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9 Diskussion der Ergebnisse und Implikationen in:

David Funk

Jugend und Europa, page 75 - 80

Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4466-7, ISBN online: 978-3-8288-7489-3, https://doi.org/10.5771/9783828874893-75

Tectum, Baden-Baden
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75 9 Diskussion der Ergebnisse und Implikationen Pettigrew und Tropp (2006: 753) wiesen in ihrer Metastudie einen für den Pfad Intergruppenkontakt → Verringerung von Vorurteilen unter den in Kapitel 4.1. diskutierten Moderatoren eine durchschnittliche Effektstärke (r=.30) nach. Wie in Kapitel 3.3. erläutert, wird Toleranz im Rahmen dieser Arbeit als Antagonist von Vorurteilen konzeptualisiert. Für den Wirkzusammenhang Intergruppenkontakt 45 → Erhöhung von Toleranz besteht ein Effekt von d=.88 ≙ r=.40. Unter der Annahme, dass sich Vorurteile und Toleranz tatsächlich antagonisieren, ist der Effekt von Intergruppenkontakt für Jugendbegegnungen stärker ausgeprägt als für Kontaktsituationen allgemein. Ein Grund hierfür könnte unter anderem sein, dass die vorrangige Entwicklungsaufgabe des Jugendalters die Herausbildung eines stabilen kategorialen Systems ist (vgl. Thomas 2015: 189). Jugendliche sind in dieser Phase besonders beeinflussbar und auf der ständigen Suche nach Zugehörigkeit. 46 Die Erfahrungen in Jugendbegegnungen können als Angebot für die inklusive Anlage des eigenen kategorialen Systems verstanden werden. Die inklusive Anlage des kategorialen Systems steht in engem Zusammenhang mit der durch diese Arbeit empirisch gesicherten Stärkung der Europäischen Identifikation durch Jugendbegegnungen: Die theoretische Betrachtung konnte zeigen, dass nationale und europäische Identifikation auf zwei verschiedenen Hierarchieebenen ablaufen. Die europäische Identifikation bildet zur nationalen Identifikation die inklusivere Ebene, da sie Individuen verschiedener Nationalitäten mit einschließen kann. Wie in der theoretischen Betrachtung diskutiert, lösen positive Kontakte, in diesem Fall mit Angehörigen anderer 45 ebenfalls unter den genannten Bedingungen. 46 zur Diskussion siehe Kapitel 5.1. 76 europäischer Staaten, den Wunsch nach Selbsterweiterung aus (Aron et al: 2004). Daraus leitet sich das Bestreben der Selbstkategorisierung in eine gemeinsame Gruppe ab; eine im Kontext von Jugendbegegnungen hochverfügbare und zugängliche Kategorie bietet Europa beziehungsweise die Gruppe der Europäer an. Die Fragstellung dieser Arbeit bezog sich auf die Identifikation mit Europa47: Hierdurch entsteht eine gewisse Unschärfe zwischen der Identifikation mit der Gruppe der Europäer und der Identifikation mit dem politischen Europa beziehungsweise der Europäischen Union, die sich sowohl in der öffentlichen wie auch akademischen Debatte wiederfindet (vgl. Stöckel 2015: 247). Um dieser Unschärfe gerecht zu werden, wurde die europäische Identifikation einmal direkt über den Indikator affektive Verbundenheit gemessen, gleichzeitig aber auch über die kognitive Auseinandersetzung und die empfundene politische Legitimität. Die Teilnehmer europäischer Jugendbegegnungen zeigten für alle drei Indikatoren im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikante Anstiege, insofern ist die erzeugte Unschärfe hinnehmbar. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die drei Indikatoren nicht geeignet waren, aus ihnen eine Skala zu bilden. Der Diskussion zu den Erhebungsinstrumenten vorweggreifend, macht dies für die weitere Forschung ein Instrument notwendig, durch das sich die Facetten der Identifikation mit Europa besser abbilden lassen. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass europäische und nationale Identifikation nicht negativ miteinander korrelieren. Dies konnte durch die empirische Untersuchung gestützt werden. Im Rahmen dieser Untersuchung zeigte sich sogar eine starke positive Korrelation. Angemerkt sei, dass zwar die Hypothese, dass Jugendliche nach der Teilnahme an einer europäischen Begegnung eine höhere Identifikation mit ihrem Heimatland aufweisen, durch mangelnde Signifikanz nicht bestätigt werden konnte. Der Grund wird allerdings, wie später in diesem Kapitel diskutiert, in der zu geringen Stichprobengröße vermutet. Aus der Theorie lässt sich die positive Korrelation dadurch herleiten, dass die Entstehung einer dualen Identität mit dem Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden verbunden ist (vgl. Gaertner/Dovidio 2000: 50). Ebendiesen Mechanismus identifiziert auch Kuhl (2015) in ihrer Studie zur Veränderung der nationalen Iden- 47 die, wie dargelegt, oft kurz als Europäische Identität bezeichnet wird. 77 tität bei Jugendlichen über den Zeitraum eines Austauschjahres. Kuhl (2015) verwendet für die Messung der nationalen Identität unter anderem das von Phinney und Ong (2007) konstruierte und vielfach validierte Instrument MEIM-R.48 Allerdings zeigte sich, dass dieses Instrument nicht geeignet ist, um europäische Identität zu messen, da diese, wie in Kapitel 2.2.2. diskutiert wird, kaum eine ethnische Dimension aufweist. Gleichzeitig eignet sich das Instrument zur Messung langfristiger Prozesse, weniger jedoch für die Messung in kurzen Abständen. Für die weitere Forschung zur europäischen Identität wäre die Konstruktion eines Instruments, das in der Lage ist, die verschiedenen Dimensionen ebendieser wie auch von nationaler Identität abzubilden, hilfreich. Gleichzeitig muss dieses Instrument eine ausreichende Sensibilität aufweisen, um auch durch kurze Maßnahmen auftretende Veränderungen erfassen zu können. Thomas (2013) gibt durch seine Langzeitstudie Anlass zu der Vermutung, dass neben den kurzfristig auftretenden Effekten durch interkulturelle Jugendprogramme langfristige Veränderungen erwartbar sind. Insofern wäre es interessant, nach einem Jahr oder einem noch längeren zeitlichen Abstand eine weitere Erhebung mit der gleichen Teilnehmergruppe durchzuführen; hierbei würde sich möglicherweise der Effekt abzeichnen, dass die Jugendbegegnung für einige Teilnehmer als initialer Impuls für weitere Prozesse diente (vgl. ibd.: 99). Bezüglich der Freiwilligkeit der Teilnahme an Kontaktsituationen führte Pettigrew (1998:69) an, dass der Effekt49 von positivem Intergruppenkontakt für Individuen, die nicht freiwillig an der Kontaktsituation teilnehmen, größer ist. Begründet werden kann diese Annahme dadurch, dass die freiwillige Entscheidung zur Teilnahme an einer Kontaktsituation bereits einen Prädiktor für die Offenheit gegenüber der anderen Gruppe darstellt. Bei einer unfreiwilligen Teilnahme entfällt dieser; gleichzeitig findet eine geringere Vorselektion statt. In dieser Untersuchung zeigte sich im Kontrast dazu keine signifikante Abweichung zwischen der freiwilligen und der unfreiwilligen Gruppe in der Veränderung der Identifikation mit Europa. Dies könnte 48 Multigroup Ethnic Identity Measure-Revised. 49 Pettigrew bezieht sich hierbei auf den Abbau von Vorurteilen. Allerdings wurde in Kapitel 4 gezeigt, dass die Reduktion von Vorurteilen in direkter Linie auf dem Pfad Intergruppenkontakt → Bildung einer gemeinsamen Kategorie liegt. Insofern wurde angenommen, dass auch für die Bildung einer gemeinsamen Kategorie eine höhere Ausprägung vorliegt. 78 verschiedene Ursachen haben: De facto war die Teilnahme an der Begegnung für Experimentalgruppe II zwar verpflichtend, allerdings könnte es sein, dass das Bewusstsein der Unfreiwilligkeit der Teilnahme durch die hohe Motivation der Gruppe in Bezug auf die Begegnung überlagert wurde. Zu prüfen wäre, ob das schulgebundene Setting der unfreiwilligen Gruppe spezifische Faktoren enthält, die im schulischen Kontext, nicht aber in der non-formalen Bildung zu verorten sind, und die gleichzeitig für den Intergruppenkontakt relevant sind. Die geringe Effektstärke zusammen mit der niedrigen Signifikanz in der Hypothesenprüfung lässt den Schluss zu, dass kein relevanter Unterschied in Hinblick auf die Veränderung der Identifikation mit Europa zwischen den beiden Gruppen vorliegt. Ob dieser Befund generalisierbar ist beziehungsweise Pettigrews Annahme eventuell nur eingeschränkt für das Jugendalter gilt, sollte anhand einer größeren Stichprobe geprüft werden. Zur Frage, ob Jugendliche, die sich entschließen, an einer Jugendbegegnung teilzunehmen, eine andere Tendenz in ihrer Persönlichkeitsstruktur aufweisen als solche, die freiwillig an einer vergleichbaren Maßnahme ohne Intergruppenkontakt partizipieren, wurde folgendes festgestellt: Für die gezogene Stichprobe ergab sich lediglich eine signifikante Abweichung in der Dimension Offenheit. Eine ursprünglich angenommene höhere Ausprägung der Experimentalgruppe in der Dimension Verträglichkeit, die von Stößel et al. (2009:101) mit einer „geringere[n] Ausprägung in der sozialen Dominanzorientierung“ in Verbindung gebracht wird, kann durch diese Arbeit nicht bestätigt werden. Dies kann durch die besondere Kontrollgruppe erklärt werden: Auch diese nehmen an einer Jugendfreizeit teil, die sich von den Jugendbegegnungen vor allem dadurch unterscheidet, das sie nicht das Treatment Intergruppenkontakt aufweist. Auch im Rahmen der untersuchten Jugendfreizeit und ähnlicher Projekte wird explizit gefordert, dass die Teilnehmer sich in eine Gruppe, die auf der Basis von Gleichheit funktioniert, integrieren. Jugendfreizeiten dürften generell keine Orte sein, die Menschen mit einer ausgeprägten Dominanzorientierung im Sinne Prattos (1999) anziehen. Es bietet sich an, diesen Ansatz insofern weiterzuverfolgen, als dass zusätzlich Versuchspersonen ohne den Einfluss einer gerichteten Gruppensituation mit in nachfolgende Studien einbezogen werden. Ein Erfolg dieser Arbeit liegt darin, dass sie zeigen konnte, dass die Intensität des Intergruppenkontakts einen signifikanten Einfluss auf 79 die Identifikation mit Europa hat. Zwar ist es notwendig, durch Modifikation der Skala ihre interne Konsistenz zu erhöhen (Cronbachs α= 0.62), jedoch schließen sich bereits an diesen Befund praktische Implikationen für die Durchführung von Jugendbegegnungen an: Angebote, die einen Austausch über die jeweiligen Kulturen der Teilnehmer ermöglichen und solche, die Teilnehmer in die Lage versetzen, in der Sprache des anderen zu kommunizieren, sind im Rahmen von Jugendbegegnungen von besonderem Wert. Gleichzeitig konnte auch der Einfluss von intergruppaler Freundschaft auf die Identifikation mit Europa nachgewiesen werden. Hieraus ergibt sich, dass ein besonderer Fokus darauf gelegt werden sollte, dass tatsächlich ein tiefgreifendes gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht wird. Weiterhin konnte diese Arbeit zeigen, dass die Häufigkeit der Teilnahme an Jugendbegegnungen einen sehr hohen Effekt auf die Toleranz der Jugendlichen hat. Dies ist sicherlich unter anderem damit zu begründen, dass mit jeder Kontaktsituation neue Teilnehmer aus anderen Kulturen kennengelernt werden, was zur Folge hat, dass das dem Jugendlichen bekannte Angebot von Lebensentwürfen und Ideen stetig wächst. Gleichzeitig bieten Jugendbegegnungen durch ihre Gestaltungsmerkmale selbst den Entwurf eines gleichberechtigten Umgangs ‚auf Augenhöhe’, können also als Lernen am Modell verstanden werden. In diesem Zusammenhang steht eine Fragestellung, die im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht wurde, aber wichtige weitere Erkenntnisse liefern könnte. Die Frage lautet, ob und wie ausgeprägt durch den Intergruppenkontakt von Bürgern europäischer Staaten eine Generalisierung in Richtung der Bürger aller europäischen Länder, auch solcher, die den Individuen fremd sind, stattfindet. Wird also durch die Aktivierung der übergeordneten Selbstkategorisierung Europäer, deren Zugänglichkeit beispielsweise durch eine Begegnung zwischen spanischen und französischen Jugendlichen erhöht wird, automatisch ein Einschluss von unbekannten tschechischen Jugendlichen in die Kategorie Europäer vorgenommen? Prüfbar wäre dieser Zusammenhang durch die Messung der Veränderung von Einstellungen und der sozialen Distanz zu unbekannten Individuen aus anderen europäischen Ländern. Zuletzt ist es notwendig, die Stichprobengröße der Erhebung zu diskutieren. Es zeigte sich, dass für einige Hypothesentests eine unzureichende Teststärke erreicht wurde. Dies erfordert, dass einige Hypothesen noch einmal an einer größeren Stichprobe geprüft werden 80 müssen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass in den jeweiligen Projekten in der Regel nur wenige Teilnehmer pro Land vertreten sind und so die Grundgesamtheit der möglichen Teilnehmer recht gering ausfällt. Neben der zukünftigen Anwendung von Anreizmechanismen bietet es sich an, abgesehen von den deutschen Teilnehmern der Projekte in zukünftigen Erhebungen auch alle weiteren Gruppen mit einzubeziehen. Hierdurch wäre es überdies möglich, Rückschlüsse zwischen den verschiedenen Teilnehmergruppen zu ziehen. Im Zuge dieser Arbeit fiel die Entscheidung auf die Erhebung von Teilnehmern eines Landes, da der Aufwand, der durch die Übersetzung notwendigen Pretests den Rahmen gesprengt hätte und gleichzeitig noch kein Instrument zur Verringerung von Störfaktoren zur Verfügung stand. Zum Ausschluss von Störfaktoren und zur tieferen methodischen Analyse böte es sich an, im Sinne eines Mixed-Methods-Designs neben der empirischen Erhebung zusätzlich Analysen der Programme der jeweiligen Begegnungen durchzuführen und diese im Bedarfsfall durch problemzentrierte Interviews mit den jeweiligen pädagogischen Leitern der Maßnahmen zu ergänzen.

Chapter Preview

References

Abstract

In the study Jugend und Europa, a model of the effects of intergroup contacts in international youth exchanges is developed on the basis of theorems derived from Allport’s contact hypothesis. The effects of international youth work programmes in which European topics are approached from different angles are compared in the study. Exchanges in the context of school and non-formal settings as well as youth camps approaching intercultural topics without exchange were considered. The factors and conditions that are relevant for the development of a European identity and an active European Citizenship are portrayed. Furthermore, the impacts on the formation of tolerance and personality through international youth exchanges is investigated. Repeatedly conducting surveys over time allowed to identify both short- and long-term impacts.

Zusammenfassung

Die Studie Jugend und Europa entwickelt auf Basis der von Allports Kontakthypothese abgeleiteten Theoreme ein Modell zur Wirkung von Intergruppenkontakt in internationalen Jugendbegegnungen. Sie vergleicht Wirkungen von Angeboten der internationalen Jugendarbeit, die sich europäischen Themen von verschiedenen Seiten nähern: Einbezogen wurden sowohl Jugendbegegnungen im non-formalen und im schulischen Kontext sowie Maßnahmen, die sich interkulturellen Fragestellungen ohne Begegnung nähern. Es wird gezeigt, welche Bedingungen und Faktoren auf die Genese einer Europäischen Identität und der Herausbildung einer aktiven Europäischen Bürgerschaft wirken. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Toleranz und die Entwicklung der Persönlichkeit durch internationale Jugendbegegnungen untersucht. Durch mehrere Befragungszeitpunkte konnten sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen ermittelt werden.