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5 Jugend in Kontakt: Warum ist Kontakt gerade bei Jugendlichen wirksam? in:

David Funk

Jugend und Europa, page 43 - 48

Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4466-7, ISBN online: 978-3-8288-7489-3, https://doi.org/10.5771/9783828874893-43

Tectum, Baden-Baden
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43 5 Jugend in Kontakt: Warum ist Kontakt gerade bei Jugendlichen wirksam? Das Jugendalter ist nach Erikson (1966: 105) in Bezug auf die bisher erworbene Identität eine Phase des Umbruchs, in der „[...] alle Identifizierungen und Sicherungen, auf die man sich früher verlassen konnte, [...] erneut in Frage gestellt [werden]“ (Erikson 1966: 105). Einerseits lösen die daraus resultierenden Unsicherheiten gewisse Krisen aus, andererseits ist gerade durch sie die Möglichkeit gegeben, dass der Jugendliche sich in einem reflexiven Prozess auf die Suche nach seiner Selbst macht. Das nachfolgende Kapitel setzt sich insofern mit der Identitätsbildung und dem Einfluss, den intergruppaler Kontakt in dieser Lebensphase haben kann, auseinander. Im zweiten Teil des Kapitels wird hieran anschließend die besondere Kontaktsituation Jugendbegegnung diskutiert. 5.1 Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener sozialer Gruppen allgemein Thomas (2015: 189) beschreibt die Jugend als besondere Phase des Umbruchs und der Neuordnung wie folgt: Die Aufgabe von Jugendlichen ist es, in der Realität relevante Verpflichtungen einzugehen, was sich darin zeigt, dass sie Entscheidungen treffen [...] und sich mit Werten, Normen, Sitten, Gebräuchen, Alltagsroutinen und Selbstverständlichkeiten identifizieren und so eine eigene Art der Lebensführung entwickeln. Besonders in der Entwicklungsphase der mittleren Adoleszenz, also der Lebensphase von 13–17 Jahren, kommt es oft zu Konflikten zwischen bereits entwickelten individuellen Identitäten, an anderen beobachteten und für relevant gehaltenen Identitäten, der Diffusion 44 von Identitäten und einer bewussten Auseinandersetzung mit einer durchaus noch labilen Selbstdefinition [...]. In jedem Fall geht es immer um soziale Vergleichsprozesse mit bedeutsamen Personen und Gruppen und mit Vergleichsprozessen innerhalb der eigenen Gruppe (Zugehörigkeitsgruppe, in-group) sowie von Fremdgruppe (out-group)“ Aus der labilen Selbstdefinition gepaart mit der Suche nach Zugehörigkeit und der hohen Experimentierfreude des Jugendalters ergibt sich gleichzeitig ein großes Potential, aber eben auch eine genauso große Gefahr. Für die Jugendlichen ist es leicht, in dieser Lebensphase inklusive Selbstkategorien anzunehmen, solange diese eine Repräsentation in der Realität haben und aus ihnen gleichzeitig ein positives Selbstbild geschöpft werden kann. Gleichzeitig zeigt aber schon Erikson (1966: 110f.), dass sich Jugendliche bis zur völligen Aufgabe ihrer Selbst mit Gruppen identifizieren können, die hochgradig exklusiv und intolerant gegen andere aufgestellt sind, ihre Eigengruppe überhöhen und gleichzeitig in Fremdgruppen Feindbilder erschaffen. Er sieht in Intoleranz eine aus Sicht des Jugendlichen „notwendige Abwehr gegen ein Gefühl der Identitätsdiffusion“ (ibd.). Genau hierin liegt der Grund, warum gerade bei Jugendlichen Intergruppenkontakt eine wichtige Funktion einnehmen kann: Erstens erlangt der Jugendliche in einer Phase der Unsicherheit die Möglichkeit, ein sowohl von ihm als auch von Fremden positiv evaluiertes Bild seiner Selbst zu gestalten; hiermit bietet sich ihm eine Alternative zu der von Erikson beschriebenen exkludierenden Strategie. Zweitens bieten sich Jugendlichen durch den Intergruppenkontakt mit einer Peergroup Möglichkeiten, viele verschiedene mögliche soziale Rollen und Identifizierungen einerseits kennenzulernen und an anderen zu beobachten und andererseits selbst mit ihnen zu experimentieren. Das Jugendalter ist weiter ideal, weil Kinder erst im Alter von zehn bis elf Jahren die Fähigkeit entwickeln, Identitäten auf verschiedenen Hierarchieebenen zu antizipieren und anzunehmen (Allport 1971 [1954]: 58); hierdurch ist die Konstruktion von dualen Identitäten ohnehin erst kurz vor dem Jugendalter möglich. Reinders (2004, 98f.) untermauert die besonders hohe Wirksamkeit der Kontakthypothese bei Jugendlichen durch eine Metaanalyse, in die er Studien mit Jugendlichen, Studierenden und Erwachsenen mit einbezieht. Während alle analysierten Studien mit Jugendlichen die Kontakthypothese bestätigen, ergibt sich aus den Studien mit Studierenden und Erwachsenen ein anderes Bild: So bestätigen nur ein Drittel dieser 45 Studien die Kontakthypothese, während die übrigen zwei Drittel entweder keinen systematischen Effekt belegen können oder die Kontakthypothese als widerlegt ansehen. Dies „[...] legt die Vermutung nahe, dass die Kontakthypothese gerade bei Jugendlichen Gültigkeit besitzt“ (ibd.: 99) und begründet sie, in Anlehnung an Erikson, damit, dass „Vorurteile bei Jugendlichen aufgrund der noch stattfindenden Aushandlung ihres Wertesystems weniger stark gefestigt [sind] als bei Erwachsenen“ (ibd.: 98). Insgesamt ist also gerade das Jugendalter eine Phase, in der Intergruppenkontakt eine stark positive Wirkung auf die in dieser Zeit stattfindende Konstruktion des kategorialen Systems und der sozialen Identität des Jugendlichen hat. Gleichzeitig werden bestehende Vorurteile verringert beziehungsweise teilweise der Bildung neuer Vorurteile vorgebeugt. Hieran schließt sich, bezogen auf die zentrale Fragestellung, das Problem an, in welchen Settings die Möglichkeit besteht, dass Jugendliche intergruppale Kontakterfahrungen mit Personen aus anderen europäischen Ländern machen können, mit denen sich die benannten Effekte erzielen lassen. Schlussendlich ist es möglich, dass Kontaktsituationen in Alltagssituationen oder durch touristisches Reisen zufällig auftreten. Allerdings ist recht unwahrscheinlich, dass hierbei die Kontaktsituation quantitativ und qualitativ ausreichend ist und gleichzeitig die Bedingungen der Kontakthypothese erfüllt werden. Dabei ist zu beachten, dass Kontaktsituationen, die nicht unter bestimmten Bedingungen stattfinden, durchaus auch negative Wirkungen zur Folge haben können. Sowohl Brown und Hewstone (2005: 259) als auch Tropp und Pettigrew (2006: 753;766) weisen überdies darauf hin, dass die Wirkung von strukturiertem Kontakt deutlich höher ist. Eine solche Strukturierung liegt in Alltagssituationen in der Regel nicht vor, sondern ist vor allem im Bereich von speziell hierfür vorgesehenen interkulturellen Programmen für Jugendliche zu finden. Zu diesen zählen beispielsweise Austauschprogramme, Auslandsaufenthalte sowie Jugendbegegnungen. Das sich anschließende Kapitel wird sich, gerafft und an den untersuchten Gruppen veranschaulicht, den Rahmenbedingungen interkultureller Jugendbegegnungen und deren methodischer Herangehensweise widmen. 46 5.2 Interkultureller Kontakt zwischen Jugendlichen im Rahmen von Jugendbegegnungen Interkulturalität im Sinne der interkulturellen Jugendarbeit meint einen gleichberechtigten und gleichwertigen Austausch über Weltanschauungen, Lebensrealitäten und Kulturen im Allgemeinen. Die breite Heterogenität der Menschen und ihrer kulturellen Hintergründe wird als Bereicherung verstanden. Es geht darum, „über sein eigenes kulturelles System hinauszugehen– nicht es aufzugeben– und es auf die anderen bestehenden Systeme abzustimmen, damit Konflikte und Uneinigkeiten nicht mehr als Bedrohung, sondern als Herausforderung angenommen werden [...]“ (Funk et al. 2016: 29). Mit »interkulturellen Jugendbegegnungen« 35 sind Programme bezeichnet, in deren Rahmen Jugendliche aus verschiedenen Ländern und Kulturen für eine definierte Zeitspanne (meist eine bis drei Wochen) an einem Ort gemeinsam leben. In Abgrenzung zu Austauschen und Auslandsaufenthalten sind sie damit zeitlich wesentlich kürzer angelegt, gleichzeitig aber mit einem deutlich intensiveren Gruppenbezug ausgestattet. Oft weisen sie eine übergeordnete thematische Ausrichtung und Zielsetzung auf, wie beispielsweise die gemeinsame musikalische Gestaltung eines Konzertabends oder die Herstellung eines Films. Neben solchen übergreifenden Zielsetzungen ist das Programm so gestaltet, dass es gruppendynamische Prozesse, die zu einem intragruppalen Zugehörigkeitsgefühl führen, durch den Einsatz entsprechender Methoden fördert. Hierbei werden vor allem solche Elemente eingesetzt, die eine kooperative Ausrichtung der Gesamtgruppe erfordern. Das Zusammenleben und das gemeinsame Arbeiten in der Gruppe werden durch das Betreuerteam so gestaltet, dass die Jugendlichen partizipativ in die Planung und Gestaltung der Gruppenprozesse eingebunden sind. Durch diese Praxis der Gleichberechtigung können Identifizierungsprozesse sowohl mit dem Projekt und der kulturellen Vielfalt als auch mit der Gruppe selbst angestoßen werden (Funk et al. 2016: 45). 35 Der Markt an Anbietern für interkulturelle Jugendbegegnungen ist unüberschaubar groß. Es ist anzunehmen, dass, auch wenn die Konzepte der verschiedenen Anbieter im Kern eine ähnliche Zielsetzung aufweisen, konzeptionelle Unterschiede vorhanden sind. Die folgenden Ausführungen sind zwar recht allgemein gehalten, beziehen sich aber auf die Konzeption von interkulturellen Jugendbegegnungen der »Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen« und ihrer Partnerorganisationen in der Großregion. 47 Eine besondere Bedeutung wird in Jugendbegegnungen der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen (EVEA) der Sprache beigemessen: Zum einen werden spezielle Programmbausteine eingesetzt, die es den Teilnehmenden ermöglichen, einige Wörter beziehungsweise Phrasen der anderen Sprachen zu lernen und ihre eigenen Hemmungen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, spielerisch zu überwinden. Zum anderen wird nach Möglichkeit nicht auf eine Suprasprache zurückgegriffen, sondern in alle Sprachen übersetzt; auch hier wird der kulturellen Gleichwertigkeit Ausdruck verliehen (ibd.: 73ff.). Insgesamt wird im Rahmen der Begegnungen darauf geachtet, dass sowohl ein interpersonaler wie auch ein intergruppaler Austausch ermöglicht ist. Hierzu werden verschiedene Methoden angewandt, die den Fokus auf die Teilnehmer als separate Individuen legen und einen Austausch über Hobbies, Erfahrungen, Interessen und dergleichen fördern. Im Kontext anderer Übungen setzen sich die Teilnehmer mit ihrer eigenen und den Kulturen der anderen Teilnehmer auseinander; dies geschieht zum Beispiel in Form von interkulturellen Abenden, bei denen die Jugendlichen ihr Land und ihre Kultur vorstellen (ibd.: 131). Zuletzt sind in allen Programmen Elemente enthalten, die einen reflexiven Umgang in Bezug auf das Erleben der eigenen und der fremden Kulturen und damit verbundener Vorurteile und Stereotypen zum Ziel haben. Durch die Verquickung von interpersonaler und intergruppaler Ebene soll zudem ein Bewusstsein dafür gestärkt werden, wie viele Gemeinsamkeiten trotz anfänglich vermuteter Andersartigkeit zwischen den Teilnehmern aus den verschiedenen Ländern bestehen.36 Gleichzeitig soll die Andersartigkeit als Reichtum ausgedeutet werden, wodurch sich für die Jugendlichen ein breiter Experimentalraum für ihre eigene Rollenkonstruktion eröffnet. In Bezug auf die Bedingungen der Kontakthypothese ist davon auszugehen, dass alle in 4.1. (Wann wirkt Kontakt?) angenommenen Bedingungen durch die Kontaktsituation interkulturelle Jugendbegegnung erfüllt werden. Der gleiche Status wird dadurch gewährleistet, dass strikt darauf geachtet wird, dass die jeweiligen Gruppen gleichberechtigt in die Interaktion eintreten. Hierzu gehört auch, dass nach 36 Ein Beispiel für die Verflechtung der interpersonalen und der intergruppalen Ebene ist der Vorschlag an die Teilnehmergruppe, die Schlafräume so zu verteilen, dass sie jeweils multinational sind. Hierdurch entsteht auch in der informellen Zeit ein Austausch. 48 Möglichkeit die Teilnehmergruppen aus den verschiedenen Ländern ähnlich groß sind, damit keine Ungleichheitseffekte durch den dominanten Einsatz einer Sprache auftreten. Der Grundstein für die Notwendigkeit der Verfolgung gemeinsamer Ziele und die kooperative Ausrichtung wird in aller Regel bereits in der Planungsphase durch die Festlegung eines Globalziels für die Begegnung gelegt. Die verschiedenen Ziele, die verständlicherweise einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der gesamten Begegnung haben, sind für die Teilnehmer neben anderen Faktoren ein entscheidendes Kriterium für die Auswahl des Projekts. Es ist also davon auszugehen, dass sich bei den Projekten solche Teilnehmer anmelden, die sich beim Erreichen dieser Ziele einbringen möchten. Die institutionelle Unterstützung ist vor allem durch die Betreuer gegeben. Viele der Betreuer, die in der EVEA mitarbeiten, haben als Jugendliche selbst Erfahrung mit interkulturellen Begegnungen gemacht, und haben dadurch, zusammen mit einer intensiven Ausbildung, die nötige Sensibilität sowohl für die Bedürfnisse der Jugendlichen als auch für die Erfordernisse der interkulturellen Kontaktsituation. Dass auch die subsumierende Bedingung Freundschaftspotential erfüllt ist, zeigt sich vor allem ex post daran, dass aus den Begegnungen regelmäßig langjährige Freundschaften hervorgehen. Neben verschiedenen Projekten der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen wurde zusätzlich eine Schülerbegegnung der Albrecht Dürer-Schule (ADS) in Wiesbaden untersucht. Diese ist in vielen Punkten analog zu den Jugendbegegnungen der EVEA gestaltet und folgt ebenfalls den Prinzipien der non-formalen Bildung, unterscheidet sich aber in zwei Punkten: Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Begegnung im Schulprogramm festgeschrieben und die Teilnahme an ihr verpflichtend ist. Hierdurch kann in diesem Projekt eine Selection Bias ausgeschlossen werden. Hieraus ergibt sich als zweiter Punkt eine planerische Modifikation: Um möglichst vielen der teilnehmenden Schüler in ihren Interessen gerecht zu werden, wurden im Rahmen der Begegnung verschiedene Workshops angeboten, wodurch die Kooperation beim Erreichen gemeinsamer Ziele vor allem in den jeweiligen Untergruppen gefördert wurde. Hierbei waren die einzelnen Workshops so aufgeteilt, dass jeweils ungefähr dieselbe Anzahl Schüler aus den verschiedenen Ländern in jeder Gruppe waren.

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Abstract

In the study Jugend und Europa, a model of the effects of intergroup contacts in international youth exchanges is developed on the basis of theorems derived from Allport’s contact hypothesis. The effects of international youth work programmes in which European topics are approached from different angles are compared in the study. Exchanges in the context of school and non-formal settings as well as youth camps approaching intercultural topics without exchange were considered. The factors and conditions that are relevant for the development of a European identity and an active European Citizenship are portrayed. Furthermore, the impacts on the formation of tolerance and personality through international youth exchanges is investigated. Repeatedly conducting surveys over time allowed to identify both short- and long-term impacts.

Zusammenfassung

Die Studie Jugend und Europa entwickelt auf Basis der von Allports Kontakthypothese abgeleiteten Theoreme ein Modell zur Wirkung von Intergruppenkontakt in internationalen Jugendbegegnungen. Sie vergleicht Wirkungen von Angeboten der internationalen Jugendarbeit, die sich europäischen Themen von verschiedenen Seiten nähern: Einbezogen wurden sowohl Jugendbegegnungen im non-formalen und im schulischen Kontext sowie Maßnahmen, die sich interkulturellen Fragestellungen ohne Begegnung nähern. Es wird gezeigt, welche Bedingungen und Faktoren auf die Genese einer Europäischen Identität und der Herausbildung einer aktiven Europäischen Bürgerschaft wirken. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Toleranz und die Entwicklung der Persönlichkeit durch internationale Jugendbegegnungen untersucht. Durch mehrere Befragungszeitpunkte konnten sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen ermittelt werden.