Titelei/Inhaltsverzeichnis in:

Lisa Chiara Thiel

Kolonialismus im frühen deutschen Film, page I - X

Eine Figurenanalyse der Beispiele "Dr. Solf besucht Togo" und "Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4463-6, ISBN online: 978-3-8288-7486-2, https://doi.org/10.5771/9783828874862-I

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Medienwissenschaft Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Medienwissenschaft Band 39 Lisa Chiara Thiel Kolonialismus im frühen deutschen Film Eine Figurenanalyse der Beispiele Dr. Solf besucht Togo und Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin Mit Vorworten von Dr. Christiane König und Dr. Mathias Mertens Tectum Verlag Lisa Chiara Thiel Kolonialismus im frühen deutschen Film. Eine Figurenanalyse der Beispiele Dr. Solf besucht Togo und Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Medienwissenschaft, Bd. 39 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7486-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4463-6 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-7530 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. V Vorwort von Dr. Christiane König Lisa Thiel ist eine kleine, aber sehr feine Studie zum frühen Kino in Deutschland gelungen. Hierbei verknüpft sie anhand ihrer Untersuchung zweier Vertreter des Kolonialfilms aus zwei Jahrzehnten die Historiografie von Film und Kino mit der deutschen Kolonialgeschichte. Das Kino der Attraktionen wird darin nicht nur im vollen Umfang in der Tradition der New Film History gewürdigt, sondern dies erfolgt durch dessen ausdrückliche Kontextualisierung innerhalb einer politischen Kultur des deutschen Nationalismus. Nicht dass die gesamte Reformdebatte zum frühen Kino und Film nicht unter dieser Ägide gestanden hätte. Aber Lisa Thiel arbeitet in ihren äußerst klugen und spannenden Filminterpretationen vor allem dessen Ideologeme und den systemischen Rassismus heraus. Lisa Thiel gelingt es mit ihrem speziellen Ansatz, der das theoretische Konzept des Otherings von Edward Said mit kulturhistorischen Ausführungen sowie filmanalytischen Verfahren verbindet, zu verdeutlichen, wie die Filme ein hierarchisch geordnetes Bild der Welt naturalisierten und so nicht nur das Selbst-Bild der deutschen Nation als selbstverständlich darstellten, sondern es auch noch nach dem Ersten Weltkrieg als Desiderat naturalisierten. Hierfür existiert bereits Literatur. Insofern stimmt die Selbsteinschätzung der Autorin, dass hier ein grundlegender Mangel an Forschung zum Thema besteht, nicht ganz. Es gelingt ihr aber, das komplexe Zusammenspiel von filmischen Mitteln, von kultureller Semantik und politischer Ideologie sehr präzise aufzuzeigen. Besonders durch den genauen Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen von Geschlechterideologie und Vorstellungen von race hinsichtlich zweier weniger bekannter Filme kann Lisa Thiel wirklich eine wichtige Forschungslücke schließen. Auch der Bezug zum Jetzt, nämlich die fortbestehende Reproduktion kolonialistisch-rassistischen Gedankenguts, macht die Studie höchst aktuell und nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch gesellschaftspolitisch relevant. PD Dr. Christiane König (Universität zu Köln) VII Vorwort von Dr. Mathias Mertens In den 1960er und 1970er Jahren gab es in der Bundesrepublik eine Aufbruchswelle der neuen Wissenschaft, die sich mit Film beschäftigte. Alles ging, weil überhaupt erst mal alles gefunden werden musste, mit dem man sich beschäftigen konnte. Und so gingen Recherche, Quellensicherung, Journalismus, Essayismus und Geisteswissenschaftlichkeit auseinander hervor und ineinander über. Als Student der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft zu Beginn der 1990er Jahre war ich in Seminarapparaten, Bibliotheken und Museen noch ganz selbstverständlich mit einer Menge dieser enthusiasmierten Pioniertexte beschäftigt, der blauen „Reihe Film“ von Hanser etwa von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte oder den Veröffentlichungen der Münchner Frieda Grafe und Enno Patalas. Während meiner Studienzeit aber vollzog sich schon ein Wandel der Filmwissenschaft, wie auch anderer Geisteswissenschaften, hin zu gegenstandsbezogenen Philosophien und kulturwissenschaftlichen Kunstwissenschaften. Intime Kenntnis von Quellen, Expertenwissen, Enthusiasmus in Bezug auf die Gegenstände, essayistischer Drang waren nicht mehr genug oder sogar obsolet, stattdessen wuchs sich der Theoriebezug der Analysen von Filmen aus, die dann immer auch als Beispiel für allgemeine Tendenzen und Aspekte dienen sollten. Die Entdeckung des Einzelnen, die Schließung von Lücken des Archivs, das Pionierhafte trat dabei unvermeidlich immer mehr in den Hintergrund. Vor diesem wissenschaftshistorischen Hintergrund tritt nun die vorliegende Studie auf, die sich mit der Darstellung von Kolonialismus in Filmfiguren beschäftigt und dafür die beiden im Wortsinne obskuren Beispiele Dr. Solf besucht Togo und Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin präsentiert und analysiert. Es könnte den post-1970er Vorbehalt und Einwand geben, dass mit nur zwei Beispielen, die zudem als Dokumentarfilm und Spielfilm auch gattungstechnisch auseinanderliegen, dem übergreifenden kulturwissenschaftliche Anspruch nicht gerecht werden kann und dass es eines viel umfassenderen Korpus bedürfe, um eine solche Arbeit tätigen zu können. Andererseits könnte es die prä-1980er Kritik geben, dass hier viel zu viel Anderes an die Filme herangetragen wird und dass die Artefakte dadurch auf bestimmte Aussagen reduziert werden. Oder man versteht und schätzt den vorliegenden Text als ein Dazwischen, als einen Text, der die Schwächen der beiden Ansätze ignoriert, um ihre jeweiligen Stärken zu kombinieren. VIII Die Studie bewegt sich durchgehend auf hohem sprachlichen Niveau, komplexe Sachverhalte werden anschaulich und stets verständlich dargestellt. Der Text ist raffiniert gegliedert, die zugrundeliegende Schematik löst sich im Textfluss unmerklich zu einer vorwärtsdrängenden Abhandlung auf, bei der alles auseinander hervorgeht und zueinander hinführt. Theorie ist in den Text verwoben und steht niemals als pauschales Referat für sich. Besonders die Geschichte des deutschen Kolonialismus wird in engem Zusammenhang mit der Analyse der Filme vermittelt, was die Erzählung stets relevant und erhellend macht. Die Begriffe der postkolonialistischen Kulturwissenschaft werden so souverän und selbstverständlich angewandt, dass sich niemals das Gefühl von pauschalem Jargon einstellt. Der Verfasserin gelingt es, ihre Beobachtung, dass der Blick auf den Anderen, der diesen als Anderen überhaupt erschafft, stark durch den Film und das Kino geprägt worden ist, plausibel und vor allem historisch relevant in Bezug auf den deutschen Kolonialismus zu machen. Dass dieses mit der Pionierleistung verknüpft ist, filmhistorische Quellen überhaupt in den wissenschaftlichen Diskurs zu befördern, macht die Studie gleichzeitig wertvoll und äußerst lesenswert. Mir ging es bei der Lektüre jedenfalls so, dass ich mich mit dem heutigen Reflexionsstand zurückversetzt in das filmwissenschaftliche Diskurslabor der frühen 1990er Jahre fühlte und das Beste aus zwei Welten erleben konnte. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie dieselbe Erfahrung mit diesem Text machen können. PD Dr. Mathias Mertens (Universität zu Köln) IX Inhaltsverzeichnis VORWORT VON DR. CHRISTIANE KÖNIG................................................................ V VORWORT VON DR. MATHIAS MERTENS ..............................................................VII 1. EINLEITUNG.............................................................................................................. 1 2. DAS MEDIUM FILM ZU BEGINN DES 20. JAHRHUNDERTS ........................... 3 2.1 DEUTSCHE KINEMATOGRAPHIE............................................................................ 5 2.2 FIGUREN IM FRÜHEN KINO………………………………………………………9 3. METHODIK: FIGURENANALYSE ....................................................................... 19 4. ANALYSE: KONSTRUKTION DER ANDEREN ................................................. 23 4.1 AUSWAHL DER FORSCHUNGSGEGENSTÄNDE ..................................................... 31 4.2 FILMANALYSE DR. SOLF ..................................................................................... 33 4.2.1 Inhalt .......................................................................................................... 35 4.3 FILMANALYSE ALLEIN IM URWALD...................................................................... 46 4.3.1 Inhalt .......................................................................................................... 47 5. FAZIT ....................................................................................................................... 67 6. LITERATURVERZEICHNIS .................................................................................. 69 6.1 FILMVERZEICHNIS............................................................................................... 74

Chapter Preview

References

Abstract

It is a slow process of an awakening consciousness of the German colonies. Even less is known about the German colonial cinema in spite of it being the (medial) source of nationalism and racism. Using two examples, the work is analysing how “the others“ are created by hierarchy. The attention lies on the construction of characters as ideological screens. Special consideration is given to the female black body as a contrast to the “German hero“. Furthermore, the author establishes the correlation between film industry and feminism as a catalyst for a growing German nationalism.

The work connects Said’s othering, Mulvey’s gaze and Balazs´ normality of the white body in context of the historical development to a multidisciplinary work and provides background information to the latest debate.

Zusammenfassung

Erst langsam scheint in Deutschland ein Bewusstsein für die ehemaligen Kolonien zu erwachen – noch weniger gesellschaftliche und wissenschaftliche Präsenz hat der deutsche Kolonialfilm. Dabei zeigen sich bereits hier die (medialen) Ursprünge von Nationalismus und Rassismus. Die Arbeit untersucht anhand zweier Beispiele, wie mittels einer Hierarchie die Konstruktion „der Anderen“ erzeugt wird. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Figurengestaltung als ideologische Projektionsfläche. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei der schwarze weibliche Körper als Kontrastfolie zum „deutschen Helden“. Außerdem stellt die Autorin die Zusammenhänge von Filmindustrie und Feminismus als Katalysatoren eines aufkeimenden deutschen Nationalismus her. Die Arbeit verbindet Saids othering, Mulveys gaze und Balazs´ Normalität des weißen Körpers im Kontext der geschichtlichen Entwicklung zu einem fachübergreifenden Werk und liefert Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte.