3. Methodik: Figurenanalyse in:

Lisa Chiara Thiel

Kolonialismus im frühen deutschen Film, page 19 - 22

Eine Figurenanalyse der Beispiele "Dr. Solf besucht Togo" und "Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4463-6, ISBN online: 978-3-8288-7486-2, https://doi.org/10.5771/9783828874862-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
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19 3. Methodik: Figurenanalyse Zunächst sollen die Begriffe der Figur und des Charakters, die bereits im Verlauf dieser Arbeit als grobe Anhaltspunkte eingesetzt wurden, hier eine eingehendere Betrachtung finden. Des Weiteren soll dieser Abschnitt begründen, warum für die Untersuchung der Fragestellung eine Figurenanalyse als Methodik gewählt wurde und welche Schwerpunkte bei dieser gesetzt werden. Jeder Film hat seine HeldInnen und jede Filmepoche definiert sich über die Gesichter der DarstellerInnen. Große Namen sind für Produktionsfirmen ein Versprechen auf Profit, für das Publikum ein Versprechen auf gute Unterhaltung – und beinhalten einen Wiederkennungswert, der oft die Ankündigung eines bestimmten Genres impliziert. Teil des Starsystems ist das große Interesse an Privatem, aber hauptsächlich bildet sich der Mythos einer Berühmtheit um die Figur, die er oder sie verkörpert. Nicht nur der Cast ist also wichtiger Teil der Wirkung, die ein Film entfaltet, sondern auch die Figuren selbst. Schon auf dem Kinoplakat wird in den gezeigten Figuren deutlich, worum es in diesem Film geht. Weil die im Film dargestellten Ideale und Konflikte in einer Wechselwirkung – sprich einerseits als Inspiration, andererseits auch als Spiegel der Gesellschaft – die Rezeption des Publikums beeinflussen, sieht Bohrmann (2018, 39) vor allem die handelnden Figuren im Mittelpunkt. Schon 335 v. Chr. setzte sich Aristoteles mit der Figur im Theater auseinander und sah diese als unser Abbild: „Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach“ (1992, 7). Beil, Kühnel und Neuhaus verweisen auf den lateinischen Ursprung der Figur (lat. figura – Gestalt) und dessen etymologischer Verwandtschaft mit Fiktion (lat. fictio) und fingieren (lat. fingere) (2012, 243). Diese sei ein Verweis auf den fiktiven Charakter des Mediums und als Unterscheidung zwischen Figur und realer Person (ebd.). Aber ob sie nun (wie in der Diskussion umstritten) „[...] verzerrte Menschenbilder vermitteln, als ideologische Instrumente dienen oder soziale Gruppen diffamieren“ (Eder 2014, 21), dienen sie doch in jedem Fall der individuellen und kollektiven Selbstverständigung, der Vermittlung von Menschenbildung, Identitäts- und Rollenkonzepten, sie dienen dem imaginären Probehandeln, der Vergegenwärtigung alternativer Seinsweisen, der Entwicklung empathischer Fähigkeiten, der Unterhaltung und emotionalen Anregung (12). 20 Figuren sind die Akteure, sie bringen die Handlung voran, liefern Projektions- und Identifikationsmöglichkeiten. Als Charaktere sind sie vielschichtiger aufgebaut und durchlaufen einen Entwicklungsprozess, als Typ entsprechen sie eher einem statischen Konstrukt. Figuren ohne jegliche Individualität, die nur in der Masse oder eher als Requisit auftreten, werden im Deutschen als Komparsen bezeichnet, im Französischen jedoch als ‚figurant’ – was verdeutlicht, dass ihnen dort mehr Bedeutung zugestanden wird als in Deutschland oder zum Beispiel im englischsprachigen Raum (‚extra’). Meist finden sie keine besondere Erwähnung in Analysen, sollen aber aufgrund des Forschungsinteresses hier eine Berücksichtigung finden. Die Figuren bilden einen der zentralen Bestandteile des Films – Hickethier sieht in ihnen „[...]die wichtigsten Dimensionen des in der Geschichte zum Ausdruck gebrachten Konflikts [...]“ (1993, 123). Deswegen werden sie für die Untersuchung dieses historischen und bisher eher rudimentär behandelten Typus des Kolonialfilms in den Fokus genommen. Da es in dieser Arbeit besonders um das im Film vermittelte Machtverhältnis zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten geht, liegt das Augenmerk auf der Figurenkontrastierung, da in diesem Gebilde Abgrenzungen besonders deutlich werden. Welche Ansprüche der Regisseur konkret an den Film hatte, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, aber aufgrund seiner Haltung und der Einordnung der Filme in den historischen Kontext lässt sich so eine (beabsichtigte) Aussagekraft ermitteln. Dafür werde ich die Figuren als Artefakte behandeln, die als Symptom des zeitgenössischen Kontextes zu werten sind (Eder 2014, 137). Der Anspruch ist folglich, die Figur so zu interpretieren, dass sie als ideologischer Träger fungiert. Dafür wird eine semantische Analyse erfolgen, d.h. die Bedeutung der Zeichen entschlüsselt werden. Einerseits impliziert das, die „[...] filmischen Mittel[n] und Strategien ihres Einsatzes[...]“ (Gräf et al. 2014, 181) zu untersuchen, andererseits die Figuren in ihrer Gestaltung und Beziehung zu den anderen Figuren zu analysieren. Das Verhalten der Figuren, ihre Gestik und Mimik ist in den meisten Fällen an die Codes und soziokulturellen Prägungen der Alltagswelt angelehnt (Eder 2014, 342) – wofür ich bei der Analyse auf die Erkenntnisse aus Kapitel 2.2 zurückgreifen werde. Des Weiteren werden auch die DarstellerInnen und deren eventuelles Starimage erörtert sowie die physische Beschaffenheit der Figuren, da der Körper als Bedeutungsträger in semantischer Hinsicht zu verstehen ist (Gräf et al. 2014, 180). Wie bereits erläutert, hatte der schwarze Kör- 21 per stets – obgleich er eine fiktive Rolle einnahm – einen Authentizitätscharakter. Vor diesem Hintergrund ist die Wirkung des Films und der vermittelte beziehungsweise rezipierte Wahrheitsgehalt hier umso größer. Welche genaue Zielsetzung die Analyse hat, wie der angekündigte Hierarchiebegriff in diesem Zusammenhang zu deuten ist und warum die beiden Forschungsobjekte als Repräsentationen des deutschen Kolonialfilms ausgewählt wurden, beschreibt der folgende Abschnitt.

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Abstract

It is a slow process of an awakening consciousness of the German colonies. Even less is known about the German colonial cinema in spite of it being the (medial) source of nationalism and racism. Using two examples, the work is analysing how “the others“ are created by hierarchy. The attention lies on the construction of characters as ideological screens. Special consideration is given to the female black body as a contrast to the “German hero“. Furthermore, the author establishes the correlation between film industry and feminism as a catalyst for a growing German nationalism.

The work connects Said’s othering, Mulvey’s gaze and Balazs´ normality of the white body in context of the historical development to a multidisciplinary work and provides background information to the latest debate.

Zusammenfassung

Erst langsam scheint in Deutschland ein Bewusstsein für die ehemaligen Kolonien zu erwachen – noch weniger gesellschaftliche und wissenschaftliche Präsenz hat der deutsche Kolonialfilm. Dabei zeigen sich bereits hier die (medialen) Ursprünge von Nationalismus und Rassismus. Die Arbeit untersucht anhand zweier Beispiele, wie mittels einer Hierarchie die Konstruktion „der Anderen“ erzeugt wird. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Figurengestaltung als ideologische Projektionsfläche. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei der schwarze weibliche Körper als Kontrastfolie zum „deutschen Helden“. Außerdem stellt die Autorin die Zusammenhänge von Filmindustrie und Feminismus als Katalysatoren eines aufkeimenden deutschen Nationalismus her. Die Arbeit verbindet Saids othering, Mulveys gaze und Balazs´ Normalität des weißen Körpers im Kontext der geschichtlichen Entwicklung zu einem fachübergreifenden Werk und liefert Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte.