1. Einleitung in:

Lisa Chiara Thiel

Kolonialismus im frühen deutschen Film, page 1 - 2

Eine Figurenanalyse der Beispiele "Dr. Solf besucht Togo" und "Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4463-6, ISBN online: 978-3-8288-7486-2, https://doi.org/10.5771/9783828874862-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1. Einleitung Die Welt des 21. Jahrhunderts ist geprägt von Globalisierung, wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit und kulturellem Austausch. Trotzdem beobachten wir ein erneutes Erstarken von Nationalismus – weltweit. Ein Nationalismus, der argumentativ nicht zu fassen ist, wo doch Einwanderung in den meisten Teilen der Erde ein Charakteristikum für die Entwicklung des Landes darstellt. Auf der anderen Seite erleben wir auch Solidarität und eine Aufarbeitung historischer Traumata. Bislang spielt der Kolonialismus in der westlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle. Im Schulunterricht wird er nur rudimentär behandelt, im öffentlichen Bewusstsein ist er kaum vorhanden, auch wenn viele Strukturen aus dieser Zeit überlebt haben. Konkret für Deutschland bedeutet das zum einen ein Schattendasein neben den Schrecken der NS-Zeit und ein generelles Herunterspielen eines Kolonialismus als kurze und deswegen unbedeutende Epoche, die meist noch romantisch verklärt wird. Dieses Themas und dessen Aufarbeitung will sich auch das künftige Humboldt-Forum in Berlin annehmen. Forderungen nach geraubter Kunst und Entschädigungszahlungen werden laut. Erste Schritte zur Rückerstattung erfolgen: So wurden Anfang diesen Jahres Bibel und Peitsche des Nama-Führers Hendrik Witbooi an Namibia zurückgegeben. Und Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan fragt nach der Rolle des Feminismus im Kolonialismus. Es scheint sich also allmählich eine Auseinandersetzung beider Seiten – der ehemaligen Kolonialmächte wie auch der kolonisierten Länder – zu entwickeln. Mein Interesse an dem Thema wurde geweckt, als ich vor ein paar Jahren eine Zeitschrift zum Kolonialismus las und sich mir dadurch ebenfalls viele aktuelle politische und wirtschaftliche Verknüpfungen erschlossen. Neben den inhaltlichen Informationen blieben mir vor allem die Fotografien im Gedächtnis und warfen viele Fragen auf. In der Medien-, vor allem speziell in der Filmgeschichte scheint der Kolonialismus die buchstäbliche Lücke zwischen den als Spektakel inszenierten Anfängen der Gebrüder Lumière und dem expressionistischen Kino eines Caligari zu sein. Kurz gesagt: Weder inhaltlich noch medial fand der deutsche Kolonialfilm bisher Beachtung in der Wissenschaft. Pioniere der Forschung (die zum großen Teil auch als Basis für diese Arbeit dienen) sind Wolfgang Fuhrmann, Tobias Nagl und Wolfgang Struck. In ihren Untersuchungen wird das Motiv des Nationalismus ebenfalls aufgegriffen, und an dieser Stelle möchte ich in die 2 Tiefe gehen. Gerade in aktuellen Debatten haben wir es immer wieder mit nationalistischen und rassistischen Stereotypen zu tun. Genau wie das Konstrukt der Figur werden diese als Identifikations- oder Abschreckungsmittel instrumentalisiert. Was mich an dieser Stelle interessiert, sind folglich Typen, die in bestimmter Dynamik erst ihre Wirkung entfalten und somit eine Idee repräsentieren. Im Rahmen dieser Arbeit wurde exemplarisch nach frühen Darstellungen der Wir vs. Die Anderen-Konstruktionen gesucht – und wie der Film zu dieser Identitätsbildung beiträgt. Dafür wurden zwei Filme ausgewählt: Staatssekretär Dr. Solf besucht im Oktober 1913 Togo (1913/14) und Allein im Urwald. Die Rache der Afrikanerin (1922). Anhand dieser Stichproben des deutschen Kolonialfilms in verschiedener Form (Vor- und Nachkriegszeit, Fiction, Non-Fiction) will ich nach bestimmten Mustern in der Figurengestaltung forschen und in der Kontrastierung von Kolonialherren und Schutzbefohlenen analysieren, inwiefern diese Gegenüberstellung Hierarchie erzeugt. Dafür werde ich zunächst den kulturhistorischen Kontext erläutern, in dem ich auf Nationalität und Figurengestaltung im Allgemeinen im frühen deutschen Film eingehe, dann den Einsatz von Kolonialfilmen speziell herausarbeite und anschließend in die Filmanalyse einsteige. Dafür werde ich zunächst kurz meine Methodik der Figurenanalyse umreißen, die Forschungsobjekte vorstellen und schließlich die Figuren beider Filme analysieren. In einem Fazit fasse ich dann die daraus folgenden Resultate zusammen und gebe einen Ausblick auf weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema. Der Fokus der Arbeit soll hierbei ausschließlich auf den Figuren liegen, weshalb ich andere Aspekte nur im Bezug darauf analysieren werde. Auch zeitgenössische kulturelle Begleiterscheinungen wie Werbung, Fotografien, Postkarten, Literatur etc. können nur am Rande behandelt werden. Meine Arbeit besitzt keinen Anspruch auf eine vollständige Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und wird auch den frühen Film nur im Kontext des Kolonialfilms in Betracht ziehen. Trotzdem will ich mit meiner Arbeit einen Zugang zu dieser Lücke in unserem gesellschaftlichen und akademischen Bewusstsein bieten und dadurch einen Beitrag zu deren Aufarbeitung leisten.

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Abstract

It is a slow process of an awakening consciousness of the German colonies. Even less is known about the German colonial cinema in spite of it being the (medial) source of nationalism and racism. Using two examples, the work is analysing how “the others“ are created by hierarchy. The attention lies on the construction of characters as ideological screens. Special consideration is given to the female black body as a contrast to the “German hero“. Furthermore, the author establishes the correlation between film industry and feminism as a catalyst for a growing German nationalism.

The work connects Said’s othering, Mulvey’s gaze and Balazs´ normality of the white body in context of the historical development to a multidisciplinary work and provides background information to the latest debate.

Zusammenfassung

Erst langsam scheint in Deutschland ein Bewusstsein für die ehemaligen Kolonien zu erwachen – noch weniger gesellschaftliche und wissenschaftliche Präsenz hat der deutsche Kolonialfilm. Dabei zeigen sich bereits hier die (medialen) Ursprünge von Nationalismus und Rassismus. Die Arbeit untersucht anhand zweier Beispiele, wie mittels einer Hierarchie die Konstruktion „der Anderen“ erzeugt wird. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Figurengestaltung als ideologische Projektionsfläche. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei der schwarze weibliche Körper als Kontrastfolie zum „deutschen Helden“. Außerdem stellt die Autorin die Zusammenhänge von Filmindustrie und Feminismus als Katalysatoren eines aufkeimenden deutschen Nationalismus her. Die Arbeit verbindet Saids othering, Mulveys gaze und Balazs´ Normalität des weißen Körpers im Kontext der geschichtlichen Entwicklung zu einem fachübergreifenden Werk und liefert Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte.