5. Fazit in:

Lisa Chiara Thiel

Kolonialismus im frühen deutschen Film, page 67 - 68

Eine Figurenanalyse der Beispiele "Dr. Solf besucht Togo" und "Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4463-6, ISBN online: 978-3-8288-7486-2, https://doi.org/10.5771/9783828874862-67

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
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67 5. Fazit Mit den beiden Forschungsobjekten liegen zwei ganz unterschiedliche Ausprägungen des deutschen Kolonialfilms vor, die auch in differente historische Kontexte einzuordnen sind. Da keine einheitliche Kolonialpolitik und auch keine staatliche Steuerung des Kolonialfilms betrieben wurden, kann nicht von Propagandamaschinerie oder einem bestimmten Auftrag die Rede sein. Zweifelsohne hatte jeder Film unterschiedliche Motive zur Produktion und Darstellung der Kolonien. Aber noch wichtiger als die politische Seite (wenn diese auch unterstützt wird), ist der ideologische Aspekt des Kolonialfilms: Denn die Analysen beider Filme ergeben, dass hier die Gruppe der Anderen konstruiert und in einer Hierarchie der eigenen Gruppe untergeordnet wird. Zwar gehen Solf und Allein im Urwald ganz unterschiedlich an die Kontrastierung der Gruppen heran: Solf fungiert als narrative und ästhetische Dominanz im Kontrast zu einer Gruppe anonymer Eingeborener und Gyldendal und Ngumba als dramaturgisches Kräftemessen zwischen Gut und Böse im Kontrast heteronormativer Beziehung gegen „abnormale“ Sexualität. Bei der dokumentarischen Aufnahme von 1913/14 zeichnet sich Hierarchie durch Individualität und militärische Ordnung aus, während der Spielfilm aus den zwanziger Jahren eine Auf- bzw. Abwertung an moralischem Verhalten festmacht. Beiden Filmen gemein ist die eindeutige Zuschreibung dieser Parameter aufgrund rassistischer Einteilung. Dabei beziehen sich die Filme auch auf die gleichen Werte: Disziplin, kultureller und technischer Fortschritt als Erfüllung des deutschen Kulturauftrags in den Schutzgebieten sowie Chaos, Rückständigkeit und Unmündigkeit als Charakteristikum der Eingeborenen in den Kolonien. Die Inszenierung der Anderen ist als Spektakel Bestandteil des gaze, des weißen westlichen Blicks, der diese Kategorisierung erst erschafft und damit die unscheinbarste und wirksamste Form von Rassismus darstellt. Der Beitrag des Mediums Film dazu hat in der Forschung noch Nachholbedarf, insbesondere in Bezug auf die Kolonien. Denn er beeinflusste nicht nur die Bildung und Festigung stereotyper rassistischer Bilder, sondern war auch ein Hilfsmittel für die nationale Identitätsbildung Deutschlands. Diese Arbeit soll einen Anhaltspunkt zur Figurengestaltung und konstellation im deutschen Kolonialfilm liefern und als Basis für vertiefende Forschung dienen. 68 Denn auch wenn die stereotype Figurengestaltung dieser Beispiele aus heutiger Sicht eher irritierend wirkt, ist doch auf der anderen Seite nicht zu leugnen, dass sich die Grundzüge dieser Klischees vielerorts gehalten haben. So liefert Afrika in vielen zeitgenössischen (Romantik-) Filmen (beispielsweise Meine Heimat Afrika, D 2009) immer noch die leere Projektionsfläche der Selbstverwirklichung und die Einheimischen scheinen stets hocherfreut über deutsche ÄrztInnen, LehrerInnen, ForscherInnen etc.: Vorliegend ist also wieder das Gefälle zwischen den westlichen RetterInnen und einem ‚unmündigen’ Volk. Damit reproduziert das Medium Film bestehende koloniale Denkmuster immer wieder aufs Neue. Diversität im Allgemeinen findet in der deutschen Medienlandschaft immer noch wenig Beachtung, indem schwarze DarstellerInnen hauptsächlich als Putzhilfen, Kriminelle, Geflüchtete etc. besetzt werden. Auf diese Missstände macht unter anderem die Initiative der Neuen Medienmacher4 aufmerksam. Diese beweist auch, dass Veränderung möglich ist und sich gerade jetzt immer mehr zu vollziehen scheint: Global brechen neue Darstellungen von Afrika als High-Tech-Nation wie in Black Panther (USA 2018) mit den stereotypen Bildern und als deutscher Fortschritt kann die Besetzung von Florence Kasumba als erste schwarze Kommissarin in der traditionellen Tatort-Reihe (Das verlorene Kind, D 2019) gewertet werden. Kulturelle Auseinandersetzungen mit dem Thema, Diskussionen um post-koloniale Bilder in der Werbung und Theaterinszenierungen wie Nuran David Calis Herero-Nama (2019)5 brechen allmählich mit dem Tabu. All das scheint dringend notwendig in Anbetracht der Tatsache verklärter und verdrängter deutscher Kolonialgeschichte, die selbst kaum filmisches Sujet ist. Besonders sollten die Bilder hinterfragt werden, die uns immer noch umgeben. Denn die Maske, die der Westen nach eigenem Belieben für die Anderen geschaffen und diese damit erst erschaffen hat, ist medial inszeniert. Deswegen lohnt sich der Blick zurück in die filmischen Anfänge – genauso wie der Blick nach vorn. 4 https://www.neuemedienmacher.de/ 5 Uraufführung am 09.03.2019 im Schauspiel Köln.

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Abstract

It is a slow process of an awakening consciousness of the German colonies. Even less is known about the German colonial cinema in spite of it being the (medial) source of nationalism and racism. Using two examples, the work is analysing how “the others“ are created by hierarchy. The attention lies on the construction of characters as ideological screens. Special consideration is given to the female black body as a contrast to the “German hero“. Furthermore, the author establishes the correlation between film industry and feminism as a catalyst for a growing German nationalism.

The work connects Said’s othering, Mulvey’s gaze and Balazs´ normality of the white body in context of the historical development to a multidisciplinary work and provides background information to the latest debate.

Zusammenfassung

Erst langsam scheint in Deutschland ein Bewusstsein für die ehemaligen Kolonien zu erwachen – noch weniger gesellschaftliche und wissenschaftliche Präsenz hat der deutsche Kolonialfilm. Dabei zeigen sich bereits hier die (medialen) Ursprünge von Nationalismus und Rassismus. Die Arbeit untersucht anhand zweier Beispiele, wie mittels einer Hierarchie die Konstruktion „der Anderen“ erzeugt wird. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Figurengestaltung als ideologische Projektionsfläche. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei der schwarze weibliche Körper als Kontrastfolie zum „deutschen Helden“. Außerdem stellt die Autorin die Zusammenhänge von Filmindustrie und Feminismus als Katalysatoren eines aufkeimenden deutschen Nationalismus her. Die Arbeit verbindet Saids othering, Mulveys gaze und Balazs´ Normalität des weißen Körpers im Kontext der geschichtlichen Entwicklung zu einem fachübergreifenden Werk und liefert Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte.