit zeigen, dass die Häufigkeit der Teilnahme an Jugendbegegnungen einen sehr hohen Effekt auf die Toleranz der Jugendlichen hat. Dies ist sicherlich unter anderem damit zu begründen, dass mit jeder Kontaktsituation neue Teilnehmer aus anderen Kulturen kennengelernt werden, was zur Folge hat, dass das dem Jugendlichen bekannte Angebot von Lebensentwürfen und Ideen stetig wächst. Gleichzeitig bieten Jugendbegegnungen durch ihre Gestaltungsmerkmale selbst den Entwurf eines gleichberechtigten Umgangs ‚auf Augenhöhe’, können also als Lernen am Modell verstanden werden. In diesem Zusammenhang steht eine Fragestellung, die im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht wurde, aber wichtige weitere Erkenntnisse liefern könnte. Die Frage lautet, ob und wie ausgeprägt durch den Intergruppenkontakt von Bürgern europäischer Staaten eine Generalisierung in Richtung der Bürger aller europäischen Länder, auch solcher, die den Individuen fremd sind, stattfindet. Wird also durch die Aktivierung der übergeordneten Selbstkategorisierung Europäer, deren Zugänglichkeit beispielsweise durch eine Begegnung zwischen spanischen und französischen Jugendlichen erhöht wird, automatisch ein Einschluss von unbekannten tschechischen Jugendlichen in die Kategorie Europäer vorgenommen? Prüfbar wäre dieser Zusammenhang durch die Messung der Veränderung von Einstellungen und der sozialen Distanz zu unbekannten Individuen aus anderen europäischen Ländern. Zuletzt ist es notwendig, die Stichprobengröße der Erhebung zu diskutieren. Es zeigte sich, dass für einige Hypothesentests eine unzureichende Teststärke erreicht wurde. Dies erfordert, dass einige Hypothesen noch einmal an einer größeren Stichprobe geprüft werden 80 müssen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass in den jeweiligen Projekten in der Regel nur wenige Teilnehmer pro Land vertreten sind und so die Grundgesamtheit der möglichen Teilnehmer recht gering ausfällt. Neben der zukünftigen Anwendung von Anreizmechanismen bietet es sich an, abgesehen von den deutschen Teilnehmern der Projekte in zukünftigen Erhebungen auch alle weiteren Gruppen mit einzubeziehen. Hierdurch wäre es überdies möglich, Rückschlüsse zwischen den verschiedenen Teilnehmergruppen zu ziehen. Im Zuge dieser Arbeit fiel die Entscheidung auf die Erhebung von Teilnehmern eines Landes, da der Aufwand, der durch die Übersetzung notwendigen Pretests den Rahmen gesprengt hätte und gleichzeitig noch kein Instrument zur Verringerung von Störfaktoren zur Verfügung stand. Zum Ausschluss von Störfaktoren und zur tieferen methodischen Analyse böte es sich an, im Sinne eines Mixed-Methods-Designs neben der empirischen Erhebung zusätzlich Analysen der Programme der jeweiligen Begegnungen durchzuführen und diese im Bedarfsfall durch problemzentrierte Interviews mit den jeweiligen pädagogischen Leitern der Maßnahmen zu ergänzen. 81 10 Fazit Die vorliegende Arbeit verfolgte das Ziel, zu klären, ob die Teilnahme an europäischen Jugendbegegnungen zur Stärkung eines Zugehörigkeitsgefühls respektive der Identifikation mit Europa beiträgt. Es konnte aus der Theorie hergeleitet und für die gezogene Stichprobe empirisch bestätigt werden, dass europäische Jugendbegegnungen einen positiven Effekt auf die Identifikation mit Europa haben. Dieser Zusammenhang gilt sowohl für die affektive und die kognitive Dimension wie auch in Bezug auf die politische Dimension von Europa. Zwar wird es durch die Größe der untersuchten Stichprobe notwendig sein, die Untersuchung mit einer größeren Gruppe von Teilnehmern interkultureller europäischer Jugendbegegnungen zu wiederholen; die theoretische Betrachtung und der empirische Befund lässt aber gleichwohl annehmen, dass eine Nachfolgeuntersuchung ähnliche Ergebnisse liefern wird. Weiterhin bestätigte sich die theoretische Annahme, dass nationale und europäische Identität nicht im Widerstreit miteinander stehen. Für die Teilnehmer der Erhebung trat sogar eine positive Korrelation hervor. Auch dieser Befund muss durch die fehlende Signifikanz des gleichzeitig geprüften direkten Zusammenhangs zwischen europäischen Jugendbegegnungen und Identifikation mit dem Heimatland in einer größer angelegten Untersuchung validiert werden. Ein weiterer zentraler Befund der Untersuchung liegt im Zusammenhang zwischen der Teilnahme an Jugendbegegnungen und Einstellungen zu Andersartigkeit beziehungsweise Toleranz. Erstens konnte gezeigt werden, dass die Teilnahme an einer Jugendbegegnung einen direkten positiven Effekt auf die Toleranz der Jugendlichen hat, zweitens besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Teilnahme an Jugendbegegnungen und einer toleranten Haltung. 82 Nicht bestätigt werden konnte indes die theoriebasierte Annahme, dass Teilnehmer, die nicht freiwillig an der Jugendbegegnung teilnehmen, einen größeren Effekt in Bezug auf die Identifikation mit Europa aufweisen. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur von Teilnehmern von europäischen Jugendbegegnungen und solchen, die an anderen Projekten teilnehmen, lediglich in der Dimension Offenheit für neue Erfahrungen zu verorten sind. Ein für die Praxis wichtiger Befund dieser Arbeit liegt darin, dass die Intensität des intergruppalen Kontakts, die über das Lernen über eine fremde Kultur und Sprache sowie das Finden von Freunden operationalisiert wurde, eine Auswirkung auf die Stärke der Auswirkung hat. Obgleich die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit teilweise noch durch weitere Untersuchungen abgesichert werden müssen, bieten sie einen Ausgangspunkt für die Modifizierung der verwendeten Untersuchungsinstrumente und die weitere Beschäftigung mit den Effekten von europäischen Jugendbegegnungen. Insgesamt lässt die vorliegende Arbeit den Schluss zu, dass durch europäische Begegnungen die Identifikation mit Europa gefördert werden kann, die, wie eingangs erläutert, zentral für die Legitimation und die Stabilität der Europäischen Union ist. 83 Literaturverzeichnis Allport, Gordon W. (1971): Die Natur des Vorurteils. Graumann, Carl Friedrich (Hg.). Köln: Kiepenheuer & Witsch. Allport, Gordon W. 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Abstract

In the study Jugend und Europa, a model of the effects of intergroup contacts in international youth exchanges is developed on the basis of theorems derived from Allport’s contact hypothesis. The effects of international youth work programmes in which European topics are approached from different angles are compared in the study. Exchanges in the context of school and non-formal settings as well as youth camps approaching intercultural topics without exchange were considered. The factors and conditions that are relevant for the development of a European identity and an active European Citizenship are portrayed. Furthermore, the impacts on the formation of tolerance and personality through international youth exchanges is investigated. Repeatedly conducting surveys over time allowed to identify both short- and long-term impacts.

Zusammenfassung

Die Studie Jugend und Europa entwickelt auf Basis der von Allports Kontakthypothese abgeleiteten Theoreme ein Modell zur Wirkung von Intergruppenkontakt in internationalen Jugendbegegnungen. Sie vergleicht Wirkungen von Angeboten der internationalen Jugendarbeit, die sich europäischen Themen von verschiedenen Seiten nähern: Einbezogen wurden sowohl Jugendbegegnungen im non-formalen und im schulischen Kontext sowie Maßnahmen, die sich interkulturellen Fragestellungen ohne Begegnung nähern. Es wird gezeigt, welche Bedingungen und Faktoren auf die Genese einer Europäischen Identität und der Herausbildung einer aktiven Europäischen Bürgerschaft wirken. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Toleranz und die Entwicklung der Persönlichkeit durch internationale Jugendbegegnungen untersucht. Durch mehrere Befragungszeitpunkte konnten sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen ermittelt werden.

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Abstract

In the study Jugend und Europa, a model of the effects of intergroup contacts in international youth exchanges is developed on the basis of theorems derived from Allport’s contact hypothesis. The effects of international youth work programmes in which European topics are approached from different angles are compared in the study. Exchanges in the context of school and non-formal settings as well as youth camps approaching intercultural topics without exchange were considered. The factors and conditions that are relevant for the development of a European identity and an active European Citizenship are portrayed. Furthermore, the impacts on the formation of tolerance and personality through international youth exchanges is investigated. Repeatedly conducting surveys over time allowed to identify both short- and long-term impacts.

Zusammenfassung

Die Studie Jugend und Europa entwickelt auf Basis der von Allports Kontakthypothese abgeleiteten Theoreme ein Modell zur Wirkung von Intergruppenkontakt in internationalen Jugendbegegnungen. Sie vergleicht Wirkungen von Angeboten der internationalen Jugendarbeit, die sich europäischen Themen von verschiedenen Seiten nähern: Einbezogen wurden sowohl Jugendbegegnungen im non-formalen und im schulischen Kontext sowie Maßnahmen, die sich interkulturellen Fragestellungen ohne Begegnung nähern. Es wird gezeigt, welche Bedingungen und Faktoren auf die Genese einer Europäischen Identität und der Herausbildung einer aktiven Europäischen Bürgerschaft wirken. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Toleranz und die Entwicklung der Persönlichkeit durch internationale Jugendbegegnungen untersucht. Durch mehrere Befragungszeitpunkte konnten sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen ermittelt werden.